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Full text of "Manhattan, Avro Der Vatikan Und Das XX. Jahrhundert; Verlag Fuer Ganzheitliche Forschung, Viöl"

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AVRO MANHATTAN 




Der Vatikan 
und das 
XX. Jahrhundert 



AVRO MANHATTAN 
Der Vatikan und das XX. Jahrhundert 



AVRO MANHATTAN 



Der Vatikan 
und das 
XX. Jahrhundert 



VERLAG FÜR GANZHEITLICHE FORSCHUNG UND KULTUR 



Reihe 

Hintergrundanalysen 
Band 7 



Titel der englischen Originalausgabe: 
THE CATHOL1C CHURCH 
AGAINST THE TWENTIETH CENTURY 
Deutsch von Hermann O. Lauterbach 



Lizenzausgabe des Verlags Volk und Welt, 
Berlin (DDR) 

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten. 

Verlag für ganzheitliche Forschung und Kultur, 
2257 Struckum / Nordfriesland 

Druck + Herstellung: Bäuerliche Druckerei, 2800 Bremen 
ISBN: 3-922314-33-3 



INHALT 



Vorbemerkung des Verlages IX 

I Die katholische Kirche in der modernen Welt 1 

II Der Vatikanstaat 9 

III Der Vatikan als geistig-religiöse Macht - 

Wie die katholische Kirche regiert wird . . 19 

IV Der geistige Totalitarismus des Vatikans 32 

V Religiöse Orden 53 

VI Die grundlegenden Ursachen der Weltunruhe, 

wie die katholische Kirche sie sieht 62 



VII Die Politik des Vatikans zwischen den Weltkriegen .... 70 

VIII Spanien, die katholische Kirche und der Bürgerkrieg .... 78 

IX Italien, der Vatikan und der Faschismus 100 

X Deutschland, der Vatikan, der erste Weltkrieg, Hitlers Aufstieg 131 



XI Nazismus, Vatikan und zweiter Weltkrieg 161 

XII Österreich und der Vatikan 208 

XIII Die Tschechoslowakei und der Vatikan 236 

XIV Polen und der Vatikan 254 

XV Belgien und der Vatikan 263 

XVI Frankreich und der Vatikan 276 

XVII Die Sowjetunion, die orthodoxe Kirche und der Vatikan . . . 318 

XVIII Die katholische Kirche und der amerikanische Kontinent — 

Die USA und der Vatikan 344 

XIX Der Vatikan, Lateinamerika, Japan und China 377 

XX Schlußfolgerungen ' 393 

Namenverzeichnis 396 



Dieses Buch ist all denen gewidmet, 
die, unabhängig von ihrer Nationalität, 
ihrer Rasse oder Religion, 
danach streben, 

die Völker aus den dunklen Schatten 

der Vergangenheit 

in eine Welt zu führen, 

in der die Kraft der menschlichen Vernunft 

das private und gesellschaftliche Leben 

einer betrogenen 

und leidenden Menschheit erhellt. 



AVRO MANHATTAN wurde 1910 in 
Mailand geboren. Er studierte Philosophie 
und Soziologie. Mit 21 Jahren trat er das er- 
stemal als Schriftsteller an die Öffentlich- 
keit. Als junger Student mußte er sein Land 
verlassen, nachdem er sich aktiv am Wi- 
derstandskampf gegen das Mussolini-Regi- 
me beteiligt hatte; danach verbrachte er 
viele Jahre in Frankreich, der Schweiz, 
Deutschland, Belgien, Brasilien, Argenti- 
nien und anderen Ländern. Seit dem zwei- 
ten Weltkrieg lebt Manhattan als Schrift- 
steller und Publizist in London. 



VORBEMERKUNG DES VERLAGES 



Wer in Deutschland weiß, 

daß Reichskanzler Franz von Papen, päpstlicher Geheimkämme- 
rer und ein Mann der katholischen Zentrumspartei, den entschei- 
denden Beitrag zu Hitlers Machtergreifung und zur Schaffung des 
Reichskonkordats leistete und 1934 für diese poütische Tätigkeit 
vom damaligen Papst mit dem Christusorden ausgezeichnet wur- 
de? 

daß die Auflösung der Zentrumspartei im Juli 1933 sowie die 
zahlreichen öffentlichen Stellungnahmen von Bischöfen zugun- 
sten des Nationalsozialismus auf unmittelbare Weisung des Vati- 
kan erfolgten? 

daß für die direkte Unterstützung Hitlers der damalige Kardi- 
nalstaatssekretär Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII., ver- 
antwortlich war? 

daß überall, wo faschistische Regierungen gebildet wurden, der 
Vatikan seine Hand im Spiel hatte? 

daß es der katholischen Kirche in den letzten Jahrzehnten ge- 
lungen ist, selbst in den weitgehend protestantischen USA eine be- 
herrschende Stellung im gesellschaftlichen und politischen Leben 
zu erringen? 

Avro Manhattan schrieb sein Buch Anfang der fünfziger Jahre. Sei- 
ne Schlußfolgerungen wurden durch die Ereignisse der folgenden 
Jahre weitgehend bestätigt, so daß der Leser ohne Schwierigkeiten die 
in der Vergangenheit festgestellten Tendenzen der vatikanischen Poli- 
tik in der Gegenwart wiederfindet. 

Der Verfasser richtet sich weder gegen die Religion im allgemeinen 
noch gegen die katholische Religion im besonderen. Nicht die religiö- 
sen Glaubenssätze der katholischen Kirche sind das Thema, sondern 
die politischen Taten des Vatikan. Der Glauben bedeutet für den Vati- 
kan ohnehin kaum mehr als ein Mittel zur Einflußnahme. Der Verfas- 
ser mißt daher nicht mit religiösen, sondern mit politischen Maßstä- 
ben. Wo allerdings die politische Vernunft und wichtige humanisti- 
sche Grundprinzipien mit den religiösen Dogmen und deren Konse- 
quenzen in Widerstreit geraten, läßt er keinen Zweifel daran, wessen 
Partei er ergreift. 



Manhattan geht in seinem Buch bei der Analyse des Geschehens 
zum Teil von Positionen aus, die seiner Erkenntnis der Zusammen- 
hänge und ihrer Darstellung Grenzen setzen. Er überschätzt die Rolle 
des Vatikan, sieht ihn zu sehr als selbständigen Machtfaktor und zu 
wenig als Spitze eines überstaatlich organisierten Netzwerkes, das ne- 
ben anderen Netzwerken steht, die miteinander eng verflochten sind 
und sowohl Treibende wie auch Getriebene einer sich immer mehr in 
den Vordergrund schiebenden materialistisch und imperialistisch 
orientierten Entwicklung darstellen. Auch der Faschismus und Natio- 
nalsozialismus werden zu einseitig betrachtet, Elemente aus der geg- 
nerischen Kriegs- und Nachkriegspropaganda kommen verdeckt zum 
Tragen, insbesondere findet der Verfasser kaum einen Zugang zu den 
völkisch-freiheitlich-sozialen Bestrebungen, die im Nationalsozialis- 
mus anfangs stark vertreten, später aber zurückgedränkt wurden. 
Der Sammelbegriff Sozialismus wird zu wenig differenziert ange- 
wandt, auch sieht der Verfasser zu unkritisch die Rolle des Sozialismus 
marxistischer und bolschewistischer Prägung sowie der dagegen ge- 
richteten Abwehrbewegungen. 

Trotz dieser Mängel entschloß sich der Verlag, dieses Buch neu her- 
auszugeben. Die Veröffentlichung erfolgt in der Reihe Hintergrund- 
analysen, die einer Diskussion über die Hintergründe vergangener 
und gegenwärtiger Politik dienen soll, ohne daß sich der Verlag die 
Standpunkte der einzelnen Autoren uneingeschränkt zu eigen macht. 
Das Werk von Manhattan enthält zu viele wichtige Tatsachen und Ge- 
sichtspunkte, als daß es in dieser Diskussion fehlen dürfte. 



Der Verlag 



Kapitel I Die katholische Kirche in der 

modernen Welt 



Die katholische Kirche als geistige und moralische Autorität - Ihre Möglichkeiten, 
auf soziale und politische Fragen Einfluß zu nehmen — Der Vatikan als religiöse und 
politische Großmacht 

Auf den ersten Blick mag es wie Zeitvergeudung aussehen, über den Ein- 
fluß zu schreiben, den die Religion im allgemeinen und das Christentum im 
besonderen auf die Ereignisse in einem Jahrhundert ausübt, das mit solch 
gigantischen ethischen, sozialen, ökonomischen und politischen Problemen 
belastet ist wie das unsere. Die Religion, obwohl noch tief in der modernen 
Welt verwurzelt, könne sich heute nicht mehr ernsthaft mit den ökonomi- 
schen und sozialen Kräften messen, die die Zivilisation unserer Tage bewe- 
gen und erschüttern. Diese Meinung wird vor allem hinsichtlich eines be- 
stimmten Zweiges des Christentums vertreten — des Katholizismus. Man gibt 
wohl zu, daß der Katholizismus als Religion in einer Reihe von Ländern 
noch durchaus mächtig ist, neigt aber gleichzeitig dazu, die Rolle zu unter- 
schätzen oder gar zu leugnen, die er in den sozialen, politischen und mili- 
tärischen Auseinandersetzungen unserer Zeit spielt. 

Die allgemeine Einstellung zur Religion, vor allem zum Christentum, 
ist, daß beide Kirchen, die protestantische und die katholische, obwohl beide 
nach Macht streben, in Wirklichkeit bereits in den Hintergrund gedrängt 
seien; zumindest aber seien sie nicht mehr in der Lage, den Lauf der 
Dinge sowohl in der Innen- als auch in der Außenpolitik der Völker zu 
bestimmen. 

Es ist eine Tatsache, daß die Religion überall an Boden verloren hat und 
weiterhin verliert. Heute beschäftigen sich der einzelne und die Gesellschaft 
vordringlich mit Lohnfragen, mit der Gewinnung von Bodenschätzen, mit 
dem Finanzhaushalt, mit der Arbeitslosigkeit, mit dem Wettrennen zur 
Herstellung perfektester Zerstörungsmittel, mit der Freisetzung kosmischer 
Gewalten und mit tausend anderen Problemen praktischer Art. Diese Tat- 
sache trägt dazu bei, eine Illusion aufrechtzuerhalten, die nicht nur im 
Widerspruch zur Wirklichkeit steht, sondern auch für die Zukunft gefähr- 
liche Folgen haben kann. 

Das bezieht sich vor allem auf die Rolle der katholischen Kirche. Denn 
der politische Katholizismus ist, ungeachtet seiner enormen zahlenmäßigen 
Einbuße an Macht und Einfluß, lebendiger und aggressiver denn je. Er 
übt auf das nationale und internationale Geschehen, das seine äußerste 



1 



Zuspitzung im ersten und zweiten Weltkrieg fand, einen größeren Einfluß 
aus, als es uns auf den ersten Blick möglich dünkt. 

Die Ansicht, daß der politische Katholizismus nach wie vor eine gewaltige 
geistige Macht darstellt, die den Lauf der Weltgeschichte beeinflußt, stützt 
sich nicht auf theoretische Überlegungen, sondern auf harte Tatsachen. 
Andere Religionen oder religiöse Bekenntnisse beeinflussen ebenfalls mehr 
oder weniger die moderne Gesellschaft. Aber ihre Fähigkeit, den Lauf des 
geschichtlichen Geschehens mitzubestimmen, hält keinen Vergleich mit dem 
Einfluß der katholischen Kirche aus. Dies hat seine Ursache in einigen 
Besonderheiten der katholischen Kirche : 

1. a Ihre zahlenmäßige Stärke — ungefähr 400 Millionen Gläubige * 

b Die Tatsache, daß der Hauptteil der katholischen Bevölkerung in 

Europa und Amerika lebt, 
c Die Tatsache, daß die katholische Kirche in allen Ländern der Erde 

Anhänger hat. 

2. Die Auffassung der katholischen Kirche, daß es ihre Mission sei, die 
gesamte Menschheit nicht zum Christentum schlechthin, sondern zum 
Katholizismus zu bekehren. 

3. Die Tatsache, daß sich die katholische Kirche, im Unterschied zum 
Protestantismus und zu anderen Religionen, auf eine gewaltige, über 
den ganzen Erdball reichende religiöse Organisation stützt. An der 
Spitze dieser Organisation steht der Papst. Er hat die Aufgabe, die 
Un Veränderlichkeit gewisser Glaubensprinzipien, auf denen der Katho- 
lizismus beruht, zu verkünden und aufrechtzuerhalten und den Einfluß 
und die Macht der katholischen Kirche in der ganzen Welt zu fördern. 

Bei der katholischen Kirche haben wir es also mit einem religiösen Block 
zu tun, dem wirksamsten und kämpferischsten Block seiner Art in der mo- 
dernen Welt. 

Die katholische Kirche kann sich, im Gegensatz zu anderen Bekenntnis- 
sen, nicht auf die rein religiöse Sphäre beschränken. Schon ihre Mission, die 
geistige Herrschaft des Katholizismus über die Welt aufrechtzuerhalten 
und zu erweitern, bringt sie unweigerlich in Kontakt - und sehr oft in 
Konflikt — mit allen der Religion benachbarten Sphären. Die religiö- 
sen Grundlagen bestehen nicht nur aus theologischen und spirituellen 
Auffassungen, sondern berühren in jedem Fall auch moralische und 

* Es gibt etwas mehr als zwei Milliarden Menschen auf der Erde, unter ihnen sind 
900 Millionen Buddhisten, Hindus usw.; 400 Millionen Katholiken; 250 Millionen 
Protestanten; 250 Millionen Mohammedaner; 200 Millionen Schismatiker, orthodoxe 
Christen usw.; 16 Millionen Juden. 



2 



häufig auch soziale Prinzipien. Da man aber das eine vom anderen nicht 
ohne weiteres trennen kann und da es unmöglich ist, jede Erscheinung 
dieser Art nach ihrem religiösen, moralischen oder sozialen Ursprung zu 
kennzeichnen, ist es außergewöhnlich schwierig, die jeweiligen Elemente 
auseinanderzuhalten. Wo immer religiöse Dogmen zur Debatte stehen, sind 
moralische und soziale Prinzipien zwangsläufig einbezogen. 

Da aber die religiösen Grundsätze die moralischen und sozialen Grund- 
sätze mitbestimmen, ist es nur ein Schritt von diesen in die wirtschaftliche 
und damit in die politische Sphäre. In vielen Fällen ist diese Konsequenz 
unvermeidlich. Selbst wenn man sich bemüht, die religiösen Probleme streng 
auf die religiöse Sphäre zu beschränken, wird es eben wegen der komplexen 
Natur der geistigen Prinzipien nicht gelingen. Die praktische Schlußfolge- 
rung daraus ist, daß sich jede Proklamation, Verdammung oder Unter- 
stützung eines bestimmten geistigen Prinzips durch eine kirchliche Insti- 
tution auf halbreligiöse und sogar nichtreligiöse Sphären auswirken wird. 
Aus diesem Grund beeinflußt die Kirche, ob sie will oder nicht, Probleme, 
die sie gar nicht unmittelbar angehen. 

Der Katholizismus ist auf geistigem Gebiet weitaus starrer als jede andere 
Religion, daher tritt dieser Zug bei der katholischen Kirche besonders kraß 
in Erscheinung. Hinzu kommt, daß ein Katholik seiner Kirche blinden Ge- 
horsam schuldet und die kirchlichen Interessen über alle sozialen und poli- 
tischen Belange zu stellen hat. Wenn man weiterhin berücksichtigt, daß 
die Anhänger der katholischen Kirche - und das sind Millionen solcher über 
die ganze Welt verteilter Katholiken — von dem Willen des Papstes gelenkt 
werden, ist es nicht schwierig, die weitreichende Macht zu erkennen, die 
der Vatikan auch in der nichtreligiösen Sphäre ausübt. 

Ein Beispiel soll das erläutern: Die katholische Kirche dekretiert in ihrer 
Eigenschaft als religiöse Institution, daß keine Macht der Welt das Band der 
Ehe zwischen Mann und Frau lösen kann, wenn es durch das Sakrament 
geheiligt worden ist. Die moderne Gesellschaft hingegen räumt ein, daß 
eine Eheschließung unter gewissen Umständen eine Fehlentscheidung ge- 
wesen sein kann, und hat zu diesem Zweck ethische und juristische Grund- 
lagen geschaffen, die eine Lösung der ehelichen Bande ermöglichen. Da die 
katholische Kirche dies verurteilt, fühlt sie sich gleichzeitig verpflichtet, 
diese ethischen und juristischen Grundlagen mit allen ihr zu Gebote stehen- 
den Mitteln zu bekämpfen. Sie verdammt diese Grundlagen nicht nur in der 
religiös-moralischen Sphäre, sondern weist darüber hinaus alle Katholiken 
an; sowohl die gesetzlichen Grundlagen der Ehescheidung als auch die 
Praxis der Scheidung abzulehnen und zu bekämpfen. Deshalb muß ein 
Katholik, wenn er Mitglied der gesetzgebenden Körperschaft eines Landes 
ist, in der ein Gesetz zur Legalisierung der Ehescheidung beraten wird, 



3 



seine religiöse Pflicht über alles stellen, das Gesetz bekämpfen und dagegen 
stimmen. Auf diese Weise bleibt die religiöse Frage der Ehescheidung nicht 
nur eine Frage moralischer und ethischer Prinzipien, sondern verwandelt 
sich in ein erstrangiges soziales Problem. 

Ein anderes typisches Beispiel: Die moderne Gesellschaft und die moderne 
Ethik haben die Theorie und die Praxis der Geburtenkontrolle gebilligt. 
Diese Auffassung wird von der katholischen Kirche verdammt, da sie den 
alleinigen Zweck der geschlechtlichen Vereinigung in der Fortpflanzung 
erblickt. Diese Auffassung ist bindend, unabhängig von jeder sozialen und 
ökonomischen Gegebenheit. Sie fragt nicht danach, ob die Kinder, die ge- 
boren werden, auch ausreichend ernährt und menschenwürdig aufgezogen 
werden können. Dieses religiöse Gebot hat zur Folge, daß Millionen ver- 
heirateter Paare Kinder in die Welt setzen, nur um die Gesetze ihrer Kirche 
zu befolgen, unabhängig davon, ob es ihrer eigenen sozialen und wirtschaft- 
lichen Situation oder der ihres Landes zuträglich ist. Dadurch werden ernst- 
hafte Schwierigkeiten bevölkerungspolitischer, ökonomischer oder politischer 
Art heraufbeschworen oder verschärft. 

Die Kirche behauptet von sich, daß sie das Recht habe, nicht nur religiöse, 
sondern auch moralische Grundsätze zu lehren. Sie proklamiert zum Beispiel 
die Unverletzlichkeit des Privateigentums, einen Grundsatz also, der im 
Widerspruch zu der gewaltigen sozialen, wirtschaftlichen und politischen 
Bewegung steht, die unter dem umfassenden Begriff Sozialismus bekannt 
ist. Da der Sozialismus in seinen verschiedenen Formen eine rein soziale 
und politische Bewegung ist, die sich bemüht, ihre Grundsätze auf das wirt- 
schaftliche, soziale und politische Leben der Gesellschaft zu übertragen, zieht 
er sich unvermeidlich die Feindschaft der katholischen Kirche zu. Diese 
Feindschaft führt die Kirche zwangsläufig in die Arena sozialer und politi- 
scher Kämpfe; denn Katholiken müssen, da sie ihrer Kirche blinden Gehor- 
sam schulden, als Staatsbürger, als Parlamentarier oder als Mitglieder einer 
politischen Partei Theorie und Praxis des Sozialismus bekämpfen. 

Es gibt ungezählte Beispiele, aus denen zu ersehen ist, daß die katholische 
Kirche nicht davon Abstand nehmen kann, sich in das soziale und politische 
Geschehen einzumischen. Diese ständige Einmischung in das soziale und 
politische Leben der Gesellschaft im allgemeinen und bestimmter Staaten 
und bestimmter Personen im besonderen kann behutsam oder gewalttätig 
erfolgen, je nachdem, wie die nichtreligiöse Sphäre auf den Ruf der Kirche 
reagiert. 

Daher kommt es, daß katholische Länder, deren Legislative entsprechend 
den Prinzipien der katholischen Kirche aufgebaut ist, in allen Fragen die 
Meinung der katholischen Kirche vertreten. Eine katholische Regierung 
wird zum Beispiel Gesetze einführen, die die Scheidung verbieten und den 



4 



Gebrauch von Mitteln zur Empfängnisverhütung bestrafen, und wird jede 
auf die Abschaffung des Privateigentums gerichtete Aktivität in Acht und 
Bann tun. Infolgedessen werden in einem solchen Land Gesetze gegen die 
Scheidung erlassen und alle Geschäfte geschlossen, die Mittel zur Empfäng- 
nisverhütung verkaufen, wird jede Bewegung verboten und jede Person ein- 
gesperrt, die gegen das Privateigentum auftritt. 

Wenn aber der KircKe statt einer gehorsamen katholischen Regierung 
ein indifferentes oder gar feindseliges Parlament gegenübersteht, ist der 
Konflikt unausbleiblich. Der Staat und die Kirche erklären einander den 
Krieg. Der Konflikt kann in einem Waffenstillstand enden, oder es wird ein 
Kompromiß gefunden, aber der Kampf kann auch in eine offene, andauernde 
Feindschaft münden. Der Staat wird die Gesetze erlassen, die er für notwen- 
dig hält, ohne Rücksicht auf die Kirche. Er kann die Ehescheidung legali- 
sieren und jeder politischen Partei das Recht zuerkennen, für die Aufhebung 
des Privateigentums einzutreten. Die Kirche wird darauf mit der Anwei- 
sung an ihre Priester antworten, gegen diese Gesetze zu predigen und alle 
Katholiken zu verpflichten, diese Gesetze und die Regierung, die sie erlassen 
hat, zu bekämpfen. Alle Zeitungen, die sich im Besitz von Katholiken be- 
finden, werden gegen die Regierung Stellung nehmen, einzelne katholische 
Mitglieder des Parlaments werden gegen jedes Gesetz stimmen, das im 
Widerspruch zu den Prinzipien der Kirche steht; die von Katholiken ge- 
gründeten und beherrschten religiösen, sozialen und politischen Organi- 
sationen werden diese Gesetze boykottieren. Eine politische, möglichst 
katholische, Partei wird gegründet werden und die Aufgabe erhalten, eine 
Regierung ans Ruder zu bringen, die den Standpunkt der Kirche vertritt, 
und alle Kräfte gegen die Parteien ins Feld zu führen, deren Doktrinen 
denen des Katholizismus widersprechen. Ein erbitterter politischer Kampf 
wird beginnen. Hierbei sollte man nie aus dem Auge verlieren, daß alle 
Katholiken in ihrem politischen Kampf von den strengen und dogmatischen 
Leitsätzen des Katholizismus und von dem höchsten Führer der katholischen 
Kirche, dem Papst, geleitet werden. 

Katholische Gläubige erklären häufig, der Papst mische sich niemals in 
politische Angelegenheiten. Wir werden später nachweisen, daß er es doch 
tut — manchmal sogar unmittelbar. Mittelbar mischt er sich bereits dann 
ein, wenn er den Gläubigen die Weisung erteilt, bestimmte Gesetze, Sozial- 
lehren oder politische Parteien zu bekämpfen, die seiner Meinung nach mit 
dem Katholizismus unvereinbar sind. Ein klassisches Beispiel dafür ist die 
Enzyklika Rerum Novarum Leos XIII. Ihre Verkündung bedeutete einen 
Sprung in die politische Arena, obwohl sie sich keineswegs unmittelbar in 
einzelne politische Fragen jener Zeit einmengte. Der Papst verurteilte in der 
Enzyklika ausdrücklich die sozialen und politischen Lehren des Sozialismus 



i M359 



5 



und gab den Gläubigen den Rat, sich in besonderen katholischen Gewerk- 
schaften zu organisieren und eigene katholische Parteien zu gründen. 

Diese Macht der katholischen Kirche, sich in soziale und politische An- 
gelegenheiten einzumischen, wird dadurch noch gefährlicher, daß sie keines- 
wegs auf bestimmte Länder beschränkt ist; sie erstreckt sich auf alle Länder, 
in denen katholische Gläubige wohnen. Die katholische Kirche kann also 
indirekt und direkt in innerpolitischen und internationalen Fragen einen 
bestimmenden Einfluß ausüben. Durch die Gründung oder Unterstützung 
politischer Parteien oder Gruppierungen in bestimmten Ländern und die 
gleichzeitige Bekämpfung anderer Parteien und Gruppierungen kann sie 
eine politische Kraft ersten Ranges werden. Dieser Umstand gewinnt da- 
durch an Bedeutung, daß die katholische Kirche auch imstande ist, als po- 
litische Macht in der internationalen Sphäre tätig zu sein. Sie kann zum 
Beispiel gewisse katholische Länder und Regierungen veranlassen, be- 
stimmte internationale Entwicklungen zu unterstützen oder zu bekämpfen 
oder die Wünsche der Kirche auf internationalen Foren vorzutragen. So war 
es zwischen den beiden Weltkriegen der offensichtliche Wunsch der Kirche, 
die Sowjetunion nicht zum Völkerbund zuzulassen, und während des Abes- 
sinienfeldzuges forderte sie die Aufhebung der Sanktionen, die der Völker- 
bund gegen das faschistische Italien verhängt hatte. 

Wie hoch ist der Prozentsatz der Gläubigen, die den Weisungen der 
katholischen Kirche in sozialen und politischen Angelegenheiten folgen? 
Diese Frage wurde angesichts des gewaltig zunehmenden Skeptizismus inner- 
halb der Masse ihrer Anhänger akut. Ein großer Teil der modernen Ge- 
sellschaft lehnt in wachsendem Maß die mittelbaren und unmittelbaren Ein- 
mischungsversuche der Kirche in politische Angelegenheiten ab. 

In nominell katholischen Ländern (Frankreich, Italien, Spanien) übt die 
katholische Kirche trotz der verbreiteten Indifferenz der Bevölkerung noch 
immer einen maßgeblichen Einfluß aus, der allerdings erst durch die Be- 
mühungen einer ehrgeizigen Minderheit wirksam wird. 'Untersuchungen 
haben ergeben, daß man die Bevölkerung eines nominell katholischen Lan- 
des bezüglich ihrer Einstellung zur Kirche wie folgt aufgliedern kann: Ein 
Fünftel ist aktiv antiklerikal, ein Fünftel aktiv proklerikal; drei Fünftel 
sind weder aktiv feindselig, noch unterstützen sie die Kirche aktiv, werfen 
aber in gewissen Fragen ihr Gewicht entweder für die eine oder die andere 
Gruppe in die Waagschale (Professor Salvemini, Harvarduniversität, USA), 
Auf der Grundlage dieser Berechnung verfügt der Papst in jedem nominell 
katholischen Land immer noch über eine beachtenswerte Armee aktiver 
Parteigänger, die auf sozialem und politischem Gebiet seine Schlachten 
schlagen. In den protestantischen Ländern, in denen die Katholiken in der 
Minderheit sind, ist der Prozentsatz der aktiv proklerikalen Katholiken 



6 



gewöhnlich weit hoher. Diese Millionen aktiver Parteigänger des politischen 
Katholizismus stellen, von einem Befehlszentrum geleitet und auf das 
gleiche Ziel — die Machterweiterung der katholischen Kirche — ausgerichtet, 
eine Kraft in der nationalen und internationalen politischen Arena dar, die 
in ihrer Wirkung kaum überschätzt werden kann. 

Der geistige Kopf dieser Bewegung, der die verschiedenen katholischen 
Organisationen und Parteien auf dem Gebiet des regionalen, nationalen 
und internationalen, des sozialen und politischen Kampfes leitet, befindet 
sich im Zentrum des Katholizismus — im Vatikan. Die katholische Kirche 
verfügt, um ihre Aktivität auf beiden Geleisen, dem religiösen und dem po- 
litischen, besser entwickeln zu können, über zwei Instrumente: einmal über 
die religiöse Institution, die Kirche, zum anderen über ihren politischen 
Machtapparat, den Vatikan. Obwohl sich beide, wann immer es nützlich 
scheint, getrennt voneinander mit den politischen und religiösen Fragen 
befassen, stellen sie in Wirklichkeit eine Einheit dar. An ihrer Spitze steht 
der Papst, der einerseits das religiöse Oberhaupt der katholischen Kirche als 
einer rein geistlichen Macht und andererseits das Oberhaupt des Vatikans, 
eines weltweiten diplomatisch -politischen Zentrums und eines unabhängigen, 
souveränen Staates, ist. 

Entsprechend den jeweiligen Umständen handelt der Papst, um die Macht 
der katholischen Kirche zu erweitern, entweder als religiöses Oberhaupt oder 
als Führer eines diplomatisch -politischen Zentrums oder in beiden Funk- 
tionen zugleich. Die Rolle der katholischen Kirche als politische Kraft tritt 
offen zutage, wenn sich der Papst mit sozialen oder politischen Bewegungen 
auseinandersetzt, wenn er mit bestimmten Staaten Verträge schließt oder 
mit ihnen ein Bündnis eingeht, um einen gemeinsamen Feind zu bekämpfen. 

Manchmal steht die katholische Kirche vor der Notwendigkeit, sich mit 
Kräften zu verbinden, die nicht nur nichtreligiös oder nichtkatholisch, son- 
dern sogar religionsfeindlich sind. Dieser Fall tritt ein, wenn die katholi- 
sche Kirche sich Feinden gegenübersieht, die sie nicht allein zu überwinden 
vermag. Dann ist sie gezwungen, Verbündete zu suchen, die dieselben 
Feinde haben und deren Vernichtung wünschen. So traten zum Beispiel 
nach dem ersten Weltkrieg, als der Kommunismus in Europa im Vordringen 
war, in einigen europäischen Ländern politische Bewegungen in Erschei- 
nung, die diese Entwicklung aufhalten wollten. Diese Bewegungen fanden 
sofort einen tatbereiten Verbündeten in der katholischen Kirche, deren 
Bannstrahl gegen die sozialistischen Lehren um so heftiger wurde, je mehr 
sich diese Lehren verbreiteten. Einige dieser Bewegungen wurden unter 
dem Namen Faschismus, Nazismus, Falangismus usw. bekannt. Der Papst 
machte die Bündnisse mit ihnen wirksam, indem er sowohl den Einfluß der 
katholischen Kirche als einer religiösen Institution als auch den Einfluß des 



7 



Vatikans als eines diplomatisch -politischen Zentrums in die Waagschale 
warf. So wurden einerseits die Gläubigen darauf hingewiesen, daß es ihre 
Pflicht und Schuldigkeit sei, diesen oder jenen Politiker, diese oder jene 
Partei zu unterstützen; dabei brauchten diese Politiker und Parteien keines- 
wegs unbedingt katholisch zu sein, es genügte, daß sie sich die Vernichtung 
der Todfeinde der katholischen Kirche als Ziel gesetzt hatten. Andererseits 
wurden durch die Botschafter des Vatikanstaates, durch die Kardinäle oder 
durch die örtliche Hierarchie entsprechende Abkommen getroffen. Darüber 
hinaus wurden die Leiter der katholischen Parteien und sozialpolitischen Or- 
ganisationen angewiesen, die vom Vatikan erwählten Verbündeten zu unter- 
stützen. In einigen Fällen wurde ihnen sogar befohlen, sich selbst aufzu- 
lösen, um einer nichtkatholischen Partei den Weg zu ebnen, die größere 
Aussichten hatte, jene politisch -soziale Bewegung zu zerstören, in der die 
Kirche ihren Hauptfeind sah. Wir werden in den folgenden Kapiteln Ge- 
legenheit haben, wahrhaft erschütternde Beispiele dieser Taktik kennen- 
zulernen. 

Für seine Aktivität auf religiösem und auf nichtreligiösem Gebiet steht 
dem Papst eine weitreichende Maschinerie zur Verfügung, mit deren Hilfe 
er die katholische Kirche in der ganzen Welt regiert. Die wichtigste Funk- 
tion dieses Apparates ist es, die Interessen der Kirche nicht nur als einer 
religiösen Institution, sondern auch als eines diplomatisch -politischen Zen- 
trums wahrzunehmen. Für die sozialen und politischen Angelegenheiten hat 
die Kirche eine zweite weitgespannte Organisation, die, obwohl von der 
ersten organisatorisch getrennt, doch stets in Übereinstimmung mit ihr han- 
delt. Jeder Teil dieser Maschinerie hat sein besonderes Aktionsfeld, aber beide 
arbeiten an der Erreichung desselben Zieles, an der Aufrechterhaltung der 
Herrschaft der katholischen Kirche in der ganzen Welt. Da beide Apparate 
voneinander abhängen und häufig zur gleichen Zeit eingesetzt werden, ist es 
nützlich, ihre speziellen Aufgaben und jeweiligen Zielsetzungen, ihre Ar- 
beitsmethoden und vor allem den Geist, der sie bewegt, kennenzulernen. 
Bevor wir aber diese Untersuchungen beginnen, wollen wir uns mit dem of- 
fiziellen Zentrum der katholischen Kirche, mit dem Vatikanstaat, befassen. 



Kapitel Ii Der Vatikan Staat 



Kurzer Abriß der Geschichte des päpstlichen Staates - Die Gründung des heutigen 
Vatikanstaates - Die Lateranverträge - Die Verwaltung des Vatihans - Der Vatikan als 
diplomatisch-politisches Zentrum. 



Unter allen politischen und religiösen Institutionen, die heute existieren, 
ist der Vatikan die weitaus älteste. Er ist ein souveräner, unabhängiger und 
freier Staat, Sitz der Regierung der katholischen Kirche und Zentrum der 
raffiniertesten diplomatisch-politischen Macht unter den Mächten der Erde. 
Er ist einer der jüngsten Staaten und an Größe des Gebiets der kleinste sou- 
veräne Staat der Welt. Sein unmittelbarer Herrschaftsbereich erstreckt sich 
über einige Hundert Hektar Land und etwa 600 Einwohner. Aber dieser 
Staat leitet und regiert eine Unzahl fest miteinander verbundener und auf 
dem Territorium fast aller Völker lebender Menschen. Allein diese Eigen- 
art des Vatikans müßte selbst für einen wenig interessierten Leser ausrei- 
chender Anlaß sein, sich näher mit ihm zu beschäftigen. 

Was versteht man unter dem Wort „Vatikan"? „Vatikan", so erklärt uns 
die Catholic Encyclopcedia, ist „der offizielle Sitz des Papstes in Rom, so 
genannt nach seiner Lage auf den flachen Hängen des Vatikanhügels; im 
übertragenen Sinn wird der Name gebraucht, um die päpstliche Macht, ihren 
Einfluß sowie, in erweitertem Sinne, den der gesamten Kirche zu kenn- 
zeichnen." 

Der Ursprung des Wortes Vatikan ist ungewiß. Einige suchen ihn in dem 
Namen einer verschwundenen etruskischen Stadt Vaticum. Andere leiten das 
Wort etymologisch von dem lateinischen Wort vaticinia (Weissagungen) 
ab; der Vatikanhügel sei der Ort gewesen, von dem aus die etruskischen und 
später die römischen Priester ihre Weissagungen verkündet hätten. Für die 
Christenheit erhielt der Vatikanhügel Bedeutung, als dort der Überlieferung 
zufolge im Jahre 67 der heilige Petrus gekreuzigt wurde. Die Christen er- 
richteten ihm auf dem Hügel eine Grabstätte mit dem Blick zum Nerozirkus 
(Cajanum), in dem er den Tod gefunden hatte. Später wurde an demselben 
Ort Sankt Linus, Petri Nachfolger, begraben. Sankt Anacletus, Bischof von 
Rom und Nachfolger des Sankt Linus, baute die erste Kapelle auf dem Grab- 
mal. Im Laufe der Jahrhunderte wuchs das Ansehen dieses Hügels. Er wurde 
ein geheiligter Ort, ein Ort der Gottesverehrung, an dem die sterblichen 
Überreste vieler Päpste zur Ruhe gebettet wurden. 

Nachdem Kaiser Konstantin aus Dankbarkeit für seine Heilung am Grab- 
mal des Sankt Petrus oder — was wahrscheinlicher ist — aus politischen 



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Erwägungen den „Frieden der Kirche" verkündet hatte, baute er dort eine 
Basilika zu Ehren des heiligen Petrus, des Apostels, Bischofs und Märtyrers. 
Der Hauptaltar wurde über dem Grab des Sankt Petrus errichtet. Am 
18. November 324 weihte Papst Silvester die Kirche. Zehn Jahre zuvor hatte 
Kaiser Konstantin Papst Miltiades eine Residenz auf dem Lateranhügel 
zugewiesen. Dort sollten auch die künftigen Päpste wohnen. Wenn ein Papst 
eine Messe zelebrierte, so tat er es in der Basilika und begab sich von dort 
zum Lateranhügel zurück. Später wurden neben der Basilika weitere 
Gebäude errichtet, um die Pilger unterzubringen und für die Priester und 
den Papst Umkleidemöglichkeiten zu schaffen. Außerdem mußten die 
Cubicularesy die das Grabmal des Petrus zu bewachen hatten, Unterkünfte 
erhalten. Papst Symmachus, der nach dem Aufstand des Gegenpapstes Lorenz 
gezwungen war, den Lateranhügel zu räumen, entschloß sich, mit seinem 
Hof auf den Vatikanhügel überzusiedeln, und legte damit den Grundstein 
für den heutigen Vatikan. 

Karl der Große, der von seinem Vater den Titel eines Herrschers und Be- 
schützers der Römer geerbt hatte, baute mit Hadrian I. und später mit 
Leo III. auf dem Vatikanhügel eine Reihe kirchlicher Gebäude. Im Jahre 846 
landeten die Araber, nachdem sie hundert Jahre zuvor von Karl Martell bei 
Poitiers geschlagen worden waren, in Sizilien. Bald darauf erschienen sie 
vor der Tibermündung und griffen Rom an. Aurelius verteidigte die Stadt 
an den Außenmauern. Der Vatikan und die Burg lagen vor diesen Mauern 
und wurden von den Arabern besetzt. 

Leo IV. baute daraufhin zum Schutz des transtiberischen Roms mit Hilfe 
Kaiser Lothars einen Festungsring, zu dessen Errichtung Spenden aus der 
ganzen christlichen Welt beitrugen. Das Werk wurde 848 begonnen und 852 
beendet. Ein Wall von vierzig Fuß Höhe entstand. Das von ihm umschlossene 
Gebiet wurde Leo-Stadt genannt. In ihr lag das kirchliche Zentrum, in dem 
später die Päpste residierten. Die ersten, noch groben Umrisse der Vatikan- 
stadt waren damit geschaffen. 

Nikolaus V. baute den Hauptteil des Vatikanpalastes und begann den Bau 
der Vatikanbibliothek. Sixtus IV. errichtete die später nach ihm benannte 
Sixtinische Kapelle. Im April 1506 legte Julius IL den Grundstein zur heutigen 
Basilika des Sankt Petrus. Ihr Bau wurde ebenso wie der des Palastes unter 
Sixtus V. vollendet. Die späteren Päpste fügten einige Nebengebäude 
(Museen, Bibliotheken usw.) hinzu. Nach dem Abschluß der Lateranverträge, 
auf die wir noch zu sprechen kommen, wurde eine Eisenbahnlinie gelegt, 
ein Postamt und ein Telegraphennetz eingerichtet und eine Rundfunk- 
station gebaut. 

Das päpstliche Staatswesen umfaßte im wesentlichen Rom, das Gebiet um 
die Stadt und die Romagna. Das ging auf eine Übereinkunft mit Karl dem 



10 



Großen zurück. In diesem Raum herrschten zwar offiziell die Päpste, aber 
sie nahmen bis ins 15. Jahrhundert hinein nicht unmittelbar Anteil an den 
Regierungsgeschäften. Auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung -zu Beginn 
des 16. Jahrhunderts - gehörten zum päpstlichen Staat die Herzogtümer 
Padua, Piacenza, Modena, Romagna, Urbino, Spoleto und Castro, die 
Marken und die Provinzen Bologna, Perugia und Orvieto. Mitte des 1 9. Jahr- 
hunderts hatte er eine territoriale Ausdehnung von etwa 40000 Quadrat- 
kilometern und wurde von drei Millionen Menschen bewohnt. 1860 wurden 
die Romagna, die Marken und Umbrien dem neuen italienischen König- 
reich einverleibt. Dem Papst verblieben lediglich die Stadt Rom und die 
Provinz Latium (s. Catholic Enzyclopcedia) '. 

Am 10. Februar 1798 eroberte General Berthier im Namen der Franzö- 
sischen Revolution die Stadt Rom, um den Tod Duphots zu rächen. Wenige 
Tage später wurde Pius VI. aus Rom ausgewiesen und die päpstliche Herr- 
schaft durch eine römische Republik abgelöst. Ein Jahr zuvor waren franzö- 
sische Truppen unter dem Befehl des Generals Bonaparte gegen den Papst 
marschiert. Am 19. Februar 1797 hatte Pius VI. einen Friedensvertrag 
unterzeichnet, in dem er Bologna, Ferrara und Ravenna an Frankreich ab- 
trat und sich zur Zahlung einer hohen Entschädigung verpflichtete. Es war 
das erste Mal, daß der Heilige Stuhl Teile seines Herrschaftsgebietes ab- 
treten mußte. 

Der Nachfolger Pius' VI. weigerte sich, die Kontinentalsperre gegen Eng- 
land anzuerkennen. Napoleon ließ daraufhin Rom durch den General Miollis 
besetzen und zu einer freien kaiserlichen Stadt erklären und unterzeichnete 
in Wien ein Dekret, das den Kirchenstaat zu einem Bestandteil des franzö- 
sischen Imperiums machte. 1814 kehrte der Papst nach Rom zurück. 

Am 9. Februar 1849, nach Beginn des italienischen Unabhängigkeits- 
krieges, verkündete die italienische konstituierende Versammlung, daß dem 
Papst alle Garantien gewährt werden sollten, die er brauche, um seine geist- 
liche Tätigkeit unabhängig auszuüben, daß er aber nicht länger das Recht 
habe, die Bevölkerung Roms zu regieren. Der Papst flüchtete aus Rom, 
kehrte aber, kaum daß ein Jahr verstrichen war, im Gefolge der Truppen 
Napoleons III. in die Stadt zurück. 

1861 verkündete Graf Cavour, daß Rom die Hauptstadt eines vereinigten 
italienischen Nationalstaats werden müsse. Zur Lösung der Kirchenfrage 
schlug er die Formel vor: Eine freie Kirche in einem freien Staat! Sie wurde 
von der katholischen Kirche zurückgewiesen. Cavour und die italienische 
Regierung versuchten auf allen möglichen Wegen zu einer Verständigung 
mit dem Papst zu gelangen. Sie boten Entschädigungen und jede nur denk- 
bare Garantie an; sie baten Kardinäle, Priester, einflußreiche katholische 
Laien und selbst den französischen Kaiser Napoleon III. um Vermittlung; 



11 



aber der Papst blieb unnachgiebig. Viele Katholiken unterstützten Cavour 
und baten den Papst, die weltlichen Besitztümer freizugeben, „um der 
Kirche die Freiheit, dem Heiligen Stuhl die Unabhängigkeit, der Welt den 
Frieden zu schenken und dem neuen Königreich nicht seine Hauptstadt zu 
rauben", wie ein katholischer Priester, Pater Passaglia, schrieb. Bezeichnend 
für die damalige Geistesverfassung des Papstes ist, daß er den Priester 
sofort seines Lehramtes enthob und ihn verfolgte, so daß Passaglia gezwun- 
gen war, in Perugia Zuflucht zu suchen. Einige Jahre zuvor hatte der Papst 
sogar alle Personen exkommuniziert, die bestimmte liberale Gesetze des 
Königreichs Piemont unterstützt hatten, und das Königreich selbst zu einem 
„Verfolger der katholischen Kirche" erklärt. 

Am 29. August 1870 überreichte der Marchese Visconti Venosta dem 
Papst eine Note, in der die Garantien aufgezählt waren, die die italienische 
Regierung dem Heiligen Stuhl anbot. Die wichtigsten waren: 

Dem Papst sollten die Würde, die Unverletzlichkeit und alle Vorrechte eines 
Souveräns unter Vorrang vor dem König und allen anderen Souveränen gewährt werden. 

Den Kardinälen sollte der Rang von Fürsten und alle damit verbundenen Rechte 
zugebilligt werden. 

Der Papst sollte die volle Souveränität über die leontinische Vorstadt, einschließlich 
des Vatikans und des Kastells Sankt Angelo, erhalten. 

Die übrigen Artikel behandelten die Immunität der diplomatischen Ver- 
treter beim Heiligen Stuhl und Angelegenheiten innerkirchlicher Art. Alle 
Garantien sollten Gegenstand einer internationalen Vereinbarung werden. 

Der Papst weigerte sich abermals mit einem resoluten Non possumus, 
seine Zustimmung zu geben. Diese Weigerung hatte ihre Gründe nicht nur 
darin, daß die Kirche nicht willens war, Teile ihres staatlichen Territoriums 
abzutreten, sondern war auch auf religiöse Erwägungen zurückzuführen. 
Das neue Königreich Italien war in den Augen der Kirche ein „säkulares 
Staatswesen", das heißt, es war der „Häresie" des Säkularismus und Libera- 
lismus schuldig. Die Kirche könne nichts mit einem Staat zu schaffen 
haben und noch weniger den Raub ihrer weltlichen Besitztümer durch die- 
sen Staat verzeihen, dessen Lenker „sich offen zu den Grundsätzen des 
Säkularstaates und der immer weiter um sich greifenden Freimaurerei be- 
kennen". 

Als alle Verhandlungen gescheitert waren, blieb der italienischen Regie- 
rung nichts übrig, als ihre Macht zu gebrauchen. Italienische Truppen be- 
setzten am Morgen des 20. September die Stadt Rom. Die Bevölkerung 
begrüßte begeistert den Zusammenbruch des päpstlichen Regimes. Unruhen 
brachen aus. Die italienische Regierung mußte Truppen auf den Peters- 
platz und in die Umgebung des Vatikans entsenden, um den Papst vor 
Gewalttätigkeiten der aufgebrachten Menge zu schützen. 



12 



1871 verkündete die italienische Regierung ein „Garantiegesetz", das 
die Vorrechte des Pontifex maximus und des Heiligen Stuhls und die Be- 
ziehungen zwischen der katholischen Kirche und dem italienischen Staat 
regelte. 

Die Bedingungen des Gesetzes waren sehr großzügig. Die italienische Re- 
gierung garantierte, daß „die Person des Pontifex maximus geheiligt und 
unverletzlich" sei. Alle Angriffe gegen den Papst oder Beleidigungen seiner 
Person sollten so geahndet werden, als wären sie gegen den König gerichtet. 
Dem Papst wurde das Recht zugestanden, zum Schutze seines Eigentums 
Truppen zu halten. Die italienische Rgierung erklärte sich bereit, dem Papst 
ein „ständiges und unantastbares Einkommen" in Höhe von 3 225 000 Lire 
jährlich zu zahlen. Die päpstlichen Paläste im Vatikan und Lateran sollten 
„unverletzlich" und von jeglicher Steuer befreit sein. Keine staatliche oder 
öffentliche Stelle sollte das Recht haben, die päpstlichen Paläste ohne aus- 
drückliche Erlaubnis des Papstes zu betreten. Die Vertreter ausländischer 
Regierungen beim Heiligen Stuhl sollten alle Privilegien genießen, die das 
Völkerrecht für Diplomaten vorsieht. Die Bischöfe sollten nicht zur Eides- 
leistung gegenüber dem König verpflichtet sein. Religiöse Fragen sollten in 
völliger Freiheit diskutiert werden können. 

In dem Streit, der nach dem Erlaß des Gesetzes entbrannte, ging es 
weniger um diese Garantien als vielmehr um den säkularen und liberalen 
Charakter der italienischen Regierung, die sich hartnäckig weigerte, ein 
Konkordat abzuschließen. In Wirklichkeit wurde wie schon bei früheren 
Gelegenheiten deutlich, daß sich die katholische Kirche aus religiösen Grün- 
den weigerte, ein politisches Übereinkommen zu treffen. 

Als schließlich 1919 Papst Benedikt XV. einsah, daß keine Aussicht be- 
stand, mit der italienischen Regierung ein Konkordat abzuschließen, er- 
klärte er sich bereit, „auch ohne Konkordat zu einem Übereinkommen zu 
gelangen". 

Nach 1922, als in Italien bereits das faschistische Regime herrschte, leitete 
Benedikts Nachfolger, Pius XI., von dem der katholische Professor Dr.. Bin - 
chay in Church and State in Fascist Italy schreibt, er habe „keinerlei 
Sympathien für die Demokratie und für parlamentarische Institutionen" 
gehabt, Verhandlungen ein, um die „römische Frage", wie es damals hieß, 
zu lösen. Er verlangte den Abschluß eines Konkordats. Das bedeutete, daß 
der Katholizismus Staatsreligion werden und die katholische Kirche das 
Recht erhalten sollte, das Erziehungswesen und ähnliche Einrichtungen 
zu kontrollieren. 

Nach längeren Verhandlungen wurde der Lateran vertrag abgeschlossen. 
Er respektierte das Territorium des Vatikans als das eines unabhängigen 
und souveränen Staates. In dem Vertrag, der mit den Worten „Im Namen 



13 



der Heiligen Dreieinigkeit" beginnt, heißt es unter anderem: „Die katho- 
lisch-apostolische und römische Religion ist die einzige Religion des Staates.* 4 
Durch diesen Vertrag erkannte Italien ferner die Souveränität des Heiligen 
Stuhls an und verpflichtete sich, dem Vatikan 750 Millionen Lire zu zahlen 
und ihm italienische fünfprozentige Staatsanleihen in Höhe von einer 
Milliarde Lire Nennwert zu überschreiben. So entstand im Februar 1929 
der Vatikanstaat, wie wir ihn heute kennen. 

Der Vatikanstaat umfaßt das Territorium, auf das sich, entsprechend dem 
Lateranvertrag, die weltliche Souveränität des Heiligen Stuhls erstreckt. 
Dazu gehören die vatikanischen Paläste, die Gärten und Anlagen, die 
Basilika des Sankt Petrus und der Petersplatz sowie die anliegenden Ge- 
bäude. Alle männlichen Erwachsenen des Vatikanstaates stehen im direkten 
Dienst der katholischen Kirche oder ihrer Geistlichkeit. Das ist die allge- 
meine Voraussetzung, um das Wohn- und Staatsbürgerrecht des Vatikan- 
staates zu erlangen. 

Der Papst vereinigt in seiner Person die gesetzgeberische, ausführende 
und richterliche Gewalt. Wenn er abwesend ist, geht sie auf das Kardinals- 
kol legium über. Für die Verwaltung des Vatikanstaates ernennt der Papst 
einen Gouverneur, einen Laien, dem ein beratendes Gremium zur Seite 
steht. Der Gouverneur ist für die öffentliche Ordnung, die Sicherheit, den 
Schutz des Eigentums usw. verantwortlich. Das einzig gültige Recht ist das 
kanonische Recht, zu dem einige spezielle städtische Verordnungen und die 
Gesetze des italienischen Staates treten» die dem Vatikan angemessen 
scheinen. 

Der Papst hat keine private Armee, sondern nur eine geringe Zahl farben- 
prächtiger Wachen, die hauptsächlich bei religiösen oder diplomatischen 
Zeremonien in Erscheinung treten. Die berühmte Schweizergarde wurde 
erstmals im September 1505 durch die Anwerbung von 150 Mann aus dem 
Schweizer Kanton Zürich aufgestellt. Im Jahre 1512 ernannte Papst 
Julian II diese Garde zu Difensori della Libertä della Chiesa*. Papst 
Pius VII. schuf 1816 die kirchliche Gendarmerie, Karabinieri genannt. 
Außerdem wurde eine Ehrengarde zur persönlichen Begleitung des Papstes 
gebildet. Ihr gehören nur Mitglieder römischer Patrizierfamilien und des 
Adels an. 

Der Vatikan gibt eigene Briefmarken heraus, prägt Münzen und besitzt 
eine Rundfunkstation und eine Eisenbahn. Sein Verwaltungsapparat unter- 
scheidet sich kaum von dem eines modernen Staates. 

Der Vatikan hat seine eigene Zeitung, den Osservatore Romano. Sie 
erschien erstmals im Jahre 1860. Papst Leo XIII. kaufte die Zeitung 1890 

* Verteidiger der Freiheit der Kirche. 

14 



auf und machte sie zum offiziellen Organ der katholischen Kirche. Sie gibt 
die Ansichten des Vatikans zu wichtigen politischen und sozialen Welt- 
geschehnissen wieder. 

Wie jeder andere Staat braucht auch der Vatikan Geld, um seine Ver- 
waltung in Gang zu halten. Dazu gehören die Löhne und Gehälter für die 
Angestellten und Botschafter, die Budgets für die Kirchen, für die Seminare 
und für die zahlreichen anderen Institutionen, hohe Summen für die 
Missionen in allen Ländern der Erde und schließlich die Gehälter für die 
Beamten im Verwaltungsapparat des Vatikans. Diese zählen zu den niedrigst 
bezahlten Beamten der Welt. 

Die Einnahmen des Vatikans flössen bis 1870 hauptsächlich aus 
seinen weltlichen Besitztümern, aus dem damaligen Kirchenstaat. Seit- 
her sind andere Quellen erschlossen worden, die die Kassen des Vatikans 
füllen. 

Es ist kaum möglich, die Ausgaben des Vatikans zu schätzen, denn es 
gibt keine Haushaltspläne, auch die Einnahmen werden nicht veröffentlicht. 
Zu Beginn des Jahrhunderts wurden die für den Vatikan notwendigen Min- 
desteinkünfte auf 800 000 Pfund Sterling jährlich veranschlagt. 

Gegenwärtig fließen die Einkünfte des Vatikans vor allem aus zwei 
Arten von Quellen - den ordentlichen und den außerordentlichen. Unter 
den ordentlichen Quellen ist die wichtigste der sogenannte Peterspfennig, 
eine freiwillige Steuer, die seit 1870 in den katholischen Ländern erhoben 
wird, um die Einkünfte zu ersetzen, die bislang aus den päpstlichen Besitz- 
tümern gekommen und nach deren Übernahme durch den italienischen Staat 
weggefallen waren. Der Gedanke des Peterspfennigs erwies sich als überaus 
lukrativ. Im übrigen war diese Einrichtung keineswegs neu, sie existierte 
bereits einige Jahrhunderte zuvor. In England zum Beispiel wurde 1559 die 
Erhebung dieser Steuer von der Königin Elisabeth untersagt. Drei Jahr- 
hunderte später griff man auf sie zurück. 

Die protestantischen USA sind die großzügigsten Geldgeber des Vatikans 
und der katholischen Kirche. Die Summe der dort erhobenen Peterspfennige 
ist höher als die aller anderen Länder. Den USA folgen Kanada, die Repu- 
bliken Südamerikas und - in Europa - Spanien, Frankreich und Belgien. 
Die USA wurden aber, nachdem der Papst seine Besitztümer verloren hatte, 
nicht nur der großzügigste Geldgeber des Vatikans, sondern auch dessen 
größter Bankier. 1870 gewährte das Bankhaus Rothschild dem Vatikan eine 
Anleihe in Hohe von 200000 Scudi*. 1919 entsandte der Vatikan einen 
Sonderbeauftragten in die Vereinigten Staaten, um eine Anleihe in Höhe 
von 1 Million Dollar aufzunehmen. In demselben Jahr überreichte die 

* Scudo, italienische Silbermünze im Wert von 5 Lire. 



15 



Vereinigung der Columbusritter dem Vatikan ein Geschenk in Höhe von 
mehr als 250 000 Dollar. 1928 erhielt der Vatikan durch die Bemühun- 
gen des Kardinals Mundelein eine in 20 Jahren tilgbare, zu fünf Prozent 
verzinste Anleihe in Höhe von 300 000 Pfund Sterling. Als Sicherheit wurde 
das Kirchenvermögen in Chicago herangezogen. 

Weitere ordentliche Einkünfte der katholischen Kirche sind alle mög- 
lichen Steuern und Gebühren aus Kanzleien und Personenstandsämtern bei 
Eheschließungen, bei Verleihung von Adelstiteln, Ritterorden usw. 

Die Höhe der außerordentlichen Einkünfte des Vatikans ist schwer zu 
schätzen. Zu ihnen gehören Geschenke und Erbschaften, die manchmal in 
die Millionen gehen. Bei den Wallfahrten spendet jeder Pilger einen ge- 
wissen Betrag. Von einem amerikanischen Pilger wird als Mindestsumme 
ein Dollar erwartet. Solche Wallfahrten finden häufig statt, die Anzahl ihrer 
Teilnehmer geht hoch in die Tausende. 

Von 1929 bis zum Ausbruch des zweiten Weltkrieges erhielt der Vatikan 
von der faschistischen Regierung Italiens mehr als 750 Millionen Pfund 
Sterling als Entschädigung für den Verlust der päpstlichen Besitztümer. 
Amerikanische Schätzungen (Seldes) besagen, daß sich die Gesamteinkünfte 
des Vatikans zwischen den beiden Kriegen auf ungefähr 180 Millionen Lire 
jährlich beliefen. Seitdem ist diese Summe bedeutend gestiegen. 

Eines der Hauptziele, die der Vatikan verfolgt, ist seine Anerkennung als 
offizielles diplomatisch -politisches Zentrum der katholischen Kirche. Er hat 
seine Vertreter bei vielen Regierungen und empfängt die Botschafter großer 
und kleiner Nationen. 

Die diplomatischen Vertreter des Vatikans tragen im allgemeinen die 
Bezeichnung päpstliche Legaten, päpstliche Nuntien oder apostolische Ge- 
sandte. Sie stehen im Botschafterrang und genießen die gleichen Rechte wie 
die Botschafter aller anderen Staaten. 

Folgende Hauptaufgaben sieht das kanonische Recht (267) für die Diplo- 
maten des Vatikans vor: 

a gute Beziehungen zwischen dem Apostolischen Stuhl und der Regie- 
rung, bei der sie akkreditiert sind, zu pflegen; 

b die Interessen der Kirche innerhalb des ihnen zugewiesenen Gebietes 
zu wahren und den Papst über die Verhältnisse in ihrem Tätigkeits- 
bereich zu informieren; 

c außer dieser normalen Tätigkeit auch alle Aufgaben zu übernehmen, 
mit denen sie betraut werden. 

Das höchste Ziel seiner Diplomatie erblickt der Vatikan im Abschluß 
eines Konkordats mit der betreffenden Regierung. Obwohl die Verhand- 
lungen über diesen Vertrag gewöhnlich von den interessierten Parteien 



16 



unmittelbar geführt werden, ist die Rolle, die die päpstlichen diplomatischen 
Vertreter dabei spielen, von höchster Wichtigkeit. 

Ein Konkordat ist ein Übereinkommen, in dem der vertragschließende 
Staat der katholischen Kirche bestimmte Privilegien gewährt und deren 
Stellung und Rechte innerhalb des Staates anerkennt. Die Kirche verpflichtet 
sich dafür, die betreffende Regierung zu unterstützen und sich nicht in 
politische Angelegenheiten einzumischen. Solche Verträge sind dann be- 
sonders erwünscht, wenn „Angelegenheiten rechtlicher und zugleich reli- 
giöser Art Streitigkeiten hervorrufen können". In solchen Fällen „stärkt ein 
Konkordat erheblich . . . die staatliche Autorität", wie Leo XIII. sich aus- 
drückte. Der Papst sei stets bereit, „den Herrschern Europas die Kirche als 
einen oft benötigten Schutz anzubieten". 

Wenn es nicht möglich ist, ein Konkordat abzuschließen, ist der Nuntius 
angewiesen, ein Übereinkommen anzustreben, das auch ohne einen form- 
gerechten Vertrag zu einem Modus vivendi führt. Erweist sich dies eben- 
falls als unerreichbar, dann kann der Vatikan bei bestimmten Anlässen einen 
päpstlichen Beauftragten zu der in Betracht kommenden Regierung entsen- 
den. Die ständige Wahrnehmung der kirchlichen Interessen bei dieser Regie- 
rung überträgt der Vatikan dann gewöhnlich dem örtlichen Kirchenprimas. 

Obwohl sich die Diplomatie des Vatikans äußerlich von der einer weltlichen 
Macht kaum unterscheidet, so unterscheidet sie sich von ihr in ihrer Ziel- 
setzung und in den Mitteln, die ihren Vertretern zur Verfügung stehen, 
sehr wesentlich. 

Der päpstliche Repräsentant hat nicht nur die diplomatischen und 
politischen Belange des Vatikanstaates zu vertreten, sondern vor allem auch 
die Interessen der katholischen Kirche als einer religiösen Institution wahr- 
zunehmen. Er hat also eine zweifache Mission. Entsprechend dieser Situation 
verfügt er nicht nur über die diplomatischen Mittel, die jedem diploma- 
tischen Vertreter zu Gebote stehen, sondern er kann darüber hinaus auf die 
weitreichende Macht der katholischen Kirche sowohl innerhalb als auch 
außerhalb des Landes, in dem er akkreditiert ist, zurückgreif en. Mit anderen 
Worten, der päpstliche diplomatische Vertreter kann über die gesamte 
Hierarchie des betreffenden Landes gebieten - von den Kardinälen über die 
Erzbischöfe und Bischöfe bis hinunter zum unbedeutendsten Gemeinde - 
pfarrer. Obendrein leisten die katholischen sozialen, kulturellen oder politi- 
schen Organisationen und Parteien des Landes allen seinen Weisungen 
Folge. Der Nuntius vermag daher einen beachtlichen Druck auf eine Regie- 
rung auszuüben — einen Druck religiös -politischer Natur, über den kein 
weltlicher Diplomat verfügt. 

Da jeder Geistliche faktisch ein Anhänger des Vatikans ist und ihm zu- 
gleich wichtige Informationen über die Verhältnisse in seiner Gemeinde -bei 



2 M 359 



17 



einem Bischof in seiner Diözese, bei einem Primas im gesamten Staats- 
wesen - zugänglich sind, gehört der Vatikan, dem all diese Informationen 
zufließen, zu den wichtigsten wirtschaftlichen, sozialen und politischen 
Informationszentren. 

Hält man sich ferner vor Augen, welchen Einfluß der Vatikan auf die 
verschiedenen katholischen Parteien oder katholischen Regierungen ausüben 
und im nationalen oder internationalen Bereich wirksam werden lassen 
kann, so erkennt man rasch, welche Macht diese diplomatisch -politische 
Zentrale in der ganzen Welt darstellt. Diese Macht wird von vielen 
Ländern respektiert, auch von nichtkatholischen Staaten wie den USA und 
England, ja selbst vom nichtchristlichen Japan. Im Krieg gewinnt der 
Vatikan als diplomatisches Zentrum erheblich an Bedeutung. Die krieg- 
führenden Parteien können trotz des Abbruchs der diplomatischen Bezie- 
hungen auf dem Weg über den Vatikan miteinander Kontakt aufnehmen. 
Diese Dienste und die Informationen, die der Vatikan auf diese Weise von 
beiden Seiten erhält, verleihen ihm in den Augen der weltlichen Mächte 
großes Ansehen. Das war einer der Gründe, aus denen sich während des 
ersten Weltkrieges alle interessierten Länder — Deutschland, die Schweiz, 
Griechenland, Großbritannien, Frankreich und selbst das zaristische Ruß- 
land - beeilten, ihre Vertreter in den Vatikan zu entsenden Am Ende des 
Krieges waren 34 ständige diplomatische Vertreter beim Papst akkreditiert. 
Diese Zahl verdoppelte sich im zweiten Weltkrieg. Große Länder wie die 
USA und das nichtchristliche Japan suchten nach Mitteln und Wegen, beim 
Vatikan diplomatisch vertreten zu sein. Die USA bedienten sich eines diplo- 
matischen Kunstgriffs, sie schickten einen „persönlichen Botschafter des 
Präsidenten". Das japanische Kaiserreich ließ beim Heiligen Stuhl einen 
Gesandten im Rang eines Botschafters akkreditieren. Der Vatikan war vom 
Anfang bis zum Ende des zweiten Weltkrieges mit seinen 52 Botschaftern, 
Beauftragten und persönlichen Gesandten aus den verschiedensten Ländern 
ein diplomatisch -politisches Zentrum, das sich durchaus mit den Haupt- 
städten jener Länder vergleichen konnte, in denen über Krieg und Frieden 
entschieden wurde. Wir werden später sehen, weshalb der Vatikan, obwohl 
er nicht ein einziges Flugzeug, nicht einen einzigen Panzer, nicht ein ein- 
ziges Kriegsschiff besaß, dennoch in der Lage war — sowohl vor als auch 
während des zweiten Weltkriegs — , mit den größten Militärmächten der 
Erde zu verhandeln. 



kapitel Iii Der Vatikan als geistig-religiöse Macht - 

Wie die katholische Kirche regiert wird 

Der Staatssekretär - Das Heilige Kollegium der Kardinäle - Die Ministerien der 
katholischen Kirche^ die Heiligen Kongregationen — Das Gerichtswesen, 

Der diplomatische Apparat des Vatikans wäre wenig wert, wenn er die 
einzige Säule der päpstlichen Macht darstellte. Nicht die Diplomatie ver- 
leiht der katholischen Kirche ihre enorme Macht, sondern die Tatsache, daß 
hinter dieser Diplomatie die Kirche mit all ihren mannigfaltigen, welt- 
umfassenden Möglichkeiten steht. 

Der Vatikan als diplomatisches Zentrum ist nur eine Seite der Erschei- 
nung. Die vatikanische Diplomatie ist so einflußreich und kann so große 
Macht auf diplomatisch -politischem Gebiet ausüben, weil sie über die ge- 
waltige Maschinerie einer Glaubensorganisation verfügt, die in allen 
Ländern Stützpunkte hat. Mit anderen Worten: Der Vatikan als politische 
Macht benutzt die religiöse Institution der katholischen Kirche zur Errei- 
chung seiner Ziele, und diese Ziele bestehen vor allem darin, die Interessen 
der katholischen Kirche zu vertreten. 

Diese Doppelrolle jedes Angehörigen der katholischen Hierarchie beein- 
flußt zwangsläufig alle jene zahllosen religiösen, kulturellen, sozialen und 
ausschließlich politischen Organisationen, die mit der katholischen Kirche 
zusammenarbeiten. Sie können, obwohl sie eigentlich nur auf religiöser 
Grundlage mit der Kirche verbunden sind, jederzeit benutzt werden, mittel- 
bar oder unmittelbar die politischen Bestrebungen des Vatikans zu unter- 
stützen. 

Da dieser religiöse Apparat von großer Bedeutung für die politische Ak- 
tivität der Kirche ist, macht es sich nötig, die dazu entwickelten hierarchi- 
schen, administrativen und religiösen Formen der Leitung zu untersuchen. 
Wir müssen feststellen, welche Methoden angewandt werden, wo die Fäden 
zusammenlaufen, welche Organisationen beteiligt sind, welche Gebiete je- 
weils beeinflußt werden und, nicht zuletzt, welcher Geist diese Leitungen 
beherrscht und welche Stellung sie zu den wichtigen Fragen unserer Zeit ein- 
nehmen. 

Die katholische Kirche ist eine gewaltige Organisation mit weltweiten 
Verbindungen. Deshalb bedarf sie, ungeachtet ihres besonderen Charakters 
und ihrer Zielsetzung, gewisser Formen eines zentralisierten Apparates, die 
es ihr ermöglichen, die vielen Erscheinungen ihrer Aktivität zu koordinieren 
und zu vereinen. Diese zentrale Maschinerie befindet sich fast vollständig 



19 



im Bereich des Vatikans. Ihre verschiedenen Ämter — das Staatssekretariat, 
das Kardinalskollegium und die Kongregationen — bilden die Regierung 
der katholischen Kirche. Sie sind alle bedingungslos dem absoluten Wil- 
len des Papstes unterworfen, der Säule, auf der die katholische Kirche 
als religiöse Institution und als politische Macht ruht. Er ist der absolute 
Herrscher, der in allen religiösen, moralischen, administrativen, diplo- 
matischen und politischen Angelegenheiten das letzte Wort spricht; in 
der katholischen Kirche und im Vatikan ist sein Wille Gesetz. Er ist der 
letzte absolute Herrscher auf der Erde, kein politischer Diktator kann seine 
Macht mit der Macht des Papstes vergleichen. Der Papst ist keinem mensch- 
lichen Wesen Rechenschaft schuldig, sein einziger Richter ist Gott. 

Dem Papst folgt auf der kirchlichen Stufenleiter der Kardinalstaats- 
sekretär, ihm untersteht die Gerichtsbarkeit innerhalb der kirchlichen 
Administration. Seine Stellung läßt sich annähernd mit der eines Minister- 
präsidenten vergleichen, der auch die Funktion des Außenministers ausübt. 
Sein Amt ist das wichtigste und mächtigste unter den Ämtern des Vatikans. 
Alle anderen Ministerien, selbst die rein religiösen, müssen sich den Ent- 
scheidungen des Staatssekretärs unterwerfen. Er verfügt über einen persön- 
lichen Einfluß wie kein anderes Mitglied der Kirche und ist allein dem 
Papst verantwortlich. 

Der Staatssekretär gilt als der politische Kopf des Vatikans. Durch ihn 
lenkt und leitet der Papst seine politischen Aktionen in der ganzen Welt. 
Daher steht der Staatssekretär in ständigem persönlichem Kontakt mit dem 
Papst. Jeden Morgen erstattet er ihm Bericht und berät mit ihm, häufig 
mehrmals am Tage, die aktuellen Fragen der vatikanischen Politik. Wöchent- 
lich einmal empfängt der Kardinalstaatssekretär die beim Heiligen Stuhl 
akkreditierten Vertreter der ausländischen Mächte und interessiert sich 
dabei vor allem für die Diplomaten, die dem Vatikan wichtige Informa- 
tionen zu überbringen haben. Er ist für jeden Brief, der den Vatikan verläßt, 
ebenso verantwortlich wie für die Ernennung jedes päpstlichen Diplomaten. 
Kein Beamter der Kurie kann ohne seine Empfehlung bestallt werden. 
Der Papst ist von seinem Staatssekretär abhängig. Kein anderer steht 
der fast uneingeschränkten Macht des Papstes so nahe wie der Kardinal - 
Staatssekretär. 

Dem Staatssekretär unterstehen drei Hauptabteilungen. Die erste ist die 
„Kongregation der außerordentlichen kirchlichen Angelegenheiten", die 
alle wichtigen politischen und diplomatischen Fragen behandelt. Die 
Kongregation ist ein Kardinalskomitee, man kann es mit dem Kabinett 
eines modernen Staatswesens vergleichen. 

Die zweite Hauptabteilung beschäftigt sich mit den laufenden politischen 
Fragen, den Angelegenheiten des Diplomatischen Korps und der Entsendung 



20 



von päpstlichen Beauftragten. Sie wird geleitet von dem Sostituto, dem 
Unterstaatssekretär für allgemeine Angelegenheiten. Zu ihr gehören die 
Geheimdienstzentrale des Vatikans und ein spezieller Sektor, der sich aus- 
schließlich mit der Anlage und Überprüfung von Dossiers und der Bearbei- 
tung von Anträgen auf Ordens- und Titelverleihung usw. befaßt. Bei Aus- 
bruch des zweiten Weltkrieges waren damit nicht weniger als sechs Redak- 
teure, zehn Stenografen und sieben Archivare beschäftigt. 

Die dritte Hauptabteilung nannte sich früher „Sekretariat der Breven" 
und ist erst 1908 in den Amtsbereich des Kardinalstaatssekretärs über- 
gegangen. Sie untersteht dem sogenannten „Kanzler der Breven" und glie- 
dert sich in das Sekretariat der „Breven für Prinzen" und das Sekretariat 
für „Lateinische Verlautbarungen". Ein Breve wird gewöhnlich benutzt, 
Würden zu vergeben oder besondere Steuern zu verkünden. Unter den 
„Breven für Prinzen" versteht man heutzutage Breven für Könige, Präsi- 
denten, Premierminister, Bischöfe und selbst weniger bedeutende Persön- 
lichkeiten. Wenn sich das Breve nicht mit religiösen, sondern mit politischen 
oder diplomatischen Fragen befaßt, ist es nichts anderes als ein Schreiben, 
das die Unterschrift des Papstes trägt und von einem Nuntius oder einem 
päpstlichen Legaten überbracht wird. Die Aufgabe des Sekretariats für 
„Lateinische Verlautbarungen" besteht in der redaktionellen Bearbeitung 
der päpstlichen Botschaften, das heißt der Enzykliken. 

Das Amt des Staatssekretärs besteht bereits seit der Zeit der Renaissance. 
In einem aufschlußreichen Dokument, verfaßt im Jahr 1602 von Papst 
Sixtus V., werden die Eigenschaften beschrieben, die von einem päpstlichen 
Staatssekretär gefordert werden: 

Der Ministerpräsident des Vatikans muß alles wissen. Er muß alles gelesen haben 
und muß alles verstehen, aber er darf nichts ausplaudern. Er muß seihst die Stücke 
kennen, die in den Theatern aufgeführt werden, denn sie enthalten aufschlußreiche Tat- 
sachen über ferne Länder {sie!). 

Die Anfänge des Staatssekretariats lassen sich verfolgen bis in die Camera 
secreta der mittelalterlichen Päpste. Schon damals unterhielten die Päpste 
oft recht delikate diplomatische Beziehungen zu den verschiedensten Mäch- 
ten. Die erforderliche Korrespondenz wurde von päpstlichen Notaren ge- 
führt, deren Stellung etwa der fürstlicher Minister entsprach. Sie war im 
Gegensatz zu den päpstlichen Erlassen der Öffentlichkeit nicht zugänglich, 
sondern nur der Camera secreta bekannt. 

Im 1 5. Jahrhundert wurde die Camera secreta ein unentbehrliches Instru- 
ment der Päpste. Die Breven erhielten diplomatischen Charakter. Eine neue 
Funktion, die des Secretariatus Domesticus, wurde nötig, um sie abzu- 
fassen. Leo X. teilte diese Arbeit zwischen dem Secretariatus Domesticus y 
der die offiziellen Verlautbarungen zu entwerfen hatte, und dem Segretario 



21 



del Papa, dem päpstlichen Privatsekretär, dessen Tätigkeit vor allem 
politischer Art war. Der Privatsekretär befaßte sich mit der Instruierung 
der politischen Beauftragten des Papstes an den Hofen Europas. Ursprüng- 
lich hatte dieser Sekretär wenig Einfluß. Doch im Laufe der Zeit wurde 
seine Stellung immer mächtiger und übertraf schließlich die aller anderen 
päpstlichen Würdenträger. Nach der Konstitution, die Papst Pius IX. im 
Jahre 1847, also vor dem Verlust der päpstlichen Besitztümer, erlassen 
hatte, war der Sekretär der „wirkliche Premierminister". Als der neue 
Vatikanstaat gebildet worden war, wuchs die Bedeutung seines Amtes so 
gewaltig, daß sein Einfluß innerhalb der Kurie und innerhalb der gesamten 
katholischen Welt heute nahezu allmächtig ist und nur vom Papst selbst 
üb ertr offen wird. 

Das Heilige Kardinalskollegium folgt, soweit es sich um diplomatisch - 
politische Angelegenheiten handelt, dem Staatssekretär, ist ihm jedoch auf 
rein religiösem Gebiet übergeordnet. Damit ist selbstverständlich nicht 
gesagt, daß die Kardinäle, die Säulen der katholischen Kirche als religiöser 
Institution, auf diplomatischem und politischem Gebiet bedeutungslos 
wären. Im Gegenteil, sie nehmen vollverantwortlich teil an der Festlegung 
und Durchführung der allgemeinen politischen Linie des Vatikans. 

Die Aufgabe des Heiligen Kardinalskollegiums kann man mit der eines 
Staatsrats vergleichen. Die Kardinalswürden gehen zurück auf die Kirchen- 
organisation im alten Rom. Dem Wort liegt das lateinische cardo zugrunde, 
das Türangel oder Drehpunkt heißt. Bis auf den heutigen Tag sind die 
Kardinäle in der katholischen Kirche in der Tat das, was ihr Name besagt. 

Im Mittelalter bedurften päpstliche Ernennungen der Zustimmung des 
Heiligen Kollegiums. Julius II. schaffte dieses Verfahren 1517 ab, weil es 
die Kirche in erhebliche Schwierigkeiten brachte. Seither hängen alle Be- 
rufungen, Ernennungen usw. allein von dem Willen des Papstes ab. 

Die Kardinäle haben ihre Titularkirche in Rom. Sie gelten als die 
„Fürsten der Kirche" und stehen bis auf den heutigen Tag auf einer Stufe 
mit den wenigen noch verbliebenen Königen als deren „liebe Neffen". 
Selbst Republiken wie die französische stellen die Kardinäle über die Bot- 
schafter, und in der internationalen Etikette gewährt man ihnen den Rang 
echter Fürsten, Fürsten von Geblüt. 

Die Kardinäle spielten in der Vergangenheit eine bedeutende politische 
Rolle und spielen sie noch heute. Manche Ereignisse unserer Zeit in katho- 
lischen und nichtkatholischen Ländern sind auf ihr Wirken zurückzuführen. 
Das Heilige Kollegium genießt bei den meisten Ländern großen Respekt. 
Sie kennen die Macht und den Einfluß, den die Kardinäle auf die Stellung 
der katholischen Kirche zu den religiösen, diplomatischen und politischen 
Problemen in allen Ländern ausüben können. 



22 



Dem Heiligen Kollegium der Kardinäle dürfen nicht mehr als 70 Mit- 
glieder angehören. Man unterscheidet zwei Arten von Kardinälen: jene, die 
Erzbistümer leiten, und jene, die ihren Sitz in Rom haben und als ständige 
Berater des Papstes tätig sind. Wie wir bereits wissen, ist der Kardinalstaats- 
sekretär der wichtigste unter den Kardinälen. 

Noch in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts herrschte die 
Tradition, daß die Mehrheit der Kardinäle Italiener sein mußten. 1846 gab 
es zum Beispiel nur 8 nichtitalienische Kardinäle. Pius IX. ernannte in 
seiner zweiunddreißigj ährigen Regierungszeit 183 Kardinäle, von denen be- 
reits 51 Ausländer waren. 1878 zählte man 25 nichtitalienische Kardinäle. 
1903 standen 25 nichtitalienischen Kardinälen (unter ihnen 1 amerika- 
nischer Kardinal), 29 italienische Kardinäle gegenüber. 1914 gab es 32 ita- 
lienische und 25 ausländische Kardinäle (unter ihnen 3 amerikanische). 
1915 war das Verhältnis 29 zu 31. Im Januar 1930 verteilten sich die Sitze 
im Heiligen Kollegium wie folgt : 



Belgien 


1 


Kanada 


1 


Brasilien 


1 


Österreich 


2 


Deutschland 


4 


Polen 


2 


England 


1 


Portugal 


1 


Frankreich 


7 


Spanien 


5 


Holland 


1 


Tschechoslowakei 


1 


Irland 


1 


Ungarn 


1 


Italien 


29 


USA 


4 



1939 gab es 32 italienische und 32 ausländische Kardinäle (unter ihnen 
4 aus den USA). 

Nach Kriegsende ernannte Papst Pius XII. an einem Tage in einer großen 
Zeremonie 32 neue Kardinäle. Das war die größte Zeremonie ihrer Art, die 
Rom seit mehr als dreihundert Jahren erlebte. Unter den neuernannten 
Kardinälen waren 3 Deutsche 3 Franzosen, 3 Spanier, 1 Armenier, 1 Eng- 
länder, 1 Kubaner, 1 Ungar, 1 Holländer, 1 Pole, 1 Chinese, 1 Australier, 
1 Kanadier, 4 US -Amerikaner, 6 Südamerikaner und, was bezeichnend ist, 
nur 4 Italiener. Zum erstenmal bedachte die Kirche einen Chinesen 

— Bischof Tien, apostolischer Vikar in Tsingtau - und einen Australier 

- Erzbischof Gilroy aus Sydney - mit der Kardinalsrobe. Die Ernennung 
von 4 US -Amerikanern, 1 Engländer, 1 Kanadier, 1 Australier und 6 Süd- 
amerikanern zu Kardinälen weist unmißverständlich darauf hin, daß die 
Kirche mehr denn je daran interessiert ist, ihren Einfluß auf dem ameri- 
kanischen Kontinent und in den angelsächsischen Ländern zu verstärken. 

Die Kardinäle sind Berater des Heiligen Stuhls und wählen den neuen 
Papst, vor allem aber sind sie die absoluten kirchlichen Herrscher in ihrem 



23 



jeweiligen Bereich. Sie haben über sich nur eine Autorität, der sie um des 
weiteren Wohlergehens der universalen katholischen Kirche willen zu blin- 
dem Gehorsam verpflichtet sind — den Papst. Sie schulden ihm diesen blin- 
den Gehorsam nicht nur in religiösen, sondern auch in sozialen und poli- 
tischen Fragen. Obwohl es theoretisch so aussieht, als könnten sie eine 
unabhängige politische Linie verfolgen, müssen sie sich in Wirklichkeit 
dem Staatssekretär, der selbst ein Kardinal ist, und durch ihn dem Papst 
unterordnen. 

Die Kardinäle sind einmal das Fundament, auf dem die katholische Hier- 
archie beruht, und zum andern die „Türangeln" der Kirche als einer poli- 
tischen Institution. Ob sie in den verschiedenen Ländern tätig sind und 
dort - zumeist als Primas — die Rolle eines Papstes in ihrem Bereich spielen, 
oder ob sie, gewöhnlich als Leiter oder Mitglieder der Ministerien, im Vati- 
kan residieren — immer sind sie die religiösen, administrativen und poli- 
tischen Säulen der katholischen Kirche. 

Das Wirken der katholischen Kirche ist weit gespannt und. umfaßt viele 
Gebiete. Um die daraus erwachsenden Aufgaben zu bewältigen, ist ein 
straff organisiertes leitendes Zentrum erforderlich, dessen Ämter, im Vati- 
kan Kongregationen genannt, ihre Arbeit aufeinander abstimmen müssen. 
Das Wort Kongregation hat in diesem Fall nichts gemein mit seiner ge- 
wöhnlichen Bedeutung, in der es „Kirchengemeinde" heißt. Die Kongre- 
gationen des Vatikans sind vielmehr mit den Ministerien in einem zivilen 
Staatswesen vergleichbar. 

Die Kongregationen entstanden nach der Reformation im 16. Jahrhun- 
dert, als die katholische Kirche sich reorganisieren mußte, um ihren 
Feinden Widerstand leisten zu können. Sie verkörpern die zentrale und 
administrative Gewalt der katholischen Kirche. Wie das Ministerium einer 
weltlichen Regierung von einem Minister geleitet wird, so steht an der 
Spitze jeder Kongregation ein Präfekt. Dieser Präfekt ist zumeist ein Kar- 
dinal. Es kommt auch vor, daß der Papst selbst eine Kongregation leitet. 
Die Beamten und Angestellten sind in der Mehrzahl Geistliche und nur in 
wenigen Fällen hochgestellte Laien. 

Befassen wir uns kurz mit der Geschichte und den Aufgaben der kirch- 
lichen Ministerien, deren Arbeit sich oft auf Millionen katholische Gläubige 
in der ganzen Welt und dadurch mittelbar auf das Schicksal vieler Völker 
und Länder auswirkt. 

Die meisten Kongregationen sind ihrem Wesen nach religiöser Art, aber 
gerade deshalb sind sie besonders mächtig. Und die katholische Kirche zö- 
gert nicht, mit Hilfe der Kongregationen einzelne Gläubige oder ganze 
Gemeinschaften von Gläubigen religiös und moralisch unter Druck zu 
setzen. 



24 



Die zentrale Regierung der katholischen Kirche gliedert sich in 3 Haupt- 
gruppen: die Heiligen Kongregationen, die Trihunale und die Offizien 
(Ämter). Wir werden sie uns im einzelnen ansehen, wobei wir uns bei 
einigen darauf beschränken können, sie lediglich zu erwähnen, während 
andere, die eng mit dem in Verbindung stehen, was in diesem Buch behandelt 
wird, eine nähere Betrachtung erfordern. 

Die Kongregationen 

Es gibt 12 Kongregationen oder Ministerien der katholischen Kirche :* 

1. Die Religiosenkongregation 

2. Die Zeremonialkongregation 
5. Die Ritenkongregation 

4. Die Sakramentenkongregation 

5. Die Kongregation der Seminare und Universitäten 

6. Die Kongregation für die orientalische Kirche 

7. Die Konzilkongregation 

8. Die Konsistorialkongregation 

9. Die Kongregation der außerordentlichen kirchlichen Angelegenheiten 

10. Das Heilige Offizium 

11. Die Kongregation der Basilika des heiligen Petrus 

12. Die Propagandakongregation 

Die Tribunale 

1. Die Heilige Römische Rota (Rota Romana) 

2. Die Apostolische Segnatura (Signatura Apostolica) 
5. Die Apostolische Pönitentiarie 

Die Offizien (Ämter) 

1. Das Staatssekretariat 

2. Die Aposto Ii sehe Datarie 

3. Die Apostolische Kanzlei 

4. Das Sekretariat der Breven für Prinzen und Lateinische Verlautbarungen 

Die Kongregationen 

1. Die Religiosenkongregation. 

Gegründet 1586. Sie regelt Angelegenheiten zwischen den Bischöfen und den Gläubigen 
sowie zwischen den Gläubigen selbst. 

2. Die Zeremonialkongregation. 

Sie befaßt sich mit der Etikette am päpstlichen Hof. Der Präfekt der Kongregation ist 
zugleich Dekan des Heiligen Kollegiums. 

• Deutsche Bezeichnungen nach „Der Große Herder**, Freihurg i. B., 1935. 



25 



3. Die Ritenkongregation 

Gegründet von Sixtus V. Sie befaßt sich mit der Seligsprechung und der Kanonisation. 

4. Die Sakramentenkongregation. 

Gegründet 1908. Sie befaßt sich mit Angelegenheiten der sakramentalen Disziplin unter 
besonderer Berücksichtigung der Ehe. Die Erlasse dieser Kongregation regeln Fragen 
der Nichtigkeitserklärung von Ehen und ähnliche Angelegenheiten katholischer Laien. 

5. Die Kongregation der Seminare und Universitäten. 

Sie wurde 1588 als Heilige Kongregation der Studien gegründet und erhielt ihre jetzige 
Bezeichnung 1915. Ihre ursprüngliche Aufgabe war es, die Lehrtätigkeit in den päpst- 
lichen Besitzungen zu überwachen; später erstreckte sich ihr Arbeitsbereich auf die 
katholischen Universitäten in Osterreich, Frankreich, Italien und anderswo. Gegen- 
wärtig hat sie alle höheren Lehrinstitute zu überwachen, die unter katholischer Leitung 
stehen. 

6. Die Kongregation für die orientalische Kirche. 

Die Vielzahl der Kirchen im Nahen und Fernen Osten machte es erforderlich, dieses 
Amt ins Leben zu rufen (1917). Bis dahin war es eine Unterabteilung der Propaganda 
Tide. Es wird vom Papst geleitet. 

Einige Kirchen im Nahen Osten haben Riten, die sich von denen der römisch-katho- 
lischen Kirche unterscheiden. Es handelt sich um die griechische, die russische, die 
rumänische und die armenische Kirche. In diesem Zusammenhang mag es von Interesse 
sein, daß die griechisch-rumänische Kirche mehr als 1 Million Gläubige zählt, während 
der griechisch-ruthenischen Kirche kaum ein Viertel dieser Anzahl angehört. Außerdem 
gibt es 300 000 Syro-Maroniten, deren Riten und Gebete eine Mischung aus syrischen 
und arabischen Elementen darstellen. Die griechischen Melachiten, deren Riten ara- 
bischer und deren Zeremoniell griechischer Herkunft sind, haben etwas mehr als 
100 000 Anhänger. 

Mehr als 100000 Armenier leben verstreut zwischen Ungarn und Persien, während in 
Persien, Kurdistan und im Irak (Mesopotamien) etwa 40 000 Syro-Chaldäer leben. In 
Ägypten gibt es etwa 10 000 Anhänger koptischer Riten, und in Abessinien zählen die 
Äthiopier etwa 30 000 Anhänger. Selbst in Hindustan leben etwa 200 000 Katholiken, 
die sich nach den syrischen Riten von Malabar richten. Darüber hinaus gibt es die rein 
syrischen, rein griechischen, die griechisch-bulgarischen Formen u. a. 

7. Die Konzilkongregation. 

Sie setzte sich ursprünglich aus acht Kardinälen zusammen, die mit der Leitung des 
Konzils von Trient betraut waren. Jetzt beschäftigt sich die Kongregation vor allem mit 
der kirchlichen Disziplin in der ganzen Welt und mit der Revision der Kirchen Versamm- 
lungen. Sie kann mit einem großen Innenministerium verglichen werden. 

8. Die Konsistorialkongregation. 

Diese Kongregation hat viel Ähnlichkeit mit dem Heiligen Offizium in seiner gegen- 
wärtigen Gestalt. Sie hat dasselbe Oberhaupt, den Papst, und die ihr angehörenden 
Kardinäle und Mitarbeiter sind zur gleichen Geheimhaltung verpflichtet. Sie wurde 1588 
gegründet und zu Beginn dieses Jahrhunderts reorganisiert. 

Die Konsistorialkongregation ist verantwortlich für den Aufbau der Konsistorien - 
der kirchlichen Oberbehörden für die Ernennung der Bischhöfe sowie für die Struktur 
und Existenz der Diözesen. Sie ist eine Art Personalabteilung. Hier werden alle Diszi- 
plinarmaßnahmen eingeleitet, die der katholischen Kirche geeignet scheinen, ihre 
Geistlichen in der ganzen Welt zu kontrollieren, zum Beispiel die Bestrafung von 



26 



Priestern, die gegen ihre Pflichten verstoßen oder sich mit Institutionen, Personen oder 
politischen Parteien eingelassen haben, die der katholischen Kirche feindlich gesinnt sind 
oder von ihr abgelehnt werden. Wenn wir später die Politik des Vatikans in den ein- 
zelnen Ländern behandeln, werden wir vielen solchen Beispielen begegnen. An dieser 
Stelle genügt es, zu erwähnen, daß der Vatikan 1924 ein Verbot (non expedire) über alle 
amerikanischen Priester verhängte, die dem Rotaryklub beitreten wollten oder beige- 
treten waren. 

Die Konsistorialkongregation kann man als eine Art kirchlichen Scotland Yard be- 
zeichnen. 

9. Die Kongregation der außerordentlichen kirchlichen Angelegenheiten. 
Als wir das Staatssekretariat behandelten, hatten wir bereits Gelegenheit, einen Blick 
auf die Tätigkeit dieser Kongregation zu werfen. Sie ist in politischer Hinsicht zweifellos 
die wichtigste. In ihr wird die Vatikanpolitik geplant, überprüft und ausgeführt. Pius VI. 
rief sie 1793 ins Leben, um die kirchlichen Angelegenheiten in Frankreich zu regeln. 
Später (1814) gewährte Papst Pius VII. ihr das Recht, alle Angelegenheiten zu über- 
prüfen und zu begutachten, die dem Heiligen Stuhl unterbreitet werden. Sie befaßt sich 
mit allen Fragen kirchlicher und politischer Natur, überprüft die diplomatischen Be- 
ziehungen des Vatikans zu anderen Staaten, zu politischen Parteien usw. und führt die 
Verhandlungen über die Konkordate, Ihr Präfekt ist der Kardinalstaatssekretär. 
10. Das Heilige Offizium (früher unter dem Namen Inquisition bekannt). 

Die Inquisition ist ein kirchlicher Gerichtshof, dem „die Aufdeckung, Bestrafung und 
Verhütung von Häresie" obliegt. Sie wurde erstmals 1229 durch Papst Gregor IX. in 
Südfrankreich eingesetzt. Die Inquisition arbeitete nach dem Grundsatz, daß „die Wahr- 
heit Rechte besitzt, deren Ansprüche erfüllt und gefördert werden müssen, sowohl im 
Interesse der weltlichen als auch der kirchlichen Gerechtigkeit. Der Irrtum hat keinerlei 
Rechte und muß unterbunden oder ausgerottet werden" {Catholic Encyclopcedia). 

Die Inquisition wurde ursprünglich geschaffen, um die Albigenser zu vernichten. 
Diese Aktion war der Anfang einer Reihe ähnlicher Massenvernichtungen von Häreti- 
kern im Mittelalter. Die Inquisition war in der ganzen Christenheit gefürchtet wegen 
ihrer Gewalttätigkeiten gegen alle, die der Häresie verdächtig waren, d. h. gegen alle, 
die die Dogmen der katholischen Kirche anzweifelten, nach deren Berechtigung und 
Wahrheitsgehalt zu fragen sich erkühnten oder gegen die päpstliche Macht zu rebellieren 
wagten. 

Diese Institution erlangte ihre höchste Vervollkommnung in der sogenannten Spani- 
schen Inquisition, die 1478 unter Sixtus TV. von König Ferdinand und Königin Isabella 
eingerichtet wurde. Die Inquisition sorgte von 1550 bis in die Mitte des 17. Jahrhun- 
derts dafür, daß in Spanien kein Platz für den Protestantismus war. 

1 542 wurde in Fortsetzung und Ablösung der Universalen Römischen Inquisition das 
Heilige Offizium (Congregatio Romanae et Universalis Inquisitionis Sancti Ojficii) ge- 
gründet. Es hat 1917 auch die Aufgaben der aufgelösten Kongregation für den Index 
übernommen. Das Heilige Offizium hat die Aufgabe, den Glauben und die Moral zu 
wahren, Häresie zu verurteilen und die Dogmen zu schützen. Es schreitet zum Beispiel 
ein gegen Nachgiebigkeit in der Frage der Verhinderung von Ehen zwischen Katholiken 
und Nichtkatholiken und entscheidet, welche Bücher ein Katholik nicht lesen darf, weil 
sie dem Glauben schaden oder sonst „verderblich" sind. Der Präfekt dieser Kongregation 
ist der Papst. Er führt selbst den Vorsitz, wenn wichtige Angelegenheiten zu entscheiden 
sind. 

Die Heilige Kongregation des Heiligen Offiziums war entsprechend der kirchlichen 
Lehre die höchste Autorität der römischen Kurie und hatte als einzige das Privileg, 



27 



bindende Entscheidungen in Glanbens- und Moralangelegenheiten zu fällen. Mehr als 
einmal nahm der Papst die alleinige Verantwortung für solche Entscheidungen auf sich, 
indem er der Kongregation bestimmte Erlasse aufzwang. 

Ist die Theorie und Praxis des Heiligen Offiziums, d. h. der Inquisition, auch heute 
noch in der katholischen Kirche lebendig? 

Es wäre gut, wenn man diese Frage verneinen konnte. Aber leider ist es nicht der Fall. 
Die Kirche vertritt nach wie vor die Auffassung daß „die Wahrheit Rechte besitzt, deren 
Ansprüche erfüllt und gefördert werden müssen sowohl im Interesse der weltlichen als 
auch der kirchlichen Gerechtigkeit". Und unter der „Wahrheit" versteht die Kirche 
ihre eigene Wahrheit, denn „außerhalb der Kirche ist keine Wahrheit und kann keine 
Wahrheit sein". 

In der Theorie pflegt die Kirche noch immer den Geist, der das frühere Heilige 
Offizium beherrscht hat. Aber in der Praxis kann sie nicht mehr tun, was sie früher tat. 
Nicht, weil sie sich gewandelt hätte, sondern weil sich die Welt und die Gesellschaft 
verändert haben und es ihr nicht langer gestatten, so zu handeln wie früher. 

Daß die katholische Kirche keineswegs das anmaßende Verhalten aufgegeben hat, 
das im Heiligen Offizium seine Verkörperung fand, wird allein durch die Tatsache 
bewiesen, daß sie selbst in unserem 20. Jahrhundert versucht, ihren Forderungen Geltung 
zu verschaffen, wo immer es ihr möglich scheint. Natürlich hat das nur dort Erfolg, wo 
sich der Staat völlig der katholischen Kirche unterwirft. In allen diesen Fällen zeigt die 
Kirche den Geist der Inquisition, wenn auch in gemilderten Formen. Ein Beweis dafür 
sind die beiden katholischen Musterstaaten, das Portugal Salazars und das Spanien Fran- 
cos. Dort kommen Leute ins Gefängnis, wenn sie sich weigern, sonntags in die Messe zu 
gehen. Dort wird der Protestantismus systematisch verfolgt. In vielen Fällen wurden 
protestantische Priester ins Gefängnis geworfen oder sogar erschossen (nachzulesen in 
der katholischen Zeitung Das Universum, Januar 1945). 

Ein anderes typisches Beispiel für den Geist, der das Heilige Offizium beherrscht: 
1920 richtete es einen Brief an alle italienischen Bischöfe und forderte sie auf, „eine 
Organisation zu überwachen, die . . . Indifferenz und Apostasie verbreitet". Der Brief 
bezog sich auf die Christliche Vereinigung Junger Männer (CVJM), die in und nach dem 
Krieg versucht hatte, durch zahlreiche philantropische Unternehmungen im ganzen Land 
die Moral des italienischen Volkes zu heben. Nachdem der Vatikan sie auf vielfältige Art 
entmutigt hatte, erklärte er, diese Organisation sei eine Zentrale des italienischen und 
amerikanischen Protestantismus und stelle eine Gefahr für den Katholizismus dar. Der 
CVJM tat in Wirklichkeit nichts anderes als Zigaretten und Schokolade zu verteilen und 
Vortrags- und Theaterabende für die Soldaten zu veranstalten. 

Viele Leute, vor allem in Amerika, wollten es lange nicht glauben, daß der Vatikan 
diese Organisation bekämpfte, bis der Kardinalstaatssekretär — zu dieser Zeit Oberhaupt 
des Heiligen Offiziums - einen Brief veröffentlichte, der es jedem Katholiken untersagte, 
sich mit dem CVJM einzulassen. In dem Brief hieß es: „Ihre Hohen Eminenzen und 
Hochwürden, die Kardinäle, die, wie der Unterzeichner dieses Briefes, als Generalinquisi- 
toren in Angelegenheiten des Glaubens und der Moral tätig sind, wünschen, daß die 
Gläubigen ihre wachsame Aufmerksamkeit auf die Art und Weise richten, in der gewisse 
neue, nichtkatholische Vereinigungen durch die Mithilfe ihrer Anhänger verschiedener 
Nationalität es sich jetzt und schon seit geraumer Zeit angelegen sein lassen, den Gläubi- 
gen, insonderheit der Jugend, Fallen zu stellen. Sie erweisen eine Menge Gefällig- 
keiten jeglicher Art, korrumpieren aber in Wirklichkeit die Integrität des katholischen 
Glaubens und entreißen die Kinder ihrer Mutter, der Kirche. Unter dem Vorwand, junge 
Menschen erleuchten zu wollen, entziehen sie diese den Lehren der Kirche, die von Gott 
errichtet wurde, und spornen sie an, sich von ihrem eigenen Gewissen abzuwenden und 



28 



im engen Umkreis der menschlichen Vernunft jenes Licht zu suchen, das sie erleuchten 
soll . . . Unter diesen Vereinigungen . . . muß vor allem jene erwähnt werden, der die 
meisten Mittel zur Verfügung stehen : Wir meinen jene Vereinigung, die sich ,Christliche 
Vereinigung Junger Männer* nennt. Alle, die vom Himmel den besonderen Auftrag erhal- 
ten haben, die Herde des Herrn zu leiten, Werden von dieser Kongregation flehentlich er- 
sucht, ihren Eifer daranzusetzen, die jungen Leute vor den Versuchungen durch jegliche 
Vereinigungen dieser Art zu bewahren . . . Ruft die Unklugen zur Ordnung und stärkt die 
Seelen jener, deren Glauben schwankend geworden ist ... Die Heilige Kongregation 
fordert, daß die Geistlichkeit jedes Bezirks in einem offiziellen Akt alle Tageszeitungen, 
Zeitschriften und anderen Publikationen jener Vereinigungen, deren gefährlicher Cha- 
rakter offenkundig ist, weil sie in den Seelen der Katholiken die Irrtümer des Rationalis- 
mus und des religiösen Indifferentismus ausstreuen, für ,zu Recht verboten' erklärt . . . 
5. Nov. 1920, Kardinal Merry del Val, Sekretär." 

Dieses Verbot wurde auch im zweiten Weltkrieg allen Katholiken auferlegt. Der 
Vatikan tat alles, was in seinen Kräften stand, um die katholischen Soldaten und Zivili- 
sten davon abzuhalten, sich mit einer dieser Vereinigungen oder mit ähnlichen Gruppen 
einzulassen. Diese — typische — Handlungsweise der Kongregation im 20. Jahrhundert 
bedarf keines Kommentars. Sie beweist die Richtigkeit unserer Behauptung, daß die 
katholische Kirche nach wie vor von dem Geist beseelt ist, der im Mittelalter zur Er- 
richtung der Inquisition geführt hat, und daß es lediglich das Verdienst unserer Zeit ist, 
wenn die Kirche heute nicht mehr auf so drastische Weise der Gesellschaft ihren Willen 
aufzwingen kann. 

Die Tribunale 

1. Die Heilige Römische Rota. 

Die Römische Rota ist ein Gerichtshof. Vor ihm werden alle Fälle behandelt, die die 
katholische Hierarchie betreffen und ein Gerichtsurteil zivilrechtlicher oder strafrecht- 
licher Art erfordern. Darüber hinaus ist die Römische Rota vielen als die Instanz der 
katholischen Kirche bekannt, die Ehen für nichtig erklären kann. Sie hatte sich im Lauf 
der Jahrhunderte mit zahlreichen bedeutenden Persönlichkeiten zu befassen, und ihre 
Entscheidungen hatten weitreichende religiöse, soziale und politische Folgen. Hier seien 
nur die Namen Heinrich VIII., der Borgia und Napoleons genannt. 

Ein Katholik muß von einem Geistlichen oder dessen Beauftragten im Beisein zweier 
Zeugen getraut werden. Andernfalls ist die Ehe heimlich und nichtig. Mit anderen Wor- 
ten, sie hat nach Auffassung der katholischen Kirche niemals existiert, selbst wenn daraus 
Kinder hervorgegangen sind. 

Wenn ein katholischer Gläubiger seine Ehe annullieren lassen will, hat er einen weiten 
Weg vor sich. Der Fall wird einem bischöflichen Gericht vorgetragen. Ein Beamter, der 
Defensor vinculi, tritt für die Gültigkeit der Ehe ein. Der Bischof kann entsprechend 
dem kanonischen Recht trotzdem ihre Annullierung erklären, wenn der Beweis erbracht 
wird, daß einer der Ehegatten zur Zeit der Eheschließung nicht getauft war, dem geist- 
lichen Stand angehörte, durch ein Keuschheitsgelübde gebunden war oder einen anderen, 
noch lebenden Ehegatten hatte. Auch im Fall zu naher Verwandtschaft kann die Ehe 
annulliert werden. Falls der Defensor vinculi oder die Partei, die die Aufhebung der Ehe 
erstrebt, mit dem Urteil nicht einverstanden sind, kann die Römische Rota angerufen 
werden. 

Die Anzahl der Fälle, die vor die Rota gebracht werden, ist gering, noch geringer aber 
ist die Anzahl der Fälle, die vor ihr mit Erfolg verhandelt wurden. Während des Jahr- 
zehnts von 1920 bis 1930 brachten 550 Millionen Katholiken lediglich 442 solche Fälle 
vor die Rota. Von diesen 442 Fällen waren 95 Berufungen gegen Entscheidungen 



29 



desselben Tribunals. Von den 347 neuen Fallen waren nur 175 erfolgreich. 1945 wurden 
von 80 beantragten Nichtigkeitserklärungen 35 gewährt. 

2. Die Apostolische Segnatura. 

Die Apostolische Segnatura wurde im 15. Jahrhundert gegründet und ist der höchste 
Gerichtshof der katholischen Kirche. Seine Bezeichnung beruht auf der Tatsache, daß die 
Prälaten, die beauftragt waren, allen Arten von Bittschriften nachzugehen, bei deren 
Beantwortung der Unterschrift des Papstes bedurften. Nach dem Verlust der päpstlichen 
Besitzungen wurde die Apostolische Segnatura geschlossen. Papst Pius X. führte sie 
wieder ein. In ihrer gegenwärtigen Form hat sie vor allem die Aufgabe, sich mit Fragen 
der Ehe zu befassen. Ihr gehören sechs Kardinäle an. 

3. Die Apostolische Pönitentiarie. 

Diese Institution befaßt sich mit den aus allen Teilen der "Welt eintreffenden Bittschrif- 
ten, in denen um Absolution für bestimmte Verbrechen ersucht wird. Sie entstand 1130, 
als Papst Innocenz II. sich selbst das Recht vorbehielt, „Absolution für Kapitalverbrechen 
gegen Geistliche, wo immer sie begangen wurden, zu erteilen". Der Gerichtshof wird 
von einem Kardinal geleitet, der auf Lebenszeit bestellt ist, er erteilt dem Papst auf dem 
Totenbett Absolution. 

Eine der besonderen Aufgaben dieses Gerichtshofes ist es, Ablaß zu gewähren. Das 
geschieht in drei Kirchen - in Sankt Peter, Sankt Johannes Lateran und in Santa Maria 
Maggiore. Jede dieser drei Kirchen hat einen Beichtstuhl, in dem sich ein langer Stab 
befindet. „Die Priester, die diesen Beichtstuhl innehaben, sind Mitglieder des Tribunals 
der Buße (Apostolische Pönitentiarie), sie werden daher die Pönitentiaries genannt. Sie 
suchen die Basiliken auf und nehmen, wenn sie einen Pilger auf den Knien im Zustand 
der Reue vorfinden, den Stab aus dem Beichtstuhl, berühren mit ihm zum Zeichen ihrer 
Milde des Knienden Haupt, richten es auf und gewähren ihm den Ablaß." (Der Vatikan 
von Seldes, S. 21) 

Was ist ein Ablaß? Der Erlaß jener zeitlichen, mit der Sünde verbundenen Strafen 
vor Gott, deren Schuld vergeben ist entweder durch das Sakrament der Buße oder durch 
einen Akt völliger Reue. Den Erlaß gewährt eine kompetente kirchliche Autorität auf 
Grund der Vollmacht der katholischen Kirche zur Sündenvergebung - den Lebenden 
mit Hilfe der Absolution, den Toten auf dem Wege der Fürbitte (Catholic Encyclopcedia). 
Ablässe werden entweder vollständig oder teilweise gewährt. Ein Teilablaß bezieht sich 
auf einen Teil der mit der begangenen Sünde verbundenen Strafe; die Proportionen 
werden in Zeitbegriffen ausgedrückt (z. B. dreißig Tage, sieben Jahre usw.). Ablasse, die 
auf Grund von Gebeten gewährt werden, gehen verlustig durch Zusätze, Weglassungen 
oder Veränderungen beim Beten. Es ist obligatorisch, daß sich der Sünder, um einen Ab- 
laß gewährt zu bekommen, wie groß oder wie klein seine Sünde auch immer gewesen 
sein mag, im Zustand der Reue befindet. 

Man kann sich leicht vorstellen, welche Macht die katholische Kirche über einen 
katholischen Gläubigen durch dieses System geistiger Versicherungspolicen für das Leben 
nach dem Tode gewinnt. Es geht hier nicht darum, das Ablaßsystem vom religiösen 
oder theologischen Standpunkt aus zu erörtern, sondern darum, zu zeigen, welche Waffe 
dieses System für die Macht der Kirche über ihre Gläubigen darstellt. Dieser geistige 
Druck wird dadurch verstärkt, daß zusätzlich zu den verschiedenen Ablaßarten, die die 
Kirche durch die Auferlegung von Gebeten oder anderen Taten der Ergebenheit gewährt, 
die Hierarchie der katholischen Kirche - Bischöfe, Kardinäle und der Papst - auch nach 
eigenem Gutdünken Ablaß gewähren kann. 

Der Papst ist der höchste Sündenvergeber. Nur er kann „durch seine göttliche 
Autorität die Dispensation auf Grund der Vollmacht der katholischen Kirche zur 



30 



Sündenvergebung erteilen". Niedrigere Stellen der katholischen Kirche dürfen Ablaß 
nur in dem Umfang gewähren, den das kanonische Recht vorsieht : Kardinäle 200 Tage, 
Erzbischöfe 100 Tage, Bischöfe 50 Tage. Keiner kann Ablässe auf andere lebende 
Personen übergehen lassen, aber alle päpstlichen Ablässe können auf Seelen im Fege- 
feuer übertragen werden, soweit es nicht anders festgelegt ist. Apostolische Ablässe 
können vollständig oder teilweise sein, vorausgesetzt sie sind vom Papst oder seinem 
Beauftragten gesegnet. 

Durch dieses geistige Instrument erlangt die katholische Kirche nicht nur große 
Autorität bei ihren Gläubigen, sie ist darüber hinaus durch ihren Anspruch, eine Strafe 
nach dem Tode erlassen zu können, in der Lage, einen gewaltigen Druck auf die reli- 
giösen und moralischen Gepflogenheiten ihrer Anhänger auszuüben. Zugleich steigert sie 
dadurch die Autorität des Papstes. 



Kapitel iv Der geistige Totalitarismus des Vatikans 



Der Index - Wie ein Buch verurteilt wird - Werke der Weltliteratur, die ein Katholik 
nicht lesen darf - Klassische Beispiele kirchlicher Einmischung in wissenschaftliche 
Angelegenheiten — Die Propaganda Fide — Wie sie arbeitet - Ihre Entwicklung - Ihre 
letzte Zielsetzung: eine katholische Welt. 



Ai s wir uns mit dem Heiligen Offizium befaßten, erklärten wir, daß die 
katholische Kirche keineswegs ihre geistige Haltung, „allein im Besitz der 
Wahrheit zu sein", jene Haltung also, die zur Inquisition führte, aufge- 
geben hat. Die Zeiten haben sich geändert und mit ihnen die Methoden der 
katholischen Kirche. Aber ihr Geist blieb unwandelbar im Lauf der Jahr- 
hunderte, wenn er auch in der modernen Gesellschaft viel an Macht ver- 
loren hat. Daß der Index auch in unserem Jahrhundert weitergeführt wird, 
ist der beste Beweis dafür. 

Bei der Untersuchung dieser Erscheinung fällt sofort die Ähnlichkeit mit 
der geistigen Haltung faschistischer Regime ins Auge, unter deren Herr- 
schaft den Massen ebenfalls nur das zu lesen und zu sehen erlaubt wird, 
was zuvor die Zustimmung der Regierung gefunden hat. Beide, die katho- 
lische Kirche und die faschistischen Regierungen, bedrohen die Menschen, 
die sich ihrem Urteil nicht unterwerfen, mit schweren Strafen — die katho- 
lische Kirche mit der ewigen Verdammnis, die faschistischen Staaten mit 
Gefängnis und Konzentrationslager. 

Die Gleichheit der Methoden und Motive der katholischen Kirche und 
der faschistischen Staatswesen erkennen wir noch klarer, wenn wir, nach 
dem Index, eine weitere Abteilung des Vatikans untersuchen — die Pro- 
paganda Fide. 

Die Propaganda Fide hat die Aufgabe, den katholischen Glauben unter 
dem Gesichtspunkt zu verbreiten, daß die katholische Religion die einzig 
wahre Religion ist; alle anderen Religionen seien falsch und müßten ver- 
schwinden; der größere Teil der Menschheit — Protestanten, Moslems, Bud- 
dhisten, Hindus, Juden und Heiden - könne nur gerettet werden, wenn er 
sich dem Katholizismus ergebe. Das Betätigungsfeld der Propaganda Fide 
ist daher buchstäblich die ganze Welt, ihr höchster Auftrag ist, die gesamte 
Menschheit zum Katholizismus zu bekehren. 

Faschistische Staaten arbeiten ebenso. Sowohl das faschistische Italien als 
auch Hitlerdeutschland richteten ein umfassendes Propagandaministerium 
ein, das auf politischem Gebiet und in der Behandlung nationaler, ras- 
sischer oder rein ideologischer Fragen die gleiche Zielsetzung hatte wie die 
katholische Kirche auf religiösem Gebiet. 



32 



Sowohl die katholische Kirche als auch die faschistischen Staaten behalten 
sich das Recht vor, nach eigenem Gutdünken die Verbreitung bestimmter 
Ideen zu untersagen und mit Zwangsmitteln soviel Menschen wie möglich 
der eigenen Ideologie oder Religion zu unterwerfen. 

Diese enge Verbindung zwischen den Diktaturen des 20. Jahrhunderts 
und der katholischen Kirche ist kein Zufall. Beide haben die gleiche Geistes - 
haltung, beide arbeiten mit den gleichen Mitteln, und beide streben — je- 
weils auf ihrem Gebiet - das gleiche Ziel an. Deshalb war es auch durchaus 
natürlich, daß sich der geistige Totalitarismus der katholischen Kirche so 
oft mit dem politischen Totalitarismus des Faschismus und Nazismus ver- 
bündete, selbst in Zeiten, in denen beide, entsprechend ihrer besonderen 
Zielsetzung, eigentlich hätten aufeinanderprallen müssen. 

Mit Hilfe des Index und der Propaganda Fide übt die katholische Kirche 
in der ganzen Welt' einen gewaltigen Einfluß auf religiösem Gebiet aus 
und berührt auf diese Weise ethische, kulturelle, soziale und oft auch poli- 
tische Fragen. Deshalb wollen wir uns beide Abteilungen etwas näher 
ansehen. 

Was ist der Index? 

Der Index ist eine Liste von Büchern, die ein katholischer Gläubiger nicht 
lesen darf. Das klingt ziemlich einfach. Sind sich aber alle denkenden Men- 
schen der Konsequenzen bewußt, die sich aus diesen Worten ergeben? 

Der irische Geistliche Dr. Timothy Hurley sagte: „Es ist römisch-katho- 
lischen Gläubigen bei Strafe des Begehens einer Todsünde oder selbst der 
Exkommunikation verboten, Bücher zu lesen, die sich gegen die katholische 
Kirche richten." 

Papst Pius IV. erklärte das Lesen eines verdammten Buches zur Tod- 
sünde. 

Sehen wir uns die Formel der Päpste an, wie sie im 17. und 18. Jahrhundert 
lautete : 

„Wir verdammen dieses Werk nach reiflicher Überlegung auf Grund Unseres per- 
sönlichen Urteils (motu proprio) und mit der sicheren Gewißheit seines verderblichen 
Charakters auf Grund Unserer Apostolischen Autorität (die uns übertragen wurde), und 
Wir verbieten jedermann, welches seine Stellung oder sein Rang auch sein möge, den 
Druck, das Lesen oder den Besitz desselben. 

Die Strafe für Ungehorsam soll sein: excommunicatio latae sententiae* . Wir bestim- 
men, daß die existierenden Bestände des besagten Buches dem Bischof oder dem Inqiiisi- 
tor der Diözese zu übergeben sind, der sie ohne Verzögerung zu verbrennen hat.' 1 

Die Gesetze des Index sind für alle Katholiken bindend; ausgenommen sind Kardi- 
näle, Bischöfe und andere Würdenträger, deren Rang nicht unter dem eines Bischofs 
sein darf. 

* Automatische Exkommunikation. 



3 M359 



33 



Das kanonische Recht läßt keinen Zweifel darüber, welche Bücher nicht gelesen 
werden dürfen. Es gibt zwölf Kategorien: 

1. Alle von Nichtkatholiken veranstalteten Ausgaben des Originaltextes und der alten 
katholischen Übersetzungen (Septuaginta y Vulgata) der Heiligen Schrift, auch der orien- 
talischen Kirchen ; ebenso alle von Nichtkatholiken veranstalteten oder herausgegebenen 
Ubersetzungen der Heiligen Schrift in die Volkssprache. 

2. Schriftwerke beliebiger Schriftsteller (katholischer oder nichtkatholischer), welche 
die Häresie oder das Schisma verteidigen oder die Grundwahrheiten der Religion, zum 
Beispiel den Glauben an Gott und die Unsterblichkeit, in irgendeiner Weise (in wissen- 
schaftlicher Weise oder durch Entstellung, Spott, Hohn usw.) zu untergraben suchen. 

5. Schriftwerke, welche die Religion und die guten Sitten nicht bloß gelegentlich, 
sondern systematisch befehden („schlechte Presse"). 

4. Schriftwerke beliebiger Nichtkatholiken, welche ihrem wesentlichen Inhalt nach 
{ex professo) von der Religion handeln, außer es steht fest, daß nichts gegen den katho- 
lischen Glauben in ihnen enthalten ist. 

5. Schriftwerke der in c. 1585 § 1 und 1391 genannten Art (Ausgaben der Heiligen 
Schrift, Gebets-, Andachts- und Erbauungsbücher, Heiligenbilder, Ubersetzungen der 
Heiligen Schrift, Schriftwerke der Theologie, der Kirchengeschichte, des Kirchenrechts 
u. a.), welche nicht die kirchliche Vorzensur tragen; ferner alle nicht approbierten Bücher 
und Broschüren, welche neue Erscheinungen (z. B. die Heilige Jungfrau), Offenbarun- 
gen, Visionen, Weissagungen, Wunder berichten oder neue Andachten, wenn auch nur 
als private, einführen. 

6. Schriftwerke, welche irgendein katholisches Dogma bekämpfen oder verspotten, 
vom Apostolischen Stuhl verworfene Irrtümer in Schutz nehmen, den Gottesdienst her- 
absetzen, die kirchliche Disziplin zu erschüttern suchen, die kirchliche Hierarchie, den 
geistlichen oder Ordensstand vorsätzlich beschimpfen. 

7. Schriftwerke, welche den Aberglauben in irgendeiner Form, Weissagekunst, Weis- 
sagungen, Zauberei, Geisterbeschwörungen und ähnliche Dinge lehren oder empfehlen. 

8. Schriftwerke, welche das Duell, den Selbstmord, die Eheauflösung als erlaubt hin- 
stellen; Bücher über Freimaurerei oder ähnliche Geheimbünde, welche die genannten 
Bünde als nützlich oder wenigstens als ungefährlich für die Kirche und die bürgerliche 
Gesellschaft bezeichnen. 

9. Schriftwerke, welche ihrem wesentlichen Inhalt nach laszive und obszöne Dinge 
erzählen (Romane) oder lehren. 

10. Ausgaben liturgischer, vom Apostolischen Stuhl approbierter Bücher, in welchen 
Änderungen vorgenommen worden sind, so daß sie mit den authentischen Ausgaben 
nicht übereinstimmen. 

11. Schriftwerke, durch welche falsche oder vom Heiligen Stuhl verworfene oder 
widerrufene Ablässe verbreitet werden. 

12. Bilder von Jesus Christus, der seligsten Jungfrau, den Engeln und Heiligen und 
sonstigen Dienern Gottes, welche kirchlichen Anschauungen und Vorschriften wider- 
sprechen.* 

Wie man sieht, läßt die katholische Kirche ihren Gläubigen nicht viel 
Möglichkeiten, sich ihre Lektüre nach eigenem Gutdünken auszuwählen. 

* Deutscher Text nach Eichmann, Lehrbuch des Kirchenrechts, Paderborn 1926, 
S. 469. - Im weiteren sind alle ursprünglich aus dem Deutschen stammenden Zitate, 
wenn sie keinen Hinweis auf eine deutsche Quelle tragen, Rückübersetzungen aus 
dem Englischen. 



34 



Das Verfahren, nach dem ein Buch auf den Index gesetzt wird, ist ein- 
fach. Gewöhnlich unternehmen Bischöfe, die ein bestimmtes Buch verdammt 
wissen möchten, die ersten Schritte und wenden sich unmittelbar an die 
Höchste Heilige Kongregation; manchmal ergreift auch die Kongregation 
selbst die Initiative. Im Auftrag der Kongregation liest einer ihrer Lektoren 
das Buch sorgfältig und sucht die „schlechten Stellen" heraus. Anschließend 
beurteilen noch andere Lektoren — im allgemeinen etwa 30 — das Buch. 
Die Gutachten der Konsultatoren — so werden die Lektoren genannt - wer- 
den den Kardinälen vorgelegt. Diese diskutieren über das Buch und fällen 
schließlich das Urteil. Diesem Kardinalsgremium gehören 7 bis 10 Kardi- 
näle an. 

Vier Urteile sind möglich*: Damnetur (verdammt), Dimittatur (Be- 
schwerde abgewiesen), Donec Corrigatur (verboten bis zur Korrektur), Res 
Dilata (Entscheidung vertagt). 

Die Autoren oder Verleger werden vor der Veröffentlichung des Urteils 
nicht benachrichtigt, mit Ausnahme katholischer Autoren, denen eine 
Chance gegeben wird, das Buch entweder zurückzuziehen oder sich Öffent- 
lich dem Urteil des Heiligen Offiziums zu unterwerfen. Keinem Autor ist 
es gestattet, sein Buch vor dem Heiligen Offizium zu verteidigen. 

Lautet das Urteil der Kardinäle Damnetur, so wird der Titel des Buches 
im offiziellen Teil des Osservatore Romano, der Zeitung des Vatikans, ver- 
öffentlicht, danach in der Acta Apostolicae Sedis und schließlich in den reli- 
giösen Organen der ganzen Welt. 

Welche Bücher überprüft werden, wird nicht bekanntgegeben. Die Ge- 
heimnisse des Heiligen Offiziums werden streng gewahrt. Die Angestellten, 
die Konsultatoren und selbst die Kardinäle oder Mitglieder der Höchsten 
Heiligen Kongregation dürfen niemals etwas über die Angelegenheiten ver- 
lauten lassen, die bei den Zusammenkünften behandelt werden. 

Ist ein Buch verboten, so darf es kein Katholik, bei Strafe der Todsünde, 
das heißt der ewigen Verdammnis, anrühren oder lesen. Befindet sich eine 
verbotene Publikation in einem Band mit anderen, nichtverbotenen Schrif- 
ten, so ist der ganze Band verboten. Selbst von Bibelgesellschaften verlegte 
Bibeln sind verboten. Als Zeuge möge wieder Rev. Dr. Timothy Hurley 
dienen: „Alle Übersetzungen in die Landessprache durch Nichtkatholiken, 
insbesondere jene, die von Bibelgesellschaften besorgt wurden, sind streng 
verboten." Um sicherzustellen, daß sich alle katholischen Gläubigen an die 
Richtlinien des Index halten, wird die katholische Kirche nicht müde, mit 
Hilfe ihrer Presse und der Geistlichkeit die Gläubigen zu zwingen, den 
Gesetzen der Kirche Gehorsam zu leisten. In fast allen katholischen 

• Siehe Fußnote Seite 34. 



35 



Ländern und in den Ländern mit starken katholischen Minderheiten wird ein 
kirchlicher Würdenträger, zumeist ein Jesuit, beauftragt, die Gläubigen in 
der Wahl ihrer Lektüre anzuleiten. In manchen katholischen Ländern gibt 
es einen besonderen Exekutivbeamten des Index, wie zum Beispiel den Abbe 
Bethleem in Frankreich. 

Die katholische Kirche verhindert durch diese Exekutivbeamten, durch 
den Klerus und durch die katholische Presse die Veröffentlichung bestimm- 
ter Bücher, sucht andere zu unterdrücken und veranlaßt die Gläubigen, die 
verbotenen Bücher, Zeitungen und Zeitschriften zu boykottieren. Katho- 
lische Klubs, Organisationen und Einzelpersonen beteiligen sich an der 
Boykottkampagne mit einem Eifer, den man kaum für möglich hielte, 
würde er nicht immer wieder in aller Öffentlichkeit vor Augen geführt. 

Zu solchen Erscheinungen kommt es überall, wo Katholiken leben. 
Und nach der Ansicht eines treuen Gläubigen hat die katholische Kirche 
nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht, so zu handeln. Warum? 
Wir zitieren den französischen Exekutivbeamten des Index, den Ahb& 
Bethleem: 

„Die katholische Kirche hat, vermöge der Macht, die von ihrem göttlichen Gründer 
«uf sie überkommen ist, das Recht und die Pflicht, den Irrtum und die Bosheit zu ver- 
dammen, wo immer sie angetroffen werden; sie hat ebenfalls in natürlicher Konsequenz 
das Recht, Bücher zu verdammen, die gegen den Glauben oder gegen die christliche 
Moral gerichtet sind oder die, ohne bösartig zu sein, von diesem doppelten Standpunkt 
her gefährlich werden können." 

Der Abb£ erläutert, weshalb die Kirche die Werke von Renan, Zola und 
anderen verdammt hat, und macht dann geltend - eine Erklärung, der die 
katholische Kirche beipflichtet daß „die Kongregation für den Index nur 
eine beschränkte Anzahl der verurteilenswerten Bücher verdammen kann ; die 
anderen gelten als verdammt auf Grund der allgemeinen Bestimmungen". 

Hier ist nicht der Platz, die ungewöhnlich interessante Geschichte des 
Index wiederzugeben; es möge genügen, die wichtigsten Ereignisse fest- 
zuhalten. 

Die ersten Anfänge des Index finden wir bereits in der Frühgeschichte 
der katholischen Kirche. Es wird behauptet, der Apostel Paulus selbst habe 
den Anstoß dazu gegeben: „Gar manche aber von denjenigen, welche Vor- 
witziges angestrebt hatten, trugen die Bücher zusammen und verbrannten 
sie angesichts aller." (Apostelgeschichte XIX, 19)* Andere behaupten, die 
erste Zensur sei erfolgt, als eine bischöfliche Synode im Jahre 150 die 
Acta Pauli verdammte, einen Roman, der den heiligen Paulus betraf; doch 
dieses Faktum ist umstritten. Im Jahre 325 verdammte das Konzil von 

* Nach der Ubersetzung der Vulgata von Loch-Reischl, Regensburg, 1905. 



36 



Nicäa die Häresie des Arius und verbot dessen Buch Thalia. Die hierüber 
vorhandene Urkunde ist das erste historisch beweiskräftige Dokument, auf 
das der Index zurückgeht. Im Jahr 400 verbot das Konzil von Karthago, 
heidnische Bücher zu lesen. Die erste Bücherliste, die man als Vorläufer 
des heutigen Index bezeichnen kann, wurde unter Papst Gelasius aufgestellt. 
Sie enthielt, verwunderlich genug, sowohl die Offenbarungsgeschichten der 
Bibel als auch die apokalyptischen Schriften und häretische Bücher und 
befahl deren Einziehung und Vernichtung. Mendham, ein protestantischer 
Historiker, schreibt über die Entstehung des heutigen Index : 

„Der Ursprung des eigentlichen Römischen Index ist der gewaltigen Attacke Martin 
Luthers und anderer in Deutschland gegen den römischen Aberglauben Anfang des 
16. Jahrhunderts zuzuschreiben." 

Das erste Verbot eines gedruckten Buches wurde lange Zeit vor Luther 
ausgesprochen : Die Monarchia von Antonio Roselli und die Thesen von Pico 
della Mirandola wurden zum Beispiel schon 1491 verurteilt; 1519 ver- 
öffentlichte Luther seine 488 Seiten umfassende Schrift gegen den Ablaß. 
Sie wurde unverzüglich von den Universitäten in Paris, Louvain und Köln 
verboten. Im folgenden Jahr verbrannte Luther die päpstliche Bannbulle, 
das kanonische Gesetzbuch und die Schriften von Eck und Emser. Der Papst 
ließ Luthers Schriften in Belgien, an den Ufern des Rheins und in Rom 
verbrennen. 1543 wurden der Kardinal Caraffa und fünf weitere Kardinäle 
zu „Beauftragten und Inquisitoren des Glaubens im gesamten Christlichen 
Reich diesseits und jenseits der Alpen" ernannt. 1559 erschien der erste In- 
dex, der im Laufe der Zeit mehr als hundert Auflagen erfuhr. Ein Jahr 
zuvor erließ Philipp II. von Spanien bereits ein Dekret, das jeden, der 
verbotene Bücher verkaufte, kaufte oder in Besitz hatte, mit dem Tod und 
der Beschlagnahme seiner Habe bedrohte. 

Der Index besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil werden alle Häretiker 
aufgeführt; ihre Schriften - frühere, gegenwärtige und künftige - sind 
insgesamt verdammt. Der zweite Teil enthält Schriftsteller, die zu Häresie, 
Zauberei, Unmoral usw. neigen. Der dritte Teil ist den Schriftstellern vor- 
behalten, deren Anschauungen schädlich sind. Hier einige Namen aus der 
ersten Kategorie: Luther, Melanchthon, Rabelais, Erasmus. Aus der zwei- 
ten: Merlins Buch der geheimnisvollen Visionen, die Fabeln von Holger 
dem Dänen und Arthur von Britannien, die Sage von König Artus und ähn- 
liches. 

Die Kongregation für den Index wurde 1571 von Papst Pius V. geschaf- 
fen. 1587 übertrug Sixtus V. ihr diktatorische Vollmachten. Leo XIII. 
ordnete 1897 wichtige Veränderungen an und hob einige zu drastische Be- 
stimmungen auf. Der leontinische Index, Ausgabe 1900, ist 450 Seiten 
stark und enthält 7200 Namen, etwa 3000 weniger als die vorhergehende 



37 



Auflage. Im Vorwort wird dargelegt, was den Papst zu diesem Akt der 
Liberalität veranlaßt hat: 

„Es war nicht nur das Bestreben des Papstes, durch eine eingehende Revision des 
Index die Strenge der alten Bestimmungen zu lockern, sondern ebenso, aus Gründen 
mütterlicher Barmherzigkeit der Kirche den Geist des Index der heutigen Zeit anzu- 
passen." 

Die Ausgabe von 1930 enthält ungefähr 7000 bis 8000 Namen. Wir 
werden einige der dort angeführten Namen nennen, damit der Leser einen 
Eindruck gewinnt, wie ernst diese Frage ist, und Schlußfolgerungen ziehen 
kann, wie schädlich oder nützlich der Index im Lauf der Jahrhunderte für 
die Erleuchtung des Menschengeschlechtes gewesen ist. Ein unbekannt ge- 
bliebener Satiriker hat einmal behauptet, man müsse den Römischen Index 
konsultieren, wenn man wissen wolle, welches die besten Bücher sind. 

Dante De Monarchia (erst im letzten Jahrhundert durch Leo XIII. freigegeben). 

Leibniz, sämtliche Werke. 

Grotius, De iure belli ac pacis. 

Das Gebetbuch des Gemeinen Mannes. 

Religio Medici von Thomas Browne. 

Mlle de Maupin von Gautier. 

Sämtliche Werke von Gabriele D'Annunzio. 

Defoe. 

Sterne, A Sentimental Journey. 
Milton, Paradise Lost. 
Descartes. 

Auguste Comte, Cours de philosophie positive. 
Sämtliche Werke von Dumas, Vater und Sohn. 
Gustave Flaubert und Anatole France. 

Gibbon, History of the Decline and Fall of the Roman Empire. 

Heine und Kant. 

La Fontaine von Lamartine. 

Andrew Lang, Myth, Ritual and Religion*. 

John Locke, An Essay Concerning Human Under Standing und Reasonableness of 

Christianity as Delivered in the Scriptures. 
Sämtliche Werke von Maurice Maeterlinck. 
Pascal. 

58 Bände von Voltaire. 
Paine, The Rights of Man. 

* Dies ist ein typischer Fall. Längs Buch befaßt sich lediglich mit antiken und früh- 
geschichtlichen Glaubensauffassungen. Es erwähnt nicht einmal das Christentum. Der 
Autor bat das Heilige Offizium, ihm eine Erklärung des Verbots zu geben. Trotz mehr- 
facher Bemühungen erhielt er nicht einmal eine Antwort, geschweige denn eine Begrün- 
dung. 



33 



Rousseau, Contrat Social, Lettres e'crites de la Montagne, Julie ou la Nouvelle Hdlolse, 
usw. 

Renan, einschließlich seiner Vie de JSsus. 

George Sand, Henri Stendhal, Eugene Sue, Thomas White, Emile Zola, Spinoza, Sweden- 
borg, Bernard de Mandeville, Taine, Malebranche, Bergson, Lord Acton, Bossuet, Bacon, 
Hobbes, Samuel Richardson, Doellinger, Addison, Goldsmith, Victor Hugo usw. 

Es gab sogar Bestrebungen, die Encyclopaedia Britannica auf den Index 
zu setzen. Für den englischen und den amerikanischen Leser mag es beson- 
ders bemerkenswert sein, daß bis heute durch den Index mehr als 5000 
Bücher in englischer Sprache entweder völlig oder Donec Corrigatur (bis 
zu ihrer Korrektur) verboten worden sind. 

Die deutsche Autorität für den Index, Hilgers*, erklärt zu dessen Recht- 
fertigung: 

„Die schlechte Presse kann man mit gutem Grund die größte soziale Gefahr nennen, 
weil sie der Ansteckungsträger und Krankheitserreger jeden geistigen Siechtums und 
Verderbens heute mehr denn je, mehr noch als am Abende des 18. Jahrhunderts, ist. 
Diese neue Sündflut wird gespeist aus drei Hauptquellen: Atheismus und Unglauben 
kommt aus den Gebieten der Naturwissenschaft, der Philosophie und selbst der pro- 
testantischen Theologie; es ist die tiefste Quelle der „freien" Wissenschaft. Anarchismus 
und Nihilismus, religiöser wie politischer, ist die zweite Quelle, welche sich millionenfach 
in die Bächlein sozialistischer Flugschriften überallhin ergießt. Im Grunde ist es nichts 
anderes als die popularisierte Philosophie des Liberalismus." 

Hilgers stellt abschließend fest, die dritte Quelle seien „schädliche Ro- 
mane". 

Vielleicht mag mancher denken, daß die katholische Kirche ihren Rechts- 
anspruch, Bücher zu verbannen, heute kaum noch aufrechterhält. Und doch 
ist es so, die katholische Kirche hat diesen Anspruch bislang nicht wider- 
rufen. Im Gegenteil. Kardinalstaatssekretär Merry del Val sagte 1930; 

„Die teuflische Presse ist gefährlicher als das Schwert. Sankt Paul hat das Beispiel 
zur Zensur gegeben: Er veranlaßte die Verbrennung von Büchern {Apostelgeschichte 
XIX, 19). Sankt Peters Nachfolger (das heißt die Päpste) sind diesem Beispiel stets 
gefolgt; sie hätten auch gar nicht anders handeln können, denn ihre Kirche, unfehlbare 
Herrin und sicherer Leitstern der Gläubigen, ist in ihrem Gewissen beauftragt, die Presse 
sauberzuhalten . . .** 

Und einige noch bezeichnendere Worte: 

„Alle, die unsere Heiligen Bücher ohne jede Sicherung an die Menschen verteilen 
wollen, sind ebenfalls Verteidiger des freien Denkens, das absurder und schädlicher ist 
als alles andere . . . Nur solche Menschen, die bereits von dieser unter dem Namen 
Liberalismus bekannten tödlichen Pest infiziert sind, können in der Kontrolle der Kräfte 
des Unheils und der Liederlichkeit eine Wunde sehen, die der Freiheit zugefügt wird." 

• Joseph Hilgers, S. J., Der Index der verbotenen Bücher, Freiburg i. B., 1904, S. 409. 



39 



Waren diese Worte lediglich die persönlichen Ansichten eines bekannten 
Indexspezialisten und eines Kardinalstaatssekretärs? Nicht im geringsten. 
Beide Männer drückten mit ihren Worten nur das aus, was der Papst mit 
anderen W T orten in den Enzykliken verlautbaren ließ. So erklärte zum Bei- 
spiel Papst Leo XIII. in der Enzyklika Immort ale Dei: 

„Die unumschränkte Freiheit des Denkens und die öffentliche Bekanntmachung der 
Gedanken eines Menschen gehören nicht zu den Rechten der Bürger." 

Und in der Enzyklika Sapientiae Christianae : 

„Es ist völlig ungerechtfertigt, die unbegrenzte Freiheit des Denkens, der Rede, dei 
Schreibens oder des Gottesdienstes zu fordern, zu verteidigen oder zu gewähren, als 
handele es sich dabei um Rechte, die dem Menschen von Natur aus verliehen sind." 

Die katholische Kirche hält starr an dem Index fest, sie behauptet, er sei 
eine Waffe zur Verteidigung der Wahrheit. Ohne Rücksicht darauf, daß es 
unterschiedliche Auffassungen über die Wahrheit gibt, behauptet die katho- 
lische Kirche, alleinige Besitzerin der absoluten Wahrheit zu sein: „Es gibt 
nur eine absolute Wahrheit; die katholische Kirche und nur sie allein hat 
die gesamte Wahrheit der Religion. Alle anderen Religionen, welche auch 
immer, bergen verschiedenen Anteil an der Wahrheit in sich, aber nur die 
katholische Kirche hat sie insgesamt" (Catholic Encyclop&dia) 

Dieser Glaube ist der Grundstein der katholischen Lehre. Er wurde im 
Lauf der Jahrhunderte von den Päpsten immer wieder proklamiert. Die An- 
maßung, daß jede andere Religion, jedes andere christliche Bekenntnis 
falsch sei und daher kein Recht auf Freiheit habe, bestimmt seit dem vierten 
Jahrhundert die militante Politik der katholischen Kirche. 

Die Päpste unserer Zeit haben den Sachverhalt völlig klargestellt. „Es 
widerspricht der Vernunft, daß der Irrtum und die Wahrheit gleiche Rechte 
genießen sollen", sagte Papst Leo XIII. in seiner Enzyklika Sapientiae 
Christianae. „Deshalb", so fügt Leo XIII. in einer anderen Enzyklika 
hinzu, „verbieten es Gerechtigkeit und Vernunft . . ., die verschiedenen 
Religionen, wie sie sich auch nennen, auf gleiche Stufe zu stellen, ihnen 
fälschlicherweise gleiche Rechte und Privilegien zuzubilligen." (Enzyklika 
Libertas Praestantissimum Donum) 

Die katholische Kirche hält sich selbst für die einzig wahre Kirche, für 
die einzig wahre Religion, von Gott eingesetzt, von Gott beauftragt, von 
Gott erleuchtet, von Gott beschützt. Sie behauptet, die Schatzkammer der 
Wahrheit zu sein, weil es nur eine Wahrheit gebe und weil sich alle ande- 
ren Religionen im Irrtum befänden. Die Wahrheit aber verhalte sich zum 
Irrtum wie das Recht zum Unrecht, das Richtige zum Falschen, das Licht 
zur Dunkelheit. Daraus folge, daß die Wahrheit dem Irrtum, das Richtige 
dem Falschen, das Recht dem Unrecht vorgezogen werden müsse. 



40 



Diese Ansprüche der katholischen Kirche sind keinesfalls nur theoreti- 
scher Art. Nach diesen Grundsätzen handelt sie. Sie zögert nicht, wo es ihr 
möglich ist, Bücher zu verbrennen; sie verbrennt sogar Bibeln, die nicht 
von ihr autorisiert sind. Am 27. Mai 1923 wurden in Rom protestantische 
Bibeln verbrannt; 1932 wurde eine protestantische Übersetzung der vier 
Evangelien in Dublin auf den Scheiterhaufen geworfen. 1940 zog der spa- 
nische Staat mehr als 100 000 nichtkatholische Bibeln ein und vernichtete 
sie. 1949 wurden in Toribio Cauca (Kolumbien) Bibeln verbrannt, im Mai 
1950 geschah das gleiche in El Aguado Casanare (ebenfalls Kolumbien). 

In Frankreich zog die französische Hierarchie gegen den Weihnachts- 
mann, dieses „teutonische Symbol des Heidentums und des Protestantismus" 
zu Felde. Der Weihnachtsmann sollte durch das Christkind ersetzt werden. 
Unter der Losung „Schluß mit dem Weihnachtsmannmythos, macht 
Weihnachten katholisch!" wurde vor der Kathedrale zu Dijon eine Puppe 
des Weihnachstmannes Öffentlich verbrannt. 

Die größte gewaltsame Massenbekehrung der modernen Geschichte voll- 
zog sich während des zweiten Weltkrieges im katholischen Kroatien. Dort 
wurden unter dem Terrorregime des Katholiken Ante Pavelic und seiner 
Ustascha-Leute Hunderttausende orthodoxer Serben gezwungen, sich ent- 
weder zur katholischen Kirche zu bekennen oder sich massakrieren zu las- 
sen. Kardinal Stepinac unterstützte diese mittelalterliche Methode, und der 
Vatikan erteilte seinen Segen. 

In den Jahren von 1941 bis 1945 „bekehrte" oder ermordete der katho- 
lische Terror nicht weniger als 850 000 Mitglieder der orthodoxen Kirche. 
Diese Zahlen sind nicht übertrieben. Unwiderlegbare Beweise lassen sich 
dafür erbringen. Der Autor dieses Buches sprach mit Dutzenden von Kroa- 
ten, die unter Eid versicherten, daß entweder sie oder ihre Verwandten 
zwangsweise bekehrt wurden oder daß man ihre Verwandten ermordete, weil 
sie sich weigerten, in den Schoß der katholischen Kirche „zurückzukehren". 
(Siehe hierzu u. a. folgende Dokumente: Memorandum vom Oktober 1950 
an den Präsidenten der 5. Vollversammlung der Vereinten Nationen über 
die am serbischen Volk begangenen Verbrechen des Völkermordes; Der Fall 
des Erzbischofs Stepinac, herausgegeben von der Botschaft der Föderativen 
Volksrepublik Jugoslawien in Washington; Das Martyrium der Serben, 
veröffentlicht von der Diözese der serbisch- orthodoxen Kirche für die USA 
und Kanada; Bericht der jugoslawischen Staatskommission für die Unter- 
suchung der Kriegsverbrechen,) 

Die katholische Intoleranz beschränkt sich nicht auf die religiöse Sphäre, 
sie greift auch auf die gesellschaftliche Sphäre über und versucht hier, ihre 
Lehren mit demselben antiliberalen Fanatismus durchzusetzen, dem sie in 
religiösen Fragen huldigt. „Es ist unsere strenge Pflicht", so sagte Papst 



41 



Pius X., „alle Menschen ohne Ausnahme in ihrem privaten und öff entlichen 
Leben gemäß den Gesetzen und den Richtlinien der Moral zu leiten." (Ci- 
viltä Cattolica, 6. Oktober 1906) 

Besonders kraß tritt die Intoleranz der katholischen Kirche immer wieder 
in der Frage der Ehe in Erscheinung. Die Ehe wurde von der Gesellschaft 
eingeführt, erklärt der Staat, also gehöre es zu den Rechten des Staates, die 
Ehe entsprechend seinen Gesetzen zu schließen oder aufzuheben. 

Die Ehe stammt von Gott, behauptet die katholische Kirche. Folglich 
habe der Staat kein Recht, die Ehe zu schließen oder sie aufzulösen; denn 
„die Ehe ist heilig aus ihrer eigenen Kraft, aus ihrer eigenen Natur, um 
ihrer selbst willen. Sie darf nicht nach dem Willen weltlicher Herrscher 
geordnet oder gehandhabt werden." (Pius XI., Casti Connubii, 1930) Nach 
den Lehren der katholischen Kirche sei die Ehe kein zivilrechtlicher Vertrag, 
sondern eine rein religiöse Angelegenheit, sie sei keine Institution, sondern 
ein „Sakrament", und ein Sakrament zu vollziehen, sei „nach dem Willen Jesu 
Christi ein so wichtiger Teil der Macht ausübung und der Pflicht der Kirche, 
daß es völlig absurd ist, anzunehmen, die weltlichen Herrscher besäßen auch 
nur einen Zipfel dieser Macht" (ebenda). 

Angesichts dieser starren Haltung der Kirche erklärten einige moderne 
Staaten, in dem Bemühen, einen Kompromiß zu finden, ihre Bürger könn- 
ten sich je nach Wahl entweder kirchlich oder standesamtlich oder sogar auf 
beide Arten trauen lassen. Aber die katholische Kirche erhob Einspruch: 
Der Bürger habe nicht das Recht, zu wählen; der Staat sei im Unrecht; die 
Ehe „untersteht nicht menschlichen Entscheidungen oder irgendeiner gegen- 
seitigen Absprache, auch nicht der der Brautleute selbst", die Natur der Ehe 
sei „von dem freien Willen der Menschen völlig unabhängig" (ebenda). 
Den katholischen Bürgern ist es daher durch die Kirche verboten, sich 
standesamtlich trauen zu lassen, denn der Staat genieße nach Ansicht der 
Kirche keinerlei wie immer geartete Autorität, eine Ehe zu legalisieren. Er 
könne auch nicht „von einer anderen Religion damit beauftragt werden". 
(Leo XIII., Arcanum Divinae, 1880) Das heißt also, daß Katholiken sich 
nicht durch ein Standesamt trauen lassen dürfen, wenn sie nicht eine 
schwere Sünde auf sich laden wollen; die Trauung durch einen nichtkatho- 
lischen Geistlichen zieht die Exkommunikation nach sich. 

Die Kirche sagt weiter: Was der Staat nicht vereinen kann, das kann er 
auch nicht lösen, weil „die Ehe eine göttliche Institution" ist und deshalb 
„durch keinerlei weltliche Gesetze aufgehoben werden kann" (Pius XI., 
Casti Connubii, 1930). Mit anderen Worten, die Kirche beharrt darauf, daß 
der Staat kein Recht habe, eine Ehe zu scheiden, weil höher als jeder Staat 
„das unabänderliche Gesetz Gottes" stehe, dessen „Wirksamkeit weder 
durch menschliche Anordnungen noch durch menschliche Ideen, noch durch 



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irgendeine Gesetzgebung aufgehoben werden" könne (ebenda). Auf Grund 
dieser Prinzipien erließ die katholische Kirche ohne Rücksicht auf die Ge- 
setze des betreffenden Staates ihre eigenen Ehegesetze und rühmte sich noch 
dieser Mißachtung der weltlichen Autoritäten. „Wenn die Kirche so han- 
delt, folgt sie dem Beispiel Christi und dem des heiligen Paulus, die beide 
weder Tiberius noch Caesar um Rat fragten, welche Gesetze über die Ehe- 
schließung anzuwenden seien . . . gleichgültig, ob sie dabei von den Gesetzen 
des Staates abwichen oder nicht." (ebenda) 

Katholische Bürger können sich nicht scheiden lassen, sie müssen sich der 
Auffassung beugen, daß die Ehe lebenslänglich sei. Auch der Staat dürfe sie 
nicht scheiden, erklärt die Kirche; dieses Verbot beziehe sich nicht nur auf 
,die kirchlich geschlossene Ehe, sondern, wie Pius XL dekretierte, „auf jede 
Art der Ehe, sei sie natürlich, weltlich oder kirchlich geschlossen worden" 
(ebenda). 

Die Gefährlichkeit dieser Ansprüche wird uns noch klarer, wenn wir 
bedenken, daß die katholische Kirche nicht nur den katholischen Gläubigen 
die Scheidung untersagt, sondern auch den Protestanten, den Agnostikern, 
den Nichtchristen — also allen Menschen. Und sie zögert nicht, ihr Verbot 
durchzusetzen, wo immer sie die Macht dazu hat, indem sie zum Beispiel 
den Staat zwingt, in seinem Bereich die Scheidung zu verbieten, ohne zu 
beachten, ob die betroffenen Bürger katholisch sind oder nicht. 

Ein solches Land, in dem Nichtkatholiken, die sich scheiden lassen wol- 
len, nicht geschieden werden, weil die katholische Kirche es verbietet, ist 
zum Beispiel Brasilien, dessen Bevölkerung zu 95 Prozent katholisch ist. 
Dort machte die Verfassung die gesetzliche Ehe zu einem unlösbaren Ver- 
trag. Versuche, die Verfassung zu ändern und die Scheidung zu gestatten, 
wurden auch nach dem zweiten Weltkrieg wiederholt unternommen, aber 
jedesmal von der katholischen Opposition vereitelt. 

Selbst in überwiegend protestantischen Ländern trifft man auf ähnliche 
Situationen. In Kanada zum Beispiel ist die Scheidung bei erwiesenem Ehe- 
bruch und bei böswilligem Verlassen gestattet, nur eine Provinz macht eine 
Ausnahme: Quebec. Die kanadische Gesetzgebung versucht seit langem, in 
Quebec die Bildung von Scheidungsgerichten durchzusetzen, stößt aber im- 
mer wieder auf die Opposition der katholischen Kirche. 

Auf anderen Gebieten zeigt sich die katholische Kirche nicht weniger 
diktatorisch. Dies betrifft vor allem das Erziehungswesen. Die Päpste haben 
in dieser Frage nie ein Blatt vor den Mund genommen. Leo XIII. erklärte, 
daß es „zu den unveräußerlichen Rechten der Kirche gehört, die gesamte 
Erziehung der Kinder zu überwachen". 

Nach der Ansicht des Papstes sollen die Kinder vor allem von ihren katho- 
lischen Eltern erzogen werden, weil sie „die Erziehungsgewalt und das 



43 



Erziehungsrecht innehaben" . (Pius XI., Casti Connubii) Das Recht der katho- 
lischen Eltern stehe über dem des Staates. Der Staat könne das Elternrecht 
nicht übergehen, denn die Kinder müßten im „Geist der wahren Prinzipien 
der Religion" erzogen werden. Es handele sich dabei um „ein Recht, 
das kein Mensch usurpieren kann, ohne den schwersten Verstoß gegen das 
Naturrecht zu begehen". (Enzyklika Sumni Pontificatus) 

Alle katholischen Eltern sind daher vor ihrem Gewissen als Katholiken 
gezwungen, jede Institution, jede Partei und jede Regierung zu bekämpfen, 
die ihnen dieses Recht streitig macht. Die katholische Kirche sagt ihnen, sie 
hätten „von Natur aus das Recht, ihre Kinder, die sie geboren haben, auch 
auszubilden". (Enzyklika Sapientiae Christiande) Es sei nicht nur ihr Recht, 
sondern auch ihre Pflicht, jeden Angriff auf das Elternrecht zurückzuweisen, 
gleich, von welcher Seite er komme. Sie seien verpflichtet, ihre Kinder von 
Schulen fernzuhalten, in denen sie Gefahr liefen, ihren katholischen Glau- 
ben zu verlieren, (ebenda) 

Nach Auffassung der katholischen Kirche hat der moderne Staat auf dem 
Gebiet des Erziehungswesens einzig und allein die Pflicht zu verhindern, 
daß etwas gelehrt wird, was im Widerspruch zu den Lehren der Kirche 
steht, und dafür zu sorgen, daß die Lehrtätigkeit den Doktrinen der katho- 
lischen Kirche entspricht. Man gesteht dem Staat auch einige Rechte zu, 
sie dürfen jedoch den Glauben der Katholiken nicht gefährden und sich nicht 
auf Gebiete erstrecken, für die sich die Kirche zuständig hält, denn „jede 
Jugenderziehung, die es vorsätzlich vernachlässigt, die Gedanken auf das 
wirkliche Vaterland, den Himmel, zu richten, bringt großen Schaden . . .". 
(Papst Pius XIL, Sumni Pontificatus, 1939) Die weltliche Erziehung müsse 
verboten werden, da ihre Zielsetzung, um wieder die Enzyklika Immortale 
Dei zu zitieren, darin bestehe, „die Aktionen der christlichen Institutionen 
zu paralysieren und die Freiheit der katholischen Kirche auf das Äußerste 
einzuengen". 

Jeder Staat ist also nach Ansicht der katholischen Kirche verpflichtet, alle 
Erziehungssysteme abzulehnen, die die Existenz eines übernatürlichen 
Wesens leugnen. Die Kirche könne auch keinem Erziehungssystem zustim- 
men, das dem Kind „das ausschließliche Primat der Initiative und des Han- 
delns, unabhängig von irgendeinem höheren Gesetz natürlichen oder gött- 
lichen Ursprungs, zubilligt. Solche Bestrebungen sind zu verdammen". 
(Pius XL, Divini Illius Magist ri) 

Diese mittelalterliche Engstirnigkeit hat zwangsläufig zur Folge, daß 
an den katholischen Schulen und Universitäten im Vergleich mit nichtkatho- 
lischen Bildungsstätten nur eine sehr geringe Anzahl unabhängiger, origi- 
neller Denker und Wissenschaftler zu finden ist. Der beste und zugleich 
erschütternde Beweis für diese Behauptung sind Länder wie Irland, Spanien, 



44 



Portugal und andere, deren Erziehungssystem völlig den katholischen Prin- 
zipien untergeordnet ist. 

Die katholische Kirche wendet sich gegen nahezu alles, was die moderne 
Gesellschaft an Neuerungen auf dem Gebiet des Erziehungswesens hervor- 
bringt. Viele maßgebende Persönlichkeiten in Europa und Amerika befür- 
worten aus moralischen, medizinischen und sozialen Gründen die sexuelle 
Erziehung, die sexuelle Aufklärung. Die katholische Kirche ist dagegen, 
denn „daraus erwachsen üble Praktiken, die nicht so sehr die Folge man- 
gelnden Wissens sind, als vielmehr dem Willen entspringen, gefährliche 
Gelegenheiten der Versuchung herbeizuführen" (Pius XI.). Auch die „Ko- 
edukation", die gemeinsame Erziehung von Mädchen und Jungen, hält die 
Kirche für sehr gefährlich und behauptet, daß sie auf einer „bedauerns- 
werten Ideenverwirrung" beruhe. Die Geschlechter hätten nicht die glei- 
chen Rechte, der Unterschied der Geschlechter müsse daher auch „während 
der Jahre des Wachstums aufrechterhalten und gefördert werden". (Divini 
lllius Magistri) 

Kein Staat hat nach Auffassung der Kirche das Recht, die Erziehung 
der Jugend als sein Monopol zu betrachten. Dieses Recht komme ausschließ- 
lich der Kirche zu. Denn „ein Staatsmonopol im Erziehungswesen, das die 
Familien zwingt, ihre Kinder auf Regierungsschulen zu schicken, die im 
Widerspruch zu den Forderungen ihres christlichen Gewissens oder selbst zu 
ihren legitimen Wünschen stehen, ist ungerecht und ungesetzlich" (Divini 
lllius Magistri). 

Die katholische Kirche ist auch gegen „neutrale" Schulen. Eine Schule 
habe katholisch zu sein, andernfalls brauche man sie nicht. Katholiken soll- 
ten „neutrale" Schulen nicht besuchen, denn diese „stehen im Widerspruch 
zu den grundlegenden Prinzipien der Erziehung", (ebenda) Sie seien in 
Wahrheit irreligiös. Aus denselben Gründen bekämpft die Kirche jeden 
Staat, der versucht, sich in religiösen Fragen neutral zu verhalten, und es 
ablehnt, eine bestimmte Glaubensrichtung zu benachteiligen. 

Aber das stupide Beharren der katholischen Kirche auf ihren angeblichen 
Rechten in diesen Fragen treibt noch weitere Blüten. So verurteilt sie alle 
sogenannten gemischten Schulen, die sogenannten Simultanschulen, die 
sowohl von Katholiken als auch von Nichtkatholiken besucht werden, und 
wendet sich gegen die Einheitsschule, in der der Unterricht außer dem 
Religionsunterricht gemeinsam für alle Schüler erteilt wird. Denn „die bloße 
Tatsache, daß in einer Schule einige Stunden Religionsunterricht erteilt 
werden . . . macht sie noch nicht zu einem geeigneten Platz für katholische 
Schüler", (ebenda) 

Die katholische Kirche verdammt also das Erziehungsmonopol des mo- 
dernen Staates, nimmt es aber gleichzeitig für sich in Anspruch und 



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verlangt darüber hinaus vom Staat, sich allein der katholischen Schulen an- 
zunehmen. 

Aber was sind das für Schulen? Hören wir den Papst: „Eine katholische 
Schule ist eine Einrichtung, die unter der Leitung und der Kontrolle der 
katholischen Kirche steht und in der alle Lehren und die gesamte Lehr- 
organisation . . . vom katholischen Geist durchdrungen sind." (ebenda) 

Das engstirnige Festhalten der katholischen Kirche an diesen angemaß- 
ten „Rechten" auf dem Gebiet der Erziehung führt, wie auch auf anderen 
Gebieten, zu einer eklatanten Einmischung der Kirche in die innerpoliti- 
schen Angelegenheiten eines jeden Staates, der katholische Gläubige unter 
seinen Einwohnern hat. Alle katholischen Bürger stehen unter dem Gewis- 
senszwang, den Weisungen der Kirche auf diesem Gebiet Folge zu leisten; 
das bedeutet, sie müssen jede Regierung und jede Partei bekämpfen, die 
nicht den Segen der katholischen Kirche hat. Alles aber, was ein Katholik 
für die katholische Konfessionsschule unternimmt, „ist ein wahrhaft reli- 
giöses Werk . . . eine Tätigkeit im Sinne der katholischen Aktion". Die 
Agitation in dieser Richtung habe nichts mit Parteipolitik zu tun, sie sei 
„ein religiöses Unternehmen, zu dem das Gewissen ruft", (ebenda) 

Die katholische Kirche maßt sich weiter das Recht an, auch auf dem 
Gebiet der Wissenschaft das entscheidende Wort zu sprechen. „Die Kirche 
hat das Recht und die Pflicht, sorgsam darauf zu achten, daß die Wissen- 
schaften in ihrem System keinem Irrtum Einlaß gewähren", erklärte dazu 
das vatikanische Konzil am 24. April 1870, eben jenes Konzil, das die Un- 
fehlbarkeit des Papstes verkündete. Die Wissenschaft dürfe „nicht in die 
Domäne des Glaubens eindringen oder diesen verdrängen". 

Pius XII. unterstrich diese Gedanken in seiner Enzyklika Humani 
Generis vom 21. August 1950, die sich mit den Beziehungen zwischen dem 
Glauben und der Wissenschaft befaßte. Er erklärte, daß alle Gläubigen 
„bereit sein müssen, sich dem Urteil der Kirche auch in wissenschaftlichen 
Fragen zu beugen". 

Was bedeutet ein solches Gebot? Den katholischen Gläubigen wird unter- 
sagt, theoretisches oder praktisches Wissen anzuerkennen, das nach Auf- 
fassung der Kirche falsch ist. Aber damit nicht genug. Der Papst bean- 
sprucht ferner, als einziger im Besitz der Wahrheit auch in allen grund- 
legenden wissenschaftlichen Fragen zu sein, zum Beispiel in der Frage des 
Ursprungs der Menschen. Pius XII. beschäftigte sich in der erwähnten 
Enzyklika ausführlich mit dieser Frage. Er verlangte, daß alle katholischen 
Gläubigen an die reale Existenz von Engeln glauben und vor allem die 
Geschichte von Adam und Eva akzeptieren. Diese Geschichte sei absolut 
wahr, sie sei weder ein Mythos noch eine Allegorie, man müsse sie wörtlich 
nehmen. 



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Was beabsichtigte Pius XII. mit diesem Zwang zum Wunderglauben? Er 
wollte damit einen Damm gegen die Evolutionstheorie errichten. Pius XII. 
verurteilte in derselben Enzyklika jeden Wissenschaftler, der sich so verhielt, 
als wäre die Evolutionslehre „durch Tatsachen . . . bewiesen", und führte als 
Argument, daß die Evolutionslehre unmöglich wahr sein könne, die Tat- 
sache an, daß die Kommunisten diese Theorie befürworten. „Die Kommu- 
nisten", so erklärte er, „bekennen sich freudig zu dieser Meinung, weil sie 
mit ihr um so wirksamer ihre Theorie des dialektischen Materialismus ver- 
breiten können." Die katholischen Gläubigen dürften also nicht an die 
„Mythen" glauben, die von der modernen Experimentalwissenschaft ge- 
schaffen werden, sondern müßten statt dessen, da „die Stimme des Papstes 
Irrlehren, Götzendienste und Aberglauben verurteilt" (Papst Pius XII. 
in seiner Botschaft an die Arbeiter von 20. 10. 1949), ohne Widerspruch die 
totale Wahrheit hinnehmen, daß der Körper der Jungfrau Maria die biolo- 
gischen Gesetze der Schwangerschaft ebenso außer Kraft setzen könne wie 
die Gesetze von Zeit und Raum ; sonst kämen sie nicht „mit Leib und Seele 
in den Himmel". 

Wir erkennen aus den wenigen genannten Beispielen, daß die katho- 
lische Kirche ihren anmaßenden Anspruch auf das Monopol der absoluten 
Wahrheit nach wie vor aufrechterhält. Jeder vernünftige Mensch wird die- 
sen Anspruch zurückweisen. Er wäre auch dann unannehmbar, wenn er 
sich auf die religiöse Sphäre beschränkte. Aber das ist nicht der Fall: Die 
katholische Kirche versucht, unmittelbar oder mittelbar, ihre Doktrin auf 
Gebiete auszudehnen, die nichts mit Religion zu tun haben. Denken wir nur 
an das berühmte Beispiel Galileis. Jahrzehntelang hat Galileis wissen- 
schaftliche Entdeckung, daß sich die Erde um die eigene Achse dreht und 
gleichzeitig die Sonne umkreist, die Gemüter erregt. Der mächtigste und 
erbittertste Gegner dieser Entdeckung war die katholische Kirche. Sie 
erklärte, daß diese These mit der Wahrheit nicht zu vereinbaren sei. Die 
Kongregation für den Index dekretierte im März 1616 unter unmittelbarer 
Leitung des Papstes, daß die Lehre von der Doppelbewegung der Erde falsch 
sei und im Widerspruch zur Schöpfungsgeschichte stehe. 

Galilei übergab trotz der Verdammung seiner These durch die Kirche im 
Jahre 1 632 sein Buch Dialogo der Öffentlichkeit. Im Jahr darauf wurde es 
mit folgender Begründung auf den Index gesetzt: 

„Doch Du, Galilei, Sohn des verstorbenen Vincenzo Galilei ans Florenz, wurdest 1615 
vor diesem Heiligen Offizium beschuldigt, jene falsche Lehre für wahr zu halten, die von 
vielen gelehrt wird, daß die Sonne sich unbeweglich im Zentrum der Welt befinde und 
daß die Erde sich bewege, und zwar in zwiefacher Weise ; gleichfalls wurdest Du beschul- 
digt, Deine Schüler in dieser falschen Lehre unterrichtet und die Einwände, die Dir 
ständig aus der Heiligen Schrift vorgehalten wurden, abgetan zu haben, indem Du besagte 
Stellen der Schrift auf Deine Weise auslegtest. 



47 



Dieses Heilige Tribunal erklärt daher, von dem Wunsche geleitet, der Unordnung 
und dem Unglück, das sonst zum Schaden des heiligen Glaubens andauern und anwachsen 
würde, zu wehren . . . 

Die Behauptung, daß die Sonne Mittelpunkt der Welt sei und unbeweglich auf ihrem 
Platze stehe, ist philosophisch absurd, falsch und formell häretisch, weil sie der Heiligen 
Schrift widerspricht. 

Die Behauptung, daß die Erde nicht der Mittelpunkt der Welt und auch nicht unbe- 
weglich sei, sondern sich in zwiefacher Weise bewege, ist ebenfalls philosophisch absurd 
und falsch und, theologisch gesehen, mindestens ein Glaubensirrtum." 

Galilei mußte auf den Knien widerrufen und erklären, daß seine Lehre 
von der Erdbewegung falsch sei. Aber die katholische Kirche gab sich damit 
nicht zufrieden, sondern tat auch alle Bücher in Acht und Bann, die ge- 
schriebenen und die noch nicht geschriebenen, docentes mobilitatem terrae 
et immobilitatem solis, die die Bewegung der Erde und den Stillstand der 
Sonne lehren. 

Durch dieses Verdikt wurden alle wissenschaftlichen Bücher über Astro- 
nomie, verfaßt von Riesen der Wissenschaft wie Kopernikus, Kepler, Galilei 
und anderen, bei Strafe der ewigen Verdammnis in der kommenden und der 
Einkerkerung in dieser Welt verboten. Erst 1822 hob die katholische Kirche 
dieses Verbot auf. 

Wir haben hier nicht über den Geist des Index und den Fall Galilei ge- 
sprochen, um die katholische Kirche zu verunglimpfen, sondern um ihre 
Einmischung in Gebiete nachzuweisen, die eng mit dem geistigen und 
materiellen Fortschritt der Menschheit verknüpft sind. Der fortwährende 
Kampf der katholischen Kirche gegen alle fortschrittlichen Bestrebungen 
der Menschheit, früher gegen Säkularismus, Liberalismus und Demokratie, 
heute vor allem gegen den Kommunismus, beweist, daß sich die Kirche 
der Zeit nicht anpassen will. Da sie sich ständig in Angelegenheiten 
einmischt, die mit Religion nichts zu tun haben, hat sie eigentlich keinerlei 
Anlaß, sich über jene zu erregen, die ihre Auffassungen nicht teilen, sie 
kritisieren und ihre anmaßenden Ansprüche bestreiten. Die moderne Gesell- 
schaft hat das unbestreitbare Recht, selbständig Forderungen zu erheben, 
ohne Rücksicht auf die religiöse Autorität der katholischen oder irgendeiner 
anderen Kirche. 

Wird die katholische Kirche einmal den reaktionären Geist bereuen, mit 
dem sie allen auf eine glücklichere Welt gerichteten moralischen, sozialen, 
politischen und wirtschaftlichen Ideen und Systemen begegnet? Werden 
künftige Generationen nicht, wenn sie zurückblicken auf unsere Zeit, die 
Kirche wegen ihrer fanatischen Feindseligkeit gegen die moderne Gesell- 
schaft und den Sozialismus ebenso verurteilen, wie wir es tun, wenn wir die 
Zeit Galileis betrachten? 



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Neben dem reaktionären und - man kann mit gutem Recht sagen — tyran- 
nischen Geist des Index und des Heiligen Offiziums verdient ein weiteres 
Merkmal des Katholizismus unsere Aufmerksamkeit. Gemeint sind die uner- 
müdlichen Anstrengungen, die die katholische Kirche unternimmt, um sich 
vor anderen Anschauungen zu schützen und ihr Ziel — die Bekehrung der 
ganzen Menschheit zum Katholizismus — zu erreichen. Die Leitung dieses 
umfassenden Aufgabengebietes liegt in Händen einer Kongregation, die das 
älteste, mächtigste und gewaltigste Informationsministerium und Propa- 
gandabüro darstellt, das je existiert hat. Die Propagandaorganisationen 
anderer Staaten— einschließlich der faschistischen— sind, daran gemessen, ein 
Kinderspielzeug. Diese Kongregation trägt den Namen Propaganda Fide 
(für die Propagierung des Glaubens). Sie ist nicht nur eine der wichtigsten 
Kongregationen der katholischen Kirche, sondern zugleich ein wichtiges 
Glied des Vatikanstaates, mit dessen Hilfe er ständigen Kontakt zu den ent- 
ferntesten Winkeln der Erde unterhält. 

Die Kongregation wird von einem Kardinal geleitet; sein Einfluß ist so 
groß, daß man ihn gewöhnlich den „Roten Papst" nennt. Die Kongregation 
wurde 1622 von Gregor XV. zu dem erklärten Zweck geschaffen, die ganze 
Welt zum Katholizismus zu bekehren. Aber ihre Tätigkeit beschränkt sich 
durchaus nicht auf nichtchristliche Länder, sondern erstreckt sich auch auf 
protestantische, häretische und schismatische Staaten, zum Beispiel die 
Balkanstaaten. 

Die Propaganda Fide hat die Welt in Hunderte sogenannter „geistiger 
Provinzen" unterteilt, die unmittelbar ihrer Jurisdiktion unterstehen und 
ihrerseits wieder in Distrikte, Präfekturen und Vikariate aufgegliedert 
sind. Die Kongregation kontrolliert Tausende von Studienanstalten, Semi- 
naren und ähnlichen Institutionen in der ganzen Welt. Das wichtigste von 
ihnen ist das Urban -Kollegium in Bom, das Missionare aller Völker aus- 
bildet und unmittelbar der Propaganda Fide angeschlossen ist. Bis zum 
Jahre 1908 gehörten auch Großbritannien, die Niederlande, Kanada, die 
USA und andere protestantische Länder zum Bereich dieser Kongregation. 
Jetzt haben diese Länder eigene Hierarchien, die unmittelbar dem Papst 
unterstellt sind. 

Der Kongregation ist ferner die Vereinigung zur Propagierung des 
Glaubens angeschlossen, eine weltweite Gesellschaft mit dem Zentrum in 
Rom, deren Aufgabe es ist, die Evangelisation der Welt durch gemeinsame 
Gebete der Gläubigen und durch die Sammlung von Missionsgeldern zu 
fördern. 

Das Motto der Propaganda Fide und der gesamten katholischen Kirche 
lautet: „Kein Land ist völlig christlich. Katholiken müssen im Weltmaßstab 
träumen, planen und handeln." So bestehen in den christlichen Ländern, 



4 M359 



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seien sie katholisch, protestantisch oder orthodox, eine ganze Reihe weit- 
verzweigter Kollegien und Studienanstalten, und in den nichtchristlichen 
Ländern wird ein gewaltiges Netz von Institutionen aller Art errichtet, 
deren Aufgabe es ist, die Nichtchristen zum Katholizismus zu bekehren. 

Die katholische Kirche war niemals entschlossener als heute, ihre welt- 
weiten Ziele zu erreichen. Gewiß verfolgt sie diese Ziele seit langem, aber 
sie hat in letzter Zeit ihre Maschinerie reorganisiert und ihre Anstren- 
gungen, den Katholizismus sowohl in den westlichen Ländern als auch in 
allen anderen Teilen der Welt zu verbreiten, verdoppelt. Allein in Rom 
befinden sich unter der unmittelbaren Kontrolle des Vatikans folgende 
nationale Hauptkollegien, das heißt zentrale Seminare zur Ausbildung von 
Geistlichen für die betreffenden Länder (in Klammern das Gründungs jähr): 
USA (1859), Bedja (Britisch) (1898), Belgien (1844), Böhmen (1892), 
Brasilien (1929), Kanada (1888), Tschechoslowakei (1929), England (1579), 
Frankreich (1855), Deutschland und Ungarn (1552), Irland (1618), 
Jugoslawien (14. Jahrhundert und 1901), Lombardei (1854), Polen (1866), 
Portugal (1900), Schottland (1600), Südamerika (1858), Spanien (1893). 
Außerdem wurden in den letzten Jahren Anstalten zur Ausbildung von 
Chinesen, Arabern, Indern, Negern usw. gegründet. 

Die Ostkirchen wurden 1917 der Jurisdiktion der Propaganda Fide ent- 
zogen. Da der Vatikan den orthodoxen und schismatischen Ländern 
besondere Aufmerksamkeit widmet und hofft, die Kirchen dieser Länder 
eines Tages mit Rom zu vereinen, schuf sie hierfür 1917 eine Abteilung 
beim Vatikan, die getrennt von der Propaganda Fide arbeitet, aber das 
gleiche Ziel verfolgt. 

Aus politischen Gründen pflegt die katholische Kirche die Riten der 
Nationen und Völker. Diesem Zweck dienen zahlreiche Institutionen. In 
Rom gibt es eine Reihe von Seminaren, deren Aufgabe es ist, römisch-katho- 
lische Geistliche mit den verschiedenen orientalischen Bräuchen vertraut zu 
machen. Für abessinische Riten wurde 1919 ein solches Seminar geschaffen, 
für armenische Riten 1883, für griechische Riten 1577, für maronitische 
Riten 1584 und 1891, für russische Riten 1927, für ruthenische Riten 1897, 
für rumänische Riten 1930. Außerdem gibt es zahlreiche besondere Kolle- 
gien der verschiedenen katholischen Orden. 

Die Kongregation Propaganda Fide strebt danach, den Katholizismus in 
den nichtkatholischen und in den nichtchristlichen Ländern zu fördern und 
zu stärken, sieht aber ihre Hauptaufgabe darin, heidnische Länder unter 
ihre Gewalt zu bekommen. Seit Jahrhunderten werden in allen Teilen der 
Welt Missionen errichtet. Ursprünglich waren die Missionare Europäer, 
später gesellten sich Amerikaner hinzu. Gegenwärtig zielt die Politik des 
Vatikans darauf ab, einheimische Geistliche heranzubilden. In dieser 



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Richtung hat die Kongregation bedeutende Fortschritte gemacht, vor allem 
in den letzten zwanzig Jahren. In einer Reihe nichtchristlicher Länder hat 
sie bereits eine eingeborene Hierarchie geschaffen. 1925 wurde der erste 
farbige Bischof, Monsignore Roche aus Indien, in Rom mit einem feier- 
lichen Zeremoniell geweiht. Ihm folgten 1927 die ersten sieben chinesischen 
Bischöfe, später japanische und andere. 

In einigen Ländern ist die katholische Kirche rasch zu großem Einfluß 
gelangt. Auf Madagaskar zum Beispiel hat sie bereits 650 000 Mitglieder, 
mehr als ein Sechstel der Bevölkerung. In China wurden 1930 mehr 
als 50 000 Chinesen zum Katholizismus bekehrt. Der Propaganda Fide 
unterstanden 1930 mehr als 11 000 Missionsprediger, von denen 3000 Ein- 
heimische waren; hinzu kamen 15 000 Mönche (davon 600 Einheimische) 
und 30000 Nonnen (davon 11 000) Einheimische). Zu derselben Zeit belief 
sich das Missionsbudget auf mehr als 30 Millionen Dollar. Seitdem hat sich 
diese Summe erheblich vergrößert. Zum Vergleich sei angeführt, daß die 
protestantischen Missionen 60 Millionen Dollar benötigten. 

Der größte Teil der Gelder kommt aus Amerika. Die amerikanischen 
Missionare haben sich auf den Fernen Osten, vor allem auf China, 
spezialisiert. Sie haben engeren Kontakt mit der Bevölkerung als ihre 
europäischen Kollegen und daher auch mehr Konvertiten. Deshalb zieht die 
katholische Kirche in letzter Zeit amerikanische Missionare belgischen, 
französischen oder deutschen Missionaren vor. 

Die katholische Missionstätigkeit breitet sich auch heute noch immer 
weiter aus. 1945 standen der Mission zur Verfügung: 400 Priesterseminare 
mit insgesamt 16 000 einheimischen Seminaristen, 22 000 Geistliche, 
9 000 Mönche, 53 000 Nonnen, 93 000 einheimische Katecheten, 33 000 
einheimische Täufer, 76 000 Schulen mit einer Gesamtzahl von 5 Millionen 
Schülern, 2000 Waisenhäuser mit 150 000 Kindern, 77000 Kirchen und 
Kapellen, 1000 Hospitale mit insgesamt 75000 Betten, 3000 Polikliniken 
zur Betreuung von etwa 30 Millionen Menschen und Hunderte von Heimen 
für Alte und Aussätzige. 

In den Missionsgebieten lebten 1945 mehr als 25 Millionen nicht -weiße 
Katholiken. Um diese verstreuten Millionen untereinander zu verbinden und 
sie in engem Kontakt mit dem Vatikan zu halten, kontrolliert die Propaganda 
Fide Tausende kleiner und großer, in Hunderten von Sprachen erscheinen- 
der Zeitungen, Magazine, Flugschriften usw. Eine besondere Nachrichten- 
agentur, die Agentur „Fides", wurde ins Leben gerufen, um Nachrichten 
aus der Missionsarbeit zu sammeln und in der ganzen Welt zu verbreiten. 

1925 veranstaltete der Papst in Rom eine große Missionsausstellung. Sie 
wurde eine ständige Einrichtung des Vatikans und fand weite Beachtung in 
der Öffentlichkeit. In der Enzyklika Kerum Novarum legte Papst Pius XI. 



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im Februar 1926 die Richtlinien für das weitere Vordringen des Katholi- 
zismus in allen Ländern fest; bekanntlich hat sich die katholische Kirche das 
Ziel gesetzt, die Bevölkerung des ganzen Erdballs zum Katholizismus zu 
bekehren. Bei der Verfolgung dieses Zieles kennt die katholische Kirche 
keine Kompromisse und nimmt weder auf andere Religionen noch auf andere 
christliche Bekenntnisse Rücksicht. Zur Charakterisierung dieser Einstel- 
lung sei ein an sich unbedeutendes, aber typisches Beispiel angeführt: Die 
britische Regierung hatte die Konfessionen, die in Afrika Mission betreiben, 
aufgefordert, ihre Tätigkeit untereinander abzustimmen und ihre Be- 
mühungen auf verschiedene Gebiete zu verteilen, um Differenzen zu ver- 
meiden. Die protestantischen Konfessionen erklärten sich mit dem Vor- 
schlag einverstanden, nur die katholische Kirche verweigerte ihre Zustim- 
mung. Sie begründete ihre Ablehnung damit, daß sie ihre Tätigkeit nicht 
auf einen Teil Afrikas, wie groß er auch sei, beschränken könne, da es ihre 
Bestimmung sei, den ganzen Kontinent zum katholischen Glauben zu be- 
kehren. Daß dies keine leeren Worte waren, geht allein aus der Tatsache 
hervor, daß sich die Anzahl der Katholiken in Afrika zwischen 1930 und 1950 
verdreifacht hat. Die katholische Kirche gewinnt jährlich eine Million 
Konvertiten. Im gleichen Zeitraum, in dem die Erdbevölkerung um 
600 Millionen Menschen, also um ein Sechstel zunahm, wuchs die Anzahl 
der katholischen Gläubigen um ein Drittel (120 Millionen), so daß von 
siebzehn Menschen je einer zum katholischen Glauben übertrat. Keine 
andere Religion hat solche Zahlen aufzuweisen. 

Das ist der Geist, der auch heute, im 20. Jahrhundert, das Wirken der 
katholischen Missionen bestimmt. Die katholische Kirche ist darauf aus, sich 
nicht nur einzelne Länder und Erdteile, sondern den ganzen Erdball Unter- 
tan zu machen. 



Kapitel v Religiöse Orden 



Die stillen Armeen des Vatikans — Religiöse, halbreligiöse und Laienorden — Die 
Jesuiten, die geistigen Sturmtruppen der päpstlichen Macht - Warum die Gesellschaft 
Jesu gegründet wurde - Höchstes Ziel der Jesuiten: die Erweiterung der politischen 
Macht des Papstes - Moderne halbreligiöse Orden — Die Katholische Aktion» 



Außer dem verzweigten religiösen Verwaltungsapparat gibt es in den 
christlichen und nichtchristlichen Ländern eine weitere große religiöse 
Maschinerie. Sie ist längst nicht so bekannt, aber von größter Bedeutung 
für jeden, der sich Klarheit über den zunehmenden geistigen und politischen 
Einfluß der katholischen Kirche verschaffen will. Gemeint sind die religiösen 
und halbreligiösen Orden, die dem Heiligen Stuhl unterstehen. Sie haben 
vor allem die Aufgabe, im Machtbereich der katholischen Kirche in jeden 
Zweig des gesellschaftlichen Lebens einzudringen und ihn im Sinne des 
Katholizismus zu beeinflussen. 

Einige dieser religiösen Orden widmen sich ausschließlich der religiösen 
Kontemplation, andere beschäftigen sich mit der Jugenderziehung, mit 
karitativen Aufgaben und mit der Krankenpflege; eine dritte Gruppe be- 
faßt sich vor allem mit sozialen Problemen. Sie verfügen nicht nur über 
Klöster und Konvente, sondern haben auch Schulen, Missionen, Zeitungen 
und Besitzungen in jedem christlichen Land und darüber hinaus auf dem 
ganzen Erdball. Viele Männer- und Frauenorden arbeiten nur für die 
Mission. Alle diese Orden bilden eine stille, aber geschäftige und wirksame 
Armee der katholischen Kirche. Hier ist nicht der Platz, im einzelnen die 
Tätigkeit all dieser Orden zu untersuchen. Wir werden lediglich einige der 
wesentlichsten Merkmale des Jesuitenordens behandelnder unter den vielen 
Orden — den Franziskanern, Dominikanern, Augustinern usw. — der wich- 
tigste ist. 

Die Jesuiten haben den Auftrag, überall die Autorität des Papstes zu 
stärken. Ihr Orden wurde Anfang des 16. Jahrhunderts als Kampftrupp zur 
Verteidigung der absoluten Theokratie des Papstes geschaffen. Sein Grün- 
der, Ignatius von Loyola, ein ehemaliger spanischer Ritter, übertrug seinen 
militärischen Geist auf den neuen Orden und nannte ihn „Gesellschaft 
Jesu", wie militärische Verbände der damaligen Zeit den Namen ihres 
Generals annahmen. Unter den Gelübden des Ordens ist das Gelübde des 
Gehorsams das wichtigste: absoluter, widerspruchsloser, blinder, unkritischer 
Gehorsam gegenüber den Befehlen der Gesellschaft, völliges Zurücktreten 
des eigenen Denkens und Urteilens und damit bedingungsloser Verzicht auf 



53 



die persönliche Freiheit. In einem Brief an seine Gefolgsleute in Coimbra 
schrieb Loyola, daß der Ordensgeneral, unabhängig von seiner persönlichen 
Weisheit, Frömmigkeit oder Verschwiegenheit, die Stelle Gottes einnehme ; 
daß jeder Gehorsam, der nicht durch innere Zurückhaltung oder äußere 
Handlungen den Willen des Oberen zum eigenen Willen mache, schlaff und 
unzureichend sei; daß jedes Überschreiten eines Befehls, selbst wenn es, ab- 
strakt gesehen, aus guten und lobenswerten Gründen geschehe, Ungehorsam 
darstelle; daß die „Opferung des Intellekts" der dritte und höchste Grad 
des Gehorsams und Gott wohlgefällig sei. In solchen Fällen ordnet also der 
Jesuit nicht nur seinen Willen dem des Vorgesetzten unter, sondern er denkt 
auch, was dieser denkt. Er unterwirft sich damit, soweit es seiner Willens- 
kraft nur möglich ist, dem Urteil seiner Oberen.* 
Das Gelübde der Jesuiten lautet: 

„Ich verspreche dem allmächtigen Gott, vor seiner jungfräulichen Mutter und den 
ganzen himmlischen Heerscharen, und allen, die dabeistehen; sowie dir, ehrwürdiger 
Vater General der Gesellschaft Jesu, der du Gottes Stelle einnimmst, und deinen Nach- 
folgern ständige Armut, Barmherzigkeit und Gehorsam; in Übereinstimmung damit, 
widme ich meine besondere Aufmerksamkeit der Erziehung der Knaben im Sinn der 
Gebote, die in den apostolischen Schriften der Gesellschaft Jesu und in deren Konstitu- 
tion niedergelegt sind." 

In einer Bittschrift, die eine kleine Gruppe von ersten Jesuiten dem Papst 
vortrug, als es um die Bestimmungen zur Wahl des Ordensgenerals ging, 
hieß es: 

„Der General soll allen Ämtern und Ehren zu seinem eigenen Vergnügen entsagen 
und mit der Hilfe und dem Rat der Mitglieder die Bestimmungen der Konstitution 
festlegen ; aber er allein soll in jedem Fall die Kommando gewalt haben und soll von allen 
so geehrt werden, als wäre Christus selbst in seiner Person anwesend." 

„Denn an die Stelle jedes anderen Verhältnisses, jedes Antriebes, den die Welt zur 
Tätigkeit anbieten könnte, tritt in dieser Gesellschaft der Gehorsam: Gehorsam an sich, 
ohne alle Rücksicht, worauf er sich erstreckt . . . Mit völliger Verleugnung alles eigenen 
Urteils, in blinder Unterwürfigkeit soll man sich von seinem Oberen regieren lassen, 
wie ein lebloses Ding, wie der Stab, der demjenigen, der ihn in seinen Händen hat, auf 
jede beliebige Weise dient."** 

Auf diese Weise wurde der General ein absoluter Diktator, nur ver- 
gleichbar den Diktatoren des 20. Jahrhunderts. Die Macht, die ihm lebens- 
länglich zuteil wird, erlaubt es ihm, Tausende von Männern, die ihm wider- 
spruchslosen Gehorsam schulden, zur Vollstreckung seines Willens ein- 
zusetzen. Es gab und gibt niemanden in der Welt, dem er über den Gebrauch 
dieser Macht rechenschaftspflichtig wäre. 

* H. G. Wells, Crux Ansata. 
** Ranke, Geschichte der Päpste, Vollständige Ausgabe, Wien, 1954, Seite 139/140. 



54 



„. . . (ihm) ist alle Gewalt übertragen, die zur Regierung der Gesellschaft nützlich 
sein mochte. Er hat Assistenten nach den verschiedenen Provinzen, die aber keine ande- 
ren Geschäfte verhandeln als die, welche er ihnen auftragen wird. Nach Gutdünken er- 
nennt er die Vorsteher der Provinzen, Kollegien und Häuser, nimmt auf und entläßt, dis- 
pensiert und straft : Er hat eine Art von päpstlicher Gewalt im kleinen."* 

So wurde die Gesellschaf t Jesu eine Theokratie innerhalb einer Theokratie 
und ist es noch heute. Sie braucht eine straffe Organisation, um das Ziel zu 
erreichen, das sie sich gesteckt hat: Stärkung der kirchlichen Macht durch 
Jugenderziehung, Predigten und Missionsarbeit. 

Die Jesuiten begannen ihre Arbeit damit, daß sie in verschiedenen Län- 
dern Schulen gründeten. Als Ignatius von Loyola starb, gab es bereits zehn 
Schulen in Kastilien, je fünf in Aragonien und Andalusien und zahlreiche 
Besitzungen in Portugal. Über die portugiesischen Kolonien herrschten sie 
fast vollständig. Mitglieder ihres Ordens saßen in Brasilien, in Ostindien 
und in den Ländern zwischen Goa und Japan. Nach Abessinien wurde ein 
Provinziale entsandt. Außerdem hatten sie Besitzungen und Schulen in 
Italien, Frankreich, Deutschland und anderen europäischen Ländern. 

Seitdem arbeiteten die Jesuiten jahrhundertelang in allen Ländern an 
der Festigung der religiösen und politischen Macht der katholischen Kirche 
und erreichten dabei einen außergewöhnlichen Grad von Vollkommenheit. 
Vor allem entwickelte sich ihre Fähigkeit, junge Männer für hohe Ämter 
in der katholischen Hierarchie oder in weltlichen Regierungen auszubilden. 
Ein jesuitischer Historiker (Orlandini) schrieb einmal: 

„Die heute im Purpur der Hierarchie erstrahlen, saßen unlängst noch auf unseren 
Schulbänken; andere sind in den Regierungen von Staaten und Städten tätig." 

Die fortwährende Heranbildung einer geistlichen und weltlichen Herr- 
scherschicht verleitete die Jesuiten, sich ständig in politische Angelegen- 
heiten einzumischen. Viele Herrscher und Regierungen, einschließlich der 
devotesten katholischen Könige und Länder, verfolgten daher immer wieder 
die Jesuiten, wiesen sie aus oder taten sie in Acht und Bann. Sogar der 
Papst war gezwungen, gegen die Jesuiten vorzugehen, weil der Orden sich 
dauernd durch politische Intrigen in die Angelegenheiten vieler europäischer 
Länder und der katholischen Kirche selbst einmischte. 

So löste im Jahre 1775 Papst Clemens XIV. den Jesuitenorden auf, nach- 
dem er sich jahrelang die Beschwerden der europäischen Souveräne und 
Regierungen über die Einmischung der Jesuiten in öffentliche Angelegen- 
heiten und über die „Störung des öffentlichen Friedens" hatte anhören 
müssen. 

* Ranke, ebenda, Seite 140. 



55 



1814 wurde der Orden bereits wieder zugelassen. Seitdem breitete er sich 
weiter über die ganze Erde aus. In einer Reihe von Ländern hat er nach wie 
vor eine Art Erziehungsmonopol und verfügt über hervorragende Schulen 
und Hochschulen. Dort findet man die Jesuiten überall: hinter den Kulissen 
der höheren Lehranstalten, der Presse, des Rundfunks, der politischen 
Parteien und der Regierungen. In den weiteren Kapiteln werden wir noch 
reichlich Gelegenheit haben, dies festzustellen. 

Hat sich inzwischen an dem Geist, der Ignatius von Loyola bei der Grün- 
dung des Ordens bewegte, etwas geändert? Ist die unmenschliche Disziplin 
des Ordens lockerer geworden? Nein, beide sind heute so wie damals. Die 
Jesuiten sind nach wie vor beharrlich und unbeugsam in ihrem Streben, die 
katholische Kirche zu stärken. Ihre erstaunlichen Fähigkeiten und ihre 
mächtige Organisation in der ganzen Welt sind konsequenter denn je darauf 
gerichtet, dieses Ziel zu erreichen. Sie haben, ebenso wie die katholische 
Kirche selbst und viele religiöse Orden, die Erde in Provinzen eingeteilt. 
Jede Provinz wird von einem Provinzialen geleitet, der unmittelbar dem 
Höchsten General untersteht. Der Höchste General hat seinen Sitz in Rom 
und daher ständig engen Kontakt mit dem Papst. Das ist notwendig und 
verständlich, da die Gesellschaft Jesu ja ausdrücklich geschaffen worden ist, 
die religiöse und politische Macht des Papsttums zu verteidigen und zu 
stärken. Das Papsttum stützt sich auf eine gewaltige Armee, die sich aus 
der gesamten Hierarchie, den religiösen Orden und der Masse der Gläubigen 
zusammensetzt; aber die Jesuiten sind seine fanatischsten und klügsten 
Streiter, sie sind in der Tat die Sturmtruppen des Papstes. 

Jeder Jesuit nimmt außer dem Gelübde des Gehorsams gegenüber den 
Oberen und den Gelübden der Armut und der Keuschheit ein noch wich- 
tigeres Gelübde auf sich. Es lautet: 

„. . . auszuführen, was immer der Papst von mir verlangen sollte, in alle Länder zu 
gehen, unter Türken, Heiden oder Häretiker, wo immer er mich auch hinsenden mag, 
ohne Widerstand oder Verzögerung, ohne Fragen, Bedingungen oder Belohnung." 

Die Gesellschaft Jesu ist der mächtigste aller Orden. Seine Mitglieder 
setzen sich unablässig und fanatisch für die Erweiterung des päpstlichen 
Einflusses unter allen, auch den schwierigsten Umständen und an den ein- 
flußreichsten Stellen ein. Der Orden ist eine dynamische Maschinerie in den 
Händen des Papstes, eine machtvolle Theokratie zur Stärkung der noch 
machtvolleren Theokratie der katholischen Kirche. 

Um ihren Einfluß auf die Gläubigen nicht zu verlieren, ist die katho- 
lische Kirche gezwungen, sich in ihren Organisationsformen den modernen 
Verhältnissen anzupassen. Allein mit den Jesuiten und den zahlreichen 
anderen rein religiösen Orden würde sie dieser Aufgabe nicht gerecht. Sie 



56 



hat daher im vergangenen Jahrhundert und in der ersten Hälfte dieses 
Jahrhunderts eine Reihe von Organisationen ins Leben gerufen, die sich 
vor allem mit Erziehungsfragen und sozialer Arbeit beschäftigen. Wir wer- 
den hier nur auf zwei von ihnen eingehen. 

Die eine dieser Organisationen ist die der Salesianer - eine Gesellschaft, 
die größtenteils aus sogenannten Laienpriestern besteht. Sie wurde im 
vorigen Jahrhundert gegründet, befaßt sich mit der Leitung von Schulen 
und kümmert sich um das physische und geistige Wohl von Studenten und 
Arbeitern. Wir finden sie in vielen Ländern Europas und vor allem in Süd- 
amerika. Eine andere typische Organisation dieser Art ist die Gesellschaft 
des heiligen Paulus. Ihre Mitglieder, in der Mehrzahl Laien, tragen keiner- 
lei äußere Zeichen. Sie hat, ähnlich ihrem älteren jesuitischen Gegenstück, 
vor allem eine politische Aufgabe, nämlich gegen sozialistische und kom- 
munistische Einflüsse vor allem im sozialen Bereich und im Schulwesen zu 
kämpfen. Die Gesellschaft wurde 1920 vom Erzbischof von Mailand ge- 
gründet. Ihr können Priester und Laien — auch Frauen — angehören. Die 
Mitglieder der Gesellschaft des heiligen Paulus leben nicht gemeinsam, 
treffen sich aber regelmäßig zu Beratungen. Die ihr angehörenden Priester 
müssen ein Examen in kanonischem Recht, in Theologie oder in einer 
anderen wissenschaftlichen Disziplin abgelegt haben. Von den Laienmit- 
gliedern wird ebenfalls Hochschulbildung verlangt, andernfalls müssen sie 
sich beim Eintritt in die Gesellschaft bestimmten Prüfungen unterziehen. 
Beim Eintritt dürfen die Mitglieder nicht älter als dreißig Jahre sein. Sie 
nehmen einfache Gelübde auf sich, die alljährlich erneuert werden, und 
werden angehalten, Studienbekanntschaften und freundschaftliche Bin- 
dungen zu pflegen und in möglichst engem Kontakt mit der Welt zu stehen. 

Die Gesellschaft des heiligen Paulus unterhält Krankenhäuser, besitzt 
Druckereien, gibt eine Tageszeitung heraus, hat Missionen und Schulen 
und - eine Besonderheit - ein technisches Ausbildungszentrum. Außerhalb 
Italiens hat sie in Jerusalem, Buenos Aires und anderen größeren Städten 
Fuß gefaßt. In ihren Bildungsstätten erzieht sie vor allem junge Arbeiter 
im Geiste der katholischen Soziallehre und versucht auf diese Weise der 
sozialistischen Ideologie entgegenzuwirken. Dem gleichen Zweck dient ein 
sich ständig erweiterndes Netz von Ausbildungsstätten, Erholungsheimen, 
Bibliotheken, Sportvereinen usw. 

Neben den religiösen und halbreligiösen Orden verfügt der Vatikan über 
eine Reihe von Organisationen, die entweder rein religiösen oder rein 
sozialen Charakter haben und nicht selten mehrere Millionen Mitglieder 
zählen. 

Eine von ihnen ist das Apostolat des Gebetes, die Vereinigung vom 
Heiligen Herzen. Seit sie besteht, gibt jeder Papst ihr seinen Segen. Papst 



57 



Benedikt XV. erklärte, alle Katholiken sollten ihr angehören. Die Haupt- 
aufgabe dieser Vereinigung ist, möglichst alle Katholiken in gemeinsamen 
und privaten Gebeten zu vereinen, um die Hilfe und den Schutz Gottes für 
die katholische Kirche, den Papst, die Ausbreitung des Katholizismus in der 
Welt und für einen universellen Frieden (worunter natürlich ein katho- 
lischer Friede zu verstehen ist) zu erbitten. Heute hat die Vereinigung mehr 
als 30 Millionen Mitglieder. Ihre Zeitung „Sendbote des göttlichen Her- 
zens" erscheint in vierzehn Sprachen. 

In Großbritannien ist die Organisation „Schwert des Geistes" tätig, die 
unmittelbar dem Kardinalerzbischof untersteht. Sie hat es sich zur Aufgabe 
gemacht, katholische Anschauungen durch die Presse, durch Flugschriften 
und Bücher und mit Hilfe kultureller und sozialer Einrichtungen zu ver- 
breiten. 

Neben den eben genannten Organisationen bestehen zahlreiche ausge- 
sprochene Laienvereinigungen, die, oberflächlich gesehen, nichts mit dem 
Vatikan zu tun haben und doch in sozialen, kulturellen und politischen 
Fragen von den Instruktionen aus Rom oder von der örtlichen Geistlichkeit 
abhängig sind. So gibt es in England das Nationalkomitee Katholischer 
Frauen, die Katholische Frauenvereinigung, das Nationale Katholische 
Jugendkomitee, die Katholische Gewerkschaftsvereinigung usw. Eine im 
zweiten Weltkrieg entstandene kulturelle Bewegung nennt sich New Man 
Association (Vereinigung des neuen Menschen). Solche Organisationen gibt 
es in großer Auswahl in allen europäischen und amerikanischen Ländern. 
In den USA ist die Vereinigung der Kolumbusritter (Knigkts of Columbus) 
die einflußreichste und reichste. 

Die wichtigste dieser Neugründungen wurde vom Papst selbst ins Leben 
gerufen und bezieht auch ihre Instruktionen unmittelbar vom Vatikan. Sie 
nennt sich „Katholische Aktion" oder „Katholische Gesellschaft". Ihre 
Hauptaufgabe besteht darin, in der modernen Gesellschaft katholische Ideen 
und Grundsätze auf dem Wege sozialer, kultureller und politischer Be- 
mühungen zu verbreiten. 

Die Katholische Aktion wurde vor allem gegründet, um der Kirche ein 
Instrument in die Hand zu geben, das, weniger kompromittiert als die alten 
katholischen Parteien, trotzdem fähig ist, das gesamte soziale und politische 
Geschehen unablässig mit katholischen Ideen zu durchsetzen. Eine solche 
Organisation vermag im sozialen und politischen Bereich unaufdringlich 
zu wirken und Ziele zu erreichen, die von den alten katholischen Parteien 
nicht verfochten werden konnten, weil sie auf Risiken und Verantwortlich- 
keiten Rücksicht nehmen mußten. 

In der Zeit zwischen den beiden Kriegen opferte Papst Pius XL im Hin- 
blick auf diese Organisation viele katholische Parteien seinen politischen 



58 



Bestrebungen. Er schuf die Katholische Aktion als einheitliche Orga- 
nisation, die die Geistlichkeit eng mit den Laien verbindet, und stattete sie 
mit allen Mitteln zur öffentlichen Arbeit aus, um ihr zu ermöglichen -über 
den Parteien stehend — , die religiösen Interessen, die katholische Erziehung, 
die katholischen Prinzipien usw. zu verteidigen. Die Katholische Aktion, 
erklärte der Papst, sei ihm so teuer wie sein Augapfel. Er brachte nicht nur 
vielen Regierungen ihre Existenz zur Kenntnis, sondern bestand auch dar- 
auf, daß das Wirken der Katholischen Aktion in allen Konkordaten diplo- 
matisch anerkannt wurde. 

Die Katholische Aktion ist auf allen Gebieten tätig, auf dem der Geistes- 
arbeit ebenso wie auf dem der Handarbeit, auf sozialem ebenso wie auf 
kulturellem und politischem. Sie ist so organisiert, daß die Außenarbeit im 
wesentlichen von katholischen Laien geleistet wird, die sich in ständigem 
Kontakt mit der Geistlichkeit befinden. Diese Verbindung mit der Geist- 
lichkeit (also mittelbar mit dem Vatikan) ist eines der Hauptanliegen der 
Katholischen Aktion: 

„Die Geistlichkeit hat das Recht, Instruktionen zu erlassen und Direktiven zu er- 
teilen. Die Katholische Aktion stellt all ihre Macht und all ihre Energien der Geistlichkeit 
zur Verfügung. Daher fordert sie völligen Gehorsam gegenüber den Direktiven der 
kirchlichen Autorität, da ja auch die weltliche Autorität von Gott stammt. Die Mitglieder 
der Katholischen Aktion sollten auch weltlichen Behörden die ihnen zustehende Achtung 
nicht versagen und deren legitime Vorschriften loyal und treulich erfüllen." (Papst 
Pius XIL 9 September 1940) 

Welche Ziele hat die Katholische Aktion? 

„. . . in Ubereinstimmung mit der Kirche eine heilige und barmherzige soziale Tätig- 
keit zu entfalten, das wahre katholische Leben zu beflügeln und, wo notwendig, wieder- 
herzustellen, mit einem Wort, die Katholisierung oder Rekatholisierung der Welt." 

Nach den Worten eines katholischen Geistlichen - Reverend R. A. Mac 
Gowan, stellvertretender Direktor der Nationalen Katholischen Wohltätig- 
keitskonferenz - befaßt sich die Katholische Aktion mit „Fragen auf dem 
Gebiet der Gesetzgebung und der Wirtschaft, aber nur von ausgesprochenen 
religiösen und moralischen Gesichtspunkten aus, und nicht so, wie politische 
Parteien es tun". 

Die offiziöse katholische Zeitung „Commonweal" (Gemeinwohl) formu- 
liert die Ziele der Katholischen Aktion etwas offenherziger: „. . . das ganze 
religiöse, moralische, soziale und wirtschaftliche Denken sowie die Vor- 
gänge des täglichen Lebens katholischen Maßstäben anzupassen, um das 
Königreich Christi zu vergrößern." 

Es besteht kein Zweifel (und wird überdies auch in Erklärungen der 
Kirche zugegeben), daß die Katholische Aktion als mächtigste und modernste 
Waffe der katholischen Kirche dazu dient, die Gesellschaft nach katholischen 



59 



Grundsätzen zu formen. Wir haben es also hier mit dem klugen und tückischen 
Versuch zu tun, religiösen Glauben und religiöse Organisationen unter Ver- 
meidung des offenen politischen Kampfes zur Erreichung bestimmter 
politischerZiele auszunutzen, die ihrerseits wieder der Verbreitung religiöser 
Ideen dienen sollen. 

So mischt sich die katholische Kirche mit Hilfe alter und neuer halb- 
religiöser Organisationen und Laienvereinigungen in politische Angelegen- 
heiten ein. Sie kann, wenn sie ehrlich ist, nicht leugnen, daß sie sich mit den 
weltlichen Problemen der Menschen abgibt. 

Wer nicht wahrhaben will, daß die katholische Kirche gezwungen ist, 
sich in politische Angelegenheiten zu mischen, sollte sich die Worte der 
Königin Katharina vor Augen halten, die einmal sagte, daß es zu gewissen 
Zeiten unmöglich sei, eine Grenze zwischen dem Weltlichen und dem Geist- 
lichen zu finden. Der katholische Bürger ist verpflichtet, sich mit politischen 
Fragen zu befassen; Papst Pius XI., der Begründer der Katholischen 
Aktion, schreibt es ihm ausdrücklich vor: „Derselbe Mensch handelt, ent- 
sprechend seiner Aufgabe, einmal als Katholik und einmal als Staats- 
bürger." Sein tägliches Handeln läßt sich nicht in zwei wasserdicht ver- 
schlossene Behälter pressen. Ein amerikanischer katholischer Schriftssteiler 
(Seldes) formulierte treffend: 

„Der Geist der Religion ist eine lebendige Kraft, die man nicht auf Flaschen züchten 
und mit säuberlichen Etiketten versehen kann . . . Schließlich ist klar, daß die Organisa- 
tion der Katholischen Aktion den Rahmen für die gewaltigste Maschinerie universeller 
Zentralisation abgibt, die man sich in unserer Zeit vorstellen kann." 

Wenn der Leser gleichzeitig an all die anderen rein religiösen, halb- 
religiösen oder Laiengesellschaften und Vereinigungen denkt, wird er be- 
greifen, welch gewaltiger Apparat der katholischen Kirche zur Verfügung 
steht, um alle Schichten der Gesellschaft zu durchdringen, die Lehren der 
Kirche zu verbreiten und sich auf diese Weise in der modernen Welt Auto- 
rität zu verschaffen. 

Man kann diese Maschinerie technisch -administrativ durchaus mit dem 
Apparat moderner weltlicher Regierungen vergleichen. Und doch hinkt die- 
ser Vergleich, denn die Kongregationen und Ministerien der Kirche sind 
das Resultat eines unermeßlichen und komplizierten Netzes spiritueller und 
materieller Interessen, sie erkennen in ihrer Tätigkeit keine Grenzen an, 
lenken ihre Aktionen in alle Kontinente und ordnen sich einem einzigen 
Willen unter - dem des Papstes. 

Obwohl alle Kongregationen ihre Ressorts haben, kann ihre Arbeit anders 
aufgeteilt oder vereint werden, je nachdem, wie es die Pläne des Papstes 
fordern. 



60 



Wie wir bereits gesehen haben, kann der Papst, im Gegensatz zu jedem 
Premierminister, Präsidenten, König oder Diktator, einen unbegrenzten 
Druck auf jeden Sektor des Vatikanapparates ausüben. Kein Diktator hat 
jemals soviel Macht auf sich vereinigt wie der Papst. Es gibt keine Stelle, 
die ihn kontrollieren könnte; er braucht niemandem über seine Taten 
Rechenschaft abzulegen, nicht einmal dem Kardinalskollegium. Die ge- 
samte komplizierte Maschinerie der katholischen Kirche, die bis in die 
letzten Winkel der Erde reicht, steht diesem einen Mann uneingeschränkt 
zur Verfügung — oder, genauer gesagt, zwei Männern: dem Papst und sei- 
nem Staatssekretär. 

Wir haben gesehen, wie die Regierung der katholischen Kirche arbeitet, 
und wissen jetzt einiges über den ungeheuren Einfluß, den Kirche und 
Vatikan auf vielen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens, wo immer Katho- 
liken tätig sind, ausüben. Nun wollen wir uns damit befassen, wie die Päpste 
unserer Tage als Regenten der katholischen Kirche über die großen Fragen 
denken, die unsere Welt seit fünfzig Jahren erschüttern. Wenn wir die 
Grundsätze kennengelernt haben, von denen sich der Papst leiten läßt, wird 
es uns leichter sein, die Politik des Vatikans und sein Verhalten zu den 
brennenden Problemen zu beurteilen, die heute die Menschheit bewegen. 
Denn es hängt allein von der Einstellung des Papstes ab, ob der Vatikan sich 
mit der einen modernen Ideologie, mit der einen politischen Macht, mit der 
einen Nation befreundet und die andere bekämpft und welche Wege auf 
diese Weise die Politik des Vatikans in unserem Jahrhundert einschlägt. 



Kapitel vi Die grundlegenden Ursachen der Welt- 

unruhe,wie diekatholische Kirche sie sieht 

Der Staat ignoriert die katholische Kirche - Alle Gewalt kommt von Gott und nicht 
vom Volk - Soziale Ungerechtigkeiten - Der Abgrund zwischen Religion und modernen 
Moralauffassungen - Die Mittel 9 mit denen die katholische Kirche die moderne Gesell- 
schaft heilen will. 

Die katholische Kirche versucht mit einer eigenen Theorie zu erklären, 
weshalb die Welt an den Punkt gelangt ist, an dem sie sich heute 
befindet; weshalb unsere Gesellschaft von sozialen und politischen Erschüt- 
terungen heimgesucht wird; weshalb, kurz gesagt, die Menschheit eine 
Krise durchlebt wie nie zuvor. Leider müssen wir uns darauf beschränken, 
mit einigen Sätzen die Ansichten der drei letzten Päpste zu untersuchen. Es 
wird uns hoffentlich trotzdem gelingen, klarzustellen, welche Ziele diese 
Päpste erstrebten. Dabei werden wir auch die grundsätzliche Haltung der 
katholischen Kirche zu den Problemen unseres Jahrhunderts erkennen. 

Seit der Zeit Leos XIII. hat die katholische Kirche durch eine Reihe von 
Erklärungen bewiesen, daß sie eine konsequente Stellung zu allem bezieht, 
was sie als. ihren Lehren widersprechend ansieht. Diese allgemeinen Ge- 
sichtspunkte sind das Fundament ihrer Politik und bestimmen ihr Heran- 
gehen an jedes besondere Problem. Eine nähere Betrachtung verdienen vor 
allem die Antrittsenzykliken der drei Päpste, die in dieser kritischen Zeit 
Lenker der katholischen Kirche und daher mehr als jeder andere in der 
Lage waren, die Kirche und folglich den Vatikan mit dem Geist dieser De- 
klarationen zu erfüllen. Jeder der drei Päpste entwickelte in seiner Antritts - 
enzyklika die allgemeinen Prinzipien, die er sich als Oberhaupt der Kirche 
zum Programm gemacht hatte, und schlug gleichzeitig die Mittel vor, die 
seiner Ansicht nach die Übel der modernen Gesellschaft heilen konnten. 

Leo XIII. war der erste Papst, der sich mit den sozialen und politischen 
Problemen befassen mußte, die für unser Jahrhundert charakteristisch sind. 
Er kämpfte, obwohl er in mancher Hinsicht sehr liberal gesinnt war, sein 
ganzes Leben lang rastlos gegen den Säkularismus, gegen diese „Geißel des 
Jahrhunderts", wie er sich ausdrückte. Hauptziel des Säkularismus war, 
Kirche und Staat strikt voneinander zu trennen und die Religion von allen 
nicht reinreligiösen Angelegenheiten fernzuhalten. Die Deklarationen, die 
Leo XIII. herausgab, sind, selbst wenn sie lediglich allgemeine Grundsätze 
behandeln, sehr bemerkenswert. Sie dienten auch seinen Nachfolgern als 
Richtschnur und bestimmten daher wesentlich die Politik des Vatikans im 
20. Jahrhundert. 



62 



Papst Leo XIII. legte seine Gedanken über die katholische Kirche und 
die Gesellschaft in seiner ersten Verlautbarung, der Enzyklika Inscrutabili 
vom 21. April 1878, nieder. In ihr zeichnete er ein sorgfältiges Bild der 
damaligen Weltlage und befaßte sich dann mit den Folgen, die sich in der 
Praxis aus dem Prinzip des Säkularstaates ergeben hätten. Nicht nur die 
Gesellschaft, sondern auch der Staat und das Individuum seien durch das 
Prinzip des Säkularstaates bedroht, sagte Leo XIII. Die neumodischen 
Lehren -Säkularismus und Liberalismus -hätten die fundamentalen Wahr- 
heiten, auf denen die Gesellschaft beruhe, gestürzt und die Herzen der 
Individuen mit einer allgemeinen Krankheit infiziert. Die Menschen seien 
dadurch jeder Autorität überdrüssig geworden und stritten sich von Tag zu 
Tag mehr über politische und soziale Probleme. Das führe zwangsläufig zu 
Revolutionen. 

Die neuen, vor allem gegen das Christentum und die katholische Kirche 
gerichteten Theorien seien schuld, daß es zu Handlungen gegen die Auto- 
rität der katholischen Kirche gekommen sei. Eine solche Handlung sei in 
einer Reihe von Ländern der Erlaß von Gesetzen, die an den Fundamenten 
der katholischen Kirche rüttelten. Eine solche Handlung sei die allgemeine 
Gewährung der Freiheit, Anschauungen zu verkünden, die eine Einschrän- 
kung der kirchlichen Rechte auf die Ausbildung und Erziehung der Jugend 
fordern. Eine solche Handlung sei der Raub der weltlichen Besitztümer 
des Papstes und schließlich die systematische Schmälerung der päpstlichen 
und kirchlichen Autorität, jener „Quelle des Fortschritts". 

„Wer könnte der katholischen Kirche das Verdienst abstreiten", sagte 
Papst Leo XIIL, „den in Unwissenheit und Aberglauben befangenen Men- 
schen die Wahrheit gebracht zu haben . . .? Wenn wir die Zeiten, in denen 
die Kirche von allen als Mutter geachtet wurde, mit unserer Zeit ver- 
gleichen, muß sich dann nicht jedem die Erkenntnis aufdrängen, daß unser 
Zeitalter auf einer Straße dahinrast, die geradenwegs in die Zerstörung 
führt?" Das Papsttum, verkündete Leo XIIL, sei der eigentliche Beschützer 
und Hüter der Zivilisation. „Es gereicht den Päpsten in Wahrheit zum 
Ruhm, daß sie immer die Verpflichtung in sich spürten, ein Bollwerk gegen 
einen Rückfall der menschlichen Gesellschaft in den früheren Aberglauben 
und in die frühere Barbarei zu sein." Hätte man die „heilsame Autorität" 
des Papstes höher geachtet, wären der Welt zahllose Revolutionen und 
Kriege erspart geblieben; die weltliche Macht hätte dann nicht „ihren ehr- 
würdigen und geheiligten Glanz verloren, das reine Geschenk der Religion, 
die allein die Menschheit den Zustand der Unterordnung als edel und acht- 
bar empfinden läßt". 

Leo XIIL gab den Gläubigen zu verstehen, wie sie den Feinden der Kirche 
entgegenzuwirken hätten: 



63 



1. Jeder Katholik hat sich den Lehren des Heiligen Stuhles zu unterwerfen. 

2. Die Erziehung muß katholisch sein. 

5. Jeder Katholik hat den Richtlinien der Kirche üher die Familie und die Ehe- 
schließung Folge zu leisten. 

Die Kinder sollten so früh wie möglich in den Lehren der katholischen 
Kirche unterwiesen werden, und die Kirche sollte nicht allein darauf achten, 
daß „die Erziehungsmethoden solide sind . . ., sondern vor allem darauf . . ., 
daß die Erziehung in voller Übereinstimmung mit dem katholischen Glau- 
ben erfolgt". 

Die Erziehung habe in der Familie zu beginnen, die, um einer solchen 
Pflicht nachkommen zu können, katholisch sein müsse. Es genüge nicht, 
wenn ein Elternteil katholisch sei, beide müßten ihre Vereinigung unter 
dem Sakrament der Ehe vollzogen haben. Die Kinder bedürften einer 
„christlichen Familienerziehung", diese sei aber unmöglich, wenn die Ge- 
bote der Kirche mißachtet würden, wie es zum Beispiel durch die Gesetze des 
Säkularstaates geschehe. 

Der Papst wies also die Gläubigen nicht nur an, der katholischen Kirche 
in Glaubensdingen zu gehorchen, sondern erteilte ihnen zugleich Rat- 
schläge in sozialen und politischen Fragen. Leo XIII. erließ während sei- 
ner Amtszeit (1878-1903) zahlreiche Enzykliken, in denen er immer wieder 
den Säkularstaat und die Häresie des Liberalismus und des Sozialismus ver- 
dammte. Er verlangte von den Gläubigen, daß sie diese der Kirche feind- 
lichen Ideologien in deren eigenem Bereich, das heißt in der sozialen und 
politischen Sphäre, bekämpften, indem sie sich zu katholischen Gewerk- 
schaften zusammenschlössen und katholische Parteien gründeten. Diese von 
Leo XIII. verkündeten Lehren bestimmten die Politik des Vatikans in der 
Zeit vor der Jahrhundertwende, also in dem geschichtlichen Zeitabschnitt, 
in dem sich die von der Kirche verurteilte Staatsform in ganz Europa 
durchsetzte. 

36 Jahre nach der Antrittsenzyklika Leos XIII. brach der erste Weltkrieg 
aus. Der neue Papst, Benedikt XV., verurteilte in seiner Enzyklika Ad 
Beatissimi vom 1. November 1914 die Erscheinungen, die seiner Meinung 
nach die Feindseligkeiten und Erschütterungen der westlichen Welt ver- 
ursacht hatten. Der Krieg sei nicht nur auf die Tatsache zurückzuführen, 
erklärte er, daß „die Vorschriften und Praktiken christlicher Weisheit beim 
Regieren nicht mehr beachtet werden", sondern ebensosehr auf den allgemei- 
nen Verlust an Autorität. „Es gibt seit längerem keinerlei Respekt mehr vor 
der Autorität der Regierenden . . . Die Bande der Pflicht, die den Untertan 
an jegliche Autorität über ihm fesseln sollen, sind so schwach geworden, daß 
es aussieht, als wären sie völlig verschwunden." Dies sei eine Folge der 
modernen Lehre vom Ursprung der staatlichen Gewalt. Was ist der Inhalt 



64 



dieser Lehre? fragt Benedikt XV. Der Inhalt sei die falsche Auffassung, 
daß die Autorität ihren Ursprung im freien Willen der Menschen habe 
und nicht von Gott sei. Die Illusion, daß die Menschen die Quelle der 
Macht seien, führe zu dem unbegrenzten Streben der Massen nach Unab- 
hängigkeit. Dieser Geist der Unabhängigkeit habe selbst das häusliche und 
familiäre Leben ergriffen. Sogar in kirchlichen Kreisen sei dieses Laster zu 
finden. Daraus entstehe jene weitverbreitete Verachtung aller Gesetze und 
Autoritäten, entständen die Rebellionen derer, die dazu bestimmt seien, 
regiert zu werden, entstehe die Kritik an der Ordnung und das Verbrechen 
am Eigentum durch jene, die behaupten, es binde sie kein Gesetz. Die 
Völker sollten deshalb zu den alten Lehren zurückfinden, und der Papst, 
„dem von Gott aufgetragen ist, die Wahrheit zu verkünden", sei verpflichtet, 
die Volker der Welt daran zu erinnern, „daß jegliche Gewalt von Gott ist 
und daß die bestehenden Gewalten von Gott auserwählt" seien. Da alle 
Gewalt von Gott stamme, seien alle Katholiken ihren weltlichen Gewalten 
Gehorsam schuldig. Diesen Gewalten, seien sie weltlicher oder religiöser 
Art, müsse jeder gewissenhaft gehorchen, und dieser Gehorsam müsse aus 
dem Gewissen kommen. Es gebe nur eine Ausnahme, und zwar, wenn die 
Autorität gegen die Gesetze Gottes und seiner Kirche mißbraucht werde; in 
allen anderen Fällen habe jeder Katholik, einschließlich des Papstes, blind 
zu gehorchen, denn „wer die Gewalt hat, der hat sie von Gott, und jene, die 
ihm zuwiderhandeln, überantworten sich selbst der Verdammnis". 

Benedikt XV. deutete also an, daß die Regierenden, falls sie Disziplin, 
Gehorsam und Ordnung wünschten, die Lehren der katholischen Kirche be- 
herzigen sollten. Es sei närrisch, behauptete er, ohne die Lehren der Kirche 
regieren oder die Jugend nach anderen Richtlinien als denen der katho- 
lischen Kirche erziehen zu wollen. „Traurige Erfahrungen beweisen, daß die 
menschliche Autorität versagt, wenn die Religion beiseite geschoben wird." 
Deshalb sollten die regierenden Mächte die Autorität Gottes und seiner 
Kirche mehren und bewahren; anderenfalls würden die Völker die Autorität 
der Herrschenden nicht achten. Die menschliche Gesellschaft, so fuhr der 
Papst fort, werde durch zwei Faktoren zusammengehalten - durch die 
gegenseitige Liebe und durch die bindende Anerkennung der über allen 
stehenden Autorität. Diese Quellen seien versiegt. Deshalb sei die Bevöl- 
kerung jeder Nation in zwei Lager gespalten, „als handele es sich- um feind- 
liche Armeen, die sich unablässig und bitter bekämpfen: auf der einen Seite 
die Eigentümer, auf der anderen Seite das Proletariat, die Arbeiter". 

Das Proletariat solle sich nicht von Gefühlen das Hasses leiten lassen und 
die Wohlhabenden nicht beneiden, sagte der Papst, sonst würde es eine 
leichte Beute der Agitatoren. Denn „die Tatsache, daß die Menschen von 
Natur gleich sind, bedeutet nicht, daß sie alle den gleichen Rang in der 



5 M359 



65 



Gesellschaft einnehmen müssen". Die Armen sollten nicht auf die Reichen 
schauen und sich gegen sie erheben, als wären die Reichen Diebe; wenn die 
Armen dies täten, wären sie ungerecht und unbarmherzig, nicht zu reden 
von der Unvernunft, die aus solchem Verhalten spräche. Die Folgen dSs 
Klassenhasses seien schrecklich, und Streiks könne man nur bedauern, da sie 
das gesamte nationale Leben desorganisierten. Die Irrtümer des Sozialismus 
habe schon Papst Leo XIII. aufgedeckt. Die Bischöfe sollten darauf achten, 
daß die Gläubigen niemals die päpstliche Verurteilung dieser Ideen ver- 
gäßen. Sie sollten brüderliche Liebe predigen. Diese Liebe könne zwar 
niemals „die unterschiedlichen Bedingungen und damit die Klassen be- 
seitigen, aber sie kann zuwege bringen, daß jene, die höhere Positionen 
einnehmen, sich in gewisser Weise zu denen in niedrigeren Positionen 
herablassen und sie nicht nur gerecht . . ., sondern auch freundlich und in 
einem geduldigen und freundlichen Geist behandeln. Die Armen werden 
dann am Reichtum der Reichen Freude haben und sich vertrauensvoll auf 
ihre Hilfe verlassen." 

Die Menschheit habe den Glauben an das künftige Leben verloren und 
betrachte das irdische Dasein als einzigen Grund ihrer Existenz. Eine ver- 
dorbene Presse, gottlose Schulen und andere Einflüsse seien schuld an diesem 
„äußerst schädlichen Irrtum". Die Armen, die solche Lehren vertreten, 
wünschten Reichtum; da jedoch der Reichtum nicht gleichmäßig verteilt sei 
und der Staat der Wegnahme des Reichtums Grenzen setze, haßten sie den 
Staat. „Auf diese Weise nimmt der Kampf einer Klasse von Staatsbürgern 
gegen eine andere seinen Fortgang, wobei der eine Teil mit allen Mitteln 
zu bekommen versucht und sich nehmen will, was er wünscht, während der 
andere darauf besteht, zu behalten und zu vermehren, was er besitzt." 

Warum befaßte sich die katholische Kirche in dieser Situation so ein- 
gehend mit der Frage der Autorität und der Frage des Klassenkampfes? 
Weil die sozialen Unruhen, die unmittelbar dem ersten Weltkrieg folgten, 
zu dieser Zeit bereits zu erkennen waren. Der Vatikan befürchtete Schlim- 
mes und unternahm erste, vorbeugende Schritte. 

Die Ratschläge, die der Papst jedem einzelnen Katholiken und den 
Nationen im ganzen erteilte, verhallten nicht ungehört. In dem Jahrzehnt 
nach dem ersten Weltkrieg zeigte es sich, daß solche Parolen wie Stärkung 
der Autorität, Notwendigkeit blinden Gehorsams und Kampf gegen alle 
Klassenkampftheorien die Richtschnur des faschistischen Totalitarismus 
wurden. 

Der erste Weltkrieg hinterließ viel Not und Leid, vor allem auf sozialem 
und politischem Gebiet. Einander bekämpfende soziale Lehren und politische 
Systeme, die in der Mehrzahl von der katholischen Kirche seit eh und je 
verdammt worden waren, zerrissen die Gesellschaft, wie Benedikt XV. 



66 



befürchtet hatte. Die Ereignisse in Rußland waren ein Fanal für die euro- 
päischen Völker, die sich nach der Revolution sehnten. 

Die damaligen sozialistischen, kommunistischen und anarchistischen Be- 
wegungen strebten nicht nur danach, das wirtschaftliche und soziale Leben 
zu verändern, sondern hatten auch der Religion und vor allem der katho- 
lischen Kirche den schärfsten Kampf angesagt. Der Sozialismus, der bis dahin 
nur theoretisch existiert hatte, wurde nun eine reale und drängende Gefahr 
für den Vatikan. Die katholische Kirche berief sich auf die Erklärungen, die 
Papst Benedikt XV. abgegeben hatte, und erhob Anklage gegen die Kräfte, die 
nach ihrer Meinung an der fürchterlichen Unruhe in der Welt schuld waren. 

Im Jahre 1922 wurde Pius XI. zum Papst gewählt. In seiner Antritts - 
enzyklika (Ubi Arcana Dei) legte er nicht nur die Stellung der katholischen 
Kirche zu den sozialen und politischen Problemen dar, sondern verurteilte 
auch die Demokratie und kam damit den faschistischen und nazistischen 
Diktatoren zuvor. 

Die Enzyklika Pius' XI. beschäftigte sich mit den Folgen des Krieges und 
stellte fest, daß nirgends Friede sei, weder zwischen den Staaten noch zwi- 
schen den Menschen, noch in der Familie. Sie führte die Weltunruhe darauf 
zurück, daß Gott bei den öffentlichen Angelegenheiten, bei der Eheschlie- 
ßung und der Erziehung ausgeschaltet sei. Kriege würden sich wiederholen, 
bis die Menschheit den „Frieden Christi" teile. Wenn der Friede erhalten 
werden solle, sei die katholische Kirche unentbehrlich. Zu den sozialen und 
politischen Fragen erklärte Pius XI., es gebe überall einen „Krieg der 
Klassen", überall herrsche Zank und Streit zwischen den Parteien, die nicht 
das öffentliche Wohl im Auge hätten. Komplotte, Attentate auf die Herr- 
schenden, Streiks, Aussperrungen und Aufruhr seien an der Tagesordnung. 
Die modernen Lehren hätten die Familienbande gelockert, hätten als Folge 
des Krieges eine Unrast des Geistes hervorgerufen und die Autorität in 
einem Maße untergraben, daß Gehorsam nur noch als Unterwerfung unter 
ein fürchterliches Joch aufgefaßt würde. Die Menschen wünschten, sowenig 
wie möglich zu arbeiten, und erklärten zugleich ihre Herren und Meister zu 
ihren Feinden. Die Anzahl der Bedürftigen wachse ständig und bilde ein 
Reservoir, aus dem künftige Revolutionen ihre Armeen aufstellen könnten. 

Der Papst erklärte, es müsse, wenn auch die katholische Kirche zu Staats - 
formen im allgemeinen nicht Stellung nehme, doch bemerkt werden, daß 
die Demokratie mehr als jede andere Staatsform den Wechselfällen des 
Schicksals ausgeliefert sei. Die Demokratie, so versicherte Pius XL, trage die 
Schuld an dem Chaos, das über die Menschheit gekommen sei, weil in ihr 
zuviel Freiheit herrsche und der Wille des Volkes als oberstes Gesetz ange- 
sehen werde; je demokratischer ein Land sei, desto chaotischer sei der Zu- 
stand seines nationalen Lebens. 



67 



Diese Verurteilung der Demokratie war außerordentlich bedeutsam, 
denn sie erfolgte zu einer Zeit, als sich die faschistischen Lehren in Italien 
und auch sonst in Europa auszubreiten begannen. Wir werden später sehen, 
daß sich die Verurteilung der Demokratie durch den Papst keineswegs auf 
das theoretische Gebiet beschränkte, sondern in die Sphäre der Politik über- 
griff und damit für die tragischen Folgen mitverantwortlich wurde, die wir 
alle erlebten. 

Die Enzyklika Pius' XI. sprach im weiteren darüber, auf welchen Wegen 
und mit welchen Mitteln die Gesellschaft des 20. Jahrhunderts zu kurieren 
wäre. Jedes Individuum, so dekretierte sie, solle seiner Gehorsamspflicht 
nachkommen, den von Gott bestimmten Aufbau der gesellschaftlichen Ord- 
nung respektieren und vor allem der katholischen Kirche, jenem Lehr- 
meister, „unfähig des Irrtums", in Demut folgen. Nur die katholische Kirche 
könne Frieden und Ordnung bringen, denn sie allein lehre in göttlichem 
Auftrag und kraft göttlichen Befehls. Die Individuen hätten ebenso wie die 
Staaten die göttlichen Gesetze zu befolgen; die katholische Kirche sei „die 
einzige, und vor allem die einzige von Gott berufene Hüterin und Ver- 
künderin der offenbarten Wahrheiten". Deshalb könne die Gesellschaft eine 
Lösung ihrer Schwierigkeiten nur finden, wenn sie den Lehren der katho- 
lischen Kirche folge. Aus demselben Grunde sei es auch ein nutzloses Unter- 
fangen, einen Völkerbund zu gründen, ohne dabei die katholische Kirche zu 
konsultieren. Wenn man wünsche, daß eine solche Organisation das ge- 
steckte Ziel erreiche, müsse man sie nach dem Vorbild der katholischen 
Kirche aufbauen, die bereits im Mittelalter als internationale Institution 
große Erfahrungen gesammelt habe. Nur die katholische Kirche sei fähig, 
die Heiligkeit der internationalen Gesetze zu schützen, denn sie stehe, wenn 
sie auch in allen Nationen verwurzelt sei, doch über den Nationen. 

Die Menschen sollten sich bei der katholischen Kirche nicht nur in 
geistigen, sondern auch in sozialen Angelegenheiten Rat und Hilfe holen 
und niemals vergessen, daß es ihnen verboten sei, gewissen sozialen Lehren 
zu folgen, die nicht die Zustimmung der katholischen Kirche finden, näm- 
lich dem Liberalismus, dem Modernismus, dem Sozialismus usw. Leider 
gebe es noch viele, die sich verleiten ließen, soziale Angelegenheiten zu 
liberal zu beurteilen. „In ihren Worten und Schriften und im ganzen Tenor 
ihres Lebens benehmen sie sich, als seien die Lehren und Befehle, die von 
den Päpsten ergangen sind . . ., völlig veraltet . . . Darin erblicken Wir eine 
Abart des moralischen Modernismus in Fragen der Autorität und der 
sozialen Ordnung, die Wir . . . ebenfalls ausdrücklich verurteilen." 

Papst Pius XL, dessen Amtszeit (1922-1959) in eine der schicksals- 
schwersten Perioden der neueren Geschichte fiel, war ein Mann der Tat. Die 
katholische Kirche wurde in steigendem Maße von den Entscheidungen des 



68 



Papstes abhängig. Er legte nicht nur Wert darauf, das auszuführen, was 
seine Vorgänger gepredigt hatten, sondern hatte auch außergewöhnlich 
feste eigene Ansichten über die Stellung der katholischen Kirche zu den 
sozialen und politischen Problemen der Zeit. 

Pius XI. war „voll Verachtung für die demokratischen Institutionen", 
was seine erste Enzyklika sehr deutlich zeigte. Er war mit großem Erfolg 
bestrebt, den Geist der katholischen Kirche zu festigen und die Politik des 
Vatikans völlig dem Prinzip der Feindschaf t gegen die großen und modernen 
sozialen und politischen Strömungen unterzuordnen. Seine auf weite Sicht 
geplante Politik hinsichtlich dieser Strömungen beruhte auf dem Grund- 
satz, die Autorität des Staates zu heben und der katholischen Kirche das 
Recht zu sichern, in der modernen Gesellschaft eine gewichtigere Rolle zu 
spielen als bisher. Die Kirche sah es als ihre Pflicht an, der Jugend eine 
religiöse Erziehung angedeihen zu lassen, die Heiligkeit der Familie zu 
schützen und dafür zu sorgen, daß der Säkular ismus in Acht und Bann 
getan, der Sozialismus vernichtet, die Ehescheidung verboten und die Demo- 
kratie verurteilt würde. 

Die päpstlichen Bemühungen, diese Grundsätze zu verwirklichen, brach- 
ten die katholische Kirche bald mit Bewegungen in Berührung, die keinerlei 
Beziehungen zur Religion hatten, aber den Haß des Vatikans gegen be- 
stimmte soziale und politische Tendenzen im gesellschaftlichen Leben teil- 
ten. Gemeinsamer Haß gab ihnen ein gemeinsames Ziel und eine gemein- 
same Plattform. So nahm der Vatikan Schulter an Schulter mit dieser 
Bewegung den Kampf gegen seinen vermeintlichen Feind auf. Wer war der 
Hauptverantwortliche für diese Allianz? Weshalb ließ sich der Vatikan auf 
eine solche Politik ein? 



Kapitel vii Die Politik des Vatikans 

zwischen den Weltkriegen 

Die katholiscfie Kirche und die sozialistische Ideologie — Die katholische Kirche am 
Ende des ersten Weltkrieges, Ihre Allianz mit den konterrevolutionären Kräften. Der 
italienische Faschismus - Die neue Politik des Vatikans - Die Auflösung der katho- 
lisclien Parteien - Die Allianz der katholischen Kirche mit den faschistischen Diktaturen. 

Die sozialen und politischen Ideologien und Systeme, die der Vatikan 
während des vergangenen und zu Beginn unseres Jahrhunderts bekämpfte, 
wurden mit einem Schlag harmlose Gegner der Kirche, als der Sozialismus 
in seiner vollen Gestalt und als staatliche Realität vor ihr aufstand. 

Im 19. Jahrhundert dominierte der Liberalismus. Er hatte den Säkula- 
rismus, die Freiheit der Gesellschaft und des Staates von den Einmischungen 
der Kirche, gefordert. Im zwanzigsten Jahrhundert wurde der Liberalismus 
durch eine Ideologie verdrängt, die bisher keine ernsthafte Gefahr für die 
religiösen, sozialen und wirtschaftlichen Grundlagen, auf denen nach Mei- 
nung der katholischen Kirche die Gesellschaft beruht, dargestellt hatte. 
Diese Ideologie propagierte die soziale, wirtschaftliche und politische Revo- 
lution. Sie war seit ihrer Entstehung mehr als einmal von der Kirche ver- 
dammt worden — eine Verdammung jedoch, die selten über die theoretische 
und religiöse Sphäre hinausdrang. Der Sozialismus in seinen verschiedenen 
Schattierungen war, auch nachdem er in den letzten Jahrzehnten des 
19. Jahrhunderts in bestimmten sozialen, wirtschaftlichen und politischen 
Bewegungen Gestalt angenommen hatte, ein relativ schwacher und vor 
allem nur theoretischer Feind geblieben. Er schien die Grundlagen der 
Gesellschaft nicht ernstlich zu bedrohen. 

In den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts erklärte die katho- 
lische Kirche, nachdem sie zuvor die sozialistische Theorie und alle ihre 
Forderungen verdammt hatte, daß der gute Katholik keine Verbindung mit 
dem Sozialismus haben dürfe. Die theoretische Verurteilung des Sozialismus 
wurde zur praktischen Zurückweisung, als die Sozialisten begannen, die 
Arbeiterklasse zu organisieren und Ziele zu verkünden, die eine offene Her- 
ausforderung der bestehenden wirtschaftlichen und sozialen Ordnung waren. 

Seit Leo XIIL hatte die Kirche wiederholt die sozialistische Lehre offen 
und scharf verurteilt. Jetzt versuchte sie, als Gegengewicht kirchliche 
Arbeiterorganisationen ins Leben zu rufen, gab aber bereits zu Beginn des 
ersten Weltkrieges diese Zielsetzung auf. Es hatte sich rasch herausgestellt, 
daß diese Maßnahmen nicht geeignet waren, die sozialistische Bewegung 
aufzuhalten. Aber die katholische Kirche ließ sich dadurch nicht in 



70 



Verwirrung bringen, sie besaß großes Selbstvertrauen, denn ihre Politik 
stützte sich weniger auf die katholische Arbeiterbewegung als vielmehr auf die 
religiösen und politischen Organisationen, die ihre Kämpfe an der Quelle 
der politischen Macht, zumeist innerhalb der Regierungen selbst, atistrugen. 

Neben den katholischen Parteien verfügte die Kirche über eine einfluß- 
reiche katholische Presse und über starke Verbündete in den Schichten, deren 
Interessen die Beibehaltung des sozialen und wirtschaftlichen Status quo 
verlangten. Zu diesen konservativen Elementen gehörten die Großgrund- 
besitzer und die Herren der riesigen Industriekonzerne. Sie alle sahen in 
der katholischen Kirche ihren natürlichen Verbündeten, und die Kirche 
wußte sie zu schätzen als zuverlässige Streiter gegen jede ernsthafte Be- 
drohung durch den Sozialismus. 

Mit dem Ausbruch des Weltkrieges änderte sich die Lage gründlich. 
Millionen Menschen wurden plötzlich aus ihrer verhältnismäßig friedlichen 
Umwelt gerissen und in die Schützengräben oder Munitionsfabriken ge- 
steckt. Das Leben, das sie bislang geführt hatten, zerfiel immer mehr unter 
der verheerenden Einwirkung des Krieges. Die moralischen Werte religiöser, 
sozialer und politischer Art gerieten ins Wanken. Die sozialistische Ideologie 
erfaßte die breiten Massen. 

In Rußland kam es 1917 zur sozialistischen Revolution, die bolsche- 
wistische Partei übernahm die Regierung. Ein Jahr später endete der erste 
Weltkrieg. Er hatte Vertreibungen zur Folge, Massenarbeitslosigkeit, Ver- 
wirrung und Desillusionierung. Die sozialistischen Lehren fanden daher 
breiten Widerhall, sie wurden von vielen als ein Programm begrüßt, mit 
dem man eine bessere soziale und wirtschaftliche Ordnung errichten konnte. 
Streiks legten ganze Industriezweige, ganze Städte und Wirtschaften lahm. 
Die Arbeiter besetzten die Fabriken und wählten Arbeiterräte zur Leitung 
dieser Unternehmen. Die Landarbeiter ergriffen Besitz von den Ländereien 
der Gutsherren. Die Vertreter der Staatsmacht wurden überwältigt und ab- 
gesetzt. In mehreren Ländern begann man den theoretischen Plan der Er- 
richtung einer sozialistischen Gesellschaft zu verwirklichen. 

Wo stand die katholische Kirche in diesem Kampf? Sie war wegen ihrer 
ständigen Angriffe auf die sozialistische Ideologie und ihre Träger und 
wegen ihrer engen Verbindungen mit den natürlichen Feinden der sozia- 
listischen Gesellschaft - den Großgrundbesitzern, den Industrieherren und 
allen anderen konservativen Schichten der Gesellschaft — eines der Haupt- 
angriffsziele der revolutionären Bewegung. Die Kommunisten forderten die 
Enteignung der Kirche, ihre Trennung von der Schule und die Einstellung 
aller Zahlungen des Staates an die Kirche. Im übrigen würde die welt- 
anschauliche Propaganda schon dafür sorgen, daß die neue Gesellschaft die 
Religion überwände. Die Blicke auf das große Vorbild, Sowjetrußland, 



71 



gerichtet, ließen sie diesen Worten Taten folgen. So wurde selbst dem kurz- 
sichtigsten Kardinal im Vatikan sehr rasch klar, daß alle Säkularisations- 
bestrebungen der Vergangenheit harmlos waren im Vergleich zu der Säku- 
larisation, die sich die Kommunisten vorgenommen hatten. Alle Elemente, 
die sich in ihrer Existenz bedroht fühlten, leiteten inzwischen mit Hilfe 
der verschiedensten sozialen, politischen und nationalistischen Bewegun- 
gen eine Gegenoffensive ein. Sie bildeten militaristische Gruppen und be- 
gannen die revolutionäre Bewegung mit blutigem Terror zu unterdrücken. 
Auf diese Weise gelang es der Gegenrevolution, dank ihrer besseren Or- 
ganisiertheit, dank der Uneinigkeit im Lager ihrer Feinde und dank der 
Tatsache, daß weite Kreise der Bevölkerung der ständigen Streiks und 
Kämpfe müde wurden, das Vordringen des Sozialismus vorerst aufzuhalten 
und ihn an einigen Stellen sogar zurückzuschlagen. 

Der Vatikan begrüßte jede antisozialistische Bewegung mit großer 
Sympathie und unterstützte sie, wo immer er konnte. Bald aber kam es zu 
einem sich immer mehr zuspitzenden Konflikt in der Kirchenführung über 
die Politik gegen die „Roten". 

Der Konflikt entzündete sich an der Frage, ob man die Gewaltmaß- 
nahmen der neuen antisozialistischen Bewegungen aktiv unterstützen solle 
oder nicht. Von diesen Gewaltmaßnahmen versprach man sich nicht nur 
die Vernichtung des Kommunismus, sondern auch die Wiederherstellung 
der alten Ordnung und eine Kontrolle über alle Individuen und Gruppen, 
die der Gesellschaft gefährlich werden könnten. Die andere Möglichkeit 
war, die „rote Gefahr" so zu bekämpfen, wie die Kirche vor dem Krieg den 
Liberalismus und den Säkularismus bekämpft hatte, nämlich auf legalem 
Weg, das heißt in der Arena des sozialen und politischen Kampfes mit Hilfe 
neuer Arbeiter- und Bauernorganisationen und politischer Parteien. 

Die eine Gruppe bestand darauf, daß rücksichtslose Gewalt das einzige 
Mittel sei, mit dem die Feinde der Kirche — vor allem die Kommunisten — 
erfolgreich bekämpft werden könnten. Bannflüche, religiöse oder soziale 
Organisationen und selbst mächtige katholische Parteien seien zu schwach, 
seit sich „die katholische Kirche der gewalttätigen Propaganda und den 
Methoden der Roten" gegenübersehe. Die Kirche könne jedoch nicht öffent- 
lich zu Mord und Gewalttat aufrufen, denn immer, wenn dergleichen ge- 
schehen sei - Mitglieder katholischer Parteien hatten es anläßlich einiger 
von Sozialisten organisierter Streiks versucht — , habe es lediglich zu ver- 
mehrtem Haß gegen die Kirche geführt. Der Kirche bliebe also nur der Weg, 
eine neue Politik zu beginnen, eine Politik der engen Allianz mit jeder 
politisch erfolgversprechenden Bewegung, die die Vernichtung des Sozialis- 
mus, die Beibehaltung des Status quo und vor allem die privilegierte Stel- 
lung der katholischen Kirche garantieren könnte. 



72 



Dies sei dringender nötig denn je, unterstrichen die Anhänger dieser 
Theorie im Vatikan und beriefen sich auf die großen Verluste, die die katho- 
lische Kirche täglich erlitt; die Kirchenaustritte seien keine Einzelerschei- 
nungen mehr, eine Massenapostasie habe eingesetzt. Einige dieser Abtrün- 
nigen seien wohl den giftigen Lehren des Liberalismus und der säkularen 
Erziehung zum Opfer gefallen, aber der Sozialismus trage die Hauptschuld 
an diesen Massenaustritten. Überall dort, wo sich die Industrie und damit 
städtische Lebensformen breitgemacht hätten, verliere die Kirche unwei- 
gerlich Mitglieder, während die Roten dort ebenso unweigerlich gewännen. 

Diese Verluste der Kirche hatten doppeltes Gewicht, denn ein Mensch 
erklärt seinen Austritt aus der Kirche nicht allein aus religiösen, sondern 
ebenso auch aus politischen und sozialen Motiven. Die Menschen, die der 
Kirche die Achtung versagten, schlössen sich in der Mehrzahl politischen 
Bewegungen an, die der Kirche feindlich gesinnt, waren. Nach dem ersten 
Weltkrieg hatte die sozialistische und die kommunistische Bewegung den 
meisten Nutzen davon. Sehr bald war zu erkennen, daß die sozialistischen 
Wähler mit ziemlicher Sicherheit für die katholische Kirche verloren waren. 
Papst Pius XI. zog später daraus die Schlußfolgerungen und erklärte: „Kein 
Katholik kann Sozialist sein." (Quadragesimo Anno, 1951) 

In Italien, einem katholischen Land, eroberten die Sozialisten unmittel- 
bar nach dem Krieg 1 840 589 von insgesamt 5 500 000 Stimmen; 1926 er- 
rangen Liberale und Sozialisten zusammen 2494 685 Stimmen. In Öster- 
reich erhielten im Jahre 1927 die Sozialisten 820000 Stimmen und hatten 
allein in Wien einen Zuwachs von 120 000 Stimmen. In der Tschechoslowakei 
verlor die katholische Kirche bis 1930 1 900 000 Anhänger. In Deutschland 
entfielen 1952 auf Sozialisten und Kommunisten 13,2 Millionen Stimmen. 

Diese schweren Verluste veranlaß ten die katholische Kirche, jede Regie- 
rung zu unterstützen, die die Absicht zeigte, ihr Land aus einer Industrie- 
macht in eine Agrarmacht zu verwandeln — das war übrigens auch der 
Grund, aus dem der Papst Potain unterstützte denn Agrargemeinschaften 
hatten sich als konservativ und kirchentreu erwiesen. 

In den unruhigen Jahren nach dem ersten Weltkrieg konnte sich der 
Vatikan nicht klar entscheiden, welche Politik er verfolgen sollte. Er 
arbeitete in zwei Richtungen und in beiden nur mit halber Kraft. In 
Italien erlaubte er zum Beispiel den Katholiken, eine starke katholische 
Partei mit progressivem und sozialem Aushängeschild ins Leben zu rufen, 
die bei manchen Anlässen auf die Maßnahmen ihrer Gegner mit Gewalt 
antwortete. Dieser Beschluß war von Benedikt XV. gefaßt worden, der libe- 
rale Neigungen zeigte. 

Als Benedikt XV. starb, wurde das Steuer der Vatikanpolitik herum- 
geworfen. Der neue Papst entschloß sich, wenn auch anfänglich unter 



73 



Beachtung gewisser Vorsichtsmaßnahmen, zu einer Politik der Allianz mit 
den radikalen antibolschewistischen Kräften. 

Das Jahr 1922, in dem Pius XI., ein Mann von autoritärer, kompromiß- 
feindlicher und antidemokratischer Gesinnung zum Papst gewählt wurde, 
war ein schicksalsschweres Jahr nicht nur in der Geschichte der katholischen 
Kirche, sondern auch in der Geschichte Europas, ja der ganzen Welt. In 
diesem Jahr errang die erste faschistische, totalitäre Bewegung Europas, 
der italienische Faschismus, die Macht über eine moderne Nation. Seit 
dieser Zeit wurde die Politik des Vatikans immer zielstrebiger, seine Allianz 
mit den Mächten der Reaktion immer offensichtlicher. In ganz Europa, von 
Spanien bis Österreich, von Italien bis Polen, kamen mit legalen oder halb- 
legalen Mitteln Diktaturen an die Macht, die häufig offen vom Vatikan 
unterstützt wurden. Nachdem der Vatikan einmal mit der alten Methode 
gebrochen hatte, ging er so weit, die Auflösung der großen katholischen 
Parteien zu befehlen, um die faschistischen Regime zu unterstützen und 
ihre Machtposition im Staat zu festigen. 

Aber damit nicht genug. Bei mehr als einer Gelegenheit verkündete der 
Papst, der faschistische Diktator Mussolini sei „von der himmlischen Vor- 
sehung gesandt", und empfahl in der Enzyklika Quadragesimo Anno allen 
katholischen Ländern, die Form des faschistischen Ständestaates zu über- 
nehmen. 

Als die faschistischen Staaten ihre Aggressionen begannen, half ihnen 
die katholische Kirche offen und versteckt. Sie hielt die Katholiken der be- 
treffenden Länder an, die Aggressoren zu unterstützen, oder setzte diplo- 
matische Mittel ein, wie im Fall des Abessinienkrieges (1935—36) und im 
Fall der Annexion Österreichs (1938) und der Tschechoslowakei (1939). 

Was erhielt die katholische Kirche als Gegenleistung? Sie erhielt, was 
sie erwartet hatte, als sie mit den radikalsten reaktionären Bewegungen 
ein Bündnis einging: die brutale Verfolgung all der Feinde, die sie so oft im 
Lauf der letzten hundert Jahre verdammt hatte - nicht nur des Sozialismus 
und des Kommunismus, sondern auch des Liberalismus, der Demokratie und 
des Säkularismus. Die Gewerkschaften und alle sozialen, kulturellen und 
politischen Organisationen, die unter dem Einfluß von Kommunisten, 
Sozialisten, bürgerlichen Demokraten oder Liberalen standen, wurden zer- 
treten, alle politischen Parteien verboten. Die Presse, der Film, das Theater 
und alle anderen kulturellen Institutionen wurden unter die Kontrolle der 
faschistischen Partei gestellt. Die Bevölkerung wurde aller demokratischen 
Rechte beraubt. 

Der Geist und die Maschinerie der faschistischen Diktatur hatten ihr 
Vorbild im Geist und in der Maschinerie der katholischen Kirche. Es gab 
nur eine Partei, sie allein besaß die politische Wahrheit. Es gab nur einen 



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Führer, er machte alles richtig und war niemandem rechenschaftspflichtig. 
Das Volk hatte ihm blind zu gehorchen, seine Befehle durften nicht disku- 
tiert werden. Die Bevölkerung hatte zu denken, was der Führer ihr zu den- 
ken befahl, sie hatte die Sendungen zu hören und die Zeitungen und Bücher 
zu lesen, die er für sie auswählte. Niemandem war gestattet, gegen das 
Regime oder den Führer auch nur zu flüstern. Eine Geheime Staatspolizei 
lauerte darauf, jeden zu verhaften und in ein Konzentrationslager zu werfen, 
der gegen diese Regeln verstieß. 

Die katholische Kirche konnte sich in den vom Faschismus befallenen 
Ländern ungehindert betätigen und erhielt viele Vorrechte, ja sie wurde in 
einigen dieser Staaten sogar zur Staatsreligion erklärt; das bedeutete 
religiöse Erziehung an allen Schulen, religiöse Eheschließung, Abschaffung 
der Ehescheidung, Verbot aller religionsfeindlichen Bücher, Verbot der 
Empfängnisverhütung, Besoldung der Geistlichkeit durch den Staat, Teil- 
nahme der höchsten Repräsentanten des Staates an öffentlichen religiösen 
Zeremonien, Protektion und Subvention religiöser Zeitungen usw. Die 
Kirche hatte auf einen Schlag nicht nur all ihre alten und neuen Feinde ver- 
nichtet, sondern zugleich eine privilegierte Stellung in der Gesellschaft ge- 
wonnen, die sie unter anderen Umständen nie hätte erringen können. 

Aber nicht immer herrschte Sonnenschein in dem Verhältnis zwischen 
der katholischen Kirche und ihren politischen Verbündeten. Häufig ent- 
standen bittere Kontroversen, vor allem mit der deutschen Spielart des 
Faschismus, dem Nazismus. Es gab sogar Ansätze zu Kirchenverfolgungen, 
gegen die der Papst in seinen Enzykliken Stellung nehmen mußte. (Non 
Abbiamo Bisogno, 1931, gegen den italienischen Faschismus; und Mit bren- 
nender Sorge, 1937, gegen den Nazismus) Diese Streitigkeiten entstanden 
um die Frage der Jugenderziehung oder bei Verletzungen des Konkordats. 
In Deutschland kam es zu Beschwerden der Kirche, weil der Nazismus vor- 
sätzliche und unflätige Angriffe gegen die Religion richtete. 

Der Vatikan wagte es nicht ein einziges Mal, den Faschismus, den Nazis- 
mus oder ähnliche Bewegungen grundsätzlich zu verdammen, wie er es zum 
Beispiel im 19. Jahrhundert mit dem Liberalismus oder im 20. Jahrhundert 
wiederholt mit dem Sozialismus tat. Warum auch? Daß bei der neuen Allianz 
nicht alles reibungslos abging, war menschlich verständlich. Schließlich 
hatte die katholische Kirche, wenn sie auch nicht alles bekam, was sie sich 
wünschte, doch unter den faschistischen Regimen einen Machtzuwachs er- 
reicht, von dem sie sich vorher nie hätte träumen lassen. Darauf ist es auch 
zurückzuführen, daß der Vatikan, nachdem er einmal die neue Politik ein- 
geschlagen hatte, zwanzig Jahre lang nicht mehr von ihr abwich und da- 
durch die Stellung des Faschismus auf dem ganzen Kontinent wesentlich 
festigte. 



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Der Vatikan ermutigte die faschistischen Diktaturen nicht nur in ihren 
innerpolitischen Maßnahmen, sondern auch auf dem Gebiet der inter- 
nationalen Politik. Da die katholische Kirche überall die gleichen Feinde 
zu bekämpfen hatte, verfolgte sie auch in fast allen europäischen Ländern 
die gleiche Politik. Sie schloß überall ähnliche Allianzen wie jene, mit denen 
sie in den faschistischen Staaten so gute Erfahrungen gemacht hatte. Selbst- 
verständlich mußte sie dabei die örtlichen Umstände in Betracht ziehen und 
in den einzelnen Ländern unterschiedliche Taktiken anwenden. So ge- 
stattete sie in einem Land der katholischen Partei, mit den Sozialisten zu- 
zusammenzuarbeiten (Deutschland), und ließ in einem anderen die gleichen 
Sozialisten von einer offen katholischen Diktatur zusammenschießen (Öster- 
reich) ; so beauftragte sie in einem Land die katholische Partei, die Regierung 
zu unterwühlen und deren Sturz zu beschleunigen (Tschechoslowakei) und 
machte ergebene Katholiken zu Agenten ausländischer faschistischer Aggres- 
soren (Seyß-Inquart in Österreich und Tiso in der Tschechoslowakei) und 
ließ in einem anderen Land (Spanien) einen katholischen General (Franco), 
gestützt auf den Vatikan und die spanische Hierarchie, offen gegen die ver- 
fassungsmäßige demokratische Regierung seines Landes revoltieren. 

Die Allianz mit dem Faschismus hatte aber für den Vatikan noch einen 
anderen Sinn. Er verfolgte mit diesem Bündnis das Ziel, das Zentrum des 
Weltatheismus und des Kommunismus, die Sowjetunion, zu vernichten. 

Seit der russischen Revolution von 1917, die, so parodox es klingt, vom 
Vatikan begrüßt worden war, hatte die Vatikanpolitik in der internationalen 
Sphäre nur ein Hauptziel; Vereinigung aller Kräfte und Länder zu einem 
gegen die Sowjetunion gerichteten Block. Der Vatikan unterstützte Hitler, 
weil dieser sich nicht nur zum Ziel gesetzt hatte, den Kommunismus in 
Deutschland zu zerschlagen, sondern auch fest entschlossen war, eine starke 
Macht zu errichten, die als eine Art Chinesische Mauer das Vordringen des 
Kommunismus nach Europa verhindern oder eines Tages sogar die Sowjet- 
union vernichten sollte. Diese gegen die Sowjetunion gerichtete Politik der 
Unterstützung der faschistischen Diktaturen verfolgte der Vatikan rücksichts- 
los vor und während des zweiten Weltkriegs. Er setzte sie nach dem Krieg fort 
durch seine Allianz mit den USA, durch den Aufmarsch des zu neuem Leben 
erwachten politischen Katholizismus, der 1 9 50 bereits die Herrschaft über zehn 
europäische Staaten erobert hatte (Italien, Österreich, Westdeutschland, 
Frankreich, Belgien, Luxemburg, Niederlande, Irland, Spanien und Portu- 
gal), und durch die offene Einmischung in die Wahlen vieler Länder. So 
wies Pius XII. die französischen und italienischen Wähler in den Jahren 
1947 und 1948 offen an, gegen die Parteien zu stimmen, die der Kirche nicht 
genehm waren - eines der zahlreichen Beispiele für die Anwendung eines un- 
mittelbaren religiösen Druckes um politischer und ideologischer Ziele willen. 



76 



Diese Feindschaft erreichte 1949 ihren Höhepunkt mit jenem Dekret, 
nach dem alle, „die sich zu der materialistischen und antichristlichen Doktrin 
des Kommunismus bekennen, sie verteidigen oder verbreiten", exkommuni- 
ziert werden (Dekret zur Exkommunikation, erlassen von der Höchsten 
Heiligen Kongregation des Heiligen Offiziums am 15. Juli 1949). Es ließ 
den katholischen Gläubigen nur die Wahl zwischen einer uneingeschränkten 
Ablehnung des Kommunismus und dem Austritt aus der Kirche und verbot 
ihnen nicht nur, für die kommunistische Partei zu stimmen, sondern unter- 
sagte ihnen auch, „kommunistische Literatur ohne die besondere Genehmi- 
gung ihres Beichtvaters zu lesen . . . Selbst Reporter, die über Theater, Sport 
oder Literatur in einer kommunistischen Zeitung schreiben, begehen damit 
in den Augen der Kirche eine unerlaubte Handlung." Nachzulesen im 
Osservatore Romano vom 26. Juli 1949. 

Die katholische Kirche wäre trotz ihre9 großen Einflusses in vielen 
Ländern nie in der Lage gewesen, das Geschehen in den Jahren zwischen 
den Kriegen so entscheidend zu beeinflussen, wenn die Umstände sie nicht 
begünstigt hätten. Die ethischen, nationalen, sozialen, wirtschaftlichen und 
politischen Kräfte, die durch ihre Dynamik die Welt in der niederdrückenden 
Nachkriegszeit erschütterten, kamen den katholischen Absichten entgegen. 

Auch wenn es keine katholische Kirche gegeben hätte, auch wenn sie sich 
neutral verhalten oder gar dem Faschismus widersetzt hätte, wäre es zu den 
gewaltigen Zusammenstößen gekommen, deren Höhepunkt der zweite 
Weltkrieg war. Aber es besteht kein Zweifel, daß die unmittelbare oder 
mittelbare Hilfe, die die katholische Kirche in bestimmten kritischen 
Momenten den faschistischen Staaten gewährte, die Herausbildung eines 
faschistischen europäischen Kontinents und damit den Ausbruch des zweiten 
Weltkrieges beträchtlich beschleunigt hat. Selbstverständlich war es nicht 
allein der profaschistischen Politik, die der Vatikan nach dem Auftauchen 
der für ihn fürchterlichen Gefahr des Sozialismus verfolgte, zuzuschreiben, 
daß die Welt dorthin gelangte, wo sie heute steht. Dafür waren im wesent- 
lichen andere Kräfte verantwortlich, die mit der Religion und der katho- 
lischen Kirche wenig oder gar nichts zu tun haben. Aber die Allianz des 
Vatikans mit diesen nichtreligiösen Kräften und die Hilfe, die er ihnen in 
kritischen Situationen gewährte, trugen dazu bei, die Welt aus dem Gleich- 
gewicht zu bringen. 

Den Vatikan für seinen Teil der Verantwortung an der Welttragödie zu 
verurteilen oder freizusprechen, ist nicht unsere Aufgabe. Die Tatsachen 
sprechen für sich. Unsere Sache wird es jetzt sein, diesen Tatsachen nach- 
zuspüren und die Rolle der katholischen Kirche im Leben der einzelnen 
Länder zu untersuchen, um einen Überblick über ihre Aktivität in der ersten 
Hälfte des 20. Jahrhunderts zu erhalten. 



77 



Kapitel viii Spanien, die katholische Kirche 

und der Bürgerkrieg 

Erste Gegensätze zwischen Kirche und Staat - Das 19. Jahrhundert - Der Liberalis- 
mus und die katholische Kirche - Eine Kirchenflucht setzt ein - Die katholischen Ge- 
werkschaften - Die erste Diktatur nach dem Krieg (1923) - Der Sturz der Monarchie - 
Die Trennung von Kirche und Staat - Die katholische Kirche schürt den Krieg gegen 
die Republik - Die Strategie des Vatikans - Der erste Schritt: Schaffung einer katho- 
lischen politischen Bewegung - Gil Robles und der politische Katholizismus in Spanien - 
Die Taktik des Trojanischen Pferdes - Die Fortschritte des politischen Katholizismus 
und seine V orbereitungen zur Machtergreifung auf legalem und halblegalem Weg - Der 
Sieg der V olks front macht die Pläne des politischen Katholizismus in Spanien zunichte - 
Der Faschismus auf dem Marsch: Die F alange - Der Ausbruch des Bürgerkrieges 
(1936) - Der spanische Bürgerkrieg verwandelt sich in einen internationalen diploma- 
tisch-politisch-ideologischen Konflikt - Die Intervention des faschistischen Italiens und 
N azideutschlands - Die Kampagne des Vatikans gegen die Republik - Der Papst organi- 
siert einen weltweiten Kreuzzug gegen den Bolschewismus - Die Entsendung katho- 
lischer Freiwilliger als Hilfstruppen für Franco - Die Vernichtung der Republik — Ein 
neues katholisch-totalitäres Spanien entsteht - Das katholische Spanien und der zweite 
W eltkrieg - Franco unterstützt Nazideutschland - „Die anderen sind gegen Gott, aber 
wir sind seine Soldaten." 



Nirgends hat die katholische Kirche jahrhundertelang alle Sphären des 
Lebens einer Nation so unter ihrer Kontrolle gehabt wie in Spanien. Ob 
dies auf das spanische Temperament zurückzuführen ist, das durch seine 
Anlage zum Extremismus besonders anfällig für die Dogmen des Katholi- 
zismus sein soll, oder ob andere Faktoren daran schuld sind - Tatsache ist 
und bleibt, daß die katholische Kirche in Spanien vom frühen Mittelalter bis 
in die Gegenwart eine gewaltige Macht ausübt. Sie prägte das kulturelle, 
soziale, wirtschaftliche und politische Antlitz des Landes. 

Trotz des Würgegriffs der Kirche kam es immer wieder zu turbulenten 
Auseinandersetzungen zwischen ihr und dem Volk. Auch die Tatsache, daß 
Kaiser Theodosius und Papst Damasus, die bereits im Jahre 580 als erste das 
System der Partnerschaft zwischen Kirche und Staat einführten, Spanier 
waren, machte dem spanischen Volk die römische Macht nicht schmackhafter. 

Bereits Crosius bewies in seinem im Jahre 418 geschriebenen Geschichts- 
werk ein gewisses „nationales spanisches Selbstbewußtsein" und teilte durch- 
aus nicht die Bewunderung Sankt Augustins für Rom. Dieses Gefühl blieb 
auch in den folgenden Jahrhunderten wach. So bemühte sich im 11. Jahr- 
hundert der Bischof von Compostella um die Emanzipation der spanischen 
Kirche. Er wurde exkommuniziert. Später revoltierten die Königreiche von 
Leön und Kastilien gegen die Romanisierung Spaniens, die vor allem von 



78 



Gregor VII. und den Mönchen vonCluny betrieben wurde. Noch im 16. Jahr- 
hundert wandten sich selbst spanische Könige, Karl I. und Philipp II., gegen 
die römischen Päpste und trieben die spanische Hierarchie bis an den Rand 
des Schismas. 

Auch die rationalistischen Ideen des 18. Jahrhunderts gefährdeten die 
Macht des Papstes in Spanien. Prominente spanische Staatsmänner wie 
Aranda und Cabarrus waren Bewunderer Voltaires, d'Alemberts und 
Rousseaus, sie wurden offiziell zu Feinden des Katholizismus erklärt. 
Andererseits waren viele bedeutende Spanier, wie Burriel, Masdeu, Campo- 
manes und Floridabianca, sowohl gute Katholiken als auch erklärte Gegner 
der politischen Mächte Roms. Sie verwiesen zwar die Jesuiten des Landes, 
respektierten aber trotzdem die Kirche. 

Als sich während der napoleonischen Invasion die liberalen Patrioten in 
Cadiz versammelten, beschränkten sie die Pressefreiheit der Kirche, legten 
aber gleichzeitig in ihrer Verfassung fest, daß die römisch-katholische 
Religion die Religion der Nation sei. 

Im Jahre 1851 hatten Rom und seine Anhänger in Spanien, Todfeinde 
selbst der geringsten liberalen Tendenz, ihre große Zeit. In diesem Jahr 
wurde ein neues Konkordat abgeschlossen, in dem der spanische Staat der 
Kirche zugestand, daß die römisch-katholische Religion die einzige Religion 
sei; den Anhängern anderer Glaubensbekenntnisse wurde jede religiöse 
Betätigung streng untersagt; die Kirche erhielt das Recht, durch ihre 
Bischöfe selbst private Schulen und Universitäten zu überwachen. Die 
Bischöfe hatten dafür zu sorgen, daß die Erziehung völlig im Geiste des 
Katholizismus erfolgte. Der Staat sicherte in dem neuen Konkordat den 
Bischöfen jede Hilfe bei der Unterdrückung aller Bestrebungen zu, die 
darauf zielten, die Gläubigen der Kirche abspenstig zu machen. Alles, was 
in Spanien geschah, hing von den Launen der Kirche ab. 

Trotzdem kam es im Jahre 1869 zu einer Verfassung, die wegen ihres 
demokratischen Charakters den Zorn der katholischen Kirche erregte. In ihr 
hieß es zwar, daß der Staat alle Kosten der Kirche einschließlich des Unter- 
halts der Geistlichkeit tragen würde, aber zugleich gewährte sie religiöse 
Freiheit, Lehrfreiheit und Pressefreiheit. Als der darauffolgende Bürger- 
krieg, in dem die katholische Kirche eine führende Rolle spielte, 1875 mit 
einem Sieg der gemäßigten konservativen Elemente endete, versuchte die 
Kirche abermals, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Sie wollte die 
Flammen des Liberalismus und der religiösen und politischen Freiheit end- 
gültig austreten und setzte daher alles daran, dem widerstrebenden spani- 
schen Volk von neuem das Konkordat von 1851 aufzuzwingen. 

Die Kirche erhielt viel, aber nicht alles, was sie verlangte. Die Verfassung 
von 1876 erkannte die katholische Religion als Staatsreligion an. Sie 



79 



verpflichtete den Staat, ebenso wie die Verfassung von 1869, die Kosten der 
Kirche einschließlich des Unterhalts der Geistlichen zu übernehmen, und ließ 
keine anderen Manifestationen zu außer denen der katholischen Kirche. Aber 
der Führer der Konservativen, Canovas, brachte allen päpstlichen Protesten 
und katholischen Drohungen zum Trotz Bestimmungen durch, nach denen 
niemand wegen seines Glaubens oder wegen der Art seines Gottesdienstes 
verfolgt werden durfte. Selbst diese bescheidene Toleranz wurde von der 
Kirche in den letzten Jahrzehnten des vergangenen und den ersten Jahr- 
zehnten dieses Jahrhunderts erbittert bekämpft. Die Kirche forderte hart- 
näckig eine Beschränkung der religiösen und politischen Freiheiten nach 
der anderen und zwang dem spanischen Volk Schritt für Schritt ihre Herr- 
schaft auf. Ihren gefährlichsten Gegner sah die katholische Kirche in den 
Liberalen. Sie waren trotz der starken Opposition der Kirche und der Kon- 
servativen unablässig bemüht, Spanien aus der religiösen Zwangsjacke des 
Katholizismus zu befreien. Die Liberalen kämpften im Einklang mit der 
Verfassung gegen das angemaßte Recht der Bischöfe, private Schulen zu 
überwachen und die Studenten der staatlichen Lehranstalten zum Besuch 
religiöser Instruktionsstunden zu zwingen. Sie verlangten die Abschaffung 
der religiösen Pflichtvorlesungen an den Universitäten und setzten sich für 
die Pressefreiheit und andere liberale und demokratische Freiheiten ein. 

Der unablässige Kampf der katholischen Kirche gegen den Liberalismus 
in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war in Spanien im Gegensatz zu 
den meisten anderen europäischen Ländern erfolgreich. Hier blieben die 
Menschen von der Gnade der katholischen Kirche abhängig. Die Gesetze 
bürgerlich -rechtlicher, sozialer und selbst wirtschaftlicher und politischer 
Art gaben lediglich den Rahmen ab für die ethischen und sozialen Grund- 
sätze, die von der Kirche gelehrt oder begünstigt wurden. Die katholische 
Kirche herrschte überall: in der Schule, in der Presse, in der Justiz, in der 
Regierung, in der Armee. Dieses System stützte sich auf eine engstirnige 
und militante Hierarchie, auf weltliche religiöse Orden, auf die Großgrund- 
besitzer und auf die Monarchie. Seine Vertreter waren überall dort zu fin- 
den, wo regiert und geherrscht wurde. Es vergiftete die gesamte Nation mit 
seinem reaktionären Geist und machte alle Anstrengungen derer zunichte 
- vor allem der Liberalen — , die dem frischen Wind der neuen Zeit Fenster 
und Türen öffnen wollten. 

Die katholische Kirche trat gegen die demokratischen Prinzipien auf, 
indem sie versicherte, die Massen hätten keinerlei Macht zu beanspruchen, 
da diese allein von Gott komme. Deshalb sei es auch falsch, eine „Selbst- 
regierung" zu fordern. Die Kirche erstickte damit bereits im Keim jede Ten- 
denz zur Selbstregierung und zu kollektiver Verantwortung, beschränkte 
die Freiheit der Presse und kämpfte gegen alle modernen Forderungen, wie 



80 



die nach sozialer Befreiung der niederen Klassen und der Frauen, nach 
religiöser Toleranz, nach Zulassung der Scheidung usw. 

Der Haß der katholischen Kirche in Spanien gegen alle progressiven 
Ideen war so groß, daß er selbst vor den Schulbüchern der Unterstufe nicht 
haltmachte. Die katholische Kirche kontrollierte mit Hilfe der katholischen 
Gemeindeverwaltungen fast alle staatlichen Schulen. Sie impfte den Kin- 
dern vom ersten Schuljahr an ein, daß jeder, der sich mit Liberalen einließe, 
in die Hölle käme. Diese Geistesverfassung herrschte selbst noch in den 
zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts, wie ein kirchlicher Katechismus 
enthüllt, der 1927 in allen Schulen verteilt wurde. Er fordert, daß sich der 
Staat der Kirche unterordnet wie der Körper der Seele, wie das Weltliche 
dem Ewigen. Er zählt die Irrtümer des Liberalismus auf — Freiheit des 
Gewissens, der Erziehung, der Versammlung, der Rede, der Presse — und 
erklärt kategorisch, der Glaube an solche Dinge sei Häresie. In ihm heißt es 
unter anderem: 

kWas lehrt der Liberalismus? 

Daß der Staat von der Kirche unabhängig sei. 

Unter welche Sünden fällt der Liberalismus ? 

Er fallt unter die schlimmsten Sünden gegen den Glauben. 

Warum? 

Weil er gleich aus mehreren Häresien besteht, die von der Kirche verdammt werden. 
Ist es für einen Katholiken sündhaft, eine liberale Zeitung zu lesen? 
Er darf die Börsenkurse lesen. 

Welche Sünde begeht jeder, der einem liberalen Kandidaten seine Stimme gibt? 
Im allgemeinen eine Todsünde."* 

Diese groteske Engstirnigkeit und Un Versöhnlichkeit der katholischen 
Kirche beherrschte alle Sphären der spanischen Gesellschaft, von der nied- 
rigsten bis zur höchsten, einschließlich des Königs. 1910 stellte der Lehrer 
und Beichtvater des jungen Königs, Ehrwürden Montana, in El Siglo Futuro 
fest, der Liberalismus sei eine Sünde, und jeder Spanier, der mit Protestanten 
an einem Tisch säße, würde exkommuniziert. (Nach H. B. Clarke) 

Man kann sich leicht vorstellen, wie das Erziehungswesen in Spanien 
aussah, wenn jahrzehntelang eine solche Politik betrieben wurde. 1870 
waren noch mehr als 60 Prozent der Bevölkerung Analphabeten. 1900 be- 
trug das Budget für Erziehungszwecke, einschließlich der Mittel für die 
Mönchsschulen, nicht mehr als 17 Millionen Peseten. Auch 1930 war es trotz 
der Erhöhung auf 166 Millionen Peseten nach wie vor unzureichend. Allein 
in Madrid genossen 80 000 Kinder keinen Schulunterricht. Und die Kinder, 
die das Glück hatten, zur Schule gehen zu können — sie wurde in der Regel 

* Nach Nueva Ripalda, enriquecido con varios Apdndices^ 14. Auflage 1927, oder Una 
Explicaciön Breve y Sencilla del Catequismo Catölico, von R. P. Angel Maria de Arcos. 



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81 



vom Gemeindepfarrer geleitet -, lernten dort so wenig, daß „die Eltern sich 
gewöhnlich beschweren, ihre Kinder verbrächten in den staatlichen Schu- 
len die Hälfte der Zeit damit, Rosenkränze zu beten und die Geschichte der 
Heiligen herunterzusagen, und lernten nicht einmal richtig lesen". (Nach 
The Spanish Labyrinth, Brenan, Seite 51) 

Die Kirche übte nicht nur eine Diktatur über den Geist des Landes aus, 
sondern kontrollierte auch einen großen Teil seiner Reichtümer. Sie verlor 
im Lauf der letzten sechzig Jahre Millionen Gläubige, nahm aber von 1874 
bis zum Sturz der Monarchie (1931) ständig an Macht und Reichtum zu. 
Nach dem Tod des Königs Alfons XII. machte die königliche Regentin als 
Gegenleistung für die Protektion des Papstes große Schenkungen an die 
katholische Kirche und an katholische Schulen und Seminare. Diese Semi- 
nare wurden Sammelpunkte der französischen Geistlichen, die Frankreich 
infolge der Säkularisationsgesetze verlassen hatten. Der Vatikan, die spa- 
nische Hierarchie, die Königin und der französische Klerus arbeiteten Hand 
in Hand, um den „liberalen Atheismus" auszurotten. Eine Welle des Kleri- 
kalismus überschwemmte Spanien, in dem sich mehr Konvente, Seminare 
und religiöse Stiftungen befanden als je zuvor. 

Die Führer dieser Bewegung waren die Jesuiten. Sie benutzten seit Jahr- 
hunderten ihren Reichtum, politische Macht zu kaufen, und, vice versa, 
ihre Macht, um neue Reichtümer anzuhäufen. Ihre finanzielle Macht war 
so groß, daß sie bereits 1912 „ein Drittel des spanischen Kapitals kontrol- 
lierten" (La Revue, J. Aguilera, Sekretär des Formento, 1912). Ihnen gehör- 
ten Eisenbahnen, Bergwerke, Fabriken, Banken, Reedereien und Orangen- 
plantagen. Ihr Kapitalbesitz belief sich auf etwa 60 Millionen Pfund 
Sterling. Diese Kapitalkonzentration in den Händen der Jesuiten hatte sehr 
nachteilige Folgen für die spanische Nation; die mittleren und niederen 
Klassen mußten unter erschütternden Bedingungen ihr Leben fristen. Die 
katholische Kirche war, um dieses Kapital zu mehren und zu schützen, dar- 
auf angewiesen, den gesellschaftlichen Status quo zu erhalten und auf das 
engste mit den Reichen zusammenzuarbeiten, die ihr oft als Gegenleistung 
für die Hilfe, die sie ihnen gewährte, große Erbanteile vermachten. Man 
erkennt daraus leicht, daß das Schicksal der Kirche untrennbar mit dem der 
reaktionärsten Elemente verbunden war, daß beide gemeinsam einen Wall 
gegen jede kulturelle, wirtschaftliche, soziale oder politische Erneuerung 
bildeten. So wurde Spanien von einer Kaste regiert, die sich bemühte, eine 
in anderen europäischen Ländern längst versunkene Vergangenheit am 
Leben zu erhalten. 

Diese erzreaktionäre Politik der katholischen Kirche führte dazu, daß sie 
immer mehr Anhänger verlor. 1910 hatten bereits zwei Drittel der Bevölke- 
rung der Kirche de facto den Rücken gekehrt. Zivile Eheschließungen und 



82 



Beisetzungen fanden immer größere Verbreitung. Als die Monarchie 1931 
gestürzt wurde, erreichte die kirchenfeindliche Einstellung einen für die 
katholische Kirche gefährlichen Höhepunkt. Nach Angaben von Ehrwürden 
Peiro besuchten zu dieser Zeit in Zentralspanien nur 5 Prozent der länd- 
lichen Bevölkerung den Gottesdienst, in Andalusien war es nur 1 Prozent, 
in vielen Dörfern las der Priester die Messe vor leerer Kirche. In einer 
Madrider Gemeinde kamen von 80 000 Einwohnern nur 5,5 Prozent zur 
Messe. 25 Prozent aller Kinder wurden nicht getauft, mehr als 40 Prozent 
der Sterbenden lehnten die Letzte Ölung ab. Die Ursachen für diese Hal- 
tung der Bevölkerung lagen zum Teil im Obskurantismus der katholischen 
Kirche, in ihrem Reichtum und in der militanten Einstellung ihrer Hier- 
archie. 

Die katholische Kirche hatte sich bemüht, die Arbeiter zu organisieren, 
um sie besser in der Hand zu haben. Bereits 1861 hatte ein Jesuit, Ehr- 
würden Vicente, in Valencia die Centros Catölicos de Obreros, eine katho- 
lische Gewerkschaft, gegründet. Sie ging jedoch 1874 wieder ein, weil die 
spanische Hierarchie gegen katholische Gewerkschaften war. Erst ein Be- 
fehl Leos XIII. veranlaßte die spanische Geistlichkeit, diese Angelegenheit 
wieder in die Hand zu nehmen. Die daraufhin gegründeten Klubs und Ge- 
sellschaften wurden zumeist von Unternehmern geleitet. Da diese sich aber 
keinerlei Vorteile davon versprachen, waren die Organisationen im Süden 
und Osten des Landes bereits um 1905 wieder von der Bildfläche verschwun- 
den. Im Norden, wo sie erfolgreicher gewesen waren, hatten sich zwei Grup- 
pen herausgebildet. Die eine nannte sich Consejo Nacional de las Corpora- 
ciones Catölicos Obreros. Sie unterstand dem Erzbischof von Toledo und war 
dadurch automatisch unter die Kontrolle der Unternehmer geraten. Die 
Hierarchie predigte den Arbeitern Ruhe und Ordnung und untersagte 
Streiks auf das strengste. Von einer Vertretung der Arbeiterinteressen 
konnte also keine Rede sein. Die andere Gruppe nannte sich Feder aciön 
Nacional de Sindicatos Catölicos Libres. Sie war 1912 gegründet worden 
und arbeitete mit mehr Erfolg als die andere Gruppe. Den stärksten Einfluß 
hatte sie in den baskischen Provinzen. Diese katholischen Arbeiterorgani- 
sationen waren selbstverständlich nichts anderes als Fallen, in denen die 
unruhig gewordenen Arbeiter gezähmt werden sollten. Sie sollten davon 
abgehalten werden, sich denen anzuschließen, die der katholischen Kirche 
bereits den Rücken gekehrt hatten. Am kirchenfeindlichsten waren die 
arbeitenden Schichten der Städte. Unter ihnen breitete sich der Anarcho- 
Syndikalismus wie ein vom Wind getriebenes Feuer aus. Für sie war die 
Kirche identisch mit den großen Grundherren und den Unternehmern. Und 
welche Einstellung die Kirche zu den Arbeitern hatte, offenbarte sich am 
klarsten in den Worten Bravo Murillos, der gesagt haben soll: „Sie wollen 



83 



von mir die Genehmigung für eine Schule für sechshundert Arbeiter? Nicht, 
solange ich lebe. Wir brauchen keine Menschen, die denken, sondern Ochsen, 
die arbeiten können." Kein Wunder, daß unter solchen Umständen das 
spanische Volk einen Hang zu wirtschaftlichen und sozialen Extremismen 
zeigte und die arbeitenden Schichten sich, statt Veränderungen im Sinne 
des Sozialismus anzustreben, dem Anarchismus und Syndikalismus zu- 
wandten. 

Die Kirche und die herrschenden Klassen gingen vereint mit den rück- 
sichtslosesten Unterdrückungsmethoden gegen diese Aktivität d er Volksmassen 
vor. Aus Angst um die Erhaltung des Status quo verfolgten sie ein halbes 
Jahrhundert lang nicht nur die Extremisten, sondern auch die gemäßigten 
Elemente und jeden, der verdächtig war, eine wenn auch noch so geringe 
Änderung des bestehenden Zustandes anzustreben oder revolutionäre Sym- 
pathien zu hegen. In der Zeit von 1890 bis zum Ausbruch des ersten Welt- 
krieges verwandelte sich Spanien in ein riesiges Gefängnis. Tausende wurden 
eingekerkert. Hunderte erschossen. Gegen politische Gefangene wurden 
Foltermethoden angewandt, wie sie nur im Mittelalter gegen Häretiker 
gebräuchlich gewesen waren. 

Trotzdem begann auch die spanische Bevölkerung infolge der Erschütte- 
rungen und Unruhen, die der erste Weltkrieg mit sich brachte, und ange- 
regt durch die Ideen fortschrittlicher spanischer Schriftsteller wie Galdos 
und Ibanez, sich bedrohlich zu regen. Die katholische Kirche, die weiter 
Massen ihrer Anhänger verlor, der König, der peinliche Skandale fürchtete, 
die Armee und die Großgrundbesitzer — alle verschworen sich gegen das 
Volk und errichteten 1923 eine Diktatur mit dem monarchistischen General 
Primo de Rivera an der Spitze. (Ein Jahr zuvor hatte Mussolini in Italien 
die Macht ergriffen.) Die wenigen Freiheiten, deren sich das spanische 
Volk erfreute, verschwanden; das wirtschaftliche und soziale Elend wuchs 
an; hinter dem Schein der „Ordnung", die der Diktator mit Hilfe der Poli- 
zei und der katholischen Kirche aufrechterhielt, verschlechterten sich die 
Lebensverhältnisse des spanischen Volkes mehr denn je. Am Status quo 
wurde nicht gerüttelt, im Gegenteil, eine Rückwärtsbewegung wurde ein- 
geleitet. Die Mittel für das Erziehungswesen wurden von 37 Millionen auf 
33 Millionen Peseten gesenkt, dagegen die für die Geistlichkeit von 62 Mil- 
lionen auf 68 Millionen Peseten erhöht, damit sich der Reichtum der katho- 
lischen Kirche mehre. 

Eine Zeitlang unterstützten auch viele gemäßigte Kreise, die das alte 
Regime satt hatten, die Diktatur Primo de Riveras. Sie hofften, daß die 
Diktatur zu einer konstituierenden Nationalversammlung, den Cortes, füh- 
ren würde. Aber sie wurden bitter enttäuscht. Immer mehr wurde offenbar, 
daß sich die Weisheit des Diktators in Spitzeltum, Repressalien und Zensur- 



84 



maßnahmen erschöpfte, so daß sich sogar die Armee allmählich von ihm 
abwandte. Das totalitäre Regime Riveras machte sich unter den meisten 
seiner früheren Anhänger - mit Ausnahme der katholischen Kirche und der 
wütendsten Konservativen — so verhaßt, daß es im Januar 1930 gestürzt 
wurde. 

Alle bis dahin unterdrückten Kräfte des spanischen Volkes kamen nun 
zutage. Sie forderten hartnäckig die Beseitigung der katholischen Monarchie 
und die Trennung von Kirche und Staat. Eine Koalition der Republikaner 
und Sozialisten eroberte 1951 bei den Gemeindewahlen in vielen Städten 
ein Übergewicht von drei zu eins. Als die offiziellen Ergebnisse bekannt 
wurden, flüchtete der König nach Frankreich. Zwei Monate später fanden 
die allgemeinen Wahlen statt, bei denen die katholischen und konservativen 
Parteien zusammen nur 121 Sitze errangen. 

Wie Azanas in den Cortes erklärte, hörte Spanien damit auf, „ein katho- 
lisches Land zu sein". Die Monarchie wurde abgeschafft, Spanien wurde zur 
Republik erklärt. In den folgenden drei Jahren öffnete Spanien seine Tore 
weit all den Reformen, die von der katholischen Kirche, der Monarchie und 
ihren Alliierten so hartnäckig hintertrieben worden waren. Die Cortes er- 
ließen Gesetze, die der Kirche den staatlichen Charakter nahmen und einen 
Teil ihrer ungeheuren Reichtümer verstaatlichten. Die Jesuiten, die die 
treibenden Kräfte hinter den Kulissen der katholischen Diktatur Primo de 
Riveras gewesen waren, wurden des Landes verwiesen; den Mönchen und 
Nonnen wurde der Handel sowie jegliche Betätigung auf dem Gebiet 
der Erziehung, auf dem die katholische Kirche bislang das Monopol hatte, 
untersagt, die Eheschließung wurde säkularisiert und die Scheidung 
erlaubt, Redefreiheit, Pressefreiheit und religiöse Toleranz wurden ver- 
kündet. 

Der spanische Klerus und der Vatikan kämpften mit allen ihnen zu Ge- 
bote stehenden Mitteln gegen das spanische Volk. Die Kirche appellierte an 
das religiöse Gewissen der Bevölkerung, nicht zuzulassen, daß die „roten 
Antichristen" Spanien regierten, und „Schluß zu machen mit den Feinden 
des Königreichs Jesu Christi" (Kardinal Segura). Ein Hirtenbrief der spa- 
nischen Bischöfe und eine päpstliche Enzyklika (3. Juni 1933) wandten sich 
mit dem gleichen Anliegen an die spanischen Gläubigen und riefen sie zum 
„heiligen Kreuzzug für die völlige Wiederherstellung der kirchlichen 
Rechte" auf. Kardinäle und Bischöfe hetzten mündlich und schriftlich die 
Bevölkerung auf, offen gegen die Regierung zu revoltieren. 

Im Gegensatz zu den katholischen Regimen der Vergangenheit war die 
neue Regierung, entsprechend ihren freiheitlichen Prinzipien, kein Freund 
von Repressalien. Die antiklerikalen Parteien enthielten sich daher nach 
dem Wahlsieg auch jeglicher Gewaltmaßnahmen. Erst vier Wochen später, 



85 



nach den fanatischen Bannflüchen der katholischen Kirche und der Hetze 
des Kardinals Segura, steckten empörte Arbeiter einzelne Kirchen und Klö- 
ster in Brand. 

Diese Gewalttätigkeiten zogen andere nach sich. Die antiklerikalen 
Parteien, die eine so bemerkenswerte Toleranz an den Tag gelegt hatten, 
waren angesichts der fortgesetzten Provokationen und Drohungen der 
katholischen Kirche und ihrer Anhänger gezwungen, Gewalt zu ge- 
brauchen. Zu (Jen Anhängern der Kirche gehörten die reaktionärsten Kräfte 
des früheren Regimes und die zurückgebliebensten Teile der Landbevölke- 
rung, die dank der katholischen Kirche selbst im dritten Jahrzehnt des 
20. Jahrhunderts noch zu 80 Prozent Analphabeten waren. 

Die Republikaner hatten das Erbe eines bankrotten Spaniens angetreten 
und standen daher vor großen Schwierigkeiten. Sie waren sich in allen anti- 
monarchistischen und antiklerikalen Fragen einig, aber in den wichtigsten 
wirtschaftlichen, sozialen und politischen Problemen gingen ihre Meinun- 
gen auseinander. Damit schwächten sie sich selbst. Bei den Wahlen im Jahre 
1953 erhielten die Mittel- und Linksparteien zwar 266 Sitze, aber die Rech- 
ten errangen 207 Sitze und erweckten damit den Anschein, als hätten sie in 
der kurzen Zeit der republikanischen Herrschaft größere Unterstützung 
gefunden als zuvor. 

Dieses Wahlergebnis hatte jedoch andere Ursachen. Einmal waren die 
Bauern infolge der bisher unerfüllten Landversprechungen der Regierung 
ungeduldig geworden und hatten eigene Organisationen gebildet, die An- 
schluß nach rechts suchten; zum anderen hatten sich die Anarchisten ge- 
weigert, an den Wahlen teilzunehmen; und schließlich hatte ein Teil der 
Frauen, denen die Republik entsprechend ihren demokratischen Grund- 
sätzen das Wahlrecht gewährt hatte, mit Ausnahme der Arbeiterfrauen, 
unter dem Einfluß der Geistlichen für die Kirche gestimmt. 

Eine weitere Ursache für den Rückgang des Stimmenanteils war die neue 
Taktik, die die katholische Kirche unter den veränderten Umständen an- 
gewandt hatte. Sie versuchte mit Hilfe einer politischen Partei ihre Feinde 
auf deren eigenem Boden zu schlagen. Zu dieser Taktik griff sie gleich 
nach der Ausrufung der Republik, ihre Initiatoren waren wieder einmal 
die Jesuiten. Eine Partei nach dem Vorbild der deutschen Zentrums - 
partei sollte nicht nur die Gutsherren und die Offiziere, sondern vor allem 
die Massen des Volkes hinter sich bringen. Sie wurde 1931 unter dem 
Namen Aceton Populär gegründet und war nichts anderes als ein poli- 
tischer Ableger der Katholischen Aktion (siehe Kapitel V), der Acciön 
Catölica. 

Die politische Taktik dieser Partei bestand darin, die Republik zu tole- 
rieren, die antikatholischen Gesetze zu bekämpfen und Einfluß auf die 

86 



antikatholische Regierung zu gewinnen, um sie zu stürzen. Die Partei sollte 
das gegnerische Lager aufsplittern und dann selbst die Macht ergreifen. Es 
war die Taktik des Trojanischen Pferdes. 

Als der Vatikan erkannte, daß er mit den alten Methoden nicht weiter- 
kam, wies er die spanische Hierarchie an, sich der neuen Taktik zu fügen 
und eine nachgiebigere Haltung einzunehmen. 

Dirigent der neuen Bewegung war Angel Herrera, der Direktor einer 
von den Jesuiten kontrollierten Zeitung. Er lancierte den neuen Führer 
der Katholiken, Gil Robles, einen Schüler der Salesianer. Gil Robles be- 
suchte Hitler, Dollfuß und andere, wurde ein enthusiastischer Bewunderer 
der Nazis und schwärmte, ähnlich wie Dollfuß in Österreich, von der 
Schaffung eines Ständestaates. 

Eine lärmende Propagandakampagne nach deutschem Muster setzte ein, 
unterstützt vom Klerus und von den katholischen Zeitungen. Sie war so 
erfolgreich, daß Gil Robles ein Abkommen mit den Radikalen über eine 
Zusammenarbeit vor allem in wirtschaftlichen Fragen schließen konnte. 
Der Führer der Liberalen, Lerroux, nahm gegen Widerstände innerhalb 
der Regierung Katholiken in sein Kabinett auf. 

Die Arbeiter, die eine radikale Veränderung der wirtschaftlichen und 
sozialen Zustände erwarteten, kamen immer mehr zu der Erkenntnis, daß 
die Zusammenarbeit der Liberalen mit den Katholiken und das Zaudern der 
Sozialisten ihre Hoffnungen zunichte machten. Sie organisierten als Protest 
gegen die Hereinnahme von Katholiken in die Regierung einen General- 
streik, der an vielen Stellen des Landes in einen bewaffneten Aufstand um- 
schlug (Herbst 1934). Die Regierung Lerroux ging mit so rücksichtsloser 
Grausamkeit gegen die Arbeiter vor, daß sie nach Bekanntwerden der Un- 
taten unter dem Druck der empörten öffentlichen Meinung zurücktreten 
mußte. 

Dieses Zwischenspiel offenbarte zwei bemerkenswerte Tatsachen: die 
fanatische Grausamkeit der Polizei und die Rolle der marokkanischen 
Truppen. Die Polizei bestand vor allem aus Katholiken, die darauf gedrillt 
waren, „die gottlosen Feinde der Kirche auszurotten". Die Marokkaner 
wurden von General Francisco Franco aus Afrika nach Spanien gebracht. 
Franco führte kurz vor dem erwarteten Generalstreik lange Besprechungen 
im Kriegsministerium. Gil Robles, der inzwischen als einer der katholischen 
Minister in das Kabinett eingetreten war, wollte von Franco wissen, ob es 
möglich sei, die marrokanischen Truppen gegen die Arbeiter einzusetzen. 

Der Einfluß der katholischen Partei hatte sich inzwischen durch die 
Uneinigkeit im gegnerischen Lager und infolge des Abkommens mit den 
Liberalen weiter verstärkt. Ihre Anhänger begannen bereits die heuchlerische 
Maske angeblicher Loyalität zur Republik abzuwerfen und fühlten sich 



87 



stark genug, ihre Reihen nach dem Muster der Faschisten und der Nazis zu 
organisieren und ihre politischen Gegner zu bedrohen und zu überfallen. 
Gil Kohles verfügte bereits über detaillierte Pläne für das erneute Verbot 
der Ehescheidung, die Wiedereinführung des obligatorischen Religions- 
unterrichts, den Aufbau eines spanischen Ständestaates usw. Aber seine 
Anhänger waren sich nicht sicher, ob sie die Macht so leicht und so bald 
erringen würden, wie sie hofften; sie bereiteten sich daher gleichzeitig auf 
bewaffnete Auseinandersetzungen vor und koppelten die politischen Maß- 
nahmen mit militärischen. Gil Robles forderte und erhielt die Leitung des 
Kriegsministeriums. Nachdem er sich dort mit General Franco als rechte 
Hand eingenistet hatte, begann er, die Armee zu reorganisieren und von 
allen Offizieren zu säubern, die nach links tendierten. Er übernahm den 
Oberbefehl über die Bürgergarde und baute oberhalb von Madrid in der 
Sierra Guadarrama befestigte Stellungen. Die Kräfte der katholischen Re- 
aktion trafen also unter den Augen der Republik ganz offen alle Vorberei- 
tungen zu einer Revolte für den Fall, daß es ihnen nicht gelingen sollte, die 
Macht auf legalem Wege zu erobern. Im ganzen Land kam es zu blutigen 
Ausschreitungen, die Anzahl der politischen Morde nahm erschreckend zu. 

Die zugespitzte Situation zwang die Linken, sich zu vereinen. Im Januar 
1936 bildeten die Radikalsozialisten, Sozialisten, Syndikalisten und Kom- 
munisten die Volksfront. 

Die Wut der katholischen Kreise einschließlich der Kirche kannte keine 
Grenzen. Die spanische Hierarchie, die mit Gil Robles Hand in Hand ar- 
beitete, ging einen Schritt weiter. Am 24. Januar 1936, drei Wochen vor 
den Parlamentswahlen, richtete Kardinal Görna y Tomas einen Hirtenbrief 
an alle Gläubigen, in dem er sich im Namen der katholischen Kirche öffent- 
lich hinter die Acciön Populär stellte, Bannflüche gegen die Volksfront 
schleuderte und die Gläubigen beschwor, gegen die „Roten" zu stimmen. 

Präsident Alcalä Zamora hatte erkannt, daß es unmöglich geworden war, 
in den Cortes eine arbeitsfähige Mehrheit zu erhalten, und daher die Auf- 
lösung des Parlaments verfügt. Bei den Wahlen am 16. Februar 1936 errang 
die Volksfront eine überwältigende Mehrheit von 267 Sitzen gegenüber 
132 Sitzen der Rechten und 62 Sitzen der Mitte. 

Der Sieg der Volksfront beflügelte die arbeitenden Klassen und rief bei 
den katholischen Kräften, die fest mit ihrem Sieg gerechnet hatten, eine 
Panik hervor. Sie fürchteten die Ausrufung einer sozialistischen Republik. 
Auf der anderen Seite rechneten die Linken mit einem Staatsstreich der 
Rechten, da deren Machtstreben eine so vernichtende Niederlage erlitten 
hatte. Diese Annahme war begründet, denn die katholische Seite hatte sich 
gerade auf diesen Fall vorbereitet; nachdem ihr erster und zweiter Schritt 
fehlgeschlagen war, mußte der dritte versucht werden: die offene Rebellion. 



88 



Von nun an galten alle Überlegungen des Vatikans, der spanischen Hier- 
archie und der vorgesehenen Führer der Rebellion der Frage, wie der sieg- 
reiche Gegner am besten zu vernichten sei. 

Der Vatikan war entschlossen, Gewalt anzuwenden, nachdem sich her- 
ausgestellt hatte, daß die Politik der Kirche, die Macht auf politischem Weg 
zu erringen, wie in anderen Ländern so auch in Spanien gescheitert war und 
daß sich ihr zweiter, schon etwas gröberer Versuch, durch einen halblegalen 
Staatsstreich die Macht zu ergreifen, ebenfalls als Fehlschlag erwiesen hatte. 
Der Weg der Gewalt war der einzige Weg, der dem Vatikan blieb, wenn er 
Spanien nicht verlieren wollte, weil er nur mit der Hilfe einer Minderheit 
rechnen konnte und die Mehrheit des Volkes gegen sich wußte. Die letzten 
Wahlen hatten gezeigt, daß nur ein knappes Drittel der Wahlberechtigten — 
und das obendrein in der Mehrzahl Frauen — die katholische Kirche unter- 
stützte. 

Rechte, von Katholiken geführte Elemente organisierten nach der Februar- 
niederlage offen eine ganze Serie von Terrorakten: Die Falange Espanola y 
1932 von dem Sohn Primo de Riveras gegründet, schob sich in den Vorder- 
grund, obwohl sie trotz ihrer Vereinigung mit der faschistischen Gruppe 
des Dr. Alvinana vor den Wahlen kaum eine Rolle gespielt hatte. Die An- 
hänger Gil Robles, von Haß gegen die Republik durchdrungen, strömten 
in die Falange. Die katholische Jugendorganisation unter ihrem Sekretär 
Serrano Suner, dem Schwager General Francos, trat im April geschlossen 
zur Falange über. Andere rechte Elemente organisierten sich in monarchi- 
stischen Gruppen, deren Führer, Calvo Sotelo, öffentlich den militärischen 
Aufstand forderte. 

Die Falangisten lauerten ihren Gegnern auf, verprügelten sie und 
schlugen sie tot. Auch viele gemäßigte Katholiken fielen ihnen zum Opfer. 
Mit Maschinenpistolen bewaffnete Banden zogen durch die Straßen 
Madrids und ermordeten Richter, Journalisten, Sozialisten und Kommuni- 
sten. Sie unterschieden sich in nichts von den faschistischen Schwarzhemden 
und von der SS der Nazis. Täglich kam es überall in Spanien zu Kämpfen 
zwischen Falangisten und Republikanern. 

Neben der Falange gab es eine Offiziersorganisation, die Union Militär 
Espanola f die schon im März 1933, in Voraussicht eines möglichen Militär- 
putsches, durch ihren Führer enge Verbindungen mit der italienischen 
Regierung und mit Mussolini aufgenommen hatte. Ihre Vorbereitungen zu 
einem Staatsstreich auf der Grundlage eines Bündnisses zwischen Armee 
und Kirche waren bereits im März 1934 abgeschlossen. Ein Besuch in 
Italien diente dazu, sich „für den Fall eines Bürgerkrieges in Spanien nicht 
nur die Unterstützung der italienischen Regierung, sondern auch die der 
faschistischen Partei" z~a sichern. (Nach einer Rede, die Goicoechea am 



89 



22. November 1957 in San Sebastian hielt und über die der Manchester 
Guardian am 24. Dezember 1937 berichtete.) Die Koordinierung der Bürger- 
kriegspläne zwischen den Monarchisten und den Katholiken war so weit 
gediehen, daß die katholischen Führer, Gil Robles und General Franco, 
unmittelbar nach dem Sieg der Volksfront die Stirn hatten, dem republika- 
nischen Premierminister die Beteiligung an einem Militärputsch vorzu- 
schlagen, der noch vor dem Zusammentritt der neuen Cortes inszeniert 
werden sollte. Das geht aus einer Erklärung hervor, die der ehemalige 
Premierminister Portela Valladares auf einer Sitzung der Cortes 1937 in 
Valencia abgab. 

Im Frühjahr und zu Beginn des Sommers 1936 verstärkte sich die Span- 
nung immer mehr, eine Streikwelle jagte die andere, bewaffnete Zusammen- 
stöße und politische Morde folgten einander in immer kürzeren Ab- 
ständen. 

Im Juni war es den verantwortlichen Männern der Regierung klar, daß 
ein Militärputsch unmittelbar bevorstand. Die Republikaner verlangten 
Waffen, aber die Regierung verweigerte sie ihnen. Am 13. Juni wurde, 
offenbar als Vergeltung für die Ermordung eines Sozialisten durch die 
Falange, Calvo Sotelo, der Führer der Monarchisten, getötet. Die weitver- 
zweigten Organisationen der Katholiken und Monarchisten und ihrer Ver- 
bündeten befanden sich in Alarmbereitschaft. 

Am 16. Juli war es soweit. In Spanisch-Marokko begann der Militär- 
putsch. Ceuta und Melilla fielen in die Hände der Aufständischen. Gleich- 
zeitig putschten die Offiziere fast aller spanischen Garnisonen. Die katho- 
lische Hierarchie schloß sich dem Aufstand sofort an und bat um den Segen 
des Allmächtigen für den neuen Kreuzzug. General Franco beeilte sich, dem 
Papst den Beginn des Aufstandes zu melden, bevor die Nachricht eine andere 
Hauptstadt erreicht hatte. Der spanische Bürgerkrieg hatte begonnen. 

Die katholischen Rebellen hofften, ganz Spanien innerhalb weniger Tage 
in die Hand zu bekommen. Sie hatten sich sorgfältig vorbereitet und ver- 
fügten außerdem nicht nur über den größeren Teil der Armee, sondern auch 
über die Bürgergarde, über die spanische Fremdenlegion, über eine Division 
marokkanischer Truppen, über monarchistische Aufgebote, die insgeheim 
ausgebildet worden waren, sowie über italienische und deutsche Panzer und 
Flugzeuge. 

Die Regierung hatte nur die republikanischen Schutzgarden und die 
schwache Luftwaffe auf ihrer Seite. Aber die Empörung und Begeisterung 
des spanischen Volks vereitelte Francos Staatsstreich. Er war von Tag zu 
Tag mehr auf die Hilfe Mussolinis und Hitlers angewiesen, die seit lan- 
gem über das Komplott unterrichtet waren und vom ersten Tag an Waffen 
und Soldaten nach Spanien entsandten. Der spanische Konflikt nahm 



90 



internationalen Charakter an und offenbarte damit sein eigentliches Wesen. 
Es war eine vorweggenommene Auseinandersetzung, ein militärisches 
Manöver auf spanischem Boden, ein Vorspiel dessen, was die Welt wenige 
Jahre später an den Rand des Abgrunds brachte ; ein Konflikt zwischen zwei 
unterschiedlichen sozialen Systemen und politischen Lehren. 

Selbst die protestantischen Vereinigten Staaten von Amerika griffen in 
die innerspanischen Kämpfe ein und halfen Franco, nicht zuletzt dank den 
Bemühungen des amerikanischen katholischen Klerus, der seinen ganzen 
Einfluß aufbot, die faschistischen spanischen Rebellen in den Vereinigten 
Staaten populär zu machen. 

Diese beinahe schon direkte Unterstützung Francos war nicht nur auf 
die skrupellose Hetze der katholischen Kirche in ihrer Presse und von der 
Kanzel zurückzuführen, sondern auch auf den Mißbrauch des Einflusses, 
den die katholische Kirche in der amerikanischen Politik genoß; sie war 
nicht zuletzt eine Folge der unmittelbaren Bemühungen des Vatikans im 
State Department, wo er auf mehr Bereitwilligkeit stieß, als er erwartet 
hatte. 

So stellten sich also nicht nur die Regierungen fast aller europäischen 
Staaten - mochten sie sich katholisch, faschistisch oder demokratisch nen- 
nen — , sondern auch die Regierung der mächtigen protestantischen USA 
gegen die spanische Republik. Großbritannien — ein demokratisches Land - 
betrieb eine Politik der „Beschwichtigung des Faschismus", stimmte der 
Farce der Nichteinmischung zu — dank deren Mussolini den Putschisten 
ungefähr 100 000 Mann senden konnte, während der Republik jegliche 
Waffenlieferung verweigert wurde — und übte einen ständigen Druck auf 
andere Länder aus, ihre Grenzen Franco nicht zu verschließen. 

Die Sowjetunion, die der Republik bereits Hilfe geleistet hatte, zog 
ihre Freiwilligen schließlich auf Grund eines Völkerbundbeschlusses 
zurück, an den sich jedoch, gedeckt durch den Vatikan, weder das faschi- 
stische Italien und Nazideutschland noch Großbritannien und Frankreich 
hielten. 

Hier ist nicht der Platz, die unglaublichen Intrigen während des spa- 
nischen Bürgerkrieges zu schildern. Uns geht es um die unmittelbare und 
mittelbare Hilfe, die der Vatikan Franco gewährte. Wir wissen bereits, 
welche Rolle der Vatikan bei der Vorbereitung des Bürgerkriegs gespielt 
hatte. Die spanische Hierarchie hatte nicht nur die Republikaner bekämpft 
und die Katholiken organisiert, sondern war darüber hinaus auch einer der 
Rädelsführer der Revolte gewesen und hatte die Verbindungen zwischen 
Gil Robles, Franco und anderen sowie zu Papst Pius XL und dessen Staats- 
sekretär geknüpft, die Monate vorher bereits wußten, was geplant war. Als 
die Revolte begann, stellten sich die spanische Hierarchie und der Vatikan 



91 



offen auf die Seite Francos.Die spanischen Bischöfe hetzten die Bevölkerung 
zum Kampf gegen die Roten auf. Der Papst appellierte an die katholische 
Welt, dem katholischen Spanien zu helfen. Die vatikanische Diplomatie 
arbeitete Hand in Hand mit Hitler und Mussolini, um die Waffenlieferun- 
gen und Truppentransporte für die Rebellen zu sichern. Der Vatikan nahm 
im Interesse Francos nicht nur mit Mussolini, sondern auch mit Hitler enge 
Verbindung auf. Er traf mit ihm ein Abkommen, in dem er sich als 
Gegenleistung für die Hilfe in Spanien verpflichtete, in der ganzen katho- 
lischen Welt eine breit angelegte Kampagne gegen den Bolschewismus zu 
entfachen. Wir werden später sehen, weshalb Hitler sich damals so um die 
Zusammenarbeit mit der Kirche bemühte. Sobald klar war, daß Franco den 
Bürgerkrieg nicht sofort gewinnen konnte, eröffnete der Vatikan auf direkte 
Weisung des Papstes eine wütende antibolschewistische Hetzkampagne. 
Dadurch unterstützte er Hitlers innen- und außenpolitische Pläne; Hitler 
brauchte zur Durchsetzung seiner Politik das Schreckgespenst des Bolsche- 
wismus. Im Dezember 1936 gab der Papst selbst das Startzeichen zu dem 
internationalen katholischen Propagandafeldzug gegen die spanische Repu- 
blik, als er vor 500 spanischen faschistischen Emigranten die zivilisierte 
Welt aufrief, sich gegen den Bolschewismus zu erheben, der „bereits alle 
Beweise seines Willens zur Zerstörung jeglicher Ordnung von Rußland bis 
China, von Mexiko bis Südamerika erbracht" habe. Der Bolschewismus habe, 
so fuhr der Papst fort, „die Feuer des Hasses und der Verfolgung in Spanien 
entzündet", die sich, falls nicht unverzüglich Gegenmaßnahmen getroffen 
würden, gegen „alle göttlichen und menschlichen Institutionen richten 
werden". Die Völker und die Nationen müßten sich vereinen und die Ge- 
fahr abwehren. Der Papst beendete seine Rede, indem er „all denen, die die 
schwierige und gefährliche Aufgabe übernommen haben, die Ehre Gottes 
und der Religion zu verteidigen und wiederherzustellen", seinen Segen er- 
teilte. Damit begann in der ganzen katholischen Welt eine antibolsche- 
wistische, gegen die spanische Republik gerichtete Kampagne. Sie bediente 
sich der gleichen Phrasen und der gleichen Worte, die die faschistische und 
nazistische Propagandamaschine bis wenige Monate vor dem zweiten Welt- 
kriege täglich gebrauchte. 

In Deutschland hatten die Bischöfe auf unmittelbare Weisung des 
Kard inalstaatssekretärs Pacelli bereits am 30. August 1936 einen Hirten- 
brief veröffentlicht, in dem sie die gleichen Gedanken aussprachen und ein 
furchteinflößendes Bild zeichneten, was geschehen würde, falls die „Bolsche- 
wisten" Spanien eroberten. Unmißverständlich fügten sie hinzu: „Welche 
Aufgabe damit unserem Volk und Vaterland zufällt, ergibt sich von selbst. 
Möge es unserem Führer mit Gottes Hilfe gelingen, dieses ungeheuer 
schwere Werk der Abwehr in unerschütterlicher Festigkeit unter treuester 



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Mitwirkung aller Volksgenossen zu vollbringen!" (Zitiert nach dem Kirch- 
lichen Amtsblatt für die Diözese Münster, Jahrgang LXX., Nr. 21) 

Einige Monate später verlieh der Papst der Kampagne neuen Auftrieb, 
indem er in einer Rede erklärte, der spanische Bürgerkrieg sei eine „Mah- 
nung, ernster und drohender als alle bisherigen". „Das sind Ereignisse, die 
mit erschreckender Gewißheit und Deutlichkeit offenbaren und ankündigen, 
was für Europa und die ganze Welt bevorsteht, wenn man nicht sofort und 
wirksam zu Schutz- und Heilmitteln greift." (Zitiert nach Kölner Akten- 
stücke, Verlag J. B. Bachem, Köln, 1949, S. 162) 

Die deutschen Bischöfe folgten dem päpstlichen Beispiel und veröffent- 
lichten am 3. Januar 1937 einen Hirtenbrief, in dem sie schrieben: 

„Geliebte Diözesanen! Der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler hat den Anmarsch 
des Bolschewismus von weitem gesichtet und sein Sinnen und Sorgen darauf gerichtet, 
diese ungeheure Gefahr von unserem deutschen Volk und dem Abendland abzuwehren. 

Die deutschen Bischöfe halten es für ihre Pflicht, das Oberhaupt des deutschen 
Reiches in .diesem Abwehrkampf mit allen Mitteln zu unterstützen, die ihnen aus dem 
Heiligtum zur Verfügung stehen. So gewiß der bolschewistische Todfeind der staatlichen 
Ordnung und zugleich und sogar in erster Linie Totengräber der religiösen Kultur ist 
und seine ersten Angriffe immer gegen die Diener und Heiligtümer des kirchlichen 
Lebens richtet, wie die Vorgänge in Spanien aufs neue beweisen . . . , so gewiß ist die 
Mitarbeit an der Abwehr dieser satanischen Macht auch eine religiöse und kirchliche 
Zeitaufgabe geworden. Den Bischöfen liegt es ferne, die Religion in das politische Ge- 
biet zu tragen oder gar zu einem neuen Krieg aufzurufen. Wir sind und bleiben Send- 
boten des Friedens und reden als solche den religiösen Menschen ins Gewissen, an der 
Abwehr der großen Gefahr mitzuwirken mit den Mitteln, die wir die Waffen der Kirche 
nennen . . . Auch wenn wir die Eingriffe in die Rechte der Kirche zurückweisen, werden 
wir die Rechte des Staates auf staatlichem Gebiet achten und am Werk des Führers 
auch das Gute und Große sehen . . ." (Kirchliches Amtsblatt für die Diözese Münster, 
ebenda, Nr. 34) 

Was waren denn das für „gerechte Ziele", die Hitler sich zu dieser Zeit 
vorgenommen hatte? Etwa die, Bomber und Panzer zum Kampf gegen die 
legale spanische Regierung zu entsenden, unschuldige republikanische Bür- 
ger zu morden, ganze Dörfer - wie Guernica - dem Erdboden gleichzu- 
machen und alles zu tun, um den Sieg des Katholiken Franco zu sichern? 

In den anderen Ländern war die katholische Kirche nicht weniger eifrig 
am Werk als in Deutschland. Die katholischen Organisationen und Hier- 
archien unternahmen eine große Werbekampagne zur Rekrutierung „katho- 
lischer Legionäre". Es dauerte nicht lange, da eilten die ersten katholischen 
Freiwilligenbrigaden Franco zu Hilfe. 

Nach all dem, was wir nun wissen, nimmt es uns nicht wunder, daß die 
erste ausländische Flagge, die über Francos Hauptquartier in Burgos wehte, 
die päpstliche Flagge war und daß sich Francos Banner schon sehr bald über 
dem Vatikan entfaltete. 



93 



Um zu zeigen, in welchem Ausmaß die katholische Kirche in Spanien mit 

der Revolte verbündet war, genügt es, eine bezeichnende Feststellung des 

Kardinals Görna anzuführen: 

„Wir befinden uns in völliger Übereinstimmung mit der nationalen Regierung, die 
niemals einen Schritt unternimmt, ohne vorher meinen Rat einzuholen, und diesen Rat 
immer befolgt." 

Als schließlich die Republik im Frühjahr 1939 zerschlagen war, erklärte 
Pius XII., man solle Gott danken, daß er „wieder einmal die Hand der gött- 
lichen Vorsehung so offensichtlich über Spanien gehalten hat" (Rundfunk- 
botschaft vom 17. April 1939), und sandte folgende Botschaft an die Sieger: 

„Mit großer Freude wenden Wir Uns an Euch, geliebteste Söhne des katholischen 
Spaniens, um Euch Unsere väterlichen Segenswünsche für das Geschenk des Friedens 
und des Sieges zu erteilen. Gott hat es gefallen, das christliche Heldentum Eures Glau- 
bens und Eurer Opferbereitschaft, das sich in so vielen und großmütigen Leiden be- 
währt hat, mit dem Sieg zu krönen . . . die gesunden, mit den Merkmalen edelsten 
Geistes, mit Großmut und Kühnheit ausgestatteten Kräfte des spanischen Volkes hatten 
sich gemeinsam erhoben, um die Ideale des Glaubens und der christlichen Zivilisation 
zu verteidigen, die in Spanien so tief verwurzelt sind. Als Ausdruck der unermeßlichen 
Dankbarkeit, die Euch von der Unbefleckten Jungfrau und vom Apostel Johannes, dem 
Schutzheiligen Spaniens, zuteil wird und die Euch alle großen Heiligen Spaniens er- 
weisen, erteilen Wir Euch, Unseren geliebten Söhnen des katholischen Spaniens, dem 
Haupt des Staates und seiner erlauchten Regierung, dem strebsamen Episkopat und 
seiner sich selbst verleugnenden Geistlichkeit, den heroischen Kämpfern und allen Gläu- 
bigen Unseren Apostolischen Segen." 

Franco erwies seinerseits der katholischen Kirche die schuldige Reverenz, 
da sie „in dem siegreichen Kreuzzug an unserer Seite stand und den Geist 
der nationalen Armee beflügelte". 

Kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges hatte sich somit ein neuer 
totalitärer Staat zu den faschistischen Diktaturen Europas gesellt. Auf wel- 
chen Grundlagen wurde dieses „neue Spanien" errichtet? Auf den religiösen, 
moralischen, sozialen, Ökonomischen und nicht zuletzt politischen Prinzipien 
der katholischen Kirche. Da die Macht nach Auffassung der katholischen 
Kirche nicht vom Volk ausgeht, wurde sie in die Hände eines einzelnen ge- 
legt, in die Hände eines absoluten und unkontrollierbaren Herrschers, der 
damit der Grundpfeiler eines exakt nach dem Muster der Kirche aufgebauten 
Staates wurde. Wie in der katholischen Kirche, so gab es nun auch in 
Spanien einen Herrscher, der allein seinem Gewissen verantwortlich war. 
Seine Macht erstreckte sich auf alle Lebensbereiche der Nation; seine 
Befehle waren höchstes Gesetz, Widerspruch wurde nicht geduldet. Unter 
ihm regierten Miniaturdiktatoren als unbeschränkte Herrscher der ver- 
schiedenen Ministerien. 

Da eine Partei das Recht und die Wahrheit gepachtet hatte, waren alle 
anderen Parteien schädlich und wurden zerschlagen. Ebenso erging es den 



94 



Gewerkschaften. Redefreiheit, Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit und 
die Freiheit der politischen Meinungsäußerung wurden aufgehoben. Alle 
Zeitungen, Filme, Rundfunksendungen und Bücher wurden unter Zensur 
gestellt und „gesäubert" oder unterdrückt, wenn sie sich nicht zu dem neuen 
Regime bekannten; andererseits mußte jeder die Bücher lesen, die Filme 
sehen und die Rundfunksendungen anhören, die die Größe des „neuen 
Spaniens", Francos Ideen und sein System verherrlichten. Die katholische 
Kirche sorgte dafür, daß sich diese Propaganda auch über die Grenzen 
Spaniens hinaus auf die spanischsprachigen Länder Süd - und Mittelamerikas 
ausdehnte, denen empfohlen wurde, dem Vorbild des Mutterlandes zu fol- 
gen. Ein mächtiges Propagandaministerium — ähnlich dem der Propaganda 
Fide der katholischen Kirche — kontrollierte das gesamte kulturelle und lite- 
rarische Leben des Landes. 

Alle Feinde des Francoregimes wurden in Verwahr genommen. Massen- 
erschießungen fanden statt. Man schätzt, daß Spaniens Gefängnisse noch 
drei Jahre nach dem Ende des Bürgerkrieges mehr als 1,5 Millionen poli- 
tische Gefangene beherbergten, von denen Tausende und aber Tausende an 
die Wand gestellt wurden. Jeder, der auch nur im geringsten des Sozialismus, 
des Kommunismus oder liberaler Ideen verdächtig war, wurde von der Ge- 
heimpolizei, einer würdigen Nachfolgerin der Inquisition, auf Schritt und 
Tritt überwacht. 

Der Katholizismus wurde zur einzig wahren und damit zur Staatsreligion 
erklärt. Protestantische und andere Bekenntnisse wurden unterdrückt, ihre 
Geistlichen wurden eingesperrt, viele von ihnen erschossen. Der Staat wurde 
nach dem in der päpstlichen Enzyklika Quadragesimo Anno vorgeschlagenen 
Ständesystem aufgebaut; der Religionsunterricht war obligatorisch; die 
Lehrbücher unterlagen der kirchlichen Überwachung; Lehrer, die nicht die 
Gottesdienste besuchten, wurden entlassen. Die katholische Kirche erhielt 
ihre ungeheueren Reichtümer zurück, und der Klerus kam wieder in den 
Genuß seiner früheren Privilegien und Pfründen. 

In den folgenden Monaten unternahmen zahllose „Verteidiger der katho- 
lischen Kirche" aus Dankbarkeit für die Hilfe, die der Papst ihnen ge- 
leistet hatte, Pilgerfahrten nach Rom. Im Juni 1939 empfing der Papst 
3000 Francosoldaten, die nach Italien gekommen waren, um mit den 
italienischen Faschisten den Sieg zu feiern. Pius XII. erklärte vor ihnen, daß 
sie „für den Triumph der christlichen Ideale" gekämpft und ihm „als Ver- 
teidiger des Glaubens unermeßliche Tröstungen gespendet" hätten, und 
schloß sie in seinen apostolischen Segen ein. 

In den nächsten Jahren besuchten häufig prominente spanische Faschisten 
in politischer oder diplomatischer Mission den Papst oder den Vatikan. Der 
Prominenteste unter ihnen war Serrano Suner, Francos Schwager, ein 



95 



Freund Mussolinis und Hitlers. Am 20. Juni 1942 wurde er vom Papst mit 
dem Großkreuz des Ordens Pius* IX. und, ebenso wie Spanien und General 
Franco, „benemerito de la causa de Dios y de la Iglesia" (Bulletin of Spanish 
Studies, Januar 1943), mit dem päpstlichen Segen ausgezeichnet. 

Aber wie in anderen Ländern, so kam es auch in Spanien bald zu einigen 
Differenzen zwischen Staat und Kirche. Es ging um die gleichen Fragen wie 
in Nazideutschland, im faschistischen Italien und in anderen europäischen 
Ländern. Staat und Kirche pochten auf ihre Rechte in Fragen des neuen 
Staatsaufbaus, und beide erhoben Anspruch auf das alleinige Recht der 
Jugenderziehung, auf die Besetzung bestimmter Schlüsselstellungen usw. 
Franco ging einmal sogar so weit, die päpstliche Enzyklika Mit brennender 
Sorge in Spanien zu verbieten, da die Kirche in ihr die Spielart des Totali - 
tarismus rügte, die den Staat über die katholische Kirche stellte. Aber diese 
Differenzen waren nicht von großem Gewicht und hielten daher keinen der 
beiden Partner ab, von Jahr zu Jahr enger zusammenzuarbeiten. 

Auf außenpolitischem Gebiet folgte Francospanien den Spuren des faschi- 
stischen Italiens und Nazideutschlands und verband sich mit ihnen vor allem 
dann, wenn sich ihre Politik gegen die Sowjetunion oder gegen die West- 
mächte richtete. Als im September 1939 der zweite Weltkrieg ausbrach, 
gewährte Spanien, selbst zu schwach, in den Krieg einzugreifen, den faschi- 
stischen Mächten jede nur denkbare Hilfe auf militärischem, wirtschaft- 
lichem und diplomatischem Gebiet. Franco hielt Reden, in denen er der Welt 
verkündete, daß nur Hitlers Sieg Europa retten könne, und rief zur gleichen 
Zeit pathetisch aus: „Spanien wird sich nie mit einem Lande verbünden, das 
sich nicht von den Prinzipien des Katholizismus leiten läßt" (1944). 
Im Juli 1 940, als der Sieg Hitlers sicher schien, glorifizierte Franco in seiner 
Ansprache zum Jahrestag seines Putsches „die deutschen Waffen, die jene 
Schlachten schlagen, auf die Europa und die Christenheit so lange gewartet 
haben". In derselben Rede griff er Großbritannien wegen seiner „unmensch- 
lichen Rlockade des Kontinents" an und erklärte, „die Freiheit der Seefahrt" 
sei eine „einzige große Farce". Er riet den USA, sich von Europa fernzu- 
halten, wandte sich gegen die anglo- amerikanische Wirtschaftshilfe und 
konstatierte oberpriesterlich, die Alliierten hätten den Krieg bereits ein für 
allemal verloren. (Sir Samuel Hoare, britischer Sonderbotschafter in Madrid 
während des zweiten Weltkrieges, in My Mission to Spain.) 

Am 8. August 1940 berichtete der deutsche Botschafter in Spanien, 
Stohrer, „streng vertraulich" nach Berlin, er könne mit Sicherheit Spaniens 
baldigen Kriegseintritt melden. Diesen Worten folgten Taten. Im Septem- 
ber 1940 besprach Hitler mit dem spanischen Innenminister Sun er Pläne 
zur Eroberung Gibraltars. Suner versicherte Hitler, daß Spanien bereit sei, 
in den Krieg einzugreifen, sobald der Nachschub an Lebensmitteln und 



96 



Rohstoffen für Spanien gesichert sei. Anschließend übergab der spanische 
Minister Hitler eine persönliche Botschaft Francos, in der der Caudillo 
seine „Dankbarkeit, Sympathie und hohe Wertschätzung" für Hitler zum 
Ausdruck brachte und ihn seiner „Loyalität von gestern, heute und für alle 
Zeiten" versicherte. (Nach Fünfzehn Dokumente über die Kollaboration 
zwischen den Achsenmächten und Spanien, herausgegeben vom US State 
Department am 4. März 1946.) 

In einem Brief an Hitler vom 22. September 1940 beteuerte Franco aber- 
mals seine „unabänderliche und treue Verbundenheit mit Hitler persönlich". 

„Ich möchte Ihnen noch einmal meinen Dank für das Angebot der Solidarität aus- 
sprechen. Ich versichere Sie meiner unabänderlichen und treuen Verbundenheit mit 
Ihnen persönlich, mit dem deutschen Volk und mit der Sache, für die Sie kämpfen. 

Ich hoffe, zur Verteidigung dieser Sache bald in einer Lage zu sein, die es ermöglicht, 
die kameradschaftlichen Bande zwischen unseren Armeen zu erneuern." 

Gegen Ende des Jahres, als Nazideutschland mit Hilfe des uneingeschränk- 
ten U-Boot-Krieges England auszuhungern begann, und in den folgenden 
Jahren, fast bis ans Ende des Krieges, gewährte Franco den deutschen 
Unterseebooten in spanischen Häfen die Möglichkeit, Reparaturen auszu- 
führen und Brennstoff aufzunehmen. Das waren Hilfeleistungen, die mit 
„Neutralität" nicht zu vereinbaren waren. 

Es gibt zahllose weitere Dokumente, die beweisen, daß Franco nicht auf- 
hörte, seine Sympathie für Hitler und die nazistische „Neuordnung" zu 
beteuern. Hier seien nur einige Stellen aus einem Brief angeführt, den er 
am 26. Februar 1941 an Hitler richtete: 

„Ich bin gleich Ihnen der Ansicht, daß die Vorsehung der Geschichte Sie mit mir und 
mit dem Duce unlöslich verbunden hat. Es war nicht nötig, mich davon erst zu über- 
zeugen. Wie ich Ihnen mehr als einmal mitgeteilt habe, bietet unser Bürgerkrieg von 
seiner Planung bis zu seinem Ende mehr als einen Beweis dafür." {Dokumente des US 
State Department) 

Obwohl Franco bereit war, Hitler zu helfen und an dem neuen, faschisti- 
schen Europa teilzuhaben, trat Spanien, wenn es auch manchmal nahe daran 
war, nicht in den Krieg ein. Die Gründe dafür legte Franco in demselben 
Brief dar: 

„Wir stehen heute auf der gleichen Seite, auf der wir immer gestanden haben, in 
unveränderlicher Treue und mit der festesten Überzeugung. Sie dürfen keine Zweifel 
aufkommen lassen über meine absolute Loyalität zu unserer gemeinsamen politischen 
Konzeption und zu der Vereinigung unseres nationalen Schicksals mit dem Deutschlands 
und Italiens. Mit der gleichen Loyalität habe ich Ihnen seit Beginn der Verhandlungen 
unsere wirtschaftliche Situation geschüdert. Das ist der einzige Grund, warum es uns 
bisher nicht möglich war, das Datum des Kriegseintritts zu bestimmen . . {Dokumente 
des US State Department) 

Franco versicherte dann abschließend: „Ich werde immer ein loyaler 
Anhänger Ihrer Sache sein." 



7 MS59 



97 



In einer Versammlung von Armeeoffizieren sagte Franco unter anderem: 

„Zwanzig Jahre hindurch war Deutschland der Verteidiger der europäischen Zivili- 
sation . . . 

Wenn die Straßen nach Berlin offen wären, würde nicht nur eine Division Spanier 
am Kampf teilnehmen, sondern eine Million würden zu Hilfe eilen." 

Um zu unterstreichen, daß das keine leeren Worte waren, eröffnete 
Franco einen Werbefeldzug für die Division, die an der Seite der Nazis am 
Kampf gegen die Sowjetunion teilnehmen sollte. Da sich aber nur wenige 
Freiwillige meldeten, wurden „ganze Einheiten dienender Truppenteile zu 
der Division (der ,Blauen Division') überstellt, ohne daß die dazu aus- 
ersehenen Männer die Möglichkeit hatten, sich zu entscheiden" (Sir Samuel 
Hoare). Ein Verband in Stärke von etwa 17 000 Mann mit einer Luftwaffen- 
abteilung zu zwei oder drei Staffeln wurde aufgestellt. Die Bischöfe und 
Priester segneten die Legionäre, versuchten in ihnen Begeisterung für ihre 
„heilige Aufgabe" zu wecken und übergaben den „heldenhaften katholischen 
Kreuzfahrern gegen die Roten" geweihte Medaillons. 

Hitler und Franco vereinbarten ferner, auf spanischen Werften deutsche 
U-Boote zu bauen und Ausbildungsstützpunkte für U-Boot- Besatzungen in 
Spanien einzurichten (Angaben von Mr.Sidney Älderman, USA- Staats- 
anwalt am Nürnberger Internationalen Gerichtshof, am 27. November 1945). 
Gleichzeitig verfolgte Franco aufmerksam, was im Fernen Osten geschah, 
und übermittelte den Japanern bei militärischen Erfolgen regelmäßig seine 
Glückwünsche. 

Francos Zusammenarbeit mit den Nazis dauerte bis zum Zusammenbruch 
Nazideutschlands - und darüber hinaus. Sie ging so weit, daß das katho- 
lische Spanien Francos, als Hitlers Selbstmord bekanntwurde, offiziell und in- 
offiziell -wenn auch längst nicht so provokatorisch wiedas katholische Irland 
de Valeras — sein Beileid zum Tod des Führers und zum Zusammenbruch 
des Naziregimes ausdrückte. Während nach dem Krieg die Demokratien in 
Worten und mit den Mitteln der Diplomatie die letzte große faschistische 
Diktatur in Europa verurteilten, fuhr die spanische Hierarchie unter der 
Führung ihres Primas fort, Franco zu segnen und zu unterstützen. „Die 
Kirche unterstützt in der Tat den Rat des Staates, Gehorsam gegenüber der 
Obrigkeit zu üben. Möge die Stunde des Weltfriedens zugleich die Stunde 
des inneren Friedens für Spanien sein", erklärte der Erzbischof von Toledo 
und Primas von Spanien, Dr. Pia y Deniel, im Herbst 1945 als Antwort auf 
den diplomatischen Boykott des Francoregimes durch Großbritannien, die 
USA und die Sowjetunion und angesichts des wachsenden illegalen Kampfes 
des spanischen Volkes. 

Die katholische Hierarchie ging noch weiter. Sie erklärte durch den Mund 
des Erzbischof s Gonzales über den Vatikansender: 



98 



„Wir richten unsere Augen auf Mutter Iberia und danken Gott, daß er uns seine 
Gnade hat zuteil werden lassen . . . Dank der göttlichen Vorsehung hat Spanien seine 
jugendlichen Kräfte wiedererlangt ... es ist segensreich, zu sehen, wie echt und gesund 
sich Spaniens Wiederaufstieg auf sozialem, wirtschaftlichem und geistigem Gebiet voll- 
zieht und vor allem im Bereich des Glaubens, dem Fels der katholischen Kirche, seinem 
Fundament . . . Die spanische Nation ist ein Verteidiger der Wahrheit geworden und 
verdient Gottes Unterstützung." 

Auch Franco betonte immer wieder, das neue Spanien verdiene Gottes 
Unterstützung. Auf einer Zusammenkunft von Priestern und Mitgliedern 
der falangistischen Frauenorganisation am 12. September 1945 sagte er: 
„Ich denke, die Schlacht wurde zu unseren Gunsten entschieden, weil die 
anderen gegen Gott sind, aber wir sind seine Soldaten." 

Wie verträgt sich aber diese Behauptung mit der Tatsache, daß die An- 
zahl der „Soldaten Gottes" ständig vermehrt werden muß, um das rebel- 
lische, dem faschistischen Regime zu 90 Prozent feindlich gesinnte Volk 
niederzuhalten? Manchem skeptischen Leser geben vielleicht folgende Zah- 
len einiges zu denken: Am Ende des zweiten Weltkrieges verfügte Franco- 
spanien als einziges noch bestehendes faschistisches Land Europas über die 
stärkste faschistische Armee in der Welt und die stärkste Polizeimacht. Beide 
mußten ständig vergrößert werden, um die Spanier in der Zwangsjacke des 
Katholizismus und des Faschismus zu halten. 1940 erhielt die Falange, die 
faschistische Partei Spaniens, staatliche Zuschüsse in Höhe von 10 Millionen 
Peseten, 1941 waren es 14 Millionen, 1942 142 Millionen, 1943 154 Mil- 
lionen, 1 944 1 64 Millionen und am Ende des zweiten Weltkrieges mehr als 
192 Millionen. Die Staatspolizei erhielt 1940 950 Millionen Peseten, 
1941 1001 Millionen, 1942 1325 Millionen, 1943 1089 Millionen, 
1944 1341 Millionen und 1945 1475 Millionen Peseten. 

Das Gesamtbudget der Republik Spanien betrug 1936 weniger als die 
Summen, die Franco in einem Jahr allein für Armee, Marine und Luft- 
waffe auswarf. Für die Polizei gab er in demselben Zeitraum ebensoviel 
Geld aus, wie eine Armee von einer Million Mann benötigt. Nach Kriegs- 
ende reichten selbst diese Kräfte zur „Aufrechterhaltung des inneren Frie- 
dens" nicht mehr aus. Franco rief daher mit wärmster Unterstützung der 
Kirche von neuem die sogenannten Somates, eine Art Miliz, ins Leben. Die 
Unterstützung Gottes genügte nicht mehr, das faschistische Musterland 
Spanien mußte sich auf handfestere Grundlagen stützen, um sich weiter als 
„Verteidiger der Wahrheit" aufspielen zu können. Aber was machte das 
schon? Hauptsache, die von der Kirche gesteckten Ziele wurden erreicht; 
und die katholische Kirche erreichte gleich zwei Ziele auf einmal: die Ver- 
nichtung ihrer geschworenen Feinde und den gewaltsamen Aufbau eines 
Staatswesens auf katholischer autoritärer Grundlage. Sie erlangte unum- 
schränkte Gewalt über das spanische Volk. 



99 



Kapitel IX Italien, der Vatikan und der Faschismus 



Die feindselige Einstellung der katholischen Kirche zum vor faschistischen Italien - 
Der Vatikan verbietet den Gläubigen, am politischen Leben in Italien teilzunehmen - 
Der Ausbruch des ersten Weltkrieges - Die „rote Gefahr". Die Geburt einer katholischen 
Partei - Unsicherheit innerhalb der Kirche - Das erste Auftauchen einer faschistischen 
Partei - Die Wahl des neuen Papstes Pius XL - Die neue Politik des Vatikans : Die katho- 
lische Partei wird fallengelassen - Die Allianz mit dem Faschismus - Frühe geheime 
Verbindungen des Vatikans mit dem faschistischen Regime — Die ersten Früchte der 
neuen Allianz - Der Vatikan befiehlt den Führern der katholischen Partei, zurückzu- 
treten, um das faschistische Regime zu stärken - Die endgültige Auflösung der katho- 
lischen Partei — Die Verhandlungen über eine offizielle Allianz zwischen der katholischen 
Kirche und dem Faschismus - Die Lateranverträge, Der Vatikan erhält den Status eines 
unabhängigen Freistaates - Das Konkordat. Der Katholizismus wird die offizielle Reli- 
gion des faschistischen Italiens — Der Vertrag über gegenseitige Hilfe zwischen Kirche 
und Staat - Streitigkeiten zwischen der Kirche und dem Faschismus - Die Kirche preist 
und unterstützt Mussolini - Die erste faschistische Aggression: der Abessinienkrieg - 
Der Papst an der Seite des faschistischen Italiens - Die katholische Kirche ruft die 
Italiener auf, die Aggression zu unterstützen - Der Plan des Vatikans, im Gefolge der 
faschistischen Legionen die Abessinier zu bekehren — Der spanische Bürgerkrieg, 
Mussolini, die katholische Kirche in Italien und der Papst - Cianos Bakterienkrieg - 
Der Tod Pius 1 XL - Die W ahl eines neuen Papstes - Pius XIL — Die Vertreibung der 
Juden - Der Uberfall auf Albanien - Der Ausbruch des zweiten Weltkrieges - Die Be- 
mühungen des Papstes, Italien aus dem Krieg herauszuhalten - Mussolini tritt in den 
Krieg ein - Der Papst und die italienische Hierarchie unterstützen den neuen Krieg - 
Der Plan des Vatikans, dem Sturz Mussolinis zuvorzukommen und den Ausbruch einer 
Volksrevolution in Italien zu verhindern - Die Verbündeten des Vatikans: die italienische 
Monarchie, Großbritannien und die USA - Erzbischof Spellman - Der Zusammenbruch 
des faschistischen Regimes - Der Erfolg des ersten großen Gegenzugs des Vatikans nach 
dem zweiten Weltkrieg - Der Vatikan bereitet sich auf die Zukunft vor - Die Gründung 
neuer katholischer Parteien. 



Im Jahr 1922 soll während der Wahl des Papstes Pius XI. ein atheistischer 
italienischer Redner in einer großen Menschenmenge auf dem Platz vor 
Sankt Peter gesagt haben: 

„Seht euch an, wieviel Menschen hier sind! Aus aller Herren Ländern sind sie ge- 
kommen! Woran liegt es, daß die Politiker, die die Nationen regieren, nicht das uner- 
meßliche Gewicht dieser internationalen Kraft, dieser weltweiten Glaubensmacht er- 
kennen?" (Teeling, The Pope in Politics) 

Der Mann, der dies gesagt hatte, kam noch in demselben Jahr zu Amt 
und Würden. Er errichtete nach Grundsätzen, die dann vielen europäischen 
Ländern als Vorbild dienten, die erste faschistische Diktatur. Die Allianz 
zwischen Pius XI. und Mussolini beeinflußte in der Zeit zwischen den beiden 
Weltkriegen nicht nur die soziale und politische Situation Italiens, sondern 



100 



ebenso die der meisten anderen Länder Europas. Die Tatsache, daß der Faschis - 
mus in einem katholischen Lande geboren wurde und seinen Weg gerade im 
Zentrum des römischen Katholizismus begann, war weder ein Zufall noch 
eine Laune der Geschichte. Wohl waren verschiedene Faktoren sozialer 
und wirtschaftlicher Art dafür verantwortlich, aber nicht zuletzt auch die 
Beteiligung und die Hilfe des Vatikans. 

Bevor wir uns die weitere Entwicklung ansehen, wird es zweckmäßig 
sein, die Bedingungen zu untersuchen, unter denen der Faschismus entstand. 
Hierzu ist es vor allem erforderlich, sich über die Rolle des Vatikans im 
sozialen und politischen Leben des vorfaschistischen Italiens Klarheit zu 
verschaffen. Die Geschichte der Beziehungen zwischen Staat und Vatikan 
im vorfaschistischen Italien ist, ebenso wie im Falle Spaniens, die Geschichte 
einer bitteren Feindschaft zwischen Staat und Kirche. Der Staat versuchte 
die katholische Kirche in ihre Schranken zu weisen, während die Kirche mit 
allen Mitteln danach strebte, die Privilegien zu behaupten oder wiederzu- 
gewinnen*, auf die sie Anspruch erheben zu müssen glaubte. Es war der 
gleiche Kampf, den wir bereits in Spanien beobachteten und den wir in 
vielen anderen europäischen Ländern feststellen werden, der Kampf zwi- 
schen der katholischen Kirche und dem vom Liberalismus und von den 
demokratischen Prinzipien des 19. Jahrhunderts getragenen Staat. Dieser 
Kampf nahm in Italien weit härtere Formen an als in jedem anderen Land, 
weil Italien seine nationale Einheit nicht erringen konnte, ohne die Besitz- 
tümer des päpstlichen Staates zu enteignen. 

Das italienische Volk war - vor allem in Süd- und Mittelitalien - ge- 
wohnt, daß die Kirche praktisch alle Lebensgebiete kontrollierte. In den 
päpstlichen Besitzungen war der Prozentsatz des Analphabetentums, der 
Unwissenheit und des Elends einer der höchsten in ganz Europa. Nach der 
nationalen Einigung Italiens machte sich die italienische Regierung daran, 
Ordnung im Lande zu schaffen, und ließ sich dabei von den Grundsätzen des 
Liberalismus leiten. Sie säkularisierte das Erziehungswesen und die Presse, 
verkündete Redefreiheit und Freiheit des religiösen Bekenntnisses und 
unternahm andere ähnliche Schritte. Die katholische Kirche bekämpfte jede 
dieser Maßnahmen mit ungewöhnlicher Schärfe. Sie erklärte allen Gläubi- 
gen, der Liberalismus sei eine Sünde, und drohte jedem mit ewiger Ver- 
dammnis, der seine Stimme für den Säkularstaat erhob. 

Die Kirche bezog diese Haltung nicht nur wegen des säkularen Charakters 
des neuen Italiens, sondern auch wegen der Rechtsansprüche, die der Papst 
nach wie vor auf seine Besitztümer geltend machte. Deshalb waren der 
Staat und alle Italiener, die ihn unterstützten, Feinde der Kirche, solange 
der Papst nicht Mittelitalien und Rom vom Staat zurückerhielt; aber das 
hätte die Einigung Italiens verhindert. Von dieser Haltung ließ sich der 



101 



Vatikan nicht abbringen, obwohl die italienische Regierung wiederholt ihre 
Bereitschaft erklärte, auf dem Verhandlungsweg die strittigen Fragen 
freundschaftlich zu klären. 

Hält man sich vor Augen, wann und wie die Kirche diesen unablässigen 
Krieg gegen den Staat führte, so muß man die Bedingungen, die der Staat 
der Kirche anbot, mehr als großzügig nennen. Aber der Vatikan verfolgte 
mit seinem Starrsinn ganz andere Ziele. Er wollte dem neuen italienischen 
Staat fortwährend Schwierigkeiten bereiten, um ihn eines Tages zu besei- 
tigen und an seine Stelle das klerikale katholische Regime der Vergangen- 
heit zu setzen. Der Vatikan erreichte dadurch, daß er die „römische Frage 
offenließ" — wie es damals hieß — , daß Millionen italienischer Bürger dau- 
ernd in Konflikt mit der Regierung und ihren Gesetzen gerieten. Diese von 
der Kirche künstlich erzeugte Opposition großer Teile des Volkes zu ihrem 
Staat machte es den Regierenden unmöglich, sich auf ein Mandat der Mehr- 
heit des Volkes zu berufen und drastischere Reformen im Rahmen des 
Säkularisationsprogramms durchzusetzen. Darüber hinaus verbot der Vatikan 
allen Italienern, sich aktiv am demokratischen Leben der Nation zu be- 
teiligen und von ihrem neuerworbenen Wahlrecht Gebrauch zu machen. 
Pius IX. verkündete ein Non expedit, das heißt, er untersagte den 
Gläubigen bei Strafe der Exkommunikation, sich an den Wahlen zu be- 
teiligen. Da aber Millionen Italiener dem Befehl nicht Folge leisteten und die 
Kirche verließen, mußte Leo XIII. 1886 eine neue Weisung erteilen, nach der 
es den Gläubigen nicht gestattet war, ihre Stimme abzugeben. 

Diese eklatante Einmischung in das politische Leben des Landes war in 
Wirklichkeit nur ein verzweifelter Versuch des Vatikans, die Säkularisation 
Italiens zu behindern und die liberalen und alle anderen antiklerikalen und 
revolutionären Kräfte, die im ganzen Land immer mehr Anhänger fanden, 
zu schwächen. Der Vatikan hielt den anmaßenden Anspruch, den Italienern 
das Wählen zu verbieten, auch in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhun- 
derts aufrecht. 1905 wurde das Verbot etwas gemildert, und in den Wahlen 
von 1904, 1909 und 1913 traten erstmals katholische Kandidaten auf. Aber 
endgültig aufgehoben wurde det Bann erst nach dem ersten Weltkrieg. Der 
Vatikan tat dies keineswegs aus demokratischen , Erwägungen — die ver- 
änderten Umstände und der Volkswille hatten ihn dazu gezwungen. Zu 
Tausenden hatte die Bevölkerung die Kirche verlassen, insgesamt waren die 
antiklerikalen Tendenzen seit dem ersten Non expedit hundertfach stärker 
geworden. Der Sozialismus und der Anarchismus hatten zu Beginn des 
Jahrhunderts auf der ganzen Halbinsel Fuß gefaßt und vor dem ersten 
Weltkrieg dort bereits beachtlichen politischen Einfluß gewonnen. 

Als durch Italiens Kriegseintritt Millionen Italiener in die Schützen- 
graben und Fabriken geschickt wurden, nahm der Sozialismus an Einfluß 



102 



zu. Die unmittelbar nach dem Krieg einsetzenden wirtschaftlichen, 
sozialen und politischen Unruhen trugen ebenfalls dazu bei, die Reihen 
seiner Anhänger rasch zu vermehren. Der Vatikan suchte verzweifelt nach 
Mitteln, die „rote Flut" einzudämmen. Die Bannflüche des Papstes und die 
Predigten der Bischöfe und Priester reichten ebensowenig wie die Ergeben- 
heit der rückständigen Volksschichten aus, dieser Bewegung Herr zu wer- 
den. Es mußte etwas geschehen, was mehr der Zeit entsprach. So entschloß 
sich der Vatikan, wenn auch schweren Herzens, allen Katholiken die Teil- 
nahme am politischen Leben zu gestatten, und rief sie auf, sich in einer 
katholischen Partei zu organisieren. Diese Partei wurde von einem sizilia- 
nischen Priester, Don Sturzo, gegründet und geführt und nannte sich 
Partito Popolare. 

Die neue katholische Partei entwickelte sich rasch und fand Anhänger in 
ganz Italien. Sie wurde eine beachtliche politische Macht, ein Gegengewicht 
gegen die Sozialisten, die im Jahre 1919 von 3 500 000 Wahlberechtigten 
1840593 für sich gewonnen hatten. 1920 hatten die Sozialisten in 
2163 Städten und Dörfern die Gemeindeverwaltung in ihrer Hand. Die 
katholische Partei, die sich vor allem auf die ländlichen Bezirke stützte, 
wurde jedoch ein ernsthafter Gegner der wachsenden revolutionären 
Kräfte. 

1921 errangen die Sozialisten, obwohl sie sich gespalten hatten, 1 569 533 
Stimmen und die Kommunisten 291952, dazu kamen Hunderttausende 
antiklerikal eingestellte Liberale. Obwohl der Vatikan also ein politisches 
Mittel gefunden zu haben glaubte, mit dessen Hilfe er den Vormarsch der 
Linken unter Kontrolle halten konnte, hatte er sich. noch nicht entschieden, 
welche Politik er unter den gegebenen Umständen einschlagen sollte. Es gab 
zwei Strömungen : Die eine befürwortete die Bekämpfung des Kommunismus 
auf politischem und sozialem Gebiet, die andere forderte drastischere Maß- 
nahmen. 

Die Anhänger der zweiten Richtung schoben sich in den Vordergrund, 
als eine neue Partei die Szene betrat. Sie wurde von einem Exsozialisten, 
Exrepublikaner und Atheisten geführt, war militant antisozialistisch, 
antibolschewistisch, antiliberal und antidemokratisch und predigte und 
praktizierte Gewalttätigkeiten im großen Stil. Ihre Anhänger waren meist 
Desperados, die sich in Banden organisierten, Sozialisten überfielen, mor- 
deten und plünderten. Sie nannten sich Partito Fascista, ihr Führer hieß 
Mussolini. 

Alle Elemente, die eine soziale Revolution fürchteten oder fürchten zu 
müssen glaubten — von den extremen Nationalisten und den Industrieherren 
bis zu den Mittelklassen — , unterstützten diese Partei. Ein Kardinal 
beobachtete die neue Bewegung sehr aufmerksam. Sein Interesse galt 



103 



weniger ihrem Programm - der Bewegung gehörten zahlreiche antiklerikale 
Kräfte an — als vielmehr ihrem Charakter. Diese Partei konnte die Feinde 
der Kirche mit Waffen bekämpfen, die die Kirche selbst nicht anwenden 
durfte, wollte sie nicht ihr Gesicht verlieren - mit den Waffen der Gewalt. 
Der Name dieses Kardinals war Ratti. 

Im Jahre 1922, als sich die sozialistische und die katholische Partei etwas 
gefestigt hatten und die zwei großen Parteien des Landes geworden waren, 
starb Benedikt XV. Kardinal Ratti, der das Auftreten der Faschisten mit so 
großem Interesse verfolgt hatte, wurde unter dem Namen Pius XI. zum 
Papst gewählt. 

Pius XI. haßte den Sozialismus und hegte keinerlei Sympathien für die 
Demokratie. Mit ihm begann eine neue Ära in der vatikanischen Politik. 
Er unterstützte die faschistische Partei bereits vor ihrem „Marsch auf 
Rom". 

Pius XI. befahl die Auflösung aller katholischen Parteien nicht nur in 
Italien, sondern in ganz Europa, weil sie nach seiner Meinung den Sozialis- 
mus auf Grund der einfachen Tatsache nicht zerschlagen konnten, daß es in 
einem demokratischen Staat bestimmte politische Freiheiten gibt. Außerdem 
trafen täglich im Vatikan alarmierende Nachrichten über ein weiteres An- 
wachsen der sozialistischen Bewegung in Italien und anderen Ländern ein. 
Neue, drastische Maßnahmen schienen geboten. So kam es, daß der Vatikan, 
als die Koalitionsverhandlungen erfolgreich abgeschlossen worden waren, die 
italienische Hierarchie am 22. Oktober 1922 in einem Schreiben aufforderte, 
sich nicht mit der katholischen Partei zu identifizieren, sondern neutral zu 
bleiben. Eine solche Weisung konnte zu diesem Zeitpunkt nur den Sinn 
haben, die Koalitionsbestrebungen der katholischen Partei zu hinter- 
treiben. 

Das war die erste Tat des neuen Papstes, sie war darauf gerichtet, dem 
Faschismus den Weg zu ebnen. Am 28. Oktober 1922 übernahmen die 
Faschisten nach der Farce eines sogenannten „Marsches auf Rom" auf 
Grund eines Angebots des Königs Viktor Emanuel die Macht. 

Einige Monate später, am 20. Januar 1923, begann der Kardinalstaats- 
sekretär Gasparri geheime Besprechungen mit Mussolini. Der Kardinal 
machte den Handel zwischen dem Vatikan und dem Faschismus perfekt. Die 
katholische Kirche verpflichtete sich, das neue Regime zu unterstützen, 
indem sie die katholische Partei ausschaltete, die den Faschisten ebenso im 
Wege stand wie der Sozialismus. Als Gegenleistung verpflichtete sich 
Mussolini, dem viel an diesem Verbündeten lag, seine Politik der Ver- 
nichtung des Sozialismus fortzusetzen, die Rechte der katholischen Kirche 
zu gewährleisten und sie auch sonst zu unterstützen. Die „römische Frage" 
wurde bei diesen Verhandlungen ebenfalls berührt. 



104 



Die erste Frucht der neuen Allianz war ein großer Dienst, den Mussolini 
dem Vatikan leistete. 

Die Bank von Rom, der hohe Würdenträger des Vatikans und der 
Heilige Stuhl selbst Teile ihres Vermögens anvertraut hatten, stand vor 
dem Bankrott. Mussolini rettete die Bank. Das kostete den italienischen 
Staat ungefähr 1,5 Milliarden Lire. Als Dank dafür ertönten bald 
darauf aus dem Munde hoher Vertreter des Vatikans Lobsprüche zu 
Ehren des Faschistenführers. Am 21. Februar 1923 pries Kardinal 
Vannutelli, der Vorsitzende des Heiligen Kardinalskollegiums, Musso- 
lini öffentlich „wegen seiner energischen Hingabe an die Sache seines 
Landes" und erklärte, der Duce sei „auserkoren, die Nation zu retten und 
ihr Glück wiederherzustellen". Zur gleichen Zeit waren faschistische Ban- 
den dabei, Mitglieder der katholischen Partei zu überfallen und zu ermor- 
den. Die katholische Partei rief auf, dem Terror der Faschisten, dem auch 
katholische Priester zum Opfer fielen (so unter anderem im August 1923 
der Pfarrer Don Minzoni), Einhalt zu gebieten. Der Papst hätte keine 
Minute gezögert, den Zorn Gottes auf die Häupter der Mörder zu laden, 
wenn es Kommunisten gewesen wären. Da es aber die von ihm protegierten 
Faschisten waren, verhielt er sich still und äußerte nicht ein einziges Wort 
des Protestes. 

Ungerührt verfolgte der Papst den einmal gewählten Weg der Zusam- 
menarbeit mit dem Faschismus. Im Frühjahr 1923 wollte Mussolini die 
Abgeordnetenkammer zwingen, einer Wahlrechtsreform zuzustimmen, die 
der faschistischen Partei künftig wenigstens zwei Drittel aller Stimmen 
gesichert und dadurch zur Ausschaltung des Parlaments geführt hätte. 
Ein Erfolg in dieser Frage wäre der erste Schritt zur Errichtung der 
offenen Diktatur gewesen. Alle demokratischen Kräfte, voran Don 
Sturzo, das Haupt der katholischen Partei, und 107 katholische Abgeord- 
nete, weigerten sich, der Vorlage zuzustimmen und bekämpften sie aufs 
äußerste. Dieser Widerstand gefährdete Mussolinis Pläne, eine Diktatur 
zu errichten, und brachte die neue vatikanische Politik, die darauf zielte, 
den Faschisten den Weg zu einem autoritären Staat frei zu machen, in 
Gefahr. 

Der Papst verlor keine Zeit. Wenige Wochen nach dem Aufflackern des 
katholischen Widerstandes, am 9. Juni 1923, erhielt Don Sturzo vom 
Vatikan den entschiedenen Befehl, zurückzutreten und die Partei nach 
Möglichkeit sogar aufzulösen. Don Sturzo beugte sich dem Befehl, obwohl 
er anfangs entschlossen war, sich zu widersetzen; aber er war nicht nur der 
Führer der katholischen Partei, sondern zugleich katholischer Priester. Die 
katholische Partei wurde nicht sofort aufgelöst, war aber durch den Verlust 
ihres Gründers und Führers empfindlich getroffen. Das erste ernsthafte 



105 



Hindernis der Faschisten auf dem Vormarsch zur offenen Diktatur war 
durch den Papst aus dem Weg geräumt worden. 

Unmittelbar darauf inszenierten höchste Vertreter der katholischen 
Hierarchie - vor allem jene, die die politischen Pläne des neuen Papstes 
kannten - eine schon ans Enthusiastische grenzende Propagandakampagne 
für Mussolini. 

Diese Kampagne erreichte ihren Höhepunkt, als eine der Säulen der 
katholischen Kirche, ein Anhänger der neuen päpstlichen Politik, in einer 
öffentlichen Rede den Segen des Allmächtigen für die faschistischen Führer 
erflehte, sie mit Dank überschüttete, daß sie die Feinde der Kirche ver- 
nichtet hätten, und den Exatheisten feierlich umarmte und ihn auf 
beide Wangen küßte (Kardinal Mistrangelo, Erzbischof von Florenz, am 
19. Juni 1923). 

Ein Jahr später wurde der Führer der Sozialisten, Matteotti, ein erbitterter 
Gegner Mussolinis, auf Weisung des Duce von Faschisten ermordet. Die 
Entrüstung im ganzen Land war so stark, daß das Regime dem Sturz nahe 
war. Sämtliche Abgeordneten verließen aus Protest das Parlament und 
forderten vom König die Absetzung Mussolinis. 

Wieder eilte der Vatikan dem Faschistenführer zu Hilfe. Als die Sozia- 
listen und die Katholiken von neuem verhandelten, um eine feste Koalition 
gegen die Faschisten zustande zu bringen, warnte Papst Pius XI. alle Gläu- 
bigen vor einer Allianz mit den Sozialisten einschließlich deren gemäßigtem 
Flügel. Er erklärte, das Moralgesetz verbiete streng eine solche Allianz, 
jede Zusammenarbeit mit dem Teufel sei eine Sünde. Der Papst verschwieg 
dabei wohlweislich, daß in Belgien wie in Deutschland die Sozialdemokraten 
und die Katholiken mit Einverständnis des Vatikans seit Jahr und Tag 
zusammenarbeiteten. Um sein Zerstörungswerk zu vollenden, befahl der 
Vatikan allen Priestern, aus der katholischen Partei auszutreten. Das be- 
deutete praktisch die Auflösung des Partito Popolare, da in den ländlichen 
Bezirken, auf die sich die Partei vor allem stützte, die Pfarrer die Politik 
machten. 

Aber der Papst gab sich damit nicht zufrieden, er rief eine neue Bewe- 
gung ins Leben, die Katholische Aktion, und unterstellte sie unmittelbar den 

Bischöfen. 

Offiziell war der Katholischen Aktion streng untersagt, sich mit Politik 
zu befassen, richtiger müßte, es jedoch heißen, es war ihr verboten, etwas 
zu unternehmen, was dem Faschismus schaden konnte. Papst Pius XL for- 
derte alle Katholiken auf, sich der neuen Organisation anzuschließen. Er 
veranlaßte dadurch Hunderttausende, die Reihen des Partito Popolare zu 
verlassen, und setzte auf diese Weise die dezimierte Partei den pausenlosen 
Schlägen der triumphierenden Faschisten aus. 



106 



Diese Taktik des Vatikans gegenüber der von ihm selbst gegründeten 
Partei dauerte von 1925 bis Ende 1926, also bis zu ihrer Auflösung durch 
Mussolini. Die faschistische Bewegung hatte erreicht, was sie von Anfang 
an erstrebt hatte - die Errichtung der Diktatur. 

Es war kein Zufall, daß Pius XI. und Mussolini gerade um diese Zeit die 
Verhandlungen begannen, die zum Abschluß der Lateranverträge führten. 

Der Vatikan und die neue Diktatur bedachten einander häufig mit öffent- 
lichen Lobsprüchen. Die gelegentlichen Zwistigkeiten — meistens hervor- 
gerufen durch Überfälle der Faschisten auf katholische Gläubige - konnten 
das gute Einvernehmen kaum stören. 

Die folgenden beiden Zitate mögen noch einmal zusammenfassend zeigen, 
wie die katholische Kirche zum Faschismus in der Zeit der Festigung seiner 
Diktatur Stellung nahm. Am 51. Oktober 1926 erklärte Kardinal Merry 
del Val öffentlich: 

„Mein Dank gilt auch ihm (Mussolini), der die Zügel der italienischen Regierung 
fest in den Hunden hält und der mit klarem Blick für die Realität wünschte und wünscht, 
daß die Religion respektiert, geehrt und ausgeübt wird. Sichtbar von Gott beschützt, hat 
er weise die Geschicke der Nation zum Guten gewendet und ihr Ansehen in aller Welt 
gestärkt." 

Und der Papst erklärte am 20. Dezember 1926 vor der Weltöffentlichkeit: 
„Mussolini wurde uns von der göttlichen Vorsehung gesandt." 

Solche öffentlichen Segnungen durch den Papst (zufällig war der Papst 
einer der ersten, der Mussolini nach dem Scheitern eines gegen ihn gerich- 
teten Attentats beglückwünschte), die dauernde Unterstützung durch den 
Vatikan und vor allem die Hilfe durch die Liquidierung der katholischen 
Partei zu einem Zeitpunkt, als sie in der Lage gewesen wäre, Mussolini den 
Weg zur Alleinherrschaft zu verlegen, hatten es den Faschisten ermöglicht, 
die Diktatur zu errichten, die seit 1922 das Ziel der päpstlichen Politik 
war. 

Die Liberalen und die Sozialisten, die 1926 bei der letzten Wahl noch 
mehr als 50 Prozent aller Stimmen erhalten hatten, wurden verboten, ihre 
Zeitungen wurden unterdrückt, ihre Führer wurden verhaftet oder emigrier- 
ten. Die Gefahr der „roten Flut" schien gebannt, die Kirche hatte sich dank 
ihrer Allianz mit einem starken autoritären Regime in Sicherheit gebracht. 

Nachdem alle inneren Feinde vernichtet waren, gingen die Kirche und 
der Faschismus daran, ihre Beziehungen weiter zu verbessern. Denn trotz 
der in der Praxis bereits bewährten Allianz machte es sich notwendig, die 
Interessensphären durch einen offiziellen Vertrag abzugrenzen. Häufig kam 
es noch zu Zusammenstößen zwischen Faschisten und Katholiken und zu 
antiklerikalen Demonstrationen. Ein Konkordat war am besten geeignet, 
die Atmosphäre zu reinigen. Dem Papst lag aber an diesem Punkt der 



107 



Entwicklung viel mehr daran, die Frage der päpstlichen Besitztümer zu klä- 
ren. Mussolini, der bereits proklamiert hatte, daß die Religion zu respektieren 
sei, war sowohl mit einem Vertrag als auch mit einem Konkordat einver- 
standen, denn er saß trotz seiner Erfolge noch nicht sehr fest im Sattel. 
Viele frühere Mitglieder des Partito Popolare und viele einfache Gläubige 
mißtrauten ihm und verweigerten ihm trotz der unmißverständlichen Wei- 
sungen des Vatikans ihre Unterstützung. Man brauchte daher etwas, womit 
man an die Gefühle der Katholiken appellieren konnte. Was wäre besser 
dazu geeignet gewesen als eine offizielle, feierliche Allianz zwischen Kirche 
und Staat, etwas, was die demokratischen Regierungen seit einem halben 
Jahrhundert nicht zustande gebracht hatten? Ein Vertrag und ein Konkordat 
konnten das Regime so stärken, daß es nur durch eine gewaltige soziale 
Revolution zu stürzen war. Sie mußten nicht nur zu einer inneren Festigung 
des Regimes führen, sondern auch das Ansehen des Faschismus und seines 
politischen Systems in der ganzen Welt heben. 

Die Verhandlungen begannen - nicht zufällig - nach der Auflösung der 
katholischen Partei im Jahre 1926 und wurden 1929 mit der Unterzeich- 
nung der sogenannten Lateranverträge abgeschlossen. 

Wir haben über diese Verträge bereits im zweiten Kapitel gesprochen. 
Der Vatikan wurde durch sie als unabhängiger und souveräner Staat an- 
erkannt; das faschistische Regime verpflichtete sich, dem Vatikan als Ent- 
schädigung für die Enteignung der päpstlichen Besitztümer die ungeheure 
Summe von 750 Millionen Lire zu zahlen und ihm fünfprozentige Obli- 
gationen im Nennwert von 1000 Millionen Lire zur Verfügung zu stellen. 
Die Lösung der „römischen Frage" wurde von der katholischen Kirche und 
ihren Gläubigen in der ganzen Welt begrüßt, das Ansehen des Faschismus 
wuchs überall sprunghaft. 

Aber der Vatikan erreichte noch ein anderes, nicht weniger wichtiges 
Ziel: Er schloß mit dem italienischen Staat ein Konkordat, das der katho- 
lischen Kirche Italiens alle ihre Rechte zurückgab, entsprechend der katho- 
lischen Lehre, daß Staat und Kirche einander wie Leib und Seele ergänzen 
müssen und daher nicht getrennt sein dürfen. Der Katholizismus wurde 
zur Staatsreligion erklärt; in allen Schulen mußte katholischer Religions- 
unterricht erteilt werden; die Lehrer durften ihr Amt erst nach Bestä- 
tigung durch die Kirche ausüben und nur solche Lehrbücher benutzen, die 
„von den kirchlichen Stellen genehmigt" waren; die kirchliche Trauung 
wurde wieder obligatorisch; das „Sakrament der Ehe" wurde den Bestim- 
mungen des kanonischen Rechts untergeordnet; das bedeutete das Verbot der 
Ehescheidung; die Geistlichkeit und die religiösen Orden erhielten staat- 
liche Zuschüsse; antikirchliche Bücher, Presseerzeugnisse und Filme wur- 
den verboten; Kritik oder Beleidigung des Katholizismus waren strafbare 



108 



Handlungen — kurz, die Kirche wurde wieder in ihre Stellung als absolute 
Glaubensmacht der Nation eingesetzt. 

Aber dem Vatikan genügte auch das noch nicht. Er untersagte allen 
Geistlichen, von denen eine Minderheit unter Führung des früheren Vor- 
sitzenden der katholischen Partei nach wie vor dem Faschismus feindlich 
gegenüberstand, eine politische Partei zu unterstützen. Das machte es jedem 
Priester unmöglich, sich einer antifaschistischen Bewegung anzuschließen. 
Wenn man bedenkt, daß alle Geistlichen dem unmittelbaren Befehl des 
Vatikans, also eines Verbündeten des Faschismus, unterstanden, so wird der 
Sinn dieser Vertragsklausel rasch klar.* 

Andererseits erkannte das faschistische Regime die Katholische Aktion an, 
deren „Tätigkeit zur Verbreitung und Ausübung der katholischen Lehre 
außerhalb aller politischen Parteien und in unmittelbarer Abhängigkeit 
von der Hierarchie der katholischen Kirche zu erfolgen hat". 

Der Sinn dieser Klausel, die es der Geistlichkeit und der Katholischen 
Aktion untersagte, an einer politischen Bewegung teilzunehmen, kam im 
Artikel 20 des Konkordats von 1929 unmißverständlich zum Ausdruck. 

* Als in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg, nach der Zerschlagung des Faschis- 
mus, wieder politische Parteien zugelassen wurden, befahl der Vatikan allen Katholiken, 
sich aktiv am politischen Leben des Landes zu beteiligen. Die Angst, daß die soziali- 
stischen und kommunistischen Kräfte die Macht erringen könnten, war so groß, daß der 
Vatikan den Bischöfen und Priestern in ganz Italien die Order erteilte, in ihren Predig- 
ten alle Gläubigen nicht nur zur Erfüllung ihres Wahlrechts anzuhalten, sondern ihnen 
auch zu raten, der neuen katholischen Partei (Christlich-Demokratische Partei) ihre 
Stimme zu geben, um den alten Feinden der Kirche, den Sozialisten und Kommunisten 
eine Niederlage zu bereiten. 

Im März 1946 verabschiedete die italienische beratende Nationalversammlung den 
Artikel 66 des Wahlgesetzes, der den Priestern verbot, in der Kirche politische Ange- 
legenheiten zu behandeln. Das war de facto nichts anderes als der Artikel 43 des 1929 
mit Mussolini geschlossenen Konkordats, der es jedem italienischen Geistlichen unter- 
sagte, eine politische Partei zu unterstützen. Was der Vatikan unter dem Faschismus gut- 
geheißen hatte, erregte jetzt seinen Zorn. Pius XII. erklärte am 16. Marz 1946, daß „die 
Geistlichkeit die Laien auch in zivilen Fragen, die Fragen des Glaubens und der Moral 
einschließen, leiten muß", und fuhr fort: „Es ist ein wesentliches Recht und eine Pflicht 
der Kirche, die Gläubigen in Wort und Schrift alles zu lehren, was den Glauben und das 
moralische Verhalten betrifft. Die Ausübung des Wahlrechts birgt eine schwerwiegende 
moralische Verantwortung in sich, insofern es bei der Wahl darum geht, jene zu wählen, 
die dem Land seine Verfassung und seine Gesetze geben sollen." Der Osservatore 
Romano nannte den Artikel 66 des Wahlgesetzes „offensiv, unfair, ungerecht und un- 
nütz". Unter dem Druck der Christlich-Demokratischen Partei wurde dieser Artikel 
faktisch aufgehoben. Trotzdem errangen bei den Gemeindewahlen 1946 die Christ- 
lichen Demokraten nur in 1907 von 5614 Gemeinden die Mehrheit, die Sozialisten und 
Kommunisten eroberten 1887 Gemeinden. In den Gemeinden, in denen auf Grund des 
Verhältniswahlrechts gewählt wurde, errangen die Katholiken 992509, die Kommu- 
nisten 738651 und die Sozialisten 734120 Stimmen. 



109 



Dieser Artikel enthielt den Treueschwur, den die italienischen Bischöfe 
dem faschistischen Staat zu leisten hatten. Er lautete: 

„Vor Gott und seinen heiligen Offenbarungen schwöre und verspreche ich anläßlich 
meiner Ernennung zum Bischof, dem italienischen Staat die Treue zu halten. Ich 
schwöre und verspreche, den König und die Regierung, die entsprechend der ver- 
fassungsmäßigen Grundlage des Staates gebildet wurde, zu achten und sie von der mir 
unterstellten Geistlichkeit achten zu lassen. Ich schwöre und verspreche, daß ich mich 
an keinen Beratungen oder Ubereinkünften beteiligen werde, die dem italienischen Staat 
und der öffentlichen Ordnung Schaden zufügen könnten, und ich werde auch der mir 
unterstellten Geistlichkeit nicht erlauben, daran teilzunehmen. Ich werde mich um das 
Wohlergehen und die Interessen des italienischen Staates bemühen und mich befleißigen, 
allen Gefahren entgegenzutreten, die ihn bedrohen könnten." 

Wie man sieht, unternahm der Vatikan alles, um die Geistlichkeit an 
den faschistischen Staat zu binden. Er war daran interessiert, die Bischöfe 
zu Kettenhunden des faschistischen Regimes zu machen. 

Die Kirche wurde die religiöse Waffe des faschistischen Staates, und der 
faschistische Staat wurde der weltliche Arm der Kirche. Der Vatikan erntete 
die Früchte seiner neuen Politik — die systematische Verfolgung seiner 
großen Feinde: Säkularismus, Liberalismus, Freimaurerei, Sozialismus 
Kommunismus und Demokratie und die Wiedereinsetzung der katholischen 
Kirche in ihre Position als vorherrschende Glaubensmacht des Landes. 

Mussolini äußerte nach der Unterzeichnung des Konkordats: 

„Wir billigen der katholischen Kirche den Vorrang im religiösen Leben des italie- 
nischen Volkes zu - eine Tatsache, die in einem katholischen Land wie dem unsrigen und 
unter der Herrschaft des Faschismus ganz natürlich ist." 

Gleichzeitig begann Mussolini mit Zustimmung des Papstes die katho- 
lischen politischen Zeitungen und Zeitschriften zu zensieren, da sich die 
katholische Presse nach dem Konkordat nur noch mit religiösen Angelegen- 
heiten befassen durfte. Mussolini brüstete sich öffentlich, in den ersten drei 
Monaten nach Abschluß des Vertrages mehr katholische Zeitungen ent- 
eignet zu haben als in den sieben Jahren zuvor. 

Der Papst verkündete am 13. Februar 1929 aller Welt, Mussolini sei 
„von der göttlichen Vorsehung" aus erwählt, sich mit ihm zusammenzu- 
setzen. Er fügte hinzu, die Lateranverträge und das Konkordat wären nicht 
möglich gewesen, wenn nicht „auf der anderen Seite ein Mann wie der 
Ministerpräsident gestanden hätte". Am 17. Februar 1929 applaudierte die 
päpstliche Aristokratie und Hierarchie anläßlich eines Empfanges im Vati- 
kan, als Mussolini in einem Film auf der Leinwand erschien. Am 9. März 
1929 erklärten die Kardinäle in einer Botschaft an den Papst, daß- „der 
bedeutende Staatsmann" Italien „im Auftrag der göttlichen Vorsehung" 
regiere. Zur Krönung des Ganzen befahl der Vatikan allen Priestern, zum 
Abschluß der täglichen Messe „für den König und den Duce" zu beten. 



110 



Eine engere Allianz zwischen Kirche und Staat als die zwischen dem 
Vatikan und dem faschistischen Regime war kaum denkbar. Trotzdem blieb 
auch dieses Verhältnis nicht ungetrübt. Da beide, Kirche und Staat, totalitär 
waren, gerieten sie trotz aller Übereinstimmung im Grundsätzlichen ernst- 
haft in Streit. Beide beanspruchten die unumschränkte und alleinige Kon- 
trolle über bestimmte Gebiete des gesellschaftlichen Lebens, vor allem über 
die Jugenderziehung. Pius XI. behauptete, die katholische Kirche müsse auf 
Grund des Konkordats größeren Anteil an der Erziehung der Jugendlichen 
haben als bisher, und die Katholische Aktion habe sich ausschließlich nach 
den Weisungen der kirchlichen Stellen zu richten. Mussolini aber wollte die 
Kontrolle über das Erziehungswesen und die Katholische Aktion in seine 
Gewalt bringen. Der Streit nahm so ernste Formen an, daß Pius XI. die 
Enzyklika Non Abbiamo Bisogno nur auf Umwegen außer Landes bringen 
konnte. In ihr verurteilte der Papst keineswegs den Faschismus, wenn es 
auch später immer wieder von kirchlicher Seite beteuert wurde, er ver- 
dammte, lediglich die Gewaltmaßnahmen der Faschisten gegen die Katho- 
lische Aktion und die faschistischen Erziehungsgrundsätze, die darauf ziel- 
ten, den Staat über alles zu stellen, auch über die katholische Kirche. In 
derselben Enzyklika dankte der Papst dem faschistischen Regime für alles, 
was es der katholischen Kirche gegeben hatte: 

„Wir werden Uns immerfort dankbar an das erinnern, was zum Nutzen der Religion 
in Italien geschehen ist, selbst wenn die Wohltaten, die daraus der Partei und dem 
Regime erwuchsen, nicht geringer, ja vielleicht noch größer gewesen sind." 

Im weiteren gestand der Papst, er habe den Faschismus in einem Maß 
begünstigt, daß „manche" erstaunt gewesen seien und den Gedanken ge- 
äußert hätten, der Vatikan sei bei dem Kompromiß mit dem faschistischen 
Regime zu weit gegangen. Er schrieb dann: 

„Wir haben nicht nur von formalen und ausführlichen Verurteilungen Abstand ge- 
nommen, sondern sind sogar zu der Überzeugung gelangt, daß Kompromisse möglich 
sind. Wir haben daher Kompromisse begünstigt, die andere als unannehmbar ansahen. 
Es ist nicht Unsere Absicht, die Partei und das Regime zu verurteüen . . . Wir sind be- 
strebt, nur jene Dinge im Programm und in der Tätigkeit der Partei zu verdammen, die 
im Gegensatz zur katholischen Lehre und Praxis stehen." (Pius XI., Enzyklika Non 
Abbiamo Bisogno, 1931) 

Der Papst gab zu, daß die faschistische Eidesformel, weil sie den Lehren 
der Kirche widerspreche, verurteilt werden müsse, beschwichtigte aber zu- 
gleich das Gewissen jedes Katholiken, indem er erklärte, die Gläubigen soll- 
ten, wenn die Kirche auch den Eid verdamme, dem Duce doch Gefolgschaft 
schwören. Sie täten dies am besten so, daß sie den Eid mit der reservatio 
mentalis leisteten, nichts „gegen die Gesetze Gottes und seiner Kirche zu 
tun". Die staatlichen Stellen, die den Eid entgegennähmen, wüßten von 



111 



diesem „geistigen Vorbehalt" nichts. So schworen Hunderttausende Katho- 
liken ohne Bedenken dem Faschismus treue Gefolgschaft, da ihre höchste 
religiöse Autorität, der Papst, ihnen versichert hatte, sie könnten das ohne 
Gewissensbisse tun. 

Deutlicher konnte die Entschlossenheit der katholischen Kirche, das 
faschistische Regime trotz aller Meinungsverschiedenheiten zu stützen, 
kaum zum Ausdruck gebracht werden. Wir werden noch sehen, daß die 
katholische Kirche den deutschen Katholiken ähnliche Ratschläge bezüglich 
der Unterstützung Hitlers erteilte. Trotz aller Meinungsverschiedenheiten 
kamen sich Kirche und Staat allmählich wieder näher und arbeiteten später 
offener denn je zusammen. 

Den ersten Schritt in dieser Richtung unternahm Mussolini, als er im 
Juni 1931 erklärte: 

„Ich wünsche überall in diesem Land die Religion 2U sehen. Man soll die Kinder den 
Katechismus lehren . . . , wie jung sie auch sein mögen . . ." 

Mussolini konnte es sich leisten, so zu reden. Die katholische Kirche war 
nach allem, was sich ereignet hatte, nur zu bereit, mit den Faschisten in 
den Schulen, in den Lagern und in den faschistischen Jugendheimen, in 
denen die Kinder vor jeder Mahlzeit ein Tischgebet aufsagen mußten, zu- 
sammenzuarbeiten. Folgendes Gebet wurde von der Kirche verfaßt und 
verbreitet : 

„Duce, ich danke dir, daß du mir die Möglichkeit gegeben hast, gesund und kräftig 
aufzuwachsen. Lieber Gott, beschütze den Duce, damit er unserem faschistischen Italien 
lange erhalten bleibt." (New York Times, 20. Januar 1958. Siehe auch Towards the New 
ltaly 7 von T. L. Gardini, S. 195.) 

Höchste kirchliche Würdenträger begannen wieder, das Loblied des Duce 
zu singen. Kardinal Gasparri, der päpstliche Legat in Italien, erklärte im 
September 1932: 

„Die faschistische Regierung Italiens bildet die einzige Ausnahme in der politischen 
Anarchie der Regierungen, Parlamente und Schulen der ganzen Welt . . . 

Mussolini hat als erster das Chaos klar vorausgesehen, das gegenwärtig in der Welt 
herrscht. Er bemüht sich jetzt, die schwerfällige Regierungsmaschinerie auf den 
rechten Pfad zu führen, damit sie in Übereinstimmung mit den moralischen Gesetzen 
Gottes arbeitet." 

Schließlich war die Zeit reif zur offiziellen Versöhnung. Ami 1. Februar 1952 
betrat Mussolini feierlich den Petersdom und kniete zum Gebet nieder. 
Von nun an war das Schicksal der Kirche eng mit dem des Faschismus ver- 
bunden. Die im Lateranvertrag vorgesehenen finanziellen Abkommen besie- 
gelten die Allianz. Annähernd die Hälfte der Summe, die der Staat an den 
Vatikan zu zahlen hatte, gewährte er in Regierungsobligationen. Der Papst 
verpflichtete sich, diese Obligationen auf Jahre hinaus nicht zu verkaufen. 



112 



Dadurch hing das finanzielle Wohl des Vatikans weitgehend von der Er- 
haltung des Faschismus ab. 

In den folgenden zwei Jahren, als das italienische Volk, vor allem seine . 
Jugend, dem doppelten Bombardement der religiösen und der faschistischen 
Propaganda ausgesetzt war, arbeiteten Faschisten und Kirche Hand in 
Hand. So hatten die Schulbücher in den Grundschulen zu einem Drittel 
religiösen Inhalt — Katechismus, Gebete usw. — , die anderen zwei Drittel 
bestanden aus Lobreden auf den Faschismus und den Krieg. Priester und 
Faschistenführer arbeiteten eng zusammen. Papst und Duce bedachten ein- 
ander weiter mit Lobreden und wurden „zwei gute Kameraden", die sich 
bemühten, „das Glück des Volkes zu mehren".* 

Aber Mussolini, der alles andere als ein gläubiger Christ war, hatte den 
Petersdom keineswegs mit seiner Anwesenheit beehrt, weil ihm plötzlich 
eine Erleuchtung gekommen war. Er hatte einen Plan, zu dessen Verwirk- 
lichung er die Hilfe der katholischen Kirche brauchte. 1935 begann die erste 
der brutalen Aggressionen, die schließlich zum zweiten Weltkrieg führten : 
Das faschistische Italien überfiel Abessinien. 

Es ist nicht unsere Aufgabe, darüber zu streiten, ob Italien übervölkert 
war oder nicht, ob es sich einen „Platz an der Sonne" erkämpfen mußte 
oder nicht. Uns interessiert hier vor allem, welchen Anteil der Vatikan als 
der engste Verbündete des Faschismus an dieser Aggression hatte. Die Fa- 
schisten versuchten ihre Aggression mit der angeblichen Notwendigkeit einer 
Expansion zu rechtfertigen. Dies war jahrelang ihre Hauptpropagandathese. 
Im Sommer 1935, als sich Mussolinis Absicht, Abessinien anzugreifen, 
immer klarer abzeichnete, wurde diese Kampagne verstärkt. Aber die fa- 
schistische Version zur Bemäntelung des Krieges wurde von der italienischen 
Bevölkerung mit großer Skepsis aufgenommen und fand bei ihr wenig Be- 
geisterung. Da eilte der Papst dem Regime wieder zu Hilfe und mißbrauchte 

* Die Allianz der katholischen Kirche mit dem faschistischen Regime ging so weit, daß 
manche Priester von der faschistischen Partei Geld erhielten, um faschistische Ideen zu 
propagieren. Andere wurden sogar Agenten der faschistischen Geheimpolizei, der OVRA, 
sowohl innerhalb als auch außerhalb des Landes. Hier zwei typische Beispiele : Der Erz- 
bischof von Gorizia - Monsignore Margotti - erhielt von Mussolini monatlich eine 
Summe von 10 000 Lire für die Unterstützung des faschistischen Regimes, Nach dem 
Krieg wurde er von jugoslawischen Partisanen zum Tode verurteilt, aber auf eine alli- 
ierte Intervention hin begnadigt und lediglich aus seiner Diözese verbannt (März 1946). 
Als er einige Monate später zurückkehrte - man hatte ihm großzügig die Erlaubnis er- 
teilt -, wurde er von den italienischen und den jugoslawischen Kommunisten heftig an- 
gegriffen. Er exkommunizierte darauf seine Ankläger und das Redaktionskollegium der 
Zeitung, die ihn angegriffen hatte (Juni 1946). Ehrwürden Pucci, früher römischer 
Korrespondent der Nachrichtenagentur NCWC, war ein Agent der OVRA. Sein Name 
stand auf einer offiziellen Liste von 600 OVRA-Leuten, die im Juli 1946 im amtlichen 
italienischen Bulletin veröffentlicht wurde. 



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113 



von neuem seine Autorität in Glaubensfragen für politische Zwecke. Er 
beruhigte jene italienischen Katholiken, denen Zweifel gekommen waren, 
ob sie die vom Duce geplante Aggression unterstützen könnten, und erklärte 
am 27. August 1935, als die Kampagne der Kriegsvorbereitungen auf 
Hochtouren lief, daß ein Verteidigungskrieg zum Zweck der Expansion 
einer wachsenden Bevölkerung durchaus gerecht und richtig sein könne. 

Diese Äußerung des Papstes war der erste von zahlreichen Schritten, mit 
denen der Vatikan nicht nur vor dem Inland, sondern auch vor dem Ausland, 
vor allem aber vor dem Völkerbund, der in erster Linie berufen war, die 
Aggression zu vereiteln, den faschistischen Überfall zu rechtfertigen suchte. 
Am 5. September 1935, an dem Tag, an dem der Völkerbund das Abes- 
sinienproblem zu behandeln begann, fand in Teramo ein nationaler Eucha- 
ristischer Kongreß statt, an dem der päpstliche Legat, 19 Erzbischöfe, 57 
Bischöfe und Hunderte anderer Würdenträger der katholischen Kirche 
Italiens teilnahmen. 

Man kann darüber streiten, ob dieses Zusammentreffen reiner Zufall 
war. Gewiß aber war es kein Zufall, daß die in Teramo versammelten Säu- 
len der katholischen Kirche Italiens gerade zu der Zeit eine Botschaft an 
Mussolini richteten, als er von der gesamten Weltöffentlichkeit scharf ange- 
griffen wurde. In der Botschaft hieß es : „Das katholische Italien betet für 
die wachsende Größe seines geliebten Vaterlandes und schart sich geschlos- 
sener denn je um Ihre Regierung." 

Nicht genug damit, warf der Papst selbst zwei Tage später, als die Abes- 
siniend ebatte im Völkerbund ihren Höhepunkt erreichte, das Gewicht sei- 
ner Autorität zugunsten des Faschismus in die Waagschale. Er tat dies auf 
Grund zweier Überlegungen: Einmal wollte er dem Faschismus helfen, 
unter den unwilligen Italienern nationalistische Begeisterung für den 
bevorstehenden Krieg zu wecken, zum anderen wollte er die Verhandlungen 
im Völkerbund beeinflussen, indem er den zahlreichen katholischen Dele- 
gierten der vielen katholischen Länder den Hinweis gab, nicht gegen das 
faschistische Italien zu stimmen. Denn, so erklärte der Papst, obgleich er 
für den Frieden bete, wünsche er doch, daß „die Hoffnungen und Rechte . . . 
des italienischen Volkes befriedigt und in Gerechtigkeit und Frieden an- 
erkannt . . . werden". 

Am nächsten Tag, als die päpstlichen Worte noch in den Ohren der katho- 
lischen Gläubigen und der katholischen Nationen nachklangen, erklärte der 
Duce vor aller Welt, daß das faschistische Italien den Frieden wünsche, aber 
nur für einen Frieden sein könne, der auf Gerechtigkeit beruhe. Von da an 
verstärkte die faschistische Propaganda, sekundiert von der katholischen 
Kirche, ihre Paukenschläge zu einem Fortissimo. Am 3. Oktober 1935 über- 
schritten italienische Truppen die abessinische Grenze. 



114 



Ein Schrei der Entrüstung war die Antwort aus allen Teilen der Welt 
auf diese Schandtat der Faschisten, nur der Papst rührte sich nicht. Ein 
katholischer Schriftstell er schrieb später darüber: „Die ganze Welt verdammte 
Mussolini, nur der Papst nicht." (Teeling, The Pope in Politics, S. 129) 

Das italienische Volk nahm die Nachricht des Überfalls trotz der Propa- 
ganda wenig begeistert auf. Die Faschisten versuchten ihm einzureden, daß 
die Welt nicht wegen des Überfalls gegen Italien sei; man wolle vielmehr 
Italien in wirtschaftlicher Sklaverei halten. Unter dem fortwährenden Druck 
dieser Propaganda und der katholischen Kirche begann die italienische Be- 
völkerung das faschistische Abenteuer Schritt für Schritt zu unterstützen. 

Die faschistischen Führer schwangen auf Straßen und Plätzen laute 
Reden, und die Bischöfe und Priester predigten mit dem gleichen Ziel in 
den Kirchen. Sie forderten vom Volk, den Duce zu unterstützen. Als Musso- 
lini an die italienischen Frauen appellierte, ihre Gold- und Silberringe dem 
Staat zu spenden, riefen die Priester die Frauen auf, soviel wie nur irgend 
möglich zu opfern. Viele Bischöfe und Geistliche gingen sogar den Frauen 
voran und stellten den Faschisten den Juwelen- und Goldschatz der Kirche 
zur Verfügung. Sie boten sogar Kirchenglocken an. 

So erklärte der Bischof von San Miniato eines Tages, die Geistlichkeit sei 
„bereit, das Gold und die Glocken der Kirche für den Sieg des faschistischen 
Italiens einzuschmelzen". Der Bischof von Siena grüßte und segnete „Ita- 
lien, unseren großen Duce, unsere Soldaten, die für den Sieg der Wahrheit 
und der Gerechtigkeit kämpfen". 

Der Bischof von Nocera ließ einen Hirtenbrief in allen Kirchen seiner 
Diözese verlesen, in dem es hieß: „Als italienischer Bürger halte ich diesen 
Krieg für gerecht und heilig," Der Bischof von Civitä Castellana dankte in 
Anwesenheit Mussolinis dem Allmächtigen, daß er „es mir vergönnt, diesen 
historischen und ruhmreichen Tag zu erleben, der unsere Einheit und un- 
seren Glauben besiegelt". 

Der Kardinal erzbischof von Mailand, Schuster, versuchte, dem Krieg 
gegen Abessinien den Charakter eines Kreuzzuges zu verleihen, und sagte: 
„Die italienische Flagge bringt in diesem Augenblick im Triumph das Kreuz 
des Christentums nach Äthiopien, um den Weg für die Befreiung der Skla- 
ven frei zu machen und das Land unserer Missionspropaganda zu öffnen." 
(Siehe T. L. Gardini, Towards the New ltaly> S. 183) 

Der Erzbischof von Neapel mißbrauchte sogar das Bild der Madonna, das 
in einer großen Prozession von Pompeji nach Neapel getragen wurde, für 
die Kriegspropaganda. Veteranen, Kriegerwitwen, Kriegswaisen und Fa- 
schisten zogen hinter dem Madonnenbild her. Gleichzeitig warfen faschi- 
stische Militärflugzeuge Flugblätter ab, in denen die Jungfrau, der Faschis- 
mus und der abessinische Krieg in einem Atemzug verherrlicht wurden. 



115 



Zum Abschluß der Prozession erteilte der Kardinalerzbischof, auf einem 
Panzer stehend, der erregten Menge feierlich den Segen. 

Solche Dinge geschahen überall in Italien. Professor Salvemini von der 
Harvarduniversität hat festgestellt, daß wenigstens 7 italienische Kardinäle, 
29 Erzbischöfe und 61 Bischöfe die Aggression sofort unterstützten. Und 
das alles im Zeichen des Konkordats von 1929, das den Bischöfen und Prie- 
stern jede politische Betätigung streng untersagte. 

Der Vatikan machte bei der Unterstützung der faschistischen Aggression 
keineswegs an den Grenzen Italiens halt. Die Hilfeleistung wurde auch im 
Ausland organisiert. Die katholische Presse in aller Welt, selbst in Ländern 
wie Großbritannien und den Vereinigten Staaten, erging sich in Lobreden 
über das faschistische Italien. So schrieb der Catholic Herald: 

„Die Sache der Zivilisation verlangt gegenwärtig die Stabilität des faschistischen 
Regimes in Italien . . . Das faschistische Regime hat viel für Italien getan . . . Trotz 
seines Antiklerikalismus . . . hat es die katholische Religion begünstigt." 

Das Haupt der katholischen Kirche in England äußerte : 

„Um es klar zu sagen : Die bestehende faschistische Herrschaft, obwohl in mancherlei 
Hinsicht ungerecht, . . . verhinderte schlimmeres Unrecht, und wenn der Faschismus, 
den ich grundsätzlich nicht gutheiße, dort untergehen sollte, könnte nichts das Land 
vor dem Chaos bewahren. Gottes Sache würde mit ihm untergehen." (Catholic Times, 
18. Oktober 1955) 

Zur Krönung des Ganzen erklärte der Papst am 12. Mai 1936, als die 
Abessini er unterworfen waren, daß er teilhabe an der „triumphierenden 
Freude des ganzen großen und guten Volkes über den Frieden, der, wie man 
hoffen und annehmen darf, ein wirksamer Beitrag, ein Vorspiel für den 
wahren Frieden Europas und der Welt sein wird". 

Den faschistischen Armeen in Abessinien folgten die Priester. Missio- 
nare, Nonnen und katholische Organisationen begannen, die religiösen Vor- 
stellungen der Abessinier auszurotten und sie durch den Katholizismus zu 
ersetzen. Denn die italienische Flagge hatte, wie sich der Kardinalerzbischof 
von Mailand vor der Öffentlichkeit ausdrückte, „den Weg . . . für unsere 
Missionspropaganda frei gemacht". Der Erzbisch of von Tarent äußerte, 
als er auf einem Unterseeboot eine Messe zelebrierte: „Der Krieg gegen 
Äthiopien sollte als heiliger Krieg angesehen werden, als ein Kreuzzug"; 
ein italienischer Sieg werde „Äthiopien, das Land der Ungläubigen und 
Schismatiker, dem katholischen Glauben öffnen". 

Der faschistische Überfall auf Abessinien versetzte dem Völkerbund den 
ersten der schweren Schläge, die schließlich zu seinem Tode führten und den 
Frieden der Welt zerstörten. Es war der Beginn des großen Abenteuers, das 
der Faschismus - Italiens, Deutschlands und anderer Nationen - unternahm, 
um in engem Bündnis mit dem Vatikan die Weltherrschaft zu erringen. 



116 



Wenige Monate nach der ersten faschistischen Aggression flackerte ein 
zweiter Brandherd auf, diesmal in Europa. Am 16. Juli 1936 brach auf der 
Iberischen Halbinsel der spanische Bürgerkrieg aus. 

Die Rolle Mussolinis bei der Vorbereitung und Durchführung des Franco - 
putsches haben wir bereits untersucht. Der Vatikan mobilisierte die spa- 
nische Hierarchie, um Franco unmittelbar zu helfen, und die italienische, 
um Mussolinis Hilfe für Franco zu verstärken. Wir können uns hier darauf 
beschränken, an einigen Beispielen zu zeigen, mit welcher Begeisterung 
die katholische Kirche zu dieser Zeit Mussolini huldigte. 

Anfang Januar 1938 baten 60 Erzbischöfe und Bischöfe und 2000 Priester 
nach einer Feierlichkeit auf dem Lande, von Mussolini empfangen zu werden. 
Sie marschierten mit Kirchenfahnen an der Spitze des Zuges zum Grab des 
Unbekannten Soldaten und zum Ehrenmal der „in der faschistischen Re- 
volution gefallenen Helden". Als sie schließlich vor dem Duce standen, 
brachen sie in lauten Beifall aus. Der Erzbischof von Undino verlas eine 
Botschaft, in der es unter anderem hieß: „. . . Duce, möge Gott Sie be- 
schützen! Wir alle richten unser Gebet an Ihn, damit Er Ihnen hilft, alle 
Schlachten zu gewinnen, die Sie so weise und energisch für den Wohlstand, 
die Größe und den Ruhm des christlichen Roms, . . . des Zentrums der 
Christenheit, der Hauptstadt des römischen Imperiums, führen." 

Anschließend verlas ein Geistlicher eine Erklärung, die zuvor von der 
Versammlung gebilligt worden war. Sie brachte wiederholt den Willen der 
Erzbischöfe, Bischöfe und Priester zum Ausdruck, mit dem faschistischen 
Regime zusammenzuarbeiten, und versprach Unterstützung „sowohl bei der 
Weizenkampagne als auch bei der Eroberung des Imperiums . . damit 
Italien geistig, wirtschaftlich und militärisch darauf vorbereitet ist, seinen 
Frieden gegen alle Feinde seiner imperialen Macht zu verteidigen". Die 
Erklärung endete: „Möge der Segen des Himmels über Sie kommen. Die 
Geistlichkeit Italiens erfleht für Ihre Person, für Ihr Werk als Gründer des 
Imperiums und des faschistischen Regimes den Segen des Herrn. Duce, die 
Priester Christi erweisen Ihnen ihre Ehrerbietung und schwören Ihnen 
Treue." 

Die Geistlichen riefen im Sprechchor: „Duce, Duce, Duce." Als Musso- 
lini schließlich das Wort ergreifen konnte, erklärte er, die Zusammenarbeit 
zwischen der katholischen Kirche und dem Staat habe für beide Seiten 
Früchte getragen. Er sprach „mit dem Gefühl tiefster Dankbarkeit" von 
der „wirksamen Mitarbeit des Klerus im abessinischen Krieg, . . . wobei ich 
vor allem an die Beispiele von Patriotismus denke, die viele italienische 
Bischöfe zeigten, als sie ihr Gold den örtlichen Stellen der faschistischen 
Partei überbrachten, und an die Priester, die den Widerstandswillen und die 
Kampfbereitschaft des italienischen Volkes stärkten". Die Erzbischöfe und 



117 



Bischöfe brachen von neuem in begeisterten Beifall aus und riefen abermals 
im Sprechchor: „Duce, Duce, Duce." (Corriere della Sera vom 10. Januar 
1938) 

Zu der Zeit, als der spanische Bürgerkrieg in sein kritisches Stadium ge- 
treten war, schickte der italienische Klerus Gebete gen Himmel, die Musso- 
lini helfen sollten, die von ihm „so weise und energisch unternommenen 
Schlachten" zu gewinnen. Zur gleichen Zeit ermordeten faschistische Agen- 
ten systematisch italienische Bürger, die bereit waren, als Freiwillige die 
spanische Republik zu verteidigen (zum Beispiel Fratelli Rosselli), und ar- 
beiteten mit illegalen französischen Faschisten (Les Cagoulards) zusammen, 
um den Nachschub für die Republik zu sabotieren. In einem Gerichtsverfah- 
ren gegen führende italienische Faschisten, das im Januar 1945 in Rom 
stattfand, wurde festgestellt, daß sich die faschistische Regierung damit 
beschäftigt hatte, durch Einschleppung von Bakterienkulturen Krankheiten 
und Seuchen unter den republikanischen Truppen zu verbreiten. 

„Graf Ciano, Mussolinis Schwiegersohn, war der Hauptanstifter einer ganzen Serie 
von Morden, Schiffsuntergängen und Zugunglücken. Er organisierte eine Verschwö- 
rung, die Krankheitsbazillen während des spanischen Bürgerkrieges . . . unter den 
Regierungsanhängern verbreiten sollte. 

Emanuele erwähnte, daß in Marseille ein Individuum, inzwischen als Capitano 
Betrognami der italienischen Geheimpolizei entlarvt, Bakterienkulturen erwarb; sie 
sollten in Verpflegungstransporte nach Barcelona eingeschmuggelt werden." {Daily 
Telegraph vom 1. Februar 1945) 

Von 1936 bis zum Ende des spanischen Bürgerkrieges herrschten zwi- 
schen Kirche und Staat harmonische Beziehungen. Gelegentliche Differen- 
zen hatten keine tiefen Wurzeln und dienten lediglich zur Verschleierung 
dieses Teufelsbundes. So protestierte der Papst zum Beispiel gegen einige 
antisemitische Gesetze, weil sie auch die Heirat mit christlichen Juden 
verboten, stellte aber im gleichen Atemzug ausdrücklich fest: 

„Wir erklären offen, daß nach Gott Unsere Würdigung und Unser Dank vor allem 
jenen hochgestellten Persönlichkeiten gilt; Wir meinen den sehr ehrenwerten Souverän 
und seine unvergleichlichen Minister . . . nichts liegt Uns ferner als der Gedanke, einen 
Streit zu beginnen." (Papst Pius XI. in seiner Weihnachtsbotschaft 1938) 

Wenige Monate später starb Pius XI. Kardinal Pacelli wurde am 
12. März 1939 zum neuen Papst gewählt und nahm den Namen Pius XII. an. 

Der Thronwechsel des höchsten geistlichen Würdenträgers der katho- 
lischen Kirche änderte nichts an der Einstellung des Vatikans zum Faschis- 
mus. Warum auch? Der neue Papst hatte ja bereits zehn Jahre lang die 
Außenpolitik des Vatikans geleitet und war vor allem, wie wir noch «ehen 
werden, an der Machtergreifung Hitlers maßgeblich beteiligt. Er unter- 
schied sich von seinem Vorgänger lediglich darin, daß er ein geschickterer 
Diplomat war. 



118 



Als der neue Papst sein Amt antrat, erließ Mussolini ein Dekret über 
die Ausweisung von mehr als 69 000 Juden aus Italien. Pius XII. schwieg 
dazu. Einige Wochen später überfiel das faschistische Italien Albanien. Der 
Papst protestierte, aber nicht etwa, weil die Faschisten heimtückisch in ein 
Land eingebrochen waren, sondern weil sie die Aggression an einem Kar- 
freitag begonnen hatten. 

Ende April 1939 empfing der Papst eine Botschaft, die so geheim war, 
daß er sie - nach Angaben seines Biographen Rankin — nur seinem Staats- 
sekretär zu lesen gab. Darauf begann im Vatikan eine „fieberhafte Aktivi- 
tät". Eine diplomatische Unterredung, vor allem mit den Vertretern Polens, 
Frankreichs und Deutschlands, jagte die andere. Wenige Wochen zuvor 
hatte Hitler seinen tödlichen Schlag gegen die Tschechoslowakei geführt. 
Der Sturm des Krieges näherte sich mit rasender Geschwindigkeit. Am 
1. September 1959 überfiel Hitlerdeutschland Polen, zwei Tage später 
erklärten Frankreich und Großbritannien Deutschland den Krieg. 

Der Papst machte einige Friedensangebote, aber ohne Erfolg. Als Polen 
zerschlagen war, legte sich eine unheilschwangere Stille über Europa. 
Pius XII. hofierte weiterhin das faschistische Regime in Italien. Zum 
Abschluß des schicksalsschweren Jahres überraschte er die Welt durch eine 
einmalige Geste: Er empfing den König und die Königin feierlich im Vati- 
kan und erschien kurz darauf im Quirinal zum Gegenbesuch. Der Papst 
wünschte aus verschiedenen Gründen, das faschistische Italien aus dem 
Krieg herauszuhalten: Er wollte nicht, daß sich die Feindseligkeiten aus- 
dehnten und sich die Situation hinsichtlich der Westmächte komplizierte, 
solange eine Friedenschance bestand; weiter lag ihm daran, daß Italien erst 
dann in den Krieg eingriff, wenn er sich gegen die Sowjetunion richtete; 
schließlich hätte sich ja die katholische Kirche auch in einer wenig benei- 
denswerten Lage befunden, wenn der Faschismus in Italien infolge einer 
militärischen Niederlage oder durch eine Revolution im Innern zusammen- 
gebrochen wäre. 

Unmittelbar nach dem Angriff Deutschlands auf Polen brachte der Vati- 
kan der italienischen Regierung sein Wohlwollen zum Ausdruck, daß Ita- 
lien neutral geblieben war. Graf Ciano erzählte Frater Tacchi Venturi - 
einem jesuitischen Mittelsmann zwischen Mussolini und dem Vatikan — , daß 
es Italiens Absicht sei, sich aus dem Kriege herauszuhalten; am 29. Fe- 
bruar 1940 erklärte er dem päpstlichen Nuntius in Italien: „Ich habe den Ein- 
druck, daß eine große Off ensive bevorsteht . . . Deutschland wird große Anstren- 
gungen unternehmen, uns in den Krieg hineinzuziehen." (Das Friedenswerk 
des Heiligen Stuhls in Italien^ herausgegeben vom Vatikan im Juni 1945) 

Am 24. April 1940 richtete der Papst ein Handschreiben an Mussolini, 
in dem er ihn bat, dafür zu sorgen, daß Italien nicht in den Krieg 



119 



hineingezogen würde. Unterdessen bereitete Hitler den Angriff auf den 
Westen vor und schickte Ribbentrop nach Rom, um den Vatikan über den 
Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion zu beschwichtigen Als Hitler die 
Niederlande und Belgien okkupierte, protestierte der Papst in milder Form. 
Er schrieb an den belgischen König und an die niederländische Königin, daß 
er die willkürliche Besetzung ihrer Länder mißbillige. 

Hitler forderte daraufhin Mussolini auf, den Papst zum Schweigen zu 
bringen. Der Duce kam diesem Verlangen durch Androhung von Repres- 
salien und unter Berufung auf den Artikel 24 des Lateranvertrages nach. 
Der Osservatore Romano, das offizielle Organ des Vatikans, hörte in der 
Tat auf, politische Artikel zu veröffentlichen. 

Die erste Mitteilung über den Entschluß der italienischen Regierung, 
in den Krieg einzugreifen, gab der faschistische Unterstaatssekretär am 
22. Mai 1940 dem Erzbischof Borgongini- Duca. Sie wurde am 28. Mai von 
Graf Ciano wiederholt. Einige Wochen später, am 10. Juni 1940, als Frank 
reich bereits am Boden lag, ließ Mussolini seine Truppen in Süd- 
frankreich einrücken und zog auf diese Weise Italien in den Krieg. Wieder 
schlug sich die katholische Kirche unverhüllt auf die Seite des Faschismus. 
Neun Tage nach der Kriegserklärung äußerte der Papst auf einem 
Empfang einiger Hundert neuverheirateter Paare, es sei „ihr Pflicht, für 
das Land zu beten, das, durch den Schweiß und das Blut der Vorfahren 
fruchtbar geworden, nunmehr erwartet, daß seine Söhne ihm treulich 
dienen". 

Am 4. September 1940 wandte sich der Papst an 5000 Mitglieder der 
Katholischen Aktion und ermahnte sie, bereit zu sein, ihr Leben für das 
Vaterland zu opfern. 

Als Mussolini Griechenland überfiel, hüllte sich der Papst in Schweigen 
und enthielt sich jeder Verurteilung dieser neuen Aggression. Zwei Tage 
später jedoch, am 30. Oktober, gewährte er 200 italienischen Armee- 
offizieren in Uniform, „den Repräsentanten der italienischen Armee**, eine 
Audienz und erklärte, es sei ihm eine besondere Ehre, Männer zu segnen, 
„die ihrem geliebten Vaterland in Treue und mit Liebe dienen** Am 
4. Februar 1941 empfing er 50 deutsche Fliegeroffiziere und 200 italienische 
Soldaten, alle in Uniform, und stellte fest, daß er „glücklich ist, sie zu 
begrüßen und zu segnen**. 

Im Mai 1Ö41 empfing Pius XII. den Herzog von Spoleto am Vorabend 
seiner Ausrufung zum König von Kroatien. Einen Tag nach der Zeremonie 
erschien eine kroatische Delegation beim Papst, angeführt von dem faschisti- 
schen Diktator Kroatiens, Ante Pavelic", von eben jenem Paveli6, der in 
Frankreich wegen seiner Teilnahme an der Ermordung des Königs von 
Jugoslawien (1934) zum Tode verurteilt worden war. 



120 



Am 13. August 1941 empfing Pius XII. 3 000 italienische Gläubige und 
600 italienische Soldaten. Vor ihnen erklärte er: „Wie viele Heldentaten 
legen heute auf den Schlachtfeldern, in der Luft und auf den Meeren von 
jener Seelenstärke ein glänzendes Zeugnis ab, welche die Todesgefahren mutig 
auf sich nimmt . . . Gerade in den Sturmgewittern des Krieges kommen 
Stunden und Augenblicke lichtvoller Bewährung, in denen sich häufig un- 
vermutete Großtaten von solch heldenhaften Seelen offenbaren, die alles, 
selbst das Leben, opfern für die Erfüllung der vom christlichen Gewissen 
vorgeschriebenen Pflichten." (Zitiert nach dem Kirchlichen Amtsblatt für 
die Diözese Münster, Jahrgang LXX V, Nr. 1 6) 

Trotz allem mußte sich der Papst bei der Ermunterung der faschistischen 
Soldaten Zurückhaltung auferlegen. Er wußte, daß Millionen Katholiken 
in den Ländern der Alliierten seine Worte und Taten wachsam verfolgten. 
Aber was der Papst selbst nicht sagen konnte, das sagte die Kirche. Sie war 
eins mit dem Faschismus, jedes neue Abenteuer der Faschisten fand ihre 
volle Unterstützung. Gemeindepfarrer, Bischöfe, Erzbischöfe, ja selbst 
Kardinäle bezeichneten es als höchsten Ruhm, für das faschistische Italien 
zu kämpfen und zu sterben, und forderten alle Bürger auf, der Regierung 
zu folgen. In ganz Italien suchten die Bischöfe, allen voran der Kardinal 
von Mailand, die zum Abtransport bereitstehenden Soldaten in den Kaser- 
nen auf und segneten Maschinengewehre, Kampfflugzeuge und Untersee- 
boote. Der Kardinal überreichte den Gläubigen geweihte Medaillons und 
verteilte an sie heilige Bilder, die die faschistischen Legionen, geführt von 
Engeln, auf dem siegreichen Vormarsch zeigten. Auf anderen Bildern war 
der Erzengel Gabriel als Drachen töter zu sehen, wobei der Engel die 
faschistische Macht und der Drache ihre Feinde darstellen sollte. Die katho- 
lische Kirche machte aus ihrer Unterstützung des faschistischen Italiens 
kein Hehl. Ihre Begeisterung für die Faschisten nahm solche Ausmaße an, 
daß selbst der Vatikan die italienische Hierarchie einige Male mahnen 
mußte, sich etwas mehr zurückzuhalten. 

Der Papst empfing weiter italienische und deutsche Soldaten und erteilte 
ihnen seinen Segen. Aber vom Frühjahr 1942 an wurden die Audienzen 
eingeschränkt und schließlich eingestellt. Seit den Tagen des Jahres 1940 
hatte sich in der Welt einiges geändert. 

Die Sowjetunion, deren Vernichtung Hitler für Ende 1941 versprochen 
hatte, war weit davon entfernt, zusammenzubrechen - im Gegenteil, sie 
begann zurückzuschlagen. Die Schlacht von Stalingrad zeigte der Welt und 
auch dem Vatikan, daß die Deutschen in die Defensive gedrängt wurden. 
Ein Sieg der Nazis, 1941 für viele noch so gut wie sicher, wurde immer 
zweifelhafter. Die Schwächung des deutschen militärischen Potentials, die 
Niederlage in Afrika mit der fast vollständigen Vernichtung der dort 



121 



operierenden faschistischen Armeen und schließlich die Landung der Alliier- 
ten in Italien zeigten, daß sich die Situation grundlegend gewandelt hatte. 
Der Vatikan stellte sich angesichts des bevorstehenden Zusammenbruchs des 
Faschismus darauf ein, der „Gefahr des Bolschewismus" in Italien zu begeg- 
nen. Schon mehrere Monate vor der Landung der Alliierten in Italien war 
das Land von einer zunehmenden Unruhe erfaßt. An verschiedenen Orten 
kam es zu Streiks. Im industriellen Norden wurde bereits wieder kommuni- 
stische Propaganda getrieben, und diese Gefahr zwang den Vatikan, rasch 
zu handeln. 

Im Vatikan war ein Plan entwickelt worden, wie man der heranreifenden 
Situation am besten Herr werden könnte. Zuvor hatte man sich mit Groß- 
britannien und den USA und im eigenen Lande mit gewissen faschistischen 
Elementen und bestimmten, unter der Führung des Königs stehenden 
militärischen Kreisen beraten. Der Plan bestand darin, Mussolini zu stürzen, 
um zu verhindern, daß er durch die revolutionären Kräfte des Volkes hin- 
weggefegt würde. Sein Sturz war ohnehin infolge der inneren Verhältnisse 
und der Unfähigkeit des Regimes, den italienischen Boden zu verteidigen, 
unvermeidlich geworden. Außerdem war die Beseitigung des Mussolini- 
regimes eines der Kriegsziele der Alliierten. 

Der Vatikan fürchtete ebenso wie die westlichen Alliierten, daß die revo- 
lutionären Kräfte in Italien die Oberhand gewinnen könnten. Er verein- 
barte daher mit den Alliierten, nach dem Sturz Mussolinis die Struktur des 
faschistischen Regimes im großen und ganzen beizubehalten. Nur auf diese 
Weise glaubte man verhindern zu können, daß die Gegner des Faschismus 
Herr der Lage wurden. Dieser Plan wurde im Frühjahr 1943 ausgearbeitet. 
Seine wichtigsten Initiatoren waren: Der Erzbischof von New York, 
Spellman, der die Verbindung zwischen dem Papst, Präsident Roosevelt und 
den italienischen Putschisten hielt, der frühere Botschafter des faschistischen 
Italiens in London, Graf Grandi, und der faschistische Minister Federzoni. 

Erzbischof Spellman befaßte sich bei seinem Aufenthalt in Rom im Früh- 
jahr 1943 vor allem damit, Verbindung mit Graf Grandi und Minister 
Federzoni sowie mit dem König (am 22. und 23. Februar) aufzunehmen 
und sowohl dem Papst als auch Präsident Roosevelt mit minutiöser Genauig- 
keit über den Fortschritt der Beratungen zu berichten. Als die vorgesehenen 
Pläne ausgearbeitet waren, reiste Spellman durch viele europäische und 
außereuropäische Länder und verbrachte seine Zeit damit, die Bomben- 
flugzeuge zu segnen, die ihre tödliche Last auf die deutschen Städte abwarfen 
(zum Beispiel am 6. April 1943), und die Leute aufzusuchen, die in der 
neuen Politik des Vatikans, der USA und Großbritanniens eine Rolle spielen 
sollten. So besuchte er unter anderem den amerikanischen Botschafter in 
Istanbul und zwei Vertreter des Papstes, Monsignore Pappalardo von der 



122 



Kongregation der orientalischen Kirchen und Monsignore Ciamio vom 
Staatssekretariat des Vatikans, die sich „zufällig** dort aufhielten. 

Zu derselben Zeit unternahm der Vatikan die ersten vorsichtigen 
Schritte in Italien selbst. Als bei einigen Streiks, die unter Führung von 
Sozialisten und Kommunisten in Norditalien stattfanden, der Sturz des 
Regimes, die Abschaffung der Monarchie und die soziale Revolution ge- 
fordert wurden, ermahnte die hohe Geistlichkeit alle Italiener, der Monarchie 
die Treue zu halten. Am 50. März 1943 erklärte der Erzbischof von Mai- 
land, alle Italiener sollten sich „stets daran erinnern, daß die Monarchie des 
Hauses Savoyen die Gewähr der nationalen Einheit** sei. 

Allmählich drang einiges über die Geheimverhandlungen an die Öffent- 
lichkeit. Einen ersten Hinweis gab der französische Journalist Pertinax, 
der sehr enge Beziehungen zur vatikanischen Delegation in Washington 
unterhielt. Pertinax behauptete, daß „der Vatikan den zu erwartenden 
sozialen Unruhen, die auf der Halbinsel infolge der militärischen Nieder- 
lage zur See und der pausenlosen Luftangriffe wahrscheinlich seien, mit 
Sorge*' entgegensehe. 

Einige Tage später, am 18. Mai 1945, berichteten aus Bern die New York 
Times y deren Meldungen über solche Angelegenheiten wegen ihrer freund- 
schaftlichen Beziehungen zum New- Yorker erzbischöflichen Stuhl als 
offiziös anzusehen waren: 

„Der Vatikan hat der britischen und der amerikanischen Regierung mitgeteilt, daß 
ein Zusammenbruch Italiens fürchterliche Folgen haben müsse, falls Italien nicht sofort 
neutralisiert oder auf dem schnellsten Weg von alliierten Truppen besetzt werde.** 

Die Times erschienen mit den Schlagzeilen: „Mussolini appelliert an den 
Papst", „Italiens Führer sollen den Vatikan gebeten haben, seine guten 
Beziehungen zu den Alliierten zu benutzen" und „Vatikan teilt mit, er habe 
London und Washington vor den Gefahren eines Zusammenbruchs ge- 
warnt". 

Der Korrespondent der Times, Mr. Brigham, behauptete am 1 9. Mai 1 943, 
er habe aus einer „gut unterrichteten Quelle des Vatikans" erfahren, daß 
eine Sonderbotschaft des Papstes an Erzbischof Francis J. Spellman, der 
gegenwärtig durch den Mittleren Osten reise, einen „Plan" enthalte. Der 
Plan sei „gestern, am 17. Mai, auf dem Luftweg von Monsignore CJarizio, 
einem Vertreter des Vatikans, nach Istanbul gebracht worden. Clarizio war- 
tet dort auf eine Antwort." Der Plan ziele darauf ab, eine „Mitwirkung 
Italiens bei der Zerschlagung des faschistischen Regimes zu ermöglichen 
und sofort einen Waffenstillstand zu schließen". Er sehe ferner vor, daß 
„die Beamten in den Präfekturen um der Aufrechterhaltung der zivilen 
Verwaltung willen nicht als aktive Helfer der Partei angesehen und den 
Befehlen einer in Rom stationierten alliierten Kommission unterstellt 



123 



werden sollten. Mit der Verwirklichung eines auf zehn Jahre berechneten 
Programms der politischen Umgestaltung des Landes solle sofort begonnen 
werden, um die zivile Verwaltung schrittweise in die Hände der Bevölkerung 
zurückzulegen. Die faschistische Partei solle sofort verboten und aufgelöst 
werden." Wie Mr. Brigham weiter erklärte, sah dieser erste Plan nicht vor, 
die faschistischen Führer zu verhaften und abzuurteilen oder sie an die 
Alliierten auszuliefern. 

Der Vatikan kämpfte an zwei Fronten: Er wollte einer Volksrevolution 
gegen das Regime zuvorkommen und zugleich die soziale Revolution ver- 
hindern. 

Die Lage spitzte sich zu. Der Papst setzte am 13. Juni 1943 sogar seine 
eigene Autorität ein und riet den italienischen Arbeitern auf einer Ver- 
sammlung, jede soziale Umwälzung zu vermeiden. 

In der Nacht vom 25. zum 26. Juli 1943 wurden diese Bestrebungen für 
die ganze Welt sichtbar. In dieser Nacht kam es unter Führung Grandis im 
Faschistischen Großen Rat zu einer Revolte gegen Mussolini. Eine von 
Grandi eingebrachte Entschließung, dem König die oberste Gewalt über 
alle Streitkräfte zu übergeben, wurde von 17 Mitgliedern des Rates unter- 
stützt, nur acht stimmten dagegen. Mussolini begab sich sofort zum König. 
Dieser teilte ihm kurz und bündig mit, daß er nicht mehr Ministerpräsident 
sei. Bald darauf wurde Mussolini verhaftet. 

Marschall Badoglio, der die Regierung übernahm, erklärte zwar, daß der 
Krieg fortgesetzt werde, nahm aber sofort Verhandlungen über die militä- 
rische Kapitulation Italiens auf, in der Absicht, das alte Regime, wenn auch 
in neuem Gewände, zu erhalten. In der Regierung wurden einige Personen 
ausgewechselt, aber die Faschisten blieben in ihren Stellen. Die revolutionäre 
Bewegung wurde von der neuen Regierung sofort wieder in die Illegalität 
gedrängt. Zwei Tage lang durften kommunistische Zeitungen erscheinen, 
dann wurden sie von neuem verboten. Badoglio rief alle Italiener auf, „dem 
König und allen anderen bewährten Institutionen Treue zu bewahren". Die 
Kirche, voran die Bischöfe, erhob ihre Stimme gegen die revolutionären 
Kräfte und untersagte den Gläubigen jede Opposition gegen die Regierung. 

Der Papst und sein Staatssekretär führten laufend Besprechungen mit 
dem portugiesischen, dem spanischen, dem deutschen und dem britischen 
Botschafter. Als die Luftangriffe der Alliierten auf Italien an Heftigkeit zu- 
nahmen, wurde der Papst ungeduldig; er fürchtete, das italienische Volk 
könne „eine Beute des Bolschewismus werden". Er drängte Großbritannien 
und die USA, annehmbare Bedingungen zu stellen, denn in Italien „wächst 
die Gefahr des Kommunismus ständig an, statt abzunehmen. Die Verlän- 
gerung des Krieges", fuhr er fort, „bringt die Gefahr mit sich, daß die junge 
Generation in die Arme des Kommunismus getrieben wird — Moskau 



124 



wartet nur auf den Augenblick, daß Italien sich einem europäischen Staaten- 
bund unter kommunistischer Oberherrschaft anschließt." 

Während der Papst Präsident Roosevelt mit dem Schlagwort „Bomben- 
angriffe brüten Bolschewismus aus" zu schrecken versuchte, begann Badoglio, 
von der katholischen Hierarchie und dem Vatikan begeistert unterstützt, 
von neuem alle sozialistischen Elemente zu verfolgen. (Näheres über die 
Ereignisse dieser Zeit in Italien und über den Anteil des Vatikans daran 
findet der Leser in Towards the New Italy von T. L. Gardini.) 

Am 3. September 1943 kapitulierte Italien bedingungslos. Mussolini war 
von der politischen Bühne verschwunden, einige besonders auffallende Er- 
scheinungen des faschistischen Regimes wurden geopfert. Die westlichen 
Demokratien waren zufrieden, daß der Diktator nicht länger regierte. Aber 
das Fundament und die Struktur des autoritären Regimes, mit einem König 
und einem General an der Spitze, blieben erhalten. 

Die Macht des Königs und des Marschalls und der britische und ameri- 
kanische Einfluß verhinderten, daß es in Italien zu einer sozialistischen 
Revolution kam. Der erste große Gegenzug des Vatikans und seiner welt- 
lichen Verbündeten hatte Erfolg gehabt. 

Bald nach diesen Ereignissen wurde Italien von Nazideutschland in ein 
Kampf feld verwandelt. Die alliierten Armeen mußten sich mühevoll ihren 
Weg nach Norden bahnen; das hatte unerhörte Zerstörungen und soziales, 
wirtschaftliches und politisches Chaos zur Folge. 

Während die Armeen kämpften, verloren der Vatikan und die West- 
mächte keine Zeit, in den befreiten Gebieten der Halbinsel auch den zweiten 
Teil ihres Planes zu verwirklichen. Es galt, die revolutionären Kräfte zu 
hindern, die Macht zu ergreifen. 

Die Alliierten setzten diese Politik mit Hilfe eines militärischen Ver- 
waltungsapparates durch, den sie in den befreiten Gebieten aufbauten. Diese 
Militäradministration verbot politische Versammlungen, verweigerte die Ge- 
währung politischer Freiheiten, ließ die Gründung antifaschistischer Par- 
teien nicht zu und verhinderte gleichzeitig die Vertreibung der Faschisten 
aus den öffentlichen Ämtern. Die wichtigsten Säulen des faschistischen Ver- 
waltungsapparates, die Präfekten, blieben im Amt, die hohen Beamten und 
Offiziere standen unter dem besonderen Schutz der Alliierten Kommission. 
Diese Kommission vereitelte nicht nur alle Bemühungen, das Land von sei- 
nen Unterdrückern zu befreien, sondern nahm sogar Faschisten, die sich bis 
zur letzten Minute aktiv faschistisch betätigt hatten, in die amerikanisch - 
britischen Etappenbehörden auf. 

Die vatikanische Politik unterstützte unmittelbar oder mittelbar alle 
Kräfte, die an der Erhaltung der Monarchie interessiert waren. Das stellte 
sich im Mai 1944 heraus, als „ Spezialbeauf tragte" der amerikanischen 



125 



Armee in der Nähe der süditalienischen Front Geheimkuriere aufgriffen 
und bei ihnen einen Briefsack des Vatikans fanden. Die darin enthaltenen 
Schriftstücke bewiesen dokumentarisch, daß der Vatikan durch Machen- 
schaften hinter den Kulissen versuchte, das Haus Savoyen zu retten. 

Die Erhaltung der Monarchie wurde nun das wichtigste politische Ziel 
des Vatikans in Italien. Er fand in dem konservativen britischen Premier 
Winston Churchill einen warmherzigen Befürworter seiner Pläne. Churchill 
fuhr selbst nach Rom und wurde im August 1944 mehrmals von Pius XII. 
in Privataudienz empfangen. Im September 1945 führte er, obwohl zu die- 
ser Zeit nicht mehr Premier, ausgedehnte Unterredungen mit dem päpst- 
lichen Nuntius bei der italienischen Regierung. 

Das Ende des faschistischen Regimes in Italien und der bevorstehende 
Zusammenbruch des Faschismus in Deutschland ließen den Fehlschlag von 
fünfundzwanzig Jahren Vatikanpolitik vor aller Welt sichtbar werden. Die 
veränderten Umstände verlangten eine neue Politik, neue Methoden und 
neue Taktiken. Es kam jetzt darauf an, zu retten, was zu retten war. 

Die Mächte, die den faschistischen Totalitarismus besiegt hatten, behaup- 
teten, auf dem Boden demokratischer Grundsätze zu stehen, und verkün- 
deten darüber hinaus, daß sie den Wunsch hätten, diese Grundsätze auch in 
dem übrigen befreiten Europa verwirklicht zu sehen. Der Gegner, den der 
Vatikan seit dem Jahre 1917 bekämpft hatte, gehörte nicht nur zu den 
Überlebenden des Krieges, sondern war stärker und einflußreicher geworden 
denn je. Die Sowjetunion war nicht mehr ein geschwächtes Land wie in den 
Jahren nach dem ersten Weltkrieg, sondern ging aus dem zweiten Weltkrieg 
als eine der drei großen Siegermächte hervor. Ihr Prestige war gewachsen, sie 
war eine Weltmacht geworden, deren politischer Einfluß sich über ganz Ost- 
und Südeuropa bis an die Grenzen Italiens erstreckte. Und auch dort nahm 
der Kommunismus an Kraft sprunghaft zu. 

Um diesen gewaltigen Veränderungen entgegenzuwirken, verfolgte der 
Vatikan in seiner Politik zwei voneinander abhängige Linien, die in der 
Folge die neue Strategie des Vatikans in der Nachkriegsperiode bildeten. 
Seine internationale Politik auf weite Sicht hatte das Ziel, die Sowjetunion 
mit allen verfügbaren Mitteln zu bekämpfen. Zu diesem Zweck mußte sich 
der Vatikan, ebenso wie früher, Verbündete suchen. Diesmal fand er sie in den 
Westmächten, die nicht weniger als er interessiert waren, den Einfluß der 
Sowjetunion einzudämmen oder soweit wie möglich zurückzudrängen.* 

* Bei dem 1946 zwischen den früheren Alliierten - den USA und Großbritannien auf 
der einen und der Sowjetunion auf der anderen Seite - entbrannten Streit um Triest zum 
Beispiel ging es gar nicht um die Grenzziehung. Die westlichen Alliierten wollten ein 
weiteres Vordringen des „sowjetischen Einflusses" nach Westeuropa verhindern. Triest 
war für sie in diesem Sinne, ebenso wie die Dardanellen im Süden, eine Schlüsselstellung 
für das Mittelmeer und für ganz Westeuropa. 



126 



Das Nahziel der vatikanischen Innenpolitik in Italien war, alle anti- 
kommunistischen Kräfte in einem festen Block zu vereinen. Hierzu sollte 
eine von Katholiken geführte und vom Vatikan gelenkte militante politische 
Partei geschaffen werden, die den Sozialismus nicht nur politisch, sondern 
auch sozial und wirtschaftlich zu bekämpfen hatte. Der Vatikan gestattete 
daher den Gläubigen, sich in einer politischen katholischen Bewegung zu 
organisieren. 

So war die erste neue politische Partei Nachkriegseuropas eine Schöpfung 
des Vatikans. Sie gab sich den Namen Christlich -Demokratische Partei. 
Ihre der Kirche ergebenen Führer begannen rasch, die Politik des neuen 
Italiens zu bestimmen. Sie richteten dabei ihre Anstrengungen nicht nur 
gegen die wiedererstandenen Arbeiterparteien, sondern auch gegen eine 
katholische Gruppe, die eine beunruhigende revolutionäre Aktivität an den 
Tag legte. Diese linksorientierten Katholiken gingen so weit, sich in einer 
politischen Bewegung zu organisieren, und nannten sich „Katholische Kom- 
munisten" (1944). Später gaben sie ihrer Partei den Namen „Christliche 
Linkspartei**. Der Vatikan ließ die Partei durch den Osservatore Romano 
verurteilen. Kardinal Salotti, Präfekt der Ritenkongregation, und einige 
Bischöfe warnten die Gläubigen offiziell vor ihr. Kardinal Salotti sagte dabei 
unter anderem : 

„Ein Katholik kann nicht Kommunist sein. Jene guten und liebenswerten Söhne, die 
sich im Bestreben, ihren christlichen Glauben zu erhalten, in eine Reihe mit den 
Kommunisten begeben haben, müssen über diese Wahrheit nachdenken, erkennen, in 
welche Lage sie geraten sind, und iur Straße des Heils zurückfinden." 

Dieser revolutionäre Geist, der viele katholische Gläubige in der Zeit 
zwischen der Kapitulation im Sommer 1943 und dem Ende des Krieges im 
Mai 1945 in allen Teilen Italiens erfaßt hatte, veranlaßte den Vatikan, 
die rechtsgerichteten katholischen Parteien, die er zwischen den beiden 
Kriegen abgelehnt und unterdrückt hatte, zu neuem Leben zu erwecken 
und mit allen Mitteln zu unterstützen. 

So konnte man in den Jahren nach der Kapitulation Italiens beobachten, 
daß der Vatikan in dem erschöpften Land eine auffallende politische Akti- 
vität an den Tag legte und sich offen in das politische Leben des Landes ein- 
mischte, indem er große katholische Parteien organisierte und jede politische 
Bewegung verurteilte, die seiner Meinung nach nicht den Grundsätzen der 
katholischen Kirche entsprach. Er verdammte den Sozialismus und attak- 
kierte den Kommunismus mit einem Eifer, der nichts von seinem früheren 
Feuer eingebüßt hatte, sondern im Gegenteil immer schärfere Formen an- 
nahm, je größer seit dem Verschwinden Mussolinis die „rote Gefahr" wurde. 

Der Papst, seine Kardinäle, Bischöfe und Pfarrer, seine Kanzelprediger, 
seine Presse und sein Kundfunk — sie alle beschäftigten sich keineswegs nur 



127 



mit religiösen Angelegenheiten, sondern zumindest ebenso intensiv mit 
politischen und sozialen Fragen; sie bemühten sich, die verwirrten Massen 
des italienischen Volkes wieder auf den Weg zu führen, den die katholische 
Kirche ihnen wies. Der Vatikan stellte sich, ohne ein Hehl daraus zu machen, 
schützend vor die Institutionen und die Männer, die für das Aufkommen 
des Faschismus verantwortlich waren. Er befahl den Italienern, dem König 
die Treue zu wahren, demselben König, der Mussolini die Macht in die 
Hände gegeben hatte. Auch nachdem sich die Italiener in einer Volksab- 
stimmung mit überwältigender Mehrheit für die Republik entschieden 
hatten, versuchte der Vatikan, entgegen dem Volkswillen, durch allerlei 
Manipulationen die Monarchie und das Haus Savoyen zu retten.* 

Der Vatikan versuchte nicht nur die Monarchie zu retten, sondern unter- 
stützte, seiner alten Politik folgend, mittelbar alle Bewegungen, die sich 
nur durch ihren Namen von den bisherigen Faschisten unterschieden. Ein 
Beispiel dafür war Uomo Qualunque, die Jedermanns -Partei, die bei den 
Wahlen von 1946 mehr als eine Million Stimmen erhielt. Ihre Führer er- 
kannten rasch, was die Hilfe des Vatikans für sie bedeutete, und traten 
daher noch während der Wahlkampagne der katholischen Kirche bei, obwohl 
sie sich vorher zum Atheismus bekannt hatten. 

Der Vatikansender verbreitete am 10. Juni 1946 die Nachricht, daß 
Signor Gianini sich habe taufen lassen, zu seiner Erstkommunion gegangen 
sei, gefirmt worden sei und sich in der Kirche vom Heiligen Herzen zu Rom 
habe trauen lassen; der Papst habe ihm seine Glück- und Segenswünsche 
übermittelt. 

Dies geschah in einer Zeit, in der Katholiken, unter ihnen auch Priester, 

* Der König wollte nach dem Krieg, als er erkannte, wie unpopulär er sich gemacht 
hatte, abdanken, aber der Vatikan hielt ihn davon ab. Schließlich trat er, als die politische 
Situation immer gespannter wurde, mit Einverständnis Englands und der USA zurück, 
nicht ohne zuvor die Zustimmung des Papstes eingeholt und sich mit ihm in langen 
Besprechungen über die Wege zur Erhaltung der Monarchie geeinigt zu haben. An 
diesen Zusammenkünften hatte auch Ministerpräsident de Gasperi, der Führer der 
katholischen Christlich-Demokratischen Partei, teilgenommen. Vor dem Volksentscheid 
im Mai 1946 sandte der Papst dem Kronprinzen Umberto seinen Segen und erteilte den 
Katholiken den Rat, für die Erhaltung der Monarchie zu stimmen. Nicht zufällig gab 
Umberto wenige Wochen vor dem Entscheid den Mitgliedern des Heiligen Kollegiums 
der Kardinäle im Quirinal einen Empfang, den ersten Empfang dieser Art seit dem 
Jahr 1870, also seit das Haus Savoyen den Thron bestiegen und die päpstlichen Besitz- 
tümer übernommen hatte. Die überzeugten Katholiken stimmten geschlossen für 
Umberto, aber auch das konnte ihm den Thron nicht retten. Nach dem Plebiszit, das 
Italien zur Republik erklärte, weigerte Umberto sich zunächst auf Anraten des Vatikans, 
dem Thron zu entsagen, und behauptete, das Wahlergebnis sei gefälscht worden. Erst 
als darüber ein Bürgerkrieg auszubrechen drohte, beugte er sich dem Volkswillen und 
verließ das Land. 



128 



vom Heiligen Offizium ermahnt oder sogar exkommuniziert wurden, weil 
sie soziale Lehren vertraten, die die Kirche nicht billigte. So wurde zum 
Beispiel Fr. Fernando Tartaglia, ein Priester aus Florenz, laut Meldung des 
Vatikansenders vom 12. Juni 1946 auf Grund eines Dekrets des Heiligen 
Offiziums exkommuniziert. 

Hingegen ist nicht ein einziger Fall bekannt geworden, daß Gläubige 
oder Priester, die die faschistische Untergrundbewegung unterstützten, von 
hohen Kirchenvertretern öffentlich gerügt worden waren. Als Beweis dafür 
kann unter anderem der von fanatischen Faschisten organisierte Raub der 
Leiche Mussolinis von einem Friedhof in Mailand dienen. Die Leiche wurde 
einige Monate später gefunden. Mönche hatten sie in der Nacht vom 12. zum 
13. August in einem Kloster in Pavia versteckt, nachdem andere Mönche sie 
im Kloster Sankt Angelo verborgen gehalten hatten. Einige der faschisti- 
schen Fanatiker und einige Mönche wurden wegen Leichenraubs und Mit- 
wisserschaft verhaftet. 

Aber diese Beispiele, so bezeichnend sie auch sind, verblassen angesichts 
anderer Unternehmungen, die der Vatikan inspirierte und die mehr als alle 
anderen die Politik des Vatikans charakterisieren. Diese Unternehmungen 
hingen mit der Gründung zweier neuer politischer Parteien zusammen, 
die, obwohl von Katholiken gebildet, gegensätzliche politische Pole ver- 
traten. 

Über die erste der beiden Parteien haben wir bereits gesprochen. Es war 
eine katholische Partei mit einer klaren Linkstendenz. Sie forderte, obwohl 
sie auf dem Boden der Kirche stand, radikale soziale und wirtschaftliche 
Reformen ähnlich denen, für die die Sozialisten eintraten. Sie nannte sich 
anfangs Katholische Kommunistische Partei und später Italienische Christ- 
liche Linkspartei. Wenige Wochen nach ihrer Gründung rückte der Kar- 
dinalstaatssekretär von der Partei ab. Er wies die katholischen Mitglieder 
an, die Partei aufzulösen. Im Januar 1946 erklärte er über den Vatikan- 
sender : 

„Eine weitere Partei ... ist verschwunden. Sie hatte sich den monströsen Namen einer 
Christlichen Linken 4 zugelegt und sich vorgenommen, die neue Welt auf dem Weg des 
Klassenkampfes Gott näherzubringen. Das hätte nichts anderes bedeutet, als die christ- 
lichen Arbeiter auf die Seite des Sozialismus und der Häresie zu führen. Natürlich hat 
sie ihr Ziel nicht erreicht, sondern sich durch ihre Politik selbst gerichtet. Wir haben 
die Tragödie einer kleinen, aber dynamischen Partei erlebt, die von begeisterten, aber 
irregeleiteten jungen Menschen gebildet worden war. Sie hatten sich Apostel Christi ge- 
nannt, aber geredet und gehandelt wie die Anhänger von Marx." 

Wenige Monate später (August/September 1946) tauchte eine zweite 
katholische Partei auf. Sie nannte sich Nationale Christliche Partei, ver- 
kündete offen, daß sie sich zur Mitte gehörig fühle, genauer gesagt zur 
rechten Mitte, und fand daher rasch die Unterstützung des Vatikans. Sie 



9 M359 



129 



beabsichtigte nicht, der Tendenz der Christlichen Demokraten nach links 
zu folgen, „weil die Volksabstimmung die Notwendigkeit gezeigt" habe, 
sich von den Christlichen Demokraten zu trennen, die sich „durch ihre tak- 
tische und ideologische Zusammenarbeit mit den marxistischen Parteien 
kompromittiert" hätten. (Dr. Padoan, zitiert vom Sender Rom am 
24. August 1946) 

Trotz aller gegenteiligen Bemühungen des Vatikans verstärkten die 
Sozialisten und Kommunisten in den ersten Jahren nach dem Krieg ihre 
Reihen. Das alarmierte den Vatikan. In Italien drängten ebenso wie in 
anderen europäischen Ländern die endlich freigesetzten und in den sozia- 
listischen und kommunistischen Parteien organisierten Kräfte des Volkes an 
die politische Macht. 

Sicherlich war es kein Zufall, daß nach dem ersten Weltkrieg Italien das 
Geburtsland des Faschismus wurde und daß nach dem zweiten Weltkrieg 
die erste katholische Partei, die ausersehen war, den Kampf gegen die Feinde 
der katholischen Kirche in der sozialen und politischen Arena zu führen, 
ebenfalls in Italien entstand. Als die veränderten Bedingungen eine Ände- 
rung der Taktik notwendig machten, schlug der Vatikan einen neuen Weg 
ein, einen Weg jedoch, das wurde bald offenkundig, der unter einem neuen 
Namen das alte Ziel verfolgte, nämlich die Vormachtstellung der Kirche im 
Leben des italienischen Volkes auszubauen. 



Kapitel x Deutschland, der Vatikan, 

der erste Weltkrieg, Hitlers Aufstieg 

Der Vatikan und das Kaiserreich - Die Geburt der deutschen katholischen Partei — 
Krieg zwischen Kirche und Staat — Die allgemeine Übereinstimmung Bismarcks und des 
Papstes in der Bekämpfung liberaler und demokratischer Bestrebungen — Die Zentrums- 
partei, eine Säule des deutschen Imperialismus und ein Verfechter der kaiserlichen Poli- 
tik - Die Rolle der katholischen Partei am Ende des ersten Weltkrieges - Die Unter- 
zeichnung des Waffenstillstandes - Erzberger - Erzbergers Ermordung - Die katho- 
lische Kirche und ihr Einfluß auf das politische Leben in Deutschland — Die Schulgesetz- 
gebung - Der Rechtsdrall der Zentrums partei - Die Allianz mit der autoritären Deutsch- 
nationalen Volkspartei - Der erste große Anschlag auf die Weimarer Republik - Die 
katholische Partei als wichtiges Instrument zur Zerstörung der Republik - Die unmittel- 
bare Einmischung des Vatikans in das politische Leben Deutschlands — Die Folgen der 
Niederlage der Zentrumspartei — Der Vatikan entschließt sich, die Partei zu opfern — 
Die ersten Schritte auf dem Weg zur Diktatur - Dr. Kaas - Die Absichten des Vatikans 
hinsichtlich des orthodoxen und des sowjetischen Rußlands - Die Zerstörung der deut- 
schen Republik - Der erste Wegbereiter der Nazidiktatur - Dr. Brüning — Der Katholik 
Brüning über Hitler: „Wir müssen ihn unter stützen^ - Die ersten Kontaktaufnahmen 
zur Zusammenarbeit. Ihr Fehlschlagen - Brünings Projekt der Wiederherstellung der 
Monarchie - Brünings Sturz - Der neue Reichskanzler von Papen, ein päpstlicher 
Kammerherr - Die Bedeutung der Berufung von Popens. Sein Sturz - Hitler wird 
Reichskanzler, 

Die Geschichte des deutschen politischen Katholizismus unserer Zeit be- 
ginnt mit der Konsolidierung des zweiten Kaiserreiches. Ein Blick auf das 
Verhalten des Vatikans in dieser Periode zeigt auf der einen Seite eine kon- 
stante Grundlinie der päpstlichen Politik und auf der anderen Seite eine 
Reihe von politischen Purzelbäumen. Die Purzelbäume waren notwendig, 
um das Ziel, die Bildung einer katholischen Partei, die im deutschen poli- 
tischen Leben eine bestimmende Rolle spielen sollte, zu erreichen. 

Daß ein protestantischer Staat wie Preußen über die Politik zahlreicher 
katholischer Staaten Deutschlands bestimmen sollte, war für den Vatikan 
Anlaß zu großer Besorgnis. Bismarck wußte das und sah daher bei der 
Errichtung des zweiten deutschen Kaiserreiches in der vatikanischen Macht 
einen äußerst gefährlichen Gegner seiner politischen Pläne. 

Es wird erzählt, daß Bismarck, als ein römischer Prälat ihm die bekannte 
Auffassung des heiligen Paulus über die drei Machtbereiche der Kirche 
— Caelestium, Terrestrium et Infernorum — erklärte, laut gelacht und er- 
widert habe: „Gegen den Himmel und die Hölle habe ich nichts einzuwen- 
den, doch hinsichtlich der Erde habe ich gewisse Vorbehalte. 44 

Diese Einstellung war nicht nur typisch für Bismarck, sie ist auch heute 
die Grundlage aller großen Kontroversen zwischen Kirche und Staat. 



131 



Wie viele andere Deutsche seiner Zeit, sah Bismarck in der katholischen 
Kirche ein Hindernis für die weitere Macht entfaltung des von Preußen 
geführten Deutschen Reiches. Er sah in der Kirche vor allem einen Gegner 
jeder unbeeinflußten und unbeschränkten Wahrheitssuche, die viele Deutsche 
für eine der stolzesten Errungenschaften des deutschen Geistes hielten. 
Sicherlich war das nicht der Hauptgrund für Bismarcks feindselige Haltung 
gegen die Kirche, aber jahrelang redete und handelte er, als wäre es so. 

Am wirkungsvollsten warnte vor dieser von der katholischen Kirche dro- 
henden Gefahr der katholische süddeutsche Politiker Fürst Hohenlohe. Er 
sah in dem von Papst Pius DL 1864 verkündeten Syllabus und in dem neu- 
gegründeten vatikanischen Konzil - beide hatten die Aufgabe, das Dogma 
von der päpstlichen Unfehlbarkeit durchzusetzen— hintergründige politische 
Instrumente, darauf gerichtet, die weltlichen Autoritäten der Kirche dienst- 
bar zu machen. Er warnte Europa davor, und zahlreiche Staatsmänner, 
unter ihnen auch Bismarck, beherzigten seine Worte. 

Staatsmänner vor und nach Bismarck haben dem gleichen Problem gegen- 
übergestanden, aber keiner hat es so brutal ausgedrückt wie er: „Die 
Souveränität kann nur eine einheitliche sein und muß es bleiben; die 
Souveränität der Gesetzgebung! Und wer die Gesetze dieses Landes als für 
ihn nicht verbindlich darstellt, stellt sich außerhalb der Gesetze und sagt 
sich los von dem Gesetz." (Zitiert nach den Stenographischen Berichten über 
die V erhandlungen des Deutschen Reichstags, 1. Legislaturperiode, III. Ses- 
sion, 14. 5. 1872) Über die Antwort des Vatikans gab es keinen Zweifel. Sie 
kam von Rom an die deutschen Bischöfe und nahm von diesen ihren Weg 
zur niederen Geistlichkeit und zu den Gläubigen. Die gesamte Maschinerie 
der katholischen Kirche wurde in Bewegung gesetzt. Von den Kanzeln don- 
nerten Verurteilungen, die sonst nur auf politischen Kundgebungen zu ver- 
nehmen waren. Im Reichstag empörte sich die katholische Partei. Sie wurde 
von Ludwig Windthorst geführt, der vor der Einverleibung Hannovers durch 
Preußen eine führende Rolle im hannoverschen Kabinett gespielt hatte. 
Windthorst war bekannt wegen seines Ehrgeizes, geachtet wegen seiner 
großen Fähigkeiten als Parlamentarier und gefürchtet wegen seines Hasses 
auf die neue Ordnung in Deutschland. Diese beiden Männer, Windthorst 
und Bismarck, wurden Symbole zweier einander entgegengesetzter poli- 
tischer Strömungen. 

Als der Vatikan seine Macht durch das Unfehlbarkeitsdogma gestärkt 
hatte, lag die Vermutung nahe, daß die katholische Kirche Anspruch auf 
einen stärkeren Anteil an der Gestaltung des staatlichen und gesellschaft- 
lichen Lebens erheben werde. Die Auseinandersetzung über diese Frage 
führte zu einem langwierigen Kampf, in den fast alle Angehörigen der 
katholischen deutschen Hierarchie hineingezogen wurden. Am wildesten 



132 



traten die Bischöfe von Ermland und Paderborn und die Erzbischöfe von 
Köln und Posen auf. Auch die Jesuiten schalteten sich ein, die während der 
Kriege gegen Österreich und gegen Frankreich sehr aktiv gewesen waren. 
Sie säten nicht nur religiöse Zwietracht, sondern auch politische Feind- 
schaft und, vor allem in Polen und Elsaß -Lothringen, Chauvinismus. Mit 
der Zeit verstärkten sie ihre Aktivität. Der Kampf wurde infolge der jesui- 
tischen Einmischungen und des Eifers der Geistlichkeit von Tag zu Tag er- 
bitterter. Die Hierarchie scheute keine Mittel, die Kanzeln und Lehrstühle 
von denen zu säubern, die sich geweigert hatten, das päpstliche Unfehlbar- 
keitsdogma anzuerkennen. Da aber ein Teil der verfolgten Männer vom 
Staat bezahlt wurde, leistete die weltliche Macht Widerstand. Dies wieder 
führte zu so aufrührerischen Predigten der Hierarchie, daß die weltliche 
Macht das sogenannte „Kanzelgesetz" erließ. 

Bismarck beauftragte einen starken Mann, den preußischen Kultus- 
minister Falk, mit der Führung des Kampfes. 1872 wurden die Jesuiten 
durch das vom Reichstag beschlossene „Jesuitengesetz" aus Deutschland 
ausgewiesen. Dies war deshalb besonders bemerkenswert, weil die Jesuiten 
selbst in den Zeiten, in denen sie aus fast allen europäischen Staaten - und 
sogar aus Rom vom Papst selbst — verbannt worden waren, im preußischen 
Herrschaftsbereich stets ungestört hatten wirken dürfen. Trotzdem befahl 
der Vatikan jetzt den deutschen Katholiken, Bismarck und den Staat wegen 
dieser Tat heftig anzugreifen, was sich die Erzbischöfe nicht zweimal sagen 
ließen. Der Papst drohte Bismarck sogar, daß der Zorn Gottes über ihn 
kommen werde. Bismarck zögerte nicht mit Gegenmaßnahmen. Er berief 
den diplomatischen Vertreter Deutschlands beim Vatikan ab und brachte 
im Preußischen Landtag die sogenannten „Falk- Gesetze" oder „Mai- 
Gesetze" durch. 

Als Antwort befahl der Vatikan der deutschen Geistlichkeit, Bannflüche 
gegen die weltlichen Behörden und gegen alle zu schleudern, die sich wei- 
gerten, den Papst als einzigen und unfehlbaren Träger der Wahrheit anzu- 
erkennen. Die religiöse Autorität, so wurde erklärt, stände über jeder welt- 
lichen Macht, die Ausbildung der Priester sei Sache des Vatikans und nicht 
des Staates, und kein katholischer Gläubiger habe das Recht, sich von der 
katholischen Kirche loszusagen. Nach dem kanonischen Recht sei die Ehe 
ein Sakrament, daher dürfe eine Trauung nur durch die Kirche vorge- 
nommen werden. 

Die Hierarchie stiftete Unfrieden auf allen Gebieten, sie schürte nicht 
nur Haß und Chauvinismus in Polen und in Elsaß -Lothringen, sondern 
stachelte auch die partikularistischen Eifersüchteleien in Bayern und im 
Rheinland an, um sie für ihre Zwecke auszunutzen. Kurz, die Katholiken 
rebellierten unter der Führung ihrer Geistlichkeit gegen den Staat. Dabei 



133 



dienten die religiösen Fragen der Hierarchie lediglich dazu, die politischen 
Forderungen, die unmittelbar von Rom gelenkt wurden, zu verschleiern. 

Die Regierung versuchte ihre Autorität zu wahren, indem sie die auf- 
sässigen Priester von ihren Kanzeln vertrieb und Bischöfe und Professoren 
zu Geld- und Gefängnisstrafen verurteilte. In Preußen wurden zahlreiche 
religiöse Orden des Landes verwiesen. Als der Konflikt immer schärfere 
Formen annahm, wurden sogar Erzbischöfe hinter Schloß und Riegel ge- 
setzt. Der Erzbischof von Posen verbrachte mehr als zwei Jahre im 
Gefängnis. 

Der Kampf dauerte, nachdem er voll entbrannt war, länger als fünf 
Jahre und beschränkte sich nicht auf Deutschland. Auch andere europäische 
Länder wurden von ihm erfaßt. Fanatisierte Katholiken versuchten durch 
Attentate den preußischen Staat und seine Repräsentanten zu treffen. Ein 
katholischer Jugendlicher, Absolvent einer geistlichen Schule, feuerte auf 
der Kurpromenade von Bad Kissingen mehrere Pistolenschüsse auf Bis- 
marck ab. Das Attentat hätte beinahe Erfolg gehabt, ein Geschoß durch- 
schlug Bismarcks Hand, die er im Augenblick des Schusses an den Hut 
führte, um für einen Gruß zu danken. 

Die Regierung antwortete mit schärferen Maßnahmen. Zahlreiche katho- 
lische Parlamentsmitglieder wurden verhaftet. Im ganzen Reich wurde die 
Zivilehe eingeführt. 

Wieder trat der Papst selbst auf den Plan. Pius IX. erklärte durch eine 
Enzyklika die preußischen Kirchen gesetze für ungültig und ihre Schöpfer 
für gottlos. Dadurch weckte er von neuem die Tendenzen zum weltlichen 
Ungehorsam und zum Bürgerkrieg. Der Kampf trat in seine schärfste 
Phase. Die katholische Hierarchie, die katholischen Laien und die katho- 
lischen Politiker waren verpflichtet, die Politik des Vatikans zu unterstützen, 
und sie unterließen nichts, was sie ihrem Ziel näherbringen konnte. Das 
politische Instrument des Vatikans in Deutschland, die Zentrumspartei, die 
über ein Viertel aller Parlamentssitze verfügte, wurde vom Vatikan ange- 
wiesen, der Regierung gegenüber hart zu bleiben. Sie kämpfte in der ganzen 
Periode unter der Führung von Windthorst unerbittlich gegen sämtliche 
Gesetze und Vorlagen Bismarcks, ohne Rücksicht, ob sie religiöse Fragen 
betrafen oder nicht. 

Als nach dem Tod Pius' IX. im Februar 1878 der versöhnlichere Leo XIII. 
zum Papst gewählt wurde, versuchte Bismarck zu einem Kompromiß mit 
der Kurie zu gelangen. Er führte Verhandlungen mit Windthorst und dem 
päpstlichen Vertreter Jacobini. Die Grundlage für ein Übereinkommen 
wurde geschaffen. Die deutsche Regierung erklärte, daß sie nach wie vor auf 
der Rechtmäßigkeit der von ihr verkündeten Grundsätze bestehe, aber bereit 
sei, in ihrer Anwendung weitherzig zu verfahren. Im Jahre 1880 äußerte 



134 



der Papst in einem Brief an den Erzbischof von Köln, er sei dem Gedanken 
nicht abgeneigt, daß vor der Besetzung frei gewordener kirchlicher Ämter 
mit den weltlichen Behörden Verbindung aufgenommen würde. So kam 
man schrittweise zu einer Übereinkunft. Die diplomatischen Beziehungen 
zum Vatikan wurden wiederaufgenommen, und die Regierung hielt sich bei 
der Anwendung der Falk -Gesetze sehr zurück. Dieses Rapprochement erwies 
sich als so erfolgreich, daß der Papst um ein Porträt Bismarcks nachkam. 
Bismarck bat darauf den Papst, zwischen Deutschland und Spanien wegen 
der Ansprüche beider Mächte auf die Karolineninseln zu vermitteln. Weitere 
Lockerungen folgten, als Bismarck sich eines Tages auf die Unterstützung 
der Zentrumspartei zur Durchführung einer neuen Finanz - und Wirtschafts- 
politik angewiesen sah. 

Die schlimmsten Kämpfe waren vorüber, man hatte einen Modus vivendi 
gefunden. Es war auch gar nicht erstaunlich, daß der Staat von einigen 
seiner Forderungen an die Kirche Abstand nahm und der Vatikan die 
Freundschaft des autoritären Kanzlers suchte, waren sie doch beide er- 
bitterte Gegner aller liberalen und demokratischen Ideen. Nachdem die 
religiösen Fragen bereinigt waren, wurden Papst und Kanzler sehr bald 
enge Freunde und kämpften gemeinsam gegen alle Prinzipien und Ideen, 
die sie für den religiösen Absolutismus der Kirche und für den politischen 
Absolutismus des Staates als gefährlich ansahen. 

Es war nicht das erste und auch nicht das letzte Mal in Deutschland und 
in Europa, daß der Vatikan mit Hilfe der katholischen Partei anfangs einer 
bestimmten Regierungsform, einem bestimmten Staatsmann feindlich 
gegenüberstand und später dessen Bundesgenosse wurde. Diese Wechsel 
könnten den Eindruck einer fehlenden Folgerichtigkeit der vatikanischen 
Politik erwecken. Aber das trifft nicht zu; der Vatikan wird in seinen 
Methoden stets inkonsequent sein, wird aber nie sein letztes Ziel, die Macht- 
erweiterung der katholischen Kirche, aus den Augen verlieren. 

Die anfängliche Feindschaft des Vatikans gegen Bismarck und das 
zweite deutsche Kaiserreich ergab sich daraus, daß die katholische Kirche 
statt des protestantischen Preußens lieber eine katholische Macht an der 
Spitze des Reiches gesehen hätte. Neue Feindschaft erwuchs daraus, daß 
Bismarck, so widersinnig es auch klingt, liberale Reformen durchzuführen 
gezwungen war. Obwohl diese Reformen nach unseren heutigen Auffas- 
sungen alles andere als sensationell waren, bedeuteten sie damals für die 
katholische Kirche eine Herausforderung. 

Bismarck war kein Verehrer der Demokratie, auch dann nicht, wenn er 
für liberale Reformen eintrat; auch sein Kampf gegen den Vatikan machte 
aus ihm keineswegs einen Demokraten; und schließlich lagen seiner 
späteren Freundschaft mit dem Papst alles andere als demokratische 



135 



Erwägungen zugrunde. Das wußte auch der Vatikan, sonst wäre er nie auf 
diese Freundschaft eingegangen. Nachdem die Kirche sichergestellt hatte, 
daß ihre Interessen respektiert wurden, sah sie ihre Hauptaufgabe darin, 
die Ideen des Säkularismus und Liberalismus, vor allem aber die gefähr- 
lichen Ideen des Sozialismus zu bekämpfen. Sie war überzeugt, in Bismarck 
bei der Lösung dieser entscheidenden Fragen einen zuverlässigen Verbün- 
deten zu besitzen. 

Die katholische Kirche hatte immer eine Vorliebe für „starke Männer". 
Als sie zuerst bei Bismarck, dann bei Wilhelm II. und schließlich bei Hitler 
zu der Meinung gelangt war, sie könne sich in bestimmten Fragen auf sie ver- 
lassen, gewährte sie ihnen Unterstützung. Und sie verfügte in der Zentrums- 
partei und in der deutschen Hierarchie über zwei mächtige Instrumente, mit 
denen sie ihre politischen Ziele durchsetzte. Es ist daher aufschlußreich, die 
deutsche Zentrumspartei auf ihrem Wechsel vollen Weg zu verfolgen. 

Die katholische Partei in Deutschland wurde 1870 während des Deutsch- 
Französischen Krieges ins Leben gerufen. In den ersten zwanzig Jahren 
stand sie unter der Leitung ihres Gründers Ludwig Windthorst. Von Be- 
ginn an hatte sie Anhänger in den verschiedenen sozialen Schichten : Unter- 
nehmer, Arbeiter, Großgrundbesitzer, kleine Bauern, Aristokraten, Lehrer, 
Beamte und Künstler. Im Gegensatz zu der Österreichischen katholischen 
Partei befanden sich in der deutschen sowohl reaktionäre als auch fort- 
schrittliche Elemente. Ihr Hauptmerkmal war, daß ihr Programm nicht auf 
politischer, sondern auf religiöser Grundlage beruhte. Mehrere Versuche, 
sie in eine nichtkonfessionelle Partei umzuwandeln, schlugen fehl, da die 
religiösen Forderungen vor den politischen standen. Ihre politischen Ziele 
verfolgte sie lediglich zu dem Zweck, ihre religiöse Basis zu verbreitern. Da 
die Grundsätze ihres Handelns religiöser Natur waren, blieb sie der Kontrolle 
des Vatikans unterworfen, der für die Katholiken die höchste Glaubens - 
autorität auf Erden darstellt. Ihr Kampf gegen Bismarck war ein typisches 
Beispiel, daß religiöse Fragen in politische umschlagen können und um- 
gekehrt. 

Die Zentrumspartei beschränkte sich in ihrem Wirken nicht auf innen- 
politische Probleme. Das bewies sie schon bald nach ihrer Gründung. Im 
Herbst des Jahres 1870 besetzten die Truppen des geeinten Italiens Rom 
und enteigneten die päpstlichen Besitztümer. Sogleich forderte die Zen- 
trumspartei Bismarck auf, zugunsten des Papstes einzugreifen. Die Reichs - 
tagsmehrheit antwortete, von Bismarck inspiriert und an die Thronrede des 
Kaisers anknüpfend: „Die Tage der Einmischung in das innere Leben der 
Völker werden, so hoffen wir, unter keinem Vorwande und in keiner Form 
wiederkehren." (Zitiert nach den Stenographischen Berichten über die Ver- 
handlungen des Deutschen Reichstags y 1. Legislaturperiode, 21. März 1871) 



136 



Aber die Zentrumspartei ging noch weiter und verlangte eine militärische 
Intervention; sie sprach von einem „Kreuzzug über die Alpen". Bismarck 
wußte, wo die Urheber dieser Kampagne zu suchen waren, und richtete 
einen Protest an den Vatikan. Die Kurie antwortete, sie sehe sich außer- 
stande, der Zentrumspartei wegen ihrer Haltung in dieser Frage einen Vor- 
wurf zu machen. 

Trotz dieses Konfliktes mit der Kirche versuchte Bismarck gute Bezie- 
hungen zum deutschen Episkopat herzustellen. Viele seiner Mitglieder 
waren adlig und kaisertreu. Bismarck setzte die Wahl des Bischofs von 
Ketteier zum Primas der katholischen Kirche in Deutschland durch. Gleich 
nach der Säkularisierung der päpstlichen Besitztümer in Italien hatte eine 
Delegation der deutschen Bischöfe Bismarck besucht, um seine Ansichten 
über eine mögliche Übersiedlung des Heiligen Stuhls nach Deutschland zu 
hören. Bismarck war von der Idee begeistert, er erblickte darin Chancen für 
seine eigenen politischen Absichten. „Wir hätten die Polen für uns. Die 
Opposition der Ultramontanen hörte auf, so wie in Belgien, in Bayern." 
(Bismarck zu Graf Hatzfeld; zitiert nach Gesammelte Werke, VII, Nr. 512) 

Als Anfang der neunziger Jahre das Übereinkommen zwischen Vatikan 
und Regierung zustande gekommen war, unterwarf sich die Zentrumspartei 
dem Hohenzollernreich. Dadurch hatte sie sich der letzten Möglichkeit be- 
geben, den Lauf der deutschen Geschichte grundlegend zu verändern. 
Angesichts der geschichtlichen Situation und der in Deutschland herrschen- 
den Bedingungen lag die Macht des Zentrums „weit weniger in der katho- 
lischen Religion, als darin, daß es die Antipathien der Volksmassen gegen das 
jetzt die Herrschaft über Deutschland beanspruchende spezifische Preußen - 
tum vertrat", wie Friedrich Engels es ausdrückte. (Gewalt und Ökonomie 
bei der Herstellung des neuen Deutschen Reiches, Dietz Verlag, Berlin, 
1946, S.81) 

Wie war es zu dieser Kapitulation gekommen? War sie einfach ein Fehler, 
oder war sie ein wohlüberlegter politischer Schritt? 

Bis gegen Ende des ersten Weltkrieges bestand die Anhängerschaft der 
Zentrumspartei vor allem aus katholischen Bauern und Arbeitern, im 
Gegensatz hierzu befand sich die autoritäre Führung der Partei völlig unter 
der Kontrolle konservativer Aristokraten und hoher katholischer Würden- 
träger. Diese Kreise waren durch gleiche Interessen und gemeinsame Feinde 
mit den nichtkatholischen Aristokraten und nichtkatholischen Konser- 
vativen in ganz Deutschland verbunden und standen daher in enger Allianz 
mit dem kaiserlichen Reich. Die gemeinsame Feindschaft gegen jede soziale, 
politische und wirtschaftliche Umwälzung machte den preußischen Milita- 
rismus und den Katholizismus zu Verbündeten. Sie bekämpften gemeinsam 
den Liberalismus in der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Sphäre. 



137 



Die Zentrumspartei führte eine zügellose Kampagne gegen den „antichrist- 
lichen, jüdischen, liberalistischen Kapitalismus" und bediente sich dabei 
vieler Schlagworte, die später während des Naziregimes allgemeine Ver- 
breitung und traurige Berühmtheit erlangten: „gottloses Manchestertum", 
„jüdisches Wucherkapital", „liberaler Moloch Kapital" usw. 

Wenn man sich noch einmal all die Bannflüche vor Augen führt, die die 
Päpste gegen die liberalen Grundsätze und gegen den liberalen Staat ge- 
schleudert haben, dann versteht man leicht, daß der Katholizismus aus Haß 
gegen alle liberalen Reformen ein enges Bündnis mit dem reaktionären 
preußischen Militarismus einging. Es war die natürliche Folge der vatika- 
nischen Bannflüche gegen den Liberalismus, die aus der religiösen und 
moralischen in die soziale und politische Sphäre übertragen wurden. Weniger 
leicht ist zu erklären, warum der deutsche - ebenso wie der österreichische - 
politische Katholizismus so offensichtlich antisemitische Züge aufwies. 
Wahrscheinlich wollten beide damit ihren schlimmsten Feind, die soziali- 
stische Bewegung, treffen. 

Das Preußentum und der Katholizismus sahen im Sozialismus ihren 
Hauptfeind. Die sozialistische Bewegung wuchs von Tag zu Tag an Kraft 
und Einfluß. Die katholische Partei wurde in ihrer Feindschaft gegen den 
Sozialismus von den Flüchen inspiriert, die der Vatikan gegen ihn schleu- 
derte. „Der Sozialismus steht im Widerspruch zu den Lehren der Kirche", 
hatte der Papst dekretiert. Das bedeutete für die katholische Partei, den 
Sozialismus zu bekämpfen. Außerdem hatte der Papst den Sozialismus wegen 
seiner engen Verflechtung mit den Grundsätzen der Demokratie verurteilt. 
Das allein war Anlaß genug, ihn zu bekämpfen. 

Die sozialistische Bewegung predigte die wirtschaftliche, soziale und 
politische Demokratie und nahm in ihre Reihen Menschen aller Religionen, 
Rassen oder Hautfarben auf. Dagegen standen die katholische Kirche und 
ihr Oberhaupt, der Papst, grundsätzlich allen demokratischen Ideen feind- 
lich gegenüber und widersetzten sich dem Gedanken der Gleichheit, mochte 
es auf erzieherischem, wirtschaftlichem oder sozialem Gebiet sein; sie waren 
gegen jede Reform, die von neuen politischen Ideen ausging. Daher weckten 
und nährten sie in den Hirnen ihrer Gläubigen Haß gegen den demokra- 
tischen Geist und einen Hang zu autoritärem Denken. Dementsprechend 
war auch die Haltung der Zentrumsmitglieder. Das autoritäre Denken 
schlug bei ihnen immer tiefere Wurzeln und bereitete die katholischen Mas- 
sen darauf vor, eine Diktatur zu unterstützen. 

Die Politik der Zentrumspartei wurde ferner dadurch bestimmt, daß der 
Vatikan in der orthodoxen Kirche, vor allem der russischen, einen Rivalen 
sah. Diese religiöse Feindschaft gegen die Orthodoxie war allen Katholiken 
in Deutschland jahrzehntelang eingeflößt worden, sie nahm politischen 



138 



Charakter an, als sich die Expansionsbestrebungen des Wilhelminischen 
Reiches gegen das Zentrum der Orthodoxie, gegen das zaristische Ruß- 
land, zu richten begannen. Ein weiteres Band zwischen dem Katholizis- 
mus und dem deutschen Imperialismus war damit geknüpft. Diese künst- 
lich gezüchtete antirussische Einstellung ging so weit, daß sich zum Beispiel 
der Zentrumsführer Windthorst während des Russisch -Türkischen Krieges 
unter anderem zu der Behauptung hinreißen ließ, dieser Krieg entscheide 
letztlich, „ob das slawische oder das germanische Element in der Welt den 
Ton angeben wird". Bischof Ketteier mußte eingreifen und der Zentrums - 
partei einen Rüffel wegen ihrer „außergewöhnlichen deutschen Selbstüber- 
hebung" erteilen. Aus dieser überheblichen slawenfeindlichen Einstellung 
heraus gab im übrigen die Partei ihrem offiziellen Organ, das später von 
dem päpstlichen Kammerherrn von Papen aufgekauft wurde, den Namen 
Germania. 

Als dann in Rußland ein noch gefährlicherer und entschiedenerer Feind 
des politischen Katholizismus und des von ihm unterstützten wirtschaft- 
lichen und sozialen Systems an die Macht kam, verstärkte sich die anti- 
russische Einstellung der Kirche auf ideologischem wie auf politischem 
Gebiet. Die Zentrumspartei unternahm kaum einen wichtigen politischen 
Schritt, ohne vorher den päpstlichen Nuntius zu konsultieren. Von 1920 
bis 1929 war dies der Kardinal Pacelli. Er unterstützte jede Politik und 
jeden Mann, der bereit war, gegen Sowjetrußland zu kämpfen. Daher ist es 
nicht erstaunlich, daß die katholische Partei bereitwillig den „Kreuzzug 
gegen den Bolschewismus" predigte, zu dem der Papst in Rom und Hitler 
in Berlin aufriefen. 

Vor dem ersten Weltkrieg war die Zentrumspartei fünfundzwanzig Jahre 
lang fast ununterbrochen die stärkste Fraktion im deutschen Reichstag. Sie 
war der wichtigste und einzige Verbündete aller deutschen Reichskanzler 
Von Hohenlohe bis Bethmann- Hollweg und eine der Hauptstützen des 
deutschen Imperialismus. Windthorst brachte das klar zum Ausdruck, als 
er sich vor dem Reichstag mit einer der Hauptfragen der deutschen Politik, 
mit der Haltung seiner Partei zur deutschen Armee, befaßte: „Ich gebe zu, 
daß die Armee die wichtigste Institution des Landes ist. Ohne sie würden 
die Säulen der Gesellschaft zum Einsturz kommen." 

Und in der Reichstagssitzung am 10. 12. 1890 sagte er sogar: „Wem wäre 
es nicht eine Befriedigung und ein Stolz, die Armee in dem allerschönsten, 
schmuckesten und kräftigsten Zustand zu sehen?" (Zitiert nach Der politische 
Katholizismus, Drei Masken Verlag, München, 1923) 

Windthorst wurde durch Ernst Lieber abgelöst, der in die Fußtapfen 
seines großen Vorgängers trat. Er war ein begeisterter Befürworter der 
deutschen Kolonialpolitik und der Marinepolitik des Kaisers; Großadmiral 



139 



von Tirpitz dankte ihm dafür ausdrücklich in seinen Memoiren. Auch auf 
anderen Gebieten war Lieber ein zuverlässiger und einflußreicher Verfechter 
der verhängnisvollen Politik Wilhelms II. Er setzte sich für eine Verstärkung 
der Armee und der Marine ein, für expansionistische Ziele in der Außen- 
politik und für Preiserhöhungen in der Innenpolitik. Bei allem genoß Lieber 
die volle Unterstützung der Zentrumspartei, deren Vorsitzender er war. 

Im ersten Weltkrieg stand das Zentrum fest in der vereinten Front aller 
Parteien, die den Krieg unterstützten. Es vertrat die ziemlich unchristliche 
Forderung nach einer „rücksichtslosen Kriegführung", war einer der laute- 
sten Schreier nach einem „Großdeutschland" und verlangte Annexionen 
sowohl im Westen als auch im Osten. Sein Vorsitzender war zu dieser Zeit 
Peter Spahn. Er definierte die Ansichten der Partei über die „Neue Ord- 
nung", die nach dem kaiserlichen Sieg errichtet werden sollte, und erklärte 
im Frühjahr 1916 vor dem Reichstag: „Kriegsziele sind Machtziele. Wir 
müssen Deutschlands Grenzen nach unserem Gutdünken verändern . . . 
Belgien muß politisch, militärisch und wirtschaftlich in deutschen Händen 
bleiben." Die Partei stand in der ersten Linie der fanatischsten deutschen 
Imperialisten. Die katholische Zeitung Hochland verlangte die Annexion 
von Beifort „. . . mit den alten Grenzen von Lothringen und Burgund" und 
die ständige Besetzung der Kanalküste. 

Das war bei weitem nicht alles. Als Tirpitz 1915 den uneingeschränkten 
U-Boot-Krieg forderte, unterstützte ihn die Zentrumspartei. Der bayrische 
Ministerpräsident Graf Hertling, ein führender Zentrumspolitiker, war ja 
ein enger Freund des Großadmirals von Tirpitz. Und die katholische 
Hierarchie stand nicht zurück, sie führte unter ihren Gläubigen einen Propa- 
gandafeldzug für den uneingeschränkten U-Boot-Krieg. So mobilisierte 
zum Beispiel Kardinal Bettinger in München die ländliche Geistlichkeit 
Bayerns für diese sehr christliche Aufgabe und fuhr selbst aufs Land, um 
unter den Bauern zu agitieren. Auf zahlreiche Proteste erwiderte der Kardi- 
nal, daß „es ein unverzeihliches Verbrechen von deutscher Seite wäre, wenn 
Deutschland es verabsäumte, den uneingeschränkten U-Boot-Krieg zu füh- 
ren". Das deutsche Episkopat vertrat die gleiche Meinung, erklärte sich im 
Namen der führenden katholischen Würdenträger für den uneingeschränk- 
ten U-Boot-Krieg und verteidigte außerdem die Verletzung der belgischen 
Neutralität. Es mag genügen, als Beweis Michael Faulhaber, den späteren 
Kardinalerzbischof von München, zu zitieren, der damals ein prominenter 
Armeegeistlicher war: „Meiner Meinung nach wird diese Kampagne in die 
Geschichte der Militärethik als ein hervorragendes Beispiel für einen ge- 
rechten Krieg eingehen.'* 

Zur Krönung ihrer Kriegspolitik unternahm die Reichstagsfraktion der 
Zentrumspartei am 16. Oktober 1916 einen wahrhaft sensationellen Schritt. 



140 



Sie erklärte dem Reichskanzler in einer sorgfältig abgewogenen Denk- 
schrift, er solle sich, wenn ihm auch formell die Verantwortung für die 
deutsche Kriegführung übertragen sei, den Befehlen der Obersten Heeres- 
leitung unterstellen, und der Reichstag solle jedem von der Obersten Heeres- 
leitung verkündeten Gesetz seine Zustimmung erteilen. Diese Denkschrift 
„war die erste förmliche Anerkennung der Diktatur der deutschen Armee- 
führung nicht nur in militärischen, sondern auch in politischen Fragen und 
bedeutete faktisch die Unterordnung des Reichstags und der Reichsregie- 
rung unter diese Diktatur". (B. Menne, The Case of Dr. Bruening) Man 
muß dabei bedenken, daß zu der Zeit, als diese Denkschrift zusammen- 
gestellt wurde, nicht mehr der willensschwache jüngere Moltke Chef der 
Obersten Heeresleitung war, sondern Hindenburg mit Ludendorff als 
Generalstabschef. Und Ludendorff war ein Diktator. Sein Streben war, 
Deutschland im Namen des Großen Generalstabs zu regieren. Und es 
dauerte nicht lange, da war es soweit. 

Die Feststellung, daß die Partei des politischen Katholizismus als erste 
feierlich und öffentlich vor der Diktatur des Generals Ludendorff kapitu- 
lierte, mag unwahrscheinlich oder selbst böswillig scheinen, aber sie ist eine 
historische Tatsache. 

Die Zentrumspartei stand wie die meisten katholischen Parteien unter 
der Führung einer Gruppe von Aristokraten, hohen Staatsbeamten und 
führenden kirchlichen Würdenträgern. Die reaktionäre und nationalistische 
Politik dieser Kräfte rief unter den katholischen Bauern und Arbeitern 
Unzufriedenheit hervor. Sie erregten sich vor allem über die Art und Weise, 
wie der sogenannte Burgfriede gehandhabt wurde, und über die Verweige- 
rung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts in Preußen. 

Unter der Führung der christlichen Gewerkschaften bildete sich im 
Rheinland schrittweise, vor allem im dritten Kriegsjahr, eine Opposition 
heraus, deren Sprecher Erzberger war. Erzberger war Mitglied der Reichs - 
tagsfraktion der Zentrumspartei und hatte in den ersten Kriegs jähren die 
Annexionsbestrebungen der deutschen Imperialisten unterstützt. Er hatte 
gute Beziehungen zu Tirpitz und half Ludendorff in den Sattel heben. 

Aber 1917 trennte sich Erzberger von all dem. Er war in den Besitz von 
Informationen gelangt, die ihn überzeugt hatten, daß Deutschland keine 
Chance hatte, den Krieg zu gewinnen. General Hoff mann, der Chef des 
Generalstabs der deutschen Ostarmee, und Graf Czernin, der österreichische 
Außenminister, hatten ihm dargelegt, daß Deutschlands Lage hoffnungslos 
sei. Aber der Hauptimpuls für Erzbergers politische Schwenkung kam vom 
Papst selbst. Benedikt XV. sah mit wachsender Sorge, daß sich die Position 
der Mittelmächte rasch verschlechterte. Wir können nicht behaupten, daß er 
ihren Sieg gewünscht hätte; aber wir wissen, daß ihm daran gelegen war, 



141 



ihre Niederlage zu verhindern. Osterreich war eine der letzten katholischen 
Großmächte in der Welt, und auch die politische Position der deutschen 
Katholiken berechtigte zu großen Hoffnungen. Der Papst suchte daher nach 
einer Lösung, die für diese beiden Mächte annehmbar war, und knüpfte die 
ersten Fäden zwischen London und Berlin. Voraussetzung für einen Erfolg 
dieser Bemühungen war, die deutschen Bestrebungen im Westen klarzu- 
stellen. Hier setzte Erzbergers Aufgabe ein. 

Der Papst entsandte einen seiner jungen und fähigsten geistlichen Diplo- 
maten, Eugenio Pacelli (später Nuntius in Deutschland und dann als 
Pius XII. Oberhaupt der katholischen Kirche), nach München, um mit dem 
kommenden Mann in den deutschen katholischen Kreisen, Matthias Erz- 
berger, Verbindung aufzunehmen. Erzberger stand noch unter dem Schock 
der Enthüllungen über Deutschlands ungünstige Lage und unterstützte 
daher freudig die päpstliche Initiative. Eine Rede, die er am 6. Juli 1917 
vor dem Reichstag hielt, hinterließ nachhaltigen Eindruck und wirkte im 
allgemeinen sehr ernüchternd. Aber das war nur der Anfang. Erzberger 
arbeitete unermüdlich daran, dem Papst die Erklärung zu verschaffen, die er 
als Voraussetzung für Verhandlungen mit den Westmächten so dringend 
benötigte. Es war daher im wesentlichen Erzberger zu danken, daß am 
19. Juli 1917 der Reichstag mit einer aus Katholiken, Sozialdemokraten und 
Liberalen bestehenden Mehrheit eine Entschließung zugunsten eines „Frie- 
dens ohne Annexionen und Kontributionen" faßte. Selbst der Kaiser war 
über die Annahme solch einer nützlichen Formel befriedigt, machte aber 
einen einschränkenden Vorbehalt: Deutschland werde sich nicht bereit fin- 
den, eine durch die Waffen herbeigeführte Entscheidung rückgängig zu 
machen. 

Die Situation änderte sich schlagartig, als Rußland im Herbst 1917 die 
Kampfhandlungen einstellte. Deutschland vergaß die Friedensresolution, die 
sozialdemokratisch-katholische Garantieformel gegen eine völlige Nieder- 
lage; die deutschen Generale diktierten die Friedensbedingungen von Brest - 
Litowsk und Bukarest, 

Als aber Deutschland im November 1918 selbst am Ende war, wurde Erz- 
berger, der Initiator der berühmten Friedensresolution, ausersehen, die Ver- 
handlungen über den Waffenstillstand zu führen. „Hindenburg standen 
Tränen in den Augen, als er Erzbergers Hände zwischen den seinen hielt 
und ihn beschwor, die schreckliche Pflicht für die heilige Sache des Vater- 
landes auf sich zu nehmen", hieß es in einem Bericht. Diese Szene wieder- 
holte sich zehn Jahre später, als der Generalfeldmarschall, wieder, „mit 
Tränen in den Augen", die Hände eines anderen Zentrumsführers drückte. 

Am 1 1. November 1918 unterzeichnete Erzberger als Leiter der deutschen 
Delegation den Waffenstillstand von Compiegne. 



142 



Erzberger war weit davon entfernt, ein Demokrat geworden zu sein, aber 
er war überzeugt, daß die Militaristen die Hauptfeinde einer friedlichen 
und progressiven Entwicklung in Deutschland waren. Das bedeutete keine 
Änderung der Parteilinie des Zentrums. Die Partei stand nach wie vor mit 
Ausnahme Erzbergers und seiner Anhänger auf der Position des vergan- 
genen Kaiserreiches. Zwei Tage nach dem Zusammenbruch hatte sie in 
einer Resolution das Fortbestehen der Monarchie gefordert. Später protestier- 
ten die Parteiführer, lebhaft sekundiert von der jüngeren Generation der 
Armeeoffiziere, gegen die Abschaffung des Kaiserthrones. 

Die katholische Kirche war nicht nur militanter Streiter für den Nationa- 
lismus, sondern auch Haupttriebkraft aller monarchistischen Bestrebungen. 
Sie forderte die Rückkehr des Kaisers. Kardinal Faulhaber, eine der wich- 
tigsten Säulen der katholischen Kirche in Deutschland, erklärte auf dem 
Münchener Katholikentag: „Die Revolution war Treubruch und Hoch- 
verrat. Sie wird für immer mit dem Kainszeichen gebrandmarkt in die Ge- 
schichte eingehen." 

„Kainszeichen" war nur der biblische Ausdruck für das, was die Nationa- 
listen „Dolchstoß in den Rücken" nannten. Hitler verkündete zu derselben 
Zeit und an demselben Ort das gleiche. 

Die Zentrumspartei verdammte die Revolution und haßte die „Roten", 
trotzdem beteiligte sie sich an der Regierungsarbeit der Republik. Sie stellte 
sich, wie ein führender Katholik es ausdrückte, „auf den Boden der Tat- 
sachen". Das bedeutete nicht etwa einen Gesinnungswechsel, sondern ledig- 
lich, daß sie sich einer neuen Situation angepaßt hatte, um ihre alten Ziele 
weiter zu verfolgen. Bei den katholischen Parteien darf man nie außer acht 
lassen, daß sie in erster Linie Instrumente der katholischen Kirche sind, mit 
denen die Kirche bestimmte religiöse und moralische Ziele verfolgt. 
Der politische Katholizismus kann sich daher, ohne auch nur einen Buch- 
staben seines Programms verleugnen zu müssen, jeder politischen Situation 
rasch und mühelos anpassen und taktische Züge machen, die andere 
Parteien ihr politisches Gesicht und damit vielleicht ihre Existenz kosten 
würden. 

Unter dem Kaiser war die Zentrumspartei monarchistisch und imperia- 
listisch. In der Weimarer Republik tat sie, als wäre sie republikanisch und 
demokratisch. In Wirklichkeit aber war sie geblieben, was sie von jeher 
war — eine katholische Partei. Sie änderte wohl ihre Taktik und ging selbst 
mit den ihr so verhaßten „Roten" und den Linksparteien Koalitionen ein, 
aber sie verließ niemals ihren festgelegten Kurs. Untersucht man ihre ver- 
schiedenen politischen Schachzüge in den ersten zehn Jahren der Republik, 
so kann man feststellen, daß auf jeden Schritt nach rechts ein Schritt nach 
links kam, dem wieder ein Schritt nach rechts folgte. 



143 



Oft wird die Frage gestellt, ob die Zentrumspartei mit ihrem demokra- 
tischen linken Flügel unter anderen Bedingungen eine wahrhaft demo- 
kratische Partei geworden wäre. Ihre Schwesterpartei, die Bayrische Volks - 
partei, war zu allem anderen bereit, nur nicht zu einer Bewegung in Rich- 
tung der Demokratie. Zu einer bestimmten Zeit, vor allem nach der 
militärischen Niederlage Deutschlands im ersten Weltkrieg, bestand die 
Möglichkeit hierzu. Aber die Propagierung demokratischer Ideen unter den 
katholischen Arbeitern, unter den Mittelklassen einschließlich der Journa- 
listen, Lehrer, Professoren usw. war nur eine vorübergehende und zeitbe- 
dingte Erscheinung. 

Das wurde völlig klar, als der Führer des demokratischen Flügels, Erz- 
berger, im Herbst 1921 von zwei fanatischen Parteigängern einer milita- 
ristischen Geheimorganisation, die ihren Sitz im katholischen Bayern 
hatte, ermordet wurde. Erzbergers Tod zog auch den Tod des linken Flü- 
gels der Zentrumspartei nach sich. Man bemühte sich zwar, in den linken 
Kreisen des Zentrums Nachfolger für Erzberger zu finden, aber sie wurden, 
wie zum Beispiel Dr. Wirth, ein Freund Erzbergers und Rathenaus, sehr 
bald von den „realpolitischen" Strömungen innerhalb der Partei beiseite 
geschoben. 

Einer der Gegner Erzbergers in der Partei war der Führer der christlichen 
Gewerkschaften, Stegerwald. 

Stegerwald war erfolgreicher als Erzberger, weil er als einer der ent- 
schiedensten Antidemokraten von seiner Partei gestützt wurde. Er bewun- 
derte alle autoritären Maßnahmen und hielt enge Freundschaft mit 
reaktionären Staatsbeamten und nationalistischen Militaristen. Die fort- 
währende Rivalität zwischen den sozialdemokratischen und den christlichen 
Gewerkschaften schien die Richtigkeit seiner Haltung zu bestätigen. Er 
stand an der Spitze der katholischen Arbeiter im Ruhrgebiet und trug immer 
wieder Verwirrung in ihre Reihen; viele unter ihnen wollten mit seinen 
totalitären Anschauungen nichts zu tun haben und wären lieber Erzberger 
gefolgt. Aber Erzberger wurde von den vatikanischen Autoritäten ständig 
mit Mißtrauen bedacht, während Stegerwald die Unterstützung des Vatikans 
und der Zentrumsführung genoß. Nach Erzbergers Ermordung wurde 
Dr. Marx, ein konservativer preußischer Richter, Vorsitzender der Partei. 
Seine Politik zielte darauf ab, im Reichstag das Gleichgewicht zwischen 
Links und Rechts zu halten. 

Im Jahre 1924 kündigte die Zentrumspartei plötzlich die sogenannte 
Weimarer Koalition, ein parlamentarisches Zusammengehen von Katho- 
liken, Linksliberalen und Sozialdemokraten. Die Bedingungen hatten sich 
wieder geändert, die Revolution war niedergerungen, dem Zentrum schien 
eine Koalition mit der Deutschnationalen Volkspartei geboten. Eine 



144 



Regierung unter der Führung von Dr. Marx kam zustande. Das bedeutete, 
daß die Zentrumspartei trotz ihrer großen Anhängerschaft in den arbeitenden 
Schichten auf die Seite der Schwerindustrie übergegangen war, auf die Seite 
der Junker, der extremen Nationalisten und Militaristen, die Deutschland in 
den zweiten Weltkrieg führten. 

Auch dieser plötzliche Umschwung in der Koalitionspolitik der Zentrums- 
partei ist den geistlichen und moralischen Lehren der katholischen Kirche 
als religiöser Institution zuzuschreiben. 

Äußerer Anlaß für den politischen Kurswechsel des Zentrums waren die 
sogenannten Schulgesetze. Die Weimarer Verfassung sprach sich nicht klar 
über den künftigen Schultyp in Deutschland aus. Der Streit ging vor allem 
um die Frage, ob die Kirche in Schulangelegenheiten den Vorrang haben 
sollte oder ob der Staat die Kirche beiseite schieben und den Schulpflichtigen 
eine weltliche Erziehung angedeihen lassen dürfe. 

Die deutschen Katholiken, allen voran die Hierarchie, plädierten, getreu 
ihren Zielen, für die geistliche Überwachung der Schulen und für die Bil- 
dung sogenannter Konfessionsschulen. Vor allem das deutsche Episkopat 
trat, in seinem Standpunkt durch gewisse Ratschläge des päpstlichen Nuntius 
Pacelli bestärkt, sehr streitbar auf. 

Das Streben der katholischen Kirche, über katholische Schulen zur Er- 
ziehung der deutschen Katholiken zu verfügen, war, vom kirchlichen Stand- 
punkt gesehen, durchaus verständlich. Wenn sich die Kirche auf die rein 
religiöse Seite der Angelegenheit beschränkt hätte, wäre es darüber nie zu 
einem solchen Streit gekommen. Aber diese Beschränkung legte sich die 
Kirche nicht auf, im Gegenteil, sie verquickte die Religion mit der Politik, 
machte aus den religiösen Fragen politische Fragen und aus den politischen 
religiöse. Bald mußte sie jedoch einsehen, daß sie ihr Ziel durch die Mobili- 
sierung der Geistlichkeit allein nicht erreichen konnte. Daher setzte sie ihr 
politisches Instrument, die Zentrumspartei, unter Druck. Die Partei machte 
die Sache der Kirche zu ihrer eigenen, näherte sich der Deutschnationalen 
Volkspartei, die in Schulfragen zugänglicher war, und begann unter dem 
Druck des Vatikans die sozial gesinnte Linksopposition innerhalb der Partei 
schrittweise abzuwürgen. 

So kam es zu der Koalition zwischen dem Zentrum und der potentiell 
faschistischen Deutschnationalen Volkspartei. Die Grundlage dieses Bünd- 
nisses bildeten gegenseitige Garantien. Die Nationalisten versprachen, 
einem Schulgesetz, das Konfessionsschulen unter der Aufsicht der Kirche 
berücksichtigte, zuzustimmen, die Katholiken versprachen, sich für Subven- 
tionen an die Industrie und für Einfuhrbeschränkungen einzusetzen, und 
erklärten sich, was besonders aufschlußreich ist, mit einer Kürzung des 
Sozialhaushalts einverstanden. Zweimal wurde eine Übereinkunft in dieser 



10 M959 



145 



Richtung getroffen, aber beide Male führte sie nicht zum Ziel. Das erste 
Schulgesetz von 1925 kam gar nicht vor den Reichstag, und über das zweite 
von 1927 wurden sich die Koalitionspartner selbst nicht einig. Die Partei 
Stresemanns erreichte schließlich, daß die Vorlage zurückgewiesen wurde. 
Beide Seiten forderten für sich die alleinige Kontrolle über das Schulwesen 
und über die Jugenderziehung. Der gleiche Streit brach später zwischen 
Hitler und der katholischen Kirche aus. 

Die Meinungsverschiedenheiten über das Schulgesetz führten im Früh- 
jahr 1928 zum Zerfall der Koalition. Die Wahlen im Mai brachten einen 
sensationellen Linksruck, den größten seit 1918. Die Sozialdemokratie zog 
als stärkste Fraktion in den Reichstag ein. 

Die katholische Kirche war vor allem darüber schockiert, daß das Zen- 
trum zu den Parteien gehörte, die die meisten Stimmen verloren hatten, 
und daß die Sozialdemokratie gerade unter den katholischen Wählermassen 
viele Stimmen erobert hatte. Die katholische Kirche und das Zentrum hatten 
das bisher für unmöglich gehalten. Diese Entdeckung alarmierte sowohl 
den Vatikan als auch die Führung der deutschen katholischen Partei. Das 
Zentrum verließ in der Hoffnung, die verlorenen Stimmen zurückzu- 
gewinnen, die Nationalisten und kehrte reumütig zur Koalition mit den 
Sozialdemokraten zurück. Der Sozialdemokrat Hermann Müller wurde 
Reichskanzler. Im Vatikan aber reifte eine Entscheidung hinsichtlich 
der deutschen katholischen Partei heran, die von schweren Folgen sein 
sollte. 

Damals regten sich viele Hoffnungen, daß Deutschland sozialistisch 
regiert werden und auf dieser Grundlage eine Zusammenarbeit mit den 
anderen europäischen Nationen anstreben würde. Aber diese Hoffnungen 
wurden nicht erfüllt. 1929 saßen, entgegen dem klaren Willensausdruck 
der Wähler, in den Schlüsselstellungen der deutschen Republik drei Männer, 
deren Ziel es war, die Republik zu liquidieren. Die Kombination Hinden- 
burg-Groener-Schleicher war am Werk. Alle drei hatten hohe und höchste 
Positionen in der kaiserlichen Armee innegehabt. Sie intrigierten seit 
Jahren auf militärischem und politischem Gebiet und wollten als erstes mit 
dem „langweiligen Interregnum" Schluß machen, wie sie die deutsche Re- 
publik nannten. 

1929 unternahm Hindenburg, vorwärtsgestoßen von seinen Freunden, die 
ersten Schritte in dieser Richtung. Er entließ den sozialdemokratischen 
Reichskanzler Müller und dessen Außenminister Stresemann. Hindenburg 
wollte das Prinzip abschaffen, daß der Reichskanzler das Vertrauen des 
Parlaments benötigte. Er brauchte einen Mann, der „das Vertrauen der 
Armee" genoß. Dieser Mann sollte, so war vorgesehen, auf Grund des 
Artikels 48 der Weimarer Verfassung regieren, der dem Reichspräsidenten 



146 



in bestimmten Fällen diktatorische Vollmachten übertrug. Falls das Parla- 
ment protestierte, sollte es aufgelöst werden. 

Die Verschwörer suchten eine Partei, die ihnen bei der Liquidierung der 
Republik helfen konnte, und einen Mann, der selbst die ersten Schritte 
zur Diktatur ging und den weiteren Weg zu ihr ebnete. Beides fanden sie 
im Lager des politischen Katholizismus. Die Partei war die Zentrumspartei, 
sie hatte sich bereits bei der Erziehung der Deutschen zu autoritärem Den- 
ken Verdienste erworben ; und der Mann war Dr. Brüning, ein fanatisch 
gläubiger Katholik. Er sollte ohne die Zustimmung des Parlaments, mit 
Hilfe des Artikels 48 und auf Grund von Instruktionen der Reichswehr 
regieren.* 

Es gab in Deutschland einen Mann, der, obwohl er kein Deutscher war, 
mehr von der politischen Situation im Lande verstand als mancher deutsche 
Politiker: Kardinal Eugenio Pacelli, der päpstliche Nuntius. Pacelli ent- 
stammte einer römischen Adelsfamilie. Er hatte die Adelsschule in Rom 
besucht und war ein Anhänger des früheren Kardinalstaatssekretärs Merry 
del Val, des Mannes, der die „Christliche Vereinigung Junger Männer" ver- 
dammt und seine Stellung benutzt hatte, die Rolle eines modernen Inqui- 
sitors zu spielen. 

Pacelli hatte sich 1917 im Auftrag des Papstes in die bereits erwähnten 
Verhandlungen über einen Kompromißfrieden zwischen Deutschland und 
den Alliierten eingeschaltet. Seitdem lebte er in Deutschland, anfangs in 
München, später in Berlin, und verfolgte mit Interesse die politische Ent- 
wicklung, vor allem die Entwicklung der katholischen Parteien: der Bayri- 
schen Volkspartei und der Zentrumspartei. Die Führer dieser beiden 
Parteien unternahmen nicht einen einzigen politisch wichtigen Schritt, ohne 
zuvor über den Kardinal Pacelli den Vatikan konsultiert zu haben. Kardinal 
Pacelli war engster Berater des Papstes, daher waren viele der vom Papst 
getroffenen Entscheidungen ihm zuzuschreiben. 

Als Pacelli 1920 sein Amt als päpstlicher Nuntius in Deutschland antrat, 
gab er Anlaß zu einer Sensation. Er begann, entgegen allen Erwartungen, 
mit Erzberger zusammenzuarbeiten. Einige glaubten daraufhin, daß er mit 
dem linken Flügel des Zentrums sympathisiere; andere vermuteten, daß 
er auf diese Weise versuchen wolle, die linken Tendenzen dieses Flügels 
unter Kontrolle zu bekommen. Diese Vermutung schien sich zu bestätigen. 
Pacelli behandelte nach Erzbergers Ermordung dessen Nachfolger Dr. Wirth 

* „Dieser katholische Abgeordnete stand in enger Verbindung mit deutschen nach dem 
Krieg gegründeten Geheimorganisationen. Auf dem Weg über diese Verbindungen kam 
die Verschwörung gegen die deutsche Republik zustande. Der prominente Führer der 
katholischen Gewerkschaftsbewegung, Beamte und Abgeordnete war bereits seit Herbst 
1918 aktives Mitglied einer solchen Geheimgesellschaft." (Wheeler - Bennet) 



147 



sehr kühl und schlug sich, als Dr. Marx die Führung der Partei übernahm, 
offen auf die Seite des rechten Flügels. 

Der Kardinal und der neue Zentrumsführer wurden enge Freunde. 
Dr. Marx tat keinen Schritt, ohne vorher Pacelli zu konsultieren. So dirigierte 
der Kardinal faktisch jahrelang die Politik der Zentrumspartei und gewann 
dadurch wesentlichen Einfluß auf die deutsche Politik überhaupt. Er ent- 
wickelte den Plan, die Zentrumspartei mit der Deutschnationalen Volks - 
partei eine Koalition eingehen zu lassen, ein Schritt, der verhängnisvolle 
Folgen für ganz Deutschland hatte. (Kardinal Pacelli beendete seine Mission 
als Nuntius in Deutschland am 12. Dezember 1929. 1950 ernannte Papst 
Pius XI. ihn zum Kardinalstaatssekretär.) 

Was veranlaßte den Kardinal, diese mächtige politische Partei nach 
rechts statt nach links zu führen? Was bewog ihn, eine Allianz mit den 
nationalistischen, totalitären, antidemokratischen Deutschnationalen ein- 
zugehen? 

Die Antwort ist, wie immer, wenn es sich um katholische Politik han- 
delt, dort zu finden, wo die Interessen der katholischen Kirche liegen. Die 
Kirche hatte, wenn wir vorerst von ihrer allgemeinen Ablehnung des Sozia- 
lismus und Kommunismus absehen, in Deutschland ein Sofortziel vor 
Augen: die Einführung der Konfessionsschule. Dieses Ziel wäre erreichbar 
gewesen, wenn sich Deutschland und der Vatikan auf der Grundlage eines 
Konkordats geeinigt hätten. Aber das Konkordat wurde nie unterschrieben. 
Auch das Schulgesetz trat nicht in Kraft. Trotzdem waren Pacellis Be- 
mühungen nicht erfolglos. Der deutsche Staat gewährte der katholischen 
Kirche Subsidien, die von 148 Millionen Mark im Jahre 1925 auf 163 Mil- 
lionen Mark im Jahre 1 928 stiegen. 

Kardinal Pacelli hatte bestimmte Ansichten, wie man dem Rückschlag 
bei den Wahlen von 1928 entgegenwirken müsse. Sie wurden im Vatikan, 
wo man ihn als klugen Kopf kannte, der neue Formen der Massenbeein- 
flussung auf Kosten des veralteten politischen Katholizismus einführen 
wollte, sehr ernst genommen. Der Vatikan hatte den von Pacelli vorge- 
schlagenen Weg bereits beschritten, obwohl er nach dem Krieg lange Zeit 
nicht gewußt hatte, wie er sich gegen die deutschen katholischen Parteien 
verhalten sollte. Sie hatten sich unmittelbar nach dem Krieg als überaus 
wertvolle politische Instrumente erwiesen. Die Hoffnung, sie könnten der 
Kirche auch weiterhin große Dienste leisten, erfüllte sich nicht. Die Zen- 
trumspartei war nicht länger fähig, den Einfluß auszuüben, den sie in der 
Vergangenheit gehabt hatte. Sie mußte sich Verbündete suchen - zuweilen 
sogar unter ihren Gegnern. Dies liege vor allem an der politischen Struktur 
der Weimarer Republik, meinte der Vatikan. Sie gewähre den politischen 
Gruppierungen zuviel Freiheit, und das führe zur Radikalisierung der 



148 



Massen und dadurch zur wirtschaftlichen Zerrüttung Deutschlands. Der 
Vatikan nahm daher die Nachricht, daß Tausende von Mitgliedern die 
katholische Partei verlassen, sich vom politischen Katholizismus abgewandt 
und in ihrer Mehrzahl der Sozialdemokratischen Partei angeschlossen hatten, 
mit großer Aufmerksamkeit zur Kenntnis. 

Zwar hatte man das alles seit Jahren in Rechnung gestellt, aber die Mel- 
dung über die großen Stimmenverluste bei den Wahlen von 1928 wirkte 
doch wie ein Schock. Fast eine halbe Million Wähler hatten dem Zentrum 
den Rücken gekehrt. Das war die schwerste Wahlniederlage, die die Partei 
jemals erlitten hatte. Der Ernst der Lage wurde dem besonders klar, der 
wußte, daß diese Verluste nur der vorläufige Höhepunkt einer seit Jahren 
anhaltenden Entwicklung waren. Die Schwächung des politischen Katholi- 
zismus in Deutschland löste im Vatikan Alarmstimmung aus. 

Nach der Niederlage von 1928 forderte der Vatikan die Zentrumspartei 
auf, eine Tabelle anzufertigen, aus der die Verluste der Partei seit ihrer 
Gründung zu ersehen waren. Pacelli sandte den Bericht nach Rom. Die 
Veröffentlichung wurde verboten, nur die höchsten Parteistellen und der 
Vatikan kannten den Inhalt. Die folgenden Zahlen zeigen, welchen Anteil 
die männlichen Zentrumswähler in den betreffenden Jahren an der Gesamt- 
zahl der katholischen männlichen Wähler hatten: 



Für die Zukunft bestand durchaus die Gefahr, daß die Verlustkurve noch 
steiler anstieg, da sich die katholischen Arbeiter, vor allem nach der Allianz 
der Zentrumspartei mit der reaktionären Deutschnationalen Volkspartei, 
immer mehr den sozialistischen Lehren zuwandten. Nur die katholische 
Jugend und die katholische Intelligenz gingen in ihrer Mehrzahl zu den 
Nationalisten über. 

Die Partei, die zwei Generationen hindurch dem deutschen Katholizismus 
wertvolle Dienste geleistet hatte, hörte auf, ein wirksames politisches Instru- 
ment zu sein. Man mußte etwas Wirkungsvolleres finden. Man mußte einen 
neuen Weg beschreiten, eine neue Politik konzipieren und vor allem neue 
Leute an die Macht bringen. 

Nach der Niederlage von 1928 gewannen innerhalb des Zentrums end- 
gültig die reaktionärsten Elemente die Oberhand. Der linke Flügel hatte 
faktisch aufgehört zu bestehen, er spielte bei der Festlegung der politischen 
Richtung der Gesamtpartei keine Rolle mehr. Die Partei war ein Instru- 
ment des Nuntius Pacelli geworden, die klerikalen Elemente hatten die 



1875 
1907 
1912 
1919 
1928 



85 Prozent 
65 Prozent 
55 Prozent 
48 Prozent 
39 Prozent 



149 



Vorherrschaft erlangt. Der Sprecher des rechten Flügels war der päpstliche 
Prälat Dr. Ludwig Kaas, Professor für Kirchengeschichte an der Universität 
Bonn. Er hatte sich vor allem auf außenpolitische Fragen spezialisiert» war 
außenpolitischer Sprecher der Zentrumsfraktion im Reichstag geworden 
und begleitete die deutsche Delegation zum Völkerbund nach Genf. Seine 
Hauptforderung war eine „aktivere Außenpolitik". Er stand Stresemann 
sehr kritisch gegenüber und wandte sich gegen den Versuch, Deutschlands 
Ansprüche auf dem Weg geduldiger Verhandlungen durchzusetzen. Mit 
dieser Forderung stand er in einer Front mit den Führern zweier anderer 
Parteien: mit Hugenberg, dem Führer der Deutschnationalen Volkspartei, 
und mit Hitler, dem Führer der Nazipartei. 

Kaas war nach dem ersten Weltkrieg ein eifriger Anhänger der Separa- 
tistenbewegung gewesen, die von rheinischen Katholiken finanziert worden 
war. Am 10. März 1919 hatte er an die unter dem Vorsitz von Dr. Konrad 
Adenauer in Köln tagenden Separatisten ein Telegramm zur Begrüßung 
der „Rheinischen Republik" gesandt. Es darf auch nicht vergessen werden, 
daß Kaas eng mit Dr. Seipel befreundet war, der die Schaffung eines katho- 
lischen Reiches in Mitteleuropa anstrebte. 

Entscheidend für den Einfluß von Dr. Kaas in der Partei war die Tat- 
sache, daß er ein enger Vertrauter des päpstlichen Nuntius in Berlin war. 
Pacelli und Dr. Kaas verbrachten mehrere Male gemeinsam ihren Urlaub 
in der Schweiz. Die Meinungen von Dr. Kaas galten allgemein als die Mei- 
nungen des päpstlichen Nuntius. Die Freundschaft zwischen Pacelli und 
Kaas war eine der Ursachen für das Abgleiten der Zentrumspartei nach 
rechts. Pacelli unterstützte das Bestreben bestimmter katholischer Kreise, 
sich eine nationalistische Plattform zu geben. Noch wenige Jahre zuvor 
hatte sich der Vatikan mehrmals strikt geweigert, ähnlichen Forderungen der 
Zentrumspartei nachzugeben. Erst 1924 hatte er begonnen, der nationali- 
stischen Strömung in der Partei sein Wohlwollen zu schenken, von 1928 an 
gewährte er ihr seine volle Unterstützung. In der Periode von 1924 bis 1928 
änderte der Vatikan in der ganzen Welt seine politische Taktik. Alle seine 
Aktionen in dieser Zeit zielten darauf ab, die Demokratie und den Sozia- 
lismus in den einzelnen Ländern zurückzudrängen. Die Methoden, die der 
politische Katholizismus dabei in Europa auf Anregung des Vatikans an- 
wandte, unterschieden sich wohl in ihrem Charakter, dienten aber alle dem 
gleichen Ziel. In Bayern und Ungarn war der politische Katholizismus 
legitimistisch, in Belgien und Österreich reaktionär, in Portugal, Spanien 
und Polen militaristisch und faschistisch und überall — antikommuniätisch. 

Der deutsche politische Katholizismus spielte in den Zukunftsplänen des 
Vatikans keine geringe Rolle. Aber vorerst hieß es abwarten, bis günstigere 
Umstände eintraten, die zu einer entschiedenen Veränderung der politischen 



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Situation in Deutschland führten. Der Vatikan steuerte daher die Zentrums- 
partei in den Jahren von 1924 bis 1928 nur sehr allmählich weiter nach 
rechts und erst von 1 928 an geradenwegs in die Diktatur. 

Die katholische Intelligenz, die bereits stark antisowjetisch vergiftet war, 
wurde in dieser Haltung vom Vatikan bestärkt. Der Vatikan machte auch 
unter den deutschen Katholiken kein Hehl daraus, daß er mit der Feind- 
schaft gegen den russischen Kommunismus eine weitere große Aufgabe 
verband: die Heimführung der russischen orthodoxen Kirche in den Schoß 
der katholischen Kirche. 

Dieser Haß, diese aggressive Haltung gegenüber der Sowjetunion trieben 
die katholische Kirche an die Seite der reaktionärsten politischen Kräfte 
in Deutschland, an die Seite der preußischen Junker, der Alldeutschen, der 
Nazis. Das heißt jedoch nicht, daß alle katholischen Elemente für einen 
antisowjetischen Kreuzzug eintraten. Es gab unter ihnen einige, die, wenn 
auch aus rein politischen Gründen, entschieden gegen solche Abenteuer 
waren. 

Nach der Niederlage vom Mai 1928 begann in der Partei eine heftige 
Auseinandersetzung über die künftige Linie der Partei in sozialen und 
außenpolitischen Fragen, Der klerikale Flügel mit Dr. Kaas an der Spitze, 
das heißt also die Richtung des Kardinals Pacelli, gewann die Schlacht. 
Dr. Kaas wurde im Dezember 1928 Vorsitzender der Zentrumspartei, Das 
war ein Wendepunkt. Von nun an befand sich die Zentrumspartei völlig in 
der Hand des Vatikans. Die unteren Parteistellen wußten das nicht, sie 
spürten nur, daß die Partei nun einen noch reaktionäreren und noch 
nationalistischeren Kurs steuerte. Sie wußten nicht, daß ihre Partei ledig- 
lich einem Zweck zu dienen hatte: der Zerstörung der Demokratie und der 
Vernichtung der Arbeiterbewegung durch die Errichtung einer Diktatur, 
die den Kommunismus bekämpfen und die Interessen der Kirche respek- 
tieren sollte. 

Der Plan des Vatikans wurde Zug um Zug verwirklicht. Ein Jahr nach 
der Wahl des Prälaten Dr. Kaas zum Parteivorsitzenden wurde Dr. Brüning, 
der ehrgeizige katholische Abgeordnete, zum Fraktionsvorsitzenden der 
Partei im Reichstag gewählt. Die von der Deutschnationalen Volkspartei 
und dem Zentrum ausgeheckte Verschwörung nahm Gestalt an. 

Beim Neujahrsempfang 1930 lernte Hindenburg den Mann kennen, der 
von den Verschwörern als Kanzler aus ersehen war. Man hatte ihm gesagt, 
Brüning sei der Mann, der Deutschland von der Demokratie befreien, das 
Parlament ausschalten und als Diktator mit Hilfe des Artikels 48 regieren 
könnte. 

Hindenburg und Brüning besprachen die Einzelheiten des Plans. Brüning 
machte noch einige Einwände. Er wollte die Demokratie nur schrittweise 



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beseitigen. Schließlich nahm er an, Hindenburg wiederholte das Schauspiel, 
das wir schon einmal, elf Jahre zuvor, zwischen ihm und Erzberger beob- 
achtet hatten. „Hindenburg traten plötzlich Tränen in die Augen, leichte 
Greisentränen; er ergriff mit jener berühmten Geste, mit der er so viele 
seiner Verbindungen begonnen und auch beendet hatte, Brünings Hände. ,So 
viele haben mich verraten. Geben Sie mir Ihr Wort, daß Sie mich bis an mein 
Lebensende nicht im Stich lassen werden/ " (nach Wheeler-Bennet) 

Am 27. März 1930 legte der Sozialdemokrat Müller sein Reichskanzler- 
amt nieder. Am Tage darauf wurde Brüning mit der Bildung eines neuen 
Kabinetts beauftragt. Am 31. März ernannte Hindenburg Brüning zum 
Reichskanzler. Brüning trat ein Amt an, das lediglich von einem alten 
General und der Reichswehr gestützt wurde. 

Der 1. April 1930 war für Deutschland ein bedeutsamer Tag. Als an 
diesem Tag der neue Reichskanzler vor dem Reichstag erschien, hörte die 
parlamentarische Regierungsform auf zu bestehen, ein autoritäres Regime 
begann. „Meine Regierung ist gebildet worden, um in kürzest möglicher 
Frist jene Aufgaben zu lösen, deren Lösung im Interesse des Reiches not- 
wendig ist. Dies ist der letzte Versuch, die Erfüllung dieser Aufgabe mit 
Hilfe des Reichstages in die Wege zu leiten." 

Das hieß, daß der neue Kanzler das Parlament nicht um Unter- 
stützung ersuchte, sondern ihm mit Auflösung drohte, falls die geforderte 
Unterstützung versagt würde. Der Reichstag hatte solche Worte seit den 
Tagen Bismarcks nicht vernommen. Das neue Kabinett präsentierte sich 
als ein „Kabinett der Frontsoldaten". Von nun an wurde es in Deutschland 
bedeutsam, ob ein Klann, der politisch tätig war, im Schützengraben gelegen 
hatte oder nicht. 

Der Hindenburg- Groener- Schleicher-Plan begann Gestalt anzunehmen. 
Brüning machte sich an die Arbeit. Er legte dem Reichstag ein Finanz- 
programm vor, das ihm den gewünschten Anlaß gab, mit dem Reichstag zu 
brechen. Die Einzelheiten des Programms sind unwesentlich. Es forderte 
erhöhte Militärausgaben, ungeachtet der Tatsache, daß sich der Staat in 
einer außergewöhnlich schlechten Finanzlage befand, und sah eine neue 
Steuer, die „Bürgersteuer", vor. 

Der Reichstag bemühte sich vergebens, mit Brüning zu einer Überein- 
kunft zu gelangen, und lehnte darauf einige Punkte des Programms ab. 
Damit hatten Brüning und seine Hintermänner gerechnet. Noch an dem- 
selben Abend entschied sich der Kanzler, die zurückgewiesenen Punkte des 
Programms auf dem Weg der „Notverordnungen" in Kraft zu setzen. Die 
Notverordnungen waren auf Grund des Artikels 48 der Verfassung möglich, 
in dem es hieß: „Der Reichspräsident kann, wenn im Deutschen Reich die 
öffentliche Sicherheit und Ordnung erheblich gestört oder gefährdet wird, 



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die zur Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung nötigen 
Maßnahmen treffen" und sich selbst mit diktatorischen Vollmachten aus- 
statten einschließlich des Rechts, auf dem dafür vorgesehenen Weg soge- 
nannte Notverordnungen zu erlassen. Der Artikel 48 sagte also klar, daß 
Notverordnungen nur angewandt werden durften, wenn schwere Störungen 
der inneren Ordnung oder Unruhen von gefährlichem Ausmaß zu über- 
winden waren. Von all dem konnte aber in jener Zeit nicht die Rede sein. 

Zwei Tage später forderte das Parlament Brünings Rücktritt. Brüning 
antwortete mit der Auflösung des Reichstags. Im September fanden Neu- 
wahlen statt. Nach diesen Wahlen tauchte zum erstenmal der Schatten 
Hitlers bedrohlich im Parlament auf. 107 Naziabgeordnete zogen in den 
Reichstag ein. Personen und Geschehnisse spielten dem parlamentarischen 
Diktator in die Hände. Die Sozialdemokraten, die über 142 Sitze verfügten 
und damit die stärkste Gruppe im Reichstag waren, begannen gegenüber 
Brüning mit einer Politik der „Duldung", damit „nichts Schlimmeres" ge- 
schehe. Es war eine selbstmörderische Politik. Die Wirtschaftskrise und 
Brünings Wirtschaftspolitik taten das Ihre. Die Löhne wurden um 25 bis 
30 Prozent gesenkt, aber die Lebenshaltungskosten, deren Absinken ver- 
sprochen worden war, fielen nur um 10 Prozent. Die Beamtengehälter 
wurden ebenfalls gekürzt, nur die Gehälter der Reichswehroffiziere wurden 
nicht angetastet. 

Als Brüning sein Kanzleramt antrat, gab es in Deutschland 2 Millionen 
Arbeitslose; als er es abgab, war diese Zahl auf 6 Millionen gestiegen. Der 
finanzielle Zusammenbruch wurde durch eine freiwillig auferlegte Wirt- 
schaftsblockade vertieft. Ohne dieses politische und wirtschaftliche Chaos 
hätten viele Deutsche nie daran gedacht, für Hitler zu stimmen. Das Chaos 
konnte Hitler nur recht sein: je größer das Debakel, desto stärker seine 
Anhängerschaft. Vor diesem dunklen Hintergrund vervielfachten zweifellos 
Hitlers Versprechungen von einer helleren Zukunft die Zahl seiner An- 
hänger. 

Brüning plante eine Reihe wirtschaftlicher und politischer Maßnahmen, 
mit deren Hilfe er die Reparationszahlungen herabzusetzen und gleich- 
zeitig die Armee zu bewaffnen hoffte. Im Frühjahr 1932 erklärte er, daß 
Deutschland, weil es völlig entwaffnet sei, das „gesetzliche und moralische 
Recht habe", von allen anderen Ländern ebenfalls die allgemeine Abrüstung 
zu verlangen. Er spielte sich vor der Welt als Anhänger der Abrüstung auf 
und begann gleichzeitig insgeheim aufzurüsten — ein politischer Trick, der 
unter <leui*ehe» Politikern sehr beliebt ist. Ein beredter Beweis dafür war 
unter anderem, daß während Brünings Kanzlerschaft dem Nobelpreisträger 
Carl von Ossietzky der Prozeß gemacht wurde, weil er aufgedeckt hatte, 
welche geheimen militärischen Absichten die Regierung mit dem Aufbau 



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der zivilen Luftfahrt verband. Ossietzky wurde wegen „Verrats militärischer 
Geheimnisse" zu einigen Jahren Gefängnis verurteilt. 

Brüning und sein Reichswehrminister arbeiteten Hand in Hand bei der 
geheimen deutschen Wiederbewaffnung. Er und seine militärischen Freunde 
legten besonderes Gewicht auf die Luftstreitkräfte. Flugzeugfirmen wie 
Junkers und Heinkel erhielten beträchtliche staatliche Subventionen. Es 
gab bereits 44 illegale Ausbildungslager für Militärflieger, und in den Tre- 
soren lagen bis in alle Einzelheiten ausgearbeitete Pläne für die Bombardie- 
rung der Maginotlinie und für Luftangriffe auf London und Paris. Leiter 
der „Luftfahrtabteilung" im Verkehrsministerium war unter Brüning 
der Hauptmann Brandenburg - derselbe Brandenburg, der 1 1 Jahre später 
maßgebend an der Leitung der Luftwaffenangriffe auf London beteiligt 
war. 

Auf politischem Gebiet legte Brüning, der „Hungerkanzler", wie die 
Massen ihn nannten, eine ungewöhnliche Geschäftigkeit, vor allem hinsicht- 
lich der emporkommenden Naziführer, an den Tag. Er sah in Hitler keines- 
wegs seinen Feind, im Gegenteil, er hielt ihn für seinen Verbündeten im 
Kampf gegen Demokratie und Kommunismus .und für die Wiederbewaff- 
nung Deutschlands. 

Unmittelbar nach den Wahlen im September 1930 führte Göring lange 
Geheimbesprechungen mit Minister Treviranus. Zur gleichen Zeit wurde 
Röhm, der Führer der SA, von General von Schleicher empfangen; sie ver- 
handelten über Fragen der regulären und irregulären Armee und kamen, 
wie später bekannt wurde, überein, die Struktur der nazistischen Privat- 
armee zu verändern. 

Nach diesem Vorspiel traf sich Brüning im Oktober 1930 mit Hitler. Der 
Inhalt dieses Gesprächs blieb unbekannt. Man vermutete, daß Brüning mit 
Hitler vereinbarte, eine Reihe Naziminister in sein Kabinett aufzunehmen. 
Da man sich aber später nicht über die Anzahl dieser Ministerposten einigen 
konnte, wurde das Abkommen nicht verwirklicht. 

Hitler bestritt später ebenso wie Brüning, jemals ein solches Abkommen 
geschlossen zu haben. Als aber Brüning eines Tages auf einer katholischen 
Versammlung von Nazitrupps belästigt wurde, drohte er, einiges von dem 
zu enthüllen, was Hitler ihm anvertraut hatte. Die Nazis antworteten, sie 
würden dann einiges von dem ausplaudern, was Brüning damals zu Hitler 
gesagt habe. Aus Angst, sich gegenseitig zu kompromittieren, schwiegen 
beide weiterhin über den Inhalt ihrer berühmten ersten Unterredung. An- 
fang September 1931 nahmen die beiden Parteiführer ihre Verhandlungen 
wieder auf. Brüning bedankte sich zu dieser Zeit öffentlich bei Hitler und 
seinen Leuten für die „Höflichkeit", mit der sie ihn trotz aller Kritik be- 
handelt hätten. 



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Hindenburgs Amtszeit näherte sich ihrem Ende. Brüning brauchte Hilfe, 
um die Wiederwahl Hindenburgs zu sichern. Er wollte Hindenburg ent- 
gegen der Verfassung durch den Reichstag wiederwählen lassen. Dadurch 
gelangte Hitler in eine Schlüsselstellung, denn ohne die Zustimmung der 
Nazis, die 105 Sitze im Reichstag hatten, war Brünings Vorhaben zum 
Scheitern verurteilt. Brüning kannte sowohl Hitlers Programm als auch 
seine verborgenen Absichten. Auch die Öffentlichkeit hatte damals durch die 
sogenannten Boxheimer Dokumente Einzelheiten über die von den Nazis 
ins Auge gefaßte Terrorpolitik erfahren. 

Jedem aufmerksamen Beobachter wurde es täglich klarer, daß das Kabi- 
nett Brüning trotz aller äußerlichen Gegensätze in engem Einvernehmen 
mit Hitler stand. Ende 1931 erschien ein hoher preußischer Beamter, ein 
Demokrat, bei Innenminister Groener und bat ihn um Unterstützung bei 
der Organisierung einer Revolte innerhalb der SA. Groener antwortete, 
Hitler sei ein Mann im Sinne der Gesetzlichkeit, der versprochen habe, die 
Verfassung zu respektieren. Man müsse ihn gegen all die anderen Hitz- 
köpfe unterstützen. Zur Verwunderung des Fragestellers fügte er hinzu: 
„Hitler wird sicherlich sein Wort halten." Um seiner Feststellung mehr 
Gewicht zu verleihen, machte er den Beamten aufmerksam, daß das nicht 
nur seine persönliche Meinung, sondern auch die des Reichskanzlers und 
des ganzen Kabinetts sei. 

Bevor Brüning versuchte, mit Hitler in der Frage der Wiederwahl Hin- 
denburgs unmittelbaren Kontakt aufzunehmen, traf er eine Reihe vorberei- 
tender Maßnahmen. Er sprach sich häufig lobend über ihn aus und bemühte 
sich, ihm in jeder Weise den Weg zu ebnen. Schließlich arrangierte er ein 
Treffen Hindenburgs mit Hitler, ähnlich wie andere Leute seinerzeit das 
erste Zusammentreffen des Generalfeldmarschalls mit ihm zustande ge- 
bracht hatten. Vorher bat er den katholischen Großindustriellen Thyssen, 
einen der großzügigsten Finanziers der Hitlerpartei, Hitler nahezulegen, auf 
den Generalfeldmarschall einen guten Eindruck zu machen und sich im Ge- 
spräch mit ihm bezüglich seiner politischen Pläne Mäßigung aufzuerlegen. 

Die Zusammenkunft mit dem Generalfeldmarschall hatte Erfolg. Brü- 
ning erklärte sich bereit, nach zwölf Monaten zurückzutreten, um einem 
Kabinett mit Nazis in den Schlüsselstellungen Platz zu machen. Als Gegen- 
leistung sollte Hitler die Wiederwahl Hindenburgs unterstützen und Kon- 
kordatsverhandlungen mit dem Vatikan beginnen. 

Hitler nahm das Angebot an. Brüning begründete seine Bitte um zwölf- 
monatigen Aufschub damit, daß der Völkerbund Deutschland keine Zu- 
geständnisse in der Reparationsfrage machen würde, wenn die Nazis sofort 
in die Regierung einträten. Brüning hoffte die völlige Aufhebung der 
Reparationszahlungen zu erreichen. Damit überzeugte er Hitler. 



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Nach der Zusammenkunft erklärte Hitler, Brüning habe ihn „tief beein- 
druckt". Wir wissen heute, was ihn so „beeindruckt" hatte. Das waren ein- 
mal Brünings Pläne zur Täuschung der Alliierten, zum anderen die mili- 
tärischen Vorhaben, die Brüning im Auge hatte, und schließlich das enorme 
Aufrüstungsprogramm, das der Katholik Brüning unterstützte. Der Nazi- 
statthalter und frühere Freikorpsgeneral Ritter von Epp bezeugte dies, als 
er später einmal erklärte, daß für Hitlers Entscheidung die „Wiederbewaff - 
nungspläne des Reichskanzlers" bestimmend gewesen seien. 

Brüning hielt Prälat Kaas ständig über seine Verhandlungen mit Hitler 
auf dem laufenden, und Dr. Kaas berichtete dem Papst. Der Vatikan be- 
auftragte Brüning, sicherzustellen, daß die Nazis keine Ränke gegen die 
„wahre Religion" schmiedeten. 

Trotz der Anfangserfolge führten diese Verhandlungen nicht zu dem 
von Dr. Brüning gewünschten Ziel. Zu der entscheidenden Besprechung mit 
Hitler im Januar 1932 erschien Brüning mit Groener und von Schleicher, 
Hitler brachte den SA- Stabschef Röhm mit, den Führer der radikalsten 
Gruppe unter den Nazis. Die Nazis lehnten, ebenso wie die Deutschnatio- 
nale Volkspartei, Brünings Angebot ab. Brüning wandte sich darauf an die 
Linksparteien. Er hatte Erfolg und überzeugte die Sozialdemokraten von 
der Notwendigkeit, Hindenburg wiederzuwählen und einen republika- 
nischen Block gegen die Rechtsparteien zu bilden. Er köderte die Sozial- 
demokraten mit der Losung: „Wählt Hindenburg und ihr schlagt Hitler!" 
Die Sozialdemokraten mit ihren Millionen Stimmen sicherten die Wieder- 
wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten. 

Brüning war unterdessen eifrig am Werk, die Republik zu zerstören und 
die Monarchie wiedereinzuführen. Er handelte dabei stets in Übereinstim- 
mung mit der Kirche. Seine Feindschaft gegen jede Art von Volksfront- 
regime und seine Vorliebe für monarchistische oder autoritäre Staatsformen 
waren tief in ihm verwurzelt. 

Dr. Brüning hatte als Reichskanzler einen feierlichen Eid auf die Wei- 
marer Verfassung geleistet, die mit den Worten begann: „Das Deutsche 
Reich ist eine Republik. Die Staatsgewalt geht vom Volke aus." Trotzdem 
arbeitete er in seiner ganzen Amtszeit als Reichskanzler am Sturz der Repu- 
blik, er fühlte sich ihr nicht verbunden. Drei Dinge bestimmten sein Den- 
ken und Handeln: sein Gewissen als Katholik, das von ihm die Wiederher- 
stellung der Monarchie verlangte — denn „die Autorität kommt nicht vom 
Volk", wie es die katholische Kirche wiederholt formulierte — , sein über- 
steigerter Nationalismus und seine Furcht vor den Kommunisten, deren 
Vormarsch er aufzuhalten wünschte. 

Brüning führte lange Gespräche mit Hindenburg, mit den Führern der 
Rechtsparteien und mit dem Kronprinzen. Nach seiner Vorstellung sollte 



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der Reichstag Hindenburg mit Zweidrittelmehrheit zum Reichsregenten 
wählen - das wäre mit Hilfe einer Rechtskoalition möglich gewesen — , und 
nach Hindenburgs Tod sollte der zweite Sohn des Kronprinzen Kaiser werden. 

Der Vatikan war darüber informiert, bevor Brüning die ersten Schritte 
tat. Kardinal Pacelli galt auch nach seiner Rückkehr aus Deutschland im 
Vatikan als Autorität in deutschen Fragen. Er hatte dem Plan seinen Segen 
gegeben. Der Vatikan stellte Brüning lediglich die Bedingung, in dem Kom- 
plott nicht offen aufzutreten; er fürchtete internationale Komplikationen. 
Sobald erst die Monarchie wiederhergestellt sei, wollte der Vatikan nicht 
zögern, ihr durch die Geistlichkeit, die Gläubigen und die Zentrumspartei 
jede Unterstützung zu gewähren. Brüning und die anderen Verschwörer 
nahmen die Bedingung an. Bei der Verwirklichung des Planes sollte sorg- 
fältig vermieden werden, eine Verbindung zu Brüning, zum Vatikan oder 
zur Zentrumspartei sichtbar werden zu lassen. 

Auch dieser Plan gelangte nicht zur Ausführung; Hindenburg war da- 
gegen, weil er ihn als unloyal gegen den alten Kaiser empfand. Eines aber 
hatte Brüning bei der Vorbereitung der Verschwörung erreicht: Immer 
mehr Schlüsselstellungen im Staat waren durch Generale, Großindustrielle, 
Junker und extreme Nationalisten besetzt worden. Die Militaristen hatten 
wieder die Macht in Deutschland. Das Zentrum, vor allem aber Brüning, 
hatte ihnen die Steigbügel gehalten. 

Manche behaupteten, Brüning habe die Wiederherstellung der Monarchie 
gewollt, um Hitlers Machtergreifung zu verhindern. Die Tatsachen bewei' 
sen anderes. Brünings ursprünglicher Plan, dem Hitler und Hugenberg, der 
Führer der Deutschnationalen, zugestimmt hatten, war die Zerstörung der 
Republik, die Wiederherstellung der Monarchie und die Bildung einer Re- 
gierung ausschließlich aus Vertretern faschistischer und halbfaschistischer 
Parteien und Gruppierungen, aus Nazis, Deutschnationalen und rechten 
Zentrumspolitikern. Um den letzten Punkt dieses Programms durchzusetzen, 
versprach Brüning, daß er zurücktreten und Hugenberg und Hitler den 
Weg freigeben werde, sobald die ersten beiden Punkte verwirklicht seien. 
Er äußerte sich darüber zu Hindenburg: 

„Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich zurücktreten werde, sobald der Punkt erreicht 
ist, an dem die Umwandlung der Republik in eine Monarchie gesichert scheint. Dann 
können Sie eine Regierung aus den Parteien der Rechten bilden." 

Der Papst und Kardinal Pacelli waren über diese Vorgänge ständig auf 
dem laufenden. Sie verlangten Sicherheiten, daß eine wirklich starke Re- 
gierung das Heft in die Hand nahm, die für die Sozialdemokraten keinen 
Platz ließ, und daß die kirchlichen Interessen respektiert würden. Die Ver- 
handlungen wurden in diesem Stadium vor allem von Dr. Kaas und dem 
päpstlichen Kammerherrn Franz von Papen geführt. 



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Um das gesteckte Ziel zu erreichen, mußte die sozialdemokratische Vor- 
herrschaft in Preußen gebrochen werden. Dieses Projekt hatte bereits feste 
Formen angenommen, bevor Brüning die Sozialdemokratische Partei für 
die Wiederwahl Hindenburgs benötigte. Es schlummerte dann jedoch nach 
der Präsidentenwahl einige Wochen lang in Hindenburgs Schreibtisch. Es 
wurde versucht, ein starkes Kabinett aus Katholiken und Nazis zu bilden. 
Prälat Kaas bemühte sich, über den katholischen Naziführer Gregor Strasser 
Hitler zu einem Übereinkommen zu bewegen. Aber Hitler änderte auch dies- 
mal im letzten Augenblick seine Haltung. Er dachte nicht daran, mit 
Brüning weiter zusammenzuarbeiten, er wußte, daß der katholische Kanzler 
politisch bereits ein toter Mann war. Am 30. Mai 1932 entließ Hindenburg 
den Kanzler Brüning auf Anraten der Generale und anderer reaktionärer 
Kräfte, die hinter den Kulissen eifrig am Werk waren. Sie hatten sich ver- 
schworen, die Rechte des Parlaments abzubauen und die Diktatur zu er- 
richten. Am 20. Juli wurde die sozialdemokratische Preußenregierung 
Braun -Severing durch einen Staatsstreich abgesetzt. Das erste Ziel auf 
diesem Wege war erreicht. 

Die Reichstagswahl im Juli desselben Jahres versetzte dem Vatikan einen 
solchen Schock, daß sich der Papst und Kardinal Pacelli endgültig entschlos- 
sen, den Kräften ihre Unterstützung zu leihen, die nach ihrer Meinung 
allein in der Lage waren, Deutschland von dem Weg nach links abzuhalten. 
Die Zeit der alten katholischen Partei war unwiderruflich dahin. Nur dra- 
stische Maßnahmen konnten noch helfen. Von mehr als 35 Millionen ab- 
gegebenen Stimmen hatten die Nazipartei 1 3,7 Millionen, das Zentrum (ein- 
schließlich der Bayrischen Volkspartei) 5,7 Millionen und die Sozialdemo- 
kraten und Kommunisten zusammen 13,2 Millionen Stimmen erhalten. 
Dieses Ergebnis veranlaß te Papst Pius XI. und seinen Kardinalstaatssekretär 
Pacelli, sich auf Hitler festzulegen. 

Die Erzfeinde der katholischen Kirche waren in Deutschland auf dem 
Vormarsch. Falls nicht eine eiserne Hand die Macht ergriff und diesen Vor- 
marsch stoppte, würde es zu spät sein. Wer war besser dazu geeignet als Hit- 
ler? Der Vatikan warf von nun an sein ganzes Gewicht in die Waagschale, 
um Hitler an die Macht zu bringen. Hindenburg wandte sich unmittelbar 
nach seiner Wiederwahl schroff gegen die Sozialdemokratie, unbekümmert 
darum, daß er ohne ihre Stimmen nie gewählt worden wäre, und verfolgte 
einen scharfen Rechtskurs, der schließlich mit der Inthronisation Hitlers 
endete. 

Das neue Kabinett unter General von Schleicher stand im Hintergrund 
schon bereit, als Brüning noch im Amt war. Aber die Verschwörer wurden 
sich wieder einmal nicht einig. Die Generale wünschten einen Mann, der 
ihnen die Voraussetzungen schuf, bei der ersten besten Gelegenheit 



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einzugreifen. Sie schlugen wieder einen Katholiken vor, Franz von Papen. 
Aber der Vatikan wollte, daß Hitler und Hugenberg die Macht übernäh- 
men. Prälat Kaas, der Führer der Zentrumspartei, erhielt daher Weisung, 
Papen zu veranlassen, das Amt nicht anzunehmen. Papen versprach, dies 
zu tun. Als aber Hindenburg ihn ein zweites Mal bestürmte, nahm er an. 
Kaas und der Vatikan warfen ihm vor, sein Versprechen gebrochen zu haben. 
Von Papen gab darauf eine typisch jesuitische Antwort: Das erstemal habe 
der Reichspräsident ihm als einem Mitglied der Zentrumspartei die Kanzler- 
schaft angeboten, das zweitemal jedoch ihm persönlich. 

Franz von Papen entstammte einem westfälischen, katholischen Adels - 
geschlecht. Er war reich und übte, obgleich er überall wegen seines 
Charakters verrufen war, großen Einfluß auf den engsten Führungskreis 
der Zentrumspartei und des Vatikans aus. Die „Germania", das wichtigste 
Presseorgan des deutschen politischen Katholizismus, war einige Zeit zuvor 
von ihm aufgekauft worden. 

Die katholischen Großindustriellen, die Aristokratie und die hohen Staats- 
beamten unterstützten den neuen Kanzler aus ganzem Herzen. Sie wußten, 
daß seine Ernennung der letzte Schritt zu dem von ihnen so lange erstrebten 
Ziel war. Trotz der Gegenmanöver des Prälaten Kaas und des Kardinals 
Pacelli hatten sich die Dinge zur rechten Zeit ganz in ihrem Sinne ent- 
wickelt. Die Mitgliedschaft der Zentrumspartei, die zu einem großen Teil 
aus katholischen Arbeiterfamilien bestand, dachte anders darüber. Sie 
wandte sich gegen die neue Parteiführung, gegen ihre Politik und gegen 
den neuen Kanzler, ihre Proteste unterschieden sich wenig von denen der 
Sozialdemokraten. Der oppositionellen Gruppe gelang es zeitweilig, die 
Führung der Partei an sich zu reißen; aber die hohen Herren maßen dem 
keine Bedeutung bei, da das Schicksal der Partei ohnedies besiegelt war. 

Nur der kleine Kreis der Verschwörer in Berlin und ein noch kleinerer Kreis 
im Vatikan wußten, welche Hintergründe die Kanzlerschaft Papens hatte. 
Es ging um den alten Konflikt zwischen den beiden Tendenzen innerhalb 
der Zentrumspartei, dem auch Brüning zum Opfer gefallen war. Die Ver- 
treter des „harten" Kurses wurden von Papen angeführt. Sie hatten die 
Generale von der Notwendigkeit überzeugt, bei Hindenburg Brünings Ent- 
lassung durchzusetzen. Die beiden einander befehdenden Lager in der 
Führung der deutschen Katholiken waren sich nicht einig, ob es zweckmäßig 
sei, die Zentrumspartei aufzulösen, wie es vom Papst gefordert wurde. Sie 
standen vor der Alternative, die Partei weiterbestehen zu lassen und ihr 
einen Platz in einer Koalition mit den Nazis und den Deutschnationalen 
unter Hitler zuzuweisen oder das Todesurteil der Partei zu unterschreiben 
und mit Hitler ein Abkommen zur Wahrung der vatikanischen Interessen 
in Deutschland zu schließen. 



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Brüning trat dafür ein, die Zentrumspartei in eine Koalition mit den 
Nazis und den Deutschnationalen zu führen. Er hatte den Vatikan mehr als 
einmal verständigt, daß es seiner Meinung nach falsch sei, die Zentrums- 
partei, die älteste, mächtigste und beständigste katholische Partei in Europa, 
einfach von der politischen Bühne verschwinden zu lassen. Er hatte ver- 
sprochen, zurückzutreten und Hitler den Weg frei zu machen, wenn man 
der Zentrumspartei gestattete, weiter ihre Rolle im politischen Leben Deutsch- 
lands zu spielen. Auch nach seiner Entlassung informierte er Kaas und den 
Vatikan, daß er bereit sei, einen Ministerposten in einem neuen Kabinett 
unter Hitler zu übernehmen. Er lebte ebenso wie Hugenberg in der Illusion, 
Hitler würde sie als Gleichberechtigte behandeln. Brünings Standpunkt 
wurde von Prälat Kaas und den anderen Katholiken, die dem päpstlichen 
Plan zugestimmt hatten, nicht geteilt. Sie erhielten Weisung von Kardinal 
Pacelli, zu handeln, bevor „unvorhergesehene Ereignisse unsere Pläne 
durchkreuzen". Kaas und seine Mitverschworenen setzten darauf ihre Ku- 
lissenmaschinerie in Bewegung, und Brüning, der bei den Massen des Vol- 
kes bereits in Mißkredit geraten war und sich mit der Clique, die ihn an die 
Macht gebracht hatte, überworfen hatte, wurde entlassen. 

Papens Kanzlerschaft war der Anlaß für eine Flut von Intrigen, in die 
alle verwickelt waren: die Generalsgruppe, die Führer der Rechtsparteien, 
die Zentrumspartei, Prälat Kaas, von Papen, der Vatikan und Hitler. Der 
Vatikan, Dr. Kaas und von Papen arbeiteten vereint daran, Hitler ohne 
ernsthafte Widerstände an die Macht zu bringen. Als Papens Nachfolger, 
General von Schleicher, aus persönlichen Motiven drohte, bestimmte finan- 
zielle Transaktionen, die den Vatikan und hohe Katholiken belasteten, und 
einige Korruptionsfälle, in die Hindenburg und von Papen verwickelt waren, 
zu enthüllen, überzeugte Papen den alten Reichspräsidenten, daß der Zeit- 
punkt gekommen sei, Hitler die Kanzlerschaft anzutragen. 

Anfang Januar 1933 hatte Papen im Haus eines Kölner Bankiers eine 
Zusammenkunft mit Hitler. Er erklärte ihm, daß sie von nun an offen 
zusammenarbeiten könnten; die Männer und die Maschinerie, die ihn an 
die Macht bringen sollten, ständen bereit, und der Vatikan werde ihn unter- 
stützen. Man erwarte als Gegenleistung von ihm, daß er die Kommunistische 
und die Sozialdemokratische Partei vernichte und mit dem Vatikan den 
Abschluß eines Konkordats vorbereite. Hitler sagte zu. Es wurde beschlossen, 
daß Hitler Kanzler und von Papen Vizekanzler werden sollte. 

Am 30. Januar 1933 berief Hindenburg auf Papens Vorschlag Hitler, 
einen Katholiken von Geburt, zum Reichskanzler. Einige Monate später er- 
klärte der päpstliche Kammerherr von Papen auf einer Katholikenversamm- 
lung in Köln: „Die Vorsehung hatte mich dazu bestimmt, bei der Geburt der 
Regierung der nationalen Erneuerung wesentliche Dienste zu leisten." 



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kapite L xi Nazismus, Vatikan und zweiter Weltkrieg 



Hitler und die katholische Partei - Der Vorsitzende der katholischen Partei unterstützt 
Hitler — Hitler bereitet sich auf die kommenden Ereignisse vor - Die Verantwortung des 
Vatikans - Der Preis der Hilfeleistung - Das Konkordat - Die katholische Kirche und 
Nazideutschland nach der Unterzeichnung des Konkordats - Das Rheinland und die 
katholische Kirche — Die wahren Ursachen der Feindseligkeit zwischen der katholischen 
Kirche und dem Nazismus. Die Proteste gegen die Nazis und die Interessen der Kirche. 
Kein Protest der Kirche gegen den Nazismus als politisches System - Die Erklärungen des 
Papstes und der deutschen Hierarchie zugunsten des Naziregimes - Warum Hitler der 
katholischen Kirche feindselig gegenüberstand - Innen- und außenpolitische Ziele — 
Die Mönchsprozesse — Der antikommunistische Kreuzzug — Der zweite Weltkrieg — 
1939: das Schicksalsjahr für Deutschland, den Vatikan und Europa - Berlins geheime 
Botschaft an den Vatikan — Der Papst wußte von Hitlers Plänen — Die Zusammenarbeit 
zwischen dem Papst und Hitler — Der Papst stellt Hitler drei Bedingungen — Der Fehl- 
schlag. Der zweite Weltkrieg bricht aus - Die Bemühungen des Papstes, den Krieg mit 
dem Westen zu vermeiden — Die Verbindungen des Vatikans mit reaktionären katholi- 
schen Elementen in Frankreich — Ribbentrops Besuch im Vatikan — Der Überfall auf 
Norwegen — Hitler und Mussolini am Brenner, Vorbereitung des Angriffs auf den 
Westen — Die Verbesserung der Beziehungen zwischen dem Vatikan und Hitler in inner- 
deutschen Angelegenheiten — Der Vatikan glaubt an den Sieg Hitlerdeutschlands — Der 
Vatikan beginnt Verhandlungen mit Hitler, um die Mitarbeit der katholischen Kirche bei 
der Errichtung der „Neuen Ordnung** in Europa zu sichern - Ein neues Konkordat, das 
auch die von Deutschland besetzten Länder einschließt, wird vorbereitet — Die deutsche 
Hierarchie unterstützt den „Großen Führer" - Deutsche Kardinäle und Bischöfe prophe- 
zeien Hitlers Endsieg und bieten Hitler ihre Mitarbeit beim Aufbau „Großdeut schlands u 
an - Die große Neuigkeit - Der heilige Kreuzzug gegen den „Aufstand der Steppe iC - Die 
Allianz zwischen Hitler und dem Vatikan für die künftige „Gleichschaltung Sowjetruß- 
lands" - Die katholische Kirche hetzt gegen die Sowjetunion - Erklärungen deutscher 
Kardinäle und Bischöfe - Die katholische Kirche sendet Hilfe für die Naziarmeen der 
Ostfront. Katholische antikommunistische Legionen - Die Pläne des Vatikans für die 
Reorganisierung der Welt innerhalb der nazistischen „Neuordnung" - Der Rückzug der 
Naziarmeen, die ersten Friedensfühler des Vatikans - Die Weigerung der Alliierten - 
Roosevelt sendet als seinen persönlichen Vertreter Myron Taylor zum Vatikan, um dem 
Papst zu versichern, daß die Sowjetunion in Schach gehalten wird - Der Alptraum des 
Vatikans - Roosevelt entsendet einen zweiten persönlichen Botschafter zum Vatihan, 
Kardinal Spellmans Mission in Rom - Der Vatikan, Großbritannien und die USA gegen 
die Sowjetunion - Der Papst schlägt den USA und Großbritannien die Erhaltung des 
italienischen Faschismus und des deutschen Nazismus als „Bollwerk gegen den Bolsche- 
wismus" vor - Der erste Erfolg der neuen vatikanisch-anglo-amerikanischen „Schatten- 
politik u - Mussolinis Sturz - Die Niederlage Nazideutschlands - Die Nachwirkungen* 

Hitler machte dem politischen Katholizismus in Deutschland vorerst ein 
Ende. Wenige Tage nach der Machtübernahme forderte er bereits ein 
„Ermächtigungsgesetz", das ihm auf legalem Weg diktatorische Vollmachten 
geben sollte. Hierzu benötigte er im Reichstag eine Zweidrittelmehrheit. 
Die Mandate der Kommunistischen Partei hatte er nach den Wahlen 



11 MS59 



161 



am 5. März verfassungswidrig aufgehoben. Die Zentrumspartei war jetzt 
das Zünglein an der Waage. Hitler begann daher um die Stimmen, des Zen- 
trums zu werben und führte dazu im März 1933 Gespräche mit seinen 
maßgebenden Führern, Brüning und Prälat Kaas. Beide informierten den 
Vatikan laufend über den Gang der Verhandlungen. 

Brüning stellte Hitler unter anderem die Bedingung, eine schriftliche 
Erklärung abzugeben, daß er trotz des „Ermächtigungsgesetzes*' das Veto- 
recht des Reichspräsidenten beachten werde, und erläuterte ihm, welche 
seiner außenpolitischen Bestrebungen er zu unterstützen bereit sei. Prälat 
Kaas erhielt von Hitler das feste Versprechen, in nächster Zukunft mit dem 
Vatikan ein Konkordat abzuschließen, und führte so die jahrelangen Be- 
mühungen des Vatikans zum Erfolg. Hitler war bereit, der katholischen 
Kirche im neuen Reich eine privilegierte Stellung einzuräumen, falls der 
Vatikan ihm die Stimmen des Zentrums sicherte. Der Vatikan willigte ein. 

Am 24. März 1933 tagte der Reichstag in der Krolloper in Berlin. Ab- 
gesehen von einer kleinen Opposition stimmte das Zentrum unter Führung 
von Brüning und Kaas für Hitler. Sie hatten damit das Todesurteil des 
deutschen Parlaments unterzeichnet und den Selbstmord der katholischen 
Partei eingeleitet. 

Zwei Monate später erhielt Hitler vom Reichstag ein Vertrauensvotum, 
dem nicht nur die Nazis, die Deutschnationalen und das Zentrum, sondern 
sogar die Sozialdemokraten zustimmten. 

Herr von Papen hatte unterdessen mit dem Heiligen Stuhl in Rom die 
vorbereitenden Verhandlungen über das Konkordat aufgenommen. Gleich- 
zeitig besprach Dr. Kaas in Rom die Mittel und Wege, wie das Urteil des 
Vatikans über die katholische Partei vollstreckt werden könnte, ohne einen 
Aufruhr unter den deutschen Katholiken hervorzurufen. Kaas bezeichnete in 
einer öffentlichen Erklärung Hitler als den „Träger hoher Ideale", der 
alles Erforderliche tun werde, um die Nation vor einer Katastrophe zu 
bewahren. 

Hitler hielt sein Versprechen, als er sah, daß der Vatikan auf seiner Seite 
stand. Am 23. März 1933 erklärte er: „Die nationale Regierung sieht in 
den beiden christlichen Konfessionen wichtigste Faktoren der Erhaltung 
unseres Volkstums. Sie wird die zwischen ihnen und den Ländern abge- 
schlossenen Verträge respektieren; ihre Rechte sollen nicht angetastet wer- 
den." (Zitiert nach Kreuz und Hakenkreuz von J. Neuhäusler, München, 
Verlag Katholische Kirche Bayerns, 1946, S. 11) 

Der Vatikan unterstützte zu dieser Zeit die Nazis aus vollem Herzen. Der 
Papst sandte an die Fuldaer Bischofskonferenz die Weisung, alle Geist- 
lichen zu instruieren, daß sie Hitler unterstützten. Im Annual Register 
(1933, S. 169) heißt es: „Der massenhafte Übergang der katholischen 



162 



Mittelschichten in West- und Süddeutschland auf die Seite der Nazipartei 
hatte die Macht der alten katholischen Mittelstandsparteien gebrochen. Die 
Wahlstatistiken zeigten zwar, daß die Zahl der katholischen (und jüdischen) 
Stimmen nicht zurückgegangen war, aber vier Millionen mehr Wähler als 
sonst hatten sich an der Wahl beteiligt. Viele Katholiken hatten lange ge- 
zögert, ob sie überhaupt wählen sollten. Sie haßten zwar Juden und Sozia- 
listen, wagten aber nicht, den Nazis ihre Stimme zu geben. Doch aus Rom 
kam der Befehl, allem Streit mit den Nazis ein Ende zu bereiten." (Nach der 
katholischen Revue de Deuz Mondes: Le Catholicisme et la politique mon- 
diale, vom 15. Januar 1935.) 

Einer der ersten Schritte Hitlers nach seiner Machtübernahme war die 
Auflösung des Reichstags. Wenige Tage vor den Neuwahlen ließ er das 
Reichstagsgebäude in Brand stecken, um Millionen abseits stehender Deut- 
scher zum Kampf gegen die Kommunisten zu entflammen und sich einen 
Vorwand für das rücksichtslose Vorgehen gegen die Kommunisten zu 
schaffen. 

Den nichtnazistischen Parteien wurden die Möglichkeiten, sich im Wahl- 
kampf öffentlich an breite Schichten der Bevölkerung zu wenden, stark be- 
schränkt. Ihre Versammlungen wurden überfallen, viele ihrer Zeitungen 
verboten. Unter diesen Bedingungen ging Deutschland am 5. März 1933 zur 
Wahl. Hitlers Partei erhielt, nicht zuletzt mit Hilfe vieler Katholiken, die 
meisten Stimmen und Sitze. 

Bevor Hitler das Konkordat unterzeichnete, forderte er vom Vatikan, sich 
nicht einzumischen, wenn er gegen Kommunisten, Sozialisten, Juden und 
selbst gegen gewisse katholische - vorwiegend linke — Organisationen hart 
durchgriffe. Der Vatikan stimmte zu. Er schwieg, als Hitler seinen Feinden, 
die „zufällig" auch die Feinde der katholischen Kirche waren, noch brutaler 
an die Gurgel ging und die erschütternden Verfolgungen von Juden, Kom- 
munisten und Sozialisten verschärfte. 

Im März 1933 hatte Hitler bereits die gesamte oppositionelle Presse aus- 
geschaltet; sämtliche kommunistischen Zeitungen waren verboten worden, 
und von den 200 sozialdemokratischen Zeitungen durften 175 nicht 
mehr erscheinen. Der Vatikan sah diesem Schauspiel mit unverhohlener 
Freude zu. 

Die Pogrome, die überall in Deutschland stattfanden, schockierten die 
ganze zivilisierte Welt und riefen Proteste in allen Ländern hervor. Nur 
die Institution, die behauptete und behauptet, die moralische Autorität der 
ganzen Welt zu sein, fand kein Wort zur Verteidigung der Verfolgten und 
zur Verdammung der nazistischen Untaten. Es war die gleiche „moralische 
Autorität", die wenige Jahre später das spanische Volk zum Ungehorsam 
gegen seine Regierung aufrief und unter dem Motto eines „heiligen 



163 



Kreuzzugs gegen den Kommunismus" in Mexiko einen bewaffneten Putsch 
inszenierte. 

Während Hitler mit seinem Terrorregime die katholischen Organisationen 
gleichschaltete, stieg infolge des Drucks der Geistlichkeit die Zahl der 
Katholiken, die in die Nazipartei und in nazistische Organisationen ein- 
traten, sprunghaft an. Obwohl die örtlichen Stellen der Nazipartei ziemlich 
unsanft mit den Katholiken umgingen, rührte sich die katholische Partei 
nicht. Sie hatte die katholische Hierarchie gegen sich und wußte, was 
zwischen Hitler und dem Vatikan vereinbart worden war. In ihrer Ver- 
zweiflung verließen sich die Zentrumsleute völlig auf Brüning, dessen 
Opposition gegen die Selbstauflösungsorder des Papstes an das Zentrum 
ihnen bekannt war. Brüning hoffte, den Vatikan von der Existenzberech- 
tigung der Partei überzeugen zu können, wenn er ihm bewies, daß der 
politische Katholizismus mit Hilfe der Zentrumspartei einen Druck auf 
Hitler ausüben könne und daher imstande sei, Deutschland zusammen mit 
den Nazis zu regieren. Brüning bat Hitler um eine Aussprache. Ende 
Juni 1933 verabredeten beide eine neue Zusammenkunft. Aber Hitler sagte 
kurz vorher ab. Aus Rom war die Nachricht eingetroffen, daß der Vatikan 
und Papen die Konkordatsverhandlungen erfolgreich abgeschlossen hatten. 
Das Schicksal der Zentrumspartei war damit endgültig besiegelt. 

Die Zentrumspartei, die Partei, die im Kampf gegen Bismarck gesiegt 
hatte, in der Hitler einen seiner größten Feinde sah, erhielt vom Vatikan die 
Weisung, sich selbst aufzulösen und so den Nazis den Weg zur absoluten 
Diktatur freizugeben. Am 5. Juli 1 933 veröffentlichte die Partei den Beschluß 
über ihre Selbstauflösung. Er lautete: 

„Die politische Umwälzung hat das deutsche Staatsleben auf eine völlig neue Grund- 
lage gestellt, die für eine bis vor kurzem mögliche parteipolitische Betätigung keinen 
Raum mehr läßt. Die deutsche Zentrumspartei lost sich daher im Einvernehmen mit 
dem Herrn Reichskanzler Hitler mit sofortiger Wirkung auf." (Zitiert nach Germania 
vom 6. Juli 1935) 

Viele Katholiken protestierten gegen diesen Beschluß und kritisierten das 
Verhalten des Vatikans. In einer halboffiziellen Erklärung versuchte der 
Vatikan die erregten Gemüter zu beschwichtigen: 

„Der Entschluß der Regierung des Reichskanzlers Hitler, die katholische Partei aus- 
zuschalten, traf sich mit dem Wunsch des Vatikans, sich künftig nicht mehr mit Hilfe 
politischer Parteien am politischen Leben zu beteiligen, sondern die Tätigkeit der Gläu- 
bigen auf die Organisationen der Katholischen Aktion, außerhalb jeden parteipolitischen 
Rahmens, zu beschränken." Und Staatssekretär Pacelli erklärte : „Angesichts dessen, daß 
die Katholiken als politische Partei aus dem öffentlichen Leben Deutschlands ausge- 
schlossen und dadurch ihrer politischen Vertretung beraubt sind, ist es mehr denn je 
notwendig, daß sie in dem Pakt zwischen dem Heiligen Stuhl und der nationalsozialisti- 
schen Regierung die Garantien finden, die ihnen zumindest die Sicherheit geben, sich ihre 
Stellung im Leben der Nation zu erhalten. Der Heilige Stuhl sieht dies nicht nur als eine 



164 



Verpflichtung für sich selbst an, sondern auch als eine schwerwiegende Verantwortung 
der deutschen Katholiken, damit diese nicht den Vatikan rügen können, sie in einem 
Augenblick der Krise im Stich gelassen zu haben." 

Als Prälat Kaas, der Führer der Zentrumspartei, nach Rom kam, erhielt 
er vom Papst die Weisung, vor aller Öffentlichkeit Hitler seiner Unter- 
stützung zu versichern, um auf diese Weise den Anhängern des Zentrums 
klarzumachen, was sie zu tun hätten. Ob Kaas selbst von der Richtigkeit 
einer solchen Haltung überzeugt war, läßt sich nicht feststellen; Tatsache 
bleibt es jedoch, daß er nach den Unterredungen mit dem Papst und dessen 
Staatssekretär überraschend folgende Erklärung abgab: 

„Hitler weiß das Staatsschiff gut zu lenken. Noch bevor er Kanzler wurde, habe ich 
ihn einigemal getroffen und war sehr beeindruckt von seinen klaren Gedanken, von seiner 
Art, den Realitäten ins Auge zu sehen und dabei trotzdem seinen edlen Idealen treu zu 
bleiben. 

Es wäre ein Fehler, sich heute darauf festzulegen, was Hitler als Volksredner gesagt 
hat, wichtig ist allein das, was er heute und morgen als Kanzler tun wird ... Es spielt 
keine Rolle, wer regiert, wenn nur die Ordnung aufrechterhalten bleibt. Die Geschichte 
der letzten Jahre hat gezeigt, daß sich der demokratische Parlamentarismus in Deutsch- 
land als unfähig erwiesen hat." 

Auch die deutsche Hierarchie erhielt Weisung, der vatikanischen Politik 
und dem Naziregime zu folgen. Sie gehorchte mit wenigen Ausnahmen. So 
erklärte zum Beispiel Kardinal Faulhaber, daß es nötig sei, sich den von 
Hitler verkündeten allgemeinen Interessen unterzuordnen. 

Der Erzbischof von Bamberg schlug der katholischen Presse in Deutsch- 
land vor, die Bemühungen der „nationalen Regierung" um den Wieder- 
aufbau Deutschlands und die Erneuerung seines wirtschaftlichen und 
geistigen Lebens ehrlich zu unterstützen. 

Das Konkordat zwischen Hitler und dem Vatikan umfaßte 35 Artikel. Es 
enthielt alle Klauseln und Bedingungen der bisherigen Konkordate Preu- 
ßens, Bayerns und Badens. Der Vatikan hatte also mit dem neuen Konkordat 
einen Vertrag, der für ganz Deutschland galt und es ihm erlaubte, seinen 
Willen auch in den deutschen Ländern durchzusetzen, die bislang abgelehnt 
hatten, eine Übereinkunft mit dem Vatikan zu treffen. 

Die Kirche stimmte entsprechend ihrer neuen Politik in dem Konkordat 
der Forderung zu, die Geistlichen und die Religion aus der „Politik heraus-; 
zuhalten". Der Staat gab die Zusicherung, katholische religiöse Vereini-i 
gungen zu erlauben, solange sie sich auf religiöse Tätigkeit beschränkten. 
Das Konkordat regelte ferner Erziehungsfragen, die Eheschließung, die 
Ernennung von Bischöfen usw. Der Staat erklärte sich bereit, die Ernen- 
nung der Bischöfe allein der Kirche zu überlassen. Mit diesem Konkordat 
hatte der Vatikan alle wichtigen Ziele erreicht, die die katholische Kirche in 
einem modernen Staatswesen anstrebt. 



165 



Das Konkordat begann mit den Sätzen: 

„Seine Heiligkeit Papst Pius XI. und der deutsche Reichspräsident, von dem gemein- 
samen Wunsche geleitet, die zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Deutschen Reich 
bestehenden freundschaftlichen Beziehungen zu festigen und zu fördern, gewillt, das 
Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und dem Staat für den Gesamtbereich des 
Deutschen Reiches in einer beide Teile befriedigenden Weise dauernd zu regeln, haben 
beschlossen, eine feierliche Ubereinkunft zu treffen, welche die mit eimeinen deutschen 
Ländern abgeschlossenen Konkordate ergänzen und auch für die übrigen Länder eine 
in den Grundsätzen einheitliche Behandlung der einschlägigen Fragen sichern soll." 
(RGBl, IL S. 679 ff.) 

Sehen wir uns einige Artikel des Konkordats näher an: 

Freiheit der Kirche in innerkirchlichen Angelegenheiten: „Der Heilige Stuhl genießt 
in seinem Verkehr und seiner Korrespondenz mit den Bischöfen, dem Klerus und den 
übrigen Angehörigen der katholischen Kirche in Deutschland volle Freiheit." (Art. 4) 

Der Schutz der katholischen Hierarchie durch den Staat: „In Ausübung ihrer geist- 
lichen Tätigkeit genießen die Geistlichen in jeglicher Weise wie die Staatsbeamten den 
Schutz des Staates. Letzterer wird ... im Bedarfsfall behördlichen Schutz gewähren." 
(Art. 5) 

Wirtschaftliche Sicherheit: „Das Amtseinkommen der Geistlichen ist in gleichem 
Maße von der Zwangsvollstreckung befreit wie die Amtsbezüge der Reichs- und Staats- 
beamten." (Art. 8) 

Vorrechte: „Der Gebrauch geistlicher Kleidung oder des Ordensgewandes durch 
Laien . . . unterliegt staatlicherseits den gleichen Strafen wie der Mißbrauch der militä- 
rischen Uniform." (Art. 10) 

Freiheit für religiöse Orden: „Orden und religiöse Genossenschaften unterliegen in 
bezug auf ihre Gründung, Niederlassung, . . . ihre Tätigkeit in der Seelsorge, im Unter- 
richt . . . staatlicherseits keiner besonderen Beschränkung." (Art. 15) 

Eine Konzession an den Nationalismus: „Geistliche Ordensobere, die innerhalb des 
Deutschen Reiches ihren Amtssitz haben, müssen die deutsche Staatsangehörigkeit be- 
sitzen." (Art. 15) 

Alte Forderungen der Kirche verwandeln sich in Rechte: „Falls die . . . Staats- 
leistungen an die katholische Kirche abgelöst werden sollten, wird... rechtzeitig zwischen 
dem Heiligen Stuhl und dem Reich ein freundschaftliches Einvernehmen herbeigeführt 
werden. Zu den besonderen Rechtstiteln zählt auch das rechtsbegründete Herkommen." 
(Art. 18) 

Hochschulerziehung : „Die katholisch-theologischen Fakultäten an den staatlichen 
Hochschulen bleiben erhalten." (Art. 19) 

Das Recht der katholischen Kirche in der deutschen Jugenderziehung : „Der katholische 
Religionsunterricht in den Volksschulen, Berufsschulen, Mittelschulen und höheren 
Lehranstalten ist ordentliches Lehrfach und wird in Ubereinstimmung mit den Grund- 
sätzen der katholischen Kirche erteilt. Im Religionsunterricht wird die Erziehung zu 
vaterländischem, staatsbürgerlichem und sozialem Pflichtbewußtsein aus dem Geiste des 
christlichen Glaubens- und Sittengesetzes mit besonderem Nachdruck gepflegt werden, 



166 



ebenso wie es im gesamten übrigen Unterricht geschieht. Lehrstoff und Auswahl der 
Lehrbücher für den Religionsunterricht werden im Einvernehmen mit der kirchlichen 
Oberbehörde festgesetzt. Den kirchlichen Oberbehörden wird Gelegenheit gegeben 
werden, ... zu prüfen, ob die Schüler Religionsunterricht in Übereinstimmung mit den 
Lehren und Anforderungen der Kirche erhalten." (Art. 21) 

Das Recht der Kirche zur Überwachung der Lehrer: „Lehrer, die wegen ihrer Lehre 
oder sittlichen Führung vom Bischof zur weiteren Erteilung des Religionsunterrichts 

für ungeeignet erklärt worden sind, dürfen nicht als Religionslehrer verwendet 

werden.* 4 (Art. 22) 

Wenige Jahre zuvor hatte der Vatikan die Zentrumspartei angewiesen, mit den Rechts- 
parteien eine Koalition einzugehen und die Sozialdemokratie zu boykottieren, um die 
Wiedereinführung der Konfessionsschule zu erreichen. Was dem Vatikan damals nicht 
gelungen war, setzte er jetzt bei Hitler durch: „Die Beibehaltung und Neueinrichtung 
katholischer Bekenntnisschulen bleibt gewahrleistet. In allen Gemeinden, in denen Eltern 
oder sonstige Erziehungsberechtigte es beantragen, werden katholische Volksschulen 
errichtet . . ." (Art. 23) 

„In allen katholischen Volksschulen werden nur solche Lehrer angestellt, die . . . 
Gewähr bieten, den besonderen Erfordernissen der katholischen Bekenntnisschule zu 
entsprechen." (Art. 24.) 

„Orden und religiöse Kongregationen sind. . . zur Gründung und Führung von Privat- 
schulen berechtigt . . . Für Angehörige von Orden oder religiösen Genossenschaften 
gelten hinsichtlich der Zulassung zum Lehramte und für die Anstellung an Volksschulen, 
mittleren oder höheren Lehranstalten die allgemeinen Bedingungen." (Art. 25) 

Kirchliche Trauung nach den Erfordernissen der Kirche: „. . . die kirchliche Einseg- 
nung der Ehe vor der Ziviltrauung vorgenommen werden darf." (Art. 26) 

Seelsorge in der Armee: „Der deutschen Reichswehr wird für die zu ihr gehörenden 
katholischen Offiziere, Beamten und Mannschaften sowie deren Familien eine exemte 
Seelsorge zugestanden. Die Leitung der Militärseelsorge obliegt dem Armeebischof." 
(Art. 27) 

„In Krankenhäusern, Strafanstalten und sonstigen Häusern der öffentlichen Hand 
wird die Kirche . . . zur Vornahme seelsorgerischer Besuche und gottesdienstlicher Hand- 
lungen zugelassen." (Art. 28) 

Die katholische Kirche erbittet Gottes Segen für das Nazireich, weil es die Kirche zum 
gleichberechtigten Partner des Staates gemacht hat: „An den Sonntagen und den ge- 
botenen Feiertagen wird in den Bischofskirchen sowie in den Pfarr-, Filial- und Kloster- 
kirchen des Deutschen Reiches im Anschluß an den Hauptgottesdienst, entsprechend 
den Vorschriften der kirchlichen Liturgie, ein Gebet für das Wohlergehen des Deutschen 
Reiches und Volkes eingelegt." (Art. 50) 

Schließlich folgt eine Anweisung an alle Oberen der katholischen 
Kirche - vor allem an die Bischöfe — , sich zum Naziregime nicht nur loyal 
zu verhalten, sondern darüber hinaus ihre Bemühungen darauf zu richten, 
daß alle den Bischöfen unterstellten Geistlichen die Autorität des Reiches 
in gleicher Weise achten wie die ihres Bischofs : 

„Bevor die Bischöfe von ihrer Diözese Besitz ergreifen, leisten sie in die Hand des 
Reichsstatthalters in dem zuständigen Lande bzw. des Reichspräsidenten einen Treueid 



167 



nach folgender Formel: ,Vor Gott und auf die Heiligen Evangelien schwöre und ver- 
spreche ich, so wie es einem Bischof geziemt, dem Deutschen Reich und dem Lande . . . 
die Treue. Ich schwöre und verspreche, die verfassungsmäßig gebildete Regierung zu 
achten und von meinem Klerus achten zu lassen. In der pflichtmäßigen Sorge um das 
Wohl und das Interesse des deutschen Staatswesens werde ich in Ausübung des mir über- 
tragenen geistlichen Amtes jeden Schaden zu verhüten trachten, der es bedrohen könnte." 
(Art. 16) 

Als Ganzes genommen, war das Konkordat, zumindest für den Vatikan, 
sehr günstig. Deutschland ist kein katholisches Land. Die Katholiken 
machen ungefähr ein Drittel der Bevölkerung aus. Einschließlich der etwa 
7 Millionen Österreicher hatte Deutschland 1958 77 Millionen Einwohner. 
Von ihnen waren 52 Prozent protestantisch und 36 Prozent römisch-, 
katholisch. 

Der Vatikan hatte in Deutschland die Hauptziele der katholischen Kirche 
erreicht: Die Republik war beseitigt, die Demokratie zerstört, der Absolu- 
tismus hatte Einzug gehalten; in einem Land, dessen Bevölkerung über- 
wiegend protestantisch war, bestand eine enge Partnerschaft zwischen katho- 
lischer Kirche und Staat. Die Lehren, die der Papst in seinen verschiedenen 
Enzykliken verkündet hatte, trugen ihre politischen Früchte. 

Nach der Unterzeichnung des Konkordats dankten die katholische 
Hierarchie und hochgestellte Katholiken Hitler und versicherten ihm ihre 
Bereitschaft, aus ganzem Herzen mitzuarbeiten. Das Oberhaupt der deut- 
schen Kirche, Kardinal Bertram, richtete im Namen aller Erzbischöfe und 
Bischöfe Deutschlands ein Schreiben an Hitler, in dem er ihm „Anerken- 
nung und Dank aus Anlaß des Abschlusses des Reichskonkordats" aussprach. 
In dem Schreiben hieß es: 

„Das Episkopat aller Diözesen Deutschlands hat, wie die öffentlichen Kundgebungen 
erweisen, sobald es nach der Neugestaltung der politischen Verhältnisse durch Eurer 
Exzellenz Erklärungen ermöglicht wurde, sogleich die aufrichtige und freudige Bereit- 
willigkeit ausgesprochen, nach bestem Können zusammenzuarbeiten mit der jetzt wal- 
tenden Regierung, die die Förderung von christlicher Volkserziehung, die Abwehr von 
Gottlosigkeit und Unsittlichkeit, den Opfersinn für das Gemeinwohl und den Schutz der 
Rechte der Kirche als Leitstern ihres Wirkens aufgestellt hat." (Zitiert nach Germania 
vom 24. Juli 1935)* 

* Nach dem zweiten Weltkrieg erklärten die Alliierten, sie betrachteten das Konkordat 
zwischen dem Heiligen Stuhl und Deutschland als nicht mehr gültig (August 1946). Die 
deutsche Hierarchie protestierte heftig. Sie wandte sich nicht nur an den Vatikan, sondern 
auch an Großbritannien und die USA und wies darauf hin, daß die Rechte der Kirche 
durch die örtlichen deutschen Behörden beschnitten werden könnten, vor allem in den 
Ländern, in denen Linksparteien die Mehrheit hätten. Im August 1946 fand die Fuldaer 
Bischofskonferenz erstmals in ihrer neunundsiebzigj ährigen Geschichte in Anwesenheit 
eines amerikanischen Bischofs statt, des Bischofs Muench von Fargo, apostolischer 
Visitator in Deutschland. 



168 



Aber der Geist des Totalitarismus kennt keine gleichberechtigten Partner. 
Früher oder später mußte es zwischen dem Totalitarismus des Vatikans und 
dem der Nazis zum Konflikt kommen. Er entzündete sich, wie auch in den 
anderen totalitären Staaten, an dem Problem der Jugenderziehung. Beide, 
die Kirche und der faschistische Staat, verlangten die absolute Herrschaft 
auf diesem Gebiet. Die Nazis begannen mit Repressalien gegen katholische 
Vereinigungen und Schulen. Zwei Jahre lang bestimmten „Verdrießlichkeit 
und Streitsucht der Kirche und unverschämte Herausforderungen der Nazis" 
die Beziehungen zwischen den beiden nach der absoluten Macht strebenden 
Organisationen ( The Vatican and Nazism). 

Unterdessen hatte im Sommer 1934 die berüchtigte „blutige Säuberung" 
stattgefunden. Tausende wurden ermordet — Nazis, nationalistische Katho- 
liken und Nichtnazis, darunter die katholischen Politiker von Schleicher 
und Gregor Strasser. „Das Gesetz bin ich", erklärte Hitler und ließ die 
Betroffenen ohne Gerichtsverfahren exekutieren. Der Vatikan und die 
deutsche Hierarchie schwiegen. 

1935 errang Hitler seinen ersten außenpolitischen Erfolg. Das Saar- 
gebiet, das lange Jahre hindurch unter der Verwaltung des Völkerbundes 
gestanden hatte, sollte im Januar 1935 in einer Volksabstimmung über 
seinen endgültigen Status entscheiden. Unter normalen Bedingungen hätte 
niemand etwas dagegen gehabt, daß deutsches Gebiet zu Deutschland zurück- 
kam. Aber die Bedingungen waren nicht normal. Die Rückkehr des Saar- 
gebiets mußte einen Machtzuwachs für Hitler bedeuten, von dem alle Welt 
wußte, daß er auf einen Krieg zusteuerte. Trotzdem machte der Vatikan, 
der im Saargebiet großen religiösen und politischen Einfluß ausübte, nicht 
einmal den Versuch, die Wähler abzuhalten, für den Anschluß an das 
Hitlerreich zu stimmen. Wenn der Vatikan wirklich ein Gegner Hitlers 
gewesen wäre, wie er heute behauptet, wäre es ihm nicht schwergefallen, 
die katholischen Gläubigen in diesem Sinne erfolgreich zu beeinflussen. Er 
tat es nicht, im Gegenteil, er wies die katholische Hierarchie an, alle Mittel 
einzusetzen, damit die katholischen Gläubigen des Saarlands für Hitler 
stimmten. Das Ergebnis: Das überwiegend katholische Saargebiet entschied 
sich mit 477119 gegen 48637 Stimmen für Hitler. Nationalismus und 
Katholizismus hatten einander wieder einmal in die Hand gearbeitet. 

Am 7. März 1936 besetzte Hitler mit bewaffneten Kräften die laut 
Versailler Vertrag entmilitarisierte Zone des Rheinlands. Er brüskierte 
Frankreich ebenso, wie Mussolini kurz zuvor den Völkerbund brüskiert 
hatte. Großbritannien drängte Frankreich, nichts gegen Hitler zu unter- 
nehmen. Hitler konnte wieder einen großen Erfolg für sich buchen. Die 
rheinischen Katholiken begrüßten unter Führung ihrer Hierarchie be- 
geistert ihre militärische Einbeziehung in das Hitlerreich. Die katholische 



169 



Kirche hielt Dankgottesdienste ab. Von den Kanzeln flössen Ströme 
nationalistischer Phrasen, im ganzen Rheinland läuteten die Glocken. 

Damals richtete Kardinal Schulte von Köln folgendes Telegramm an den 
Obersten Befehlshaber der Wehrmacht : „An den Generalobersten Freiherrn 
von Blomberg, Berlin. In den denkwürdigen Stunden, da die Wehrmacht 
des Reiches wiederum als Hüterin des Friedens und der Ordnung in das 
deutsche Rheinland den Einzug hält, begrüße ich die berufenen Waffen- 
träger unsres Volkes mit ergriffener Seele und eingedenk des erhabenen 
Beispiels opferbereiter Vaterlandsliebe, ernster Manneszucht und aufrechter 
Gottesfurcht, das unser Heer von jeher der Welt gegeben hat. Kardinal 
Schulte." (Zitiert nach Kölner Aktenstücke, S. 118) 

Zwei Monate später ließ Hitler die Bevölkerung abstimmen, ob sie seine 
Politik billige oder nicht. Woraus bestand seine bisherige Politik? Sein 
Versprechen, die demokratische Verfassung zu respektieren, hatte er ge- 
brochen; alle anderen Parteien hatte er blutig unterdrückt; die Gefängnisse 
und Konzentrationslager hatte er mit seinen politischen Gegnern gefüllt und 
Tausende ohne Gerichtsverfahren umgebracht; er hatte Judenpogrome ver- 
anstaltet, die gesamte deutsche Jugend einschließlich der katholischen 
Jugend an die Kandare genommen und alle katholischen Laienorganisationen 
zerstört; er hatte das Konkordat gebrochen und stand, als er die Abstimmung 
forderte, in offenem Konflikt mit der katholischen Kirche. 

Aber der Vatikan befahl auch jetzt wieder der deutschen Hierarchie, 
Hitler zu unterstützen. Wenn der Papst damals wirklich gegen Hitler und 
den Nazismus gewesen wäre, dann hätte er Millionen Katholiken in ganz 
Deutschland beeinflussen können, sich zumindest der Stimme zu enthalten. 
Das Gegenteil geschah. Die deutschen Bischöfe empfahlen den Gläubigen, 
für Hitler zu stimmen. Der zu diesem Zweck an die Gläubigen gerichtete 
Hirtenbrief war im Vatikan entworfen worden. Er war ein Meisterwerk 
jesuitischer Rabulistik. Da die Bischöfe nicht die Tatsache verschweigen 
konnten, daß Hitler die Kirche verfolgte, erklärten sie, sie befänden sich in 
einem „schmerzlichen Gewissenskonflikt". Das war das mindeste, was sie 
sagen mußten, denn die ganze Nation wußte von dem offenen Konflikt 
zwischen Hitler und dem Klerus. 

In der Erklärung des Bischofs von Münster heißt es: 

„Da nicht wenige Katholiken die Besorgnis hegen und vor uns ausgesprochen hahen, 
daß ihr ,Ja* bei der Volksabstimmung am 29. Märe 1936 eine Zustimmung bedeute oder 
als eine Zustimmung ausgelegt werden könnte zu kirchen- und christusfeindlichen Maß- 
nahmen und Äußerungen, die uns in den letzten Jahren mit Schmerz und Trauer erfüll- 
ten, erklären wir im Namen aller deutschen Katholiken, denen der katholische Glaube 
Richtschnur ist: Wenn wir bei der bevorstehenden Abstimmung mit einem entschiedenen 
,Ja« antworten, so geben wir dem Vaterlande unsere Stimme. Das bedeutet aber nicht 
eine Zustimmung zu Dingen, welche zu billigen das christliche Gewissen uns verbietet. 



170 



Diese Erklärung soll und will die gesetzlich bestehende Freiheit der Stellungnahme 
zu den Gegenständen der Abstimmung nicht beschränken oder die Stellungnahme in 
rein politischen Angelegenheiten beeinflussen. Sie ist, wie der Wortlaut zeigt, einzig dazu 
bestimmt, die uns vorgetragenen Bedenken religiöser Art zu beseitigen und dadurch 
den deutschen Katholiken den Weg frei zu machen, ruhigen Gewissens mit ,Ja* zu stim- 
men, um so vor aller Welt für die Ehre, Freiheit und Sicherheit unseres deutschen 
Vaterlandes einzutreten." (Zitiert aus dem Kirchlichen Amtsblatt für die Diözese Mün- 
ster, Jahrgang LXX, Nr. 8) 

Wir müssen hier mit Nachdruck feststellen, daß der Vatikan den deut- 
schen Gläubigen nicht geraten hat, gegen Hitler zu stimmen, trotz der 
Morde, Pogrome und Willkürmaßnahmen, die Hitler Tag für Tag beging. 
Er machte lediglich die Gläubigen, die im Zweifel waren, auf die Möglich- 
keit aufmerksam, wegen der gegen die Kirche gerichteten Maßnahmen der 
Wahl fernzubleiben. Die Worte „wegen der gegen die Kirche gerichteten 
Maßnahmen" sagten alles, in ihnen erschöpfte sich der ganze Konflikt 
zwischen Vatikan und Faschismus. Die Kirche fand in der ganzen Nazizeit 
nicht ein einziges Wort gegen das politische System des Nazismus. Wenn 
sie gezwungen war, gegen bestimmte Maßnahmen der Nazis zu protestieren, 
so sprach sie immer zurückhaltend und verklausuliert und gebrauchte niemals 
jene donnernden Flüche, die sie unablässig gegen die Sowjetunion und gegen 
den Kommunismus schleuderte. 

Das Jahr 1936 brachte neue Spannungen zwischen dem Vatikan und dem 
Nazismus, weil sich die katholische Kirche in ihrer Tätigkeit behindert 
fühlte. Anläßlich der Eröffnung der Internationalen Katholischen Presse- 
ausstellung protestierte der Papst, nachdem er die üblichen Beschuldigungen 
gegen die Sowjetunion vorgebracht hatte, in milder Form gegen Nazi- 
deutschland: 

„Als zweites ist Deutschland nicht vertreten, da in diesem Land, entgegen aller Ge- 
rechtigkeit und Wahrheit, vermittels einer künstlichen und absichtlichen Vermengung 
von Religion und Politik, die wirkliche Existenz einer katholischen Presse bestritten 
wird/* (Zitiert nach Kreuz und Hakenkreuz, S. 12) 

Als der Papst in demselben Jahr eine Rede über den Bürgerkrieg in 
Spanien hielt, zog er mit den schärfsten Worten gegen die „rote Gefahr" 
und gegen Sowjetrußland vom Leder und beklagte sich dann über Nazi- 
deutschland, weil es der katholischen Presse nicht gestattete, ein gleich- 
berechtigter Partner der Nazipresse zu sein. Er sagte : 

„Was kann die katholische Kirche anderes tun, als mit Bedauern Klage zu führen, wenn 
sie mit jedem Schritt, den sie unternimmt, um der katholischen Faraüie, der katholischen 
Jugend, also gerade jenen Teilen, die ihrer am meisten bedürfen, zu helfen, ständig auf 
neue Schwierigkeiten stößt? Was kann die katholische Kirche anderes tun, wenn die 
katholische Presse gefesselt ist und mehr und mehr eingeschränkt wird, die Presse, 
deren Amt es ist, ... die Überzeugungen zu verteidigen, die die katholische Kirche als 
einzige Hüterin des wahren und ursprünglichen Christentums allein besitzt und lehrt ?" 



171 



Das war das Wesen des Konflikts zwischen Nazismus und Katholizismus. 
Zwei Jahre zuvor, Ostern 1934, hatte der Papst schon einmal diesen Ge- 
danken zum Ausdruck gebracht, als er vor ausgewählten Vertretern der 
katholischen Jungmännervereinigung offen darlegte, welche Ziele der 
Katholizismus in Deutschland verfolgt: 

„Die Stunde ist gekommen, auf die wir seit langem gewartet haben. Es genügt nicht 
mehr, vor allem in Deutschland, nur vom »christlichen Leben', von ,christlicher Lehre 1 
zu sprechen. Wir müssen ,christlich-katholisches Leben, christlich-katholische Lehre' 
sagen. Denn was bleibt schon vom Christentum übrig, vom wirklichen Christentum, 
ohne den Katholizismus, ohne die katholische Kirche, ohne die katholische Lehre, ohne 
das katholische Leben? Nichts oder so gut wie nichts, richtiger — man kann und muß es 
sagen - nicht nur falsches Christentum, sondern echtes Heidentum." 

Was verbarg sich also hinter den vatikanischen Protesten gegen den 
Nazismus? Lediglich der Unwille des Vatikans, daß Hitler das katholische 
Leben nicht als einen untrennbaren Bestandteil des Reiches behandelte. 

Als der Papst 1936 seine Stimme gegen die „Ausbreitung des Kommu- 
nismus in Spanien" erhob, behauptete er, die „kommunistischen Grausam- 
keiten" in diesem Land müßten Europa und der ganzen Welt die Augen 
Öffnen und zeigen, welchem unabwendbaren Schicksal sie entgegengingen, 
wenn nicht unverzüglich wirksame Gegenmaßnahmen getroffen würden. 
Dann fuhr er, die Nazis rügend, fort: 

„Unter jenen aber, die sich als Verteidiger der Ordnung gegen den Umsturz, der Kultur 
gegen das Umsichgreifen des gottlosen Kommunismus ausgeben, ja sich hierin den 
Primat anmaßen (Nazideutschland), sehen wir mit Schmerz eine nicht geringe Zahl von 
Leuten, die sich in der Wahl ihrer Mittel und der Einschätzung ihrer Gegner von fal- 
schen und verhängnisvollen Grundsätzen beherrschen und leiten lassen. Falschen und 
verhängnisvollen: denn wer sucht, den Glauben an Christus und die göttliche Offen- 
barung in den Herzen der Menschen und vor allem der Jugend zu schmälern und aus- 
zulöschen ; wer sich erdreistet, die Kirche Christi, die Hüterin der gottlichen Verheißungen, 
die durch göttliche Sendung berufene Erzieherin der Völker, als erklärte Feindin des 
Gedeihens und Fortschritts der Nation hinzustellen . . der zerstört die wirksamsten 
und ausschlaggehenden Verteidigungsmittel gegen das gefürchtete Übel und arbeitet 
so, sei es auch unbewußt, Hand in Hand mit denen, die er zu bekämpfen glaubt oder 
sich rühmt." (Zitiert nach Kölner Aktenstücke, S. 165). 

Auf diese Worte des Papstes Bezug nehmend, erklärte Kardinalstaats- 
sekretär Pacelli: 

„Klarer kann man es kaum ausdrücken, daß der Nationalsozialismus unfähig ist, ein 
wirksames Bollwerk gegen den Bolschewismus zu sein." 

Im Herbst 1936 beschwerte sich Kardinal Pacelli in einer Rede zur 
Eröffnung des Internationalen Kongresses der katholischen Presse über die 
Unterdrückung der katholischen Zeitungen in Deutschland und sagte: 

„Unsere Blicke richten sich besorgt nach Deutschland. Wir bedauern es tief, daß kein 
offizieller Vertreter der deutschen katholischen Presse auf diesem Kongreß anwesend 



172 



sein kann. Nach dem letzten Hirtenbrief der deutschen Bischöfe ist es unbegreiflich, 
daß die katholische Presse in Deutschland noch immer in ihrem apostolischen Kampf 
gegen den Bolschewismus behindert wird." 

Kardinal Pacellis Beschwerden richteten sich also lediglich dagegen, daß 
die katholische Presse in ihrer Arbeit eingeengt werde und daher nicht in 
der Lage sei, in dem Maße in den Haßgesang gegen die Sowjetunion ein- 
zustimmen und den Kampf gegen den Kommunismus und den Sozialismus 
zu führen, wie sie es wünschte. 

Da der Papst und sein Staatssekretär den Nazismus als politisches, wirt- 
schaftliches und soziales System nicht verdammten, sondern nur gegen offen- 
sichtlich kirchenfeindliche Akte protestierten, nahmen sowohl einige Kardi- 
näle im Ausland als auch die Kardinäle und Bischöfe in Deutschland eine 
ähnliche Stellung ein. 

So kritisierte zum Beispiel Kardinal Faulhaber 1935 in einer Predigt in 
milder Form gewisse Verletzungen des Konkordats, äußerte aber nie ein 
Wort des Protestes gegen die Festsetzung Hunderttausender politischer 
Gefangener in den Konzentrationslagern. Seine Kritik erschöpfte sich in 
einer Analyse der Irrtümer, die er für die Wurzeln der nazistischen Feind- 
schaft gegen die Kirche hielt; er trat dafür ein, daß die Stellung und die 
Rolle, die die Kirche und der Papst seiner Ansicht nach bei der Erziehung 
der Jugend, der Geistlichkeit und der Gläubigen zu spielen hatten, an- 
erkannt würden. Er sagte: „Die Regierung muß uns schützen und mit der 
katholischen Kirche zusammenarbeiten, da die katholische Kirche allein die 
Botschaft der Erlösung und der göttlichen Wahrheit verkündet." Im 
Mai 1933 riefen die bayrischen Bischöfe ihre Gläubigen auf, die Nazi- 
regierung zu unterstützen, und richteten dabei mahnende Worte an den 
Nazismus, um ihn davor zu behüten, „dem Ühel zu verfallen" : 

„So notwendig und segensvoll die harmonische Zusammenarbeit zwischen Staat und 
Kirche ist, so verhängnisvoll wirkt es sich nach dem Zeugnis der Geschichte aus, wenn 
mit Machtmitteln des Staates in das Leben der Kirche eingegriffen, wenn Kirche und 
Staat verschmolzen werden, wenn die Kirche zur Dienerin des Staates herabgewürdigt 
werden soll." (Zitiert nach Germania vom 7. Mai 1953) 

Die Bischöfe erklärten dann, daß sie keinerlei Form der Kritik unter- 
stützen würden, die geeignet sei, die staatliche Autorität herabzusetzen, und 
bemerkten abschließend, daß sich niemand „der großen Aufbauarbeit ent- 
ziehen" solle, aber „auch niemand zurückgestoßen werden" dürfe (ebenda). 
Im Juli 1933 forderte der Bischof von Würzburg, Matthias Ehrenfried, die 
Geistlichkeit seiner Diözese auf, sich loyal zum Naziregime zu verhalten: 

„Bei den noch neuen Verhältnissen der Gegenwart mögen von seiten untergeordneter 
Stellen Fehl- und Uber griffe vorkommen, welche das Einordnen und Einfühlen in die 
nationale Bewegung erschweren und trüben. Es ist aber nicht die Aufgabe des einzelnen 



173 



Priesters, solche Vorkommnisse zu beurteilen und abzustellen. Soweit Veranlassung dazu 
gegeben ist, wird die kirchliche Oberbehörde selbst solche Angelegenheiten behandeln." 
(Zitiert nach Germania vom 6. Juli 1933) 

Im Oktober 1933 zeigte sich Kardinal Bertram besorgt, daß Hitler der 
Kirche nicht jene Freiheit gewährte, die er ihr zugesichert hatte, und mit 
katholischen Politikern ebenso umsprang wie mit ihren sozialdemokratischen 
und kommunistischen Kollegen. Bertram sagte unter anderem: 

„Ich denke an die Sorge, die uns angesichts des Schicksals mancher führender Politiker 
befällt deren Ziel es war, in Ausübung ihrer religiösen Pflicht den Marxismus und Bol- 
schewismus in einer Form zu bekämpfen, die der damals herrschenden Staatsform ent- 
sprach." 

Der Kardinal bat Hitler, die katholischen Politiker nicht als seine Feinde 
anzusehen — weil sie in Wahrheit ganz das Gegenteil davon seien — , sie 
wieder freizulassen und nicht so zu behandeln wie die Sozialdemokraten und 
Kommunisten : 

„Wir wenden uns eindringlich an die zuständigen Stellen im Reich, in den Ländern 
bald eine ernste und großmütige Revision der schroffen Maßnahmen einzuleiten, die in 
Anwendung gebracht wurden." 

Bischof Wilhelm Berning von Osnabrück sagte in einer Predigt am 
Silvesterabend des Jahres 1934, die Kirche wolle mit dem Nazismus zusam- 
menarbeiten, könne dies jedoch nicht, solange der Nazismus versuche, „den 
Katholizismus aus den Herzen der Jugend zu reißen". Im Jahre 1935 
schrieb Bischof Matthias Ehrenfried von Würzburg in einem Hirtenbrief, 
daß die Kirche gern mit dem Nazismus zusammenarbeiten würde, die Nazis 
ihr das aber sehr schwermachten, indem sie katholische Vereinigungen und 
Schulen gleichschalteten, ja sie sogar unterdrückten, als handelte es sich um 
kommunistische. 

Der Erzbischof von Köln, Kardinal Schulte, rügte 1935 die faschistische 
Regierung, daß sie der katholischen Kirche nicht erlaube, an der Neuord- 
nung mitzuarbeiten. Er protestierte dagegen, daß die katholischen Freiheiten 
beschnitten und die Katholiken wie Staatsfeinde behandelt würden. 

Der Erzbischof von Freiburg bemängelte, daß die Nazis der katholischen 
Kirche nicht die volle Freiheit im Schulwesen zugestanden. 

Der Hirtenbrief der Fuldaer Bischofskonferenz im August 1935 kritisierte 
die Regierung, weil sie es dulde, daß „die Heiligen Schriften des alten 
Bundes und sogar die Evangelien und Paulusbriefe nicht mehr gelten" sollen 
und „an Stelle der katholischen Kirche eine sogenannte romfreie National - 
kirche errichtet werden" solle. Die Bischöfe protestierten ferner dagegen, daß 
die Nazis die Kirche des „politischen Katholizismus" beschuldigten. Sie stell- 
ten am Ende ihres Briefes die Frage: „Müssen denn wir Katholiken uns im 
eigenen Vaterland alles gefallen lassen?" Und sie antworteten: „Katholiken 



174 



machen keine Revolte und leisten keinen gewalttätigen Widerstand. Das 
ist so bekannt, daß sich von jeher solche, die einen leichten Sieg gewinnen 
wollen, gerade auf die Katholiken stürzten." (Zitiert nach dem Amtsblatt 
des Bischöflichen Ordinariats Berlin, 7, Jahrgang, Stück 11) 

Bischof Galen von Münster fragte im März 1936 in einer Predigt in Buer 
den Führer der Nazis, wie Katholiken mitarbeiten sollten, wenn ihre 
Religion nicht respektiert werde. „Wie können christliche Eltern mit 
ruhigem Gewissen ihre Kinder in das Landjahr, in das Arbeitslager, in 
Heimabende und Schulungskurse gehen lassen, wenn sie wissen, daß ihnen 
dort die der Jugend so notwendige religiöse Führung und Anleitung fehlt?" 
(Zitiert nach Kirchliches Amtsblatt für die Diözese Münster, 27. 3. 1936, 
Beilage) 

Bischof Rackl von Eichstätt predigte: „Im Konkordat ist festgelegt, daß 
die katholische Kirche volle Freiheit genießen soll. Aber ihr wißt so gut wie 
ich, daß dies nicht der Fall ist." 

Die Fuldaer Bischofskonferenz erklärte 1936: 

„Wir können es nicht begreifen, daß die katholische Presse, sogar die kirchlichen und 
religiösen Zeitschriften und Kirchenblätter, durch Verordnungen eingeschnürt werden, 
die den Eindruck erwecken, daß sie den Untergang der katholischen Presse überhaupt 
bezwecken. Wir können es nicht begreifen, daß man heranwachsende deutsche Jugend 
den christlichen Einflüssen entzieht und ihr christusfein dliche Ideen nahebringt oder sie 
durch interkonfessionelle Vermischung in der Lebenskraft ihrer katholischen Uber- 
zeugung schädigt." (Zitiert aus dem Kirchlichen Amtsblatt für die Diözese Münster, 
Jahrgang LXX. Nr. 21) 

Im Jahre 1936 meldeten sich die bayrischen Bischöfe von neuem und 
protestierten dagegen, daß der Nazismus im Katholizismus seinen größten 
Feind nach dem Bolschewismus sehe. 

Am Silvesterabend des Jahres 1935 zog Kardinal Faulhaber in einer 
Predigt gegen den Bolschewismus und gegen die Sowjetunion zu Felde und 
rief „alle Menschen guten Willens 4 * auf, für die Überwindung des Bolsche- 
wismus zu kämpfen. Anschließend riet er den Nazis, ihr Propagandafeuer 
auf die Feinde Deutschlands zu konzentrieren und nicht darauf, soviel Men- 
schen wie möglich zum Kirchenaustritt zu zwingen. Bei anderer Gelegen- 
heit protestierte er dagegen, daß die „Korrespondenzen der Bischöfe be- 
schlagnahmt, Kirchengüter konfisziert und Prozessionen verboten werden". 

Im Jahre 1938 beklagte sich Faulhaber, daß im „nächsten Jahr die 
staatlichen Subsidien für die Geistlichkeit gekürzt oder sogar völlig ge- 
strichen werden sollen". 

In demselben Jahr beschwerte sich Bischof Galen von Münster, daß 
Sprecher der Nazipartei in den letzten Monaten verschiedentlich die Kirche 
aufgerufen hätten, „sich allein mit den Dingen des jenseitigen Lebens zu 
befassen". 



175 



Der Bischof von Berlin, Graf von Preysing, protestierte in einem Fasten - 
brief dagegen, daß man der Kirche vorwerfe, sich politisch zu betätigen, 
und erklärte: „Auch Pontius Pilatus berief sich bei der Verurteilung Christi 
auf politische Gründe." 

Erzbischof Gröber von Freiburg schrieb, Hitler habe sein der Kirche ge- 
gebenes Versprechen nicht gehalten. „Als vor einigen Jahren erklärt wurde, 
daß der Marxismus tot sei, gab uns dies Anlaß zu der Hoffnung, daß auch 
der Entchristianisierung des deutschen Volkes Einhalt geboten würde. Wir 
sind enttäuscht worden." 

Die Proteste der katholischen Hierarchie häuften sich, als die Nazis in 
die katholischen Schulen und in die katholische Jugend eindrangen, als sie 
der Geistlichkeit die Achtung verweigerten und ihre Freiheit, bei Bestat- 
tungen Kollekten durchzuführen, beschnitten; als sie Witze gegen den 
Papst in Umlauf brachten und kirchliches Eigentum beschlagnahmten; als 
sie Priester und Mönche wegen homosexueller Vergehen vor Gericht stell- 
ten; als sie kirchliche Sammlungen auf die Kollekten während des Gottes- 
dienstes beschränkten usw. 

Es gab Tausende von Protesten der katholischen Geistlichkeit, der Hierar- 
chie, des Vatikans und des Papstes, aber keiner dieser Proteste richtete sich 
gegen den Nazismus als geschlossenes politisch -soziales System, gegen seine 
monströse Konzeption, gegen seine Konzentrationslager, gegen die Ver- 
folgung von Liberalen, Demokraten, Sozialdemokraten, Kommunisten und 
Juden. Die Kirche schwieg, als die Nazis Österreich und die Tschechoslowakei 
ihrer nationalen Unabhängigkeit beraubten, sie schwieg, als die Nazis Polen, 
Dänemark, Norwegen, Belgien, die Niederlande, Frankreich und schließlich 
die Sowjetunion überfielen, sie schwieg zu allen Greueln, die die Nazis der 
Welt antaten. Die Stimme der Kirche ertönte lediglich, wenn ihre eigenen 
geistigen oder materiellen Interesssen auf dem Spiel standen, und auch dann 
nur in milden Worten und begleitet von Wünschen und Forderungen nach 
Zusammenarbeit mit den Nazis. Die Kirche flehte bis in die letzten Tage 
des Regimes um eine Möglichkeit, sich an Hitlers Seite am Kampfe gegen 
die Sowjetunion und gegen den Bolschewismus zu beteiligen. 

Man darf also bei der Beurteilung der vatikanischen Politik in Vergangen- 
heit und Gegenwart nicht vergessen, daß die katholische Kirche niemals 
ihre Stimme gegen die Eroberungspolitik der Nazis erhob, sondern nur 
protestierte, wenn ihre eigenen Interessen berührt wurden. 

Hitler nahm wenig Rücksicht auf die Proteste der Kirche, er schenkte 
ihnen nur insoweit Beachtung, als er den Einfluß der Kirche zur Erreichung 
bestimmter Ziele in der Innen- oder Außenpolitik brauchte. Seine innen- 
politischen Maßnahmen zielten darauf ab, alle geistigen und kulturellen 
Kräfte der Nation unter nazistischer Führung zusammenzufassen. Diesem 



176 



Ziel hatte sich die katholische Kirche wie jede andere Institution zu unter- 
werfen. Aber diese Forderung der Nazis stieß auf den Widerstand der 
Kirche. Sie kam mit ihrem religiösen Totalitarismus dem politischen Tota- 
litarismus der Nazis ins Gehege Obwohl die Kirche und der Nazismus die- 
selben Gegner hatten - den Kommunismus, die Sowjetunion, die Demo- 
kratie usw. — , dauerten gewisse Widersprüche zwischen ihnen an und 
führten immer wieder zu Konflikten. 

Eine der Hauptursachen für diese Streitigkeiten war die für beide Seiten 
lebenswichtige Frage, wer die deutsche Jugend erziehen sollte. Die Nazis 
beanspruchten dieses Recht für sich und waren auch in der Lage, sich durch- 
zusetzen. So befahlen sie zum Beispiel allen katholischen Eltern in München, 
ihre Kinder in die staatlichen Schulen zu schicken. Die katholische Hier- 
archie protestierte wie gewöhnlich, das änderte aber nichts an der Tatsache, 
daß die Anzahl der Schüler in den katholischen Schulen von 36 464 auf 
19 266 sank, während sie in den Nazischulen von 53 auf 65 Prozent stieg. 
Ahnliche Methoden wurden in ganz Deutschland angewandt. 

Hitlers Handlungen gegen die Kirche waren nicht Selbstzweck, sondern 
sie waren von dem Bestreben diktiert, alle Kräfte des deutschen Volkes unter 
Kontrolle zu bekommen und einen Zwang auf die Kirche auszuüben, um sie 
sowohl innerhalb als auch außerhalb Deutschlands für seine politischen 
Ziele einzusetzen. Ein weiteres Beispiel dafür waren die Mönchsprozesse. 
Im Frühsommer 1936 wurden 276 Mönche des Franziskanerordens in West- 
falen unter der Anklage homosexueller Vergehen verhaftet. Nachdem eine 
Reihe von Prozessen stattgefunden hatte, verfügte der Papst die Auflösung 
einer Provinz des Franziskanerordens wegen „Ausschweifungen". Die Ge- 
richtsverfahren wurden trotzdem fortgesetzt. Der American World Alma- 
nach von 1939 berichtet auf Seite 236, daß „bis zum Oktober 1938 mehr 
als 8000 katholische Mönche und Laienbrüder verhaftet wurden". 

Im März ,1937 gab der Vatikan die Enzyklika Mit brennender Sorge 
heraus. In ihr legte der Papst seine Meinung dar, welche Rolle die Kirche 
und das Papsttum in einem geordneten Staatswesen zu spielen hätten, und 
beschwerte sich, daß Hitler die Bestimmungen des Konkordats nicht ein- 
hielte. 

Hitler antwortete mit der Frage, weshalb der Papst nicht den Kardinal 
Mundelein vonChikago zur Rechenschaft ziehe, der behauptete, die Mönchs - 
prozesse beruhten auf Fälschungen. 

Alle Streitigkeiten und alle Proteste hinderten den Vatikan nicht, das 
Hitlerregime zu unterstützen. Die wirklichen Gründe dieser Partnerschaft 
kann man nur erkennen, wenn man berücksichtigt, daß die Politik der 
katholischen Kirche auch damals ausschließlich von ihrer Furcht vor dem 
Kommunismus bestimmt war. Die Kirche hatte 1936 zu einem „heiligen 



12 M359 



177 



Kreuzzug'* aufgerufen und brauchte hierzu die Hilfe des Nazismus, der in 
seinem Haß gegen den Kommunismus der Kirche nicht nachstand. 

Die Weltlage war 1936 für die katholische Kirche alles andere als gün- 
stig. Der Kommunismus machte innerhalb und außerhalb Europas Fort- 
schritte. In Frankreich hatte sich eine Volksfront gebildet. Spanien, das 
„katholischste Land", hatte die katholische Monarchie hinweggefegt und 
eine „rote Republik" errichtet. In Lateinamerika gewannen die soziali- 
stischen und kommunistischen Ideen täglich mehr an Boden. Die Kirche 
mußte etwas unternehmen, wenn sie sich nicht widerstandslos ergeben 
wollte. Hirtenbriefe, Pressekampagnen und päpstliche Bannflüche reichten 
als Kampfmittel nicht länger aus. Die Kirche mußte Zuflucht zu den welt- 
lichen Mächten nehmen; und welche Mächte wären dafür besser geeignet 
gewesen als die faschistischen? Das war der Grund, daß sich der Vatikan 
bemühen mußte, mit dem faschistischen Italien und dem nazistischen 
Deutschland trotz ihrer kirchenfeindlichen Einstellung auf gutem Fuß zu 
bleiben! Das war der Grund, daß die Kirche die zahlreichen Schikanen 
durch den Nazismus und den italienischen Faschismus in Kauf nahm; 
Hauptsache, beide bildeten eine Gewähr dafür, daß der Kommunismus in 
Italien und in Deutschland und möglichst auch in anderen Ländern unter 
Kontrolle gehalten wurde. 

Man muß die sehr aufschlußreiche Tatsache im Auge behalten, daß der 
Vatikan, während die Nazis in Deutschland die Kirche in breitestem Um- 
fang verfolgten, nach wie vor wegen angeblicher Religionsverfolgungen 
zum Krieg gegen die Sowjetunion aufrief. Der Vatikan hatte anfangs alles 
mögliche versucht, die Nazis von ihren Kirchenverfolgungen abzubringen. 
Als aber alle Bemühungen fruchtlos geblieben waren, änderte er seine 
Taktik und schlug Hitler einen gemeinsamen Kreuzzug gegen den Bolsche- 
wismus vor, der sich anfangs nur auf Mittel- und Westeuropa und später 
vielleicht auch auf die Sowjetunion erstrecken sollte. Der Kreuzzug sollte in 
Spanien beginnen. Der Vatikan spannte auch Mussolini vor seinen Karren. 
Man bat ihn, Hitler nahezulegen, seine feindselige Haltung gegen die 
katholische Kirche aufzugeben. Man werde Hitler, wenn er an dem vom 
Vatikan geplanten Kreuzzug gegen den Bolschewismus teilnähme, in der 
Frage des „Klerikalstaates" entgegenkommen. Gemeint war Österreich. Die 
erste Hilfe müßten Hitler und Mussolini dem Vatikan jedoch in Spanien 
leisten, um dort „die Roten zu zerschmettern". Dann würde sich der Vatikan 
auch zu Hitlers Ansprüchen auf Österreich „nicht unfreundlich" verhalten. 
Hitler war auch nach der von ihm angezettelten Ermordung des Österreichi- 
schen Kanzlers Dollfuß entschlossen, Österreich zu annektieren. Er erblickte 
in dem Vorschlag des Vatikans eine Möglichkeit, seine Autorität in Europa 
zu stärken und mit Mussolini ein enges Bündnis zu schließen. Außerdem bot 



178 



sich ihm hier die Gelegenheit, seine im Aufbau begriffene Wehrmacht zu 
erproben. Er nahm das Angebot an. 

Kurze Zeit darauf wies der Vatikan die deutsche Hierarchie an, Hitler zu 
bitten, seine Zusicherungen einzuhalten und alle Feindseligkeiten gegen 
die katholische Kirche einzustellen*. Die Bischöfe gaben Hitler zu verstehen, 
daß die deutschen Katholiken und die katholische Kirche bereit seien, Seite 
an Seite mit ihm an jeder Kampagne gegen den Bolschewismus teilzuneh- 
men. Der Brief war von allen deutschen Bischöfen unterzeichnet und wurde 
am 12. September 1936 in der National-Zeitung veröffentlicht. Sie fragten 
darin Hitler offen und direkt, ob er es den Katholiken erlaube, mit ihm 
„gegen die ständig wachsende Weltgefahr des Bolschewismus, der seine 
verruchte Hand in Spanien, Rußland und Mexiko erhebt, zu kämpfen". 
Aber sie gingen noch weiter. Sie zitierten nicht nur diese Worte, die der 
Papst einige Wochen zuvor zu spanischen Priestern und Nonnen gesprochen 
hatte, sondern machten ihm auch unmißverständlich klar, daß sie sowohl 
seinen Krieg gegen das republikanische Spanien als auch den gegen die 
Sowjetunion unterstützen wollten und daß „Kanonen allein" nicht aus- 
reichten, das „bolschewistische Ungeheuer" zu bekämpfen. Diese gegen den 
Erzfeind der Kirche, den Bolschewismus, gerichteten Worte ließen keinen 
Zweifel über den Wunsch des Vatikans, einen ideologisch -religiösen Krieg 
zu entfachen. 

Die Mönchsprozesse und die Gleichschaltung der katholischen Jugend- 
organisationen wurden jedoch fortgesetzt. Mussolini bat Hitler noch einmal, 
seine feindseligen Handlungen gegen die katholische Kirche einzustellen 
(The Times, 4. Nov. 1936). Kardinal Faulhaber wiederholte in einer Unter- 
redung mit Hitler in noch präziserer Form, daß alle deutschen Bischöfe und 
Geistlichen bereit seien, jedes seiner Unternehmen gegen den Bolschewismus 
zu unterstützen; der Vatikan werde seinen Einfluß im Ausland geltend 
machen, um Hitlerdeutschland zu helfen; Voraussetzung sei jedoch, daß 
Hitler die Kirche innerhalb der Grenzen des Reiches respektiere. Der Kardi- 
nal bat, der katholischen Kirche die Aufsicht über ihre Schulen zurückzu- 
geben. 

Hitler ließ sich überreden. Einige Tage später aber wurde er von seinem 
Kultusminister wieder umgestimmt, der die Ansicht vertrat, das Regime 
benötige die Unterstützung der Kirche nicht mehr (The Times, 17. Novem- 
ber 1936). Anfang des Jahres 1937 nahmen die Nazis alle katholischen 
Schulen in Bayern und anderen Ländern unter ihre Aufsicht. 

Wieder mußte sich die Kirche unterwerfen. Sie mußte sich entscheiden, 
was für sie wichtiger war: die Stärkung ihrer Stellung in Deutschland oder 
der Kampf gegen den Kommunismus. Die Kirche entschied sich: Sie pro- 
testierte und arbeitete mit Hitler und Mussolini zusammen, wie immer, 



179 



wenn es galt, die roten Feinde zu vernichten und andere Völker abzuhalten, 
sich demokratische oder sozialistische Regierungsformen zu schaffen. 

Während die Wehrmacht in Spanien ihre neuen Waffen ausprobierte und 
Mussolini Hunderttausende italienischer Soldaten^mit dem Segen der katho- 
lischen Kirche für Franco kämpfen ließ, annektierte Hitler, unterstützt vom 
Vatikan, Österreich. Das Unternehmen wurde von Hitler mit romhörigen 
österreichischen Katholiken vorbereitet und ausgeführt; auch ein Kardi- 
nal leistete Hilfestellung und ließ beim Einzug Hitlers in Wien die Glocken 
läuten. Zur gleichen Zeit war der Vatikan bereits dabei, mit Hilfe der slo- 
wakischen Katholiken die Tschechoslowakische Republik zu zersetzen. So 
okkupierte Hitler innerhalb eines Jahres zwei Staaten: im März 1938 
Österreich und im März 1939 die Tschechoslowakei. 

Das Jahr 1939 war ein Schicksals] ahr für viele Länder, auch für den 
Vatikan. Albanien wurde von den italienischen Faschisten überfallen und 
okkupiert, die spanische Republik verlor ihre letzten Schlachten gegen den 
europäischen Faschismus und mußte sich der katholischen Diktatur Francos 
beugen; die Tschechoslowakei wurde erwürgt, Polen zu Boden geworfen; 
der zweite Weltkrieg hatte begonnen. 

Anfang 1939 war Pius XI. gestorben. Über seinen Nachfolger bestanden 
keine Zweifel. In den letzten zehn Jahren hatte Kardinal Pacelli die Politik 
des Vatikans geleitet. Diese Politik mußte fortgesetzt werden. Es war kein 
Zufall, daß die Kardinäle Faulhaber (München), Innitzer (Wien), Hlond 
(Polen) - der davon träumte, gegen die Sowjetunion zu marschieren und 
dieses Land dem „Heiligen Herzen Jesu" zu weihen - und Schuster (Mai- 
land) am stärksten für die Wahl Pacellis eintraten. 

Pacelli wurde unter dem Namen Pius XII. zum Papst gewählt. Er be- 
gann seine Tätigkeit mit einer großen Friedenskampagne. Die katholische 
Presse war voll von schönen Worten, die zum Frieden mahnten und auf- 
forderten, die Freiheit aller Nationen zu achten und alle Konflikte ohne 
Krieg zu lösen. Die Taten des neuen Papstes standen jedoch in krassem 
Widerspruch zu diesen Worten. Nach wie vor hielt er enge Verbindung mit 
Mussolini und Hitler, die beide den Vatikan und seine Kirche brauchten, 
um ihre Eroberungspläne zu verwirklichen. Die Naziregierung führte 
monatelang Geheimbesprechungen mit dem Vatikan, deren Inhalt bis heute 
nicht völlig bekannt geworden ist. Man weiß lediglich, daß sie im wesent- 
lichen denen glichen, die vor dem Ausverkauf Österreichs und vor der Okku- 
pation der Tschechoslowakei stattgefunden hatten. Wer würde das nächste 
Opfer sein? 

Nach zahlreichen Verhandlungen sandte der päpstliche Beauftragte 
in Berlin am 24. April 1939 durch Sonderkurier einen Brief an Pius XII. 
Das Schreiben war so geheim, daß keiner außer dem Papst und dem 



180 



Kardinalstaatssekretär etwas von seinem Inhalt erfuhr. Der Papst schloß 
sich zwei Tage lang in sein Studienkabinett ein, um die Antwort zu ent- 
werfen. Er schrieb sie schließlich mit der Hand, damit sie auch im Vatikan 
geheim blieb. 

Hitler wurde sofort nach Eintreffen der Antwort in Berlin über ihren 
Inhalt verständigt. Im Vatikan setzte eine fieberhafte Tätigkeit ein. Zwi- 
schen den Nuntiaturen in Berlin, Warschau und Paris entspann sich im 
Mai und Juni eine lebhafte Geheimkorrespondenz. Viele Botschafter, vor 
allem der deutsche, der französische und der polnische Vertreter beim Vati- 
kan, suchten den Staatssekretär oder den Papst häufiger als sonst in offiziel- 
ler oder inoffizieller Mission auf. Was war im Gange? Welchen Entschluß 
hatte der Papst gefaßt? 

Wir haben heute genügend zeitlichen Abstand von diesen Ereignissen, 
um richtig einschätzen zu können, was sich damals hinter den Kulissen ab- 
spielte.* 

Der Papst war damals über Hitlers Kriegspläne gegen Polen unterrichtet. 
Hitler hatte ihm seine politische Strategie und seine letzten Ziele dargelegt. 
Der Papst wußte also auch, daß Hitler, um seine Ziele zu erreichen, einen 
europäischen Krieg riskieren würde. Hitlers Hauptziel war die Vernichtung 
der Sowjetunion. Deshalb mußte er Polen besetzen. Die Tschechoslowakei 
genügte nicht als Aufmarschbasis gegen die Sowjetunion. Der Papst sollte 
daher seinen Einfluß geltend machen, um Polen, das sich schon bereit- 
willig an der Zerreißung der Tschechoslowakei beteiligt hatte, von der 
Notwendigkeit zu überzeugen, auf Hitlers Forderungen, vor allem in der 
Danziger Frage, einzugehen und dann einen Geheimvertrag über einen 
Einfall in die Sowjetunion zu schließen. Hitler war entschlossen, die Frage 
militärisch zu lösen, falls Polen auf seine Vorschläge nicht eingehen sollte. 
Für diesen Fall bat er den Papst, die Invasion nicht zu verurteilen und die 
polnischen Katholiken nicht zum Widerstand gegen die Deutschen auf- 
zufordern, sondern sie für einen Kreuzzug gegen die Sowjetunion zu gewin- 
nen. Hitler versprach, alle Privilegien der Kirche in Polen zu respektieren 
und Polen nur „zeitweilig" zu besetzen. 

* Nach dem zweiten Weltkrieg kamen zahlreiche Dokumente zum Vorschein, die 
licht in die damalige dunkle Tätigkeit des Vatikans brachten. Die meisten dieser Doku- 
mente waren in den Händen der Richter und Anklagevertreter des Nürnberger Inter- 
nationalen Militärtribunals. Obendrein äußerten sich darüber einige gut informierte 
Persönlichkeiten. So enthüllte zum Beispiel Frangois Charles-Roux, der frühere fran- 
zösische Botschafter beim Heiligen Stuhl, daß der Papst im Mai 1959 die britische, fran- 
zösische, deutsche, italienische und polnische Regierung gedrängt habe (man beachte, 
daß die Sowjetunion hier nicht genannt ist!), die zwischen Deutschland und Polen sowie 
zwischen Frankreich und Italien bestehenden Streitfragen auf einer Konferenz zu 
klären. (Revue de Paris, September 1946) 



181 



Der Papst stand vor einem schicksalsschweren Dilemma. Seit zwanzig 
Jahren war das Hauptziel der vatikanischen Politik die Vernichtung des 
Kommunismus und seines Zentrums, der Sowjetunion. Seit zwanzig Jahren 
half der Vatikan, um dieses Hauptziel zu erreichen, überall, wo es ihm 
möglich war, totalitären Regimen in den Sattel. Nun rückte dieses lang- 
ersehnte Ziel in greifbare Nähe. Die Zerschlagung der Sowjetunion würde 
nicht nur die Beseitigung einer großen atheistischen Macht bedeuten, son- 
dern gleichzeitig die Quelle zuschütten, aus der die Kommunisten in aller 
Welt ihre Kraft schöpften. Schließlich würde ein weiterer großer Traum des 
Vatikans in Erfüllung gehen: die Rückkehr der orthodoxen Kirche in den 
Schoß des Katholizismus. 

Das war die eine Seite des Dilemmas, die andere Seite bot folgende 
Aspekte: Polen war ein katholisches Land, es wurde von einem katholischen 
Diktator regiert, der enge Beziehungen zum Vatikan unterhielt. Durfte 
man Polen opfern, um das letzte Ziel, die Zerschmetterung der Sowjetunion, 
zu erreichen? Würde ein deutscher Einfall in Polen nicht einen Weltkrieg 
auslösen? Würde sich Frankreich an einem solchen Krieg beteiligen? Würde 
der päpstliche Einfluß ausreichen, die prohitleri sehen und antisowjetischen 
Kräfte entscheidend zu stärken? 

Pius XII. stand vor der wichtigsten Entscheidung seiner politischen und 
diplomatischen Laufbahn: Durfte er ein katholisches Land, Polen, aber 
vielleicht auch Frankreich und andere Länder, opfern und damit die Ver- 
antwortung für den Ausbruch eines Weltkrieges auf sich laden, um das 
wichtigste politische Ziel der katholischen Kirche zu erreichen? 

Pius XII. entschied sich: Ja, ich darf. Er stellte drei Bedingungen: 

1 . Er müsse die Möglichkeit haben, Friedensvorschläge zu unterbreiten 
und eine diplomatische Friedenskampagne einzuleiten; außerdem müsse 
alles versucht werden, mit Polen und den Westmächten zu einem Kompro- 
miß zu gelangen. 

2. Falls der Einfluß des Vatikans in Polen nicht ausreiche und die In- 
vasion des Landes nicht zu vermeiden sei, dürfe Deutschland den Polen nur 
ein Minimum an physischen und moralischen Lasten aufbürden und vor 
allem die polnischen Gläubigen wegen ihres Widerstandes nicht verfolgen; 
die Interessen der Kirche müßten respektiert werden. 

3. Niemals dürfe bekannt werden, daß der Vatikan mit Deutschland über 
einen Einfall in die Sowjetunion verhandelt habe. Der Vatikan werde offi- 
ziell in dieser Frage keine Verantwortung übernehmen, er werde aber seinen 
Einfluß ausnutzen, um Frankreich von der Erfüllung seiner Verpflichtun- 
gen hinsichtlich des französisch -sowjetischen Paktes abzuhalten, und zur 
Bildung katholischer Legionen für den Kreuzzug gegen die Sowjetunion 
aufrufen. Schließlich dürfe Deutschland die Kirche weder als „Mutter der 



182 



Christenheit" noch als offizielle Institution auffordern, einen „heiligen 
Krieg" gegen Rußland zu führen. 

Hitler war mit allem einverstanden. Daraufhin begann der Vatikan mit 
Hilfe des Kardinals Hlond einen Druck auf die polnische Regierung aus- 
zuüben. In Frankreich ließ er katholische Kreise erklären, daß Frankreich, 
falls das Schlimmste geschehe, nicht in den Krieg gegen Deutschland ein- 
treten dürfe. Aber alle diese Bemühungen schlugen fehl. Daran war weniger 
der Papst schuld als vielmehr die unnachgiebige Haltung Hitlers, der bereits 
beschlossen hatte, Polen zu zerschmettern. 

So begann am 1. September 1939 Hitlers Überfall auf Polen. Am 3. Sep- 
tember traten Frankreich und Großbritannien, allen Bemühungen der 
katholischen Kirche und anderer interessierter Kräfte zum Trotz, in den 
Krieg ein. Der zweite Weltkrieg hatte begonnen. . 

Die Nachricht vom Kriegseintritt Frankreichs und Großbritanniens traf 
den Papst schwer, tagelang befürchtete man, seine Gesundheit habe ernst- 
lich Schaden gelitten. Aber er hielt sein Versprechen. Statt die Welt zum 
Protest gegen den deutschen Überfall aufzurufen, stellte er sich taub und 
stumm. Kein Wort der Verurteilung, kein Hinweis, daß der höchste Richter 
der katholischen Moral Nazideutschland zumindest morälisch verdamme. 

Während Warschau den Schrecken der Bombenangriffe erlebte und 

katholische Gläubige massenweise von der deutschen Luftwaffe hingemordet 

wurden, beteten deutsche Erzbischöfe und Bischöfe zu Gott, er möge das 

Dritte Reich beschützen und seinen Führer erleuchten. Sehen wir uns einige 

Auszüge aus einem Gebet an, das Tausende von Geistlichen auf Anweisung 

des Bischofs von Münster, des Grafen von Galen, nach der Messe sprachen. 

Das Gebet begann: 

„Laßt uns beten nach der Meinung des Heiligen Vaters um Abwehr der Gefahr der 
Gottlosigkeit, um Frieden und Freiheit für unsere Heilige Kirche, um Gottes Schutz 
und Segen für unser Volk und Vaterland." (Zitiert nach dem Kirchlichen Amtsblatt für 
die Diözese Münster, Jahrgang LXXIII, Nr. 25) 

An anderen Stellen heißt es: 

„. . . Allmächtiger ewiger Gott! Wir bitten dich, nimm unser Vaterland in deinen be- 
ständigen Schutz : Erleuchte seine Lenker mit dem Lichte deiner Weisheit, damit sie er- 
kennen, was zur wahren Wohlfahrt des Volkes dient, und das, was recht ist, in deiner 
Kraft vollbringen. Schütze alle Angehörigen unserer Wehrmacht und erhalte sie in deiner 
Gnade, stärke die Kämpfenden . . 

„Bewahre, Herr, unsere Heimat vor feindlichen Angriffen, vor Hunger und Not . . .** 
(ebenda) 

Als bald nach Hitlers Überfall auf Polen ein anderer Krieg, der finnisch - 
sowjetische Winterkrieg, begann, hatte der Papst plötzlich seine Sprache 
wiedergefunden. Der Osservatore Romano, das offizielle Organ des Vati- 
kans, der ebenso wie der Papst keine der faschistischen oder nazistischen 



183 



Aggressionen verurteilt hatte, überschlug sich auf einmal vor moralischer 
Entrüstung, als sowjetische Truppen finnisches Territorium betraten: 

„Nach zwanzig Jahren bolschewistischer Tyrannei wird es nunmehr klar, daß der 
Kommunismus, der bereits die politische Freiheit unterdrückt, jedes individuelle Denken 
erstickt, das Individuum auf das Niveau eines Sklaven zurückgeworfen und die Gewalt- 
tätigkeit zu einem System erhoben hat, jetzt neue Perlen in sein teuflisches Diadem 
fügt . . . Erst hat er die Menschen gejagt, jetzt jagt er die Nationen . . 

Der Vatikan begnügte sich jedoch nicht mit diesen ^hemmungslosen Be- 
schimpfungen, sondern sprach auch offiziell die heftigsten Verdammungen 
gegen die Sowjetunion aus. Kardinäle und Bischöfe schlössen sich diesem 
Beispiel an. 

Inzwischen hatten sich aber noch andere Dinge ereignet, die den heftig- 
sten Unwillen des Vatikans hervorriefen. Die Sowjetunion war Hitler zuvor- 
gekommen und hatte die Teile Weißrußlands und der Ukraine besetzt, die 
ihr 1920 durch Polen entrissen worden waren. Und — was weit schlimmer 
war — Hitler hatte wenige Tage vor seinem Überfall auf Polen einen Nicht- 
angriffspakt mit der Sowjetunion geschlossen. 

Über die Gründe und Hintergründe des Paktes war der Vatikan ein- 
gehend informiert worden. Trotzdem erhob der Papst Einspruch. Der päpst- 
liche Nuntius hatte mit Ribbentrop eine Unterredung unter vier Augen. 
Ribbentrop legte ihm dar, daß der ursprüngliche Plan, Polen ohne Ein- 
greifen Frankreichs und Englands zu besetzen, fehlgeschlagen sei und sich 
daraus die Notwendigkeit ergeben habe, mit Rußland einen zeitweiligen 
Vertrag zu schließen, um zuerst mit dem Westen fertig zu werden. Nur 
wenn der Westen abgesichert sei, könne Deutschland seinen Plan zur In- 
vasion der Sowjetunion weiterverfolgen. Der Vatikan solle auf Frankreich 
einwirken, daß es die Allianz mit Großbritannien löse und eine Einigung 
mit Deutschland suche. 

Im November erlitt der Papst einen Nervenzusammenbruch. Die Anspan- 
nung der letzten Monate, die Qual der moralischen Verantwortung, die 
teilweisen Fehlschläge seiner Bemühungen und die Niederlage Polens - das 
alles war für ihn zuviel gewesen. 

Pius XII. hoffte, trotz des Kriegseintritts Englands und Frankreichs 
einen Weltkrieg verhindern zu können. Im Dezember 1939 formulierte er 
fünf Punkte als Grundlage für einen Friedensschluß. Viele weise und schöne 
Worte über den Frieden, über die Notwendigkeit von Kompromissen und 
über die Freiheit der Nationen waren darin enthalten. Der Plan wurde von 
der katholischen Presse in der ganzen Welt gepriesen. Auch andere Blätter 
in vielen Ländern schlössen sich diesem Lob an, um die Welt von der Frie- 
densliebe des Vatikans zu überzeugen. Aber welcher denkende Mensch 
konnte den Widerspruch zwischen diesen salbungsvollen Worten und der 



184 



Politik übersehen, die der Vatikan seit vielen Jahren verfolgte? Der erste 
und zugleich wichtigste Punkt seiner Erklärung sprach von dem „Recht auf 
Leben und Freiheit für alle Nationen, ob groß oder klein, ob stark oder 
schwach". Wie waren diese Worte mit der Haltung des Vatikans zu verein- 
baren, mit seiner — zuweilen sogar offenen - Unterstützung der Aggresso- 
ren, Verschwörer und Interventen? Wer konnte überzeugt sein, daß der 
Papst wirklich Frieden meinte, wenn er, wie jedes Jahr zu Weihnachten und 
Ostern, Frieden sagte, gleichzeitig aber den Oberen der Kirche gestattete, 
die zu unterstützen und zu preisen, die den Krieg entfesselten? 

Wie konnte der Papst erwarten, daß die Menschen seinen Worten über die 
Rechte der Völker Glauben schenkten, wenn gleichzeitig Kardinal Faul- 
haber, Erzbischof von München, in der Münchener Frauenkirche anläßlich 
des mißlungenen Attentats auf Hitler einen feierlichen Dankgottesdienst 
abhielt und die bayrischen Rischöfe aus demselben Anlaß eine gemeinsame 
Glückwunschadresse an Hitler richteten? (Universe, Dezember 1939) 

Und weshalb äußerte sich der Papst nicht zu dem Überfall auf Polen? 
War Polen nicht ein kleines Land, das unberechtigt angegriffen worden 
war? Weshalb verurteilte er weder den Angriff auf dieses Land noch die 
JültaJitjit, mit der er durchgeführt wurde? Wohl erwähnte er im Januar 
1940 in einer Rundfunkansprache „Ausschreitungen" aller Art und „schreck- 
liche und unentschuldbare Exzesse" in Polen, von denen er Kenntnis erhal- 
ten habe. Aber gegen wen richteten sich diese Worte? Gegen die nazistischen 
Verbrecher? Nein, gegen die Sowjetunion. Die Greuel der Nazis tat er mi1 
der Remerkung ab, daß sich die „Ausschreitungen leider nicht auf die Ge- 
biete unter russischer Resetzung" beschränkten. Es soll keineswegs behaup- 
tet werden, daß der Vatikan nicht gegen deutsche Maßnahmen protestiert 
hat, aber diese Proteste betrafen lediglich die üblichen Relanglosigkeiten, 
zum Reispiel Verletzungen des Konkordats. 

Als Hitler Polen niedergeworfen hatte, verlagerte der Vatikan den Schwer- 
punkt seiner diplomatischen Aktivität nach dem Westen, vor allem nach 
Frankreich, und versuchte mit jenen Kräften in Frankreich Verbindung 
aufzunehmen, die bereit waren, mit Hitler Frieden zu schließen. Es stellte 
sich aber heraus, daß es unmöglich war, solange sich die Verhältnisse nicht 
so oder so grundlegend veränderten.* 

* Nach dem Krieg wurde bekannt, daß sich der Papst damals bemühte, einen Kom- 
promißfrieden zwischen Deutschland und den Alliierten zustande zu bringen, der alle 
osteuropäischen Probleme zugunsten Hitlers bereinigen sollte. Er wollte die deutsche 
Führung von einem „Blitzkrieg" gegen den Westen abhalten, um eine Einigung zwischen 
den kriegführenden Parteien zu erleichtern. Um den Westmächten den Plan des Papstes 
schmackhaft zu machen, ließen deutsche und vatikanische höhere Stellen durchblicken, 
Goebbels könne nötigenfalls an Stelle Hitlers in Deutschland die Macht übernehmen. Die 



185 



Unterdessen drängte der Vatikan Hitler, endlich die Sowjetunion anzugrei- 
fen. Hitler antwortete, er müsse sich vorerst gegen den Westen sichern. Der 
Nuntius in Paris hatte dem Papst mitgeteilt, Frankreich werde stillhalten, 
wenn sich Deutschland weiter dem Osten zuwende. Der Nuntius hatte diese 
Zusicherungen von höchsten Stellen in Paris erhalten; „gewisse Kreise" hat- 
ten ihm zugesagt, daß „ernsthafte bewaffnete Auseinandersetzungen mit 
Deutschland möglicherweise überhaupt nicht" stattfänden, falls Deutsch- 
land erst einmal Rußland angegriffen habe. Das war im Dezember 1939. 
Eine dieser „höchsten Stellen", mit denen der Nuntius in engstem Kontakt 
stand, war General Weygand, ein ergebener Katholik. 

Marschall Petain, ebenfalls ein gläubiger Katholik, hatte sich jahrelang 
um die Finanzierung faschistischer bewaffneter Gruppen - die bekanntesten 
unter ihnen waren die „Kapuzenmänner" (Les Cagoulards) - bemüht. Als 
er Botschafter in Madrid war, harte er sich mit Laval, Weygand und anderen 
zusammengetan, um Frankreichs Kriegseintritt zu verhindern und zu einem 
Übereinkommen mit Hitler zu gelangen. Er stand über den Vatikan mit 
Hitl er in Verbindung. Der päpstliche Nuntius in Madrid war sein wichtig- 
ster Mittelsmann. Auch Franco leistete bei dem Komplott Hilfe, er lieh 
Petain Geld und stellte ihm Agenten zur Verfügung. Unterstützung fand 
Petain bei dem spanischen Botschafter in Frankreich, Lequerica, der später 
in Vichy großen Einfluß auf Petain ausübte und dadurch wesentlichen An- 
teil an der Bildung der ersten Vichy- Regierung hatte. 

Nach monatelangen Geheimverhandlungen zwischen Petain, Weygand, 
Laval, den päpstlichen Nuntien in Paris und Madrid, Franco, Lequerica 
und Hitler ließ Hitler den Vatikan und die katholischen Verschwörer wis- 
sen, daß er nicht länger warten könne; sie müßten etwas Konkretes unter- 
nehmen. Petain ersuchte den Nuntius, dem Papst mitzuteilen, es gebe „gute 
Gründe, anzunehmen, daß ein Blutvergießen zwischen Frankreich und 
Deutschland vermieden" werde (Bericht des italienischen Botschafters in 
Mad rid vom 7. März 1940). Der Vatikan leitete diese Antwort am 30. April 
1940 an Hitler weiter. Aber Hitler gab sich damit nicht zufrieden und ent- 
schloß sich einige Tage später, Informationen aus erster Hand zu beschaffen. 
Er wollte „mit Sicherheit" wissen, „wie weit die Franzosen bei der Durch- 
führung der Bestrebungen, über die er durch den Vatikan Kenntnis erhalten 
hatte, wirklich gehen könnten" (ebenda), und schickte zu diesem Zweck sei- 
nen Außenminister zum Papst. Ribbentrop hatte zuvor mit dem päpstlichen 

Verhandlungen fanden Ende 1939 und Anfang 1940 statt. Sie hatten das Ziel, die 
europäischen Nationen vereint gegen den Osten marschieren zu lassen. (Siehe Rüde Pravo 
vom 24. Januar 1946 und Osservatore Romano, zitiert in einer vatikanischen Rundfunk- 
sendung vom 11. Februar 1946.) Viele dieser Tatsachen kamen 1946 im Nürnberger 
Prozeß ans Tageslicht, wurden aber spater wieder vertuscht. 



186 



Nuntius in Berlin verhandelt. Shirer berichtet darüber in seinem »Berliner 
Tagebuch" (Seite 234): „Der Nuntius ist wochenlang in aller Ruhe in der 
Wilhelmstraße ein und aus gegangen." 

Der Vatikan wertete den angekündigten Besuch Ribbentrops als ein siche- 
res Zeichen, daß der Krieg im Westen vermieden würde und Hitler sich zu 
guter Letzt doch noch überzeugt habe, daß es besser sei, den Krieg im Osten 
zu führen. Das offizielle päpstliche Organ, der Osservatore Romano, der 
gewöhnlich in seinen Äußerungen sehr kühl und zurückhaltend war, brach 
angesichts des bevorstehenden Besuchs in Jubel aus. Ribbentrop hatte mit 
dem Papst eine Unterredung unter vier Augen. Über ihren Inhalt gab es 
im Vatikan und in den Hauptstädten Europas die unterschiedlichsten Ver- 
mutungen. Einen Tag später, am 12. März 1940, richtete Hitler an den 
Papst ein Telegramm, in dem er ihn zum Jahrestag seiner Papstwahl be- 
glückwünschte. 

Als Ribbentrop den Vatikan verließ, verhielt sich der Osservatore Ro- 
mano auffallend still. Was war geschehen? Hitler hatte die Zusicherungen 
des Papstes nicht als ausreichend angesehen und ihm mitgeteilt, daß er als 
erstes den Westen besetzen werde. Das Annual Register bemerkt dazu: 
„Wir wissen aus Kreisen des Vatikans, daß Ribbentrop dem Papst am 
1 1 . März 1 940 mitgeteilt hat, deutsche Soldaten würden im Laufe des 
Monats Juni in Paris und im Laufe des Monats August in London sein." 
Hitler versicherte dem Papst, daß er sich in seinen „Forderungen gegen die 
Alliierten, vor allem gegen Frankreich, maßvoll verhalten" werde, falls 
„freundlich gesinnte Kreise" Deutschland bei seinem Sieg über Frankreich 
helfen würden. 

Anfang April 1940 überfiel Hitler ein weiteres kleines und schwaches 
Land - Norwegen. Der Papst wurde von vielen Seiten aufgefordert, diese 
neue Aggression Hitlers zu verurteilen, nachdem er wenige Monate zuvor 
in den fünf Punkten seines Friedensvorschlags mit besonderer Betonung 
die Rechte der kleinen Nationen proklamiert hatte. Aber er hüllte sich in 
Schweigen und ließ lediglich den Osservatore Romano erklären, in Nor- 
wegen lebten nur 2 619 Katholiken, in Deutschland aber 30 Millionen. 

Die Beziehungen zwischen Nazideutschland und dem Vatikan wurden 
einer neuen Belastungsprobe ausgesetzt, als sich herausstellte, daß die pol- 
nischen Katholiken, allen Versprechungen Hitlers zum Hohn, von den Nazis 
verfolgt und terrorisiert wurden; zahlreiche Priester waren erschossen und 
einige Bischöfe inhaftiert worden. 

Wenige Wochen nach Ribbentrops Besuch im Vatikan trafen sich Hitler 
und Mussolini am Brenner, um die Operationen im Westen zu koordinieren. 
Damals wurde vor allem Mussolinis Dolchstoß in Frankreichs Rücken be- 
sprochen. Der Vatikan war über den Inhalt der Gespräche gut unterrichtet. 

187 



Er hielt einen deutschen Sieg nicht für ausgeschlossen und begann daher, 
seine freundliche Einstellung zu Hitler auch in der Öffentlichkeit stärker 
zu betonen. Um Hitlers Vorhaben zu erleichtern, verstärkte er die Verbin- 
dungen zu den reaktionären Kreisen unter den französischen Katholiken 
und arbeitete Pläne für die Bildung einer neuen Regierung nach der fran- 
zösischen Niederlage aus. (Näheres siehe Kapitel XVII, Frankreich und der 
V atikan) Hitler und der Papst arbeiteten Hand in Hand, um die von ihnen 
geplante Neuordnung Europas herbeizuführen. 

Während hinter den Kulissen die neuen Aggressionen Hitlers fieberhaft 
vorbereitet wurden, entschlossen sich die Nazis zu Beginn des Jahres 1940, 
die katholischen Priester und Mönche, entgegen dem Konkordat, nicht 
länger vom Wehrdienst zu befreien. Wieder einmal rührten sich die deut- 
schen Bischöfe und protestierten, aber nicht gegen die Invasion in Norwe- 
gen, sondern, wie zum Beispiel Kardinal Faulhaber, gegen die Abschaffung 
des Religionsunterrichts in den Berufsschulen. Seit 1933 hatten die Nazis 
etwa 20 000 katholische Schulen mit mehr als 3 Millionen Schülern ge- 
schlossen. 

Aber trotz dieser Differenzen besserten sich die Beziehungen zwischen der 
katholischen Kirche und Hitler angesichts der militärischen Erfolge Nazi- 
deutschlands. So schrieb am 24. Mai 1940 der Manchester Guardian: 

„Dem nationalsozialistischen Staat ist es anscheinend gelungen, sich mit den katholi- 
schen Führern von neuem zu verständigen . . . Trotz der Verfolgung von Gläubigen und 
Priestern und trotz aller Attacken auf die christliche Religion wurden unter den deutschen 
Katholiken durch diese Verhandlungen neue Hoffnungen geweckt." 

Der Vatikan war zu der Überzeugung gelangt, daß Nazideutschland 
drauf und dran war, den Krieg zu gewinnen, und begann sich daher darauf 
einzustellen. Der Papst wies die gesamte deutsche Hierarchie an, keine Kri- 
tik mehr am Dritten Reich zu üben, sondern es mit allen Kräften zu 
unterstützen. Diese Beurteilung der Lage durch den Vatikan und andere 
politische Kreise schien sich zu bestätigen: Hitlerdeutschland schlug den 
Westen aufs Haupt; die Niederlande, Belgien und Frankreich kapitulierten 
und wurden von deutschen Truppen besetzt, der britische Löwe zog sich auf 
seine kleine Insel zurück und leckte sich die Wunden. 

In jenen Tagen richtete der Papst an die Königin der Niederlande und 
an den König von Belgien persönliche Schreiben, in denen er lediglich be- 
dauerte, daß diese Staaten gegen den Willen ihrer Souveräne okkupiert wor- 
den seien, aber kein Wort der Verurteilung der faschistischen und nazi- 
stischen Verbrechen fand. Die Briefe erweckten den Eindruck von Beileids- 
bezeigungen. 

Mussolini erklärte vor aller Welt - und zahlreiche verantwortliche Stel- 
len in Europa und Amerika dachten damals ebenso -, daß die Niederlage 



188 



des Westens den endgültigen Sieg Deutschlands im zweiten Weltkrieg be- 
deute. Und damit hatte der Vatikan gerechnet. Das neue „Großdeutsche 
Reich" erweckte beim Papst weit mehr Interesse als bei den Oberhäuptern 
mancher anderer Staaten. Der Papst begann Verhandlungen mit Hitler, um 
die Ansprüche der katholischen Kirche von neuem festzulegen. Der Nazis- 
mus hatte drei weitere Länder von der Gefahr des Sozialismus und 
Kommunismus befreit: Belgien, die Niederlande und vor allem Frankreich. 
Das verdiente den Dank der Kirche. Der Vatikan wies die deutsche Hier- 
archie an, in allen Kirchen Dankgottesdienste für den Führer abzuhalten. 
(Universe, August 1940) Während in den deutschen katholischen Kirchen 
Dankgebete für den Schutz Hitlers an die Adresse Gottes zum Himmel 
emporstiegen, reisten drei deutsche Bischöfe in aller Stille nach Rom und 
führten lange Unterredungen mit dem Papst und seinem Staatssekretär. 
(Basler Nachrichten, 5. Oktober 1940) Sie besprachen, auf welchem Wege 
die katholische Kirche am besten und am wirksamsten zu einer echten Zu- 
sammenarbeit mit dem siegreichen „Dritten Reich" gelangen könnte. Nach 
ihrer Rückkehr aus Rom berichteten die drei Bischöfe auf der jährlich tagen- 
den Bischofskonferenz in Fulda über die Instruktionen, die sie vom Papst 
erhalten hatten. Das deutsche Episkopat sah sich vor wichtige Entschei- 
dungen gestellt. 

Der Papst verhandelte indessen mit Hitler über den Abschluß eines neuen 
Konkordats. Hitler hatte den Vatikan aufgefordert, all seinen Einfluß 
geltend zu machen, um die katholischen Bürger der von ihm besetzten 
Länder für die neuen Regierungen und für die Besatzungsbehörden zu ge- 
winnen. Als Gegenleistung versprach er der Kirche eine privilegierte Stel- 
lung nicht nur in Deutschland, sondern in allen Ländern, die von deutschen 
Truppen erobert würden. Die Gespräche betrafen auch den Status der 
apostolischen Nuntiaturen in Den Haag und Brüssel. 

Die in Fulda versammelten deutschen Bischöfe und Erzbischöf e stimmten 
einer Erklärung zu, daß sie sich fester um Hitler scharen und sich für 
eine stärkere Unterstützung des siegreichen Deutschlands und seines großen 
Führers durch die katholischen Gläubigen einsetzen würden. Darüber hin- 
aus bereitete die Konferenz Pläne vor, die für die Zukunft zwischen der 
Hierarchie der besetzten Gebiete und der deutschen Hierarchie eine engere 
Zusammenarbeit und eventuell sogar ihre Vereinigung in einer gemeinsamen 
Körperschaft vorsahen. Die ersten Schritte in dieser Richtung sollten auf 
dem nächsten Kongreß der deutschen Hierarchie unternommen werden. 
Außerdem wurde beschlossen, die künftigen Treffen der deutschen Bischöfe 
und Erzbischöfe nicht mehr wie bisher in Fulda, sondern im Zentrum 
Großdeutschlands, in Berlin, durchzuführen, um so die Verbundenheit 
mit dem Dritten Reich symbolisch zu manifestieren. Dieser Beschluß der 



189 



Bischofskonferenz wurde vom Papst in einer Verlautbarung besonders her- 
vorgehoben. 

Unter den zweitrangigen Beschlüssen der Fuldaer Konferenz ist vor allem 
einer zu nennen, der ein bezeichnendes Licht auf das deutsche Episkopat 
wirft. Die Konferenz billigte den Plan eines neuen offiziellen Organs der 
deutschen Katholiken (Der neue Wille), das vom Feldbischof der Wehrmacht 
herausgegeben wurde. Es handelte sich um ein offen pronazistisches und pro- 
imperialistisches Blatt, das die deutschen Soldaten aufrief, ihr Leben für 
Hitler einzusetzen und die Welt zu erobern. Der einzige Vorbehalt der ver- 
sammelten Bischöfe bestand in der Forderung, daß das Blatt „sich an ge- 
wisse Regeln halten" solle und nichts veröffentlichen dürfe, was im Gegen- 
satz zu den Lehren der katholischen Kirche stände. 

Der Plan für das neue Konkordat wurde von der Konferenz einmütig 
gebilligt. Die Bischöfe legten den deutschen Geistlichen nahe, der Nation, 
vor allem, solange die Verhandlungen zwischen dem Heiligen Stuhl und 
dem Deutschen Reich im Gange waren, zu beweisen, daß sie „zur Erringung 
des Endsiegs" unentbehrlich seien. Schließlich stimmte die Konferenz einer 
Loyalitätserklärung an Hitler zu. In ihr hieß es unter anderem: „Nach der 
Erringung des Endsieges werden wir in besonderen Gottesdiensten den 
deutschen Truppen unseren Dank und dem Führer unsere Ergebenheit zum 
Ausdruck bringen." 

Der Vatikan fürchtete, daß sich die Beschlüsse der Fuldaer Bischofs- 
konferenz auf die Katholiken in den besetzten Ländern und vor allem in 
Großbritannien und in den USA ungünstig auswirken würden. Er befahl 
daher den deutschen Bischöfen, über den Verlauf und die Ergebnisse des 
Treffens keine Protokolle und Erklärungen zu veröffentlichen, und erklärte 
in einer Rundfunkrede für Nordamerika, daß er „leidenschaftlich am Frie- 
den interessiert" sei, aber „nicht an einem schäbigen Friedensersatz, der nur 
in der Abwesenheit des Krieges" bestehe. (Der Vatikansender in englischer 
Sprache, August 1940) 

Sehr bald zeichnete sich, deutlich ab, welche Früchte der katholischen 
Kirche durch den Nazisieg in den Schoß gefallen waren. An die Stelle libe- 
raler oder sozialdemokratischer Regierungen waren in allen von Hitler be- 
setzten Gebieten totalitäre und, was noch wichtiger war, katholische Regime 
getreten. Autoritäre katholische Parteien entstanden und riefen die Nationen 
zum Kampf gegen den Erzfeind der Kirche, den Kommunismus, auf. In 
Frankreich errichtete Petain einen autoritären katholischen Ständestaat und 
erstattete der Kirche alle Privilegien zurück, die ihr vorher von den demo- 
kratischen Regierungen entzogen worden waren. 

Im Januar 1941 trat zum erstenmal die deutsche Bischofskonferenz in 
Berlin zusammen. Aus diesem Anlaß fanden sich auch alle österreichischen 



190 



Bischöfe in der Reichshauptstadt ein. Die Konferenz traf „hochwichtige 
Entscheidungen" und veröffentlichte einen gemeinsamen Hirtenbrief, in 
dem die Bischöfe Hitlers Endsieg prophezeiten und unter anderem er- 
klärten, „der unausweichliche Endkampf für die Freiheit des deutschen 
Volkes" werde „von jedermann große Opfer fordern, aber der Sieg der 
deutschen Wehrmacht" werde den Frieden „auf Jahre hinaus sicherstellen". 
In der Erklärung, die in allen katholischen Kirchen Deutschlands verlesen 
wurde, hieß es ferner: „Die deutschen Bischöfe bringen weiterhin ihren 
Wunsch zum Ausdruck, daß es der katholischen Kirche gestattet sei, ihren 
Teil zum inneren Aufbau Großdeutschlands beizutragen", denn die Kirche 
habe ein Recht darauf, angesichts der Tatsache, daß die Anzahl der Kirch- 
gänger in der Kriegszeit, vor allem unter den Soldaten, um nahezu 50 Pro- 
zent gestiegen sei. 

Trotz dieses sicherlich ehrlich gemeinten Angebots setzte Hitler sein altes 
Spiel fort. Geblendet von seinen militärischen Siegen, trug er sich mit dem 
Gedanken, eine christliche Nationalkirche zu schaffen. Um das zu erreichen, 
mußte er jedoch zuvor die katholische und die protestantische Kirche zer- 
schlagen. 

Die Bischöfe baten den Papst, zu intervenieren und die religiösen Ambi- 
tionen der Regierung zurückzuweisen, waren aber gleichzeitig vorsichtig 
genug, zu erklären, daß sie „im gegebenen Moment nichts sagen würden, 
was imstande wäre, die Energien des Volkes abzulenken oder seine Ergeben- 
heit zu ihrem Land mit Vorurteilen zu belasten". Der Papst antwortete, daß 
er die deutsche Regierung nur wegen ihres Verhaltens zur Kirche rügen, sie 
aber keineswegs aus anderen Gründen verurteilen werde, da er nicht den 
Eindruck erwecken wolle, die Kirche „begünstige die Feinde Deutschlands". 
Der Papst hatte gute Gründe, so zu sprechen. 

Am späten Abend des 20. Juni 1941 traf Ribbentrop mit dem päpstlichen 
Nuntius Orsenigo in Berlin zu einer privaten Unterredung zusammen. Un- 
mittelbar darauf setzte sich der Nuntius mit dem Vatikan in Verbindung, 
was bewirkte, daß die Lichter dort im Laufe der Nacht nicht verlöschten. 

Am Morgen des 22. Juni 1941 erhielt die Öffentlichkeit Kenntnis von 
der Nachricht, die dem Papst am Tag zuvor übermittelt worden war. Sie 
betraf ein Ereignis, auf das der Vatikan seit Jahrzehnten hingearbeitet und 
für das er zahllose Opfer gebracht hatte. Hitler hatte die Sowjetunion über- 
fallen. 

Wieder erinnerte man sich der fünf Punkte, die der Papst im Dezember 
1939 der Welt als seine Friedensvorschläge unterbreitet hatte, vor allem 
des ersten, in dem von den Rechten der großen und kleinen Nationen die 
Rede war. Aber es wäre in diesem Fall wirklich zuviel verlangt gewesen, 
vom Papst zu erwarten, daß er die Aggression gegen die Sowjetunion 



191 



mißbilligte. Er verhielt sich auch diesmal still, er konnte und wollte sich nicht 
„offiziell" kompromittieren. Außerdem hatte Hitler ihn noch nicht um Hilfe 
gebeten, obwohl der Nuntius dem Außenminister Ribbentrop versprochen 
hatte, daß „die katholische Welt Deutschland zu gegebener Zeit mit allen 
Kräften unterstützen" werde. Aber Hitler brauchte die Hilfe der Kirche nicht, 
seine Armeen, so behauptete er, seien in der Lage, die Sowjetunion im 
Laufe von vier Monaten in die Knie zu zwingen. 

Als die nazistischen Armeen tief in das Innere der Sowjetunion ein- 
gedrungen waren, eröffnete die katholische Kirche einen heiligen Kreuzzug 
gegen die Sowjetunion, der allerdings „inoffiziellen" Charakter trug. Sie 
wollte der Welt klarmachen, daß sie auf der Seite des Siegers zu finden sei, 
um später eine günstigere Ausgangsposition zu Verhandlungen mit Hitler 
über „religiöse Fragen" zu haben. Deshalb erteilte der Vatikan allen 
nationalen Hierarchien in der Welt den Rat, „den militärischen Feldzug 
gegen das gottlose Rußland moralisch aktiv zu unterstützen". (Aus einem 
Brief des Kardinalstaatssekretärs.) Und die katholischen Hierarchien or- 
ganisierten selbst in den Ländern der Alliierten eine Kampagne gegen den 
Kommunismus und gegen die Sowjetunion, wobei sie im wesentlichen nur 
die Hetze wiederzubeleben brauchten, die sie jahrelang gegen die Sowjet- 
union betrieben hatten. 

Hier ist nicht der Platz, ausführlich auf die Hetze des Papstes und der 
gesamten katholischen Hierarchie gegen die Sowjetunion einzugehen. Wir 
werden uns nur einige Erklärungen der deutschen Hierarchie etwas näher 
ansehen. Diese Erklärungen zeigen, daß die katholische Kirche das deutsche 
Volk seit Jahren auf den Krieg gegen die Sowjetunion vorbereitet hatte. 
Die Antisowjethetze der deutschen Hierarchie begann lange vor Hitlers 
Machtergreifung, sie wurde nach 1933 lediglich um ein Vielfaches ver- 
stärkt. 

Einige Ausfälle des Papstes und früheren Kardinalstaatssekretärs Pacelli 
gegen die Sowjetunion kennen wir bereits. Am Silvesterabend 1936 erklärte 
einer seiner Schüler, Kardinal Faulhaber, in München, daß zwei Dinge ihm 
ernste Sorgen bereiteten: die „Überwindung des Bolschewismus" und der 
„Schutz der Kirche innerhalb des Reiches". Einige Monate später, im 
April 1937, erklärte er: 

„Die gesamte zivilisierte Welt, vor allem aber die katholischen Nationen, müssen sich 
zu einem heiligen Kreuzzug gegen das atheistische Rußland vereinen und den Bolsche- 
wismus zerschmettern, wo immer sie ihn treffen." 

Im Jahr 1936 protestierten die bayrischen Bischöfe in einem Hirtenbrief 
gegen die Behauptung der Nazis, daß zwei Feinde vernichtet werden 
müßten: die katholische Kirche und der Kommunismus. Die Bischöfe er- 
klärten, sie seien zumindest in gleichem Maße wie die Nazis Feinde des 



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Kommunismus, und es bereite ihnen großen Schmerz, solche Anschuldi- 
gungen zu hören : 

„Wir müssen darauf bestehen, daß nicht länger unter den jungen Menschen und im 
ganzen Volk die Auffassung verbreitet wird, nach der Überwältigung des Bolschewismus, 
des öffentlichen Feindes Nummer eins, komme die katholische Kirche als öffentlicher 
Feind Nummer zwei an die Reihe." 

Graf Galen, Bischof von Münster, erklärte in demselben Jahr: 

„Jeder Katholik und jede zivilisierte Nation hat die Pflicht, den gottlosen Kommunis- 
mus, der im atheistischen Sowjetrußland seine Verkörperung fand, zu besiegen und zu 
vernichten." 

Die deutschen Bischöfe verkündeten auf der Fuldaer Konferenz im 
August 1936 in einem Hirtenbrief, der in allen katholischen Kirchen 
Deutschlands verlesen wurde : 

„Wir weisen dabei hin auf die offenkundige Tatsache, daß gerade in der Gegenwart 
Kommunismus und Bolschewismus mit teuflischer Zielstrebigkeit und Zähigkeit sich 
bemühen, vom Osten und Westen her gegen Deutschland, als das Herz Europas, vor- 
zustoßen, um es gleichsam in eine verhängnisvolle Zange zu nehmen. Da darf die deut- 
sche Geschlossenheit nicht durch religiöse Vergrämung und Entzweiung, durch Verächt- 
lichmachung und Bekämpfung eines Volksteils gelockert werden." (Zitiert nach dem 
Kirchlichen Amtsblatt für die Diözese Münster, Jahrgang LXX, Nr. 21) 

In einem Neujahrshirtenbrief (1937) zählte der Erzbischof von Freiburg, 
Gröber, die Gründe auf, die die katholische Kirche zu Beschwerden über das 
Naziregime veranlaßt hatten. Er sagte unter anderem: 

„Wird die katholische Kirche nicht immer wieder (wenn auch zuweilen versteckt) als 
öffentlicher Feind Nummer zwei hingestellt und wie ein verschworener Bundesgenosse 
des Bolschewismus behandelt? . . . Bereitet man die deutsche Nation als Ganzes so auf 
einen möglichen Konflikt mit der gottlosen Welt des Bolschewismus vor, der uns mög- 
licherweise, was Gott verhüten möge, von außen aufgezwungen werden wird, daß man 
die wesentlichen und unüberbrückbaren Gegensätze zwischen den Grundlagen der 
Religion und denen des russischen Atheismus verschweigt? Bereiten wir uns wirklich 
überlegt auf diese Auseinandersetzung vor, wenn wir uns durch die Vergöttlichung des 
Menschen und der Nation und durch die Verleugnung der Unsterblichkeit der Seele in 
gefährliche Nähe des Kommunismus begeben? Geschieht das alles, so frage ich, um in 
unverantwortlicher Weise die feierlichen Versicherungen unseres Führers Lügen zu 
strafen?" 

Bei einer anderen Gelegenheit, im Mai desselben Jahres, erklärte der Erz- 
bischof : 

„Der Marxismus ist nicht tot, wie man uns erzählt hat. Er ist lebendiger denn je. Als 
Christen, als Katholiken und als Deutsche müssen wir ihn vernichten, wo immer wir ihn 
treffen. Bereiten wir uns daher auf unsere Aufgaben gegen den gottlosen Nachbarn vor, 
gegen den eines Tages die gesamte zivilisierte Welt zu kämpfen haben wird." 

Die bayrischen Bischöfe protestierten in einem Hirtenbrief vom 4. Sep- 
tember 1958 gegen einen Befehl Hitlers, der es den Mitgliedern religiöser 



13 M359 



193 



Institutionen untersagte, Internatsschulen für Mädchen einzurichten, und 
riefen mahnend, der Nationalsozialismus solle sich nicht gegen die katho- 
lische Kirche stellen, denn die Kirche sei der größte Feind des Kommunismus 
und werde Hitler in seinem Kampf gegen den Kommunismus unterstützen. 
In dem Hirtenbrief hieß es: 

„Es ist ein unerträglicher Widerspruch, daß Schulen wie diese heute in unserem Hei- 
matland zerstört und ausgerottet werden sollen, ebenso wie es kürzlich in bolsche- 
wistischen Ländern geschehen ist . . . und das zu einer Zeit, in der die deutsche Nation 
ihre historische Pflicht begreift, den an ti christlichen Bolschewismus zu bekämpfen, und 
an die gesamte christliche Welt appelliert, ihr in diesem Kampf beizustehen . . . Wie lange 
will der Staat fortfahren, die Mitarbeit der Kirche und ihrer religiösen Orden bei der 
Durchführung der nationalen Aufgaben unserer Tage, beim Kampf gegen der! Kommu- 
nismus, zurückzuweisen?" 

Nach dem Überfall auf die Sowjetunion kamen alle deutschen Bischöfe 
üb erein, sich über die Disharmonien innerhalb des Reiches hinwegzusetzen 
und alle Anstrengungen darauf zu richten, das deutsche Volk gegen das 
kommunistische Rußland zu treiben. Sie erklärten feierlich (1942), „ein Sieg 
über den Bolschewismus wäre zu vergleichen mit dem Triumph der Lehren 
Jesu über die der Ungläubigen". 

Man könnte unzählige solche Äußerungen deutscher Kirchenführer gegen 
die Sowjetunion und gegen den Kommunismus zitieren, denn die deutsche 
Hierarchie führte ihre Haßkampagne mit einem solchen Eifer, daß selbst 
der Vatikan ihr nach Beginn des deutschen Rückzugs im Osten den Rat 
erteilen mußte, „vorsichtig zu sein und nur als Bischöfe gegen den gottlosen 
Bolschewismus zu sprechen". 

Die Niederlagen der Naziwehrmacht vor Leningrad und Moskau und die 
Vernichtung einer ganzen Armee bei Stalingrad führten zu einer Änderung 
der Situation. Der Vatikan wurde vorsichtiger mit seinen Erklärungen, ver- 
stärkte aber gleichzeitig in allen Teilen der Welt seine Kampagne zur 
Unterstützung Hitlers. In mehreren katholischen, vom Faschismus be- 
herrschten Ländern wurden Maßnahmen zur Aufstellung von katholischen 
Legionen für die Ostfront eingeleitet. 

Sch on im Herbst 1941 waren antikommunistische Legionen in Portugal, 
Francospanien, Vichy- Frankreich und Belgien gebildet worden. Die Frei- 
willigen wurden unter dem Motto „Kämpft gegen den gottlosen Kom- 
munismus! Rettet den Katholizismus!" geworben. Katholische Länder, die 
keine Soldaten entsenden konnten, spendeten Geld, organisierten Versamm- 
lungen und führten eine breite Propagandakampagne gegen die Sowjets. Die 
katholische Kirche segnete und unterstützte all diese Aktionen. Da sich der 
Vatikan in seiner offiziellen Eigenschaft nicht kompromittieren wollte, 
instruierte er die Kardinäle und Bischöfe in den einzelnen Ländern, Predigten 
gegen Sowjetrußland zu halten, Bannflüche gegen Moskau zu schleudern 



194 



und Freiwillige zum „Kampf gegen das bolschewistische Ungeheuer" zu 
werben. Aus allen Teilen der katholischen Welt, von Italien bis Irland, aus 
Nord- und Südamerika, trafen Freiwillige ein, um an der Seite der Nazi- 
armeen gegen die Sowjets zu kämpfen, nachdem der Versuch, die Sowjetunion 
zu überrennen, vor Moskau und, endgültig, vor Stalingrad gescheitert war.* 
Der Vatikan war der Ansicht, Deutschland habe nur einen militärischen 
Rückschlag erlitten und „das atheistische Rußland" könne auf jeden Fall 
als „endgültig vernichtet angesehen werden". Die sowjetische militärische 
und politische Macht sei nicht länger ein Faktor, den man berücksichtigen 
müsse. Er sah in Nazideutschland die vorherrschende Macht Europas und 
verlor sich in Zukunftsspekulationen über die „Neuordnung" dieses Erd- 
teils. In einer Rundfunkkampagne propagierte er „die Aussichten des 
Friedens im Rahmen der ,neuen Ordnung' ". 

„Der Papst mißt moralischen Werten große Bedeutung bei. Herrscher, die sich mit 
Friedensgedanken tragen, sollten daran denken . . . Nur auf dieser Basis kann die inter- 
nationale Atmosphäre bereinigt werden. Die Stärke muß die Quelle des Rechts und nicht 
der Unterdrückung werden. Eine weitere Frage, die in der Welt grundlegend verändert 
werden muß, ist die des freien Zutritts zu den Rohstoffen. Keine Nation sollte das allei- 
nige Verfügungsrecht über die Rohstoffe der Erde haben. Keine Nation sollte das allei- 
nige Recht über Güter haben, die Gott uns allen geschenkt hat. Nur so kann die neue 
Ordnung in der christlichen Welt errichtet werden." 

Dies waren einige Gedanken aus den vatikanischen Rundfunksendungen 
jener Zeit. Wenn man sie liest, sollte man sich daran erinnern, daß Hitler 
gerade zu dieser Zeit (Mai 1942) seine Phrasen von der „neuen Ordnung" 
und von dem Lebensraum und den Rohstoffquellen, die er in der Sowjet- 
union zu finden hoffte, in alle Welt hinausposaunte. 

Im Juni 1942 veröffentlichte der Osservatore Romano eine Artikelserie, 
in der die Gedanken des Papstes über die Nachkriegswelt dargelegt waren. 
Der Papst forderte, daß „. . . es der Kirche erlaubt sein müsse, ihre erhabene 
Mission in der Welt ungehindert zu erfüllen". Die katholische Kirche, so 
argumentierte er, hahe das Recht, am politischen und öffentlichen Leben der 
Nationen teilzunehmen, weil die Religion die Menschen richtig zu leben 
lehre und weil sie eine politische und soziale Wissenschaft sei. 

* Am 25. Februar 1946 erläuterte Papst Pius XII. vor Diplomaten und Kardinälen, 
weshalb er als Oberhaupt der katholischen Kirche den Uberfall der Nazis auf die Sowjet- 
union nicht öffentlich gutgeheißen habe: „Unsere Bemühungen, kein Wort zu äußern, 
das als eine Billigung oder Befürwortung des Krieges gegen Rußland hätte ausgelegt 
werden können, waren, obwohl man Uns sehr bedrängte, erfolgreich." In Erinnerung an 
die wütende Hetzkampagne, die die Kirche fortwährend gegen die Sowjetunion führte 
und nach wie vor in der ganzen Welt führt, schloß der Papst: „Aber niemand möge auf 
unser Schweigen bauen, wenn der Glaube oder die Fundamente der christlichen Zivili- 
sation in Gefahr sind." 



195 



Als es immer deutlicher wurde, daß das Vordringen der Hitlerwehrmacht 
endgültig gestoppt worden war und das „besiegte Rußland" zum Gegen- 
angriff überging, wurde der Vatikan von Furcht und Zweifel heimgesucht. 
Der Papst begann eine große diplomatische Kampagne in den Hauptstädten 
der kriegführenden Länder mit dem Ziel, die USA und Großbritannien von 
einer aktiven Hilfeleistung für die Sowjetunion abzuhalten und Mittel und 
Wege zu finden, um den russischen Vormarsch nach Westen zum Stehen zu 
bringen. 

Beide Ziele wären am raschesten durch den sofortigen Abschluß eines 
Verhandlungsfriedens zwischen den Alliierten und den Achsenmächten zu 
erreichen gewesen. Der Vatikan hielt lange Zeit enge Fühlung mit Hitler, 
um in dieser Richtung zu vermitteln. Eines Tages erhielt er zuverlässige 
Zusicherungen aus Berlin und setzte sich daraufhin sofort mit London und 
Washington in Verbindung. Der deutsche Botschafter beim Vatikan führte 
tagelang geheime Besprechungen mit dem Papst und dem Kardinalstaats- 
sekretär. Das Hauptanliegen des Vatikans war, Frieden zu schließen zum 
„Segen des christlichen Europas", um die Alliierten und Deutschland zum 
Kampf gegen die Sowjetunion zusammenzuschließen; Voraussetzung dafür 
war, daß Hitler sich mit den USA und Großbritannien einigte, ohne „sein 
Gesicht zu verlieren" ; ein Verhandlungsfriede wäre „die Rettung Europas" 
gewesen. Aber die USA und Großbritannien wiesen alle Vorschläge zurück. 
(Mai/ Juni 1942) 

Der Vatikan ließ jedoch nicht locker. Er forderte Großbritannien und die 
Welt auf, Rußland zu zwingen, in Ost- und Südosteuropa eine bestimmte 
Linie nicht zu überschreiten, und den Völkern Ost- und Südosteuropas weit- 
reichende Sicherheiten zu gewähren, damit sie nicht der „Raubgier des 
bolschewistischen Rußlands" zum Opfer fielen. Da weder die USA noch 
Großbritannien solche Sicherheiten bieten konnten, gab der Papst ihnen zu 
verstehen, daß „die katholischen Gemeinschaften in den USA im Bündnis 
mit den antisowjetischen Kräften" zu gegebener Zeit „genügend Druck 
ausüben" würden, um „die amerikanische Außenpolitik auf gesündere Ziele 
zu lenken". 

Präsident Roosevelt ließ durch seinen persönlichen Botschafter Myron 
Taylor dem Papst im Namen der USA und Großbritanniens versichern, daß 
die sowjetischen Truppen „die ihnen gezogenen Grenzen nicht überschrei- 
ten" würden. Auf seinem Rückweg in die USA hatte Myron Taylor am 
6. Oktober 1942 in Lissabon eine Unterredung mit dem katholischen Diktator 
Salazar. Im Laufe des Gesprächs stellte Taylor fest, daß „die alliierten 
Truppen nach einem Sieg der Alliierten in Europa die antikommunistischen 
Staaten gegen bolschewistische Übergriffe Gewehr bei Fuß schützen" wür- 
den, „eine Vorherrschaft der Sowjets über Europa" sei „völlig ausgeschlossen". 



196 



Aber der Vatikan gab sich auch damit nicht zufrieden und fuhr fort, 
nach Wegen zu suchen, wie er die USA und Großbritannien von der Sowjet- 
union trennen und Hitler den Abschluß eines Kompromißfriedens mit den 
Westmächten ermöglichen könnte. 

Die großen Erfolge der sowjetischen Armeen im Jahre 1943 steigerten 
die Nervosität des Vatikans. Immer hemmungsloser wurden seine Ver- 
leumdungen gegen die Sowjetunion. Roosevelt ließ den Vatikan wissen, die 
Alliierten hätten beschlossen, Nazideutschland zur bedingungslosen Kapitu- 
lation zu zwingen. Daher sei es notwendig, mit dem Vormarsch der 
sowjetischen Truppen Schritt zu halten. Der Vatikan solle mit der Sowjet- 
union Verhandlungen aufnehmen, um selbst die Interessen der katholischen 
Gläubigen in den von der Sowjetunion befreiten Ländern wahrzunehmen. 

Roosevelt sprach mehrmals mit Stalin, um eine Annäherung zwischen 
Moskau und dem Vatikan zu erleichtern. Aber der Papst weigerte sich strikt. 
Daraufhin schickte Roosevelt Anfang 1943 einen engen Freund des Papstes, 
Erzbisch of Spellman, zum Vatikan mit dem Auftrag, den Papst zur An- 
nahme seiner Vorschläge zu bewegen und „den Vatikan davon zu über- 
zeugen, daß es zweckmäßig sei, eine nachgiebigere Haltung gegenüber der 
Sowjetunion zu zeigen". (Die Tat, Zürich, 24. Februar 1943) 

Spellman hatte vor Antritt seiner Mission eine lange Unterredung mit 
Roosevelt. Nach seiner Ankunft in Europa stattete er als erstem Franco 
einen Besuch ab und hatte mit ihm und mit dem Primas von Spanien einige 
„private" Unterredungen. Die Gespräche Spellmans mit dem Papst fanden 
vom 20. bis 23. Februar 1943 täglich von 17 bis 20 Uhr, zuweilen sogar bis 
21 Uhr, statt und waren so geheim, daß nicht einmal der päpstliche Kammer- 
diener zugelassen war, ja nicht einmal Kenntnis davon hatte. In der Zeit, in 
der Spellman nicht beim Papst war, hielt er sich bei Bischof Evrainoff, dem 
Leiter des vatikanischen Informationsbüros, auf oder bei dem päpstlichen 
Assessor Ottaviani, einer der einflußreichsten Persönlichkeiten des Vatikans, 
oder er führte Besprechungen mit dem spanischen und dem deutschen Bot- 
schafter. Gegen Ende seines Aufenthaltes hatte er eine lange private Unter- 
redung mit dem Naziaußenminister von Ribbentrop (3. Mai 1943). Tags 
darauf flog er nach Spanien und traf in Madrid mit dem britischen Bot- 
schafter Sir Samuel Hoare zusammen. Nach seiner Rückkehr in die Ver- 
einigten Staaten überreichte er Roosevelt ein Handschreiben des Papstes. 

Was hatte Roosevelt dem Papst sagen lassen? Was schlug der Papst 
Roosevelt vor? Was wurde zwischen dem Vatikan, Washington und London 
vereinbart? 

Die Furcht des Papstes wegen der sowjetischen Erfolge hatte auch London 
und Washington ergriffen. In beiden Hauptstädten begann man, ebenso 
wie im Vatikan, die gewaltigen militärischen Siege der Sowjetunion mit 



197 



Unbehagen zu verfolgen. Man fürchtete, daß die sowjetischen Armeen weit 
nach Westen vordringen würden, bevor die Armeen des Westens das 
europäische Schlachtfeld erreicht und sich dort festgesetzt hätten. Man sah 
in dem sowjetischen militärischen Vormarsch zugleich den Vormarsch 
einer feindlichen Ideologie, denn ebenso wie der Papst die Soldaten des 
Kommunismus für die Erzfeinde des Katholizismus hielt, erblickten die USA 
und Großbritannien in ihnen die Feinde ihrer sozialen, wirtschaftlichen und 
politischen Ordnung. 

Mittel mußten gefunden werden, den bolschewistischen Vormarsch zu 
stoppen. Wieder war es am Vatikan, helfend einzugreifen. Er sollte Hitler 
klarmachen (Januar 1945), daß durchaus Hoffnungen auf einen „Ver- 
handlungsfrieden" beständen, wenn er seine territorialen Ansprüche auf- 
gäbe. Hitler ließ den Papst wissen, daß er einen Frieden wünsche, der den 
Westmächten, Deutschland und der katholischen Kirche zum Vorteil ge- 
reichen solle, und bat die Alliierten, keine zweite Front zu eröffnen. 
Deutschland würde dadurch die Möglichkeit erhalten, die Lage an der Ost- 
front zu stabilisieren und ein „unüberwindliches Bollwerk gegen die 
bolschewistische Flut" zu werden. Der Papst teilte Roosevelt mit, daß inner- 
halb der Naziregierung radikale Änderungen vor sich gehen würden, falls 
die Westmächte das Angebot annähmen. 

Roosevelt antwortete dem Papst, daß an einen Verhandlungsfrieden nicht 
zu denken sei, solange Hitler an der Spitze des Reiches stehe; er empfehle 
ihm daher, sich um ein Abkommen mit der Sowjetunion zu bemühen, um die 
Interessen der katholischen Gläubigen in den von der Sowjetarmee besetzten 
Ländern wahrnehmen zu können. Aber der Papst weigerte sich. Das war zu 
der Zeit, als Präsident Roosevelt Erzbischof Spellman nach Rom schickte, 
um den Papst von der Richtigkeit seines Vorschlages zu überzeugen. Spellman 
mußte sich jedoch in Rom vom Papst erzählen lassen, was man im Vatikan 
von der alliierten Forderung auf bedingungslose Kapitulation der Achsen- 
mächte hielt und daß der Vatikan den Vorschlag Roosevelts, die katholische 
Welt zum Kampf gegen Nazideutschland aufzurufen, nicht annehmen 
könne, da es dem Vatikan nicht gestattet sei, sich mit den Kriegszielen einer 
der kriegführenden Parteien zu identifizieren. Der Papst erklärte am 
21. Februar 1945: 

„Die Deklaration von Casablanca, die von den Dreiermächten (Deutschland, Italien, 
Japan) die bedingungslose Kapitulation fordert, ist mit der christlichen Lehre nicht zu 
vereinbaren." 

Der Vatikan war der Ansicht, daß die deutsche und die italienische 
Nation durch die Forderung der Alliierten auf bedingungslose Kapitulation 
gezwungen seien, weiterzukämpfen, weil sie keine Chance für eine Ver- 
ständigung mit den Alliierten sähen. Diese Verständigung werde aber 



198 



angesichts des Vormarsches der Roten Armee in Richtung Westeuropa von 
Tag zu Tag notwendiger. 

Aus dem Kapitel über Italien und den Vatikan kennen wir bereits die 
Vorschläge des Vatikans zu diesem Zeitpunkt der Entwicklung: Die West- 
mächte hatten zugestimmt, daß die faschistischen Regime beseitigt, aber 
ihre sozialen Grundlagen nicht angerührt werden sollten, um die „Ent- 
stehung eines Vakuums" in Deutschland und Italien und in den anderen 
vom Faschismus und Nazismus befreiten Ländern Europas zu verhindern. 
Als nach der Kapitulation Italiens die Niederlage Deutschlands immer 
offensichtlicher wurde, schlug sich der Papst auf die Seite der Alliierten. 
Unmittelbar nach der Befreiung Roms empfing er Tausende alliierter Sol- 
daten und Offiziere und hielt vor ihnen Reden, in denen er für einen „maß- 
vollen Frieden" und für einen „Frieden ohne Rache" eintrat und zugleich 
wie eh und je gegen die Sowjetunion hetzte. 

Der Vatikan hielt auch weiter seine Verbindungen zu Hitler aufrecht 
und versuchte ihn zu überzeugen, daß sein Rücktritt das Beste sei, was er 
für Deutschland und die gemeinsame Sache tun könne. Aber Hitler blieb 
starr bei der Meinung, daß sich die Alliierten seinem Kampf gegen die 
Sowjetunion anschließen müßten. 

Als Hitler nicht nachgab, erklärte der Papst dem Nazibotschafter beim 
Vatikan, alle Bemühungen, zu einem Verhandlungsfrieden zu kommen, 
seien nutzlos, solange Hitler an der Macht bleibe. Hitler würde eine „wahr- 
haft große Tat" vollbringen, wenn er im Interesse Deutschlands einer 
anderen Regierung den Weg freigäbe. Aufgabe der neuen Regierung werde 
es sein, mit den westlichen Alliierten Frieden zu schließen und auf diese 
Weise die Besetzung Deutschlands durch sowjetische Truppen zu ver- 
hindern. Schlimmstenfalls dürfe es höchstens zu einer Besetzung durch die 
Westmächte kommen. 

Im Juni 1 944 setzte Hitler den Papst davon in Kenntnis, daß er bereit sei, 
der Aufforderung des Papstes nachzukommen. Er wünsche jedoch zuvor 
etwas darüber zu wissen, was „die Alliierten mit Deutschland zu tun ge- 
dächten". Der Vatikan informierte unverzüglich Roosevelt. Der Präsident 
entsandte daraufhin Henry Stimson, den amerikanischen Kriegsminister, 
und Myron Taylor, den Sonderbotschafter der USA, zum Vatikan. Beide 
führten lange Unterredungen mit dem Papst. 

Während dieser Verhandlungen tat die Propagandamaschine des Vatikans 
alles, um die päpstlichen Friedensphrasen in die Welt zu posaunen. Im 
Osservatore Romano erschienen Artikel mit Überschriften wie: „Schluß mit 
dem Morden" - „Warum wird der Kampf fortgesetzt?" 

„Warum wird noch immer gekämpft?" hieß es in einem Artikel. „Diese 
Frage wird nicht das erstemal gestellt, heute, nach fünf schrecklichen 



199 



Kriegsjahren, ist sie akuter denn je . . . Laßt uns alles tun, daß der Friede so 
schnell wie möglich kommt. Er ist die einzige Wohltat, auf die wir hoffen . . 

Die Besprechungen über den Rücktritt Hitlers und über einen Ver- 
handlungsfrieden endeten abrupt; andere Dinge waren inzwischen hinter 
den Kulissen herangereift. Der Nazibotschafter beim Vatikan, Freiherr von 
Weizsäcker, hatte mehrmals den Papst und den Kardinalstaatssekretär auf- 
gesucht und war auch mit Myron Taylor zusammengetroffen (Juni/ Juli 
1944). Der Botschafter war ein enger Mitarbeiter Ribbentrops. Während 
der päpstlichen Bemühungen um einen Verhandlungsfrieden war Weiz- 
säcker ernsthaft bestrebt, mit dem Vatikan eine Einigung über gewisse 
Friedensvorschläge zu erzielen. 

Kardinal Maglione, Myron Taylor, Freiherr von Weizsäcker und der 
britische Botschafter hatten in den Monaten Mai und Juni mehrere geheime 
Zusammenkünfte. Anlaß zu diesen Besprechungen war der Entschluß, die 
italienischen Geschehnisse in Deutschland zu wiederholen, um so „den Weg 
zur Einstellung der Feindseligkeiten frei zu machen". 

Der Entschluß mußte, sollte er Erfolg haben, rasch in die Tat umgesetzt 
werden. Der völlige Zusammenbruch des ganzen mittleren Abschnitts der 
Hitlerschen Ostfront, der Kriegsaustritt Italiens, die bevorstehende alliierte 
Invasion im Westen -das waren klare Zeichen der unausweichlichen Nieder- 
lage Deutschlands. Alles war nur noch eine Frage der Zeit. 

Während es den Alliierten darauf ankam, ihre militärischen Anstren- 
gungen zu koordinieren und Nazideutschland den entscheidenden Schlag zu 
versetzen, ging es dem Vatikan darum, durch politische Manöver zu sichern, 
daß die Grundlagen des Faschismus in Deutschland erhalten blieben. 

Einzelpersonen und Gruppen machten sich ans Werk, sie wurden ge- 
trieben von politischen und patriotischen Gefühlen, am stärksten aber von 
der Angst vor dem „bolschewistischen Chaos", das nach ihrer Ansicht als 
Folge einer völligen Niederlage Deutschlands Einzug halten würde. Ihre 
Ziele waren: Beseitigung Hitlers, vorläufige Errichtung einer Militär- 
diktatur und Friedensangebot an den Westen, um den völligen Zusammen- 
bruch der Ordnung in Deutschland zu verhindern. Ein solcher Wechsel 
sollte die Sowjetarmee abhalten, in Deutschland einzudringen. Sobald die 
westlichen Alliierten die Friedensvorschläge der neuen Regierung ange- 
nommen hätten, sollte das Land im Osten hermetisch abgeriegelt werden. 

Ähnlich wie in Italien hatten die Väter dieser Zukunftspläne sehr früh- 
zeitig und mit unterschiedlichem Erfolg die Vorbereitung der Verschwörung 
begonnen. Die Intensität ihrer Bemühungen steigerte sich, je näher die 
Niederlage Hitlerdeutschlands rückte. 

Im November 1939 war bereits ein Attentat auf Hitler unternommen 
worden. Die erste organisierte Verschwörung begann im März 1945, zu der 



200 



Zeit also, da sich auch die italienischen Verschwörer gegen Mussolini zu 
rühren anfingen. Der erste Anschlag auf Hitler (13. März 1943) mißglückte. 
Die Bombe, die man an der Ostfront in Hitlers Flugzeug geschmuggelt 
hatte, explodierte nicht. 

Der Vatikan, die USA und Großbritannien waren sich, ebenso wie vor 
Mussolinis Absetzung, einig, jene Kräfte in Deutschland zu unterstützen, 
die bereit waren, den Schlag zu führen. Unter den Verschwörern waren 
sowohl nationalistische und patriotische als auch religiöse Bestrebungen ver- 
treten, so daß diese Kräfte, unter denen sich auch Persönlichkeiten be- 
fanden, die alles andere als religiös eingestellt waren, äußerlich wie eine 
rein politische Bewegung wirkten. Das Sofortziel dieser Verschwörergruppe 
war, alles zu retten, was vor dem endgültigen Zusammenbruch noch zu 
retten war. 

Nach dem Erfolg der Verschwörer in Italien hatte sich der Vatikan - der 
so tat, als beobachtete er nur, obwohl er einer der Haupttriebkräfte hinter 
den Kulissen der italienischen und deutschen Verschwörung war— von neuem 
Hitler und den Westmächten in der Hoffnung genähert, daß ein Kompromiß 
zustande käme. Als aber auch diese Bemühungen scheiterten, setzte er alles 
daran, die endgültige militärische Katastrophe zu verhindern, bevor eine 
neue Regierung in Deutschland die Macht übernahm Das war auch der 
Grund, daß der Vatikan im Frühjahr 1944 von neuem so geheimnisvoll 
tätig war wie in dem Frühjahr vor dem Sturz Mussolinis. Der Nazibotschafter 
stattete dem Papst offizielle und inoffizielle Besuche ab. Das gleiche tat der 
britische Botschafter beim Heiligen Stuhl. Auch Roosevelts Sonderbot- 
schafter Myron Taylor kehrte nach Rom zurück und bemühte sich, ebenso wie 
sein deutscher und sein britischer Kollege, mit Pius XII. unter vier Augen 
zu sprechen. 

Der Vatikan diente den Alliierten als Verbindungsglied zu den deutschen 
Verschwörern, die sich vor die Notwendigkeit gestellt sahen, mit Hitler 
Schluß zu machen. 

Die deutsche Verschwörergruppe hatte den Rat erhalten, aktiv zu werden, 
bevor die Alliierten ihre Invasion in Frankreich begannen. Eine neue 
Regierung würde es bedeutend leichter haben, um Frieden nachzusuchen, 
als die Nazis. Dadurch könnte eine Besetzung Deutschlands durch so- 
wjetische Truppen verhindert werden. Die sowjetischen Armeen mar- 
schierten zu dieser Zeit (Frühjahr 1944) unaufhaltsam nach Westen, wäh- 
rend die westlichen Alliierten noch nicht einmal ihren Fuß auf den Konti- 
nent gesetzt hatten. 

Angesichts des Ernstes der Lage entschlossen sich die Verschwörer, 
Hitler nicht — wie im Falle Mussolinis — zu verhaften, sondern zu ermorden. 
Die militärische Leitung des Staatsstreichs lag in Händen einer Gruppe von 



201 



Offizieren. Zu ihr gehörten Oberst Graf Claus von Stauffenberg, Stabschef 
des Ersatzheeres, Major Ulrich von Oertzen, General von Tresckow, Stabs- 
chef der Heeresgruppe Mitte an der Ostfront, und General der Infanterie 
Friedrich Olbricht, Chef des Allgemeinen Heeresamtes. Stauffenberg ent- 
stammte einer Adelsfamilie, die seit Jahrhunderten tief im Katholizismus 
verwurzelt war. Die Familie war für ihren Katholizismus bekannt. Die 
Stauff enbergs befürworteten die alte Ordnung der Dinge und verabscheuten 
in der Politik alles, was auch nur im geringsten nach Sozialismus roch. Sie 
kannten als nationalistische Patrioten und fromme Katholiken nur das eine 
Ziel, den Interessen Deutschlands und ihrer Kirche, wie sie sie verstanden, 
zu dienen und deren Feinde mit allen Mitteln zu bekämpfen. 

Kaum hatte der Vatikan der Aktion seinen Segen erteilt, da rückte auch 
schon ein ergebener Katholik in ihre ersten Reihen auf. (Auch an früheren 
Verschwörungen waren Katholiken beteiligt gewesen, aber sie hatten sich 
meistens im Hintergrund gehalten.) Ob nun das Aufrücken des Grafen 
Stauffenberg auf seine ungewöhnlichen organisatorischen Fähigkeiten 
zurückzuführen war oder auf andere Gründe, Tatsache bleibt, daß von dem 
Augenblick an, da der Vatikan der Aktion seinen Segen erteilte und die 
sowjetischen Armeen von Tag zu Tag der deutschen Grenze näher rückten, 
die eifrigen Katholiken in Deutschland aktiver denn je wurden. 

Neben dem minutiös ausgearbeiteten militärischen Plan hatten Stauffen- 
berg und seine Freunde ein detailliertes politisches Programm entwickelt. 
Viele der Mitverschworenen gehörten der christlichen, das heißt katholisch- 
konservativen Opposition gegen Hitler an und wurden später führende Mit- 
glieder der Christlich -Demokratischen Union des Katholiken Dr. Adenauer 
oder der Christlich- Sozialen Union des Katholiken Dr. Müller in West- 
deutschland. 

Der Plan sah vor, unmittelbar nach der Beseitigung Hitlers eine Militär- 
diktatur zu errichten. Diese sollte so lange bestehen, bis die Gefahr revo- 
lutionärer Unruhen beseitigt war und man sich mit den Alliierten ge- 
einigt hatte. Generaloberst Ludwig Beck sollte die Funktionen eines Staats- 
oberhauptes ausüben, solange keine Entscheidung über die endgültige 
Regierungsform gefallen war. Dr. Goerdeler, früherer Oberbürgermeister 
von Leipzig und Interessenvertreter des Bosch -Konzerns, war als Reichs- 
kanzler vorgesehen. 

Sobald die revolutionären Kräfte, so hoffte man, auf diesem Weg neutra- 
lisiert wären, sollte eine zivile Regierung mit zwei Parlamenten an die 
Stelle der Militärdiktatur treten. Dadurch wollte man dem politischen 
Kräftespiel wieder Bewegungsfreiheit geben. Um aber der Gesellschaft die 
erforderliche „Stabilität" zu sichern, sollte das Parlament unter die Kon- 
trolle einer Instanz gestellt werden, was so viel hieß, daß man vorhatte, der 



202 



Regierung einen „König" überzuordnen. Einer der Hauptbeteiligten der 
Verschwörung äußerte hierzu: 

„Das Parlament sollte, entsprechend dem englischen Vorbild, aus zwei Kammern be- 
stehen. Der Reichskanzler sollte als Leiter der Exekutive den Vorsitz in der Regierung 
führen. Da aber der Charakter und die Geschichte des deutschen Volkes es nicht zuließen, 
daß die Führung ausschließlich von unten aufgebaut würde, sahen wir es für notwendig 
an, über eine Stelle zu verfügen, die über dem politischen Meinungsstreit stand. Um 
dem Rechnung zu tragen, befürworteten viele von uns die Monarchie." 

Die These: „Die Führung kann nicht ausschließlich von unten auf- 
gebaut werden", entstammte dem politischen Arsenal des Vatikans, der be- 
hauptete, die Autorität stamme von Gott und nicht vom Volk. 

Die Verschwörer gewannen viele hohe Offiziere für ihre Sache. Unter 
ihnen befanden sich Generaloberst Otto von Stülpnagel, Militärbefehlshaber 
in Frankreich, und Generaloberst Alexander von Falkenhausen, Militär - 
befehlshaber von Belgien und Nordfrankreich, der enge Beziehungen zum 
Primas von Belgien unterhielt. 

Die Führer der Verschwörung hatten beschlossen, Hitler während einer 
Lagebesprechung in seinem Hauptquartier zu töten. Anfangs gab es große 
Schwierigkeiten, Freiwillige für diese Aufgabe zu finden. Schließlich er- 



klärte sich Generalmajor Hellmuth Stieff bereit. Major Kuhn und Leutnant 
Albrecht von Hagen boten ebenfalls ihre Hilfe an. 

Da die für das Gelingen erforderlichen Umstände nicht eintraten, wurde 
das Attentat Woche um Woche verschoben, schließlich ließen die Ver- 
schwörer alle Hoffnungen fahren. Andere Pläne wurden entworfen, aber kei- 
ner führte zum Erfolg. Unter anderem war beabsichtigt, Hitler zu veran- 
lassen, seinen Besuch des Mittelabschnitts der Ostfront zu wiederholen, wo 
von Tresckow und von Schlabrendorff bereits im März 1943 eine Bombe in 
Hitlers Flügzeug geschmuggelt hatten. Aber nichts konnte Hitler bewegen, 
sich noch einmal auf diese Reise zu begeben. 

Unterdessen überstürzten sich die Ereignisse. Der Termin der alliierten 
Invasion rückte heran. Die Verschwörer stellten mit Unbehagen fest, daß so 
gut wie nichts getan war, ihre Pläne der Verwirklichung näherzubringen. 
„Wir wünschten verzweifelt, noch vor der erwarteten Invasion der Alliierten 
unseren Schlag zu führen. Aber ein unglücklicher Zufall folgte dem anderen, 
bis am 6. Juni 1944 die Invasion begann." 

Die Verschwörer hatten zu dieser Zeit bereits alle Hoffnungen aufge- 
geben und beschlossen, das Projekt fallenzulassen. Aber die Vertreter der 
christlich -konservativen Opposition waren anderer Ansicht. Wenn auch das 
eine Unheil — die alliierte Invasion — bereits hereingebrochen sei, so könne 
doch das andere, der Einmarsch sowjetischer Truppen auf deutschen Boden, 
noch verhindert werden, vorausgesetzt, daß man keine Zeit verlor. 




203 



Inzwischen wurde die „rote Gefahr" für die Verschwörer ein noch schreck- 
licherer Alptraum; am 22. Juni 1944 begann die Sowjetarmee zur Unter- 
stützung der alliierten Invasion eine neue gewaltige Offensive. Die Angst 
vor dem Bolschewismus trieb die Verschwörer zur Tat. Der ergebene 
Katholik Graf von Stauff enberg erbot sich, Hitler umzubringen. Fabian von 
Schlabrendorff schrieb darüber: 

„Zehn Tage später, vom 22. Juni gerechnet, erhielt ich eine Nachricht von Graf 
Stauff enberg. Er war zu der Uberzeugung gelangt, daß es unmöglich sei, länger zu war- 
ten. Er seihst wollte Hitler töten. Wir wurden darauf vorbereitet, jeden Tag mit Hitlers 
Ermordung zu rechnen. 

Stauffenberg war ursprünglich nicht als Attentäter in Betracht gezogen worden, weil 
er nur eine Hand hatte, an der obendrein zwei Finger fehlten. Aber er war furchtlos 
und fähig und einer der wenigen Verschworenen, die die Möglichkeit hatten, in Hitlers 
Nähe zu gelangen." 

Am 20. Juli 1944 schritt Stauffenberg zur Tat. Als er an einer Lage- 
besprechung in Hitlers Hauptquartier in Ostpreußen teilnahm, stellte er 
seine Aktentasche, in der sich eine hochexplosive Ladung befand, neben 
Hitler auf den Fußboden und verließ unter einem Vorwand den Raum. 
Kurze Zeit darauf erfolgte eine fürchterliche Detonation. Von Stauffenberg, 
der sich in diesem Augenblick auf dem Weg zu seinem Flugzeug befand, 
zweifelte nicht, daß Hitler und alle, die an der Besprechung teilgenommen 
hatten, getötet worden waren. 

In Berlin herrschte nach dem Attentat ein wildes Durcheinander. Stauffen- 
berg, Olbricht und andere begannen, ihre Pläne zu verwirklichen. Eine der 
ersten Maßnahmen, die sie ergriffen, war, den Befehlshaber des Ersatz- 
heeres, Generaloberst Fromm, gefangenzunehmen. Aber den Verschwörern 
blieben nur wenige Stunden zum Handeln. Hitler war wider alles Erwarten 
mit dem Leben davongekommen. 

Bezeichnenderweise beeilten sich gewisse halboffizielle Stellen in den 
alliierten Ländern, vor allem die BBC und zahlreiche britische und ameri- 
kanische Zeitungen — namentlich die katholischen — , den Mann, der den 
Versuch gewagt hatte, die Welt von Hitler zu erlösen, als „gläubigen 
Katholiken" zu preisen, während man sonst bei politischen Attentätern die 
Religionszugehörigkeit möglichst verschwieg. 

Stauffenberg und Olbricht wurden ergriffen und auf der Stelle erschossen. 
Dem Generaloberst Beck gab man die Möglichkeit, sich selbst zu erschießen. 
Andere Teilnehmer der Verschwörung starben unter den Salven der 
Hitlerschen Hinrichtungskommandos. 

So endete der Plan des Vatikans, der in Italien so reibungslos zum Erfolg 
geführt hatte, in Deutschland mit einem Fehlschlag. 

Unmittelbar nach dem Bekanntwerden des mißlungenen Attentats be- 
glückwünschte Kardinal Faulhaber persönlich und im Namen seiner Bischöfe 



204 



Hitler zu der Rettung und ließ in der Münchener Frauenkirche ein Tedeum 
singen. Der Vatikan verhielt sich eine Weile still. Dann aber, als ihm nach 
dem gescheiterten Attentat seine Machtlosigkeit gegenüber der heran- 
nahenden Katastrophe voll zum Bewußtsein kam, begann er von neuem mit 
lauten Worten den westlichen Alliierten Ratschläge zu erteilen: Sie sollten 
Deutschland gnädig behandeln und unbedingt Maßnahmen ergreifen, um 
die Ausbreitung des Kommunismus zu verhindern und das „gottlose Ruß- 
land" von der Besetzung Europas abzuhalten. 

Als die sowjetischen Armeen auf Berlin vorstießen und das Ende des 
militärischen Widerstandes der Nazis herannahte, erneuerte Roosevelt seine 
Bemühungen, die Kluft zwischen Moskau und dem Vatikan zu überbrücken. 
Im März 1945 entsandte er nach längeren Vorverhandlungen einen weiteren 
persönlichen Botschafter, E. J. Flynn, nach Rom. Flynn traf sich mehrere 
Male mit dem Papst und dessen Sekretär. Aber die Bemühungen des Präsi- 
denten waren wieder erfolglos. Der Papst war unnachgiebiger denn je. Die 
nazistischen Armeen begannen sich aufzulösen. Die sowjetischen Truppen 
näherten sich der deutschen Hauptstadt, die Truppen der Westmächte be- 
setzten die Industriegebiete an Rhein und Ruhr. Im April und Mai brach 
die deutsche Wehrmacht zusammen, am 8. Mai 1945 unterzeichneten die 
Befehlshaber der drei Wehrmachtsteile die bedingungslose Kapitulation. So 
endete Nazideutschland und mit ihm der zweite Weltkrieg in Europa. 

Einige Wochen später, als sich die westlichen und die sowjetischen Trup- 
pen bereits in dem zerstörten Berlin eingerichtet hatten, als man definitiv fest- 
gestellt hatte, daß Hitler tot war, als nach der Öffnung der Konzentrationslager 
eine Welle des Entsetzens die ganze Welt aufrüttelte und das deutsche Volk das 
Objekt eines weltweiten Zornes der Volker wurde, meldeten sich erstmals wie- 
der deutsche Stimmen. Es waren dieselben Stimmen, die das deutsche Volk 
während der ganzen Zeit der Hitlerära vernommen hatte; dieselben Stimmen, 
die noch wenige Wochen oder Monate zuvor für Hitlers Armeen und für den 
„großen Führer" gebetet hatten; dieselben Stimmen, die nur dann gewagt 
hatten, gegen Hitler schüchterne Worte des Protestes zu flüstern, wenn 
„Verstöße gegen das Konkordat" die gemeinsame Front gegen den Kommu- 
nismus gefährdeten. 

Nun, da alles vorbei war, begannen die deutschen Kardinäle und Bischöfe, 
als sie ausländischen Journalisten die Ruinen ihrer Kirchen zeigten, den 
„bösen Nazismus" zu verfluchen, den „wahren Schuldigen all der Zerstö- 
rungen an so vielen geheiligten Gebäuden". Sie versicherten den Briten und 
Amerikanern immer wieder, daß sie nicht nur zu jeder Zeit den Nazismus 
verdammt, sondern ihn auch von seinen ersten Anfängen an bekämpft hät- 
ten. Die wunderlichen Behauptungen dieser Würdenträger würden ganze 
Bücher füllen. Wir wollen uns hier mit zwei typischen Beispielen solch 



205 



plötzlichen Gesinnungswandels begnügen, die uns zwei hohe Geistliche ge- 
liefert haben, denen wir bereits in diesem Buch begegnet sind: Kardinal 
Faulhaber und Erzbischof Gröber. 

Wenige Tage nach der deutschen Kapitulation wurde Kardinal Faul- 
haber, als er vor amerikanischen Korrespondenten eine heftige Tirade gegen 
den Nazismus hielt, gefragt, weshalb er dem früheren Regime so feindlich 
gesinnt gewesen sei. Er antwortete, ohne zu zögern: „Weil sich der Nazis- 
mus gegen das Christentum und gegen den Katholizismus richtete/* Dann 
zählte er auf, welche Schwierigkeiten die Nazis der katholischen Kirche be- 
reitet hätten : 

1. Der Dienst in der Hitlerjugend fand regelmäßig an Sonntagen statt und überschnitt 
sich daher mit dem Gottesdienst. 

2. In den Schulen wurde der Religionsunterricht für alle Schüler, die älter als zwölf 
Jahre waren, abgeschafft» 

3. In Deutschland hatte eine alles vergiftende antichristliche Atmosphäre um sich ge- 
griffen. 

4. Unablässig wurde Propaganda für den Militarismus getrieben und durch hinterhältige 
Methoden versucht, die Kinder dem Einfluß des Elternhauses zu entziehen. 

Anschließend erklärte der Kardinal pathetisch: „Man darf nicht zulassen, 
daß der Nazismus wiederauflebt." (12. Mai 1945)* 

Um dieselbe Zeit veröffentlichte Erzbischof Gröber einen Hirtenbrief, in 
dem er zu erklären versuchte, warum eine katholische Erhebung gegen den 
Nazismus unmöglich gewesen sei. Er sagte: 

„. . . die uns gegenüberstehende brutale und raffiniert organisierte Macht war so 
groß, daß wir, zumal wir Christen und Katholiken, an eine Revolution nicht denken 
konnten, weil einerseits die Regierung seinerzeit auf Grund einer gültigen Volksab- 
stimmung in die Hände der anderen gekommen war und damit als rechtmäßig galt 
und weil außerdem jeder Widerstand an der rücksichtslosen, durch keine Gewissens- 
bedenken gehinderten Gewalt zerbrach." 

Er fuhr fort : „Niemals wurde das deutsche Volk so betrogen wie in den vergangenen 
dreizehn Jahren", und fügte in Erinnerung an die Rolle, die er und die katholische Kirche 
dabei gespielt hatten, hinzu: „Und doch trifft auch uns, wenigstens vor Gott, manche 
Schuld." (Zitiert nach Amtsblatt für die Erzdiözese Freiburg, 12. Mai 1945) 

Und dann, Monate nach dem Zusammenbruch Deutschlands, angesichts 
der Millionen obdach- und heimatloser, verkrüppelter, gedemütigter und 
verstörter deutscher Menschen, angesichts Tausender ausgebrannter und 

* Als die ersten psychologischen Auswirkungen des nazistischen Zusammenbruchs 
etwas abklangen, begannen sofort wieder einige Angehörige der deutschen Hierarchie 
den Nazismus zu verteidigen. Ein typisches Beispiel war Kardinal von Galen, der im 
Februar 1946 in der Kirche von Santa Maria dell'Anima eine Botschaft zur Verteidigung 
des Nazismus verlas. Die Botschaft erschien kurz darauf als Pamphlet unter der "Über- 
schrift „Gesetz und Gesetzlosigkeit" und wurde anfangs in der britischen Zone, später 
auch in anderen Teilen des besetzten Deutschlands verbreitet. (Siehe Kirchliches Amts- 
blatt für die Diözese Münster, Juli 1946) 



206 



eingestürzter katholischer Kirchen, angesichts der Ruinen stolzer Dome, deren 
rauchgeschwärzte Gemäuer anklagend zum Himmel emporstarrte — ange- 
sichts all dessen wagte es der Papst endlich und zum erstenmal seit dem 
Jahre 1953, das Wort „Nazismus" in verurteilendem Sinn in den Mund zu 
nehmen und gelegentlich einer kurzen Ansprache zu erklären, daß es „eine 
gute Tat" gewesen sei, den „satanischen Nazismus" zu vernichten. 

Das war alles. Der Papst hatte, wenn auch Monate nach der Kapitulation 
Nazideutschlands, doch noch seine Stimme gegen den Nazismus erhoben.* 

* Als die vier Alliierten Ende 1945 vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürn- 
berg den Prozeß gegen eine Reihe prominenter Naziführer begannen, entsandte Pius XII. 
den Freiherrn von Weizsäcker nach Nürnberg, nachdem er mit ihm eine lange Unter- 
redung gehabt hatte. Weizsäcker war bis 1945 Nazibotschafter beim Vatikan gewesen. 
Nun sollte er vor dem Internationalen Gerichtshof jene decken, die Hitler an die Macht 
gebracht hatten. Wie zu erwarten, verlor er dabei nicht ein einziges Wort über die Rolle 
Pius* XI. und des Nuntius Pacelli, des späteren Pius XII., und der deutschen Kardinäle 
und Bischöfe. Im Gegenteil. Der Anklagevertreter der USA, Richter Jackson, bedankte 
sich öffentlich beim Vatikan, daß er „dem Nürnberger Gerichtshof Dokumente zur Ver- 
fügung gestellt" habe, die die „Anklage der Religionsverfolgung in Deutschland und 
anderen Ländern erhärteten" (Richter Jackson in einer Erklärung an den N. C. W. C. 
News Service, Washington, August 1946). Als der Vatikan den Siegern half, die Besiegten 
verurteilte und sich selbst als ein Opfer des Naziregimes hinstellte, bemühte er sich 
gleichzeitig, allen jenen Nazis beizustehen, die der katholischen Kirche in Nazideutsch- 
land und seinen Satellitenländern zu ihrer privilegierten Stellung verholf en hatten. Dies 
betraf vor allem Franz von Papen (siehe Prawda und Osservatore Romano, dritte März- 
woche 1946), der am 1. Oktober 1946 freigesprochen wurde, Dr. Tiso, den Ministerprä- 
sidenten der Slowakei (hingerichtet 1947), und Arthur Greiser, den früheren Gauleiter 
des „Warthegaus", der am 15. Juli 1947 zum Tode verurteilt wurde. Bezeichnend für die 
Nachkriegspolitik des Vatikans in Deutschland ist außerdem, daß der erste Kanzler der 
westdeutschen Bundesrepublik, Dr. Konrad Adenauer, ein ergebener Katholik und der 
Führer der wiedererstandenen katholischen Partei, der CDU, ist und daß der erste 
Bundespräsident Westdeutschlands, Dr. Theodor Heuß, 1953 im Reichstag für Hitlers 
Ermächtigungsgesetz stimmte. 



kapitel xii Österreich und der Vatikan 



Die österreichische Monarchie und der Vatikan - Liberalismus, Freiherr von Vogel- 
sang, katholische Partei - Vormarsch des Sozialismus. Das rote Wien - Erste Schritte 
auf dem Weg zu einer katholischen Diktatur - Seipel, der Priester und Diktator - Stände- 
staat - Päpstliche Föderation - Erste blutige Auseinandersetzungen zwischen Faschismus 
und Arbeiterbewegung - Faschistisches Machtstreben - Offene Allianz des bewaffneten 
österreichischen Faschismus mit Hitler - Dollfuß, der Diktator im Westentaschenformat - 
Aufdeckung einer internationalen faschistischen Verschwörung. Ihre Auswirkung auf 
die innere Lage Österreichs - Ausschaltung des Parlaments - Katholische Diktatur. Das 
Konkordat - Katholische Schutzstaffeln - Weshalb es der katholischen Kirche nicht 
gelang, die österreichische Bevölkerung für sich zu gewinnen - Katholische Sozialisten- 
Verfolgungen - Dollfuß* Bemühungen um ein Abkommen mit Hitler - Dollfuß 1 Ermor- 
dung - Dr. Schuschnigg, der dritte katholische Diktator - Wachsender Einfluß des Vati- 
kans auf Österreichs Innenpolitik — Schuschniggs Weigerung, Österreich den Nazis 
auszuliefern - Das Treffen mit Hitler - Der katholische Diktator bittet die Sozialisten 
um Hilfe - Der Betrug des Vatikans - Österreichs Ende. 



Osterreich war einer der katholischsten Staaten Europas, ein Land, in dem 
der Katholizismus tief im sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und 
politischen Leben wurzelte. Dies hatte seine Gründe vor allem in der jahr- 
hundertelangen engen Verbindung zwischen Kirche und Dynastie. Einer 
stützte den anderen. 

Dieses enge Bündnis kann man zurückverfolgen bis ins 16. Jahrhundert. 
Damals begann in Österreich die Gegenreformation mit Hilfe der 
Jesuiten, die seitdem das Leben des Landes beherrschten. Ihr Ziel war die 
Ausrottung des Protestantismus. Österreich erhob als erstes europäisches 
Land die Waffen gegen die Anhänger der Lutherschen Lehre und leistete 
dadurch dem Katholizismus wertvolle Dienste. Der Kampf dauerte lange 
und wurde von der Kirche und von dem mit ihr verbundenen Herrscher^ 
haus mit den grausamsten Methoden geführt. Am Ende des Dreißigjährigen 
Krieges, für den das Haus Habsburg die Hauptverantwortung trägt, hatte 
die Gegenreformation in Österreich ihr Ziel fast erreicht. Die katholische 
Kirche erhielt von den Habsburgern besondere Privilegien, besonderen 
Schutz und besondere Hilfe und ließ als Gegenleistung der absoluten theo- 
kratischen Monarchie, der „Lieblingstochter des Katholizismus", all ihren 
Segen zukommen. Alle moralischen und religiösen Waffen der Kirche wur- 
den eingesetzt, um jeden auch nur potentiellen Feind des Kaiserhauses und 
der Kirche — im 19. Jahrhundert den Säkularismus und Liberalismus, im 
20. Jahrhundert den Sozialismus - zu bekämpfen. 

Kirche und Kaiser gingen trotz ihrer engen Interessengemeinschaft in 
der Geschichte nicht immer denselben Weg. Die Habsburger machten sich 



208 



oft selbständig, wenn politische Ziele ihnen winkten. Philipp II. von Spanien 
ließ Häretiker verbrennen und zettelte zur gleichen Zeit einen Krieg gegen 
den Papst an. Die Habsburger in Österreich wahrten ihre Rechte gegenüber 
der Kirche und bestanden darauf, daß der Staat die Kirche unter seiner Kon- 
trolle behielt. Zur Zeit der Aufklärung wurde diese Tendenz so stark, daß 
die Kaiserin Maria Theresia das Placetum regium einführte, das der Kirche 
untersagte, päpstliche Botschaften in Österreich zu verbreiten, die nicht 
zuvor die Zustimmung des Kaisers gefunden hatten. Die österreichischen 
Herrscher kannten sehr gut den Einfluß, den Rom in einem katholischen 
Lande ausüben konnte. Der persönliche Ehrgeiz des Papstes mußte für die 
Fälle unter Kontrolle gehalten werden, in denen die Politik der Kirche nicht 
der des Hauses Habsburg entsprach. 

Im Laufe der Zeit wurden die Verbindungen zwischen den Österreichischen 
Herrschern und der katholischen Kirche so eng, daß sich der österreichische 
Kaiser offen und offiziell in die Papstwahl einmischen durfte. Er hatte das 
Recht, den in der Konklave versammelten Kardinälen die Wahl eines be- 
stimmten Papstes zu empfehlen oder zu verbieten. Der letzte Fall dieser Art 
ereignete sich kurz vor dem ersten Weltkrieg. 

Nach dem Tod Leos XIII. beauftragte Kaiser Franz Joseph den Kardinal 
Puzyna, seinen Kardinalskollegen, die für ihre Erleuchtung durch den 
Heiligen Geist bei der Papstwahl beteten, mitzuteilen, daß der als Nach- 
folger Leos XIII. in Aussicht genommene Kardinal Rampolla nicht gewählt 
werden dürfe. In der Konklave waren zwei Richtungen vertreten. Die einen 
wünschten einen Papst, der zu der reaktionären Politik vor Leo XIII. zurück- 
kehrte. Die anderen wollten einen Papst mit gemäßigten Ansichten. Der 
österreichische Kaiser war für einen Papst reaktionärer Richtung. Und er 
bekam seinen Willen. Als die meisten Kardinäle für Rampolla stimmten, 
wußten sie nicht, daß einer unter ihnen bereits das kaiserliche Veto in der 
Tasche hatte. Als die Wahl Rampollas schon so gut wie gesichert schien, 
erhob sich Kardinal Puzyna und verlas das Veto. Die Kardinäle waren be- 
stürzt, gehorchten aber dem kaiserlichen Befehl. Rampolla wurde nicht 
Papst. An seine Stelle trat der reaktionäre Patriarch von Venedig, der als 
Pius X. den päpstlichen Thron bestieg. 

Österreich war ein buntes Gemisch von Nationalitäten, Rassen und 
Religionen, sein Kaiser regierte auch im 19. Jahrhundert noch als absoluter 
Monarch. Die Jesuiten waren allmächtig und beherrschten das Erziehungs- 
wesen und, wenn auch nur mittelbar, die Politik. Das Habsburgerreich 
jener Zeit war zu vergleichen mit einem fest gekitteten Block, in den, dank 
der engen Allianz des Herrscherhauses mit der katholischen Kirche, keinerlei 
fortschrittliche Ideen eindringen konnten. Es wurde oben wie unten regiert 
von der heiligen Dreieinigkeit der Aristokratie, Bürokratie und Hierarchie, 



14 M359 



209 



die untereinander durch Herkunft, Religion und Tradition verbunden 
waren. 

Aber die Ideen der Französischen Revolution hatten sich nicht vergebens 
über ganz Europa verbreitet. Österreich wurde ebenso wie andere Länder 
des Kontinents von Unruhen erfaßt. Revolutionen brachen aus. Sie wurden 
mit der für das fromme Haus Habsburg bezeichnenden Grausamkeit unter- 
drückt. Trotzdem faßten die liberalen Lehren auch in Österreich schritt- 
weise Fuß und begannen das soziale und politische Leben zu beeinflussen. 
Wir können diesen interessanten Prozeß hier nicht näher untersuchen und 
müssen uns mit der Feststellung begnügen, daß in den siebziger Jahren des 
19. Jahrhunderts die Regierung Taaffe, die vierzehn Jahre lang im Amt 
war, mit aller Kraft gegen die Häresien des Liberalismus ankämpfen mußte, 
der täglich weiter um sich griff. Quelle dieser Feindschaft war die katholische 
Kirche, die den Liberalismus bezichtigte, für religiöse Gleichberechtigung 
einzutreten. 

Die antiklerikale Einstellung erheblicher Teile der Bevölkerung war 
eine natürliche Reaktion auf die Bemühungen der katholischen Kirche, vor 
allem nach der Revolution von 1848, als Gegengewicht gegen den demokra- 
tischen Gedanken, dessen Siegeszug damals auch in Österreich nicht auf- 
zuhalten war, die eigene Position zu festigen. Der Vatikan erhielt 1855 von 
den Habsburgern ein Konkordat, das der Kirche weitere Privilegien sicherte. 
Ziel des neuen Konkordats war, die liberalen Ideen auszurotten, die so ge- 
fährlich waren, weil sie die Jugend in ihren Bann zogen. Daher übertrug 
das Konkordat der katholischen Kirche die Aufsicht über das gesamte Er- 
ziehungswesen. Die Kirche befahl den religiösen Orden und den Gemeinde- 
pfarrern, die neue Gegenreformation — richtiger Gegenrevolution — als ihre 
wichtigste Aufgabe anzusehen. 

Obwohl der Katholizismus vor allem auf dem Lande ein fester Bestandteil 
des Lebens jedes Österreichers war, rief das Konkordat bei vielen offenen 
Widerspruch hervor und weckte allerorts antireligiöse Stimmungen. Vor dem 
Aufkommen des Liberalismus wäre das undenkbar gewesen. Man nahm die 
Herausforderung der katholischen Kirche an und trat ihrem Herrschafts - 
anspruch auf fast allen Gebieten entgegen. Die antiklerikale Einstellung des 
Liberalismus war für große Teile des Volkes Anlaß, sich ihm anzuschließen. 

In Wien faßte der Antiklerikalismus tiefe Wurzeln. Jahrzehntelang 
wagten die Priester nicht, in Wien auf öffentlichen Versammlungen zu 
sprechen. Trotz aller Anstrengungen der Kirche und der herrschenden 
Kreise Österreichs gewannen der Liberalismus und die demokratischen Ideen 
immer mehr an Boden. Daraufhin beschloß die katholische Kirche, ihre 
Feinde in der politischen Arena zu bekämpfen. Eine katholische politische 
Bewegung wurde ins Leben gerufen. 



210 



Die Österreichische katholische Partei hatte von Anfang an einen starken 
antisemitischen Einschlag. Karl Lueger, einer der hervorragendsten Ver- 
treter des politischen Katholizismus in Österreich, erklärte, der Katholizis- 
mus könne, namentlich in Wien, nur dann eine politische Massenbewegung 
werden, wenn er in den Massen den Antisemitismus wecke. Mancher wird 
dies nicht glauben wollen, da man heute gewohnt ist, vom Vatikan hin und 
wieder Worte zugunsten der Juden zu hören. Aber es gibt andere Beispiele 
der Verbindung zwischen politischem Katholizismus und Antisemitismus. 
Luegers Gruppe nannte sich lange Zeit hindurch einfach „antisemitisch". 
Später taufte sie sich um und nannte sich „Christlich -Soziale Partei". Unter 
diesem Namen existierte sie bis 1934. 

Die katholische Partei bezog ihre Theorien weniger von Lueger als von 
dem Freiherrn von Vogelsang, einem Sozialwissenschaftler und gläubigen 
Katholiken, der jahrzehntelang gelehrt hatte, der politische Katholizismus 
in Österreich müsse ein ebenso mächtiges Instrument der Kirche werden 
wie die deutsche Zentrumspartei. 

Vogelsang ließ sich bei der Ausarbeitung seiner Theorien von den Sozial- 
lehren der katholischen Kirche und von den päpstlichen Enzykliken leiten, 
hielt aber im Gegensatz zum Papst Profitmacherei für unvereinbar mit dem 
Evangelium. Er entwickelte daher einen Plan der Gesellschaft, in dem jeder 
„Stand" seine wohlverdienten Rechte und Pflichten haben und das gesamte 
wirtschaftliche Leben entsprechend den im Mittelalter herrschenden Grund- 
sätzen gelenkt werden sollte. Kurz, er wollte die mittelalterlichen Zünfte 
Wiederaufleben lassen und einen Ständestaat schaffen. Dieser Gedanke wurde 
später vom Faschismus übernommen. Vogelsang verlangte, den religiösen 
Eifer des Mittelalters wiederzuerwecken. Ein Katholizismus dieser Art sei, 
so lehrte er, das beste Mittel gegen Liberalismus, Sozialismus und ähnliche 
Übel des modernen Wirtschaftslebens. 

Gewisse Teile des Vogelsangschen Programms hatten Ende des vorigen 
Jahrhunderts ihren Niederschlag in Gesetzen gefunden, da die christlich- 
soziale Bewegung Einfluß gewonnen hatte und ihre Pläne den Interessen 
gewisser konservativer Kreise entsprachen. So wurde tatsächlich das Zunft- 
system wiedereingeführt und der Handwerkerstand zu neuem Leben er- 
weckt. Zahlreiche Bestimmungen regelten zum Beispiel die Anzahl der 
Meister in jedem Zunftzweig und der ihnen zugeteilten Lehrlinge und legten 
eine langjährige Lehrzeit fest. 

Die Idee des Ständestaats wurde, ähnlich wie in Italien, sowohl von der 
Aristokratie und der Geistlichkeit als auch von den niederen Schichten des 
Mittelstandes begrüßt. Der Vatikan billigte sie offiziell und inoffiziell, und 
der katholische Geistliche Seipel machte sie nach dem ersten Weltkrieg zu 
einem Eckstein seines antisozialistischen Programms. Wir finden dieselben 



211 



Gedanken später in der Enzyklika Quadragesimo Anno wieder, mit der wir 
uns bereits beschäftigt haben. 

Auf Luegers Anregung fanden an bestimmten katholischen Festtagen, die 
bislang nur in engerem Rahmen gefeiert wurden, große öffentliche Ver- 
anstaltungen mit pomphaften Prozessionen statt. Die Stadtverwaltung von 
Wien achtete darauf, daß ihre Angestellten und die Schulkinder regelmäßig 
am kirchlichen Leben teilnahmen. Außerdem wurde auf Luegers Initiative 
ein großer Kaiserkult betrieben. Lueger hegte eine tiefe Verehrung 
für die Kirche und für das Kaiserhaus und glaubte, durch Glanz- und 
Machtentfaltung dem Volk diese Institutionen am besten nahezubringen. 
Kurz nach seinem Tod (1911) wurde seine Partei bei den allgemeinen 
Wahlen so vernichtend geschlagen, daß sie sich von dieser Niederlage nie 
erholte. 

Die Sozialisten hatten inzwischen trotz allem an Macht und Einfluß ge- 
wonnen. Unter ihrer Anleitung organisierten die Arbeiter eigene Gewerk- 
schaften. Diese verdrängten rasch die Organisationen der Katholiken und 
Nationalisten und sicherten sich das alleinige Recht auf die Organisierung 
der Arbeiterschaft. Das Programm der Sozialisten übte außerdem eine 
starke Anziehungskraft auf die Intelligenz und auf gewisse Teile des 
Kleinbürgertums aus. 

Die Einführung des allgemeinen Wahlrechts war vor allem dem Kampf 
der sozialistischen Bewegung zu verdanken. Seit 1906 hatten auch die Ar- 
beiter das Stimmrecht. Eine starke sozialistische Gruppe zog in das Parla- 
ment ein. Auch in den Gemeindeverwaltungen und im Staatsapparat 
verschafften sich die Sozialisten immer stärker Geltung. 

Die katholische Kirche hatte den Sozialismus von Anfang an bekämpft. 
Als er trotzdem weiterwuchs, schien es ihr geboten, ihn offen zum Kampf 
herauszufordern. Sie erklärte die sozialistische Überzeugung für sündhaft, 
verdammte die sozialistische Idee, boykottierte die sozialistischen Organi- 
sationen und predigte und hetzte gegen alles, was die Sozialisten taten. Aber 
sie erreichte damit genau das Gegenteil. Die Arbeiter begannen in der Kirche 
ihren Feind zu sehen. Die Arbeiterklasse wurde antikatholisch und athe- 
istisch, die Freidenkerorganisationen wuchsen. 

Diese besondere Situation in Österreich, die lange vor dem ersten Welt- 
krieg bestand, war darauf zurückzuführen, daß, wie wir bereits erwähnten, 
der Katholizismus in Österreich seit langem und weit mehr als anderswo 
eine politische Macht war. Er war stets eng mit der Monarchie ver- 
bündet und hatte seine Sorgen um soziale Probleme stets den Interesseif 
der Kirche und der Monarchie untergeordnet. Die Bevölkerung setzte die 
katholische Kirche mit der Dynastie des Hauses Habsburg gleich. Die 
katholische Kirche war viel mehr als in anderen Ländern ein unlösbarer 



212 



Bestandteil der herrschenden Klassen geworden. Sie behandelte die Sozialisten 
und alle ihre Grundsätze mit Abscheu und verdächtigte sie der Illoyalität. 
Der Kampf zwischen der Kirche und den Sozialisten wurde daher in 
Österreich mit einer Erbitterung geführt, wie man sie in Deutschland 
niemals kannte. 

Unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg gab es zahlenmäßig im wesent- 
lichen nur noch zwei Hauptkräfte in der politischen Arena Österreichs: die 
Katholiken und die Sozialdemokraten. Sie hielten sich stärkemäßig etwa 
die Waage. 

Die katholische Partei stützte sich 1919 im wesentlichen auf die Land- 
bevölkerung, wenn auch ein Teil der Landarbeiter für die Sozialdemokraten 
stimmte. Die Sozialdemokraten hatten die Arbeiterklasse organisiert und 
erhöhten in den folgenden Jahren die Anzahl ihrer Mitglieder auf die für 
ein Land von kaum 6,5 Millionen Einwohnern erstaunliche Zahl von 
700000. Bei den ersten Nachkriegsgemeindewahlen erhöhten sie in Wien 
die Anzahl ihrer Stimmen um 120000 und außerhalb Wiens, wo sie ins- 
gesamt 830000 Stimmen erhielten, zur größten Verwunderung des 
Vatikans um 90000. Die Österreichische Sozialistische Partei war in 
den Jahren nach dem ersten Weltkrieg, wenn man die Anzahl der Mit- 
glieder mit der Gesamtbevölkerung vergleicht, die stärkste sozialdemo- 
kratische Partei der Welt. 

Die Reaktion sah diesem sozialdemokratischen Vormarsch nicht tatenlos 
zu. An der Spitze der antisozialistischen Kräfte stand die katholische Kirche 
und ihre Hierarchie, gestützt auf die bäuerliche Bevölkerung, auf die ge- 
samte jüdische und nichtjüdische Bourgeoisie und auf die alte Aristokratie. 

Die Sozialdemokraten hatten von der Gründung der Republik an mit den 
Katholiken in einer Koalitionsregierung gesessen. Diese Regierung stand an- 
fangs stark unter sozialdemokratischem Einfluß, wurde jedoch nach dem 
Zusammenbruch der ungarischen Räterepublik zugunsten der Katholiken 
umgebildet Aber die Massen duldeten nicht lange, daß sich die Sozialdemo- 
kraten an einer Regierung unter katholischer Vorherrschaft beteiligten, 
1920 traten die Sozialdemokraten aus der Regierung aus. 

Wenn die Sozialdemokraten auch die Bundesregierung verließen, so blie- 
ben sie doch in den Länderregierungen und Gemeinden, in denen ein großer 
Teil der Staatsmacht lag. Während des Bestehens der ersten österreichischen 
Republik beteiligten sich die Sozialdemokraten an sechs von neun Provinzial- 
regierungen und errangen bei allen Wahlen 40 Prozent der abgegebenen 
Stimmen. Auf diese Weise wohnten 47 Prozent der Gesamtbevölkerung in 
Gemeinden, deren Verwaltung in der Hand der Sozialdemokraten war. 

Die Sozialdemokraten benutzten ihren Einfluß in den Gemeinden, ein 
großes Reformprogramm zu verwirklichen. Unter diesen Gemeinden war 



213 



Wien die wichtigste. Dort beherrschten die Sozialdemokraten, da sie über an- 
nähernd zwei Drittel aller Stimmen verfügten, die Stadtverwaltung fast völlig. 

Die Katholiken und anderen Antisozialisten versuchten die großen An- 
strengungen der Sozialdemokraten auf dem Gebiet der Gesundheitsfürsorge 
und des Wohnungsbaus für die werktätigen Menschen als Beweis einer 
„schleichenden Bolschewisierung" hinzustellen und dadurch die Sozial- 
demokraten zu diskriminieren. 

Bemerkenswert bei den österreichischen Sozialdemokraten war auch, daß 
sie die katholische Kirche weder in Wien noch sonst in Österreich irgendwie 
verfolgten, obwohl sie in ihr einen politischen Gegner sahen und durchaus 
die Möglichkeit dazu gehabt hätten. Sie vermieden es peinlichst, „roter Aus- 
schreitungen" beschuldigt zu werden. Dies stand in krassem Gegensatz zu 
dem Verhalten zahlreicher katholischer Regierungen, die mit ihren Gegnern 
oder auch nur Kritikern brutal umsprangen. 

Die Katholiken und alle anderen reaktionären Elemente wurden sowohl 
legal als auch illegal von Tag zu Tag aktiver. Gerüchte liefen um, daß sie 
versuchen wollten, die Macht der Sozialdemokraten mit undemokratischen 
Mitteln zu brechen; sie hatten erkannt, daß die Sozialdemokraten stärker 
wurden, solange demokratische Zustände herrschten. Um sich gegen die 
reaktionären Umtriebe zu schützen, riefen die Sozialdemokraten den „Re- 
publikanischen Schutzbund" ins Leben, eine starke, disziplinierte und be- 
waffnete Organisation, die bereit war, für die Verteidigung der Demokratie 
und der Sozialistischen Partei zu kämpfen. 

Während sich in Österreich die reaktionären Kräfte noch sammelten, 
hatten sie im Ausland bereits begonnen, die Macht an sich zu reißen und 
einen faschistischen und halbfaschistischen Staat nach dem anderen zu er- 
richten. Die Ereignisse zeigten unmißverständlich, in welche Richtung 
Österreich und ganz Europa gedrängt werden sollten. 

Kurze Zeit nach dem ersten Weltkrieg trat ein Theologe, Prälat Seipel, 
an die Spitze der katholischen Partei. Er war im letzten kaiserlichen Kabinett 
der österreichisch -ungarischen Monarchie Minister gewesen und galt un- 
bestritten als der Kopf der klerikalen Partei. Er hatte sich das Lebensziel 
gesetzt, die politische Macht der katholischen Kirche und des Hauses Habs- 
burg wiederherzustellen. 

Seipel war ein Asket und verstand es hervorragend, im Interesse der Er- 
weiterung der kirchlichen Macht zu intrigieren. Er aß, betete und schlief 
im Kloster Zum Heiligen Herzen Jesu. Während seiner jahrelangen Kanzler- 
schaft konnten auch dringende Staatsgeschäfte ihn nicht abhalten, regel- 
mäßig seinen religiösen Pflichten und seinen Aufgaben als Geistlicher dieser 
Nonnenkongregation nachzukommen. Täglich um sechs Uhr morgens las er 
in der Kapelle des Klosters die Messe. 



214 



Obwohl Seipel nicht der Gesellschaft Jesu angehörte, besaß er alle Eigen- 
schaften, die man gewöhnlich einem Jesuiten zuschreibt. Er konnte zum 
Beispiel nicht auf eine klare Frage mit einem klaren Ja oder Nein antworten. 
Gegen die Arbeiterbewegung und alles, was mit ihr zusammenhing, hegte er 
einen tiefen Abscheu. Auch der Säkularismus, der Modernismus und der 
Liberalismus waren ihm zuwider. Neben der Stärkung der kirchlichen Macht 
sah er seine Hauptaufgabe darin, die Linke zu vernichten. Sie war für 
ihn der „rote Antichrist". Man nannte ihn den „Kardinal ohne Milde". 
Zweimal wäre er beinahe von einer aufgebrachten Menge erschlagen 
worden. 

Bevor wir uns die Geschichte seines Lebens näher ansehen, ist es ange- 
zeigt, die Ideen und Ziele kennenzulernen, die Seipel in seiner Innen- und 
Außenpolitik verfolgte. Das ist deshalb so wichtig, weil sich die öster- 
reichische Regierung bis zur Annexion Österreichs durch Hitler, vor allem 
in der Innenpolitik, ausschließlich von den Grundsätzen Seipels leiten ließ. 
Diese Grundsätze gewinnen an Bedeutung, wenn man bedenkt, daß sie vom 
Papst nicht nur gebilligt, sondern sogar inspiriert wurden. Seipel stand in 
den letzten Jahrzehnten seines Lebens fortwährend in engster Verbindung 
mit dem Papst und dessen Kardinalstaatssekretär und entwickelte seine ge- 
samte Politik auf der Grundlage der Richtlinien des Vatikans. 

Das Hervorstechendste an Seipels politischer Konzeption war die völlige 
Unterordnung aller politischen, wirtschaftlichen und sozialen Fragen unter 
die Interessen der Kirche. Und für Seipel waren die Interessen der Kirche 
identisch mit der Beibehaltung der bestehenden Ordnung oder, genauer, mit 
der Rückkehr zu der sozialen Ordnung der Vorkriegszeit. Er war ein Feind 
jeder sozialen Reformbewegung, mochte sie noch so großen Anklang unter 
der Bevölkerung finden, und haßte alle Organisationen der sozialistischen 
Arbeiterbewegung. Als er einmal mit einem französischen Jesuiten, der 
weitgehende soziale Reformen für erforderlich hielt, disputierte, rief er aus : 
„More capitalistico vivit ecclesia catholica." — „Die katholische Kirche lebt 
auf kapitalistische Weise." 

In Wirtschaftsfragen ließ er sich von Bankiers und Industriellen beraten, 
deren Interessen mit den seinen harmonierten. Er sah den idealen gesell- 
schaftlichen Zustand darin, die alte hierarchische Gesellschaftsstruktur 
wiedereinzuführen und die Macht der Geistlichkeit wiederherzustellen. 
Mehrmals erklärte er offen, daß es untragbar sei, die Beschränkungen, die 
der Kirche von der Republik auferlegt worden seien, weiter zu dulden. 

Nach Seipels Ansicht war die politische Macht der Sozialdemokraten die 
Hauptursache für den mangelnden Einfluß der Kirche. Er und die katho- 
lische Partei identifizierten sich rückhaltlos mit der Sache der Unter- 
nehmer. 



215 



Seipels Ideen über den Aufbau der neuen Gesellschaft waren ultrakatho- 
lisch und in ihren Grundzügen von den päpstlichen Erklärungen beeinflußt, 
die wir am Anfang dieses Buches kennengelernt haben. Anfangs setzte er 
das Programm des Freiherrn von Vogelsang fort, dessen ganzes Denken 
sich in der Idee der Stände erschöpfte. Seipel begann Vogelsangs Theorien 
in die Praxis umzusetzen. Seine Nachfolger führten dieses Werk fort. Sei- 
pels Antipathie gegen den Sozialismus und seine Überzeugung, daß es not- 
wendig sei, den Massen eine katholische Sozialordnung zu bieten, die auf 
der Wiedererweckung der mittelalterlichen Zünfte beruhte, fanden die volle 
Billigung des Vatikans. Der Papst bat daher Seipel, bei der Abfassung der 
Enzyklika mitzuwirken, die allen Politikern für die Bildung von Stände- 
staaten die Hilfe des Vatikans anbot. Seipel rückte zu einem „Berater" des 
Papstes auf. Seine Ideen gingen in das Arsenal des internationalen Katholi- 
zismus ein. 

Seipel scheute sich nicht, die Doktrinen seines Lehrers Vogelsang dort 
zu verändern, wo es ihm nützlich schien. Vogelsang hatte vor allem die 
sozialen Probleme gesehen und die politischen ihnen untergeordnet oder 
höchstens gleichgestellt. Seine Ständehierarchie war von ihm als eine Bar- 
riere gegen den Kapitalismus gedacht. Sie sollte die Einführung moderner 
Arbeitsmethoden verhindern und dem Handwerk seinen angestammten 
Platz erhalten. 

Seipel sah in der Ständehierarchie genau das Gegenteil. Er wollte mit 
ihr die Industrie, den Kapitalismus, die Banken und ihre Eigentümer vertei- 
digen. Seine Stände waren gerade zu deren Schutz gedacht. Jeder Versuch, 
die wirtschaftliche Unabhängigkeit dieser Gruppen einzuschränken, waren 
nach seiner Meinung ein Verstoß gegen die „natürliche Ordnung der 
Dinge". 

Seipels Stände waren keine Instrumente der sozialen Ordnung, sondern 
vor allem Mittel zur Erlangung einer politischen Vorherrschaft. Nach 
Seipels Plänen sollten die Stände ihre Vertreter in das Parlament wählen 
und dadurch ein Gegengewicht gegen die „Vorherrschaft der bloßen Zahl" 
schaffen, wie sie in demokratischen Wahlen zum Ausdruck kommt. Kurz 
gesagt, die Stände sollten wiedererweckt werden, um die Kraft und den Ein- 
fluß der Sozialdemokraten zu brechen. Durch das schrittweise Einschleusen 
dieser Ideen in den Staatsapparat half Seipel in Österreich die Demokratie 
zerstören und die Sozialdemokraten ausschalten. Dadurch ebnete er dem 
Faschismus in Österreich den Weg. 

Entsprechend dieser Sozialpolitik entwickelte Seipel ein außenpolitisches 
Programm, das ebenfalls die Billigung des Vatikans fand. Diese Außen- 
politik beschleunigte, wie wir später sehen werden, die innere Zersetzung 
und damit die Auflösung der Tschechoslowakischen Republik. Seipel träumte 



216 



von der Gründung eines neuen Heiligen Römischen Reiches, oder einfacher: 
Er wollte alle Staaten und Staatsteile, die dem katholischen Glauben an- 
gehörten und früher Teile der österreichisch -ungarischen Monarchie waren, 
in einem Reich vereinen. Wien sollte die Hauptstadt und Österreich das 
Zentrum dieses Reiches werden. 

Jugoslawien sollte nach Seipels Plan das katholische Kroatien abtreten, 
das etwa ein Drittel des gesamten jugoslawischen Territoriums ausmachte 
und in religiösem Gegensatz zur serbischen Metropole stand. Von der 
Tschechoslowakei sollte die katholische Slowakei abgetrennt werden, um sie 
dem Einfluß der „hussitischen Häretiker" und „freidenkerischen Tschechen" 
zu entziehen und mit einem Teil Ungarns unter rumänischer Oberhoheit zu 
vereinen. 

In Ungarn wollte Seipel einen katholischen Herrscher einsetzen — ge- 
dacht war an einen Sprößling des Hauses Habsburg — , um dadurch den 
Kalvinisten die Gewalt über die katholische Bevölkerung zu entreißen. Aber 
das war nur der Anfang. Falls die Umstände günstig wären, sollte auch 
Bayern in das neue Reich eingegliedert werden. Frankreich hatte seit langem 
alle Bemühungen unterstützt, dieses Land von Deutschland zu trennen. 
Auch Elsaß -Lothringen wurde in den Plan einbezogen. So sollte ein katho- 
lisches Reich entstehen, eine päpstliche Föderation, in die sich der Vatikan 
flüchten könnte, falls das Schlimmste einträte und Rom dem internationalen 
Kommunismus und atheistischen Bolschewismus in die Hände fiele. 

Die Verwirklichung dieses Planes sollte in Etappen vor sich gehen: Schaf- 
fung einer Donauföderation; Abschluß einer Reihe von Zoll- und Handels- 
abkommen; schrittweise Annäherung und Zusammenführung der Glieder 
des künftigen Reiches ; Herausbildung einer neuen Nation unter der Schirm- 
herrschaft der katholischen Kirche und Wiederherstellung des Friedens in 
Mitteleuropa. 

Seipel hatte diesen Plan bis in alle Einzelheiten durchdacht. Ja, er hatte 
sogar den künftigen Herrscher seines Reiches bereits ausgewählt: den Sohn 
der Kaiserin Zita, den jungen Otto von Habsburg, der in einem Benedik- 
tinerkloster in Luxemburg erzogen worden war. Seipel verbündete sich mit 
den Legitimisten in Ungarn und veranlaßte den Vatikan, Dr. Jusztinian 
Seredi zum Primas von Ungarn zu ernennen; damit war ein weiterer Beweis 
für die päpstliche Beteiligung an diesem Plan erbracht. 

So also sah Seipels außenpolitische Konzeption aus, die außenpolitische 
Konzeption eines katholischen Prälaten, der seine Politik in enger Verbindung 
mit dem Vatikan plante und durchführte. Untersuchen wir nun, wie weit 
er mit dieser Konzeption kam. 

Wir haben bereits festgestellt, daß die reaktionären Kräfte, angeführt 
von der katholischen Kirche, Maßnahmen vorbereiteten, um die Macht der 



217 



„atheistischen Sozialisten" zu brechen. Zu diesen Maßnahmen gehörte die 
Aufstellung illegaler, bewaffneter, antisozialistischer Gruppen, die syste- 
matisch darauf gedrillt wurden, in den kleineren Städten des Landes füh- 
rende Sozialdemokraten umzubringen. 

Anfang 1927 sprach in Wien ein Gericht, das sich überwiegend aus 
Sozialistengegnern zusammensetzte, Heimwehrleute frei, die mehrere poli- 
tische Morde begangen hatten. Dieser Freispruch war nur ein Glied in einer 
Kette ähnlicher Rechtsbrüche zugunsten der reaktionären Kräfte. Unter 
den Arbeitern wuchs die Überzeugung, daß die Gerichte ihnen keinen 
Schutz mehr gegen politische Morde böten. Eine spontane Massendemon- 
stration überflutete am Vormittag des 15. Juli 1927 die Straßen Wiens. Die 
Polizei eröffnete das Feuer auf die Demonstranten. Die empörte Menge 
stürmte den Justizpalast, der für sie das Symbol legaler Ungesetzlichkeit 
war, und steckte ihn in Brand. 

Die Führung der Sozialdemokraten alarmierte den „Republikanischen 
Schutzbund", um die erregten Massen zu beschwichtigen. Aber die Regie- 
rung hatte bereits entschieden, gegen die Demonstranten Truppen einzu- 
setzen. Sie feuerten auf die unbewaffnete Menge. Die Kämpfe dauerten an 
einigen Stellen mehrere Tage lang und kosteten mehr als neunzig Tote und 
unzählige Verwundete. 

Das politische Gleichgewicht war dahin. Seipel erklärte öffentlich: „Ver- 
langt von mir keine Milde in diesem Augenblick!" Die Wellen der politi- 
schen Leidenschaften schlugen hoch, vor allem in den Arbeiterdistrikten 
Österreichs. 

Innerhalb von fünf Monaten erklärten mehr als 21 000 Personen ihren 
Austritt aus der katholischen Kirche. Das war ein unmißverständlicher Pro- 
test gegen den Priesterkanzler, der „keine Milde" kannte. 

Die katholische Reaktion unter Seipel nutzte diese tragischen Ereignisse, 
um die Sozialdemokraten restlos aus der Armee und aus der Polizei zu ver- 
drängen. Beide Institutionen wurden reine Machtinstrumente der Regierung. 
Die katholischen antisozialistischen und halbfaschistischen Organisationen, 
die bisher ein halblegales Dasein geführt hatten, traten plötzlich offen auf. 
Sie hatten ihre Stützpunkte vor allem in den ländlichen Bezirken, wo sie auch 
entstanden waren. Die katholischen Bauern, die völlig unter dem Einfluß 
ihrer Pfarrer standen, fürchteten, daß die „Roten" ihnen ihr Land wegnäh- 
men, und haßten daher seit 1919 das „rote Wien". Ihnen war eingeredet 
worden, Wien sei am 15. Juli das „Opfer eines bolschewistischen Aufstan- 
des" geworden. 

Die Heim wehren waren 1918 als Selbstschutzorganisation gegen äußere 
Bedrohung entstanden. Unter der Führung des Fürsten Starhemberg wa- 
ren sie in eine halbfaschistische Organisation umgewandelt worden. Sie 



218 



setzten sich zum größten Teil aus bäuerlichen Elementen zusammen und 
wurden von den herrschenden Schichten auf dem Land und in den kleineren 
Provinzstädten geführt. In ihren Reihen befanden sich auch zahlreiche 
Geistliche, die überall verbreiteten, die Stadtverwaltung in Wien sei ein 
Werkzeug Lenins, des Teufels und Antichristen. 

Das Hauptziel der Heimwehren war die „Zerschlagung der Roten". 
Seipel unterstützte sie und sah in ihnen ein Instrument, mit dem er die 
Demokratie aus den Angeln heben konnte. Er lenkte ihren Eifer daher nicht 
nur gegen die „Roten", sondern gegen die Demokratie allgemein und gab 
ihnen Losungen wie: „Weg mit dem Parlament!" — „Wir brauchen einen 
autoritären Staat!" 

Wenn diese Losungen auch im Widerspruch zur offiziellen Politik seiner 
Partei standen, so gab es doch in Wirklichkeit keinen Gegensatz zwischen 
den Zielen der katholischen Partei und der nun offen erklärten politischen 
Linie der Heim wehren. 

Im weiteren entwickelten sich die Ereignisse in Österreich ähnlich wie 
wenige Jahre zuvor in Italien. Die Durchsetzung der katholischen Politik 
forderte die Beseitigung der katholischen Partei und an ihrer Stelle ein 
wirksameres Instrument, den Faschismus, dessen erste organisierte Ver- 
tretung in Österreich die Heimwehren waren. 

Die Heimwehren rechtfertigten jedoch nicht die in sie gesetzten Erwar- 
tungen. Ihre Bataillone bestanden größtenteils aus Bauern, die nicht bereit 
waren, sich außerhalb ihres engeren Wohn- und Interessenbereiches an 
politischen Aktionen zu beteiligen. Auch der italienische Faschismus und 
der deutsche Nazismus hätten nie siegen können, wenn sie sich lediglich auf 
die katholische Landbevölkerung und ihre antisozialistischen Sentiments 
hätten stützen müssen. Sie fanden ihre Massenbasis vor allem im Klein- 
bürgertum der Städte. Diese Schicht war zwar auch in Österreich aktiv 
faschistisch, aber zahlenmäßig zu schwach, den faschistischen Heimwehren 
als Massenbasis zu dienen. 

Im Oktober desselben Jahres nahm Seipel die Heimwehren unter seine 
Obhut. Er versprach ihnen staatlichen Schutz gegen innere und äußere Ein- 
mischung und Geldmittel für Uniformen, Waffen und Löhne. Ermutigt 
durch diese Hilfe, gestützt auf die Katholiken und andere reaktionäre Ele- 
mente und aufgestachelt vom Vatikan und von Mussolini, fühlten sich die 
Heimwehren und ihre Drahtzieher im Herbst 1928 stark genug, gegen die 
Sozialdemokraten und gegen alle die Demokratie verteidigenden Kräfte vor- 
zugehen. 

Der erste Versuch dieser Art sollte eine Nachahmung des Mussolinischen 
Marsches auf Rom sein. Die Heimwehren beabsichtigten im Oktober 
1928 eine große Demonstration in Wien und zogen zu diesem Zweck ihre 



219 



bewaffneten Einheiten aus allen Teilen des Landes in einem Industrie - 
bezirk südlich der Stadt zusammen. Aber die Arbeiter bewaffneten sich 
ebenfalls und bereiteten sich entschlossen auf die Kämpfe vor. Da bliesen 
die Heimwehren ihre Aktion ab. 

Seipel war im Frühjahr 1928 von seinem Kanzleramt zurückgetreten. Er 
bekannte sich nun offen zum Faschismus und beabsichtigte, sich durch eine 
faschistische Welle von neuem auf den Kanzlerstuhl tragen zu lassen. Er 
zwang seinen Nachfolger mit Hilfe der bewaffneten Kräfte der Heimwehren, 
sein Amt niederzulegen. Schober, bisher Chef der Polizei — er hatte den 
Truppen 1927 den Feuerbefehl gegeben — f wurde Kanzler. 

Wider Erwarten erhielt jetzt Seipel zwei schwere Schläge. Den ersten 
Schlag versetzte ihm der neue Kanzler Schober, indem er dem Verbindungs- 
mann Seipels zu den Heimwehren, dem Major Waldemar Papst, den Laufpaß 
gab. 

Papst war ein professioneller Konterrevolutionär und in Deutschland 
in verschiedene politische Mordaffären verwickelt; er war auch Verbin- 
dungsmann zwischen Hitler und dem Fürsten Starhemberg, dem Führer 
der Heimwehren. Der zweite Schlag für Seipel und seine politischen Pläne 
war die Wahl einer Labourregierung in England. 

Ramsay MacDonald und Arthur Henderson waren eng mit den Wiener 
Sozialdemokraten befreundet. Henderson veranlaßte, als er von der Bewaff- 
nung der Heimwehren erfuhr, eine Anfrage im Unterhaus. Österreich 
wurde beschuldigt, den Friedensvertrag gebrochen zu haben, indem es eine 
geheime Armee organisierte, die aus Regierungsquellen finanziert und ver- 
sorgt würde. Die britische Regierung verlangte die Entwaffnung der Heim- 
wehren. Die französische Regierung schloß sich der britischen Forderung 
an. Diese Intervention bewahrte Österreich vor einem Bürgerkrieg, der un- 
mittelbar bevorstand, und führte dazu, daß Seipel sich eine Zeitlang zurück- 
ziehen mußte. 

Die Heimwehren stellten sich, nachdem sie eingesehen hatten, daß sie 
auf direktem Weg nichts erreichen konnten, auf andere Methoden um. So 
versuchten sie mit Hilfe des katholischen Vizekanzlers Karl Vaugoin, die 
sozialdemokratische Vorherrschaft unter den Eisenbahnern zu brechen. Die 
Regierung geriet sich über diese Frage in die Haare und trat zurück. Vau- 
goin wurde Kanzler (1950). Seine erste Handlung war, das Parlament auf- 
zulösen. Er wurde dabei von den Heimwehren, die eine Diktatur verlangten, 
leidenschaftlich unterstützt. Das Kabinett erklärte, es sei von nun an gewillt, 
nur noch mit „autoritären Methoden zu regieren". Seipel legte sein Amt als 
Vorsitzender der katholischen Partei nieder — was Rückschlüsse auf die Ab- 
sichten des Vatikans bezüglich dieser Partei erlaubte - und trat als Außen- 
minister in die Regierung Vaugoin ein. Der Heimwehrführer Fürst 



220 



Starhemberg wurde Innenminister, sein Kollege Dr. Hueber erhielt einen 
Posten bei der Außenhandelskammer. Starhemberg machte aus seinem 
Bündnis mit Hitler kein Hehl ; auch Hueber war ein überzeugter Nazi und 
lief erte 1 938 als Mitglied des nazistischen Viertagekabinetts Österreich an 
Hitler aus. 

Die Sozialdemokraten ließen keinen Zweifel, daß sie bereit seien, den 
Kampf aufzunehmen, falls die Wahlen abgesagt werden sollten oder das 
neue Parlament auf Schwierigkeiten stieße. Der Vaugoin-Seipel- Starhem- 
berg -Gruppe gelang es bei der Wahl nicht, die erforderliche Mehrheit zu 
erringen. Außerdem erklärten England und Frankreich unmißverständlich, 
daß sie auf der Errichtung einer konstitutionellen Regierung beständen. 
Darauf zogen die drei Möchtegerndiktatoren vor, zurückzutreten. 

Nach dieser Niederlage zerfielen die Heimwehren in kurzer Zeit. In 
Deutschland war Hitler durch die Reichstagswahlen 1930 ein politischer 
Faktor geworden. Die zu derselben Zeit abgehaltenen österreichischen Wahlen 
hatten den Nazis nicht einen Sitz im Parlament gebracht. Die Nazis orien- 
tierten sich in Österreich vor allem auf die Mitglieder der Heimwehren. 
Hitler stellte den Heimwehren drei Bedingungen: keine Restauration des 
Hauses Habsburg, sondern Anschluß; bedingungslose Opposition gegen den 
Parlamentarismus ; blinde Unterstellung unter seinen Befehl. 

Das Bekanntwerden dieser Bedingungen führte zu einer Spaltung der 
Heimwehren. Starhemberg und seine Anhänger traten für die Monarchie 
ein, die steirischen Heimwehren liefen zu den Nazis über und versuchten am 
13. September 1931 einen bewaffneten Aufstand, der aber rasch nieder- 
geschlagen wurde. 

Am 24. April 1932 fanden in großen Teilen Österreichs Länder- und 
Gemeindewahlen statt, bei denen die Nazis überraschende Erfolge errangen; 
die Sozialdemokraten hielten ihren Stimmenanteil, und die katholische 
Partei wurde vernichtend geschlagen; fast die Hälfte ihrer Sitze, in Wien 
15 von 34, fielen den Nazis zu. In Niederösterreich und in Salzburg wurde 
aus einer starken katholischen Mehrheit eine katholische Minderheit von 
weniger als 30 Prozent. 

Das Ende des politischen Katholizismus in Österreich schien gekommen. 
Unter großen Schwierigkeiten wurde aus Katholiken und Heimwehrleuten 
ein Kabinett mit Dr. Dollfuß als Kanzler gebildet. Es verfügte im Par- 
lament über eine Mehrheit von nur einer Stimme. 

Dollfuß war der uneheliche Sohn eines Bauern. Er wurde für die geist- 
liche Laufbahn bestimmt und auf Grund eines Kirchenstipendiums in einem 
Priesterseminar ausgebildet. Mit 19 Jahren änderte er jedoch seinen Sinn. 
Nach dem Krieg war er leitender Funktionär der katholischen Studenten- 
bewegung und später des Bauernverbandes. Er begann seine politische 



221 



Laufbahn als Anhänger des linken Flügels der katholischen Partei, wurde 
aber später Mitglied der „autoritären" Fraktion. Das Kanzleramt übernahm 
er kurz nach Seipels Tod, am 2. September 1932. Er kann mit Recht als 
politischer Testamentsvollstrecker des Prälaten Seipel angesehen werden. 

Dollfuß gab nach seinem Amtsantritt bekannt, daß er beabsichtige, 
Österreich in einen „autoritären Ständestaat" umzuwandeln. Das von ihm 
erstrebte Staatssystem, so erklärte er, gleiche dem des faschistischen Italiens, 
sein innerer Aufbau solle jedoch den Instruktionen entsprechen, die der Papst 
zum Nutzen der Katholiken in der Enzyklika Quadragesimo Anno 1931 ver- 
kündet habe. 

Das war die Enzyklika, in der Pius XI. alle Katholiken aufforderte, einen 
Ständestaat zu errichten, wo immer es möglich sei. Dollfuß hielt dauernd 
enge Verbindung mit der österreichischen Hierarchie und mit dem Vatikan 
und ließ sich von beiden oft beraten. 

Am 30. Januar 1 933 ergriff Hitler in Deutschland die Macht. Unmittelbar 
darauf kam es in Österreich zu einem Zwischenfall, aus dem sich ein inter- 
nationaler Skandal entwickelte. Die österreichische Regierung, die sich in 
finanziellen Schwierigkeiten befand, zahlte die Löhne der Eisenbahner in 
Raten aus. 

Die Eisenbahner riefen darauf einen zweistündigen Streik aus. Die Re- 
gierung antwortete mit der Entlassung der bekanntesten sozialdemokrati- 
schen Funktionäre der Eisenbahnergewerkschaft. Diesem Geplänkel waren 
wichtigere Ereignisse vorangegangen. 

Einige Monate zuvor hatten Mitglieder der Eisenbahnergewerkschaft 
entdeckt, daß eine Rüstungsfabrik in Hinterberg (Niederösterreich) Gewehre 
produzierte, die nicht, wie behauptet, für die österreichische Armee, sondern 
für reaktionäre Kreise in Ungarn bestimmt waren. Hohe Regierungsbeamte, 
die dem faschistischen Flügel der katholischen Partei angehörten, hatten den 
Schmuggel dieser Waffen organisiert. Einer von ihnen wußte, daß ein Eisen- 
bahner von diesen Dingen Wind bekommen hatte, und bot dem Betreffenden 
mit Wissen Dollfuß' ein hohes Schweigegeld an. Aber der Eisenbahner wei- 
gerte sich und übergab stattdessen beide Geheimnisse einer sozialdemokrati- 
schen Zeitung. 

Die Veröffentlichung dieser dunklen Angelegenheit war schon eine Sen- 
sation, obwohl das Wichtigste noch gar nicht bekannt geworden war. Es 
stellte sich nämlich anschließend erst heraus, daß die Gewehre nicht für 
reaktionäre Kreise in Ungarn, sondern für kroatische Monarchisten bestimmt 
waren, die im Auftrag Italiens eine Verschwörung vorbereiteten, um 
Kroatien von Jugoslawien loszureißen (siehe Seipels Plan für eine „katho- 
lische Föderation"). Der Empfänger in Ungarn war nur eine Zwischen- 
station. 



222 



Das Geheimnis von Hinterberg war ein Teil jenes internationalen Kom- 
plotts, das 1934 in der Ermordung des jugoslawischen Königs Alexander und 
des französischen Außenministers Barthou durch einen kroatischen Partei- 
gänger des Hauses Habsburg gipfelte. Zwischen dem faschistischen Italien 
und Jugoslawien herrschte zu dieser Zeit eine erbitterte Feindschaft. Musso- 
lini trug sich ernsthaft mit dem Gedanken an eine bewaffnete Intervention. 
Die Bestrebungen der katholischen Monarchisten, Kroatien von Jugoslawien 
loszureißen, kamen seinen Plänen entgegen. 

In dieses Komplott waren außer Mussolini die halbfaschistische ungarische 
Regierung, Dollfuß und die Führer der Heimwehr und gewisse Kreise in 
Berlin verwickelt. Auch der Vatikan war über alle Einzelheiten orientiert. 
Einige Jahre später erklärte Graf Grandi, der italienische Botschafter in 
London, sowohl Dollf üß als auch Mussolini hätten sich bei der Vorbereitung 
dieses Planes an den Papst gewandt. Der Papst habe, ohne den Plan aller- 
dings ausdrücklich zu billigen, den Wunsch geäußert, daß die Rechte der 
katholischen Kirche wiederhergestellt würden, falls Kroatien von dem 
„schismatischen" Jugoslawien losgetrennt werden sollte. Er habe ver- 
sprochen, den katholischen Klerus Kroatiens anzuweisen die Bewegung zu 
unterstützen, und erklärt, daß man mit Sicherheit auf die Hilfe einer Reihe 
katholischer Staaten rechnen könne, falls die Angelegenheit vor den Völker- 
bund käme. 

So hatten die Sozialdemokraten mit ihren Enthüllungen über den katho- 
lisch-monarchistischen Putsch, der Kroatien, Ungarn und Österreich in Mit- 
leidenschaft gezogen hätte, dem Vatikan, Dollfuß und Mussolini die kroa- 
tische Suppe versalzen. Die österreichischen Katholiken schworen, sich an 
den Sozialdemokraten zu rächen. Dollfuß versprach Mussolini, der eine so- 
fortige Vernichtung der Sozialdemokraten forderte, alles zu tun, was in 
seiner Kraft stehe, um dieses Ziel zu erreichen. „Die sozialistischen Wach- 
hunde müssen zum Schweigen gebracht werden." 

Dollfuß wandte sich offen dem Faschismus zu und bildete ein antisozia- 
listisches Kabinett, das sich aus Vertretern der katholischen Partei, der 
Bauernpartei und der Heimwehrführung zusammensetzte Die Sozialdemo- 
kraten, die größte und geschlossenste Kraft im Lande, wurden bei der Regie- 
rungsbildung völlig übergangen. 

Nach der Regierungsumbildung löste Dollfuß das Parlament auf 
(15. März 1953) und verkündete: „Das alte Parlament ist verschwunden, es 
wird nie wiederkehren. Die liberale kapitalistische Ordnung ist verschwun- 
den, sie wird nie wiederkehren Der Einfluß der Sozialisten ist für immer 
gebrochen. Ich gebe hiermit das Ableben des Parlaments bekannt. Österreich 
ist nach italienischem Vorbild zum Faschismus übergegangen." Doilfuß 
konzentrierte die wichtigsten Ressorts - Armee, Polizei, Gendarmerie, 



223 



Außenpolitik und Landwirtschaft — in seiner Hand. Er verfügte die Auf- 
lösung aller Parteien einschließlich der katholischen Partei, deren Ver- 
schwinden, wie er wußte, den Wünschen des Vatikans entsprach. Die neue 
Diktatur sollte nach Seipels Konzeption auf dem Ständewesen beruhen. Der 
Antisemitismus erhielt staatliche Anerkennung, die Presse wurde geknebelt 
und die Opposition unterdrückt. Im ganzen Land wurden Konzentrations- 
lager eingerichtet. Die Gewerkschaften wurden schrittweise aufgelöst. Doll- 
fuß schlug vor, katholische Gewerkschaften zu bilden, deren Führer von ihm 
ernannt werden sollten. 

Im Jahre 1933, also nach der Ausschaltung des Parlaments und der Er- 
richtung der faschistischen Diktatur, erließ Dollfuß mehr als 300 gesetz- 
und verfassungswidrige Verordnungen. Er benutzte seine Macht vor allem 
dazu, die sozialen und wirtschaftlichen Rechte der Arbeiter aufzuheben und 
den Wert des Eigentums und die Sicherheiten der besitzenden Schichten zu 
vergrößern. Die Bauern erhielten, um sie bei der Stange zu halten, Subsidien 
auf Kosten der Arbeiterschaft. 

Dollfuß beseitigte die Presse- und Versammlungsfreiheit, hob das Post- 
geheimnis auf, verbot nahezu alle Kultur- und Sportvereinigungen, die 
keinen ausgesprochen katholischen Charakter hatten, löste den „Republi- 
kanischen Schutzbund" auf und bewaffnete die katholischen, faschistischen 
Heimwehren. Er schränkte das Recht auf ein ordentliches Gerichtsverfahren 
ein, errichtete sogenannte Blitzgerichte und führte die Todesstrafe wieder 
ein. Die einzigen Personen, die er zum Tod durch den Strang verurteilen 
ließ, waren Arbeiter; sie waren angeklagt, Heimwehrleuten Widerstand 
geleistet zu haben. 

Dollfuß ergriff all diese Maßnahmen, nachdem er Mussolini und dem 
Vatikan einen Besuch abgestattet hatte. Sie fanden ihre Krönung 1934 
durch den Abschluß eines Konkordats. Die Parole des Vatikans: „Ein 
katholisches Österreich", schien Wirklichkeit zu werden. Die Grundsätze der 
Enzyklika Quadragesimo Anno waren, zumeist mit Gewalt, durchgesetzt 
worden. 

Das Konkordat gewährte der Kirche eine offizielle und vom Gesetz ge- 
schützte Position, die sie voll ausnutzte. Die katholische Religion wurde 
Staatsreligion, der Klerus erhielt eine privilegierte Stellung innerhalb der 
Gesellschaft, das Erziehungswesen wurde der Kirche unterstellt, alle nicht- 
katholischen Einflüsse im Schulwesen wurden systematisch ausgemerzt. In 
Tausenden von Büchern und Pamphleten wurden die Segnungen des autori- 
tären Ständestaates, wie der Papst ihn gefordert hatte und wie er von 
Mussolini in Italien und von Dollfuß in Österreich verwirklicht worden 
war, gepriesen. Die evangelischen und protestantischen Kirchen wurden 
systematisch verfolgt, ihre Geistlichen verfemt und verhaftet. 



224 



Diese Verfolgungen der evangelischen und der protestantischen Kirchen 
waren ein reiner Racheakt der katholischen Kirche. Tausende von Öster- 
reichern waren aus Protest gegen den religiösen Terror der katholischen 
Kirche zum Protestantismus übergetreten, vor allem zur evangelisch - 
lutherischen Kirche. 

Innerhalb weniger Monate hatten mehr als 23 000 Österreicher um Auf- 
nahme in die evangelisch -lutherische Kirche nachgesucht. Allein in Wien 
traten 16 000 Menschen aus der katholischen Kirche aus. In kurzer Zeit 
erreichte die Anzahl derer, die der katholischen Kirche den Rücken kehrten, 
mehr als 100000. Die Mehrzahl der Abtrünnigen gehörte zu den Mittel- 
schichten. 

Dollfuß hatte angenommen, daß die Nazis ihn unterstützen würden, nach- 
dem er die „verfluchten Sozialdemokraten" vernichtet hatte. Aber die Nazis 
legten im Gegenteil ein Benehmen an den Tag, das keineswegs auf eine engere 
Zusammenarbeit in der Zukunft schließen ließ. So konzentrierte Dollfuß 
seine Kräfte auf die Wiedererweckung des österreichischen Nationalbewußt- 
seins. Trotz seiner großen Sympathien für Hitler und Mussolini wünschte 
er doch, daß Österreich unabhängig bliebe. In dieser Beziehung fand er bei 
breiten Schichten der Bevölkerung Unterstützung. Die Führung der katho- 
lischen Partei war seit je gegen einen Anschluß an Deutschland gewesen. 
Auch die Geistlichkeit war dagegen. Ihr Widerstand war so stark, daß die 
Bischöfe und Pfarrer um die Zeit, als Dollfuß Kanzler wurde, in ihren 
Predigten und in privaten Unterhaltungen erklärten, der Nazismus bedrohe 
Österreichs Unabhängigkeit, ja er sei der geschworene Feind der katho- 
lischen Kirche. Hinzu kamen der den Österreichern von Jugend an ein- 
geimpfte Haß gegen die Preußen und ihre Antipathie gegen den Norden 
und gegen den Protestantismus. 

Die katholische Hierarchie, die zu dieser Zeit ihre ganze Hoffnung auf 
die Errichtung eines totalitären Staatswesens in Österreich setzte, war über- 
dies gegen den Anschluß, weil sie unter Hitler, angesichts der Brückenköpfe, 
die der Protestantismus in Österreich bereits erobert hatte, niemals ein 
katholisches Österreich hätte errichten können. Aber diese Überlegungen 
waren nicht so gewichtig, daß die Priester, wenn sie im Beichtstuhl von 
nazistischen Neigungen eines Beichtkindes Kenntnis erhielten, sie etwa als 
Sünde verurteilt hätten. 

Dollfuß versuchte die Heimwehren in eine totalitäre Partei umzuwan- 
deln, um sie auf diese Weise zur Stütze seines Staates zu machen. Diesen 
Schritt hatten Starhemberg und Mussolini gewünscht. Wieder erhielten die 
Heimwehren finanzielle Mittel, um sich entsprechend auszurüsten. Dollfuß 
und die katholische Partei waren sich jedoch dabei im klaren, daß gut- 
ausgerüstete Heimwehren die Feindschaft von nahezu 90 Prozent der 



15 M359 



225 



Bevölkerung hervorrufen würden, und zwar nicht nur der Sozialdemokraten 
und der Nazis, sondern auch gewisser katholischer Kreise. 

Waffen reichten nicht aus, die Diktatur zu stützen. Die katholischen 
Führer waren daher von vornherein entschlossen, ihre Macht nicht allein 
auf die Heimwehren zu stützen, sondern sich ein weiteres Element zunutze 
zu machen, von dem sie annahmen, daß es verläßlich und stark sei — die 
österreichische Geistlichkeit. Der Vatikan war damit einverstanden. Die 
Geistlichkeit sollte also das politische Rückgrat der Diktatur werden, und die 
Heimwehren sollten den militärischen Schutz bilden. Die österreichische 
Hierarchie erhielt aus Rom die Weisung, das Dollfußregime voll zu unter- 
stützen und die Geistlichkeit zur Säule des neuen katholisch -autoritären 
Staates zu machen. Sie gab diese Weisung an den gesamten österreichischen 
Klerus weiter, bis hinab in die letzte Gemeinde. Aber die katholische 
Kirche hatte sich zuviel vorgenommen, sie war dieser Aufgabe nicht gewach- 
sen und scheiterte an ihr. Damit war das Schicksal der österreichischen 
Republik entschieden. 

Bevor wir uns den kommenden Ereignissen zuwenden, wird es gut sein, 
die Ursache dieses „Versagens der Kirche" zu untersuchen. 

Als Dollfuß in Österreich den Ständestaat proklamierte, hatte sein Plan, 
sich mit seiner Diktatur auf die Geistlichkeit zu stützen, viel weniger Aus- 
sicht auf Erfolg, als ein oberflächlicher Beobachter hätte annehmen können. 
Wir wiesen bereits darauf hin, daß die Kirche mit dem Anwachsen der 
sozialdemokratischen Bewegung den Einfluß auf die Arbeiterklasse fast völlig 
verloren hatte. Die Arbeiter sahen in der Kirche ihren politischen Feind. In 
religiösen Fragen waren sie entweder indifferent oder voll Verachtung. 
Diese Haltung versteifte sich, als Prälat Seipel sich und die katholische Kirche 
bedingungslos mit dem Großkapital identifizierte. Obendrein hatte Seipel 
die faschistischen Heimwehren gefördert und erklärt, daß er sie als Waffe 
gegen den Sozialismus gebrauchen wolle. So sahen die Arbeiter in der katho- 
lischen Kirche von Anfang an eine Institution, die mit dem Faschismus ver- 
bündet war. 

Am 15. März 1933 setzte Dollfuß die Verfassung außer Kraft, am 26. Mai 
verbot er die Kommunistische Partei, elf Monate später löste er die Soziali- 
stische Partei und die Gewerkschaften auf. Auch hierbei leistete die katho- 
lische Kirche der faschistischen Diktatur große Hilfe. Da die Kirche den 
Faschismus so offen unterstützte, konnte sie nicht damit rechnen, die 
Arbeiterklasse zurückzugewinnen. Darin unterschied sich die Lage in Öster- 
reich von der Situation in Deutschland. Aber die ständige Hilfe der Kirche 
für die katholische national -österreichische Dollfußdiktatur hatte für sie 
weit ernstere Folgen. Sie verlor dadurch sehr rasch die Unterstützung der 
Bauernschaft, also der Schicht, auf die sich der Katholizismus seit je fest 



226 



verlassen konnte. Die Nazis hatten ihre Kräfte in den Dörfern vervielfacht, 
wie sich später herausstellte. 

Der österreichische Bauer, obwohl katholisch, liebte es keineswegs, wenn 
sich die Geistlichkeit in das einmischte, was er als weltliche Angelegenheiten 
ansah. Der Pfarrer sollte sich, das war seine Ansicht, mit den religiösen 
Nöten der Gemeinde befassen und nicht danach streben, die politische 
Führung an sich zu reißen. 

In der Zeit nach den revolutionären Ereignissen von 1844 verlor die 
katholische Kirche sehr viel Vertrauen, als sie die Pfarrer zum verlängerten 
Arm der Regierung machte. Im Jahre 1880 erreichten die Bischöfe durch 
ihre Unterstützung der Konservativen nichts anderes als eine wahre Revolte 
der Gemeindepfarrer, die mit dem Sieg der Christlich -Sozialen und der 
Gründung der katholischen Partei endete. Und jetzt waren es wieder die 
Gemeindepfarrer, die dem von der Kirche gestützten System, in diesem Fall 
der Dollfußtheokratie, die Gefolgschaft verweigerten. 

Dollfuß und die katholische Kirche betrieben außerdem die Wiederkehr 
der Habsburger und aller aristokratischen und feudalen Traditionen. Wenn 
diese Pläne auch in gewissen Gegenden und in gewissen Kreisen Österreichs 
Zustimmung fanden, so stießen sie doch bei der Mehrheit des österreichi- 
schen Volkes auf schärfste Ablehnung. 

In den Dörfern und Kleinstädten repräsentierten im allgemeinen der Arzt, 
der Tierarzt, der Rechtsanwalt und die übrige örtliche Intelligenz den Nazis- 
mus. Die Nazis setzten in den Dörfern vor allem auf die Abneigung der 
Bevölkerung gegen die Einmischung der Kirche in politische Angelegenheiten. 
So wurde rasch aus dem Kampf zwischen den Nazis und dem Gemeindepfarrer 
ein Kampf zwischen der Kirche und einer mißvergnügten Intelligenz um 
die politische Führung in den Gemeinden. In vier Ländern wurden auf diese 
Weise fast alle Bauern nazistisch. Nur in Wien fanden die Nazis nach wie 
vor wenig Anhang. 

Die Revolte der Bauern gegen die Kirche, die ständige Zunahme der Nazi- 
anhängerschaft und die erschreckend wachsende Anzahl von Übertritten 
zum Protestantismus bereiteten der katholischen Hierarchie täglich größere 
Sorge. 

Die Bischöfe drängten Dollfuß, endlich zu handeln. Dollfuß ließ Per- 
sonen verurteilen, die Nazipropaganda getrieben hatten. Das führte in den 
meisten Fällen dazu, daß die Verurteilten und ihre Angehörigen zur pro- 
testantischen Kirche übertraten. Diese Zwangsmaßnahmen verstärkten nur 
den Geist der Rebellion. 

Während sich die Lage auf dem Lande weiter zuspitzte, fuhr Dollfuß 
fort, die Linken zu verfolgen und seine Diktatur aufzubauen. Er ging dabei 
schrittweise vor, raubte den Sozialdemokraten ein Recht nach dem anderen 



227 



und setzte sie dem ständigen Druck der Hierarchie, der Heimwehren und 
Mussolinis aus. Als er schließlich am ll.Fehruar 1934 durch die Polizei das 
sozialdemokratische Hauptquartier in Linz besetzen ließ, nahmen die Sozial- 
demokraten in Linz, in Wien und in einigen anderen Bezirken den Kampf 
auf. Die bewaffnete Auseinandersetzung dauerte vier Tage, in einigen Teilen 
des Landes noch langer. 

Dollfuß gab den Heimwehrführern freie Hand und befahl, jeden Gefan- 
genen vor ein Standgericht zu bringen und aufzuhängen. Er erklärte nach 
den Kämpfen, es seien „lediglich 1 37 Rebellen" getötet worden. Ein schwer- 
verwundeter sozialdemokratischer Kämpfer wurde auf einer Tragbahre zum 
Galgen geschleppt. Dollfuß sah sich auf Grund eines Entrüstungssturms in 
der ganzen Welt gezwungen, die Hinrichtungen einzustellen. Konservative 
Kreise schätzten, daß 1500 bis 1600 Arbeiter getötet und 5000 verwundet 
worden waren. 1188 wurden eingesperrt und elf erhängt. Der Vatikan 
schwieg. 

Wenn man die Methoden, mit denen das katholische Regime gegen seine 
Feinde vorging, mit den Methoden der Sozialdemokraten vergleicht, die in der 
Revolution von 1919 und in den Jahren ihrer Machtausübung in Wien, wie 
ein Historiker schrieb, „keinem einzigen Menschen auch nur ein Haar 
krümmten", dann findet man von neuem die geschichtliche Erfahrung be- 
stätigt, daß nicht die Revolution, sondern die Konterrevolution das meiste 
Blut vergießt. 

Ein Regierungskommissar übernahm die Verwaltung von Wien. Die 
Sozialistische Partei mußte in die Illegalität gehen. Alle, die es wagten, für 
sie zu arbeiten, wurden ins Gefängnis geworfen. Ende 1934 befanden sich 
19 051 revolutionäre Arbeiter ohne richterliches Urteil in Haft und wurden 
brutal behandelt. Journalisten, die sich von den Lebensbedingvingen der 
Häftlinge überzeugen wollten, erhielten keinen Zutritt. Die katholische 
Kirche veranlaßte Dollfuß, keine Hilfeleistungen aus dem Ausland anzu- 
nehmen; um „alle, die in Not sind, zu zwingen, sich an katholische Stellen 
zu wenden". (Annual Register, S. 199) 

Die Verfolgungen der Sozialdemokraten und aller Feinde der katholischen 
Kirche dauerten an. Das bisherige ausgezeichnete österreichische Erziehungs- 
system wurde von der Kirche absorbiert und zugrunde gerichtet. Die wirt- 
schaftliche Lage des Landes verschlechterte sich, große Teile der Bevölkerung 
litten von neuem an Unterernährung. Das Bauprogramm der Sozialdemo- 
kraten, das in ganz Europa Aufsehen erregt und Anerkennung gefunden 
hatte, wurde gestoppt. 

Nutznießer dieser Entwicklung war vor allem Hitler, dessen Anhang in 
Österreich sich dank der „Unterdrückung der sozialistischen Wachhunde" 
rasch vergrößerte. 



228 



Die Kirchenführer im Vatikan spielten mit Hitler und Dollfuß ein 
doppeltes Spiel. Vorerst beobachteten sie und warteten ab. Der Papst hatte 
Hitler zu verstehen gegeben, daß die Kirche ihm helfen werde, seine 
politischen Ziele in Österreich zu erreichen, wenn er sein Wort bezüglich 
der katholischen Kirche in Deutschland halte. Der Vatikan hoffte, Hitler 
dadurch zu zwingen, die Bestimmungen des Konkordats einzuhalten. 
Andererseits mußte sich der Vatikan Gewißheit verschaffen, ob der katho- 
lische Sieg in Österreich von Dauer war oder ob dort nach wie vor die Gefahr 
einer Revolution bestand. Falls die Revolution noch nicht gebannt sein 
sollte, mußte eine härtere Hand her, um die „rote Gefahr" endgültig zu 
beseitigen. Vielleicht war Hitler diese „härtere Hand"? Der Vatikan war 
auf jeden Fall zu den größten Opfern bereit, um seine Ziele zu erreichen. Er 
würde, wenn nötig, sogar auf das katholische Regime in Österreich und auf 
alle Träume von einer „päpstlichen Konföderation" verzichten. 

Dollfuß glaubte felsenfest, daß er sich durch die Zerschlagung der 
Arbeiterbewegung Hitlers Freundschaft verdient habe. Aber Hitler ver- 
folgte seine eigenen Ziele in Österreich. Dollfuß erklärte sich bereit, Nazis 
in sein Kabinett aufzunehmen, stellte aber die Bedingung, daß die 
österreichische Unabhängigkeit erhalten bliebe. Die Nazis wollten jedoch den 
Anschluß und die Herrschaft Hitlers. Die Verhandlungen zerschlugen sich. 
Darauf begannen die Nazis Bomben zu werfen. Dollfuß verkündete den 
Belagerungszustand und bedrohte den illegalen Besitz von Dynamit mit der 
Todesstrafe. Aber in keinem einzigen Fall setzte er diese Drohung in die 
Tat um. Für ihn und seinen Innenminister, Major Fey, waren bomben- 
werfende Nazis harmloser als sozialdemokratische Arbeiter, die ihre in jahr- 
zehntelangem Kampf errungenen Rechte verteidigten. 

Hitlers Forderungen führten zu ernsthaften Auseinandersetzungen im 
Kabinett Dollfuß und drohten die Regierung zu sprengen. Major Fey wurde 
beschuldigt, mit den Nazis unter einer Decke zu stecken. Außerdem war es 
den Nazis gelungen, Anton Rintelen, den zweiten Mann der katholischen 
Partei, der wenige Monate zuvor noch Landeshauptmann der Steiermark 
gewesen war, auf ihre Seite zu ziehen. Am 25. Juli 1954 versuchten sie die 
Macht zu ergreifen. Eine Gruppe Nazis stürmte das Kanzlergebäude, um die 
Regierung festzunehmen. Dollfuß und Fey wurden verhaftet. Dabei wurde 
Dollfuß tödlich verwundet. Die rasch zusammengezogenen Truppen erwiesen 
sich jedoch als zuverlässig. Mussolini, der seinen Plan, Herr über Österreich 
und Ungarn zu werden, in Gefahr sah, ließ zwei Divisionen am Brenner 
aufmarschieren. Hitler war auf eine bewaffnete Auseinandersetzung noch 
nicht vorbereitet. Er zog es daher vor, die Verschwörer ihrem Schicksal zu 
überlassen, und sandte den päpstlichen Kammerherrn von Papen nach Wien, 
um die Wellen wieder zu glätten. 



229 



Doli fuß' Nachfolger wurde Kurt von Schuschnigg, ein Angehöriger des 
Tiroler niederen Adels. Schuschnigg war Katholik und Monarchist, sah aber 
ein, daß eine Wiedereinführung der Monarchie äußerst unpopulär wäre. 
Als Jesuitenzögling mit ausgeprägtem religiösem Empfinden machte er eher 
den Eindruck eines strebsamen Priesters als eines Politikers. Auch er wollte 
ein „autoritäres" Regime, aber ein Regime mit anderen, vor allem weniger 
strengen Regierungsmethoden als denen, die Dollfuß eingeführt hatte. 
Diese Aufgabe wurde ihm dadurch erleichtert, daß Hitler seine Politik 
bezüglich Österreichs hatte ändern müssen; er hatte die Wirkungen seiner 
Aggressionspolitik in ganz Europa zu spüren bekommen und war gezwun- 
gen, kürzer zu treten. 

Anfangs unterschied sich das neue Regime nur in Kleinigkeiten von dem 
des Kanzlers Dollfuß. Allmählich erkannte Schuschnigg aber, daß er, um 
populär zu werden, die Bürde der Diktatur, die so schwer auf dem Rücken 
des Volkes lastete, ein wenig erleichtern mußte. Das galt vor allem für die 
Arbeiterklasse. So begann er hier und da gewisse Zugeständnisse zu machen 
und entfernte die vom Volk gehaßten Extremisten Starhemberg und Fey 
aus seiner Regierung. 

Nachdem sich die katholische Kirche in der ersten Zeit nach dem Nazi- 
putschversuch zurückgehalten hatte, versuchte sie nun von neuem einen 
starken Druck auf das politische Leben des Landes auszuüben. Sie fürchtete 
wie eh und je die „rote Gefahr" und forderte daher vor allem eine Kontrolle 
über die Arbeiterschaft. Das Gesetz und die Armee schienen ihr zur Unter- 
drückung der Arbeiterbewegung nicht ausreichend. Sie wollte die Arbeiter- 
schaft fester in die Hand bekommen und sie zwingen, sich ihrer unmittel- 
baren Kontrolle zu unterstellen. 

Auf Drängen der katholischen Kirche erließ Schuschnigg ein Gesetz, das 
jeden Bürger verpflichtete, einer Kirche anzugehören. Die politische Be- 
deutung dieses Manövers wurde von vielen Kreisen sofort erkannt. Nicht nur 
die Arbeiter traten ihm mit offener Feindschaft entgegen. Was bereits unter 
Dollfuß geschehen war, wiederholte sich nun in weit größerem Umfang. 
Die Menschen begannen in Massen aus der katholischen Kirche auszutreten. 
Tausende Katholiken, hauptsächlich Arbeiter und Angehörige der Mittel- 
schichten, traten zur protestantischen Kirche über, von der sie annahmen, 
daß sie sich nicht in ihre politischen Angelegenheiten einmischen würde. 
Die Anzahl der Protestanten erreichte in dieser Zeit eine Höhe, die man 
im katholischen Österreich nie für möglich gehalten hätte. Sie stieg auf 
340 000. Die wenigen protestantischen Pfarrer, die sich noch ihrer Freiheit 
erfreuten, waren davon geradezu überwältigt. 

Wieder einmal hatte die katholische Kirche mit einer Maßnahme genau 
das Gegenteil von dem erreicht, was sie bezweckt hatte. Die Angelegenheit 



230 



verlief im Sande, die innenpolitische Situation festigte sich etwas. Obwohl 
die katholische Kirche nicht aufhörte, von der Regierung drastischere Maß- 
nahmen gegen die „rote Gefahr, die in der Tiefe rumort", zu fordern, gab 
es keine besonderen innenpolitischen Schwierigkeiten mehr. Aber die Ruhe 
war trügerisch. Die Unruhe kehrte zurück, nur hatte sie diesmal äußere 
Ursachen. 

Der abbessinische Krieg war ausgebrochen. Das faschistische Italien 
bemühte sich um Deutschlands Freundschaft und unterstützte Österreich 
deshalb nicht länger. Es riet Schuschnigg, mit Hitler unmittelbar zu ver- 
handeln. Daraufhin unterzeichnete Österreich im Juli 1936 einen Vertrag 
mit Nazideutschland, in dem es versprach, seine Außenpolitik den Interessen 
Deutschlands unterzuordnen und im Falle eines Krieges an Deutschlands 
Seite zu stehen. 

Das von Dollfuß ausgesprochene Verbot der Nazipartei blieb bestehen, 
aber die staatlichen Stellen wandten es nicht an. Ein Naziführer wurde 
sogar Innenminister. Der Waffenstillstand mit dem Nazismus dauerte etwa 
18 Monate. Unterdessen war Deutschland in der internationalen Arena 
immer stärker geworden. Die Achse Rom-Berlin hatte sich gefestigt, die 
Rüstungsproduktion war gestiegen. Angesichts dieser Tatsachen und des 
Schreckgespenstes der „roten Gefahr", dessen Wiedergeburt unausweichlich 
schien, entschloß sich die österreichische Hierarchie auf Weisung des 
Vatikans, mit Hitler ein Tauschgeschäft abzuschließen. Nur durch Hitlers 
eiserne Hand, so hoffte sie, könnten die „Roten" endgültig zerschmettert 
werden. Falls Hitler versprach, die Rechte der Kirche in Deutschland und 
in Österreich zu respektieren, sollte er ihre volle Unterstützung genießen. 
Hitler erkannte diese neue Haltung der Kirche rasch und entfesselte in 
Deutschland eine neue Verfolgungskampagne gegen die katholische Kirche. 
Er hatte dafür gewichtige innenpolitische Gründe, aber für die Auslösung 
der Kampagne hatte die österreichische Frage den Ausschlag gegeben. Hitler 
ließ den Vatikan wissen, daß alle Verfolgungsmaßnahmen eingestellt wür- 
den, falls der Vatikan die österreichische Hierarchie anwies, den Anschluß 
zu unterstützen. Hitler würde dann die Rechte der Kirche nicht nur in 
Deutschland, sondern auch in Österreich respektieren. 

Der Vatikan gab seinen Konsens. Darauf begannen über Franz von Papen 
und den Kardinal Innitzer in Wien Verhandlungen mit dem Ziel, Schusch- 
nigg von der Notwendigkeit der Auslieferung Österreichs an Hitlerdeutsch- 
land zu überzeugen. Aber Schuschnigg widersetzte sich dem Anschluß, weil 
er wußte, daß dies das Ende Österreichs bedeuten würde. Er weigerte sich 
hartnäckig. Hitler zitierte ihn nach Berchtesgaden und befahl ihm, das 
Innenministerium dem ergebenen Katholiken und Nazi Seyß-Inquart zu 
übertragen. Hitler zeigte Schuschnigg die Marschbefehle, die den deutschen 



231 



Truppen erteilt würden, falls er den Forderungen nicht nachkomme. 
Schuschnigg mußte nachgeben. 

Seyß-Inquart betrieb nach dem ersten Weltkrieg eine mittlere Anwalts- 
praxis in Wien. Seine Beziehungen zur katholischen Partei waren sehr eng. 
Er unterstützte zahlreiche katholische Organisationen und war ein eifriger 
katholischer Propagandist und Kirchenbesucher. Seine ehrgeizigen Be- 
mühungen um die katholische Sache brachten ihn bald mit dem Kanzler 
Dollfuß in Berührung. Von diesem Augenblick an stieg er rasch empor und 
machte Karriere. 

Schuschnigg hatte in Berchtesgaden sehr viel zu hören bekommen, dar- 
unter auch einiges, was den Vatikan und seine Beziehungen in Österreich 
betraf. Dies veranlaßte ihn, seine Politik hinsichtlich der Sozialdemokraten 
zu überprüfen. Er brauchte ihre Unterstützung für den Kampf um die öster- 
reichische Unabhängigkeit. 

Die innere Lage Österreichs zu dieser Zeit wurde gekennzeichnet durch 
das Kräftedreieck zwischen Katholiken, Nazis und Sozialdemokraten. Dollfuß 
hatte versucht, sich mit den Nazis zu einigen, um die Sozialdemokraten zu 
zerschmettern. Schuschnigg war bestrebt gewesen, es mit keinem von ihnen 
zu verderben. Als aber die entscheidende Stunde kam, mußte er erkennen, 
daß er sich weder auf die Nazis noch auf die Katholiken verlassen konnte. 
Die stärkste Unterstützung erhielt er von den Sozialdemokraten. Nach seiner 
Unterredung mit Hitler bildete er die Regierung um. Er nahm nicht nur 
Seyß-Inquart in das neue Kabinett, sondern berief auch Vertreter der demo- 
kratischen und der sozialdemokratischen Gruppe in die Regierung. Dann 
führte er Verhandlungen mit Vertretern der Industriearbeiter und machte 
den Arbeitern bald darauf gewisse Zugeständnisse. 

Kurz vor dem Ende Österreichs organisierten die Arbeiter, zum erstenmal 
seit vielen Jahren ungehindert von der Polizei, eine große Kundgebung und 
verpflichteten sich, Österreichs Unabhängigkeit zu verteidigen. Sie taten 
dies nicht allein aus Haß gegen den Nazismus, sondern auch in der Hoff- 
nung, dadurch ihre eigene Unabhängigkeit zurückzugewinnen. Der Ban- 
krott der Politik von Seipel bis Dollfuß trat offen zutage: Im schwierigsten 
Augenblick für Österreichs Unabhängigkeit konnte sich die katholische 
Regierung nur auf die Arbeiterbewegung verlassen, die von ihr so brutal 
verfolgt worden war. 

Aber die Reaktion blieb nicht müßig. Die österreichische Hierarchie, der 
Vatikan und katholische Politiker in und außerhalb der Regierung stemm- 
ten sich heftig gegen diese Zugeständnisse. „Was, so viele Kämpfe, so viel 
Blutvergießen, so viele Risiken, und das alles nur, um zur Demokratie 
zurückzukehren, damit die Roten von neuem ihr Haupt erheben? Niemals!" 
So wurde jede Maßnahme verzögert. Trotz ständiger Versprechungen erhielt 



232 



die Arbeiterbewegung keine wirklichen Zugeständnisse Es wurde ihr nicht 
einmal gestattet, eine Zeitung unter eigener Kontrolle herauszugeben. 

Kardinal Innitzer übte in diesen Wochen auf Schuschnigg und die Regie- 
rung einen dauernden Druck aus und riet ihnen, sich Hitler völlig zu unter- 
werfen. Er erklärte Schuschnigg, der Anschluß sei unvermeidlich und der 
Vatikan wünsche ihn auch. Aber Schuschnigg blieb fest, trotz starker Zwei- 
fel. Einige Katholiken, die wußten, was hinter den Kulissen vorging, fuhren 
erbittert fort, gegen die Vereinigung mit Deutschland Stellung zu nehmen, 
und wünschten ihrem Vaterland die Unabhängigkeit zu erhalten. Sie hatten 
erkannt, daß die Regierung in dieser entscheidenden Stunde nicht auf die 
Unterstützung der Kirche rechnen konnte, der Kirche, für deren Interessen 
sie einen jahrelangen politischen Kampf geführt hatten. 

In Wien erreichte die Volksbewegung und der kämpferische politische 
Schwung der arbeitenden Massen einen Höhepunkt. Man wiegte sich in dem 
Glauben, der Nazismus sei besiegt. Der Gedanke des Kampfes für Öster- 
reichs Unabhängigkeit war unter den Massen sehr populär geworden, da sie 
ihn mit der nachgiebigeren Innenpolitik der Regierung in Zusammenhang 
brachten. 

So kam es, daß auch Arbeiter, die früher für den Anschluß waren, als 
er noch als eine demokratische Maßnahme geplant war, die Österreich 
größere regionale Rechte gewähren sollte, nun erbitterte Gegner des An- 
schlusses wurden, weil er unter den augenblicklichen Bedingungen die Nazis 
an die Macht bringen würde. So unterstützten sie, so paradox es auch 
klingt, Schuschnigg, da sie hofften, daß er auf diese Weise den Weg zur 
Demokratie und zur Freiheit zurückfinden würde. 

In Wien demonstrierten die Massen für Österreichs Freiheit. Die Demon- 
strierenden — Sozialdemokraten, Kommunisten, Katholiken und Mon- 
archisten — marschierten Schulter an Schulter. Österreich hatte sich er- 
hoben und war bereit zu kämpfen. Niemals waren die Nazis so schwach wie 
in diesen Tagen. Hitler war, ebenso wie Schuschnigg und Innitzer, heftig 
erschrocken. Keiner von ihnen konnte sagen, was aus dieser Massenbewegung 
werden würde, aber eines erkannten sie alle: Wenn dieser Enthusiasmus 
auch nicht gleich zum Kommunismus führen würde, so würde er doch zu- 
mindest in eine Massenbewegung gegen den Faschismus münden, deren 
Folgen sich wahrscheinlich nicht auf Österreich beschränken ließen. 

Die österreichische Regierung hatte sich entschlossen, für die Unabhängig- 
keit des Landes zu kämpfen. Schuschnigg hoffte, Blutvergießen zu ver- 
meiden, und spielte daher seine letzte Karte aus. Er erklärte, das öster- 
reichische Volk solle, falls es wirklich den Anschluß wünsche, seinen Willen 
in einem Volksentscheid kundtun. Dieser Entschluß Schuschniggs richtete 
sich vor allem gegen die Pläne des Vatikans. Kardinal Innitzer, der bereits 



233 



mit Hitler in Kontakt stand, begann Schuschnigg von neuem unter Druck 
zu setzen. Der Kardinal wußte nur zu genau, daß sich das Volk gegen den 
Anschluß entscheiden würde. Die „Roten" konnten sich dann jeder Kontrolle 
entziehen. Einer solchen Entwicklung durfte die Kirche nicht tatenlos zu- 
sehen. Bevor Innitzer aber Hitler die uneingeschränkte Unterstützung der 
katholischen Kirche zusicherte, nahm er ihm das Versprechen ab, nach der 
Einverleibung Österreichs die Rechte der katholischen Kirche zu achten. 

(Bei einem Presseinterview am 26. Februar 1946 in Rom gab Kardinal 
Innitzer der Öffentlichkeit zum erstenmal Einzelheiten über seinen Besuch 
bei Papst Pius XI. im März 1938 bekannt. Der Besuch fand zu der Zeit statt, 
als Hitler in Österreich einmarschierte. Der Kardinal stellte unter anderem 
fest: „Ich ging nach Rom, um einer Aufforderung des Heiligen Vaters Folge 
zu leisten . . . Als ich nach Wien zurückgekehrt war, hatte ich mit Hitler eine 
Unterredung. Er fragte mich, was der Papst von ihm halte." Der Kardinal 
sprach mit Bitterkeit über Hitlers Wortbruch bezüglich der Versprechungen, 
die er der katholischen Kirche in Österreich gegeben hatte, und fuhr fort: 
„Ich bekam von ihm in religiösen Fragen jede Zusicherung, die ich haben 
wollte. Ich sollte meine eigenen Schulen und alles andere erhalten, was ich 
benötigte. In den ersten sechs Monaten jgeschahen nur wenige Übergriffe. 
Wenn ein katholischer Lehrer krank wurde, trat ein Nazi an seine Stelle. 
Aber dann ließ Hitler die Maske fallen und übernahm alle Schulen und 
unterdrückte die katholischen Privatschulen." Der Kardinal machte eine 
heftige Geste, schlug auf den Tisch und rief: „Alle Versprechungen Hitlers 
waren Lügen!" {Universe , 1. März 1946) 

Man sollte, wie bei den Vorgängen in Italien und in Deutschland, ebenso 
im Fall Österreich beachten, daß sich die Beschwerden der Kirche niemals 
gegen die Diktatur als solche richteten. Die Kirche protestierte lediglich 
dann, wenn der betreffende Diktator die Versprechungen, die er der jewei- 
ligen Hierarchie als Gegenleistung für die Hilfe der Kirche bei seiner Macht- 
ergreifung gegeben hatte, nicht hielt. Die zahllosen Verbrechen der Dik- 
tatoren an einzelnen Menschen und ganzen Völkern konnten weder 
den Kardinälen und Bischöfen noch dem Papst ein Wort des Protestes 
entlocken.) 

Hitler war sich völlig im klaren, daß das österreichische Volk den An- 
schluß ablehnen würde, falls der Volksentscheid vor einer deutschen Be- 
setzung stattfände. Er entwickelte daher dem Kardinal einen unglaublichen 
Plan: Nicht die Österreicher, sondern die Deutschen sollten darüber ent- 
scheiden, ob die Österreicher Deutsche werden sollten oder nicht. Daß der 
Kardinal einem solchen Zynismus auch nur sein Ohr lieh, ist kaum faßbar. 
Innitzer versprach, alles zu tun, was in seinen Kräften stand, um zu sichern, 
daß die Österreicher Hitler willkommen hießen und für ihn stimmten. 



234 



Am 9. März 1938 sollte der Volksentscheid stattfinden, aber er fand nicht 
statt; Hitler hatte es Schuschnigg verboten. Am Nachmittag des 11. März 
war fast ganz Wien auf den Beinen, demonstrierte gegen Nazismus und 
Faschismus, für politische Freiheit und nationale Unabhängigkeit. Um 
neunzehn Uhr tauchten nazistische Sturmabteilungen in Wien auf. 
Schuschnigg trat unverzüglich zurück. Innerhalb einer Stunde trug die 
österreichische Polizei Hakenkreuzarmbinden. 

Wien wurde von deutschen Truppen überflutet. Kardinal Innitzer be- 
grüßte den Einmarsch der Nazis mit Glockengeläut und Hakenkreuzfahnen 
an den Kirchen. Er wies seinen Klerus an, dasselbe zu tun, und rief alle 
Österreicher auf, sich zu dem Mann zu bekennen, „dessen Kampf gegen den 
Bolschewismus und für die Einheit, Ehre und Macht Deutschlands dem 
Willen der göttlichen Vorsehung entspricht". Einige Tage später, am 
15. März, traf Innitzer abermals mit Hitler zusammen. Dabei wiederholte 
Hitler seine Versicherung, daß er die Rechte der Kirche respektieren 
würde. Darauf forderten der Kardinal und seine Bischöfe, mit Ausnahme 
des Bischofs von Linz, alle Österreicher auf, für Hitler zu stimmen. Unter 
den Aufruf setzten sie die Worte: „Heil Hitler." 

So endete Österreich. 



Kapitel xiii Die Tschechoslowakei und der Vatikan 



Die Tschechoslowakische Republik nach dem ersten Weltkrieg - Widerstand gegen 
katholische Kirche — Massenaustritte — Die Bewegung „Los von Kom u — Beziehungen der 
Republik zum Vatikan Staat - Neutralität des Staates in religiösen Fragen - Der Staat 
gewährt religiöse Freiheit - Intoleranz der katholischen Kirche - Einmischung der Kirche 
in soziale und politische Fragen — Einspruch der Kirche gegen Husf eiern - Verschlech- 
terung der diplomatischen Beziehungen zwischen dem tschechoslowakischen Staat und 
dem Vatikan — Feindselige Maßnahmen des Vatikans gegen die Tschechoslowakische 
Republik — Gründe dieser feindseligen Haltung — Wühltätigkeit der reaktionären Par- 
teien - Verschwörung gegen die Republik - Henlein, Hitlers katholische Agentur in der 
Tschechoslowakei — Der Katholizismus unterstützt Hitlers Ansprüche — Erster Schlag 
gegen die Republik: München ~ Hitlers zweite Verschwörung — Hitlers zweiter katholi- 
scher Agent: Tiso - Das Ende der Tschechoslowakischen Republik - Das katholisch- fa- 
schistische Staatswesen in der Slowakei — Der Ständestaat — Jugendorganisationen nach 
nazistischem Vorbild — Die antidemokratischen, antibolschewistischen, antisemitischen 
Grundpfeiler des slowakischen Staates - Das Privileg der katholischen, faschistischen 
und nazistischen Grundsätze - Die Verantwortung des Vatikans, 



Wenige Wochen nach der Einverleibung Österreichs in das „Großdeutsche 
Reich** bediente sich Hitler hinsichtlich der katholischen Gläubigen in der 
Tschechoslowakischen Republik der gleichen Taktik wie bei der Vor- 
bereitung des „Anschlusses". 

Man hätte erwarten können, daß der Katholizismus in den an Deutsch- 
land grenzenden Ländern Lehren aus dem Schicksal Österreichs und der 
österreichischen Kirche zog. Aber das war nicht der Fall. Im Gegenteil, der 
Katholizismus arbeitete weiter so eng mit Hitler zusammen, als wäre nichts 
geschehen. Der Vatikan hielt sich im Hintergrund, aber die katholische 
Bewegung, die Kurs darauf nahm, die Republik zu zerschlagen, stand unter 
der Führung eines dem Papst ergebenen Prälaten, einer Miniaturausgabe 
des Prälaten Seipel. 

Bevor wir uns weiter mit dieser Frage beschäftigen, ist es angebracht, 
einen Blick in die Vergangenheit zu werfen und zu untersuchen, wie die 
Tschechoslowakische Republik unterminiert wurde. 

Die katholische Kirche haßte Böhmen seit den Tagen des Jan Hus, des 
großen „Häretikers", der wegen seiner kühnen Ideen von der Kirche auf 
dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Der Dreißigjährige Krieg machte 
Böhmen, das zu den fruchtbarsten Ländern des mittelalterlichen Europas 
gehörte, beinahe zur Wüste. Die katholischen Armeen verheerten das Land, 
so daß bei Kriegsende von seinen mehr als 3 Millionen Menschen nur noch 
ungefähr 780000 am Leben waren. Von den mehr als 50000 blühenden 
Städten und Dörfern standen nach dem Krieg nur noch 6000, die anderen 



236 



waren zerstört, verbrannt oder nach der Ermordung der Einwohner verödet. 
Die Pest tat das übrige, ihr fielen mehr als hunderttausend Menschen zum 
Opfer. Tausende Einwohner Böhmens verließen ihre zerstörte Heimat und 
zerstreuten sich als Flüchtlinge über ganz Europa. Das einstmals reiche 
Königreich Böhmen hörte faktisch auf zu bestehen und geriet unter die 
Herrschaft der katholischen Habsburger in Österreich. 

Der Vormarsch der katholischen Gegenreformation und die Errichtung 
der katholischen Oberherrschaft über die Länder der tschechischen Krone 
kosteten das tschechische Volk seine politische Unabhängigkeit. Drei Jahr- 
hunderte lang, bis zum Ende des ersten Weltkriegs, waren die Tschechen 
Untertanen der österreichisch -ungarischen Monarchie. 

Wir legten bereits dar, wie die Dynastie Habsburg und die katholische 
Kirche einander stützten und welche Rolle diese Dynastie bei der Katho- 
lisierung der Länder spielte, die im Laufe der Jahrhunderte unter ihre 
Herrschaft gerieten. Die katholische Kirche errang in diesen Ländern mit 
Hilfe der Habsburger die Stellung wieder, die sie im 15., 16., ja selbst noch 
im 17. Jahrhundert verloren hatte. Ebenso wie in Österreich schlössen auch 
im tschechischen Teil der Monarchie die Kirche und das Haus Habsburg ein 
Bündnis, um einander bei der Durchsetzung ihrer Ziele zu helfen. Das 
tschechische Volk bekam die Praxis dieses Bündnisses im Laufe der Jahr- 
hunderte oft genug zu spüren. Sein nationaler Befreiungskampf mußte sich 
daher von Anfang an gegen diese beiden miteinander verbündeten Kräfte 
richten. Der antikatholische Charakter dieses Befreiungskampfes führte 
dazu, daß sich ihm auch die Kräfte anschlössen, die in Opposition zur Kirche 
standen. Und die katholische Kirche tat das Ihre, diese Opposition zu ver- 
stärken, indem sie alle Anstrengungen unternahm, den Despotismus der 
Habsburger möglichst lange am Leben zu halten. Das Österreich isch- 
ungarische Regime stellte alle modernen Ideen, alle Lehren und Prinzipien, 
die nicht mit den Lehren der katholischen Religion übereinstimmten, unter 
Strafe. Diese Verfolgung hatte sowohl religiösen als auch politischen 
Charakter. Die Dynastie begünstigte den Katholizismus nicht nur, weil sie 
selbst katholisch war, sondern auch weil sie im Katholizismus eine Waffe 
sah, mit der sie die Bevölkerung im Zaume halten konnte. 

Der Katholizismus regierte im Lande der Tschechen uneingeschränkt. 
Wohl genossen einige andere Konfessionen staatliche Anerkennung, das 
schloß jedoch nicht aus, daß die Nichtkatholiken überall und zu jeder Zeit 
verfolgt wurden. Auch das Freidenkertum wurde offiziell toleriert, aber die 
Lehrberufe und einige andere Berufe standen nur Angehörigen der Kirche 
offen. Daher wagten es vor dem ersten Weltkrieg nur 1 5 000 Menschen, sich 
als Freidenker eintragen zu lassen. Aus all diesen Gründen war es nicht 
verwunderlich, daß am Ende des ersten Weltkrieges, als die Tschechen und 



237 



Slowaken das verhaßte österreichisch -ungarische Joch abgeworfen hatten, 
eine starke Bewegung „Los von Rom" einsetzte, die zugleich ausgesprochen 
antikirchlich war. Die Kirche hatte sich zu eng mit der Habsburger Dynastie 
und mit deren wichtigstem politischem Instrument, dem politischen Katho- 
lizismus, verbunden. Bereits vor dem ersten Weltkrieg, vor allem jedoch in 
den Jahren nach der Gründung der Tschechoslowakischen Republik, kamen 
Bestrebungen auf, der katholischen Kirche nationalen Charakter zu ver- 
leihen. Beide Sprachen des Landes, die tschechische und die slowakische, 
wurden als liturgische Sprachen anerkannt. Außerdem hatte man vor, für 
das Gebiet der Republik ein Patriarchat zu errichten, das eine ähnliche Selb- 
ständigkeit wie die griechisch-katholische Kirche erhalten sollte. Der Vatikan 
brachte sein Mißfallen über diese Gedanken zum Ausdruck. Die meisten 
tschechoslowakischen Geistlichen, die diese Ideen vertraten, sagten sich 
darauf, wenn auch sehr zögernd und widerwillig, von diesem Reformprojekt 
los. Nur eine kleine Gruppe von Geistlichen, die auch das Zölibat abschaffen 
wollte, blieb fest und ging sogar so weit, eine selbständige „Kirche der 
Tschechoslowakei" zu gründen, die bald jeden innerkirchlichen Kontakt mit 
der von Rom geführten Kirche verlor. 

Von 1918 bis 1930 wechselten ungefähr 1900000 Menschen (in der 
Mehrzahl Tschechen) ihre Konfession. Die meisten von ihnen traten aus der 
römisch-katholischen Kirche aus. Etwa 800000 dieser Abtrünnigen, aus- 
schließlich Tschechen, vereinigten sich in der neuen tschechoslowakischen 
Kirche; sie stellte eine Art reformierten Katholizismus dar und war, weil von 
Rom unabhängig, nicht mit dem Erbe der Erinnerungen an das verhaßte 
Haus Habsburg belastet. Ungefähr 1 50 000 Gläubige traten zum Protestan- 
tismus über. Die restlichen 854000 Bürger bekannten sich zum Freidenker - 
tum und bestanden mit Erfolg darauf, Kirche und Staat völlig voneinander 
zu trennen, wie es in Frankreich bereits zu Beginn des Jahrhunderts ge- 
schehen war. 

Die neuen Grenzen und die Bewegung „Los von Rom" veränderten das 
Zahlenverhältnis der einzelnen Konfessionen in der neuen Republik be- 
trächtlich. Auch das Wiedererstehen der orthodoxen Kirche in der Karpato- 
Ukraine trug dazu bei. Trotzdem blieb die römisch-katholische Kirche, vor 
allem wenn man sie als „unierte Kirche" betrachtete und ihr die Anhänger 
der griechisch-katholischen Kirche zuzählte, sowohl an Mitgliederanzahl als 
auch an Einfluß bei weitem die stärkste Kirche des Landes. 

Noch immer war die überwiegende Mehrheit der Bürger der neuen 
Republik - 73,54 Prozent - katholisch, wenn auch viele von ihnen nur noch 
dem Namen nach Katholiken waren. Starke antikatholische Kräfte setzten 
ihren Kampf für die endgültige Trennung von Kirche und Staat und für die 
obligatorische Einführung der Zivilehe fort. Sie bedienten sich dabei all 



238 



der Losungen, die an sich die Kennzeichen eines Kulturkampfes sind. Infolge 
der weitgehenden Toleranz der neuen Republik kam es jedoch nicht zu 
antikirchlichen Maßnahmen des Staates. Die Beziehungen zwischen der 
katholischen Kirche und dem Staat entwickelten sich harmonisch. Die 
politischen Waffen des Antikatholizismus und des Atheismus, deren sich 
zahlreiche Tschechoslowaken während der österreichischen Herrschaft im 
Kampf gegen das katholische Haus Habsburg und gegen den Vatikan be- 
dient hatten, verloren nach der Befreiung vom Joch der Habsburger ihre 
politische Bedeutung. 

Der Staat verhielt sich in religiösen Angelegenheiten neutral. Seine Ver- 
fassung garantierte die Freiheit des Gewissens und des religiösen Bekennt- 
nisses. Alle religiösen Bekenntnisse waren vor dem Gesetz gleich, keines 
konnte für sich das Recht in Anspruch nehmen, Staatsreligion zu sein. Jede 
Kirche wurde nach einem bestimmten gesetzlichen Modus vom Staat aner- 
kannt und erhielt daraufhin staatliche Zuschüsse. Der Staat gab damit die 
Garantie, sich nicht in religiöse Angelegenheiten einzumischen, und war 
daher berechtigt, als Gegenleistung von den Kirchen die Garantie zu fordern, 
sich nicht in Angelegenheiten einzumischen, die in die Zuständigkeit des 
Staates fielen. 

Der Heilige Stuhl nahm das Fait accompli des neuen Staates zur Kenntnis 
und tauschte bereits 1918 mit ihm diplomatische Vertreter aus. Zwischen 
Staat und Kirche gab es also keine Streitobjekte, wenn man von der Boden- 
reform absieht, die auch den Großgrundbesitz katholischer Würdenträger 
und religiöser Orden betraf. Aber diese Angelegenheit wurde auf der Basis 
eines Quid pro quo geregelt. 

Der Vatikan hoffte, daß dem Katholizismus durch die Freiheiten, die der 
Staat ihm gewährte, große politische und soziale Früchte in den Schoß fallen 
würden. Der Staat war so großzügig, gewisse Vorrechte, die die Kirche auf 
religiösem Gebiet verlangte, zu gewähren. Als Gegenleistung befahl der 
Vatikan allen Elementen im Bereich der Kirche, die daran arbeiteten, die 
österreichisch -ungarische Monarchie wiederzu errichten oder die Republik 
zu unterminieren, ihre Tätigkeit einzustellen. So entwickelte sich ein Ver- 
hältnis wechselseitigen Verstehens zwischen dem Vatikan und der Republik. 

Der Vatikan hatte zu jener Zeit guten Grund für ein solches Verhalten. 
Erstens waren die massenhaften Kirchenaustritte, die wir bereits erwähnten, 
für ihn ein alarmierendes Zeichen. Zweitens war die kirchenfeindliche 
Stimmung in breiten Schichten der Bevölkerung noch im Wachsen begriffen. 
Drittens wiegte sich der Vatikan in der Hoffnung, daß die Kirche mit Hilfe 
der ihr gewährten Freiheiten ihre frühere Stellung im Staat wiedererlangen 
könne. Das war einer der Gründe dafür, daß die vatikanische Diplomatie 
alles daransetzte, die Bande zwischen den östlichen und westlichen Slawen, 



239 



ungeachtet der religiösen Dispute in der Karpato- Ukraine, zu festigen. Dieser 
Modus vivendi zwischen dem Vatikan und der jungen Republik verhieß eine 
lange Periode des Friedens zwischen beiden Mächten. 

Die Kirche hatte in der jungen Republik bereits mancherlei Vorteile er- 
rungen. Die Trennung von Kirche und Staat hatte ihr nicht weh getan. Die 
kirchliche Trauung stand in der gesamten Tschechoslowakei nach wie vor 
gleichberechtigt neben der standesamtlichen Trauung. In den Volks- und 
Mittelschulen wurde offiziell Religionsunterricht erteilt. Die Theologen 
hatten eigene Fakultäten an den Universitäten, und kirchliche Seminare 
wurden mit öffentlichen Geldern unterhalten. 

In gewissem Sinn war die junge Republik sogar duldsamer und weit- 
herziger als das erzkatholische Österreich-ungarische Regime. Zum Beispiel 
war die Frage des Einkommens der Geistlichkeit unter den Habsburgern 
dauernd eine Streitfrage zwischen Kirche und Staat gewesen. Die Republik 
löste dieses Problem auf gesetzlichem Weg: Die Geistlichen erhielten Gehalt 
und Alterspension vom Staat. Davon hätte im alten Österreich -Ungarn 
keiner von ihnen auch nur zu träumen gewagt. Auch die staatliche Gesund- 
heitsversicherung stand den Geistlichen offen. Außerdem richtete der Staat 
sein besonderes Augenmerk auf die Pflege kirchlicher Kunstwerke. 

Im Jahre 1920 wurde die Tausendjahrfeier des heiligen Wenzel mit 
großem Pomp begangen. Bei den religiösen Zeremonien waren nicht nur 
die Kirchenführer, sondern auch die höchsten Vertreter der Republik an- 
wesend. Bis Ende 1927 hatte man sich über die meisten Fragen geeinigt. 
Der Vatikan erklärte sich mit der Regelung einverstanden, daß die kirch- 
lichen Feiertage ebenso behandelt wurden wie die nationalen. Zu den kirch- 
lichen Feiertagen gehörten unter anderen das Fest des heiligen Kyrill und 
des heiligen Methodios, der Schutzheiligen der tschechoslowakischen Nation, 
und das Fest des heiligen Wenzel. Gleichberechtigt neben diesen Feiertagen 
stand der nationale Gedenktag für Jan Hus. Dieser Gedenktag hatte zwei 
Jahre zuvor, worauf wir noch zu sprechen kommen, zum Abbruch der diplo- 
matischen Beziehungen zwischen Prag und dem Vatikan geführt. Am 
17. Dezember 1927 wurde der Modus vivendi unterschrieben. Mit Beginn 
des Jahres 1928 wurden nach fast anderthalbjähriger Unterbrechung die 
diplomatischen Beziehungen in vollem Umfang wiederaufgenommen. 

Die Ratifizierung des Modus vivendi wurde mit vollem Recht als ein 
Ereignis von großer politischer Bedeutung gewertet. Alle Probleme, die 
bisher immer wieder das Verhältnis getrübt hatten, waren gelöst, die Be- 
ziehungen zwischen der Republik und dem Vatikan schienen auf sicheren 
Grundlagen zu ruhen. 1935 tagte in Prag ein Eucharisti scher Kongreß. 
Kardinal Verdier, der französische Erzbisch of von Paris, nahm als Vertreter 
des Papstes an dem Kongreß teil. Im November 1955 wurde Erzbischof 



240 



Kaspar von Prag zum Kardinal ernannt. Das war die erste Ernennung 
dieser Art seit Bestehen der Republik. 

Die guten Beziehungen zwischen Kirche und Staat reichten bis in das 
Jahr 1918 zurück. Eduard Benesch, der langjährige Außenminister der 
Tschechoslowakei, erkannte sehr bald nach der Gründung der Republik die 
Bedeutung des Katholizismus sowohl für das Gefüge des jungen Staats- 
wesens als auch in internationalem Maßstab. Er bemühte sich daher, engere 
Beziehungen mit dem Vatikan herzustellen. Die normalen diplomatischen 
Beziehungen waren bereits unmittelbar nach der Proklamierung der Tsche- 
choslowakischen Republik aufgenommen worden. Nun wurde beim Vatikan 
eine tschechoslowakische Legation eingerichtet und in Prag ein päpstlicher 
Nuntius akkreditiert. 

Bald darauf (1921) trat Benesch in Verhandlungen über eine Reihe po- 
litisch-kirchlicher Fragen ein. Von vatikanischer Seite nahmen Kardinal- 
staatssekretär Gasparri und Kardinal Ceretti teil. Die Verhandlungen wurden 
1925 anläßlich eines Besuches von Dr. Benesch in Rom fortgesetzt. Sie 
entwickelten sich vielversprechend, fanden aber 1925 infolge des bereits 
erwähnten Abbruchs der diplomatischen Beziehungen durch den Vatikan 
ein vorläufiges Ende. 

Wir zeigten bereits an einigen Beispielen, wie liberal sich die tschecho- 
slowakische Regierung zu den Forderungen der Kirche verhielt, sofern diese 
Forderungen nicht den Prinzipien der Republik widersprachen. Jede andere 
Kirche, jede andere Konfession hätte ein solch duldsames und konziliantes 
Verhalten eines Säkular Staat es freudig begrüßt und alle Anstrengungen 
unternommen, diese guten Beziehungen zum Staat weiterzuentwickeln; 
nicht so die katholische Kirche. Sie erhob eine Forderung nach der anderen 
und legte dabei eine Borniertheit an den Tag, wie sie auch zur Zeit der 
mittelalterlichen Päpste nicht schlimmer hätte sein können. Typisch in 
dieser Hinsicht war das Verhalten der katholischen Kirche im Jahre 1925 
anläßlich der Feiern zu Ehren des tschechischen Nationalhelden Jan Hus. 
Die Kirche hatte 510 Jahre zuvor Jan Hus als Häretiker, als Ver- 
breiter von Glaubensirrtümern und als Feind des Katholizismus verdammt 
und verbrannt. Das war für den Vatikan Anlaß, von der tschechoslowa- 
kischen Regierung die Absage der Feiern zu verlangen. Man dürfe der 
Kirche und den tschechischen Katholiken nicht durch die Glorifizierung 
eines Häretikers, der es gewagt habe, den Befehlen des Vatikans zu trotzen, 
Ärgernis bereiten, hieß es in einer Verlautbarung des Vatikans. 

Die Antwort der tschechoslowakischen Regierung fiel aus, wie sie aus- 
fallen mußte: Die Feiern würden notfalls auch ohne die Zustimmung des 
Vatikans stattfinden. Der Vatikan befahl darauf den tschechischen, vor allem 
aber den slowakischen Katholiken, gegen die Abhaltung der Feierlichkeiten 



16 M359 



241 



Stellung zu nehmen. Die katholische Presse und die katholische Hierarchie 
kamen diesem Befehl nach und schrieben und predigten gegen die Regie- 
rung und gegen Jan Hus, so daß die Angelegenheit eine prinzipielle politische 
Frage wurde. Der Vatikan erkannte jedoch bald, daß alle seine Anstren- 
gungen, die Feiern zu unterbinden, erfolglos waren, und wies daher den 
päpstlichen Nuntius in Prag an, offiziell „gegen das Ärgernis, das man der 
katholischen Kirche durch die Ehrung eines Häretikers widerfahren" ließe, 
zu protestieren und nach der Überreichung des Protestschreibens Prag zu 
verlassen. Der Nuntius kam diesem päpstlichen Befehl am 6. Juli nach. 
Damit hatte der Vatikan die diplomatischen Beziehungen zu einem Staat 
abgebrochen, der, wie kaum ein anderer, jahrelang weitgehende Duldsam- 
keit gegenüber der katholischen Kirche bewiesen hatte. 

Um dieses Verhalten des Vatikans richtig zu beurteilen, muß man in 
Betracht ziehen, daß die Tschechoslowakische Republik, auch während sich 
diese Dinge ereigneten, einer Forderung des Vatikans nach der anderen groß- 
zügig nachkam, obwohl keine sieben Jahre vergangen waren, seit sich das 
tschechische Volk von dem jahrhundertelang getragenen Doppeljoch des 
verhaßten Hauses Habsburg und der katholischen Kirche befreit hatte. Und 
die Tschechoslowakische Republik bemühte sich, auch nach den Husfeiern, 
wieder ein freundschaftliches Verhältnis zum Vatikan herzustellen ; es gelang 
ihr auch, anderthalb Jahre später, wie bereits erwähnt, die diplomatischen Be- 
ziehungen wiederaufzunehmen. Die junge Republik verfolgte also eine Politik 
der Freundschaft mit der katholischen Kirche und gewährte ihr volle Freiheit. 

Im Mittelalter, und vor nicht langer Zeit noch in Hitlerdeutschland, hatte 
die Kirche häufig berechtigten Anlaß, sich über die Behandlung, die ihr 
widerfuhr, zu beschweren. Solche Anlässe gab es für sie in der Tschechoslowa- 
kei nicht. Dafür produzierte die katholische Kirche, getreu ihren Prinzipien, 
Beschwerden anderer Art, Beschwerden rein sozialen und politischen Cha- 
rakters. Sehen wir uns einige der Beschwerden, die ein gewisses Gewicht 
hatten, etwas näher an. So behauptete die Kirche einmal, daß die Bevölke- 
rung der Slowakei, obwohl vorwiegend katholisch, nicht die Freiheiten ge- 
nieße, auf die sie als katholische Bevölkerung Anspruch habe; Prag zwinge 
die slowakische Bevölkerung unter ein „hussitisches" Joch. Weiter beschul- 
digte die Kirche die Prager Regierung, daß die von ihr vertretenen Prin- 
zipien der religiösen und politischen Freiheit die Ausbreitung des „Bol- 
schewismus" begünstigten und daß sie zu enge Beziehungen zu dem 
„atheistischen und bolschewistischen Rußland" unterhalte. 

Der Vatikan bemühte sich jahrelang auf diplomatischem Wege oder auf 
dem Wege über die katholischen Organisationen und die Hierarchie im 
Lande, die Republik den „Wünschen der Kirche" gefügig zu machen. Aber 
die Republik duldete, da sie sich nicht in kirchliche Angelegenheiten 



242 



einmischte, auch keine Bevormundung durch die Kirche und ließ sich in ihrer 
Politik von dem Grundsatz leiten, alles zu tun, was dem Wohl des eigenen 
Landes dient. Sie behandelte die ultrakatholischen Slowaken ebenso wie alle 
anderen Bürger der Republik und gewährte der katholischen Kirche die gleiche 
politische Freiheit wie den Kommunisten. Und sie pflegte die Freundschaft 
mit der Sowjetunion, weil diese Freundschaft für sie eine Sicherung gegen 
die Feinde der Republik, namentlich gegen Deutschland, bedeutete. 

Das Freundschaftsbündnis mit der Sowjetunion war eine der wichtigsten 
Grundlagen der tschechoslowakischen Außenpolitik. Die Gründe dafür 
waren einleuchtend. Man brauchte sich nur die geographische Lage der 
Tschechoslowakei zu Deutschland anzusehen und an die Expansionsabsich- 
ten zu denken, die Hitler bereits 1924 in seinem Buch Mein Kampf ge- 
äußert hatte, um zu verstehen, weshalb die Tschechen Rußlands Freund- 
schaft wünschten. Trotzdem führten katholische Kreise in der Tschecho- 
slowakei und in anderen Ländern immer wieder Klage über dieses Bündnis 
und versuchten die tschechoslowakische Regierung als „Agentur des Bolsche- 
wismus in Europa" zu diskriminieren. 

Nach Ansicht des Vatikans und vieler Katholiken waren die demokra- 
tischen Grundsätze der Republik und ihre Freundschaft mit der Sowjetunion 
schuld, daß die Sozialisten und die Kommunisten in der Tschechoslowakei so 
stark anwuchsen und eine „Gefahr" wurden. Bei den letzten Wahlen errangen 
die Sozialisten und die Kommunisten zusammen mehr als 1 700 000 Stim- 
men. Es kam so weit, daß reaktionäre Elemente in der Slowakei die Los- 
trennung ihres Landes von der Republik forderten. Sie taten dies unter dem 
Vorwand, die Slowakei sei völlig katholisch und ihre Bevölkerung wünsche 
einen Staat, in dem die katholische Religion vorherrschend sei. Das sei 
jedoch unter der Regierung der „hussitischen Häretiker" — wie sie die libe- 
ralen Tschechen bezeichneten — nicht der Fall. 

Der Vatikan übte, obwohl er nach wie vor behauptete, daß er sich niemals 
in die Politik einmische, wie in anderen Ländern so auch in der Tschecho- 
slowakei immer wieder heftigen politischen Druck auf die Regierung aus. 
Als er aber die Zwecklosigkeit seiner Bemühungen, die Haltung der Re- 
gierung zur Sowjetunion und zu den Kommunisten und Sozialisten zu ändern, 
einsah, begann er die Republik zu erpressen. Er ließ die tschechoslowakische 
Regierung wissen, daß die Kirche, falls die Regierung nicht unverzüglich 
ihre Innen- und Außenpolitik entsprechend den Wünschen der- Kirche 
ändere, die Waffe einsetzen werde, mit der sie die Regierung am empfind- 
lichsten treffen könne - die separatistische Bewegung der slowakischen 
Katholiken. Und der Vatikan machte seine Drohung wahr und päppelte 
jahrelang die slowakische Separatistenbewegung hoch. Wie bewußt dieses 
Erpressungsinstrument von der Kirche benutzt wurde, kann man daran 



243 



erkennen, daß sie die Dosierung ihrer Unterstützung für die Separatisten 
abhängig machte von der Willfährigkeit der Regierung gegenüber den 
Wünschen und Forderungen der Kirche. Wenn auch ethnische, politische 
und wirtschaftliche Faktoren bei der separatistischen Agitation in der Slo- 
wakei eine Rolle spielten, so war doch die religiöse Seite der Bewegung 
ausschlaggebend. Nicht zufällig stand die Bewegung unter der Führung 
fanatischer Katholiken. Ihr Leiter war ein katholischer Priester. 

Di eser regulierte Druck, dem die Prager Regierung jahrelang ausgesetzt 
wurde, hatte jedoch nur eine schwache Wirkung. Aber die Dinge spitzten 
sich zu. Zum ersten Skandal kam es, als sich der päpstliche Nuntius so ekla- 
tant in die inneren Angelegenheiten der Tschechoslowakei einmischte, daß sich 
die Regierung genötigt sah, öffentlich Einspruch zu erheben. DerNuntius hatte 
es gewagt, einen Brief zu veröffentlichen, in dem er die Ansprüche gewisser 
katholischer Kreise in der Slowakei unterstützte und guthieß. Seine Auswei- 
sung aus der Tschechoslowakei war nicht länger zu umgehen. Der Vatikan 
protestierte und übte mit Hilfe der katholischen Gläubigen einen Druck auf 
die Regierung aus. Überdies spannte er die französische Hierarchie und 
selbst gewisse französische Politiker in seine Intrigen gegen die tschecho- 
slowakische Regierung ein. Dies geschah in den Jahren 1954 und 1955, in 
einer Zeit also - wir werden im Kapitel über Frankreich darauf zurück- 
kommen — , als in Frankreich starke katholische Kräfte am Werke waren, 
in Mitteleuropa ein weiteres autoritäres Regime auf katholischer und anti- 
bolschewistischer Grundlage zu errichten. 

Die damalige französische Regierung arbeitete mit dem Vatikan und mit 
tschechischen katholischen Kreisen Hand in Hand, nahm öffentlich gegen die 
tschechoslowakische Regierung Stellung und half mit, in Prag eine riesige 
Demonstration zu organisieren. Der Primas von Frankreich, Kardinal Ver- 
dier, nahm mit prominenten polnischen und österreichischen Katholiken als 
päpstlicher Legat an der Demonstration teil. Diese vom Vatikan organisierte 
Demonstration war nicht nur eine offene Herausforderung, sondern auch 
eine Bedrohung der tschechoslowakischen Regierung. 

Der Vatikan nahm von nun an unmittelbar Kurs auf die Zerstörung der 
„Hussitenrepublik" und bediente sich hierzu der Hilfe Hitlers, polnischer 
und österreichischer Katholiken und französischer Reaktionäre. Bevor wir 
aber die Geschehnisse weiter beschreiben, die zur Zerstörung der Republik 
führten, wollen wir uns die Elemente innerhalb des Landes etwas näher 
ansehen, die hierzu beitrugen. 

Eine der reaktionärsten Gruppierungen in der Tschechoslowakischen 
Republik war die Agrarpartei. Sie förderte die Herausbildung der Sudeten- 
deutschen Partei und unterstützte sie auf mancherlei Art. Führer der 
Sudetendeutschen Partei war der Katholik Konrad Henlein. Seine Partei 



244 



forderte, den Verteidigungspakt mit der Sowjetunion zu kündigen und einen 
Kompromiß mit dem Dritten Reich zu schließen. 

Eine weitere wichtige Partei war die Tschechoslowakische Volkspartei, 
eine katholische Partei, die noch zur Zeit der österreichisch -ungarischen 
Herrschaft gegründet worden war. Sie hatte immer loyal zur Dynastie der 
katholischen Habsburger gestanden. Erst kurz vor der Revolution entschloß 
sie sich, Einfluß auf die nationale Bewegung zu nehmen, und appellierte, 
unterstützt von der Geistlichkeit, mit unterschiedlichem Erfolg an die 
katholischen Gefühle der Arbeiter. 

Die wichtigste Partei der Slowakei war die Slowakische Volkspartei. Sie 
war, ihrem Wesen nach ebenfalls eine katholische Partei. Ursprünglich 
hatte sie die Absicht, mit ihrer tschechischen Schwesterpartei zusammen- 
zuarbeiten, verwandelte sich aber mit der Zeit immer mehr in eine slowa- 
kische nationalistische Partei. Ihr Führer war der Prälat Hlinka. Sie ver- 
einte in sich alle antitschechischen Kräfte, die seit der Gründung der Re- 
publik in den verschiedenen Schichten der slowakischen Bevölkerung tätig 
waren, und war das Sprachrohr des Katholizismus und des Konservatismus 
in der Slowakei. Sie agitierte mit der Behauptung, die Slowakei habe inner- 
halb des tschechoslowakischen Staates nicht die volle Autonomie und Gleich- 
berechtigung erhalten. Die slowakische Opposition wurde durch den ver- 
steckten Groll des katholischen Klerus gegen den Säkularstaat verstärkt. 
Dieser Groll richtete sich vor allem gegen den Aufbau eines weltlichen 
Erziehungswesens in der Slowakei. Der katholische Klerus sah in den ver- 
besserten Bildungsmöglichkeiten für die Bevölkerung eine „sehr ernste Be- 
drohung" der privilegierten Stellung der katholischen Kirche. So entsprang 
der Wunsch nach Autonomie vor allem der Forderung, die vollständige 
Kontrolle über das Erziehungswesen wiederzuerlangen. Diese Haltung des 
slowakischen Klerus entsprach den Lehren der Kirche. Masaryks Lehrsatz: 
„Es gibt keine Demokratie ohne Erziehung", gefiel der Kirche gar nicht; 
denn sie forderte nicht nur für die Slowakei, sondern für die ganze Republik 
die alleinige Kontrolle über das Erziehungswesen. 

Wir wiesen bereits darauf hin, daß das Erziehungswesen in der Tschecho- 
slowakei weltlichen und nicht konfessionellen Charakter trug. Daran än- 
derte auch die Tatsache nichts, daß die Regierung den Religionsunterricht 
in den Schulen aus öffentlichen Mitteln unterstützte, und zwar unabhängig 
von dem jeweiligen religiösen Bekenntnis, was von der katholischen Kirche 
scharf verurteilt wurde. Die tschechoslowakische Republik hatte auf dem 
Gebiet des Erziehungswesens große Fortschritte erzielt und nahm in dieser 
Hinsicht eine führende Stellung in Europa ein. 

Um uns ein genaues Bild von der Lage der slowakischen Bevölkerung im 
tschechoslowakischen Staat zu machen, wollen wir uns einige Zahlen 



245 



ansehen. Im Jahre 1918 gab es für 2 Millionen Slowaken 390 slowakische 
Lehrer und 276 slowakische Grundschulen. Damit endete das slowakische 
Volksbildungssystem. Die Situation in der Karpato -Ukraine war noch 
schlechter; dort gab es gar keine Schulen. Im Jahre 1930, also nur zwölf 
Jahre nach der Gründung der Republik, hatte die Slowakei 2652 Grund- 
schulen, 39 Oberschulen, 13 Fachschulen und eine Universität. Der Staat 
und die örtlichen Verwaltungen errichteten durchschnittlich 100 neue 
Schulgebäude in jedem Jahr, und in den ersten vierzehn Jahren seit der 
Gründung der Republik wurden insgesamt 1381 neue Grundschulen gebaut. 
2623 Schulen wurden vergrößert und modernisiert. In den vierzehn Jahren 
schuf die Republik 2 Universitäten, 9 technische Fachschulen und 45 Ober- 
schulen, So sah die Bilanz des Volksbildungswesens der jungen Republik 
allein in der katholischen Slowakei aus. 

Die Losung der Separatisten: „Die Slowakei den Slowaken" hatte ihren 
Ursprung unter anderem in antisemitischen Stimmungen und in dem 
Widerstand gegen die Rassengleichberechtigung in der Tschechoslowa- 
kischen Republik. Die katholische Partei weigerte sich mehrere Male, in 
die Regierung einzutreten. Außer ihr gab es in der Slowakei die „Nationale 
Union", zu der die „Nationale Front" und die „Nationale Liga" gehörten. 
Sie wurde 1935 gegründet und zeigte faschistische Tendenzen. 

Das war die Bühne, auf der sich die Ereignisse abspielten, mit denen wir 
uns jetzt befassen wollen. 

In dem Kapitel über Deutschland wurden bereits Hitlers Pläne bezüglich 
der Tschechoslowakei erwähnt, die er in der Zeit vor und nach dem An- 
schluß Österreichs mit dem Vatikan besprach. Zur Erledigung dieses neuen 
Opfers bediente sich Hitler, mit Billigung des Vatikans, wieder katholischer 
Werkzeuge. Zweifellos arbeitete Hitler nicht mit dem Vatikan zusammen, 
um die Sache der Religion zu fördern, und der Vatikan nicht mit Hitler, 
um jene Abart des Totalitarismus, die im neuen Deutschen Reich an der 
Macht war, zu unterstützen. Jeder hatte nur die eigenen Ziele im Auge. 

Wir haben bereits davon gesprochen, daß der Vatikan nach der Auswei- 
sung des päpstlichen Nuntius Kurs auf die Zerstörung der Tschechoslowa- 
kischen Republik genommen hatte. Er erreichte dieses Ziel, indem er die 
Republik durch einen Teil der katholischen Bevölkerung von innen her 
erpreßte und sie gleichzeitig für ein politisches Tauschgeschäft mit Hitler 
benutzte. 

Die katholischen Slowaken, angeführt von dem katholischen Geistlichen 
Hlinka, setzten ihre antitschechische Agitation auch dann fort, als die Re- 
publik bereits unmittelbar von Nazideutschland bedroht wurde. Hitler hatte 
es beim ersten Akt seines Raubzugs gegen die Republik nicht nötig, sich der 
slowakischen Separatisten zu bedienen. Er brauchte lediglich einen Vorwand 



246 



zur Rechtfertigung seiner Invasion und behauptete deshalb, die Sudeten- 
deutschen schützen zu müssen. Ein aktionsbereites Werkzeug hierzu bot 
sich ihm in Gestalt der Sudetendeutschen Partei unter der Führung des 
Katholiken Henlein. 

Man mußte schon mit politischer Blindheit geschlagen sein, wenn man 
die Lektion übersah, die Hitler wenige Monate zuvor den katholischen 
Österreichern erteilt hatte. Trotzdem schlössen sich zahlreiche Katholiken 
Henlein an und unterstützten dadurch Hitlers Pläne. Wohl machten viele 
von ihnen gewisse Vorbehalte, aber ihr Widerstand beruhte nicht auf poli- 
tischen Überlegungen, sondern auf der Befürchtung, Hitler könne der 
katholischen Religion in ihrem Lande die gleiche Behandlung zuteil werden 
lassen wie in Österreich. Hitler gab daher, als er von diesen Befürchtungen 
Kenntnis erhielt, Henlein das Wort, daß er alle Rechte und Privilegien der 
katholischen Gläubigen des Sudetengebietes achten werde. 

Um die Katholiken des Sudetengebietes und vor allem die Westmächte 
erfolgreicher zu täuschen, veröffentlichte Mussolini auf Hitlers Veranlas- 
sung einen offenen Brief, in dem er erklärte, eine private Unterredung mit 
Hitler habe ihn davon überzeugt, daß Deutschland lediglich die von Deut- 
schen bewohnten Gebiete von der Tschechoslowakei abtrennen wolle. Henlein 
und seine Anhänger verstärkten ihre Aktivität und erhielten mittelbare und 
unmittelbare Unterstützung von den slowakischen Katholiken. 

München kam mit all seinen internationalen Verwicklungen und unheil- 
schwangeren Vorzeichen. Es kann nicht Aufgabe dieser Schrift sein, sich im 
einzelnen damit zu befassen, wie die westlichen Demokratien vor Nazi- 
deutschland kapitulierten. Wir möchten uns hier, dem Charakter des Buches 
entsprechend, nur damit beschäftigen, welchen zwar indirekten, aber nicht 
zu übersehenden Einfluß der Vatikan auf dieses verhängnisvolle internatio- 
nale Geschehen genommen hat. 

Einmal muß hier festgestellt werden, daß die katholische Kirche der 
Slowakei durch die Schürung der antitschechischen Stimmung in einer Zeit, 
als der Zusammenschluß aller Kräfte zur Festigung der staatlichen Einheit 
von größter Wichtigkeit gewesen wäre, wesentlich zur Auflösung der Re- 
publik beitrug. Zum andern verdient festgehalten zu werden, daß sich Hitler 
bei seinem ersten Eingriff in den Körper der Tschechoslowakei (Abtrennung 
der Sudetengebiete) eines Herrn Henlein* bediente, der ebenso wie die mei- 
sten seiner Parteigänger und Mitläufer streng katholisch war. 

Drittens darf nicht übersehen werden, daß die von katholischen Kräften 
beherrschte Großmacht, die der Tschechoslowakischen Republik noch kurz 

* Henlein stand bereits seit 1933 in Hitlers Sold (Erklärung des britischen General- 
staatsanwaltes beim Internationalen Militärtribunal in Nürnberg am 3. Dezember 1945). 



247 



zuvor versichert hatte, daß sie ihrer vertraglichen Beistandspflicht nachkom- 
men werde, ihr Wort nicht hielt. Frankreich überließ die Tschechoslowakei 
ihrem Schicksal. 

Dieser dritte Punkt führt uns unmittelbar in eines der umstrittensten 
Kapitel der damaligen internationalen Politik, auf das wir jedoch hier nicht 
näher eingehen können. Um in unserer Frage klarzusehen, brauchen wir 
uns nur zu erinnern, daß in Frankreich bereits zu jener Zeit starke faschi- 
stische Gruppen hinter den Kulissen tätig waren, in denen fanatische Katho- 
liken aus den Kreisen der Industriebarone, Bankherren, Gutsbesitzer, Mili- 
tärs und der Beamtenschaft den Ton angaben. Sie alle vereinigte die gleiche 
verhängnisvolle Furcht vor der Sowjetunion und vor dem Kommunismus, 
von der auch die katholische Kirche besessen war und ist. Ihr Bündnis mit 
dem Vatikan diente also eindeutig antisowjetischen Zielen. (Siehe Kapi- 
tel XVI, Frankreich und der Vatikan) 

Die Tschechoslowakei war damals ein mitteleuropäisches Gibraltar, eine 
Festung, die dem Vormarsch Nazideutschlands gegen das Land des Kommu- 
nismus im Wege stand. Genau das sahen auch die katholische Kirche und 
die reaktionären Kräfte Frankreichs in ihr und wünschten sie deshalb zu 
liquidieren. 

Während Frankreich also seinen Freund und Beistandsvertragspartner 
im Stich ließ, erklärte die Sowjetunion unmißverständlich, daß sie bereit 
sei, zu kämpfen, wenn Frankreich zu seinem Wort stehe. Wir werden im 
Kapitel Frankreich näher darauf eingehen, welche Kräfte damals in Frank- 
reich in Übereinstimmung mit dem Vatikan am Werk waren. Hier genügt die 
Feststellung, daß Hitler sein Ziel erreichte, sogar trotz gegenteiliger Vor- 
aussagen seiner Generale, namentlich des Generalstabschefs, Generaloberst 
Beck. 

Hitler wagte aber nicht, das gesamte Territorium der Tschechoslowakei auf 
einmal zu besetzen. Ihm schien es ratsam, schrittweise vorzugehen. Der erste 
und wichtigste Schritt, die Abtrennung der Sudetengebiete, war getan. Das 
nächste Ziel war, die gesamte Tschechoslowakei zu besetzen, ohne es darüber 
zu einem Krieg kommen zu lassen, auf den er noch nicht genügend vorberei- 
tet war. Die Republik mußte daher weiter von innen zersetzt werden. Wer 
wäre dazu besser geeignet gewesen als die katholische Slowakei? Die Kirche 
zögerte keinen Augenblick, Hitler dabei weitgehend zü unterstützen. 

Solange Pater Hlinka die katholische Partei in der Slowakei führte, hielt 
er verschiedentlich seine Anhänger und sogar den Vatikan davon ab, die 
Dinge auf die Spitze zu treiben. Er strebte lediglich eine Autonomie für die 
Slowakei an und keine Lostrennung. Als der päpstliche Nuntius ihm einmal 
zu verstehen gab, daß ein unabhängiger slowakischer Staat im Interesse der 
Kirche liege und die Slowaken deshalb ihre Lostrennung betreiben sollten, 



248 



war Pater Hlinka ehrlich genug, dieses Ansinnen zurückzuweisen. Er er- 
klärte, daß er eine solche Lösung nicht für vorteilhaft und nutzbringend 
halte, und machte den Nuntius aufmerksam, daß er der Republik einen 
Treueid geschworen habe. 

Pater Hlinka starb 1938. Noch kurz zuvor hatte er seine Anhänger 
ermahnt, sich mit der Forderung nach Autonomie zu begnügen und die 
Republik nicht durch die Forderung nach völliger Lostrennung zu gefährden. 
Sein Nachfolger wurde Tiso, ebenfalls ein Priester, einer der fanatischsten 
Anhänger Hlinkas. Tiso stammte aus einer Bauernfamilie und war in 
Ungarn erzogen worden. Während der Verhandlungen mit dem Vatikan, bei 
denen Hlinka vom Vatikan und von den extremsten slowakischen Nationa- 
listen unter Druck gesetzt wurde, erwies sich Tiso als gelehriger Schüler des 
päpstlichen Nuntius und trat für die Vorschläge des Vatikans ein. Der 
Vatikan wußte diesen Dienst zu schätzen und verlieh ihm kurz darauf den 
Titel Monsignore. 

Eine der ersten Amtshandlungen Tisos als Ministerpräsident der Slowakei 
war, daß er die volle Unabhängigkeit des Landes forderte. Er tat dies in 
Übereinstimmung mit Hitler und mit dem Vatikan, die beide genau wußten, 
in welcher Richtung die Dinge sich entwickelten. Der Präsident der 
Republik, dem Tiso kurz zuvor den Treueid geleistet hatte, enthob ihn 
seines Amtes. 

Was tat Tiso? Er begab sich unverzüglich nach Deutschland, in das Land 
seines Freundes und Helfers Hitler, und zwar mit einem Flugzeug, das ihm 
der österreichische Katholik Seyß-Inquart auf Hitlers Befehl zur Verfügung 
stellte. Seyß-Inquart war bereits bei der Ausarbeitung der Verschwörer- 
pläne als Mittelsmann zwischen Tiso und Hitler tätig gewesen. 

In Berlin wurde Tiso mit großem Gepränge empfangen. Er verhandelte 
mit Hitler und Ribbentrop und unterhielt gleichzeitig sehr enge Verbindung 
zu dem Vertreter des Vatikans. Gerade zu dieser Zeit bestieg jener päpstliche 
Staatssekretär, der solange am Schalthebel der vatikanischen Politik gesessen 
hatte, unter dem Namen Pius XII. den Heiligen Stuhl. Der neue Papst war 
in diesen Tagen vor dem Verrat an der Tschechoslowakischen Republik so 
beschäftigt, daß er, nach Angaben seiner Biographie, kaum Zeit für einige 
Tage Urlaub fand. Er stand zu Beginn seines Pontifikats in der Tat vor zwei 
schwierigen Problemen, die beide eine sehr sorgfältige Prüfung verlangten. 
Es handelte sich um Mussolinis Raubzug gegen Albanien und um Hitlers 
Raubzug gegen die Tschechoslowakei. 

Es gibt nur wenige Unterlagen über die Weisungen, die Tiso von dem 
neuen Papst erhielt. Aber wir wissen, daß sowohl Tiso als auch Ribbentrop 
mit dem Vatikan nicht nur auf dem üblichen diplomatischen Wege, sondern 
auch über die faschistische Regierung in Italien verhandelten. Mehr als 



249 



einmal schaltete sich die italienische Regierung zugunsten Hitlers und Tisos 
beim Vatikan ein. 

Wenige Tage nach Tisos Ankunft in Berlin veröffentlichte die Nazipresse 
Schreckensberichte über angebliche Untaten der tschechoslowakischen Re- 
gierung an der slowakischen Bevölkerung. Tiso teilte seinen katholischen 
Freunden in der Slowakei telephonisch mit, Hitler habe ihm versprochen, 
das Anliegen der katholischen Slowakei zu unterstützen, falls sie ihre Un- 
abhängigkeit erklärte. Nun begann sich auch Ungarn einzumischen. Der 
ungarische Primas, der unmittelbar mit dem Vatikan in Verbindung stand 
und mit Tiso enge Beziehungen unterhielt, sah die Früchte seiner Tätigkeit 
reifen. Die ungarische Regierung, die Hitlers und der katholischen Kirche 
Haß gegen die „bolschewistische" tschechoslowakische Republik teilte, 
forderte von der Regierung die Abtretung der Karpato -Ukraine. Auch das 
katholische Polen schlug sich offen auf Hitlers Seite und forderte die Auf- 
lösung der „Hussitenrepublik". 

Die Tragödie ging ihrem Ende zu. Hitler befahl den Präsidenten der 
Tschechoslowakischen Republik zu sich. Dr.Hacha traf am 15. März 1939 
um ein Uhr morgens in Berlin ein. Ihm wurde befohlen, seine Unterschrift 
unter ein Dokument zu setzen, das die Auflösung seines Landes verfügte. 
Im Falle seiner Weigerung würden siebenhundert Bombenflugzeuge inner- 
halb von vier Stunden Prag dem Erdboden gleichmachen. 

Präsident Hacha unterschrieb. Das Schicksal der Republik war besiegelt. 
Die „Dämmerstunde der Freiheit in Mitteleuropa", wie es in den New York 
Times hieß, war angebrochen. Nazitruppen besetzten Prag und das ganze 
Land. Böhmen und Mähren wurden ein „Protektorat" der Nazis. Die katho- 
lische Slowakei erhielt als Lohn für ihre Dienste von Hitler den Status eines 
unabhängigen Landes. Die Tschechoslowakische Republik hatte aufgehört 
zu bestehen. 

Der Vatikan hatte seinem hochstrebenden Bau eines christlich -katho- 
lischen, faschistischen Europas einen neuen Stein eingefügt. Eine Republik 
war verschwunden, die durch ihre liberale Innen- und Außenpolitik dem 
Vatikan ein Dorn im Auge gewesen war. An ihrer Stelle entstand auf einem 
Teil ihres Territoriums ein neuer katholischer Staat, der ganz nach den 
Grundsätzen der päpstlichen Enzyklika Quadragesimo Anno aufgebaut 
wurde. 

Tiso begann die Slowakei entsprechend den totalitären, antidemokratischen, 
antisäkularen und antisozialistischen Prinzipien Mussolinis, Hitlers und der 
katholischen Kirche umzugestalten. Als erstes legte er Wert darauf , einen Wahl- 
spruch für den neuen katholischen Staat zu rinden. Am besten gefiel ihm die Lo- 
sung: „Für Gott und Vaterland." Dann prägte er Münzen mit den Porträts der 
slawischen Heiligen Kyrill und Methodios, nahm diplomatische Beziehungen 



250 



mit dem Vatikan auf, erließ Gesetze gegen die Kommunisten, die Sozia- 
listen, die Liberalen und andere politische Gruppierungen und unterdrückte 
deren Zeitungen und Organisationen. Meinungs-, Presse- und Redefreiheit 
wurden aufgehoben. Der Staat wurde entsprechend dem faschistischen Führer- 
prinzip umgebaut, und die Jugend nach dem Vorbild der Hitlerjugend 
organisiert. Die Schulen gerieten unter die alleinige Kontrolle der katho- 
lischen Kirche. Selbst die nazistischen Sturmabteilungen wurden schablonen- 
haft übernommen und später in eine Legion katholischer Freiwilliger um- 
gebildet, die an der Seite der Naziarmee gegen die Sowjetunion kämpfte. 

Trotz der Beanspruchung durch die zahlreichen Amtsgeschäfte fasteten 
Tiso und die Mitglieder seiner Regierung in jeder Fastenzeit regelmäßig 
drei Tage lang und besuchten eifrig die Gottesdienste. Monsignore Tiso 
duldete nicht, daß seine Arbeit als Ministerpräsident ihn in der Erfüllung 
seiner priesterlichen Pflichten hemmte. Jede Woche ließ er, ähnlich wie 
Seipel, seine Amtsgeschäfte einen Tag ruhen, um in Banovce seinen Pflich- 
ten als Gemeindepfarrer nachzukommen. 

Der sozialen Struktur des neuen Regimes lagen, wie die Päpste es ge- 
fordert hatten, die Prinzipien des Ständestaates zugrunde. Die Gewerk- 
schaftsorganisationen wurden verboten, weil sie, wie Tiso sich ausdrückte, 
„unter den alles vergiftenden Einfluß des Liberalismus und Individualismus 
geraten waren; um diese Elemente der Zerstörung von ihrer destruktiven 
Tätigkeit abzuhalten, waren wir gezwungen, unser ganzes Land auf stän- 
discher Grundlage zu erneuern, wie die katholische Kirche uns lehrt" 
(17. April 1943). „Die slowakischen Arbeiter können versichert sein, daß es 
keineswegs nötig ist, von einem sogenannten bolschewistischen Paradies zu 
träumen oder vom östlichen Ausland eine gerechtere soziale Ordnung zu 
erwarten. Die Lehren der Religion werden ihnen klarmachen, was unter 
einer gerechten sozialen Ordnung zu verstehen ist." 

Ein weiterer wichtiger Teil des Ständesystems waren die Gesetze zum 
„Schutz der Familie", sie waren eine Kopie der faschistischen Gesetzgebung. 
Aufgabe der Familie sei es, der jüngeren Generation die ersten Lehren in 
Religion, Gehorsamsübung und Respekt zu erteilen. „Die Regierung ist 
entschlossen, ihre ganze Aufmerksamkeit der Vervollkommnung ihrer 
Sozialpolitik zuzuwenden. Die Familie als die Grundzelle eines gesunden 
nationalen und menschlichen Lebens wird den vollen Schutz des Staates 
genießen, wie es das allgemeine Wohlergehen und die katholische Religion 
fordern." 

Nach dem Vorbild der Hitlerjugend schuf Tiso die Hlinkagarde und die 
Hlinkajugend. Außerdem übernahm er von den Nazis den Arbeitsdienst und 
die Struktur der Nazipartei für seine Slowakische Hlinka- Volkspartei Alle 
Organisationen waren nach dem „Führerprinzip" aufgebaut. 



251 



Tisos Regierungserklärungen wurden nach Hitlerschen Vorlagen ab- 
gefaßt. „Eiserne Disziplin, unbedingter Gehorsam, bewußte Pflichterfüllung, 
wirksame Zusammenarbeit zwischen Behörden und Volk", waren ständig 
wiederkehrende Forderungen in seinen Reden. Nur wer sich als eifriger 
Katholik betätigte, konnte mit einer Anstellung im Schulwesen und in der 
staatlichen Verwaltung rechnen. Wer sozialistischer oder kommunistischer 
Gesinnung verdächtig war, kam in Acht und Bann. Die Gefängnisse füllten 
sich mit politischen Häftlingen. Tiso gründete nach dem Vorbild der 
nazistischen Ordensburgen politische Schulen, in denen die Lehren des 
katholischen Totalitarismus vermittelt wurden. Außer seiner Partei waren 
alle anderen Parteien verboten. 

„Der Kampf um unsere Existenz und um unsere politischen Rechte war der Grund für 
das Auftreten unserer Partei, die sich an ähnliche Bewegungen im faschistischen Italien 
und im nationalsozialistischen Deutschland anlehnte. Unter dem Zeichen des Faschismus 
erweckte Italien sein Volk zum Bewußtsein seiner Mission in der Welt und rettete 
es vor hoffnungsloser Lethargie und vor der Geißel des Bolschewismus." (Tiso am 30. Ja- 
nuar 1945) 

Auch bezüglich der Judenverfolgung trat Tiso in die blutigen Fußtapfen 
der Nazis. Einigen Katholiken, die an der Rechtmäßigkeit dieses Vorgehens 
zweifelten, erklärte er: 

„Was die jüdische Frage anbelangt, so fragen manche, ob das, was wir tun, christlich 
und human sei. Ich frage so : Ist es christlich, wenn die Slowaken sich von ihren ewigen 
Feinden, den Juden, befreien wollen? Die Liebe zu unserem Nächsten ist Gottes Gebot. 
Seine Liebe macht es mir zur Pflicht, alles zu beseitigen, was meinem Nächsten Böses 
antun will" (Tiso am 28. August 1942) 

Tiso hegte einen unversöhnlichen Haß gegen die Sowjetunion und unter- 
ließ keine Anstrengung, aus den Slowaken ebenfalls fanatische Bolschewisten- 
hasser zu machen. Die katholische Geistlichkeit half ihm nach Kräften, eine 
slowakische Legion für die Ostfront aufzustellen. 

„Die bolschewistischen Welteroberungspläne machen jedem Slowaken klar, daß er 
kämpfen muß, nicht nur, um selbst zu überleben, sondern ebenso, um die europäische 
Kultur und die christliche Zivilisation vor den Kräften der bolschewistischen Barbarei 
und Brutalität zu retten und zu schützen." (Tiso am 25. Mai 1944) 

„Der apokalyptische Bolschewismus, freigesetzt vom Kapitalismus, bringt Tod und 
Zerstörung mit sich. Wir Slowaken sind Katholiken und haben immer für die Sache der 
Menschheit gefochten." (Tisos Weihnachtsbotschaft 1944) 

Tiso besuchte seine Legionäre an der Ostfront und verlieh deutschen 
Generalen und Offizieren hohe Orden. Bei einer solchen Gelegenheit er- 
klärte er: „Wir können nicht zweifeln, daß ein Sieg der Alliierten für unser 
Volk die Auslieferung an die bolschewistische Tyrannei bedeuten würde. 
Die Slowakei wird bis zum Endsieg an der Seite der Achsenmächte stehen." 
(27. September 1944) 



252 



Noch am 20. Oktober 1944 nannte Tiso Nazideutschland den Retter 
Europas: „Deutschland ist als Bannerträger der progressivsten sozialen 
Ideen allein fähig, den sozialen Ansprüchen aller Nationen gerecht zu 
werden." 

Aber der Krieg verlief nicht so, wie Hitler und Tiso es gewünscht hatten. 
Die Sowjetarmee überschritt die Grenzen Deutschlands und der früheren 
Tschechoslowakischen Republik. Tiso rief alle katholischen Slowaken auf, 
den Kampf fortzusetzen. 

Als Präsident Benesch 1944 nach Moskau fuhr, um den Freundschafts- 
pakt mit der Sowjetunion zu unterzeichnen, schlugen Tiso und die katho- 
lischen Reaktionäre der Slowakei entsetzt die Hände über dem Kopf zu- 
sammen und jammerten über das „monströse Verbrechen" des „Hussiten 
Benesch", der die Slowakei an die „gottlosen Bolschewisten" verkauft habe. 
Die katholischen Bischöfe und die Geistlichkeit des „Protektorats Böhmen 
und Mähren" schlössen sich Tiso an. Sie predigten gegen Benesch und seine 
Exilregierung in London und verfaßten sogar einen Hirtenbrief, der die 
Handlungen der tschechoslowakischen Regierung in London verurteilte. 
Der Brief wurde jedoch nicht veröffentlicht, denn der Vatikan arbeitete zu 
dieser Zeit bereits mit den Alliierten zusammen, da er eingesehen hatte, daß 
die Niederlage Nazideutschlands unausbleiblich war. Es schien geboten, die 
Äußerungen der Katholiken, die nahe der sowjetischen Grenze lebten, unter 
Kontrolle zu halten. Die Bischöfe bekamen Weisung, sich „nicht offiziell zu 
kompromittieren", und gaben daraufhin — auch nach der Unterzeichnung 
des tschechoslowakisch -sowjetischen Freundschaftspaktes - nur noch finstere 
Warnungen über die „Gefahren aus dem Osten" von sich. 

Der neue katholische Ständestaat der Slowakei, auf den die katholische 
Kirche soviel Mühe verwandt hatte, brach mit der militärischen Niederlage 
der Nazis zusammen. Aber das Scheitern ihres Planes entbindet all die 
kirchlichen und politischen Institutionen und Personen, die sich an der Zer- 
störung der Tschechoslowakischen Republik mitschuldig gemacht haben, 
nicht von ihrer Verantwortung. Ihr Ehrgeiz, einen faschistischen totalitären 
Staat zu schaffen, beschleunigte den Ausbruch des zweiten Weltkrieges und 
machte die Slowakei zum Helfer und engen Partner des Nazismus, der die 
Menschheit in ein Meer von Blut trieb. 



Kapitel xiv Polen und der Vatikan 



Religiosität und andere, durch jahrhundertelange Unterdrückung begründete Cha- 
raktermerkmale des polnischen Volkes - Bündnis der reaktionären Kreise Polens mit 
der katholischen Kirche - Todfeindschaft gegen die Sowjetunion - Erste Schläge des 
neuen polnischen Staates gegen Sowjetrußland - Die Annexionspolitik der polnischen 
Nationalisten gegen Sowjetrußland - Polens Innenpolitik - In Polen wird eine der 
ersten faschistischen Diktaturen Europas errichtet - Grundlage der polnischen Außen- 
politik vor dem zweiten Weltkrieg: Feindschaft gegen die Sowjetunion - Oberst Becks 
späte Erkenntnisse. 



D er Einmarsch der Hitlerwehrmacht in Polen am I.September 1939, 
wenige Monate nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei, bedeutete den 
Beginn des zweiten Weltkriegs. Die Polen kämpften tapfer, aber hoffnungs- 
los gegen die gut ausgerüsteten, größtenteils motorisierten Verbände der 
Nazi Wehrmacht. Sie verloren in kaum drei Wochen ihre Unabhängigkeit. 
Aber polnische Armeen, Luftwaffeneinheiten und Kriegsschiffe setzten an 
fast allen Fronten des zweiten Weltkriegs den Kampf gegen Nazideutschland 
fort. 

Die polnische Nation, die klassische Märtyrernation Europas, hatte einen 
wenig beneidenswerten geschichtlichen Weg hinter sich. Hier sind wohl 
auch die wesentlichen Gründe dafür zu suchen, daß die Lage Polens bei 
Ausbruch des zweiten Weltkriegs längst nicht so einfach war, wie es auf den 
ersten Blick scheinen mochte. Nur wenn man den Hintergrund im Auge 
behält, vor dem sich Polens Innen- und Außenpolitik entwickelte, ist es 
möglich, wenn auch nur oberflächlich, die Ursachen für den polnischen 
Zusammenbruch zu verstehen. 

Bevor wir uns aber mit diesem Hintergrund befassen, müssen wir fest- 
stellen, daß hier nicht der Ort ist, die sozialen, ethnischen, territorialen und 
politischen Triebkräfte zu analysieren, die vor allem in der Periode zwischen 
den beiden Weltkriegen in Polen wirkten. Wir können lediglich die polnische 
Tragödie hinsichtlich der Probleme untersuchen, mit denen wir uns in 
diesem Buch befassen — der Probleme der katholischen Kirche. Diese 
Probleme hatten in Polen ein besonderes Gewicht, denn Polen war ein 
extrem katholisches Land. 

Im nördlichen Teil Europas blieb jahrhundertelang nur ein Land dem 
Vatikan treu — das katholische Polen. Seit im Jahre 1574 sein französischer 
König nach Frankreich zurückkehrte, „die Kronjuwelen mit sich nehmend 
und die Jesuiten zurücklassend", wie Michelet sich treffend ausdrückte, war 
Polen ein Bollwerk des Katholizismus. 



254 



Schon oft wurde der berechtigte Vergleich angestellt, daß das katholische 
Polen der Vergangenheit das Irland Nordosteuropas gewesen sei. Es wider- 
stand den brutalen Unterdrückungsmaßnahmen der russischen Zaren und 
ihren Versuchen, die Liebe des polnischen Volkes zu seiner Nation und zu 
seiner Kirche auszurotten. Auf Grund des Verlustes seiner nationalen 
Unabhängigkeit und auf Grund zahlreicher anderer Tatsachen war Polen 
zu Beginn des ersten Weltkriegs auf allen Gebieten menschlicher Errungen- 
schaften weit zurückgeblieben. Die katholische Kirche war trotz der unab- 
lässigen und grausamen Verfolgungen, denen sie ausgesetzt war, in der 
ganzen Zeit der Unterdrückung der vorherrschende Faktor im Leben des 
Landes. Die polnischen Arbeiter gehörten zu den niedrigst bezahlten 
Europas. 

Ein weiteres Charaktermerkmal der Polen war ihre Frömmigkeit. Die 
Polen waren so intensiv religiös, daß ihre Frömmigkeit selbst in den Städten 
die der entlegensten Winkel Chiles und Perus übertraf (Revue des deuz 
Mondes, Februar 1953). Dieses Merkmal des polnischen Volkes wäre nicht 
wert, erwähnt zu werden, wenn sich bis heute nichts daran geändert hätte. 
Wir beziehen uns nur darauf, um nachzuweisen, wie groß der Einfluß der 
katholischen Kirche in der Bevölkerung gewesen ist. Diese Frömmigkeit war 
ein Attribut des ganzen Volkes, auch seiner oberen Gesellschaftsschichten, 
die, als Polen seine politische Unabhängigkeit wiedererlangt hatte, nicht 
nur in religiösen, sondern auch in sozialen und politischen Fragen zu den 
ergebensten Dienern des Vatikans" gehörten. 

Dies hatte seine Ursache vor allem darin, daß die polnische Oberschicht 
aus den reaktionärsten Elementen des Volkes, vor allem aus Großgrund- 
besitzern, bestand. Die Interessen dieser reaktionären Schichten trafen sich 
mit denen der katholischen Kirche. Eine Maxime beherrschte ihre gesamte 
Politik: Glühender Haß gegen Rußland als benachbartes Land und fana- 
tischer Haß gegen Rußland als Zentrum des Kommunismus. Darin stimmten 
die polnische Reaktion und die katholische Kirche völlig überein. Die Polen 
betrieben daher auf dieser doppelten Grundlage des Nationalismus und des 
Katholizismus eine Politik des unablässigen Boykotts der Sowjetunion. 
Obwohl Polen allen Anlaß gehabt hätte, das Wiederaufleben des deutschen 
Imperialismus zu fürchten, konzentrierte es, vom Nationalismus und Katho- 
lizismus mit Blindheit geschlagen, seinen ganzen Haß auf den östlichen 
Nachbarn. 

Das katholische Polen und der Vatikan mußten, um eine gemeinsame 
Politik betreiben zu können, vorerst ihre Positionen im Lande stärken. In 
Polen gab es, wenn auch in kleinerem Maßstab, alle die Probleme, die durch 
den Vatikan und durch die katholische Kirche in ganz Europa zu lösen 
waren. Die Hauptziele der polnischen Innenpolitik waren: Erhaltung des 



255 



Status quo für die reichen Großgrundbesitzer und die Aristokratie, Poloni- 
sierung der nationalen Minderheiten und Bekehrung aller, die nicht der 
alleinseligmachenden Kirche angehörten. Die praktischen Ziele dieser Politik 
waren: die Ausbreitung des Kommunismus zu verhindern und ihn 
möglichst zu zerschmettern; ferner, die nationalen Minderheiten, vor 
allem die Ukrainer, zu unterdrücken und zu Polen zu machen, gleich- 
zeitig die orthodoxe Religion auszurotten und durch den Katholizismus 
zu ersetzen. 

Der Vatikan hatte sich noch weitere Ziele gesteckt. In der Kräfte - 
kombination, mit der er diese Ziele erreichen wollte, war dem katholischen 
Polen eine bedeutende Rolle zugedacht. Der Vatikan beabsichtigte, das 
atheistische Sowjetrußland zu vernichten. Als ersten Schritt auf diesem Weg 
wollte er die orthodoxe Religion durch die katholische ersetzen, um dann mit 
Hilfe einer ihm unterstehenden Hierarchie die Sowjetmacht zu unterminie- 
ren und zu stürzen. Wir werden noch sehen, wie der Vatikan ~ so absurd es 
klingt — zeitweise sogar versuchte, die Hilfe der Sowjetregierung zur Zer- 
störung der orthodoxen Kirche in Anspruch zu nehmen. 

Die gegen Sowjetrußland gerichteten Pläne des Vatikans wurden von den 
polnischen Nationalisten, die bereits unmittelbar nach der Wiedergeburt des 
polnischen Staates von einer territorialen Ausdehnung ihres Landes auf 
Kosten Sowjetrußlands träumten, auf das wärmste begrüßt. Verbündete zur 
Verwirklichung dieser Träume fanden sich rasch, denn an Hassern des 
Kommunismus fehlte es in der Welt nicht. Paderewski, der erste polnische 
Ministerpräsident und Außenminister, brauchte wenig Mühe, um die fran- 
zösische Regierung davon zu überzeugen, daß Polen als ein erbitterter Feind 
Sowjetrußlands gestärkt werden müsse, wenn es seine Rolle als „Bollwerk 
gegen den Kommunismus" mit Erfolg spielen solle. Mit dem Beistand der 
französischen Regierung wurde während der Versailler Friedenskonferenz 
beschlossen, große Gebiete Weißrußlands und der Ukraine von Sowjetruß- 
land loszureißen und Polen anzugliedern. Die polnischen Nationalisten 
gaben sich jedoch damit nicht zufrieden. Sie träumten davon, ein „Groß- 
polen" zu errichten und die Grenzen ihres Landes bis zum Schwarzen Meer 
auszudehnen. Der Vatikan sagte ihnen dafür seine Unterstützung zu. 

Im Frühjahr 1919 rüsteten die polnischen Nationalisten, unter denen sich 
eine Reihe hoher katholischer Würdenträger hervortat, mit Hilfe der Alliier- 
ten eine starke Invasionsarmee aus und begannen ohne Kriegserklärung 
sowjetisches Gebiet zu besetzen. Sie nutzten dabei den Umstand aus, daß 
die Kräfte der Roten Armee zu dieser Zeit durch die Abwehr der Inter- 
ventionen in anderen Gebieten des Riesenreiches gebunden waren. Im 
Juni 1920 begann die Rote Armee ihre Gegenoffensive und brachte inner- 
halb weniger Wochen die Großmachtpläne der polnischen Nationalisten zum 



256 



Scheitern. Trotz seiner militärischen Niederlage erhielt Polen im Friedens- 
vertrag von Riga durch die Unterstützung der Alliierten große Teile Weiß- 
rußlands und der Ukraine zugesprochen. 

Gerade Polen, das jahrhundertelang am eigenen Leib ausländische Unter- 
drückung zu spüren bekommen hatte, bediente sich, als es endlich frei ge- 
worden war, der undemokratischsten Methoden zur Befriedigung seiner 
nationalistischen und religiösen Sentiments. Die polnischen Nationalisten 
begannen mit Hilfe der katholischen Hierarchie die Bevölkerung der von 
ihnen annektierten sowjetischen Gebiete zu terrorisieren, um sie zur Auf- 
gabe ihres orthodoxen Glaubens und ihrer Verbundenheit mit Sowjetrußland 
zu zwingen. 

Natürlich war nicht allein Polen auf die Vernichtung des Kommunismus 
aus. Auch mächtige, von den sowjetischen Grenzen weit entfernte Kräfte 
im Westen hatten die Ausrottung der „Bolschewisten" mit Waffengewalt 
beschlossen. 

Die westlichen Siegermächte rüsteten mehrere militärische Expeditions- 
korps aus, die den Weißgardisten helfen sollten, die Sowjetmacht zu zer- 
schlagen. Die Polen aber stürzten sich am leidenschaftlichsten von allen 
in diesen antisowjetischen Kreuzzug. Nicht zufällig residierte zu dieser Zeit 
der große Feind des Kommunismus. Achille Ratti, der spätere Papst Pius XI.. 
als diplomatischer Vertreter des Vatikans in Warschau. 

Während das militärische Abenteuer Polen trotz westlicher Hilfe teuer 
zu stehen kam und die Rote Armee die polnischen Truppen unter Marschall 
Pilsudski bis vor die Tore Warschaus verfolgte, bemühte sich der Papst ver- 
geblich, die Sowjetregierung für seine Pläne zu gewinnen. Als dann die 
Sowjetregierung 1925 dem Vertreter des Vatikans keine Genehmigung zur 
Einreise in ihr Land erteilte, ließ der Vatikan alle Hemmungen fallen und 
überschwemmte die Welt mit einer Propagandaflut über „sowjetische Grau- 
samkeiten gegen die Religion". Diese Propaganda berief sich auf die Tat- 
sache, daß eine Reihe katholischer Priester in der Sowjetunion verhaftet 
und erschossen worden war, verschwieg aber, daß diese Geistlichen nicht 
wegen ihrer religiösen Überzeugung, sondern allein deshalb verurteilt wor- 
den waren, weil sie als Agenten der polnischen Regierung gearbeitet hatten, 
die niemals aufhörte, Komplotte gegen ihren östlichen „atheistischen Nach- 
barn" zu schmieden. Diese religiöse Hetze gab dem Haß auf die Sowjet- 
union, der viele historische, nationale und ethnische Wurzeln hatte, in Polen 
neue Nahrung. 

Nachdem die Pläne zur Zerstörung Sowjetrußlands gescheitert waren, 
begann das katholische Polen im eigenen Lande alle Kräfte auszurotten, 
die verdächtig waren, gleichen oder ähnlichen Ideen wie Sowjetrußland 
anzuhängen. Die Kirche und die herrschenden Schichten Polens verab- 



17 M359 



257 



scheuten jeden demokratischen Gedanken. Die polnischen Kommunisten 
wurden von der Regierung mit härtestem Terror verfolgt. Die katholische 
Reaktion organisierte Pogrome gegen nationale und religiöse Minder- 
heiten. 

Im Jahre 1923 versammelte sich vor der griechischen Kathedrale in Leo- 
pol eine große Menschenmenge, um gegen die Religionsverfolgungen zu 
protestieren. Sie wurde von polnischen Truppen mit Gewehrschüssen und 
Säbelhieben auseinandergetrieben. Sozialistische Abgeordnete im Sejm und 
im Senat erhoben, von dieser Gewalttat erschüttert, lauten Protest. Dieser 
Protest war ein Alarmsignal für die katholische Reaktion und für die katho- 
lische Kirche. Sie fürchteten, daß ihre Pläne durch die Kommunisten zum 
Scheitern gebracht würden. Daher suchten sie nach Mitteln und Wegen, eine 
solche Entwicklung zu verhindern. Im Mai 1926 löste Pilsudski, vom Vatikan 
und von der polnischen Hierarchie wärmstens unterstützt, durch einen 
Staatsstreich das Parlament auf und machte sich zum Diktator Polens. Er 
sperrte die Kommunisten ein und beseitigte alle noch vorhandenen Reste 
demokratischer Freiheiten. Das katholische Polen war also eines der ersten 
Länder Europas, in dem nach dem ersten Weltkrieg eine halbfaschistische 
Diktatur errichtet wurde. 

Von diesem Zeitpunkt an begannen die großen Plane der katholischen 
polnischen Nationalisten und Reaktionäre und der katholischen Kirche rasch 
Gestalt anzunehmen. 

Wir erwähnten bereits, daß nach dem ersten Weltkrieg Rußland Gebiete 
an Polen abtreten mußte. In diesen Gebieten lebten etwa 7 bis 8 Millionen 
Weißrussen und Ukrainer, von denen fast die Hälfte der russisch -orthodoxen 
Kirche angehörte. Außerdem lebten in den Minderheitengebieten etwa 
1 Million katholischer Polen, 1 Million Juden, 4 Millionen Griechisch- 
Unierte (die, obwohl sie griechische Riten anwenden, die Autorität des 
Papstes anerkennen) und etwa 4 Millionen antipäpstliche orthodoxe Katho- 
liken. 

Vor und und nach der Annexion dieser Gebiete hatten die Polen den Groß- 
mächten das feierliche Versprechen gegeben, die nationalen, sozialen, poli- 
tischen und religiösen Rechte dieser Minderheiten zu respektieren. Aber die 
katholische Reaktion trieb von Anfang an ein rücksichtsloses Doppelspiel, 
das nur zu verstehen ist, wenn man ihren nationalen und religiösen Fanatis- 
mus kennt. Sie hatte nie eine andere Absicht gehabt als die, den Ukrainern 
ihre völkische Eigenständigkeit zu nehmen und ihre orthodoxe Kirche zu 
zerstören. Sie raubte den Ukrainern mit brutaler Gewalt eine Freiheit nach 
der anderen, unterdrückte ihre Schulen und ihre Sprache und versuchte, sie 
zur „einzig wahren und göttlichen Religion" zu bekehren. Der Vatikan wies 
die polnische Hierarchie und die polnische Regierung an, diese „Konversion" 



258 



weniger durch direkte Beeinflussung der Bauern als durch Verdrängung der 
orthodoxen Geistlichen herbeizuführen. In kurzer Zeit wurden daraufhin mehr 
als tausend orthodoxe Priester eingesperrt; allein in einem Gefängnis befan- 
den sich unter 2000 politischen Gefangenen — überwiegend Demokraten 
und Kommunisten — 200 Geistliche. Die Gefängniswärter hatten Befehl, 
die Geistlichen besonders schlecht zu behandeln. Tausende Ukrainer wurden 
exekutiert. „Ganze Ortschaften wurden durch Massaker ausgerottet."* 

Die katholische Kirche war mit den Maßnahmen einverstanden. Einer 
ihrer Bischöfe saß sogar in dem Gremium, das mit ihrer Durchführung 
beauftragt war. Im Jahre 1930 befanden sich etwa 200000 Ukrainer im 
Gefängnis. Die katholischen Reaktionäre wandten die furchtbarsten Folter - 
methoden an, Foltermethoden, die denen der Nazis in nichts nachstanden. 
Die zur Bestrafung der „ukrainischen Rebellen" ausgesandten militärischen 
„ Straf expeditionen" wurden von katholischen Priestern begleitet. Die 
polnischen Soldaten waren sehr fromm, gingen regelmäßig zur Messe und 
trugen Heiligenbilder bei sich. Das hinderte sie jedoch nicht, unter den 
Augen ihrer „Seelsorger" die entsetzlichsten Verbrechen, wie Folterungen, 
Plünderungen, Brandschatzungen, Kirchenschändungen und Massenerschie- 
ßungen, zu begehen. „Die meisten orthodoxen Kirchen wurden von pol- 
nischen Soldaten geplündert und als Pferdeställe, ja sogar als Latrinen be- 
nutzt." (Atrocities in the Ukraine, Seite 25, herausgegeben von Emil Revyuk, 
1931 in den USA erschienen.) 

Diese Tatsachen sind vielleicht vielen Lesern neu und mögen bei manchen 
Zweifel wecken. Aber es gibt über sie zahlreiche unparteiische und 
dokumentarische Veröffentlichungen sowie Berichte bekannter Zeitungen. 
Ich denke vor allem an den Manchester Guardian, an die Chicago Daily 
News, an die New York Herald Tribüne und an das von dem französischen 
katholischen Schriftsteller Rene" Martel verfaßte Buch La France et la 
Pologne (1931), aus dem wir bereits zitierten. 

Diese Verfolgungen dauerten länger als fünfzehn Jahre. Sie ließen erst 
nach, als die Aggressionsabsichten der Nazis Europa zu beunruhigen be- 
gannen. 

Durch die polnische offizielle Sprachregelung wurden die Ukrainer als 
„Rebellen" bezeichnet, jedoch weniger, weil sie sich weigerten, ihre nationale 
Eigenständigkeit aufzugeben, als vielmehr, weil sie ihrem orthodoxen Glau- 
ben die Treue hielten. Die polnische Hierarchie und der Vatikan waren viel 
mehr auf die Konversion der Ukrainer versessen als die Nationalisten auf die 
Polonisierung. 

* Les Atrocitds polonaises en Galicie Ukrainienne von V. Tennytski und J. Bouratch 
(British Museum). Die Sclirift wurde als dokumentarisches Beweismaterial für die pol- 
nischen Verfolgungsmaßnahmen 1919 Glemenceau überreicht. 



259 



Die polnischen Bischöfe leiteten die Religionsverfolgungen. In ihrem 
Auftrag schufen polnische Laien und katholische Institutionen entsprechende 
Organisationen und sammelten Gelder, um die Verfolgung bis in die ent- 
legensten Dörfer zu tragen. Dutzende vatikanische Visitatoren reisten durch 
Polen, um sich vom Fortschritt der Konversion zu überzeugen. Kirchliche 
Inspekteure pendelten ständig zwischen Rom und Warschau und über- 
mittelten ausführliche Berichte und Statistiken über den Fortgang der 
Aktion. Der päpstliche Nuntius in Warschau, der eng mit der polnischen 
Hierarchie verbunden war und mit ihr Hand in Hand arbeitete, hielt außer- 
dem Kontakt mit französischen katholischen Generalen, namentlich mit 
General Weygand, der von 1920 bis 1922 die polnische Armee für ihren 
Kampf gegen die Sowjetunion reorganisierte. Wir werden später, in dem 
Kapitel über Frankreich, auf diese Frage zurückkommen. 

Während der Vatikan unablässig gegen das atheistische Rußland und den 
Kommunismus hetzte und die Welt mit Schreckensberichten über angebliche 
Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten der Kommunisten gegen christliche 
Gläubige überschwemmte, während er überall Haß gegen ein Regime zu 
wecken versuchte, das angeblich die Religion unterdrückte, spielten sich 
gleichzeitig anderthalb Jahrzehnte lang unter seiner unmittelbaren An- 
leitung in Polen die schlimmsten Religionsverfolgungen ab, die die neuere 
Geschichte kennt. Für jeden unparteiischen Beobachter war die polnische 
Außenpolitik in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen ein ungewöhnlich 
delikates Problem. Die polnischen Politiker hätten gut getan, weniger 
delikat zu sein, sich von allen religiösen oder ideologischen Haßgefühlen 
frei zu machen und eine Außenpolitik zu betreiben, die vor allem den Inter- 
essen ihres Landes diente. 

Als die Nazis durch den Aufbau ihrer ungeheuren Militärmacht alle 
Zweifel darüber verdrängten, welche Ziele sie verfolgten, wäre es für Polen 
höchste Zeit gewesen, sich mit der Sowjetunion zu verbünden. Die Sowjet- 
union war das einzige Land, das den Polen im Falle eines Angriffs unmittel- 
bar hätte Hilfe leisten können. Aber Polen hielt hartnäckig und wie mit 
Blindheit geschlagen an seiner antisowjetischen Politik fest, schürte den 
Haß gegen die Sowjetunion und suchte Annäherung an die Nazis. 

In den Anfangsjahren des Nazismus (1936) war Polen eines der wenigen 
Länder, die Frankreich aufforderten, gegen die militärische Besetzung des 
Rheinlandes durch Hitler einzuschreiten. Das war eine verständliche 
Reaktion, denn Polen hatte erst kurz zuvor seine staatliche Selbständigkeit 
errungen und fürchtete, daß Deutschland von neuem Ansprüche auf 
polnisches Territorium geltend machen würde. Aber schon wenige Monate 
später bestieg es selbst Hitlers Wagen, wurde im Inneren immer mehr 
faschistisch und trat in der internationalen Arena als ein ergebener 



260 



Verbündeter Nazideutschlands auf. Es half Hitler bei der Zerschlagung der 
Tschechoslowakei und war eines der ersten Länder, das einen Anteil an der 
gemeinsamen Beute verlangte. 

Polen entwickelte sich zu einem Nazistaat im kleinen. Es beteiligte sich an 
den Hitlerschen Raubzügen, rasselte gern mit dem Säbel, gebrauchte in 
Hitlers Manier große Worte und wiederholte die Schlagworte der Nazis. Es 
sprach von Lebensraum, den die Polen brauchten, vorerst in Europa, später 
in Afrika; es wollte Kolonien haben und sie sich nehmen, falls man sie 
ihm verweigerte. Da Hitler in derselben Zeit die gleichen Worte gebrauchte, 
bedeutete die Forderung Polens nichts anderes, als daß es sich, an Hitlers 
Rockschößen hängend, eigene Kolonien verschaffen wollte. Man ließ durch- 
blicken, daß es in Rußland genug Lebensraum für die überzählige polnische 
Bevölkerung und genug Rohstoffe für die polnische Industrie gebe. 

Polen hatte faktisch — der polnische Außenminister bestätigte es später — 
mit Nazideutschland ein Bündnis geschlossen (Oberst Beck, Januar 1940). 
Hatte es das aus eigenem Antrieb getan? Innenpolitisch lagen, wie wir 
bereits zeigten, ausreichende Berührungspunkte vor; außenpolitisch wurde 
das Bündnis von den westlichen Demokratien und vor allem vom Vatikan 
inspiriert, die alle in der Hoffnung lebten und danach strebten, Hitlers 
Aggressivität gegen die Sowjetunion zu lenken. 

Über die Ereignisse, die dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges voran- 
gingen, vor allem über das Verhältnis zwischen dem Vatikan, Hitler und 
Polen, wurde bereits gesprochen; ebenso über das Abkommen zwischen 
Pius XII. und Hitler hinsichtlich des zeitweiligen Charakters der Besetzung 
Polens, über den Plan, der sich dahinter verbarg, und über die Strategie 
des Vatikans, deren Ziel die Vernichtung der Sowjetunion war. Da wir in 
dem Kapitel über Frankreich noch einmal auf diese Frage stoßen werden, 
wollen wir uns hier begnügen, einem Mann das Wort zu erteilen, der besser 
als jeder andere wußte, welche Verantwortung der Vatikan für die polnische 
Tragödie trug. Oberst Beck leitete lange Jahre hindurch die polnische 
Außenpolitik und steuerte sie vor dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs in 
das Kielwasser der Nazis. Nach dem Zusammenbruch Polens flüchtete er, 
desillusioniert und krank, ins Ausland. Seine Worte enthüllten die Rolle, 
die der Vatikan bei der Festlegung der polnischen Außenpolitik gespielt 
hatte: 

„Einer der Hauptverantwortlichen für die Tragödie meines Landes ist der Vatikan. 
Zu spat erkannte ich, daß wir eine Außenpolitik betrieben hatten, die lediglich der ego- 
istischen Zielsetzung der katholischen Kirche diente. Wir hätten nicht die Unterstützung 
Hitlers, sondern die Freundschaft mit der Sowjetunion suchen sollen." (Auszug aus 
einem Bericht des italienischen Botschafters in Bukarest im Februar 1940 an Mussolini. 
Der Botschafter stellte ausdrücklich fest, daß er selbst mit Oberst Beck gesprochen habe.) 



261 



Kann es ein vernichtenderes Urteil über die Einmischung der katholischen 
Kirche in das Leben einer modernen Nation geben? Aber die Politiker und 
die Parteien, die nach der Besetzung Polens in London eine polnische Exil- 
regierung bildeten, zogen keine Lehren aus der Vergangenheit. Sie ver- 
hielten sich auf Grund ihrer nationalen, sozialen, politischen und religiösen 
Herkunft zum Vatikan und zur Sowjetunion nicht anders als ihre Vor- 
gänger. Von 1940 bis Kriegsende spannen sie in London zahllose Intri- 
gen zwischen dem Vatikan und den Alliierten und ließen keine Gelegenheit 
ungenutzt, der Sowjetunion entgegenzuwirken. 



Kapitel xv Belgien und der Vatikan 



Die Stärke der katholischen Kirche in Belgien - Religiöse Freiheit - Kirche und Er- 
ziehungswesen - Feindschaft der Kirche gegen die progressiven Kräfte - Die katholische 
Kirche schafft die Grundlagen für den belgischen Faschismus - Die katholisch-faschi- 
stische Partei - Der katholische Rexistenführer - Der katholische Plan, Belgien in einen 
Satellitenstaat Nazideutschlands zu verwandeln. Mittel, Wege und Männer - König 
Leopolds Kapitulation - Die Rolle des päpstlichen Nuntius und des Primas von Belgien - 
Die privilegierte Stellung der katholischen Kirche während der Nazibesetzung - Die 
Bemühungen der katholischen Kirche, die Rolle, die sie bei der Kapitulation gespielt 
hatte, zu verteidigen - Weigerung der Kirche, den Nazismus zu verurteilen - Ihr Loblied 
auf das autoritäre Prinzip - Die antibolschewistische Legion — Erste Proteste der katho- 
lischen Kirche gegen die Nazis. Gründe der Proteste - Schlußfolgerungen. 

Ais Nazideutschland im Frühjahr 1940 die militärische Macht der west- 
lichen Alliierten zerschlug, wurden die kleinen Länder zwischen Deutsch- 
land und den Westmächten — Norwegen, Dänemark, die Niederlande und 
Belgien — überrannt und besetzt. 

Wir werden uns nicht mit den nordischen Ländern befassen, deren katho- 
lischer Bevölkerungsteil zahlenmäßig sehr gering ist. Auch die Niederlande 
kann man nicht als ein katholisches Land bezeichnen, obwohl etwa ein Drit- 
tel der Bevölkerung katholisch ist; aber diese Minderheit übte damals keinen 
großen Einfluß auf die Politik des Landes aus. Es mag hier genügen, fest- 
zustellen, daß sich die katholische Bevölkerung, obwohl es auch unter ihr 
einige pronazistische Elemente gab, im großen und ganzen ebenso verhielt 
wie die Mehrheit des Volkes, während die katholische Hierarchie in den 
Niederlanden eine Politik des Gehorsams betrieb und die Aktionen der Nazis 
weder öffentlich verurteilte noch öffentlich billigte. Gelegentlich waren 
Proteste zu vernehmen, wenn zum Beispiel gewisse Gesetze, wie das 
Zwangsarbeitergesetz, die Moral und den Glauben der katholischen Arbeiter 
gefährdeten oder die Prinzipien der Kirche verletzten oder wenn das Nazi- 
regime katholische Organisationen auflöste, die Gelder für die katholischen 
Schulen kürzte, kirchliche Gebäude beschlagnahmte, katholische Zeitungen 
unterdrückte, öffentliche Sammlungen der Kirche verbot, die Gehälter der 
Religionslehrer herabsetzte, ein Meldesystem für Arbeiter und Jugendliche 
einführte und so weiter. 

Aus ganzem Herzen arbeitete die katholische Hierarchie der Niederlande 
mit den Nazis zusammen, wenn es um die Vernichtung der Sozialisten und 
Kommunisten ging. So verbot zum Beispiel die Kirche am 27. Januar 1941 
allen Katholiken, Mitglied der Kommunistischen Partei zu werden oder zu 
bleiben. Ungehorsam gegen dieses Gebot wurde mit der Exkommunikation 
geahndet. 



263 



Platzmangel erlaubt es nicht, hier die Rolle der katholischen Kirche in 
den Niederlanden eingehender zu behandeln. Wir wenden uns Belgien zu, 
dessen Kirche einen wesentlichen Anteil an den sozialen, politischen und 
selbst den militärischen Ereignissen bis in die Zeit der Naziokkupation hatte. 
Wenn wir die Rolle der belgischen Kirche untersuchen, wollen wir im Auge 
behalten, daß Belgien, wie andere Länder, nur einen relativ kleinen Ab- 
schnitt in dem großen Plan des Vatikans darstellte, überall, wo es möglich war, 
totalitäre Regime ins Leben zu rufen. Wir stellten bereits fest, daß der 
Vatikan in zwei Richtungen arbeitete. Einmal förderte er die Entstehung 
totalitärer politischer Bewegungen in den betreffenden Ländern und machte 
sich hierbei die wirtschaftlichen, politischen, sozialen und nationalen Be- 
sonderheiten dieser Länder zunutze. Zum andern war der Vatikan hinsicht- 
lich der kleineren Länder bestrebt, sie schrittweise auf ihre Einverleibung in 
den nazistischen oder faschistischen Machtbereich vorzubereiten. 

Es wird nützlich sein, kurz die Stellung der katholischen Kirche in Bel- 
gien zu umreißen, bevor wir in unserer Schilderung fortfahren; denn nur 
dann können wir uns den Einfluß erklären, den die katholische Kirche nicht 
nur auf religiösem Gebiet, sondern auch auf allen sozialen und politischen 
Gebieten ausübte. 

In Belgien ist die gesamte Bevölkerung, zumindest nominell, katholisch. 
Die katholische Kirche ist als religiöse, soziale und politische Institution die 
einflußreichste Organisation im ganzen Lande. Folgende Zahlen zeigen 
sehr plastisch das Verhältnis der einzelnen Glaubensrichtungen in Belgien. 
Im Jahre 1937 hatte die katholische Kirche in Belgien 6474 Geistliche, die 
protestantische 32; für die jüdische Religionsgemeinschaft waren 17 Rabbi- 
ner tätig, und die anglikanische Kirche verfügte über 9 Geistliche. Belgien 
beherbergt unter allen katholischen Ländern relativ die meisten Klöster. 
1937 lebten 7000 Nonnen in Belgien. 

Etwa 10 Prozent aller Missionspriester in der ganzen Welt sind belgischer 
Herkunft. Belgien selbst hat 33 Missionsbischöfe. Ihre größte Aktivität in 
der Missionsarbeit zeigt die belgisthe Kirche in Belgisch- Kongo. Dort 
arbeiten 3000 Söhne und Töchter belgischer Familien als Priester oder 
Pflegeschwestern. Jede große katholische Familie sieht ihren Stolz darin, 
mindestens eines der Kinder auf den geistlichen Stand oder auf eine Tätig- 
keit in einem religiösen Orden vorzubereiten. 

Im Jahre 1933 gab es in Belgisch-Kongo 564 000 Katholiken, 1939 war 
diese Zahl auf 2 139 000 angewachsen. Hinzu kamen etwa 1 Million Kate- 
cheten. In demselben Jahr wurden mehr als 200 000 Personen getauft; und 
das in einem Gebiet, in dem kaum 14 Millionen Menschen leben. 

In Brüssel, Antwerpen und anderen Orten des Landes gab es sogenannte 
Religiosenheime für Frauen und Männer, die von religiösen Orden geleitet 



264 



wurden und in die sich häufig prominente Personen der Finanzwelt, des 
Wirtschaftslebens, der Politik und der Literatur zurückzogen. 

Die Provinzgouverneure und die örtliche Hierarchie arbeiteten eng zu- 
sammen. Bei offiziellen Anlässen erschien die katholische Hierarchie als 
geistliches Gegenstück zu den Provinzgouverneuren, und diese wieder traten 
als akkreditierte Sprecher der Kirche in allen nationalen Fragen auf. 

Die belgische Verfassung garantierte die religiöse Freiheit. Niemand 
durfte gezwungen werden, an religiösen Handlungen teilzunehmen. Jedes 
Bekenntnis erfreute sich der vollen Freiheit. Der Staat enthielt sich jeder 
Einmischung in kirchliche Angelegenheiten und kümmerte sich weder um 
die Ernennung der geistlichen Würdenträger noch um die Berufung geist- 
licher Vertreter an die Universitäten. 

In den staatlichen und offiziellen Schulen entschieden die Eltern selbst, 
ob ihre Kinder am Religionsunterricht teilnehmen sollten oder nicht. Die 
Kirche und alle anderen Vereinigungen hatten das Recht, für die Kinder 
ihrer Anhänger eigene Schulen einzurichten. Der Armee waren Armee- 
geistliche zugeteilt. 

Diese weitgehende religiöse Freiheit in einem überwiegend katholischen 
Land war die Frucht eines Kompromisses zwischen den Katholiken und den 
Liberalen. Die Katholiken fürchteten den Einfluß der säkularen staatlichen 
Obrigkeit auf das Gewissen des einzelnen. Und die Liberalen hätten nur zu 
gern den Einfluß der katholischen Kirche aus dem öffentlichen Leben ver- 
drängt, um die Gewissensfreiheit der Nichtgläubigen zu gewährleisten. 

Der Kampf zwischen den Liberalen und der katholischen Kirche tobte vor 
dem Kompromiß heftiger als in anderen Ländern. Zu dem Kompromiß 
wurde die Kirche gezwungen. Sie wußte sehr gut, daß die Freiheit, die sie 
dafür vom Staat erhielt, sie für alle Verluste, die durch diesen Kompromiß 
entstanden, entschädigen würde. 

Mit Hilfe eines Netzes von erzieherischen, sozialen, karitativen und politi- 
schen Institutionen war die Kirche in derLage,auf das Leben der Nation star- 
ken Einfluß zu nehmen. Da die Verfassung Vereins -,Erziehungs- und Presse- 
freiheit gewährte, wurden die Kanäle, durch die sie ihren Einfluß leitete, von 
Jahr zu Jahr zahlreicher. Die gegenseitige Toleranz ermöglichte außerdem 
enge diplomatische Beziehungen zwischen Belgien und dem Vatikan. 

Seit Belgien seine Unabhängigkeit errungen hatte (1830), war das Er- 
ziehungswesen das wichtigste Streitobjekt zwischen der Kirche und den 
Anhängern der staatlichen Schulen gewesen. La Lutte Scolaire, wie man 
diesen Kampf nannte, der Kampf um die Kontrolle über die Jugend, war 
im wesentlichen auch im Mai 1940 noch ungelöst, obschon eine Einigung 
über gewisse praktische Fragen erzielt worden war. Die Verfassung sagte, daß 
die Erziehung frei sein und der Staat die Kosten der Schulunterhaltung 



265 



tragen sollte. Aber das Prinzip der Erziehungsfreiheit gestattete, daß auch 
private Organisationen und Einzelpersonen Schulen gründeten. Die katho- 
lische Kirche machte von diesem Recht ausgiebig Gebrauch. Da erhob sich 
die Frage, ob der Staat auch für die finanzielle Unterhaltung dieser privaten 
Schulen verantwortlich sei oder nicht. Die katholische Kirche erhob die an- 
maßende Forderung, daß der Staat einen Teil der Unterhaltkosten ihrer 
Schulen übernehme. 

Zu einem schwierigen Problem entwickelte sich der Religionsunterricht 
in den Schulen. Die Katholiken setzten in ihren eigenen Schulen durch, daß 
die Kinder entsprechend den katholischen Lehren erzogen wurden. In den 
Schulen, die den Vertretern der Öffentlichkeit unterstanden, erreichten die 
Liberalen und später die Sozialisten, daß die Erziehung auf weltlicher 
Grundlage erfolgte. Sie vertraten die Auffassung, der Religionsunterricht 
dürfe nur außerhalb der Schulstunden und nur mit Zustimmung der Eltern 
erteilt werden. Die Kirche bekämpfte diese Auffassung aufs schärfste und 
forderte, daß der Unterricht in allen Schulen auf Staatskosten und nach 
katholischen Grundsätzen erfolge und alle Kinder ohne Rücksicht auf die 
Wünsche ihrer Eltern katholisch erzogen würden. 

Trotz seiner Toleranz wurde der Staat häufig beschuldigt, antikatholisch, 
ja sogar atheistisch eingestellt zu sein. Vor allem in den Gemeinden tobte 
ein heftiger Kampf, denn sie waren für die Grundschulen verantwortlich. 

Um zu zeigen, wie intolerant die Kirche selbst in einem Staat war, in dem 
man, oberflächlich gesehen, eine Einigung zwischen Staat und Kirche er- 
reicht hatte, sei hier ein anschauliches Beispiel angeführt. Der belgische 
Staat hatte aus seiner liberalen und demokratischen Grundeinstellung heraus 
beschlossen, in den Schulen, in denen die Mehrzahl der Schüler katholisch 
war, katholischen Religionsunterricht zu erteilen. Als der Staat aber dann 
eine Verordnung herausgab, daß in den Schulen, in denen die Katholiken 
in der Minderheit waren, kein katholischer Religionsunterricht erteilt wer- 
den sollte, protestierte die Kirche heftig und beschuldigte den Staat der 
Intoleranz und der Kirchenfeindlichkeit. 

Die berühmte Universität von Louvain unterstand der Kirche unmittel- 
bar. Sie wurde vom Vatikan überwacht, ihr Rector magnificus wurde von 
Rom berufen. 

Wie in vielen anderen Ländern, so herrschte auch in Belgien ein scharfer 
Antagonismus zwischen der Kirche und den progressiven Parteien, den Libe- 
ralen und den Sozialisten. Die Kirche opponierte ständig gegen alles, was dar- 
auf zielte, den Staat und das Leben der Nation dem kirchlichen Einfluß zu 
entziehen, und begann in Belgien die gleiche Kampagne gegen den Säkular- 
staat und den Liberalismus wie in Deutschland, Italien, Österreich, in der 
Tschechoslowakei und in anderen Ländern. Während der ersten fünfzig 



266 



Jahre der belgischen Unabhängigkeit richtete sich ihr Kampf vor allem 
gegen die Liberalen. Es ging dabei im wesentlichen um den Einfluß der 
Kirche auf das Erziehungswesen und auf das politische Leben des Landes. 

Am Ende des 19. Jahrhunderts entstand mit dem Anwachsen der Indu- 
strie die Arbeiterbewegung. Im Jahre 1885 wurde die Arbeiterpartei ge- 
gründet. Wenige Jahre später bildete sich innerhalb der katholischen Partei 
ein christlich -demokratischer Flügel, der die Interessen der arbeitenden 
Schichten vertreten und den Sozialisten den Wind aus den Segeln nehmen 
sollte. Die sozialen Theorien dieses Flügels entstammten den Enzykliken, 
die die Päpste über dieses Thema herausgegeben hatten. Von 1884 bis 1914 
regierten die Katholiken auf Grund von Umständen, die hier nicht näher 
untersucht zu werden brauchen, das Land allein. 

Nach dem ersten Weltkrieg waren die Katholiken und die Sozialisten 
ungefähr gleich stark. Die katholische Partei und der katholisch gelenkte 
Flügel der Arbeiterbewegung traten zum Angriff auf die Sozialisten an. Der 
Kampf entzündete sich vor allem an den sozialen Fragen. 

Sehr zum Mißvergnügen der belgischen oberen Gesellschaftsschichten 
gewannen trotz allem die Sozialisten ebenso wie in anderen Ländern weiter 
an Boden. 1925 erschienen sogar die ersten zwei Kommunisten in der bel- 
gischen Abgeordnetenkammer. Der Kampf gegen Sozialisten und Kommu- 
nisten nahm die verschiedensten Formen an und wurde mit unterschied- 
lichem Erfolg geführt. Ihn näher zu beschreiben, würde den Rahmen dieser 
Arbeit sprengen. Hitlers Machtergreifung gab auch der belgischen Reaktion 
neuen Auftrieb. Zwei Jahre später entstand in Belgien die erste faschistische 
Bewegung. Sie bediente sich der Programme, Ideen und Schlagworte Hitlers 
und Mussolinis, entsprechend den Erfordernissen des belgischen Lebens 
modifiziert. 

Wo waren die Quellen des belgischen Faschismus? Wer waren die Hinter- 
männer dieser antidemokratischen Kraft? Die Gründer der Bewegung waren 
fanatische Anhänger der katholischen Kirche und repräsentierten in ihren 
Tätigkeitsbereichen die katholische Prominenz des Landes. So war zum Bei- 
spiel der Führer der Gruppe zugleich der Direktor des bedeutendsten katho- 
lischen Verlagsunternehmens. Die Bewegung war auf Gedeih und Verderb 
mit der katholischen Kirche verbunden. Ihre Führer brüsteten sich außerdem 
offen ihres Einflusses auf die katholischen Schichten der belgischen Bevöl- 
kerung und ihres engen Bündnisses mit den reaktionären Herren der 
Industrie und des Finanzkapitals. 

Die belgische faschistische Partei wurde 1935 gegründet. Ihr Führer hieß 
Leon Degrelle. Er war Direktor des katholischen Verlagsunternehmens Rex 
(ursprünglich Christus Rex) und begann seine politische Karriere als Propa- 
gandist der katholischen Partei. In dieser Stellung war seine Hauptaufgabe, 



267 



Belgien mit katholischen Publikationen, wie Die Kindesseele im Katho- 
lizismus und Die Erscheinung der Heiligen Jungfrau zu Beauraing, zu 
überschwemmen. 

Die jungen Katholiken führten ihren Kampf nach Gründung der Partei 
an zwei Fronten. Einmal wandten sie sich gegen die hochgestellten Finan- 
ziers und Industriebarone in den Reihen der katholischen Partei und gegen 
den ungerechtfertigt großen Einfluß dieser Gruppe innerhalb der Partei. 
Zum andern versprachen sie feierlich, unnachsichtig gegen alles zu kämp- 
fen, was nach Demokratie und Sozialismus roch und der katholischen Kirche 
feindlich gesinnt war. Ihr Kampf richtete sich also in erster Linie gegen die 
Sozialisten, gegen die Kommunisten und gegen den Säkularstaat und in 
zweiter Linie gegen die einflußreiche Führungsgruppe des katholischen 
Belgiens — gegen die Führer der katholischen Partei. 

Ist die Ähnlichkeit dieser Situation mit der Lage, die in zahlreichen an- 
deren Ländern geschaffen wurde, nicht frappierend? Entsprach nicht die 
Bildung einer katholisch-faschistischen Partei in Belgien der allgemeinen 
Politik der Kirche in jener Zeit? War nicht ein wesentlicher Bestandteil 
dieser Politik die Ablösung der alten katholischen Parteien, ja selbst ihre 
völlige Auflösung? Sollte nicht an ihre Stelle eine neue, skrupellosere 
Gruppe treten? 

Die Gründung der faschistischen Partei fiel in eine Zeit, in der die Sozia- 
listen und namentlich die Kommunisten in Belgien an Stärke und Einfluß 
erheblich gewannen. Das beunruhigte die Mittelschichten, die in den ande- 
ren Ländern die Massenbasis für den Faschismus abgaben. Die Kirche ent- 
schloß sich also zum richtigen Zeitpunkt, eine weitere faschistische Partei 
in den Kampf zu werfen. 

Auch von einem anderen Gesichtspunkt aus war dieser Schritt zeitlich 
sehr klug gewählt. In den führenden Kreisen der Katholiken war es zu gro- 
ßen Skandalaffären gekommen. Auch die Kirche war „in schmutzige Spe- 
kulationen verwickelt", um „ihre Macht zu vergrößern und einige ihrer 
Mitglieder zu bereichern* 4 . (Revue de Deux Mondes vom 15. Juni 1936) 

Auf Grund dieser Tatsachen verfügte die katholische faschistische Partei 
über alle Vorteile, die für einen erfolgreichen Start nötig waren. Der Fa- 
schistenführer Degrelle ließ seine früheren Freunde von der alten katho- 
lischen Partei im Dreck sitzen und sicherte auf diese Weise den Vormarsch 
seiner eigenen Gruppe. Bei den Wahlen im Jahre 1956 erhielt die faschisti- 
sche Partei, die sich inzwischen den Namen Rexisten zugelegt hatte, 21 Sitze 
in der Abgeordnetenkammer. Das war ein guter Anfang. Die Kommunisten 
erkämpften 9 Sitze gegenüber 2 Sitzen im Jahre 1925. 

Die faschistische Partei war jedoch zu gewalttätig und zu unbeherrscht 
und begann sich über die Weisungen des Vatikans hinsichtlich ihrer 



268 



Beziehungen zur alten katholischen Partei hinwegzusetzen. Degrelle war zu 
impulsiv und unerfahren. Die Öffentlichkeit erhielt außerdem Kenntnis von 
geheimen Abmachungen der Rexisten mit dem faschistischen Italien und 
mit Nazideutschland. Aus all diesen Gründen verlor die Bewegung bald 
merklich an Popularität. Die alte katholische Partei gab dem Papst zu ver- 
stehen, daß sie einen zu großen Einfluß auf das Leben der Nation hätte, als 
daß sie sich eine so hochmütige Behandlung durch die Rexisten gefallen 
lassen dürfe. Sie verlangte vom Vatikan, die Rexisten in ihre Schranken 
zurückzuweisen, und versicherte ihm gleichzeitig, daß sie bei entsprechendem 
Verhalten aller Beteiligten in der Lage sei, den Sozialismus und Kommunis- 
mus zur gegebenen Zeit zu „liquidieren". 

Im Jahre 1937 kam es zu einem interessanten Test. Brüssel hatte be- 
schlossen, Degrelle als Gegenkandidaten gegen den damaligen Premier- 
minister van Zeeland, einen unabhängigen Katholiken, aufzustellen. De- 
grelle genoß die Unterstützung seiner Partei und der katholischen flämischen 
Nationalisten. Die katholische Kirche benutzte diese Gelegenheit, die Dok- 
trin des Rexismus als „unvereinbar mit einem guten Katholizismus" zu ver- 
werfen. Das Ergebnis war: Degrelle erhielt nur 60 000 Stimmen, van Zee- 
land dagegen 275 000. 

Die alte katholische Partei konnte so zwar durch ihre Bemühungen beim 
Vatikan einen Erfolg buchen, aber der Rexismus überlebte die Niederlage. 
Er bediente sich aller Schlagworte und Methoden des Faschismus. Seit der 
Vatikan ihm aber die kalte Schulter gezeigt hatte, konnte er sich nicht 
länger auf die katholische Bevölkerung stützen. Bei den Wahlen von 1939 
erhielt er nur noch 4 Sitze im Parlament. 

Vielleicht ist es angebracht, hier die Ergebnisse der Parlamentswahlen 
von 1939, der letzten vor dem Krieg, anzuführen. Es wurden gewählt: 
73 Abgeordnete der katholischen Partei, 17 flämische Nationalisten und 
und 4 Rexisten, und von der antiklerikalen Seite 61 Sozialisten, 33 Liberale, 
9 Radikale und 9 Kommunisten. Im Senat waren unter 150 Senatsmitglie- 
dern nur 6 1 Katholiken. 

Der Krieg brach aus, und die Intrigen, die zwischen den reaktionären 
Kreisen Frankreichs, dem Vatikan und Hitler gesponnen wurden, griffen 
nach Belgien über. Eine einflußreiche katholische Schicht in Belgien, die 
sich im wesentlichen aus Industrieherren und Finanziers zusammensetzte, 
versuchte zu bestimmten Abmachungen mit Hitler zu gelangen. 

Der Vatikan war bei all diesen Plänen und Verhandlungen einer der 
wichtigsten Drahtzieher. Das soll aber nicht heißen, daß er als einziger an 
diesen Plänen interessiert war. Mächtige wirtschaftliche und finanzielle 
Interessengruppen verschiedener Länder waren ebenso wie er am Werke. 
Einzelheiten darüber werden wir im Kapitel Frankreich kennenlernen. An 



269 



dieser Stelle genügt es, festzustellen, daß ein französischer General bel- 
gischer Herkunft, ein ergebener Katholik, die Verbindung zwischen den 
französischen Verschwörern und der belgischen Gruppe hielt, die „mit Hit- 
ler zu einem Übereinkommen gelangen wollte". Der General hieß Weygand. 

Der päpstliche Vertreter in Belgien stand in enger Beziehung zu einfluß- 
reichen Persönlichkeiten in der Umgebung des Königs. Er hatte, wohl- 
gemerkt, auch mit den flämischen Nationalisten Kontakt aufgenommen, die 
einen unabhängigen flämisch -katholischen Staat forderten und in Hitlers 
geplanter Intervention eine von Gott gesandte Gelegenheit erblickten, ihre 
Pläne zu verwirklichen. Die flämischen Katholiken wünschten die Trennung 
von Belgien vor allem aus ethnischen und historischen Gründen, aber man 
darf nicht übersehen, daß sie alle fanatische Katholiken waren und ihr innen- 
politisches Ziel in der Schaffung eines autoritären Ständestaates nach faschi- 
stischem Vorbild erblickten. 

Nach Hitlers Einmarsch in Polen trat die strategische Gefährdung Bel- 
giens durch Nazideutschland klar zutage. Trotzdem spannen die Verschwörer 
ihre Intrigen weiter. Das führte unter anderem dazu, daß König Leopold es 
so lange strikt ablehnte, sich mit französischen und britischen Experten über 
bestimmte Sicherheitsmaßnahmen zu beraten, bis es zu spät war. König Leo- 
pold schob dabei sogar die Bedenken seiner militärischen Ratgeber beiseite. 

Die Ursachen für diese Verzögerungstaktik waren darin zu suchen, daß 
die in die Verschwörung verwickelten belgischen Katholiken die vatika- 
nischen Pläne hinsichtlich Polens, Belgiens und Frankreichs durchschaut 
hatten. Sie wußten, um die Dinge klar beim Namen zu nennen, daß der 
Vatikan Hitler die Unterstützung der katholischen Kirche als Gegenleistung 
für den versprochenen Angriff auf den großen Feind im Osten zugesagt 
hatte. Sie wußten ferner, daß Hitler zugesichert hatte, die „Rechte der 
Kirche zu respektieren", wo immer seine Armeen „gezwungenermaßen" 
operieren müßten, daß er zugesichert hatte, „alle Sozialisten und Kommu- 
nisten in diesen Ländern zu zerschmettern" und, war das geschehen, sich 
„gegen den Osten zu wenden". 

König Leopold stand völlig unter dem Einfluß der Geistlichkeit. Da er 
nicht über große politische Einsichten verfügte, mag dahingestellt bleiben, 
ob er sich der Tragweite seines Handelns bewußt war. Außer ihm waren 
der päpstliche Legat und der Primas der katholischen Kirche hauptverant- 
wortlich für das nachlässige Verhalten gegenüber der heraufziehenden Gefahr. 
Beide standen in Geheimverhandlungen mit gewissen führenden katho- 
lischen Industrieherren und Politikern und hatten mit König Leopold mehr 
als einmal sehr vertrauliche Unterredungen. 

König Leopold und seine Umgebung waren ferner dem Druck der fa- 
schistischen Regierung in Rom ausgesetzt, die von Hitler aufgefordert 



270 



worden war, den König zu einer ganz bestimmten Politik zu bewegen. Diese 
Aufgabe übernahm ein Vertreter des Hauses Savoyen, genauer gesagt, die 
Frau des italienischen Kronprinzen Umberto und Schwester König Leopolds. 
Der Plan selbst wird im nächsten Kapitel eingehender behandelt werden. 
Hier genügt es, darauf hinzuweisen, daß man Belgien einen Platz in dem 
französisch-vatikanisch-deutschen Plan zugedacht hatte, dem die Clique 
katholischer Industriebarone, der König und andere zugestimmt hatten. 

Entsprechend diesem Plan hinderte der König, wie bereits erwähnt wurde, 
die Alliierten, in Belgien Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Die nazi- 
stischen Armeen konnten daher, als sie in Belgien eingefallen waren, geraden- 
wegs zur Küste vorstoßen. König Leopold wurde von seinen katholischen 
Ratgebern, vor allem von dem päpstlichen Legaten und dem belgischen Pri- 
mas, aufgefordert, zu kapitulieren. Eine solche Entscheidung stand im 
Widerspruch zu dem Willen der Regierung. Der Katholik Leopold schob 
jedoch die Verfassung, der er seinen königlichen Eid geleistet hatte, beiseite 
und vollzog selbst die Kapitulation der belgischen Armee. Später erklärte 
er, er habe die Alliierten vorher davon verständigt. Die Alliierten erhielten 
aber nie eine solche Warnung und hatten daher keine Möglichkeit, der durch 
den plötzlichen Ausfall der belgischen Armee entstandenen Gefahr recht- 
zeitig zu begegnen. 

Dem Entschluß des Königs zur Kapitulation war eine Unterredung mit 
dem päpstlichen Legaten vorausgegangen. Unmittelbar nach der Kapitula- 
tion, noch bevor das Land von der Entscheidung erfuhr, hatte Kardinal van 
Roey eine vertrauliche Besprechung mit dem König, die länger als andert- 
halb Stunden dauerte. Was damals zwischen dem König und dem Kardinal 
besprochen wurde, ist nicht bekannt. Man weiß lediglich, daß beide über 
die Botschaft debattierten, durch die dem belgischen Volk, das in seiner 
Mehrheit zu kämpfen bereit war, die Kapitulation bekannt und verständlich 
gemacht werden sollte. Der König hatte nur unwillig der Kapitulation zu- 
gestimmt, da er eigentlich in Übereinstimmung mit dem Kabinett handeln 
wollte. Nach der Kapitulation lag ihm deshalb viel am Urteil der Bevölke- 
rung. Der Kardinal übernahm es, die Handlungsweise des Königs vor den 
Belgiern zu rechtfertigen. Er veröffentlichte auch den Text der Briefe, die 
der König aus diesem Anlaß an Präsident Roosevelt und — an den Papst 
gerichtet hatte. Belgien wurde ein besetztes Land, ein Satellit der nazisti- 
schen Neuen Ordnung. 

Die Besetzung Belgiens hatte, innenpolitisch gesehen, einen zwiespältigen 
Charakter. Auf der einen Seite wurden die Liberalen, die Sozialisten, die 
Kommunisten und alle demokratischen Institutionen, die der katholischen 
Kirche und „zufällig" auch dem Naziregime feindlich gesinnt waren, 
unterdrückt, aufgelöst oder auf andere Weise unschädlich gemacht. Auf der 



271 



anderen Seite erfreuten sich die Organisationen der katholischen Kirche einer 
beispiellosen Freiheit, und die Kirche übte dank der Macht, die ihr von den 
Nazis eingeräumt wurde, einen bislang ungekannten Einfluß im ganzen 
Lande aus. 

Alle politischen Parteien wurden aufgelöst, ausgenommen zwei: die 
ultrakatholische faschistische Rexistenpartei und die ultrakatholische 
flämische Nationalpartei (Vlaamsch National Verbond). Die sozialistischen 
und kommunistischen Zeitungen wurden verboten, allein die katholischen 
Zeitungen durften weiter erscheinen und genossen, abgesehen von der 
militärischen Zensur, jede nur denkbare Freiheit. 

Alle anderen wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und politischen Grup- 
pierungen und Organisationen wurden entweder unterdrückt oder von den 
belgischen Faschisten und den Nazis „gleichgeschaltet". Nur katholische 
Institutionen, Gesellschaften und Organisationen blieben unbehelligt. Die 
katholische Geistlichkeit behielt ihren Einfluß und ihre Autorität. Der 
Kardinal wurde die mächtigste politische Persönlichkeit des Landes. 

Wir sahen bereits, daß Hitler den Katholizismus und den Vatikan haßte 
und verachtete und daß er nur dann mit ihnen zu Tauschgeschäften bereit 
war, wenn er sich davon wichtige Vorteile versprach. Wie läßt sich dann 
erklären, daß er die katholische faschistische Partei und die katholische 
Kirche in Belgien allmächtig machte? 

Die katholische Kirche hatte kaum Nachteile durch die Besetzung. Die 
katholischen höheren Beamten blieben in ihren Funktionen, und die gesamte 
Skala der katholischen Organisationen und Institutionen religiöser, sozialer 
und erzieherischer Art war nicht weniger, meistens sogar intensiver tätig als 
in der Vergangenheit. 

Zweifellos verfolgten die Deutschen lange Zeit hindurch hinsichtlich der 
Kirche eine Politik großzügiger Kooperation. Darüber hatte man sich bereits 
vor der Invasion geeinigt. Gottesdienste fanden regelmäßig statt, und die 
katholischen Schulen unterstanden nicht wie die kommunalen Schulen einer 
zentralen Überwachung. Die Anzahl der Schüler in den katholischen Schu- 
len stieg daher an. Die katholischen Sozialorganisationen konnten, im 
Gegensatz zu den sozialistischen oder anderen, ihre Arbeit ungestört fort- 
setzen. Die katholische Partei und die katholischen Gewerkschaften hatten 
allerdings, gemäß den Weisungen des Vatikans und auf Hitlers Befehl, ihre 
„Tätigkeit eingestellt". Die nazistische Neue Ordnung erforderte eine neue 
katholische Partei; der Rexismus entsprach diesen Forderungen, und das 
Ständesystem ersetzte unter anderem die katholischen Gewerkschaften. 

Alle anderen wichtigen, ihrem Wesen nach unpolitischen Organisationen 
der katholischen Kirche, wie die katholische Jugendorganisation, die katho- 
lischen Pfadfinder, die Bauerngilde und die Frauenorganisationen, blieben 



272 



nicht nur unbehelligt, sondern gediehen angesichts ihrer Protektion durch 
Nazideutschland und durch die allmächtige hohe Geistlichkeit mehr denn je. 

Während die Brüsseler Universität geschlossen wurde, arbeitete die vom 
Vatikan kontrollierte Löwener Universität weiter. Alle belgischen Studenten 
wurden aufgefordert, dort ihr Studium fortzusetzen. 

In der höheren Geistlichkeit Belgiens kam es trotz der Besetzung des Lan- 
des nicht zu wesentlichen Veränderungen. Die belgische Hierarchie enthielt 
sich in all ihren offiziellen Dokumenten mit einer Hartnäckigkeit, die einer 
besseren Sache wert gewesen wäre, jeglicher Verurteilung des Nazismus 
und seiner belgischen Schüler. Die Bischöfe verurteilten nicht ein einziges 
Mal offiziell die Kollaborateure, wenn sie auch den Gläubigen bei der 
Kommunion das Tragen politischer Uniformen untersagten. Die Kirche 
bestand auf ihren christlichen Prinzipien des sozialen und familiären Lebens. 
Vor allem aber wiederholte sie die päpstlichen Verurteilungen des Sozialis- 
mus und Kommunismus und wies auf die Gefahren hin, die der Kirche aus 
diesen Lehren erwüchsen. 

Die Handlungsweise des Königs stieß bei der Mehrheit des belgischen 
Volkes zumindest auf große Skepsis. Diese Skepsis richtete sich aber zugleich 
und in weit größerem Maße gegen die katholische Kirche. Der Kardinal und 
seine Bischöfe geschlossen daher, die belgische Bevölkerung durch eine Pro- 
pagandakampagne von der Weisheit und der Richtigkeit der königlichen 
Handlungsweise zu überzeugen. Man hoffte dadurch die Loyalität zum 
Thron auch für die Zukunft zu erhalten. Die Loyalität der Bevölkerung zum 
König lag den belgischen Bischöfen ganz besonders am Herzen. Sie forderten 
sie wiederholt in ihren Hirtenbriefen. In einem dieser mahnenden Briefe 
hieß es zum Beispiel: „Enthalte Dich der unangebrachten und oftmals ver- 
leumderischen Kritik gegenüber jenen, die auf Deine Ehrerbietung An- 
spruch haben." 

Der Kardinal und die Bischöfe äußerten sich niemals feindselig gegen 
den Faschismus. Wenn sie das Regime kritisierten, so bezog sich ihre Kritik 
lediglich auf Angelegenheiten, in denen „der totalitäre Staat die katholische 
Kirche bedrohen" könnte. Und sie forderten von den Belgiern klar und ein- 
deutig, sich dem Nazismus zu fügen: „Unter den gegenwärtigen Umständen 
solltet Ihr die Autorität der Besatzungsmacht anerkennen und ihr gehorchen, 
wie es uns das Völkerrecht gebietet" (erster gemeinsamer Hirtenbrief der 
belgischen Bischöfe vom 7. Oktober 1940). Später, als sich das Kriegsglück 
gegen die Nazis kehrte, und erst recht nach der Befreiung Belgiens, begann 
sich die belgische Hierarchie ihrer angeblichen Proteste gegen die Nazis zu 
rühmen. 

Was aber hatte es mit diesen Protesten in Wirklichkeit auf sich? Es trifft 
zu, daß die Bischöfe und der Kardinal nach zwei oder drei Jahren Besetzung 



18 M 359 



273 



einigemal gegen Maßnahmen der Nazis Protest erhoben. Was waren aber 
die Anlässe zu diesen Protesten? Waren es die Unmenschlichkeiten der 
Nazis, war es das Blutbad, in das sie die Welt stürzten? Nein, nicht im 
geringsten! Die Kardinäle und Bischöfe protestierten, weil die Nazis die 
belgischen Bergarbeiter zwangen, auch sonntags zu arbeiten, und sie da- 
durch am Kirchgang hinderten. Kardinal van Roey bezeichnete in einem 
Schreiben an den Nazimilitärbefehlshaber von Falkenhausen vom 1 . Mai 1 942 
diese Maßnahme als im Widerspruch zum Artikel 46 der Haager Konven- 
tion stehend. Die Konvention verpflichtete die Besatzungsmacht, „die reli- 
giöse Überzeugung und Praxis" des besetzten Landes zu respektieren. 
Falkenhausen schloß seine Antwort an van Roey mit dem bezeichnenden 
Satz: „Schließlich drängt es mich, Eurer Eminenz von ganzem Herzen für 
die Sorge zu danken, die Sie in so selbstloser Weise der Sache, die ich ver- 
trete, entgegengebracht haben." 

Andere Beschwerden betrafen die Entfernung von Kirchenglocken durch 
die Nazis, das Verbot von Kollekten bei Begräbnissen und ähnliche Fragen. 

Unterdessen organisierten die faschistisch-katholischen Gruppen eine 
wilde antisowjetische Propaganda und stellten Legionen zum Kampf an der 
Ostfront auf. Fast alle Freiwilligen dieser Legionen waren eifrige Katho- 
liken. Die berüchtigste unter ihnen war die flämische antibolschewistische 
Legion, die der SS-Division Flandern zugeteilt war. Degrelle ging selbst 
an die Ostfront. 

Die rexistische Partei stieß auf immer größere Feindschaft in der Be- 
völkerung und schrumpfte trotz stärkster Förderung durch die Nazis zu einer 
bedeutungslosen Gruppe zusammen. Wie unpopulär die Rexisten geworden 
waren, geht aus einem Zwischenfall hervor, der sich mit dem Rexisten- 
führer Degrelle ereignete. Degrelle hatte in Bouillon einen Zusammenstoß 
mit dem Ortsgeistlichen und sperrte ihn darauf im Keller seines Hauses ein. 
Deutsche Soldaten befreiten den Pfarrer aus der Haft. Der Bischof von 
Namur exkommunizierte Degrelle wegen dieses Vergehens an einem Geist- 
lichen. Degrelle wurde wieder an die Ostfront geschickt. Die Exkommuni- 
kation des Führers einer katholischen Partei wurde vom Vatikan nicht ge- 
billigt. Degrelle erhielt Absolution und die Erlaubnis, in den Schoß der 
Kirche zurückzukehren. Eiri deutscher Bischof regelte dies, wahrend Degrelle 
sich an der Ostfront befand. Der Bischof von Namur, der die Exkommuni- 
kation in Übereinstimmung mit dem kanonischen Recht ausgesprochen hatte, 
wurde im Dezember 1943 gezwungen, die Aufhebung der Exkommunikation 
anzuerkennen. Das kanonische Recht besagt, daß jeder katholische Laie, der 
Hand an einen Priester legt, sich selbst (ipso facto) exkommuniziert. 

Die niedere katholische Geistlichkeit hielt sich auch in Belgien nicht allzu 
sklavisch an die Weisungen ihrer Hierarchie und rebellierte ziemlich häufig. 



274 



Überdies gab es zahlreiche gläubige Katholiken, unter ihnen sogar Ange- 
hörige der niederen Geistlichkeit, die aktiv in der Widerstandsbewegung 
mitarbeiteten und tapfer gegen die Nazis kämpften. 

Nach der Befreiung Belgiens durch die Alliierten behaupteten der Kardinal 
und seine Bischöfe, sie hätten gegen die Nazis gekämpft. Wir wissen aber, 
was es mit ihren Protesten in Wirklichkeit auf sich hatte. Bei all seinen 
Versuchen, die Bevölkerung von seinem angeblichen Widerstand gegen die 
Nazis zu überzeugen, konnte der Kardinal doch nicht die wahren Ursachen 
seiner Proteste verheimlichen. Er erklärte, um seine angebliche Freude über 
die endgültige Niederlage der Nazis zu begründen: „Wenn der Nazismus in 
Belgien gesiegt hätte, wäre es zur völligen Erwürgung der katholischen 
Religion gekommen." Er verschwieg dabei geflissentlich, daß er und die 
Kirche aus ganzem Herzen mit den Nazis zusammengearbeitet und dafür 
von ihnen weitgehende Freiheit erhalten hatten. Der Kardinal gab dies bei 
einer anderen Gelegenheit selbst zu, als er erklärte: „Während der Okku- 
pation ist das religiöse Gefühl gewachsen, und die kulturellen, philanthro- 
pischen und sozialen Organisationen der Kirche blühten wie nie zuvor." 
Trotzdem hatten der Kardinal und seine Bischöfe die Stirn, zu behaupten, 
sie hätten die Nazis „Tag für Tag um unserer Prinzipien willen bekämpft". 

Um welche Prinzipien es sich dabei handelte, wurde nicht näher er- 
läutert oder vielleicht allzu verschleiert ausgedrückt. Welche Prinzipien 
meinte denn der Kardinal, wenn er laut Catholic Herald im Dezember 1 944 
zu einem Reuterkorrespondenten sagte: „Wir hatten Anlaß, die Deutschen 
zu bekämpfen und zu verurteilen, denn sie entwendeten aus den Kirchen 
neben gesegneten und geheiligten Gegenständen mehr als 32000 Tonnen 
bronzener Kirchenglocken, um sie als Kriegsmaterial zu verwenden." 

Man sagt nicht zuviel, wenn man feststellt, daß diese Äußerung des 
Kardinals van Roey der einzige ernsthafte und ehrliche Protest der katho- 
lischen Kirche Belgiens gegen die Nazis war. Keine noch so umfangreiche 
Erklärung über die Beziehungen zwischen dem Vatikan und Belgien kann 
jemals die katholische Kirche von ihrer Schuld an den tragischen Ereignissen 
in Belgien rein waschen. Folgende Tatsachen sprechen für sich: Die katho- 
lische Kirche war bereits vor der nazistischen Invasion in Belgien eifrig am 
Werke, dem Nazismus durch die Gründung einer faschistischen Partei 
innerhalb des Landes den Weg zu ebnen; sie setzte während der Feind- 
seligkeiten alles daran, Belgien zu einer baldigen Kapitulation zu bewegen ; 
sie verurteilte während der Okkupation nicht ein einziges Mal den Nazismus 
als solchen, sondern arbeitete mit ihm zusammen; schließlich war der 
Vatikan selbst unablässig bemüht, Belgien seine Rolle in dem großen Plan 
spielen zu lassen, der in Rom mit dem Ziel ausgeheckt worden war, den 
Faschismus über die ganze Erde zu verbreiten. 



275 



kapitel xvi Frankreich und der Vatikan 



Die katholische Kirche und die Napoleonische Diktatur - Die katholische Kirche 
und die Dritte Republik - Erster katholischer Kreuzzug gegen die „Roten" - Schwin- 
dende Macht der katholischen Kirche - Haß der Katholiken auf die Republik - Ge- 
spannte Beziehungen zwischen dem Vatikan und dem republikanischen Frankreich - 
Zwischen den beiden Weltkriegen - Wachsender Einfluß der katholischen Kirche - 
Organisationen der katholischen Kirche - Eingriffe des Vatikans in die französische 
Innen- und Außenpolitik - Politischer Druck des Vatikans auf die französische Regie- 
rung mit Hilfe Elsaß-Lothringens - Der Alptraum des Vatikans: ein „rotes" Frankreich - 
Bündnis des Vatikans mit den reaktionären Elementen gegen eine Ausbreitung des Kom- 
munismus - Die katholische Reaktion. Katholische faschistische Parteien - Die katho- 
lische Reaktion wird politisch aktiv - Bündnis der katholischen Reaktion mit den anderen 
reaktionären Schichten der französischen Gesellschaft - Potain und die Offizierskaste - 
Der katholische Plan, in Frankreich einen katholischen Ständestaat zu errichten - Petain, 
Laval, der Vatikan, General Franco - Komplikationen mit Mussolini und Hitler - Pitain: 
„Sie werden mich in der zweiten Maihälfte noch brauchen." Pitain kommt an die Macht - 
Freude im Vatikan über die Kapitulation Frankreichs - Das Pitainregime, ein Stände- 
staat auf der Grundlage der Soziallehren der katholischen Kirche - Das Ständesystem. 
Die Arbeitsgesetzgebung nach italienischem Vorbild - Die Familie - Einheitliche katho- 
lisch-faschistische Jugendorganisationen - Das Erziehungswesen - Privilegien für die 
katholische Kirche — Die katholische Kirche begrüßt das neue Regime und arbeitet mit 
den Nazis zusammen — Unterschiedliches Verhalten der höheren und der niederen Geist- 
lichkeit zu Potain und den Nazis — Die katholische -Kirche drängt die Franzosen zur 
Kollaboration - Die Verantwortung des Vatikans — Der große Plan eines katholisch" 
romanischen Staatenblocks — Schlußfolgerung. 



D ie Geschichte der diplomatischen, politischen und sozialen Beziehungen 
zwischen Frankreich und dem Vatikan ist sehr aufschlußreich/Jeder Leser, 
der sich mit dem Einfluß des Vatikans in unserer Zeit beschäftigt, sollte an 
ihr nicht vorübergehen. Nur in wenigen Ländern war die Kirche so mächtig 
und zugleich so schwach; nur in wenigen Ländern mußte sie zu solch 
raffinierten und skrupellosen Mitteln greifen, um ihre Autorität zu wahren, 
und trotzdem erleben, daß ihr Einfluß unter der Bevölkerung des Landes von 
Jahr zu Jahr zurückging. 

Die Machenschaften des Vatikans in Frankreich erreichten ihren Höhe- 
punkt in dem Jahrzehnt, das der Niederlage Frankreichs im zweiten Welt- 
krieg vorausging, und in den anschließenden Jahren der Besetzung 
des Landes durch Hitlerdeutschland. Bevor wir aber die bedeutsame Rolle 
untersuchen, die der Vatikan beim Niedergang der Dritten Republik 
und bei der Errichtung eines halbfaschistischen autoritären Staatswesens 
spielte, müssen wir uns, wenn auch nur kurz, mit dem geschichtlichen 
Hintergrund der Beziehungen zwischen Frankreich und dem Vatikan 



276 



befassen, damit wir die Ereignisse, die uns später beschäftigen werden, im 
richtigen Licht zu sehen vermögen. 

Die katholische Kirche übte jahrhundertelang einen starken Einfluß auf 
das politische und soziale Leben Frankreichs aus. Sie erfreute sich bis zur 
Französischen Revolution einer privilegierten Stellung. Seit dem frühen 
Mittelalter stand sie in einem engen Bündnis mit der Monarchie. Als 
Gegenleistung gewährte die Krone ihr Vorrechte aller Art. Die Geistlichkeit 
gehörte zu dem ersten der drei führenden Stände des Reiches. Riesigen 
Landbesitz und andere ungeheure Reichtümer nannte die Kirche ihr eigen. 
Das Erziehungswesen lag völlig in ihren Händen. Aber diese Herrlichkeit 
endete mit dem Ausbruch der Französischen Revolution. Die neuen Mächte 
versetzten der Kirche schwere Schläge. Kirche und Staat wurden getrennt, 
die religiösen Orden unterdrückt, die Privilegien der Geistlichkeit aufge- 
hoben, die kirchlichen Ländereien nationalisiert. Die Kontrolle über das 
Erziehungswesen ging in die Hände des Staates über. 

Die katholische Kirche war ein erbitterter Feind der Revolution. Sie hatte 
nicht nur in Frankreich, sondern in ganz Europa mit aller Macht gegen die 
revolutionären Lehren gekämpft. Als Napoleon seine Diktatur zu errichten 
begann, besserten sich die Beziehungen zwischen Staat und Kirche. Obwohl 
es im Laufe der Jahre zu schweren Auseinandersetzungen zwischen dem 
Kaiser und dem Papst kam, normalisierten sich im allgemeinen die Be- 
ziehungen wieder. Napoleon schloß sogar, von sozialen und politischen 
Überlegungen ausgehend, ein Konkordat mit der Kurie, ähnlich wie es 
später zwei andere Diktatoren, Hitler und Mussolini, taten. Napoleons 
Konkordat blieb bis 1905 in Kraft. 

Mit der Errichtung der Dritten Republik im September 1870 ging die in 
den Tagen Napoleons begonnene Zusammenarbeit zwischen Staat und 
Kirche ihrem Ende zu. Die Republik war entschlossen, die Privilegien der 
Kirche aufzuheben und ihren Einfluß aus dem sozialen, politischen und 
wirtschaftlichen Leben der Nation zu verdrängen. Die Kirche bekämpfte die 
Dritte Republik mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln. Sie forderte alle 
Katholiken und alle interessierten Schichten der Gesellschaft auf, die Repu- 
blik in jeder nur möglichen Weise zu boykottieren und zu unterminieren. 
Der Vatikan wollte „sich der Dritten Republik entledigen". 

Wir wissen bereits, weshalb die katholische Kirche alle diktatorischen 
Staatsformen begrüßte und unterstützte und allen Formen einer Volks - 
regierung den schärfsten Kampf ansagte. Das Aufkommen der Arbeiter- 
bewegung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts veranlaßte sie zu dieser 
Haltung. Daran hat sich bis heute nichts geändert. 

Erschreckend und erschütternd war in dieser Periode die Reaktion der 
Kirche auf die Ausrufung der Pariser Kommune, auf dieses Ereignis, das so 



277 



eng mit dem Geschehen unserer Tage verknüpft ist. Die Pariser Kommune 
von 1871 war ein Keim, ein Vorbote der Sowjetmacht des 20. Jahrhunderts. 
Beide forderten die katholische Kirche und alle anderen reaktionären Schich- 
ten der Gesellschaft in die Schranken. 

Die Pariser Kommune gab der Welt einen Vorgeschmack, wie sich die 
katholische Kirche verhalten würde, falls sich ein ähnliches Geschehen 
wiederholen sollte. Die Kirche unternahm alles, was in ihrer Macht stand, 
um die Kommune zu zerschlagen. Die französische Geistlichkeit und alle 
Katholiken wurden aufgerufen, sie zu vernichten. Der Vatikan schleuderte 
Bannflüche gegen den Geist und die Lehren der Kommune und verfolgte 
ihre Führer zeit ihres Lebens und über ihren Tod hinaus. Der Vatikan nahm 
außerdem die Gelegenheit wahr, einen moralischen Kreuzzug gegen die 
Ideen einzuleiten, von denen die Pariser Kommune beseelt war. Dabei 
ging es ihm vor allem darum, den Mittelschichten und allen reaktionären 
Schichten der Gesellschaft Angst und Schrecken vor den Communards ein- 
zuflößen. 

Nach der blutigen Niederschlagung der Kommune rühmten sich die 
Katholiken ihrer überwältigenden Mehrheit in der Kammer (1877). Aber 
seit dieser Zeit vermochten sie nicht einen einzigen Staatsmann und nicht 
eine einzige parlamentarische Gruppe hervorzubringen, die politisch von 
Bedeutung gewesen wären. 

Trotz aller Anstrengungen hielt der Rückgang des religiösen Einflusses 
der Kirche an. Man sagte von Frankreich bereits, es sei das religionslose 
Land Europas geworden. Gleichzeitig wurde die sinkende politische Macht 
der Kirche offenbar. In den wenigen Jahren von 1877 bis 1880 schmolz die 
Zahl der katholischen Kammerdeputierten von 500 auf 80 zusammen. 

Seit 1880 wurde die Tätigkeit der religiösen Orden in Frankreich durch 
zahlreiche Bestimmungen erheblich eingeschränkt. Eine der ersten Maß- 
nahmen war die erneute Auflösung der französischen Jesuitenorganisation. 
Im Jahre 1882 wurde die Grundschulausbildung säkularisiert; 1884 wurde 
obligatorisch die Zivilehe eingeführt; 1886 wurden die Mitglieder religiöser 
Orden von allen Lehrämtern an staatlichen Schulen ausgeschlossen. 

Auf jede dieser Maßnahmen beschworen die Kirche und der Vatikan den 
Zorn Gottes herab. Sie riefen alle Katholiken auf, ihnen bei der Zerstörung 
der Republik zu helfen, die es gewagt hatte, die kostenlose Schulbildung 
einzuführen, auf der Zivilehe zu bestehen und die Lehrtätigkeit an den 
staatlichen Schulen den staatlich geprüften Lehrkräften vorzubehalten. 
Beinahe jede Woche wurden neue Bannflüche durch den Vatikan, die 
Kardinäle und die Geistlichkeit verkündet. Man scheute keine Mittel, die 
Gläubigen gegen die Regierung und gegen alle republikanischen Institu- 
tionen zu hetzen, um den Zusammenbruch der Republik herbeizuführen. Der 



278 



Vatikan lag der französischen Bevölkerung unablässig mit der Forderung 
in den Ohren, die von ihr gewählte Regierung zu beseitigen, wenn sie ihr 
Seelenheil retten wolle. Zwanzig Jahre lang weigerte sich der Vatikan hart- 
näckig, die Existenz des republikanischen Systems in Frankreich offiziell 
zur Kenntnis zu nehmen. 

In jener Zeit bekannte sich jeder Franzose, der Wert darauf legte, als 
guter Katholik zu gelten, zu einer der von der Kirche geförderten Bewe- 
gungen, seien es die Monarchisten, die Legitimisten, die Orleanisten, die 
Bonapartistcn oder selbst die Solutionisten (darunter verstand man all jene, 
die jedes andere Regime dem republikanischen vorzogen). Im Jahre 1885 ver- 
einigte die Union Conservative diese zersplitterten Kräfte und hielt mit einer 
starken Streitmacht von 200 Abgeordneten Einzug in das Parlament. Die 
Radikalen hatten 180, die Opportunisten ebenfalls 200 Sitze. Die Union 
Conservative weigerte sich, mit der Republik selbst den kleinsten Kom- 
promiß zu schließen, und scheute sich nicht, sogar mit den Oopportunisten 
und ähnlichen Gruppen zusammenzuarbeiten, um die Radikalen bekämpfen 
zu können. 

Als der Vatikan schließlich nach zwanzigjährigem fruchtlosem Kampf 
einsehen mußte, daß sich seine Bemühungen und Hoffnungen auf eine Zer- 
störung der Republik nicht erfüllten und die Republik alle Aussicht hatte, 
weiterzubestehen, wechselte er plötzlich seine Taktik und zog es vor, anzu- 
erkennen, daß Frankreich eine Republik war. Diese radikale Wendung 
war nicht die letzte ihrer Art in unserem Jahrhundert. Die Päpste mußten 
solche Entscheidungen immer dann fällen, wenn die katholische Partei 
des jeweiligen Landes die ihr vom Vatikan zugedachte Aufgabe nicht 
erfüllte. 

Nachdem sich der Vatikan für diesen neuen Kurs entschieden hatte, 
wandte er alle für seine Politik charakteristischen Kniffe an, um das Schiff 
auf den neuen Kurs zu bringen. 

Eines Tages im Jahre 1890 rief Leo XIII. den Kardinal Lavigerie zu sich 
und eröffnete ihm seinen Entschluß, die Politik der „Zerschlagung der alten 
Parteifassade** zu beginnen - eine Politik, die Pius XI. fünfunddreißig Jahre 
später in anderen Ländern Wiederaufleben ließ. Kurze Zeit später rief der 
Kardinal anläßlich eines Trinkspruchs „mit dem sicheren Gefühl, daß keine 
Stimme von Autorität seine Haltung mißbilligen werde'*, die französischen 
Katholiken auf, sich um die republikanische Verfassung zu scharen, und 
befahl als Zeichen seines guten Willens dem Orchester, die Marseillaise zu 
spielen. 

Der „neue Geist** brachte der Kirche auf dem Gebiet der Legislative und 
der Exekutive einige Früchte, aber die Einheit der katholischen Reihen, die 
zur Erreichung weiterer Erfolge unumgänglich war, kam nicht zustande; 



279 



der engstirnige Fanatismus der Katholiken verhinderte sie. Als ein weit- 
sichtiger Katholik, Jacques Piou, im Jahre 1902 die Action Liberale schuf, 
war es zu spät; die Trennung zwischen Kirche und Staat war bereits vollzogen. 

Im ersten Weltkrieg zeigte die Gründung der Union Sacrie des Herrn 
Poincare, wie ein wirklich dauerhafter „neuer Geist" beschaffen sein mußte. 
Nach dem Krieg entdeckten einige katholische Parlamentarier ihr „soziales 
Gewissen'*. Sie entschlossen sich, dem Katholizismus einen neuen, weniger 
reaktionären Mantel zu geben, und suchten Anschluß bei der Linken. Aber 
die Kirche erhob wieder Einspruch, der Plan wurde nicht verwirklicht. Auch 
eine andere Konzeption war gescheitert, die nach deutschem Vorbild eine 
Koalition mit den Sozialisten vorsah. Cornilleau hatte diesen Plan unter- 
stützt und eine Bewegung unter der Losung Pourquoi pas? ins Leben ge- 
rufen. Aber die französischen Katholiken weigerten sich hartnäckig, ein 
Bündnis mit den Sozialisten einzugehen, und gaben diese Haltung bis zum 
Zusammenbruch Frankreichs im Frühjahr 1940 nicht auf. Viele von ihnen 
organisierten sich aus Verzweiflung, daß ihre Bemühungen, auf demo- 
kratischem Wege ans Ziel zu gelangen, keinen Erfolg hatten, in halb- 
faschistischen und faschistischen Gruppen, um die Republik zu zerstören und 
auf diese Weise die Herrschaft der Kirche wiederaufzurichten. 

Die französische Republik verhielt sich im Unterschied zu anderen Län- 
dern mit katholischen Regierungen oder katholischen Führern ihren 
Gegnern und vor allem der Kirche gegenüber außerordentlich tolerant. Sie 
blieb tolerant trotz des Hasses, mit dem die Kirche sie fortwährend verfolgte. 
Ihre Duldsamkeit ging so weit, daß sie mehr als einmal beschlossene Gesetze, 
die der Kirche Nachteile brachten, nicht durchführte und nicht einschritt, 
wenn die Kirche sich mit ihrer Propaganda in ökonomische, soziale und 
politische Fragen des Landes einmischte. 

An dieser Toleranz des Staates liegt es auch, daß die religiösen Orden, 
trotz der Gesetze aus den achtziger Jahren, zu Beginn des Jahrhunderts noch 
ungewöhnlich starken Einfluß hatten. Nach wie vor wurden mehr als die 
Hälfte aller Schüler der Mittelschulen von Priestern und Ordensbrüdern 
unterrichtet. Einige dieser Orden setzten ihre politische Tätigkeit fort, und 
in den Tagen der Dreyfusaffäre mußten staatliche Stellen gegen den von 
diesen Orden geschürten Antisemitismus einschreiten. 

Die französische Republik begab sich durch ihre demokratische und 
tolerante Haltung zur Kirche der Möglichkeit, schärfere Maßnahmen gegen 
die restaurativen Kräfte unter den Katholiken zu ergreifen. Man hätte zu 
diesem Zweck das Vereinigungsrecht beschneiden müssen, aber das wäre zu 
Lasten der Gewerkschaften gegangen. Die Lösung dieser Schwierigkeit fand 
man im Vereinigungsgesetz von 1901, das die Ausübung des Vereinigungs- 
rechtes davon abhängig machte, daß die Gründung oder Auflösung einer 



280 



Vereinigung durch einen besonderen parlamentarischen Akt gebilligt wer- 
den mußte. Die Kirche sah in dem Vereinigungsgesetz eine schwerwiegende 
Beschränkung ihrer Rechte. Das Parlament genehmigte fünf Ordens- 
gemeinschaften. Viele Ordensbrüder verließen das Land, unter ihnen die 
Benediktiner, die Karmeliter und vor allem die Jesuiten, die trotz des 
Gesetzes von 1880 wieder in Frankreich eingesickert waren. 

Das Gesetz von 1901 verbot jedem Angehörigen eines vom Parlament 
nicht zugelassenen Ordens, in Frankreich eine Lehrtätigkeit auszuüben. Im 
Jahre 1902 schloß ein antiklerikales Kabinett mehr als 14000 konfessionelle 
Schulen. Diese Zahl zeigt, wie groß die Toleranz der „atheistischen Repu- 
blik" bis dahin gewesen war. Als sich dann die feindselige Haltung der 
Kirche gegen den Staat verstärkte, verbot der Staat im Jahre 1904 allgemein 
der Geistlichkeit, Schulen zu unterhalten. 

Der Kampf zwischen der Republik und dem Vatikan nahm an Heftigkeit 
zu und blieb, wie in anderen Ländern, nicht auf das Gebiet der Religion 
beschränkt. Gerade durch seine Ausweitung auf das soziale und politische 
Gebiet zeigte sich seine wahre Natur. Im Juli 1904 wurden die diplomati- 
schen Beziehungen zwischen Frankreich und dem Vatikan abgebrochen. Das 
Separationsgesetz von 1905 (Trennung von Kirche und Staat) trieb die Aus- 
einandersetzung auf die Spitze. Das Gesetz garantierte die Freiheit des Ge- 
wissens und die freie Ausübung des Gottesdienstes, bevorzugte keine be- 
stimmte Religion und untersagte künftig finanzielle Zuwendungen des 
Staates an die Kirche. Damit war das Konkordat von 1801 außer Kraft gesetzt. 

Der Vatikan schleuderte abermals einen Bannfluch nach dem anderen 
gegen die Republik, die es gewagt hatte, die Vorherrschaft der katholischen 
Kirche anzuzweifeln und alle anderen religiösen Bekenntnisse mit ihr auf 
eine Stufe zu stellen. Die Republik ließ sich aber dadurch nicht einschüch- 
tern. Nachdem sie dem Vatikan das Religionsmonopol verweigert hatte, 
ordnete sie an, die Gebäude aller religiösen Körperschaften, gleich welcher 
Konfession, den Associations Cultuelles zu unterstellen. Darunter verstand 
man Vereinigungen, die sich mit öffentlicher Wohltätigkeit befaßten und 
die sich selbst finanzieren mußten. 

Der Vatikan befahl unter Berufung auf besondere Rechtsansprüche der 
katholischen Kirche allen französischen Katholiken, der Republik den Gehor- 
sam zu verweigern. Er mischte sich dadurch von neuem in das innere Leben 
der Nation ein. Der Papst verbot den französischen Gläubigen bei Strafe der 
ewigen Verdammnis in der kommenden Welt, sich an Vereinigungen dieser 
Art zu beteiligen. Erst 1907 gelangte man in dieser Frage zu einem Kom- 
promiß. In einem Gesetz wurde festgelegt, daß die kirchlichen Gebäude, 
falls man sich weiter weigerte, solche Associations Cultuelles zu bilden, in 
das Eigentum des Staates oder der Gemeinde übergehen sollten. Das 



281 



bedeutete, daß die Geistlichkeit und die Kongregationen weiter über diese 
Gebäude verfügen konnten. 

Im ersten Weltkrieg und unmittelbar danach besserten sich auf Grund 
zahlreicher Faktoren die Beziehungen zwischen Staat und Kirche. Zwei die- 
ser Faktoren waren die Dienstleistungen der Geistlichkeit im Kriege und 
die Rückkehr Elsaß -Lothringens mit seiner überwiegend katholischen Be- 
völkerung. 

Das Separationsgesetz hatte für die Kirche noch eine andere, höchst un- 
erwünschte Folge: Die durch den Wegfall der staatlichen Unterstützungen 
eingetretene Verarmung des niederen Klerus brachte ihn denen näher, für 
die er eigentlich tätig war. Je stärker die Arbeiterbewegung wurde, um so 
mehr beschränkte sich der Antiklerikalismus auf die Linksparteien. Im 
Parlament erschien um diese Zeit unter dem Namen Parti Dimocrate 
Populaire eine katholische Linke. 

Im Jahre 1921 wurden die diplomatischen Beziehungen zwischen der 
französischen Republik und dem Vatikan wiederaufgenommen, und 1924 
kam es zu einer beide Seiten zufriedenstellenden Lösung der Probleme, die 
im Zusammenhang mit den Associations Cultuelles entstanden waren. Die 
Association* Diocisaines unter der Leitung des jeweiligen Bischofs wurden 
wiedereingeführt. 

Zu dieser Zeit kehrten viele Mitglieder religiöser Orden nach Frankreich 
zurück und nahmen mit Zustimmung der Republik von neuem ihre Tätig- 
keit auf. Es war aber auch eine beachtliche Anzahl Ordensgeistlicher in 
Frankreich geblieben, nachdem sich herausgestellt hatte, daß die Durch- 
führung der Gesetze von 1901 und 1905 nicht einfach war und der Staat sich 
außerordentlich tolerant zeigte. Versuche des Staates, diese Gesetze zumin- 
dest hinsichtlich der Lehrorden durchzusetzen, hatten wenig Erfolg, weil 
man nicht die entsprechende Anzahl weltlicher Lehrkräfte zur Verfügung 
hatte. Ähnlich verhielt es sich mit den Pflegeorden. Nach 1918 wurden die 
Gesetze gegen die Geistlichkeit, obwohl sie noch in Kraft waren, sehr weit- 
herzig ausgelegt, wenn man sich ihrer überhaupt bediente. Die Geistlichkeit 
durfte Schulen unterhalten, wenn sie in ihnen nicht selbst unterrichtete. 
Auch die Jesuiten durften seit 1919 wieder in Frankreich tätig sein. Einer 
der letzten Beschlüsse der Dritten Republik war, den Kartäusern die Rück- 
kehr in ihr Kloster Grande Chartreuse zu gestatten. Der Orden hielt dort 
nach sieb enunddreißigj ährigem Exil am 21. Juni 1940, also wenige Tage 
vor dem Waffenstillstand, seinen Einzug. 

Bevor wir uns mit den Beziehungen zwischen dem Vatikan und der Repu- 
blik im zweiten Weltkrieg befassen, ist es notwendig, die Stärke der katho- 
lischen Kirche Frankreichs in der Zeit zwischen den beiden Kriegen zu 
untersuchen. 



282 



Frankreich war, wie bereits erwähnt, trotz seiner vorherrschend anti- 
katholischen und antiklerikalen Geisteshaltung ein traditionell katholisches 
Land. 1936 schätzte man, daß etwa 34 Millionen Franzosen, das heißt 
80 Prozent der Bevölkerung, nominell katholisch waren. Ungefähr drei 
Viertel dieser Gläubigen beschränkten sich in der praktischen Religions- 
ausübung auf Taufe, Hochzeit und Begräbnis, viele von diesen nominellen 
Katholiken waren sogar kirchenfeindlich eingestellt. Amtliche katholische 
Stellen schätzten die Anzahl der Katholiken, die mehr oder weniger regel- 
mäßig die Messe und die Beichte besuchten, auf etwa 20 bis 23 Prozent 
der Bevölkerung Frankreichs.* 

Klassenzugehörigkeit und Wohnsitz beeinflussen die Proportion zwischen 
aktiven und nominellen Katholiken beträchtlich. Das müssen wir beachten, 
wenn wir die Vorgänge untersuchen, die zum Zusammenbruch Frankreichs 
und zur -Bildung einer Kollaborationsregierung führten. Die fanatischsten 
Katholiken sind in den Reihen der Aristokratie, der Gutsbesitzer, der Militär- 
kaste und allgemein in den Reihen der wohlhabenden Schichten zu finden. 
Im Kleinbürgertum sind nur etwa ein Drittel aktive Katholiken; die 
meisten sind religiös indifferent, eine Minderheit verhält sich aktiv anti- 
klerikal. 

Wie in allen anderen katholischen Ländern, so findet man auch in Frank- 
reich in der Arbeiterklasse die wenigsten aktiven Katholiken. Nur an einigen 
Orten, so in Lille, gibt es unter den Arbeitern der Schwerindustrie, der 
Textilindustrie und der Eisenbahnen eine Minderheit, die aktiv katholisch ist. 
Unter den Angestellten und Arbeitern der Leichtindustrie und unter den 
kleinen Gewerbetreibenden ist der Anteil der aktiven Katholiken höher. Daß 
die Kirche in den zurückgebliebenen ländlichen Bezirken tiefer verwurzelt ist 
als in der Stadt, bedarf keiner besonderen Begründung. Etwa die Hälfte der 
französischen Bevölkerung ist weder besonders fromm noch aktiv anti- 
klerikal. Allerdings stellen die Frauen aus Gründen, deren Untersuchung 
hier zu weit führen würde, einen größeren Anteil aktiver Katholiken als die 
Männer. Viele von ihnen gehören auch dann frommen Zirkeln an, wenn ihre 
Männer sich offen antiklerikal oder indifferent verhalten.** 

Diese Analyse war deshalb wichtig, weil sie uns Aufschluß über die poli- 
tische Haltung der französischen Kirchgänger gibt. Außerdem sollte man 

* Das französische Institut zur Erforschung der öffentlichen Meinung ermittelte 1946 
folgendes Ergebnis: 33 Prozent der Befragten gaben an, daß sie sonntags die Messe 
besuchten; 55 Prozent erklärten, daß sie das nicht täten; 4 Prozent antworteten, sie seien 
nicht katholisch; 8 Prozent verweigerten die Auskunft. 

** Als die Frauen in Frankreich nach dem zweiten Weltkrieg das Wahlrecht erhielten, 
verpflichtete die Hierarchie sie, zur Wahl zu gehen und für die katholische Partei zu 
stimmen. Das führte zu einer wesentlichen Stärkung der neuen katholischen Partei. 



283 



in den englisch sprechenden Ländern und anderswo nicht vergessen, daß 
ein Franzose, der antiklerikal eingestellt ist, deswegen durchaus nicht Atheist 
oder Ungläubiger zu sein braucht. Er kann im Gegenteil sogar ein frommer 
Katholik sein. Sein Antiklerikalismus richtet sich nicht gegen die Religion, 
sondern vor allem gegen den Einfluß der Kirche auf die politischen Angele- 
genheiten seines Landes. 

Die Kirche unterhält trotz der verbreiteten Indifferenz der Bevölkerung 
in ganz Frankreich ein weitverzweigtes Netz von Organisationen. Diese 
durchdachte Organisationsmaschinerie der Kirche überdeckt gewissermaßen 
die wahren Gefühle der Nation. 

Vor 1940 schätzte man die Anzahl der niederen Geistlichen auf etwa 
52 000, unter ihnen ungefähr 12 000 Ordenspriester. Über diese Armee 
einfacher Geistlicher gebieten annähernd 70 Bischöfe, nicht eingerechnet 
die 26 Bischöfe ohne Diözese. 

Die Bischöfe unterstehen den Erzbischöfen. Je vier oder fünf Diözesen 
bilden ein Erzbistum. 

Die ErzbischÖf e von Paris und Lyon und der Bischof von Lille sind Kardi- 
näle. Die ErzbischÖf e und Bischöfe sind die Gehilfen des Papstes. Eine Reihe 
französischer Bistümer von hoher politischer Bedeutung, zum Beispiel Straß - 
bürg und Metz, unterstehen dem Papst unmittelbar. Die Bischöfe sind auch 
für das kirchliche Erziehungswesen im Bereich ihrer Diözese verantwort- 
lich; jede Diözese hat einen Directeur, dem die Kontrolle der kirchlichen 
Schulen obliegt. 

Alle Bischöfe und ErzbischÖf e sind unmittelbar dem päpstlichen Nuntius 
als dem Vertreter des Papstes in Frankreich verantwortlich. Solange der 
Nuntius bei der französischen Regierung akkreditiert ist, ist die Kirche 
Frankreichs seiner Autorität unterworfen. Trotzdem liegen die Haupt- 
aufgaben des Nuntius auf diplomatischem Gebiet. 

In Frankreich gibt es viele Hunderte religiöser Orden; es ist daher un- 
möglich, einen genauen Überblick über ihre Organisation zu geben. Jeder 
Mönchs-, Laien- oder Nonnenorden hat seine eigene Verwaltung und seine 
speziellen Beziehungen zum Episkopat. Einige Orden sind in wesentlichen 
Fragen von den Bischöfen unabhängig und nur dem Heiligen Stuhl ver- 
antwortlich. Andere arbeiten eng mit den Bischöfen zusammen. Dies gilt 
namentlich für die Lehrorden. Auch die Nonnenorden unterliegen gewöhn- 
lich den bischöflichen Entscheidungen. Die wichtigsten Orden sind die Jesui- 
ten, die Dominikaner, die Franziskaner, die Benediktiner, die Oratorianer, 
die Zisterzienser und einige andere. 

Die Gesellschaft Jesu nennt sich in Frankreich Compagnie de Jteus. Die 
französischen Jesuiten bilden innerhalb ihrer Organisation eine eigene 
Assistenz. Der Assistenzgeneral für Frankreich residiert gewöhnlich in Rom, 



284 



um, wie die Assistenzgenerale von Polen, Deutschland und anderen wich- 
tigen Ländern, dem Papst nahe zu sein. Der Assistenzgeneral des jeweiligen 
Landes hat keine Exekutivvollmachten; er ist dem Jesuitengeneral unterstellt, 
der den gesamten Orden befehligt und allein dem Papst verantwortlich ist. 
Der General ernennt für jede der vier Provinzen, in die Frankreich im Rah- 
men der jesuitischen Verwaltung aufgeteilt ist, einen Provinzialen. Jede der 
französischen Jesuitenprovinzen umfaßt etwa ein Viertel des Landes. Die 
Provinzialhauptquartiere befinden sich in Lille, Paris, Toulouse und Lyon. 
In den letzten Jahren der Dritten Republik gehörten zu jeder Provinz 700 
bis 1000 Jesuiten. 

Die französischen Jesuiten sind vor allem im Erziehungswesen und in 
der Auslandsmission tätig. Sie unterhalten zahlreiche Seminare, sind Lehrer 
an der Katholischen Fakultät der Pariser Universität und betreiben in Paris 
ein Zentrum für soziale Studien, die Action Populaire, die regelmäßig die 
Dossiers d'Action Populaire und andere Arbeiten auf sozialem Gebiet ver- 
öffentlicht. Die wichtigsten Gebiete der jesuitischen Missionsarbeit sind 
oder waren Madagaskar, China, Syrien, der Libanon und Indien. 

Die Jesuiten waren jahrhundertelang trotz aller Verfolgungen der mäch- 
tigste Orden in Frankreich. Ihr großer Einfluß vor dem Kriege und im 
Kriege beruhte vor allem darauf, daß sie als Lehrorden Wert auf ein sehr 
hohes kulturelles und intellektuelles Niveau legten. Sie faßten dadurch, daß 
sie sich auf das Erziehungswesen spezialisierten, festen Fuß in der Aristo- 
kratie, in der Armee und allgemein in den führenden Schichten des Landes. 
Sie unterrichteten an der ßcole Sainte Genevieve in Versailles, der Vor- 
bereitungsschule für Saint Cyr, Tausende von Offizieren, die später hohe 
Posten bekleideten. Die obere und mittlere Bourgeoisie schickte ihre Spröß- 
linge ebenfalls in Jesuitenkollegien. Außerdem bildeten die Jesuiten Jugend - 
leiter für führende Stellungen in der katholischen Jugendbewegung aus. 

Trotz ihrer weitverzweigten Organisation verlor die Kirche in Frankreich 
zahlreiche Anhänger — im 19. Jahrhundert an den Säkularismus und den 
Liberalismus und im 20. Jahrhundert an den Sozialismus und Kommunis- 
mus. Im vergangenen Jahrhundert büßte sie in Frankreich nahezu ein Vier- 
tel ihrer Anhänger ein, und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts an- 
nähernd fünf Sechstel. 

Aber der Einfluß der Kirche in Frankreich ging längst nicht in dem glei- 
chen Maße zurück Wie die Anzahl ihrer Anhänger, er wurde im Gegenteil 
in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen von Jahr zu Jahr stärker. Wie 
war das zu erklären? Der Grund dafür lag darin, daß die Kirche in Frank- 
reich, ebenso wie in anderen Ländern, zur Mehrung ihres Einflusses nicht 
länger unbedingt auf die Bekehrung der Massen angewiesen war; für sie 
hing weit mehr davon ab, über welche Kräfte sie hinter den Kulissen des 



285 



politischen Spiels verfügte. Das zeigte sich bereits nach dem ersten Welt- 
krieg, als die Republik, die nach wie vor von liberalem Geist erfüllt war, der 
Kirche nicht nur Zugeständnisse machte, sondern mit ihr auch bei mancher 
Gelegenheit zusammenarbeitete. Diese Haltung war keineswegs auf einen 
Gesinnungswechsel der Republik zurückzuführen, sondern hatte solide soziale 
und politische Ursachen, die der Vatikan klug zu seinen Gunsten auszunutzen 
wußte. Sicherlich waren auch andere Faktoren für diese Volte-face verant- 
wortlich, aber den entscheidenden Faktor stellte das Bemühen des Vatikans 
dar, das Land von oben her unter seine Kontrolle zu bringen, um auf diese 
Weise dem Massenabfall Einhalt zu gebieten. 

So pflegte der Vatikan auf einmal, obwohl er auf dem besten Wege war, 
die Schlacht gegen den Sozialismus, den Kommunismus und andere ihm 
feindlich gesinnte Kräfte zu verlieren, die Freundschaft zur Republik. Diese 
neue Politik trat in den zwei Jahrzehnten zwischen den beiden Weltkriegen 
immer schärfer zutage. Im ersten Jahrzehnt gelang es der Kirche, sich die 
Regierung mit Hilfe politischer und nationaler Fragen dienstbar zu machen. 
Im zweiten Jahrzehnt unterstützte, förderte und segnete sie die faschistischen 
Parteien und Organisationen, deren erklärtes Ziel darin bestand, ein faschi- 
stisches Frankreich zu errichten, den Sozialismus zu zerschmettern und der 
Kirche alle Macht in die Hände zu legen. 

Hier ist nicht der Platz, eine ins einzelne gehende Untersuchung der 
inneren Lage Frankreichs in der Zeit zwischen den Kriegen anzustellen. Es 
genügt, einige Beispiele dafür anzuführen, wie die Kirche ihren Einfluß zu 
verstärken suchte; im ersten Jahrzehnt durch Ausnutzung der französischen 
Empfindlichkeit in Fragen des nationalen Prestiges, im zweiten Jahrzehnt 
durch Ermunterung aller faschistischen Bestrebungen in den reaktionären 
Schichten der französischen Gesellschaft. 

Nachdem auf der Konferenz von Versailles die Grenzen Nachkriegs - 
europas festgelegt waren, stieg der Einfluß des Vatikans in Frankreich stark 
an, da er es verstanden hatte, die französischen nationalistischen Ressenti- 
ments in seine Rechnung einzubeziehen. Die beste Gelegenheit hierzu bot 
die Frage der Rückkehr Elsaß -Lothringens. Sie war für die Republik eine 
ständige Quelle der Besorgnis, da es aussah, als wollten sich die zurück- 
gekehrten Provinzen durchaus nicht mit ihrem Schicksal, wieder unter 
französische Herrschaft geraten zu sein, abfinden. Die Einfügung Elsaß- 
Lothringens in die Republik war für Frankreich eine Frage des nationalen 
Prestiges, des Nationalstolzes und des Nationalgefühls. 

Und hier trat der Vatikan auf den Plan. Elsaß -Lothringen war ein streng 
katholisches Land. Der Vatikan erklärte durch den Mund der französischen 
Hierarchie, daß er in der Lage gewesen wäre, „durch seinen nicht un- 
beträchtlichen Einfluß auf das katholische Elsaß -Lothringen für ein besseres 



286 



Verstehen zwischen den neuen Provinzen und der Republik zu sorgen, wenn 
die Regierung mehr Verständnis für die Situation der Katholiken in der 
Republik an den Tag gelegt hätte". Der Vatikan befolgte wieder einmal 
seine alte, seit Jahrhunderten erprobte Taktik, die Napoleon so scharfsinnig 
charakterisierte, als er die Hierarchie eine „Gendarmerie des Geistes" 
nannte. 

Diese Taktik läßt sich auf einen Nenner bringen: Wenn eine bestimmte 
Provinz, deren Bevölkerung katholisch ist, im Laufe der Eingliederung in 
ein Staatswesen zum Separatismus neigt, so versucht der Vatikan mit dem 
betreffenden Staat einen Handel abzuschließen. In der offiziellen Biographie 
Leos XIII. findet man eine Reihe von Beispielen für diese Taktik der Kirche 
im 19. Jahrhundert: in Großbritannien bezüglich Irlands, in Deutschland 
bezüglich Polens, in Österreich hinsichtlich Kroatiens und in einigen ande- 
ren Fällen. 

In Elsaß -Lothringen rührten sich sehr bald nach dem ersten Weltkrieg 
(1919) starke antifranzösische Kräfte, die der Republik Sorge machten. 
Zudem entsandten die neuen Provinzen eine so große Anzahl katholischer 
Deputierter in das Parlament, wie Frankreich sie seit 1880 nicht erlebt hatte. 
Der Vatikan setzte, ohne zu zögern, seine mächtige Waffe gegen die Re- 
publik ein, um die eigenen politischen und religiösen Interessen zu fördern. 
Der Handel kam zustande. Der Vatikan übernahm es, die elsässischen Se- 
paratisten zu zügeln, indem er der örtlichen Geistlichkeit und den katho- 
lischen Organisationen einen bestimmten politischen Kurs vorschrieb. Als 
Gegenleistung stellte die französische Regierung ihre Feindseligkeiten 
gegen die Kirche ein, nahm die diplomatischen Beziehungen zum Vatikan 
wieder auf und gewährte der Kirche eine Reihe von Privilegien. Frankreich, 
das am wenigsten katholische Land Europas, dessen Bevölkerung sich gegen 
die Kirche indifferent oder feindselig verhielt, dessen Staatsmänner Un- 
gläubige waren, warf seinen antiklerikalen Mantel der Vergangenheit ab. 
Die antiklerikalen Gesetze wurden aufgehoben oder nicht durchgeführt. Die 
des Landes verwiesenen religiösen Orden, namentlich die Jesuiten, kehrten 
zurück. 

Aber damit nicht genug. Der Vatikan bestand auf der Entsendung eines 
französischen Botschafters zur Kurie und eines päpstlichen Nuntius zum 
Quai d'Orsay. Soweit war es mit der französischen Republik gekommen, die 
seit mehr als vierzig Jahren vom Vatikan als „eine Regierung von Atheisten, 
Juden und Freimaurern" beschimpft worden war. Ein französischer Staats- 
mann - Pierre Laval - stattete dem Vatikan einen Besuch ab. Das hatte es, 
soweit die Erinnerung der Franzosen reichte, nicht gegeben. 

Um den Handel komplett zu machen, sprach der Papst die Jungfrau von 
Orleans heilig. Das war ein geschickter Schachzug des Vatikans, darauf 



287 



berechnet, die französischen patriotischen Gefühle für seine Zwecke aus- 
zunutzen. Einige Vertreter der Regierung nahmen an der religiösen Zere- 
monie teil. Die Linkskräfte Frankreichs protestierten erbittert gegen diesen 
Verrat am liberalen republikanischen Geist und gegen den feierlichen 
Empfang, der dem päpstlichen Nuntius bereitet wurde. Sie entfesselten im 
Parlament einen Sturm. Es fehlte nicht viel, und das Hohe Haus hätte den 
Anträgen der Linken zugestimmt. Der Vatikan instruierte die elsässische 
Hierarchie, die katholischen Deputierten auf ihre Pflicht, im Parlament 
„die Hoheitsinteressen der Kirche zu garantieren", hinzuweisen. Die elsäs- 
sischen Deputierten sollten, deutlicher gesagt, der Regierung mit der Los- 
trennung drohen, falls die diplomatischen Beziehungen mit dem Vatikan 
abgebrochen werden würden. Die Regierung war gezwungen, klein bei- 
zugeben. 

Auch die Außenpolitik der Regierung geriet bei mehr als einer Gelegen- 
heit unter den Einfluß des Vatikans. Wir werden diese Behauptung an Hand 
einiger Beispiele bestätigt finden. 

Im Jahre 1922 brachte die Türkei Griechenland eine schwere militärische 
Niederlage bei. Die Türkei verdankte ihren Erfolg vor allem der Tatsache, 
daß Frankreich sie von Syrien aus mit Geschützen und Munition versorgte 
und ihr militärische Berater zur Verfügung stellte. Die Niederlage machte 
die Hoffnungen der Griechen, sich in Konstantinopel festzusetzen, zunichte. 
Die Stadt blieb türkisch. Einige Jahre später kamen Dokumente ans Tages- 
licht, die unwiderleglich bewiesen, daß der Vatikan, wenn auch nicht als 
einzige Macht, so doch maßgeblich die Hilfe Frankreichs angeregt und ge- 
fordert hatte, weil er nicht wollte, daß das orthodoxe Griechenland in den 
Besitz Konstantinopels käme. Er fürchtete, daß ihm in der griechisch-ortho- 
doxen Kirche, falls sie sich im alten Zentrum der östlichen Christenheit 
festsetzte, ein ernster Rivale erwachsen könne. Man muß sich erinnern, daß 
der Vatikan zu dieser Zeit sogar Sowjetrußland hofierte, in der Hoffnung, 
die orthodoxe Kirche in Rußland unter die Fittiche des Katholizismus zu 
bringen. 

Als der Vatikan in den ersten Jahren der Sowjetmacht die Illusion hegte, 
mit der Sowjetregierung politische Geschäfte zu machen, benutzte er für 
die Annäherungsversuche die französische Regierung als diplomatisches 
Instrument. Als diese Versuche aber fehlschlugen (die Ursachen werden wir 
im nächsten Kapitel kennenlernen), unterstützte der Vatikan die in Frank- 
reich lebenden Weißgardisten in ihrem Kampf gegen die Sowjetmacht und 
gab der weltweiten antibolschewistischen Kampagne seinen apostolischen 
Segen. 

In dem Kapitel über die Tschechoslowakei hatten wir bereits erfahren, 
daß die tschechoslowakische Regierung im Jahre 1935 den päpstlichen 



288 



Nuntius des Landes verwies, weil er Öffentlich die Lostrennung der Slowakei 
gefordert hatte. Die französische Kirche und die französische Regierung 
mischten sich in diesen Konflikt ein und verlangten von der tschechoslowa- 
kischen Regierung, sich mit dem Vatikan auszusöhnen. Zu dieser Zeit be- 
stand zwischen der Tschechoslowakei und Frankreich ein Militärbündnis. 
Als aber Frankreich drei Jahre später Anlaß hatte, seinen Bündnispflichten 
nachzukommen und der Tschechoslowakei gegen die Bedrohung durch Hitler 
militärischen Beistand zu leisten, taten die katholischen Kreise in Frankreich 
und der Vatikan alles, die Erfüllung dieser Verpflichtung zu hintertreiben. 
Auch beim erstmaligen Abschluß einer Allianz mit dem Kaiserreich Japan 
leistete die französische Regierung dem Vatikan große Hilfe. 

Eine weitere wichtige Ursache für den wachsenden Einfluß des Vatikans 
auf die französische Politik war die Drohung mit dem bolschewistischen 
Schreckgespenst. Die Politik in Elsaß -Lothringen hatte dort bereits die 
Bischöfe mit den Bankiers und Industrieherren zusammengeführt. Diese 
Kombination erwies sich für beide Seiten als äußerst nutzbringend. 
Man darf nicht übersehen, daß in Lothringen das zweitgrößte Eisenerz- 
vorkommen Europas liegt und daß Elsaß, abgesehen von seiner intensiven 
und ergiebigen Landwirtschaft, über einen großen Reichtum an Kalisalzen 
verfügt. 

Das Bündnis zwischen der Kirche und allen reaktionären Kräften der 
französischen Gesellschaft wurde immer enger; es war ein Bund auf Leben 
und Tod, denn alle Beteiligten sahen im Kommunismus eine tödliche Ge- 
fahr für ihre Welt. Nichts hätte die bereits bestehende Bindung zwischen 
der Kirche und der sozialen, ökonomischen und politischen Reaktion mehr 
verstärken können als diese gemeinsame Angst. Das berühmte Wort Hen- 
ris IV.: „Paris ist eine Messe wert", wurde zur politischen Losung einer 
einflußreichen Gruppe französischer Antiklerikaler, die aus Angst vor dem 
Kommunismus ins Joch des Vatikans flüchtete. Zahlreiche liberale Franzo- 
sen setzten angesichts der neuen Lage an die Stelle der Losung Gambettas: 
„Der Klerikalismus ist der Feind!", die Frankreich vierzig Jahre lang er- 
füllt hatte, den Ruf: „Die Kirche ist unser Verbündeter." 

Die französischen Bankiers und Großindustriellen verbündeten sich mit 
dem Vatikan nicht um des Katholizismus willen. Sie hatten zwei Ziele im 
Auge : ihre Privatinteressen, und dann erst und nur, solange dies mit ihren 
Privatinteressen zu vereinbaren war, die Interessen der Kirche. Die berüch- 
tigten „zweihundert Familien", die Frankreich dank ihrer riesigen Reich- 
tümer auch damals schon beherrschten, waren — in diesem Sinne - zum 
größten Teil gläubige, ergebene Katholiken. 

Eine organisierte antibolschewistische Kampagne nach der anderen rollte 
im Laufe der Jahre wie Flut und Ebbe über das Land. Ihr Einpeitscher war 



19 M359 



289 



diese unheilige Allianz. Die Kampagnen hatten zwei Stoßrichtungen. Die 
eine Richtung verfolgte das Ziel, immer neue sogenannte Volksbewegungen 
zu entfachen. Die andere, für die Öffentlichkeit weniger sichtbare Richtung 
hatte die Aufgabe, die finanziellen, politischen und sozialen Pläne auf höch- 
ster Ebene zu entwerfen ; 'hierbei erzielte der Vatikan beachtliche Erfolge. 

Etwa zehn Jahre nach dem ersten Weltkrieg, zur Zeit der großen Welt- 
wirtschaftskrise, tauphten die ersten antibolschewistischen Organisationen 
auf. Sie wuchsen rasch an. Es gab eine Zeit, in der es durchaus im Bereich 
des Möglichen lag, daß diese Gruppen einen Bürgerkrieg entfesselten, um 
die Macht an sich zu reißen. Das gemeinsame Ziel dieser Gruppen war, den 
Sozialismus und den Kommunismus auszurotten, wo immer er ihnen entgegen- 
trat, und den Einfluß der Sowjetunion in der internationalen Politik zurück- 
zudrängen. Sie waren nach faschistischen Vorbildern aufgebaut, trugen 
ähnliche Uniformen und benutzten beinahe die gleichen Schlagworte. 
Es handelte sich durchweg um bewaffnete Formationen, deren wichtigste 
politische Methoden Gewalt und Terror waren. Sie strebten nach der Dik- 
tatur. Ihr Weg zur Macht konnte also nur über die Zerstörung der demokra- 
tischen und politischen Freiheiten des Volkes führen. Wie nicht anders zu 
erwarten, waren ihre Führer und Mitglieder fanatische Katholiken. Natio- 
nalismus und beschränkte Klasseninteressen begünstigten das Aufkommen 
dieser Bewegungen, die alle durch die Religion miteinander verbunden 
waren. 

Die berüchtigtsten katholisch -faschistischen Organisationen waren La 
Croix de Feu, Les Camelots du Roi und Les Cagoulards. Die meisten Grup- 
pen besaßen „geheime" Waffenlager und wurden durch „geheime" Kanäle 
finanziert. Sie marschierten durch die Straßen von Paris und versuchten 
sozialistische und kommunistische Versammlungen zu sprengen; sie organi- 
sierten bewaffnete Demonstrationen und fielen über ihre Gegner her; kurz, 
sie handelten so, wie ihre Vorbilder in Italien und Deutschland es ihnen mit 
so großem Erfolg vorexerziert hatten. 

Aber das Ringen der faschistischen Bewegungen um die Macht hatte aus 
vielerlei Gründen keinen Erfolg. Frankreich befand sich weder in der glei- 
chen finanziellen Notlage wie Italien, noch hatte es, wie Deutschland, die 
Demütigungen und Lasten einer Niederlage hinnehmen müssen. Die Haupt - 
Ursache war jedoch, daß sich die Mehrheit der Franzosen um die Linke 
scharte und zu demokratisch gesinnt war, als daß sie sich unter das Joch 
eines Diktators beugte. 

Als die faschistischen Kräfte bei ihrem Griff nach der Macht gescheitert 
waren, verdoppelten sie ihre Anstrengungen hinter den Kulissen. Dort war 
ihr Einfluß groß. Sie standen in enger Verbindung mit der katholischen 
Kirche und erhielten von ihr jede Unterstützung. Auch der Vatikan 



290 



konzentrierte seine Aufmerksamkeit auf das Spiel hinter den Kulissen, 
nachdem er im offenen politischen Kampf eine Niederlage hatte einstecken 
müssen. 

Während Frankreich durch heftige Kämpfe zwischen den einzelnen 
Kräftegruppen innerlich zerrissen wurde, marschierte Nazideutschland von 
Erfolg zu Erfolg. Da es hier nicht unsere Aufgabe ist, die französische 
Politik jener Jahre zu analysieren, mag es genügen, auf einige wichtige 
Punkte dieser Politik zu verweisen, die sich sehr deutlich von dem allgemei- 
nen Hintergrund abheben. In Frankreich finanzierten und ermunterten 
offensichtlich dieselben Klassen und Schichten den Faschismus wie in Italien 
und Deutschland; ebenso offensichtlich spielte auch in Frankreich die katho- 
lische Kirche bei der Ermutigung dieser Bewegungen eine bedeutende Rolle. 
Daß die Zerschlagung des Kommunismus und des Sozialismus das Hauptziel 
dieser Bewegungen war, bedarf keiner besonderen Begründung. Die An- 
strengungen in dieser Richtung beschränkten sich nicht auf die Innenpolitik, 
sondern bildeten auch einen Bestandteil der französischen Außenpolitik. So 
zeigte sich der Antikommunismus des französischen Faschismus in dem un- 
ablässigen Bemühen, die Bestrebungen der Republik nach einer engen 
Allianz mit der Sowjetunion zu sabotieren. 

Die französischen Reaktionäre beschränkten sich nicht auf Störmanöver 
gegen die Politik der Republik, sondern verfolgten weiter ihre eigene poli- 
tische Konzeption der Errichtung eines faschistischen Regimes. Sie sahen 
jedoch auf Grund der Lage in Frankreich keine Möglichkeit mehr, dieses 
Ziel ohne Hilfe von außen zu erreichen. Diese Hilfe konnte nur von Nazi- 
deutschland kommen. Wenn sich auch der Nationalstolz der Franzosen gegen 
eine solche Politik aufbäumte, so setzte sich doch die Losung der Reaktionäre: 
„Alles andere, nur kein rotes Frankreich", durch. Dabei spielte die Über- 
legung eine Rolle, daß die Linken bei einem möglichen Sieg Frankreichs über 
das faschistische Deutschland ihre Stellungen im Lande erheblich verbessern 
würden. Dieses Risiko aber durften die Kapitalisten, die Möchtegern - 
faschisten und die katholische Kirche nicht eingehen. So blieb ihnen als ein- 
ziger Weg die Niederlage ihres Landes und die Opferung ihres National- 
stolzes. Nur so konnten sie das wichtigste Ziel ihrer Klassenpolitik, die Ver- 
nichtung der „Roten", erreichen. 

Der katholische politische Hintergrund Frankreichs sah also in dem Jahr- 
zehnt vor dem zweiten Weltkrieg - wir fassen zusammen - folgendermaßen 
aus: Die Mehrheit der Bevölkerung verhielt sich zur katholischen Kirche 
indifferent oder gar feindselig; die Kirche verfügte über eine gewaltige 
Maschinerie, die zwar ganz Frankreich überzog, aber keinen Halt in den 
Massen hatte, und deshalb wie in einem Vakuum arbeitete: das Land stand 
ununterbrochen im Zeichen einer von der katholischen Kirche und ihren 



291 



Hilfsorganen betriebenen Hetzkampagne gegen den Kommunismus und die 
Sowjetunion; im Laufe dieses Jahrzehnts bildeten sich, zumeist auf Initiative 
der Kirche, zahlreiche Bewegungen, die den Faschismus imitierten. 

In enger Verbindung mit diesen Agenturen des Faschismus standen 
kleine, aber einflußreiche Gruppen, die von dem gleichen Haß gegen den 
Kommunismus erfüllt waren wie die katholische Kirche. Sie wurden von 
dem Alptraum verfolgt, daß ihre soziale und finanzielle Welt verschwinden 
würde, wenn es weiter gestattet wäre, sozialistische und kommunistische 
Ideen ungehindert zu verbreiten. Sie wollten dem Kommunismus Einhalt 
gebieten - anfangs im eigenen Lande, später im Ausland — und organisierten 
und finanzierten deshalb die Parteien, die in Frankreich als Gegengewicht 
zum Kommunismus den Faschismus errichten sollten. 

Diese beiden mächtigen Faktoren in Frankreich - die katholisch -faschi- 
stischen Bewegungen und die katholischen Finanziers — vereinigten sich, um 
ihr gemeinsames Ziel — die Errichtung einer faschistischen Diktatur und 
die Zerschmetterung des kommunistischen Feindes — zu erreichen; aber 
ihnen gelang nicht, was Mussolini in Italien und Hitler in Deutschland 
gelungen war. Schwankend zwischen Furcht und Hoffnung, verfolgten sie 
die Ausbreitung des Atheismus und des Kommunismus einerseits und die 
Geburt neuer faschistischer Regime andererseits. 

Typisch für dieses Schwanken zwischen Furcht und Hoffnung war das 
Verhalten des französischen Außenministers Bonnet in der Zeit von „Mün- 
chen". Er unternahm alles nur Mögliche, um Hitler zu beschwichtigen, 
und war fest überzeugt, daß die Zusicherung der Sowjetunion, der Tsche- 
choslowakei beizustehen, nur ein „bolschewistischer Trick" sei, durch den die 
„Roten" Europa in den Krieg stürzen und den gesamten Kontinent „bolsche- 
wisieren" wollten. Oder ein anderes Beispiel: Der frühere französische Mi- 
nisterpräsident Flandin rief im September 1938 den britischen Botschafter 
Phipps an, um ihm mitzuteilen, daß „die kommunistischen Führer, die am 
aktivsten zum Kriege hetzen, ihre Leute bereits angewiesen haben, im Fall 
eines schweren Luftangriffs zu erklären, Frankreich sei von seiner Regie- 
rung betrogen worden, und dann ein kommunistisches Regime zu errichten". 
(Sir E. Phipps an Lord Halifax, Paris, 24. September 1938) 

Ein französischer Schriftsteller schrieb über die damalige Situation : 

„Die besitzenden Klassen, getrieben von ihrer Furcht vor dem Kommunismus, bewun- 
derten und umschmeichelten Mussolini. Aber noch mehr waren sie von dem neuen Herr- 
scher Deutschlands begeistert . . . Die Sicherung der Macht durch Gewalt wurde von den 
alten französischen Parteien, die sich niemals mit der Republik ausgesöhnt hatten, allen 
Ernstes erwogen. Dieser Gedanke weckte in ihnen einen nahezu religiösen Enthusiasmus. 
Die Seuche breitete sich rasch aus . . 

Eine besondere Gruppe unter diesen von der Furcht vor dem Kommunis- 
mus besessenen Schichten war das aktive Offizierkorps. Es war für seine 



292 



reaktionäre Haltung in fast allen Fragen und für seine kirchenergebene 
Einstellung bekannt. Viele hohe Offiziere waren wegen ihres Hasses gegen 
die Kommunisten, wegen ihrer Verachtung der Demokratie und wegen ihrer 
Vorliebe für „starke Regierungsformen" berüchtigt. Zu ihnen gehörten 
Potain, Weygand und Giraud. Wir nennen nur diese drei, da sie später eine 
bedeutsame Rolle spielen sollten. 

Diese Offiziere waren treue Katholiken und fühlten sich mit den Inter- 
essen der Kirche, nicht nur als einer religiösen Institution, sondern auch als 
eines Instruments der vatikanischen Politik, in sozialen und politischen Fragen 
eng verbunden. Sie waren stark von der 1951 veröffentlichten Enzyklika 
Quadragesimo Anno beeinflußt worden. In dieser Enzyklika hatte sich der 
Papst, wie bereits mehrfach erwähnt, dafür ausgesprochen, als Gegen- 
gewicht gegen Kommunismus und Sozialismus einen Ständestaat nach dem 
Vorbild des italienischen Faschismus zu errichten. 

Die Forderungen der Enzyklika Quadragesimo Anno waren für diese 
Offiziere das Gebot des Tages. Als ergebene Mitglieder der Kirche, als Be- 
auftragte ihrer Klasse und ihrer Kaste, die sich Frankreich nur auf den 
alten, bewährten Grundlagen vorstellen konnten, begannen sie zu handeln. 
Sehr bald wurden die politischen Wirkungen der Enzyklika in Frankreich 
und in einer Reihe anderer katholischer Länder sichtbar, zumal auch andere 
Kräfte und Interessen, die wenig oder nichts mit den Interessen der Kirche 
zu tun hatten, in gleicher Richtung am Werke waren. Aber die vorwärts - 
treibende Kraft der Kirche gab diesen Elementen großen Auftrieb. 1934 
waren die bewaffneten Einheiten der französischen faschistischen Parteien 
bereits so weit formiert, daß es zu blutigen Ausschreitungen in den Straßen 
von Paris kam. Die „Feuerkreuzler", die „Kapuzenmänner" und die anderen 
faschistischen Gruppen forderten, entsprechend den Richtlinien der Enzy- 
klika, den Ständestaat, die Gewährung von Privilegien für die Kirche und 
die Diktatur. 

Zu jener Zeit entschloß sich Potain, getrieben von den Worten des Papstes 
und von seinem Haß gegen die Kommunisten politisch aktiv zu werden und 
sich nicht länger „auf Worte zu beschränken". Er hatte trotz seines Ehr- 
geizes mehrere Jahre zurückgezogen gelebt. Die Machtergreifung Musso- 
linis, Hitlers und anderer Faschisten hatte in ihm und seinen Freunden 
„neue Hoffnungen" geweckt. (Potain an einen Freund am 30. Septem- 
ber 1933) 

Potain sammelte eine Clique politischer Freunde, Führer reaktionärer 
Gruppen, um sich. Als ersten Schritt veröffentlichten sie ein Pamphlet unter 
dem Titel: „Wir wollen Potain!" Was planten sie? Vor allem die „Vernich- 
tung des revolutionären Geistes, der Frankreich an den Rand des Abgrundes 
gebracht hat, und die Errichtung eines autoritären Regimes, das mit allen 



293 



destruktiven Elementen aufräumt, die dabei sind, das Land, die Familie, 
die Kirche und alles, was Frankreich groß gemacht hat, zu zerstören". 

Aber Potain und seine Freunde begnügten sich nicht mit der Veröffent- 
lichung von Pamphleten; sie nahmen unmittelbar Kurs auf die Macht- 
ergreifung und trafen Vorbereitungen für einen Bürgerkrieg. Petain hielt 
zu diesem Zweck im geheimen enge Verbindungen zu den bereits erwähnten 
terroristischen Bewegungen. Er beobachtete „den Siegeszug der Nazis mit 
großer Sympathie"« Die Zeit verging, der Nazismus konsolidierte sich, und 
der Marschall verbrüderte sich in Berlin mit deutschen Nazis, namentlich 
mit Göring. 

Potain erkannte bald, daß der Faschismus in Frankreich nicht durch innen- 
politische Maßnahmen allein an die Macht gebracht werden konnte. Alle 
reaktionären Führer schlössen sich dieser Meinung an. Sie begannen sich 
im Ausland umzuschauen, um den Faschismus bei der ersten besten Gelegen- 
heit nach Frankreich zu importieren. Petain veranlaßte zu diesem Zweck 
seine Ernennung zum Botschafter in Madrid in einer Zeit, als faschistische 
Waffen sowie englische und französische Nichteinmischer emsig dabei waren, 
dem Faschisten Franco zum Sieg über die vom Volk gewählte republikanische 
Regierung zu verhelfen. 

Zur gleichen Zeit nahm ein anderer prominenter katholischer Politiker 
Verbindung mit Potain auf: Pierre Laval. Gemeinsam steuerten sie im 
verborgenen ihrem Ziel zu. Petain stellte von Madrid aus geheime Kontakte 
zu den Mächten her, auf deren Hilfe er für das Gelingen seiner Pläne vor 
allem rechnen konnte. Seine Fäden zum Vatikan liefen über Franco und 
über den päpstlichen Vertreter in Spanien, die Verbindung zu Hitler ging 
über Herrn von Stohrer bei der deutschen Botschaft in Madrid. Laval festigte 
unterdessen in Frankreich das Bündnis mit den militärischen Kreisen, den 
Finanzherren und den Industriemagnaten. 

Was sahen die Pläne Potains vor? „Schaffung günstiger Voraussetzungen 
für die Errichtung des Faschismus in Frankreich und damit für die Heraus- 
bildung eines europäischen faschistischen Blocks, der die Vorherrschaft über 
den ganzen Kontinent ausüben wird. Der Erfolg des Unternehmens hängt 
allein davon ab, ob es gelingt, sowohl im Inneren Frankreichs als auch in 
seinen äußeren Beziehungen eine Zusammenarbeit mit dem Bolschewismus 
zu verhindern" (Aus einem Brief des italienischen Botschafters in Madrid 
an Mussolini vom 29. März 1939). Mit anderen Worten: Der Einfluß, den 
die Sowjetunion auf gewisse europäische Staaten, vor allem auf die Tsche- 
choslowakei und auf Frankreich, ausübte, sollte paralysiert werden. 

Hitler war bereit, Potain und allen faschistischen Gruppen in Frankreich 
bei dem Versuch einer Machtergreifung dieselbe Hilfe angedeihen zu las- 
sen, die er Franco in Spanien gewährte, und sie auch auf dem Gebiet der 



294 



internationalen Politik zu unterstützen, wenn es zu ernsthaften Kompli- 
kationen käme. Potain und seine Freunde waren bereit, im Falle eines 
europäischen Krieges „alles zu unternehmen, um Frankreich abzuhalten, 
denen beizustehen, die sich Deutschlands Forderungen widersetzen". In den 
letzten Jahren vor Kriegsausbruch sah die Petaingruppe eine ihrer Haupt- 
aufgaben darin, das Bündnis mit der Sowjetunion zu unterminieren. Wäh- 
rend der sogenannten Tschechenkrise war ihnen das bereits gelungen. Falls 
zu dieser Zeit ein Krieg ausgebrochen wäre und Petain nicht hätte verhin- 
dern können, daß Frankreich in diesen Krieg hineingezogen wurde, dann 
hätten er und seine Freunde dafür gesorgt, daß „die Macht des bewaffneten 
Frankreichs nicht gegen das Dritte Reich zum Einsatz kommt". 

Papst Pius XI. und sein Staatssekretär erteilten Potains Plan ihren Segen. 
Pacelli ließ jedoch Hitler wissen, der Vatikan sähe es lieber, daß „die natio- 
nalen und internationalen Probleme ohne das Risiko eines neuen großen 
Krieges gelöst würden". Er bat Hitler, Mittel und Wege zu finden, um 
Frankreich „bei der Errichtung einer gesunden und friedlichen Regierung, 
die mit Deutschland beim Wiederaufbau eines christlichen Europas zu- 
sammenarbeitet, zu helfen" (Kardinal Seredi am 6. April 1940). 

Von der Verschwörertätigkeit Potains und seiner Freunde und von ihren 
Verbindungen mit dem Vatikan und mit Hitler erhielt die französische 
Regierung Kenntnis. Über die wichtigsten Schritte Potains wurde Minister- 
präsident Daladier schriftlich unterrichtet. Aber zur Verwunderung derer, 
die ihm regelmäßig darüber Vortrag hielten, erklärte Daladier, er wisse 
sehr wohl, was vorgehe, könne jedoch „nichts dagegen unternehmen". 

Der Krieg brach aus. Potain und seine Freunde trieben ihr verräterisches 
Spiel weiter und verstärkten ihre Aktivität. In dem Kapitel über Deutsch- 
land befaßten wir uns bereits mit den Zusicherungen, die der Vatikan kurz 
vor Kriegsausbruch Hitler über die voraussichtliche Haltung Frankreichs 
machte. Sie stammten aus dieser Quelle. Petain erhielt seinerseits über Stoh- 
rer und den päpstlichen Legaten so weitgehende Informationen, daß er dies 
mit Recht für eine indirekte Bestätigung seiner Zuverlässigkeit durch 
Deutschland halten konnte. Aber bei aller Entschlossenheit, seinen Plan zu 
verwirklichen, war er sich noch immer nicht ganz klar, ob nicht „die deut- 
sche Unterstützung mit der eigenen militärischen Niederlage zu hoch be- 
zahlt" sei. 

Die landesverräterische Aktivität Petains, Lavais, Weygands und ihrer 
Mitverschworenen vervielfachte sich nach Frankreichs Kriegseintritt. Seit 
Jahren hatten sie daran gearbeitet, alle Schlüsselpositionen in der Armee mit 
ergebenen Offizieren zu besetzen. Potain selbst kehrte, um in diesen ent- 
scheidenden Tagen engere Fühlung mit denen zu haben, die seine Wünsche 
teilten, nach Paris zurück. Hier warb er einige Regierungsmitglieder für 



295 



seine Pläne und bat sie, ihm die Genehmigung zu verschaffen, die Hälfte 
seiner Zeit in Madrid — wo er die internationalen Kontakte unterhielt - und 
die andere Hälfte in Frankreich zu verbringen, wo er mit Hilfe seiner 
Agenten die Verwirklichung seiner militärischen und politischen Pläne lei- 
tete. Aber diese Genehmigung erhielt er nicht; er hatte beim Minister- 
präsidenten und bei anderen Politikern bereits zuviel Verdacht erregt. In 
seiner Verbitterung über diese Ablehnung sprach er Worte, die mehr als alles 
andere enthüllten, was sich hinter den Kulissen abspielte. Er sagte: „Sie 
werden mich in der zweiten Maihälfte noch brauchen." In der zweiten Mai- 
hälfte wollte Deutschland seine Offensive im Westen beginnen. Hitler hatte 
seine Pläne mit dem Papst und Potain abgestimmt. (Siehe Ci-devant 1941 
von dem damaligen französischen Minister Anatole de Monzie) 

Am 19. Mai 1940 wurde Potain nach Paris gerufen und zum stellvertre- 
tenden Ministerpräsidenten ernannt. Wir können hier nicht im einzelnen 
untersuchen, wie es dazu kam. War es bloß ein Schnitzer des Ministerpräsi- 
denten Reynaud? War es auf die Intrigen zurückzuführen, die um Reynaud 
gesponnen wurden? War es das Werk Lavais, des unermüdlichen Verschwö- 
rers? Ob so oder so, Tatsache bleibt, daß sich Petains „Prophezeiung" 
bewahrheitete. Petain nutzte seinen neugewonnenen Einfluß und setzte die 
Ernennung seines Mitverschworenen, des ultrakatholischen und reaktio- 
nären Generals Weygand, zum Oberkommandierenden und die Aufnahme 
zweier katholischer Führer, Baudouin und Prouvost, in das neue Kabinett 
durch. 

Weygand stand in enger Verbindung mit dem päpstlichen Nuntius in 
Paris und stattete ihm vor allem in den letzten Wochen vor dem Angriff auf 
Frankreich auffällig viele „höchst private" Besuche ab. „Ebenso wie Mar- 
schall Petain war Weygand ein bigotter Klerikaler und ein Feind der repu- 
blikanischen Verfassung", heißt es im Annual Register. Weygand stammte 
aus dem belgischen Adel. Er war berüchtigt wegen seines Hasses gegen das 
republikanische Regime und die „gottlosen Sozialisten und Bolschewisten". 
Seine erste Amtshandlung bestand darin, das französische Kabinett offiziell 
zu informieren, daß die Verteidigung Frankreichs aussichtslos sei. Petain 
unterstützte diese Meinung Weygands. 

Auf politischem Gebiet griff Laval das Stichwort seiner Freunde auf. 
Einflußreiche Kreise, die an der sofortigen Einstellung der Feindseligkeiten 
interessiert waren, unterstützten seine Behauptung, daß alle, die den Kampf 
fortzusetzen wünschten, obwohl Weygand und Potain die Niederlage als 
unvermeidlich bezeichneten, schuld seien, wenn noch viele Franzosen sterben 
müßten. 

Laval war Katholik von Geburt und, ähnlich wie Franz von Papen, 
Kammerherr am päpstlichen Hof. Man kann ihn in gewissem Sinne als den 



296 



führenden katholischen Politiker Frankreichs bezeichnen. Er war der erste 
Minister der Dritten Republik, der dem Vatikan einen Besuch abstattete 
(1935). Mit großer Gewandtheit verstand es Laval, hohe Würdenträger der 
katholischen Kirche bei bestimmten Stellen hinter den Kulissen des fran- 
zösischen politischen Lebens einzuführen, um den Einfluß der Kirche zu 
stärken. Seine engen Verbindungen mit dem Vatikan knüpfte Laval im 
Jahre 1935, als er mit Mussolini besprach, wie Italien vorgehen müßte, 
wenn es Abessinien angreifen wollte, ohne auf ernsthafte internationale 
Schwierigkeiten zu stoßen. Über Lavais Besuch beim Papst schrieb Le Temps 
am 11. 1. 1935: 

„Seine Heiligkeit der Papst sprach seine Freude aus, daß nach siebzig Jahren zum 
erstenmal wieder ein Repräsentant der französischen Regierung gekommen sei, nicht nur 
um einen Höflichkeitsbesuch abzustatten, sondern um die Huldigung der französischen 
Nation zu überbringen. Herr Laval trug den Orden Pius' IX., der ihm von Pius XI. 
verliehen worden war. Der Papst überreichte Herrn Lavais Tochter einen goldenen 
Rosenkranz und eine Koralle. Als Gegengeschenk übergab Herr Laval Seiner Heiligkeit 
drei Bücher in kostbarem Einband." 

Laval stand ebenso wie Weygand in enger Verbindung mit dem päpst- 
lichen Nuntius. Als die französische Krise ihren Höhepunkt erreichte (Mai 
und Juni 1940), war er fast täglich zu geheimen Unterredungen bei ihm. 

Petain und seine Anhänger liefen durch Paris und erklärten jedem, der 
es hören wollte: 

„Frankreich braucht eine Niederlage. Ohne Niederlage kann Frankreich nicht genesen. 
Ein Sieg würde lediglich das Regime stärken, das Frankreich in den moralischen Ruin 
geführt hat. Was auch kommen mag, alles ist besser als die Fortdauer eines so verah- 
scheuungswürdigen Regimes. Eine Niederlage, der ein rascher Friedensschluß folgt, 
wird Frankreich vielleicht eine Provinz, ein paar Häfen und einige Kolonien kosten. Was 
ist das im Vergleich mit der Wiedererstehung des französischen Imperiums ?" (Elie Bois 
in Truth on the Tragedy of France) 

Als die Verschwörer um Petain mit ihrem Plan gut vorangekommen 
waren, tauchten auf einmal unerwartete Schwierigkeiten auf. Mussolini 
stellte plötzlich höhere Forderungen an Frankreich. Er verlangte nicht nur 
die Abtretung von Nizza, Savoyen und Tunis, sondern wünschte darüber 
hinaus in den Krieg einzugreifen und mit seinen Truppen in Paris einzu- 
marschieren, um zu demonstrieren, daß seine faschistische Armee Anteil 
hatte an der Vernichtung der „durch Freimaurer, Juden und Bolschewisten 
zersetzten französischen Plutokratie". 

Der Wunsch Mussolinis, sich am Kriege zu beteiligen, wurde Anfang 
1940 bekannt. Er wurde am 29. Februar 1940 durch Graf Ciano in einer 
Erklärung gegenüber dem päpstlichen Nuntius in Italien, Erzbischof Bor- 
gongini-Duca, bestätigt: 



297 



„Ich habe den Eindruck, daß bald eine große Offensive ander französischen Front aus- 
brechen wird, und für diesen Fall sehe ich voraus, daß Deutschland alle Anstrengungen 
machen wird, uns in den Krieg hineinzuziehen." 

Petain, Weygand und Laval wurden darauf beim Papst vorstellig und 
baten ihn, alles zu tun, Italien vom Kriegseintritt abzuhalten, damit „Frank- 
reich nicht noch größere Schwierigkeiten hat, aus der Sackgasse heraus- 
zukommen". 

Der Papst nahm in dieser Frage mehrmals mit Mussolini Verbindung auf. 
Er bediente sich dabei des Fraters Tacchi Venturi, der als eine Art Mittels- 
mann zwischen dem Papst und Mussolini tätig war. Aber Mussolini ließ 
sich von seinem Wunsch nicht abbringen. Der Papst bat darauf Hitler, zu 
intervenieren. Hitler versprach, sein Bestes zu tun, äußerte aber, er könne 
Italien „nicht abhalten, den Weg einzuschlagen, den Mussolini im Interesse 
des neuen Europas für richtig hält". 

Als Ribbentrop schließlich im März beim Papst vorsprach, um sicher- 
zustellen, daß die Verabredungen hinsichtlich Frankreichs Kapitulation 
eingehalten würden, hatten seine Unterredungen mit dem'Papst und mit 
den Franzosen einen solchen Erfolg, daß der Naziminister in einem Anfall 
von Optimismus erklärte: 

„Frankreich und Deutschland werden noch innerhalb dieses Jahres Frieden suchen 
und finden. Ein neues Frankreich wird der große Partner des Dritten Reiches beim 
Aufbau eines neuen Europas werden. Dies ist die feste Überzeugung aller Deutschen." 
(12. März 1940) 

Unterdessen erklärten Petain und seine Komplicen dem Papst, daß 
„Frankreichs Ehre und seine nationalen Interessen die entwürdigende Tat- 
sache einer italienischen Besetzung französischen Territoriums" nicht zu- 
ließen und der „ganze . . . Plan zur Annäherung zwischen Frankreich und 
Deutschland außerordentlich gefährdet" sei, wenn Mussolini Frankreich den 
Krieg erkläre. 

Da Mussolini auf die Beschwichtigungsversuche des Papstes nicht einging, 
begann der Papst in Italien eine Friedenskampagne.* 

Der faschistische Botschafter beim Heiligen Stuhl, Alfieri, protestierte in 
Mussolinis Auftrag beim Papst gegen solche kirchlichen Demonstrationen 
für den Frieden „in Italien". 

Inzwischen nahte der Zeitpunkt, in dem Hitler den Angriff auf Frank- 
reich beginnen wollte. Da die französischen Verschwörer nach wie vor Zu- 
sicherungen verlangten, daß Mussolini ihr Land nicht angreife, sandte der 
Papst ein Handschreiben an Mussolini, das mit den Worten schloß : 

* Weitere Einzelheiten darüber sind in den Erklärungen des früheren französischen 
Botschafters beim Heiligen Stuhl, Francois Charles-Roux, zu finden. (Revue de Paris, 
August 1946) 



298 



„Mögen Europa weitere Ruinen und weitere Tranen erspart bleiben, möge aber vor 
allem unser geliebtes Land von einer Katastrophe verschont werden." 

Mussolini schrieb in seiner Antwort : 

„Ich möchte Ihnen, Heiligster Vater, versichern: Falls Italien morgen in den Krieg 
eintritt, so bedeutet dies unmißverständlich, daß die Ehre, die Interessen und die Zukunft 
unseres Landes diesen Schritt notwendig gemacht haben." 

Mussolini beauftragte den Unterstaatssekretär Guidi, dem Erzbisch of 
Borgongini-Duca mitzuteilen, daß sich Italien endgültig entschlossen habe, 
in den Krieg einzutreten (22. Mai 1940). Graf Ciano eröffnete dies dem 
Papst am 28. Mai. 

Petain und Weygand baten Hitler, Mussolini umzustimmen. Aber Hitler 
antwortete, er sehe sich nicht in der Lage, Mussolini von der Beteiligung 
am Kampf „zurückzuhalten". 

In ihrer Verzweiflung wandten sich Petain und Laval ein weiteres Mal 
über den päpstlichen Vertreter in Madrid an den Papst. „Die gesamte 
Zukunft Frankreichs als katholisches Land wurde durch Mussolinis Ent- 
scheidung gefährdet", erklärten sie. 

Der Papst antwortete, er habe feststellen müssen, daß Mussolini fest ent- 
schlossen sei, in den Krieg einzutreten; er habe daraufhin versucht, den italie- 
nischen Diktator von der Notwendigkeit zu überzeugen, sich „zu diesem 
kritischen Zeitpunkt maßvoll zu verhalten", und ihm ferner zu verstehen 
gegeben, daß seine Forderungen nur erfüllt würden, wenn er mit dem am 
Boden liegenden Frankreich taktvoll umginge. (Aus einer Note des Kardinal- 
staatssekretärs Maglione an Senor Lequerica, der als Mittelsmann zwischen 
dem Vatikan und der Gruppe Petain- Laval tätig war.) 

Laval riet Petain und Weygand, nachzugeben. Als er keinen Erfolg hatte, 
bat er den Papst um Beistand. Der Papst richtete eine persönliche Botschaft 
an Petain, in der er Frankreich aufforderte, sich „mit innerer Stärke und 
mit Realismus der Situation zu beugen". Er versicherte Petain, daß er in der 
Zwischenzeit weiter an Hitler und Mussolini appellieren werde, in ihren 
Bedingungen Maß zu halten und sich nicht von Rachegefühlen leiten zu 
lassen. 

Die Armeen der Nazis hatten Belgien und die Niederlande besetzt. König 
Leopold hatte auf Geheiß Weygands und anderer katholischer Ratgeber 
sowie auf unmittelbare Anweisung des Vatikans kapituliert. Die Nazi- 
truppen näherten sich unaufhaltsam Paris. 

Während all das geschah, führten der Papst und sein Staatssekretär meh- 
rere streng geheime Unterredungen mit dem französischen Botschafter. Die 
letzte dieser Unterredungen fand am 9. Juni 1940, einen Tag vor Mussolinis 
„Dolchstoß in den Rücken", statt. Was die beiden bei diesem Gespräch 



299 



einander zu sagen hatten, ist bisher nicht bekannt geworden. Aber das Datum 
der Unterredung ist bemerkenswert. Man sollte es angesichts der Folgen, die 
daraus erwuchsen, nicht aus dem Auge verlieren. 

Am Tag darauf erklärte das faschistische Italien Frankreich und Groß- 
britannien den Krieg. Faschistische Truppen überschritten die französische 
Grenze und erreichten nach geringfügigen Kämpfen ihre ersten Ziele, Men- 
tone und Nizza. 

Für die Verschwörer war es jetzt an der Zeit, ihre Karten auf den Tisch zu 
legen, um endlich ans Ziel zu kommen. Potain sandte an den Ministerpräsi- 
denten Reynaud einen Brief, der unter anderem die ominösen Zeilen ent- 
hielt: 

„Der Ernst der Situation überzeugt mich, daß die Feindseligkeiten sofort eingestellt 
werden müssen. Dies ist der einzige Schritt, der unser Land retten kann." (Dieser Brief 
fand sich unter den Papieren, die der Marschall nach seiner Verhaftung im Frühjahr 
1945 aus Deutschland mitbrachte.) 

Als Petain diese Worte schrieb, trafen andere Mitglieder des Kabinetts 
alle Vorbereitungen, den Kampf von Nordafrika aus fortzusetzen. Präsident. 
Lebrun und Ministerpräsident Reynaud versuchten vergebens, Petain von 
der Notwendigkeit zu überzeugen, weiterzukämpfen. Sie baten ihn, von 
seiner Absicht, zurückzutreten, Abstand zu nehmen und auf eine Antwort 
Englands zu warten. Wie später bekannt wurde, stammte dieser Brief nicht 
einmal von dem Marschall selbst, sondern war von jemand anderem geschrie- 
ben und dem Ministerpräsidenten zugestellt worden. Potain erklärte dazu 
vor dem Hohen Gericht im Juni 1945: „Ich war nicht dabei, als der Brief 
entworfen wurde. Es wurden darin lediglich meine Gedanken dargelegt." 

Von wem? Von seinen Komplicen Weygand und Laval. Sie schrieben den 
Brief, um die Regierung zu stürzen und sich selbst an die Macht zu bringen. 
Das war nur eine der vielen Intrigen, Bestechungen und Betrügereien, die 
sie verübten, um ihr Ziel zu erreichen. 

Petain war bereits zur Kapitulation Frankreichs entschlossen gewesen, 
bevor die Naziarmeen Paris erreicht hatten. Als Winston Churchill Anfang 
Juni kurze Zeit in Frankreich weilte, um sich mit der französischen Regie- 
rung zu beraten, sagte er, bemüht, Optimismus zu wecken, zu Petain: „Wir 
hatten 1918 schwierige Tage und wir sind durchgekommen. Auch diesmal 
werden wir es schaffen." Darauf erwiderte Potain schroff: „1918 gab ich 
vierzig französische Divisionen, um die britische Armee zu retten. Wo sind 
Ihre vierzig Divisionen, die uns heute retten könnten?" 

Während der Kabinettsitzung an demselben Abend verstärkte sich die 
defätistische Stimmung. Das war vor allem auf die Bemühungen zweier 
Personen zurückzuführen, die den Ministerpräsidenten zur Kapitulation zu 
überreden suchten - auf Helen de Portes und auf den Unterstaatssekretär 



300 



Reynauds, Paul Baudouin, einen fanatischen Katholiken und Komplicen 
Petains. 

Marschall Petain und General Weygand erschienen täglich um 1 1 Uhr bei 
Reynaud. Am 10. Juni, an dem Tage, an dem Mussolini in den Krieg ein- 
trat, kam Weygand unangemeldet und verlas sofort eine Erklärung, in der 
er die französische Regierung aufforderte, zu kapitulieren. Reynaud wies 
Weygands Ansinnen zurück und verließ in der Nacht, begleitet von General 
de Gaulle, Paris in Richtung Orleans. 

Am nächsten Morgen setzte sich General Weygand telephonisch mit Rey- 
naud in Verbindung und teilte ihm mit, daß er Churchill gebeten habe, in 
sein Hauptquartier nach Briare zu kommen, um sich selbst von der Hoff- 
nungslosigkeit der Lage zu überzeugen. 

Im Gegensatz hierzu waren viele Regierungsmitglieder entschlossen, 
weiterzukämpfen, und drängten den Ministerpräsidenten, den Forderungen 
Petains und Weygands nicht nachzugeben. 

Am 12. Juni überzeugten der Innenminister George Mandel, der Prä- 
sident der Nationalversammlung Edouard Herriot, der Senatspräsident Jules 
Jeanneney und General de Gaulle den Ministerpräsidenten, daß es not- 
wendig sei, den Krieg von Nordafrika aus weiterzuführen. Pläne wurden 
entworfen, die es ermöglicht hätten, ungefähr ein halbe Million Soldaten 
von allen zur Verfügung stehenden Häfen aus nach Afrika zu transportieren. 

Der Ministerpräsident befahl General Weygand schriftlich, diesen Plan 
durchzuführen. Weygand fürchtete jedoch, daß die Chance, auf die er und 
seine katholischen Freunde solange hingearbeitet hatten, verspielt würde, 
und führte den Befehl nicht aus. General de Gaulle äußerte sich dazu am 
18. Juni 1945: 

„Am 12. Juni versuchten wir, Herrn Reynaud zu ermutigen. Ich erreichte, daß er mir 
einen schriftlichen Befehl an General Weygand aushändigte. Der Befehl sah Maß- 
nahmen vor wie den Abzug zweier Reservistenjahrgänge, die sich noch in der Ausbildung 
befanden, einiger motorisierter Divisionen aus Belgien, einiger Alpen jagerdi Visionen, 
bestimmter Spezialisten und so weiter - insgesamt etwa 500000 Mann. Die Pläne hierfür 
waren bereits ausgearbeitet. Diese Kräfte sollten über alle Häfen von Brest bis Nizza 
evakuiert werden. Aber General Weygand führte den Befehl nicht aus." 

Die Verschwörer machten sich inzwischen ernste Sorgen über das Ver- 
halten Großbritanniens. Sie wollten erreichen, daß Großbritannien eben- 
falls kapitulierte. Als Churchill am 13. Juni in Tours eintraf, versuchte 
Baudouin ihn — allerdings ohne Erfolg — zur Kapitulation zu bewegen. Rey- 
naud erklärte, daß er telephonisch mit Präsident Roosevelt sprechen müsse, 
bevor er eine Entscheidung treffe. 

Als die Verschwörer erkannten, daß die französische Regierung nicht 
bereit war, zu kapitulieren, und sich weigerte, einem von Petain geführten 



301 



Kabinett den Weg freizugeben, entwickelten sie einen neuen Plan, der dar- 
auf abzielte, die französische Regierung und vor allem das konservative 
England zu schrecken. Sie führten wieder einmal das von den Katholiken 
und den Nazis bereits zuschanden gerittene Gespenst des Kommunismus ins 
Feld. 

Potain sollte versuchen, die französische Regierung durch einen offenen 
Angriff zu stürzen. Falls die Attacke keinen Erfolg hatte, wollte Weygand 
die Nachricht verbreiten, daß die Kommunisten von Paris Besitz ergriffen 
und in der Stadt ein Schreckensregiment errichtet hätten. General de Gaulle 
berichtete darüber am 18. Juni 1945: 

„Potain ging an demselben Tag auf einer Kabinettsitzung im Chateau de Cange zum 
offenen Angriff gegen Herrn Reynaud über. General Weygand gab bekannt, Paris be- 
fände sich in den Händen der Kommunisten. Wir sprachen telephonisch mit Herrn Roger 
Langeron, demPräfekten der Pariser Polizei. Langeron erklärte den Bericht für unwahr." 

Die französische Regierung verlegte ihren Sitz von Tours nach Bordeaux. 
Dort war ein prominenter Katholik und Freund Lavais, Marquet, Bürger- 
meister. Laval war noch nicht in der Regierung, aber er war hinter den Ku- 
lissen emsig am Werk, im Parlament durch Drohungen und Versprechungen 
eine Mehrheit für die Kapitulation zusammenzubringen. 

Ministerpräsident Reynaud erteilte den Parlamentariern abermals den 
Rat, den Kampf, falls notwendig, von Nordafrika aus fortzusetzen. Die Prä- 
sidenten Herriot und Jeanneney unterstützten ihn. Daladier, Mandel und 
andere Kabinettsmitglieder wollten sich in Bordeaux bereits einschiffen, um die 
Regierungsarheit in Nordafrika fortzusetzen. Aber Laval verhinderte das 
Auslaufen. Potain befahl, die Schiffe anzuhalten. Alle, die zu fliehen ver- 
suchten, wurden verhaftet. 

Unterdessen war de Gaulle in England eingetroffen und bemühte sich um 
die Beschaffung des Schiffsraumes, mit dem die französische Regierung und 
ihre Truppen nach Nordafrika transportiert werden sollten. Aber Reynaud 
trat zurück, Petain wurde Ministerpräsident. Am 17. Juni 1940 um 1 Uhr 
nachts erfuhren Churchill und de Gaulle, daß Potain um Waffenstillstand 
gebeten hatte. 

Ob Laval bei der Ernennung Petains zum Ministerpräsidenten die Hand 
im Spiel hatte und über französische, deutsche und päpstliche Gelder ver- 
fügte, ist noch nicht geklärt, aber sehr wahrscheinlich. Einige Wochen später 
hatte er jedenfalls durch seine Machenschaften erreicht, daß dem Marschall 
die höchste Macht im Staat übertragen wurde. Auf einer gemeinsamen 
Sitzung der beiden französischen Kammern, die am 10. Juli 1940 in Vichy 
stattfand, erhielt Petain die entsprechenden Vollmachten. Als Petain vor 
dem Hohen Gericht gefragt wurde, wie er denn zu der Möglichkeit gekom- 
men sei, die Macht zu ergreifen, antwortete er: „Die ganze Angelegenheit 



302 



war von Laval arrangiert worden, ich war nicht einmal anwesend" (nämlich 
in der Nationalversammlung am 10. Juli 1940). 

Als Potain auf diesem Wege „Staatschef" geworden war, bestand seine 
erste Amtshandlung darin, das Waffenstillstandsdokument zu unterzeichnen. 
Danach entledigte er sich aller Freunde, die den Kampf gegen die Nazis 
fortsetzen wollten. Er verhaftete sie, sperrte sie ein und verfolgte sie. Die 
neue katholische, reaktionäre Diktatur nahm sofort den Kampf gegen die 
Kommunisten auf. 

Zu dieser Zeit hatten die Nazis Paris und halb Frankreich besetzt. Die 
französische Armee, Marine und Luftwaffe hatten kapituliert. Die Mit- 
glieder der alten Regierung befanden sich entweder auf der Flucht oder in 
Haft. Die Verfassung war außer Kraft gesetzt, das Parlament hatte sich 
selbst aufgelöst. Petain hatte sein Ziel durch die militärische Niederlage 
seines Landes erreicht: Er war Chef eines klerikal -faschistischen Staates ge- 
worden. So endete die Dritte Republik. 

Der Papst erteilte Petain, Weygand, Laval und ihren Helfershelfern 
seinen Segen und scheute sich nicht, seine Befriedigung darüber zu äußern, 
daß sich die Dinge in dieser Richtung entwickelt hatten. Im Juli 1940 
richtete er einen Brief an die französischen Bischöfe. Wer annimmt, daß er 
in diesem Brief die Bischöfe aufforderte, den Invasoren Widerstand zu 
leisten und ihren Befehlen den Gehorsam zu verweigern, oder daß er den 
Bischöfen befahl, ihren Gläubigen Rebellion zu predigen, wie er einige Jahre 
zuvor die spanischen und mexikanischen Bischöfe aufgefordert hatte, 
Rebellion gegen ihre demokratischen Regierungen zu predigen - wer das 
annimmt, der irrt. Nichts lag dem Papst ferner als das. Er ermahnte die 
Bischöfe, angestrengter als bisher zu arbeiten, denn „die schlimmen Schick- 
salsschläge, mit denen Gott heute Euer Volk heimgesucht hat, geben Uns 
die sichere Gewißheit, daß die Voraussetzungen für eine verstärkte geist- 
liche Tätigkeit, für die Wiedererweckung der gesamten Nation günstig 
sind". 

Als d er neue französische Botschafter beim Heiligen Stuhl sein Beglau- 
bigungsschreiben überreichte, versprach Pius XII., daß die Kirche bei dem 
Werk der „moralischen Wiedergeburt", das Frankreich auf sich genommen 
habe, mitarbeiten und es warmherzig unterstützen werde. 

Das offizielle Organ des Vatikans, der Osservatore Romano, veröffent- 
lichte am 9. Juli 1940 einen Artikel, in dem Marschall Petain gerühmt und 
seine Bemühungen um die „Rettung Frankreichs" in den Himmel gehoben 
wurden. Der Artikel sprach von dem „guten Marschall, der mehr als ein 
anderer Mann die besten Traditionen seiner Nation verkörpert". Der Artikel 
endete mit einem Hinweis auf den „Anbruch eines neuen, strahlenden Tages 
nicht nur für Frankreich, sondern für Europa und die ganze Welt". 



303 



Diese Lobreden riefen überall, namentlich in England und in den USA, 
heftige Proteste hervor. Der Vatikan sah sich gezwungen, einen Kardinal 
vorzuschicken. Kardinal Hinsley, der als britischer Kirchenfürst das Ohr 
der englisch sprechenden Katholiken besaß, erhielt den Auftrag, die Briten 
und Amerikaner über die offene Unterstützung der faschistischen Regime 
Petains und Hitlers durch den Vatikan zu beruhigen. Hinsley erklärte als 
„vatikanische Autorität", daß der Artikel weder offiziell inspiriert noch 
offiziell gebilligt worden sei; er stelle lediglich eine Antwort auf eine An- 
frage der französischen katholischen Jugendorganisation dar, die sich Öffent- 
lich für die Unterstützung Potains und seiner neuen Regierung ausge- 
sprochen habe. 

Eine der ersten Taten des neuen französischen „Staatschefs" war, die revo- 
lutionäre Devise Frankreichs „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" ab- 
zuschaffen und an ihre Stelle die Devise „Arbeit, Familie, Vaterland" zu 
setzen, die den Interessen der Kirche entsprach. In seinen Aufrufen und 
Appellen an die französische Bevölkerung wiederholten sich ständig die 
Begriffe „Disziplin und Gehorsam". Er erklärte, das neue Frankreich 
werde sich von allen traditionellen Freundschaften (mit Großbritannien) 
und Feindschaften (mit Deutschland und Italien) lossagen. Gleichzeitig gab 
er bekannt, daß er Hitler gebeten habe, gleichberechtigt an seiner Seite bei 
der Schaffung der Neuen Ordnung in Europa mitwirken zu dürfen. 

Potain und die Kirche verfolgten in Frankreich zwei Ziele: den Staat in 
seinem Innern nach den Grundsätzen des Ständesystems aufzubauen und ihn 
nach außen zum Kern eines katholischen Staatenblocks zu machen. 

Zunächst zum inneren Ziel. Potain war entschlossen, den Sozialismus und 
den Kommunismus in Frankreich auszurotten. Er beabsichtigte, einen 
Ständestaat entsprechend den Richtlinien der Enzyklika Quadragesimo Anno 
zu errichten. Wir wissen bereits, daß darunter ein faschistisches Staatswesen 
ähnlich dem in Italien zu verstehen war, in dem die Gewerkschaften durch 
staatlich geleitete Ständeorganisationen ersetzt wurden. 

In der Industrie wurden alle sozialen Fragen nach den päpstlichen Enzy- 
kliken und der faschistischen Ideologie geregelt. 

Petain stellte ebenso wie Hitler und Mussolini die kinderreiche Familie 
als Ideal hin. Er organisierte die französische Jugend in halbmilitärischen 
Formationen nach dem Muster der Hitlerjugend. Er hob alle Gesetze auf, 
die in der Dritten Republik den Machtbereich der Kirche eingeschränkt 
hatten, führte den obligatorischen Religionsunterricht an allen französischen 
Schulen ein und erlaubte den Priestern, in den staatlichen Schulen wieder 
Unterricht zu erteilen. Kurz, Potain imitierte Hitler und Mussolini in jeder 
Beziehung, nur bezüglich des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche ging 
er „eigene Wege" und räumte der Kirche weit größere Rechte ein. 



304 



Im Oktober 1941 verkündete Petain nach dem Vorbild Italiens ein großes 
Gesetzeswerk, La Charte du Travail. Dieses Arbeitsgesetz stützte sich vor 
allem auf die Lehren von La Tour Du Pin und Le Mun, die Ende des 
19. Jahrhunderts als Pioniere einer sozialen Reformbewegung aufgetreten 
waren. Gemäß diesen Lehren forderte das Arbeitsgesetz friedliche Bezie- 
hungen zwischen gutwilligen und freigebigen Unternehmern und zu- 
friedenen und ehrerbietigen Arbeitern. Das Gesetz fußte auch auf der 
Soziallehre der katholischen Kirche, die in den Enzykliken Leos XIII; und 
Pius* XL dargelegt war und die Wiedererrichtung der mittelalterlichen 
Gilden und Stände vorsah. 

Die Arbeitsgesetzgebung Petains ähnelte vor allem der entsprechenden 
Gesetzgebung der autoritären Regime in Portugal, Spanien und Italien. Alle 
Handels- und Industrieunternehmen wurden in sogenannte Familles Pro- 
fessionelles unterteilt. Diese bildeten den Rahmen des Ständewesens und 
hatten die Aufgabe, alle Angehörigen des betreffenden Berufes oder Wirt- 
schaftszweiges in sich zu vereinen. 

Auch die Bauern erhielten ihre gesetzliche Standesorganisation, die 
Corporation Paysanne. Petain versuchte gemäß den Lehren des Katho- 
lizismus Frankreich wieder in ein Agrarland zu verwandeln. Die Kirche 
lehrte, daß die Massenapostasie der modernen Welt wesentlich auf die 
„Seuche der Industrie" zurückzuführen sei. In den Industriebezirken gebe 
es Millionen abtrünniger Katholiken, in den ländlichen Bezirken dagegen 
halte die Bevölkerung im allgemeinen treu zur Kirche. 

In enger Verbindung mit all diesen Maßnahmen stand Petains Politik 
zur „Sicherung der Familie". Ebenso wie Mussolini und Hitler forderte 
Potain alle Männer und Frauen Frankreichs auf, soviel Kinder wie möglich 
in die Welt zu setzen. Den fruchtbarsten Familien winkten Preise und 
Prämien. Potain ließ sich, nach der Manier Mussolinis, umgeben von 
Familien mit zehn, zwölf und vierzehn Kindern, photographieren. Er schenkte 
den Müttern dieser Familien sein Bild und stellte sie in seinen Reden als 
Vorbild hin. Die Gesetzgebung sicherte den großen Familien weitgehende 
Vorteile. Arbeiter mit großen Familien erhielten Lohnzulagen. Die Frauen- 
arbeit wurde eingeschränkt, im öffentlichen Dienst, im Kolonialdienst und 
im Verkehrswesen durften keine verheirateten Frauen beschäftigt werden. 
Die Aufgabe der verheirateten Frau hatte darin zu bestehen, der Nation die 
Kinder großzuziehen. Die Scheidung wurde außergewöhnlich erschwert, 
wenn nicht unmöglich gemacht. Für Abtreibung wurde die Todesstrafe ein- 
geführt. Im März 1942 machte Petain nach dem Vorbild der Nazis Haus- 
wirtschaft und Kindererziehung zu Pflichtfächern für Mädchen. Allen 
Schülern an den Grundschulen mußte bevölkerungspolitischer Unterricht 
erteilt werden. 



20 M359 



305 



Bei allen Rundfunksendern wurden besondere Abteilungen für die Pro- 
pagierung des Familienschutzes eingerichtet. Ausstellungen über die Pflege 
des Familienlebens und über die Arbeit der Vereinigung zum Schutz der 
Familie wanderten durch das ganze Land. Kinderreiche Familien erhielten 
als Auszeichnung einen Familienorden. 

Die Organisierung und Erziehung der französischen Jugend erfolgte, wie 
bereits erwähnt, nach dem Vorbild der Hitlerjugend, aber unter starker 
Betonung des katholischen Gedankenguts. Die Jugendorganisationen waren 
totalitär, erfaßten in ihrer Mehrzahl das ganze Land und wurden vom Staat 
kontrolliert. Eine von ihnen, die sich mit der Ausbildung der Landjugend 
befaßte, nannte sich Service Civique Rurale; sie war ein Zweig der Corpo- 
ration Paysanne. 

Die wichtigste dieser Organisationen, die sowohl die ländliche als auch 
die städtische Jugend umfaßte, nannte sich Chantier de la Jeunesse. Alle 
Jugendlichen im Alter von 18 bis 22 Jahren mußten in dieser dem nazi- 
stischen Arbeitsdienst ähnlichen Organisation einen sogenannten nationalen 
Pflichtdienst leisten. Sie wurden in Lagern zusammengefaßt, in denen 
militärische Disziplin herrschte. Die Löhnung betrug pro Tag 1 Franc 
50 Centimes*. Die Jugendlichen mußten als billige Arbeitskräfte für den 
Staat und für große Industrieunternehmen arbeiten. 

Ferner gab es die Organisation der sogenannten Compagnons de France. 
Sie mußten sich verpflichten, für wenig Geld schwere Arbeiten zu ver- 
richten, sich einer strengen Disziplin zu unterwerfen und regelmäßig am 
katholischen Gottesdienst teilzunehmen. 

Die besondere Sorge des Marschalls galt dem Jugendverband Les Jeunes 
du Marichal) einer Nachahmung der Schutzstaffeln und Leibwachen Hitlers 
und Mussolinis. Voraussetzungen für den Eintritt in diese Organisation 
waren Treue zum Katholizismus und fanatischer Haß gegen den Sozialismus 
und den Kommunismus. Viele Mitglieder dieser Organisation kämpften in 
der französischen antibolschewistischen Legion an der „Ostfront". 

Die Association Catholique de la Jeunesse Frangaise, der vor allem Studen- 
ten angehörten, befaßte sich mit der religiösen Erziehung der Kinder. 

Die Jeunesse Ouvriire Chritienne orientierte sich hauptsächlich auf die 
Arbeiterjugend. Außerdem gab es die Studentenorganisation Jeunesse 
titudiante Chritienne und schließlich die Scouts de France^ die französischen 
Pfadfinder. Sie standen völlig unter kirchlicher Kontrolle und wurden von 
einem Dominikaner geleitet, der Petain unmittelbar verantwortlich war. 

Um die französische Jugend mit faschistischem Geist zu durchdringen, 
befaßte sich Petain vordringlich mit den Aufgaben des französischen 

* 77* Pfennig. 



306 



Erziehungswesens. Vor der Französischen Revolution hatte die Kirche das 
unumschränkte Erziehungsmonopol inne. Das Erziehungswesen der franzö- 
sischen Republik war jedoch dafür bekannt, daß es in scharfem Gegensatz 
zu den Lehren und Ansprüchen der Kirche stand. Napoleon hatte die mitt- 
leren und höheren Ausbildungsstufen der staatlichen Kontrolle unterstellt 
und das Erziehungswesen in hohem Maße zentralisiert. Sein Erziehungs- 
minister entwarf einen ausführlichen Lehrplan, der den Kindern einen 
umfangreichen Überblick über die Kultur und das Wissen ihrer Zeit gab. 
Das napoleonische Erziehungswesen arbeitete auch mit der Kirche zu- 
sammen, aber die Kirche hatte sich dem Staat unterzuordnen. Die Grund- 
schulen blieben unabhängige, private Einrichtungen vorwiegend religiösen 
Charakters, aber auch sie unterstanden der Kontrolle des Staates. 

Im Jahre 1833 bezog König Louis Philippe auch die Grundschulen in das 
staatliche Schulsystem ein, gestattete aber gleichzeitig den privaten Grund- 
schulen weiter zu unterrichten. Dadurch sicherte er sich, wie später Napo- 
leon III., die politische Unterstützung der Kirche. Um 1854 unterhielt die 
Kirche 1081 private Lehranstalten. 

In der Dritten Republik triumphierte der Antiklerikalismus. Der Religions- 
unterricht wurde durch Gesetz an allen staatlichen Schulen abgeschafft. 
Allen Angehörigen religiöser Orden, die keine staatlichen Examen bestanden 
hatten, wurde das Recht zur Lehrtätigkeit aberkannt. 1934 besuchten 
80 Prozent der grundschulpflichtigen Kinder und 50 Prozent der Mittel - 
und Oberschüler staatliche Schulen. An den religiösen Erziehungsstätten 
stellten die Mädchen den größten Anteil der Schüler. Als 1936 der Besuch 
der staatlichen Schulen kostenlos wurde, erlitten die katholischen Schulen, 
von denen die meisten durch die Schulgelder ihrer Schüler unterhalten 
wurden, erhebliche Verluste. Die staatliche Erziehung hatte einen weiteren 
Sieg errungen. 

So sah das französische Erziehungswesen vor dem Zusammenbruch der 
Dritten Republik aus. Der Staat gewährte seinen Kindern eine kostenlose, 
weltliche und äußerst liberale Erziehung, frei von jeder kirchlichen Ein- 
mischung. Die Kirche protestierte zwar immer wieder heftig dagegen, ohne 
aber etwas Wesentliches daran ändern zu können. 

Als Potain an die Macht kam, änderte sich die Situation grundlegend. 
Der katholischen Kirche wurde Zug um Zug die Kontrolle über das Erzie- 
hungswesen übertragen. 

Petain setzte durch eine Verordnung das Gesetz vom 7. Juli 1904 außer 
Kraft, das die Angehörigen religiöser Kongregationen von der Lehrtätigkeit 
an Schulen und Universitäten ausschloß. 

Am 29. Juli 1940 gab der neue Erziehungsminister Mireaux, früher 
Herausgeber der Zeitung Le Temps, die Abschaffung der beratenden 



307 



Lehrerkollegien an den höheren Schulen bekannt. Dieses Gremium war be- 
rechtigt gewesen, über die Zusammensetzung des Lehrkörpers zu entscheiden. 

Die tiColes Normales <T Instituteurs, die Lehrerbildungsanstalten, wurden 
aufgelöst. An ihre Stelle traten Spezialkurse für Lehranwärter der höheren 
Schulen. 

Die katholischen Schulen wurden den staatlichen Schulen gleichgestellt 
und von nun an ebenfalls vom Staat finanziert. Die Schulbücher wurden 
unter der persönlichen Überwachung Potains neu geschrieben. Viele Schul- 
bücher der Dritten Republik fielen dem Verdammungsurteil der katho- 
lischen Kirche zum Opfer, weil sie angeblich antireligiöse und antikatho- 
lische Propaganda enthielten. 

Petain versprach dem Vatikan und der französischen Hierarchie, der 
Kirche in Erziehungsfragen weitgehende Privilegien zu gewähren. Der 
Vatikan übermittelte Petain durch den Kardinal Suhard, er erwarte, daß 
Petain die Erziehungsgesetzgebung dem kanonischen Recht anpasse, in dem 
es im 1. Abschnitt des Kanon 1372 heißt: 

„Die Gläubigen sind von Jugend an derart zu erziehen, daß ihnen nichts beigebracht 
wird, was der katholischen Religion und den ehrbaren Sitten widerstrebt ; die Erziehung 
muß somit vor allem eine religiös-sittliche sein." (Zitiert nach Das kirchliche Gesetzbuch 
von Prälat Dr. Anton Pera thoner, em. Auditor der römischen Rota, Bressanone, 1926) 
Und im Kanon 1375: „Die Kirche hat das Recht, nicht nur Elementar-, sondern auch 
Mittel- und Hochschulen zu errichten." (ebenda) 

Petain behielt zwar die zentralisierte Organisation des Erziehungswesens 
bei, unterstellte es aber unmittelbar den Jesuiten. 

Alle diese Maßnahmen stießen auf den heftigsten Widerstand der Grund - 
schullehrer, die wegen ihres republikanischen Geistes bekannt waren. Petain 
gelang es trotz zahlreicher Repressivmaßnahmen nicht, die Opposition der 
Grundschullehrer zu brechen. 

Die Dritte Republik hatte an ihren Schulen keinen obligatorischen Reli- 
gionsunterricht gekannt. Es gab wahlfreien Religionsunterricht, der aber 
oft nur so gering besucht wurde, daß die Schuldirektoren ihn nach Rück- 
sprache mit dem Recteur d'Acade'mie vom Lehrplan absetzten. Potain war 
es vorbehalten, den obligatorischen Religionsunterricht an den Schulen ein- 
zuführen. Er schuf außerdem eine spezielle Kommission zur Überwachung 
der Bücher, die in den höheren Schulen benutzt wurden. Vor allem der 
Geschichtsunterricht wurde gründlich geändert; der Schwerpunkt des Unter- 
richts wurde auf das vorrevolutionäre Frankreich gelegt. In den Kapiteln 
über die Gegenwart wurden eingehend die Mängel der Dritten Republik 
behandelt und die Vorzüge eines Staates gerühmt, der auf den Grundlagen 
der Disziplin, des Gehorsams und des Respektes vor der Autorität der Kirche 
beruhte. 



308 



Petains Erziehungspolitik war klerikal und reaktionär. Er wollte die 
höhere Bildung auf eine bevorzugte kleine Schicht beschränken; die Masse 
der Jugendlichen sollte auf dem Land und in den Fabriken arbeiten, für sie 
genügte daher, daß sie lesen, schreiben und gehorchen lernte. Auch der 
Antisemitismus wurde gefördert. Geschichtsbücher jüdischer Autoren wur- 
den verboten. Kurz, die französische Jugend wurde nach dem Vorbild der 
Nazis erzogen. 

Petains Regime stellte sich die Aufgabe, den Einfluß, die Grundsätze und 
die Methoden der Dritten Republik auf allen Gebieten des gesellschaft- 
lichen Lebens auszumerzen. Es ist unmöglich, hier alle Einzelheiten dieser 
Entwicklung aufzuführen. Wir denken, daß die genannten Tatsachen dem 
Leser bereits eine hinreichende Vorstellung über die Art der Reformen ver- 
mittelten. Sie wurden trotz des Widerstandes der französischen Bevölkerung 
im allgemeinen durchgesetzt. 

Zu erwähnen wäre noch die Einrichtung einer Filmzensur. Sie hatte die 
Aufgabe, „teuflische Einflüsse auf die französische Jugend zu unterbinden". 

Auch eine Art katholischer Gestapo wurde eingeführt. Über ihre Arbeits- 
weise erfahren wir einiges aus einer Anordnung des Innenministers Peyrou- 
ton, der am 20. November 1940 die Präfekten aller Departements ver- 
pflichtete, ihre Untergebenen „moralisch zu kontrollieren". Die örtlichen 
Chefs de Cabinet, deren Berufung auf Grund „moralischer und sozialer" 
Qualifikation zu erfolgen hatte, sollten ihnen bei der Durchführung der 
damit verbundenen Aufgaben zur Seite stehen. 

Petain wünschte als entschiedener Gegner aller demokratischen Ideale die 
Wahlen abzuschaffen. Da er dies aber nicht ohne weiteres tun konnte, führte 
er die sogenannte Familienstimme als ersten Schritt in dieser Richtung 
ein. Das hieß, daß bei künftigen Wahlen nur der Haushaltungsvorstand 
wählen durfte. 

Vereinigungen, die sich gegen die katholische Kirche richteten oder die 
die katholische Kirche als ihre Gegner ansah, wurden unterdrückt oder ver- 
boten. Die Kirche aber erhielt alle alten Freiheiten und Privilegien schritt- 
weise zurück. Auch die Rückgabe der kirchlichen Ländereien und Liegen- 
schaften, die nach der Trennung der Kirche vom Staat noch nicht veräußert 
worden waren, wurde in die Wege geleitet. Vor allem die religiösen Orden 
hatten davon Gewinn. Während die Steuern für die gesamte Bevölkerung 
anstiegen, wurde die Besteuerung des kirchlichen Eigentums wesentlich 
gesenkt. 

Die Beziehungen zwischen dem Petainregime und der Kirche blie- 
ben jedoch nicht frei von Mißtönen. Die gleichen Schwierigkeiten, die 
bei den faschistischen Regimen auftauchten, stellten sich in Frankreich 
ein. Der Streit entzündete sich ebenso wie in Italien und Deutschland 



309 



an der Jugendfrage. Die Kirche erhob Klage, daß das neue Regime in den 
Fragen der Erziehung zu sehr auf die patriotischen Gedanken und nicht 
genügend auf die Verbreitung der katholischen Lehre Wert lege. Die Geist- 
lichkeit wandte sich sogar einmal gegen den Religionsunterricht in der 
Schule, weil der Unterricht dort infolge der antiklerikalen Einstellung vieler 
Lehrer nicht wirklich katholisch sei. Aber diese Unstimmigkeiten änderten 
nichts an der Tatsache, daß die Kirche und Petain in den wesentlichen 
Fragen übereinstimmten. Sie gingen gemeinsam an die Ausarbeitung eines 
Konkordats, das für die katholische Kirche nahezu unumschränkte Privilegien 
vorsah, Privilegien, die nur mit denen zu vergleichen waren, die sie vor der 
Französischen Revolution besaß. 

Wie verhielt sich die katholische Kirche zu dem von Potain errichteten 
autoritären Regime? 

Aus dem, was wir bisher untersuchten, geht klar hervor, daß die katho- 
lische Kirche dem Regime nicht nur günstig gesinnt war, sondern es offen 
und direkt aus vollem Herzen unterstützte, allerdings mit der einen Ein- 
schränkung, daß diese Politik nicht mit den Interessen der Kirche in anderen 
Teilen der Welt in Kollision geriet. Wir schilderten auch bereits, wie sich 
der Vatikan vor dem Juni 1940 in die inneren Angelegenheiten Frankreichs 
einmischte, um jenen Wechsel des politischen Systems zu erreichen, der so 
günstige Bedingungen für die geistige und politische Vorherrschaft der 
katholischen Kirche schuf. 

Daß der Vatikan die französische Hierarchie anwies, sich auf die Seite 
Potains zu schlagen, steht außer Zweifel. Der beste Beweis hierfür ist die 
Tatsache, daß die französische Hierarchie, mit wenigen bemerkenswerten 
Ausnahmen, das neue Regime von seinen ersten Anfängen an wärmstens 
unterstützte. Erst viel später geschah es hin und wieder, daß die franzö- 
sischen Bischöfe und selbst der Vatikan einige Worte des Protestes äußerten; 
aber diese Proteste richteten sich niemals gegen Hitler, niemals gegen das 
Nazisystem, niemals gegen das faschistische Petainregime. Sie wurden ledig- 
lich erhoben, wenn Petain oder Hitler gewisse Versprechen, die sie der 
Kirche gegeben hatten, nicht hielten; wenn es zu Differenzen über Erzie- 
hungsfragen oder über die geistliche Betreuung der Arbeiter oder zu Über- 
griffen auf Gebiete kam, die in die Interessensphäre der Kirche fielen. 

In der ersten Zeit protestierte nicht ein einziger französischer Prälat, 
dessen Stimme Gewicht gehabt hätte, gegen die Nazis oder gegen Potain. 
Erst allmählich, als die Kirche erkannte, wie stark der Haß des französischen 
Volkes gegen die Nazis und gegen Petain war, als der französische Patrio- 
tismus erwachte und die Widerstandsbewegungen erstarkten, machte sie hier 
und da einige Zugeständnisse und gestattete einigen französischen Bischöfen 
oder Kardinälen, ihrem Unwillen Ausdruck zu verleihen. Trotzdem blieben 



310 



die Beziehungen zwischen der Kirche und Petain sehr herzlich. Die höhere 
Geistlichkeit bekannte sich offen zu den Idealen der „nationalen Revolution", 
wie es in den ersten Tagen nach dem Zusammenbruch hieß. Ihre Gesamt- 
haltung brachte Kardinal Suhard zum Ausdruck, als er im Oktober 1942 
sagte: „Politik geht uns nichts an. Die römisch-katholische Kirche in Frank- 
reich ist ein geistiger Kraftquell, der beim Aufbau des neuen Frankreichs 
mithelfen wird." 

Wenn die Kirche auch für Petain war, so war sie doch nicht prodeutsch. 
Das wäre auch kaum möglich gewesen angesichts der Tatsache, daß Millionen 
Franzosen nur ein Ziel hatten : die Vertreibung der Nazis aus ihrem Lande. 
Trotzdem gab es viele prominente französische Kirchenführer, die sich offen 
und aktiv pronazistisch betätigten. Nur einige Namen seien hier genannt: 
Kardinal Baudrillart, Rektor des Katholischen Instituts, der sich, getrieben 
von seinem extremen Bolschewistenhaß, der Groupe Collaboration anschloß; 
Kardinal Suhard, Erzbischof von Paris, der durch seine plumpen und vul- 
gären Ausfälle in seiner Zeitung Soutanes de France zu trauriger Berühmt- 
heit gelangte; Gounod, Primas von Tunesien; Gerlier, Erzbischof von Lyon 
und viele andere. 

Die niedere Geistlichkeit folgte anfangs den Weisungen ihrer Vor- 
gesetzten, kühlte aber später in ihrer Haltung merklich ab, da sie engen 
Kontakt mit dem Volke und seinen täglichen Sorgen hatte. 

Viele katholische Zeitungen waren kollaborationistisch und profaschistisch, 
das heißt für Potain eingestellt. Die berüchtigtsten von ihnen waren 
La Croix, die größte katholische Zeitung, die nach der Befreiung Frank- 
reichs wegen ihrer Unterstützung der Kollaborationspolitik gerichtlich 
belangt wurde, und die ultrakatholische Action Frangaise, die fanatisch die 
Widerstandsbewegung unter den katholischen Gläubigen bekämpfte. Sie 
forderte in vielen Fällen die Entlassung von Gemeindepfarrern, die der 
Jugend, nach Meinung der Zeitung, nicht die richtige Anleitung zukommen 
ließen. Diese Denunziationspolitik erreichte ihren Höhepunkt am 26. Juni 
1943, als sie einen Artikel aus der illegalen Zeitung Courrier Frangaise 
du Timoignage Chrdtien abdruckte, in dem ein ungenannter Geistlicher 
die Legitimität der Vichy- Regierung anzweifelte und die Auffassung zum 
Ausdruck brachte, daß: 

„. . . unter den gegenwärtigen Umständen - die Frage der Bürgerpflicht gegenüber 
einer Regierung, die nur dem Namen nach eine Regierung ist, begrifflich neu gefaßt 
werden muß; der Bürger ist durch keinerlei Gehorsamspflicht in rechtlichen oder poli- 
tischen Fragen gebunden; das Recht, anderen Autoritäten zu gehorchen, kann nie- 
mandem, wenn sein Gewissen es fordert, verweigert werden". 

Dem Abdruck des Artikels folgte eine Flut von Beschimpfungen. Dem 
niederen Klerus wurde vorgeworfen, daß er die Jugend zur Revolte oder 



311 



zum Eintritt in den Maquis aufhetze und die Legitimität der Petainregierung 
anzweifle, was als Staatsverbrechen angesehen wurde. 

Diese Haltung der niederen Geistlichkeit alarmierte den Vatikan und 
die französische Hierarchie. Sie unternahmen Schritte, um jede aktive Teil- 
nahme von Geistlichen an der Widerstandsbewegung zu unterbinden. Die 
Generalversammlung der Kardinäle und Erzbischöfe von Frankreich be- 
faßte sich im Oktober 1945 mit dieser Frage. Sie veröffentlichte eine Er- 
klärung, in der die oben zitierten Theorien des ungenannten Geistlichen 
verworfen wurden. Die Kardinäle und Erzbischöfe bekräftigten aufs neue 
ihre Loyalität zum Pe'tainregime, das sie als völlig legitim bezeichneten. Es 
ist wert, festgehalten zu werden, daß die hohen französischen Kirchenführer 
noch im Herbst 1943 eine solche Erklärung veröffentlichten, obwohl sie zu 
dieser Zeit das Vertrauen des französischen Volkes und selbst der niederen 
Geistlichkeit bereits verloren hatten. 

Als Hitler seinen Angriff auf die Sowjetunion begann, setzte in Frank- 
reich eine wütende Hetzkampagne gegen die „Roten" ein. Die französische 
Hierarchie, die, wie wir aus dem Munde des Kardinals Suhard erfuhren, 
Politik nichts anginge, hielt sich bei dieser Kampagne nicht abseits. Die 
französischen Katholiken mußten sich unter anderem sagen lassen: 

„Zahlreiche französische Katholiken glauben allen Einstes, daß der Bolschewismus 
nur ein Schreckgespenst sei, das die Agenten Hitlers erfunden hätten. Diese Katholiken 
sollten sich daran erinnern, daß ,der Kommunismus den völligen Ruin der mensch- 
lichen Gesellschaft bedeutet*, wie sich Papst Pius IX. ausdrückte; daß ,der Kommunis- 
mus eine tödliche Pest ist', wie schon Papst Leo XIII. erklärte, daß ,der Kommunismus 
so barbarisch und unmenschlich ist, daß man es kaum zu fassen vermag, wessen er fähig 
ist', wie Papst Pius XI. feststellte." 

Wer so etwas liest, wird sich nicht wundern, daß viele französische 
Katholiken Faschisten wurden, Faschisten, deren ganze politische Über- 
zeugung aus einigen antikommunistischen und antisowjetischen Schlag- 
worten bestand. Nach solchen haßerfüllten, aber wenig geistreichen Tiraden 
eines Kirchenführers ist es ebenfalls nicht verwunderlich, daß sich zahl- 
reiche Katholiken freiwillig zu den militärischen Formationen meldeten, die 
Seite an Seite mit Hitlers Divisionen gegen die Sowjetunion kämpften. 

Wir wissen, weshalb sich die französische Hierarchie so verhielt. Trotzdem 
ist es nützlich, die Gründe noch einmal so festzuhalten, wie sie der Erz- 
bischof von Auch formulierte: 

„Die Hierarchie ist unzweifelhaft ein Gegner des Bürgerkriegs . . . Laßt uns vor allem 
Franzosen sein. Schließen wir uns um unsere Fahne zusammen und um den, der sie 
trägt." 

Der Bischof von Brieuc drückte es plumper aus: 
„Sollte die Anarchie kommen, wären wir ihr erstes Opfer." 



312 



Kardinal Gerlier, nach Ansicht des Vatikans ein Mitglied des „ gemäßigten" 
Flügels der französischen hohen Geistlichkeit, sagte am 16. Juni 1943: 

„Die Vorsehung schenkte Frankreich in einer der tragischsten Stunden seiner Ge- 
schichte einen Führer, um den wir uns stolz und glücklich scharen können. Meine 
Priester werden sich erinnern, daß ich das schon einmal gesagt habe. Wir beten zu Gott, 
daß er unseren Marschall segne und uns als seine Mitstreiter anerkenne, namentlich jene, 
deren Auftrag so schwierig ist. Die Kirche setzt auch weiterhin in den Marschall ihr Ver- 
trauen und erweist ihm liebevolle Verehrung." 

Auf die Vorwürfe einiger andersdenkender Bischöfe und vieler Ange- 
höriger der niederen Geistlichkeit, daß der Marschall ein Faschist sei und 
mit Hitler zusammenarbeite, daß er ein totalitäres Staatswesen errichte 
und bereits wie Hitler in Deutschland beginne, sich in kirchliche Fragen 
einzumischen, antwortete der Kardinal in derselben Rede: 

„Nichts kann oder wird jemals unser Vertrauen in den Marschall erschüttern; wir 
Katholiken werden ihn nicht für Geschehnisse verantwortlich machen, die das Mißfallen 
der Kirche erregten." 

In späteren Erklärungen (1943) ging der Kardinal so weit, zu fordern, daß 
sich die Katholiken weder heute noch in Zukunft gegen Laval stellten. 
Am 23. November 1943 erklärte ein hoher Geistlicher namens Piquet: 

„Für mich und gleich mir für viele andere ist Marschall Potain das Oberhaupt des 
französischen Staates, weil Gott selbst es wünschte, daß er und nicht eine mittelmäßige 
Versammlung von Leuten an der Spitze des französischen Staates stehe. Und ich sage, 
wenn alle Katholiken Frankreichs - ich betone, alle, Bischöfe, Priester, Doktoren, Laien 
und so weiter - ihm religiös, blind nnd fanatisch vor und nach dem Waffenstillstand 
gefolgt wären, ihm zugestimmt und auf ihn gehört hätten, das Schicksal Frankreichs 
hätte sich anders gestaltet." 

Wir erwähnten bereits, daß sich die französische niedere Geistlichkeit 
immer stärker der Kollaborationspolitik ihrer Hierarchie widersetzte. Der 
Abbe' Daniel Pzeril brachte diese Situation sehr treffend zum Ausdruck, als 
er sagte: 

„Die Theologen in Paris, Lyon und Lille bemühen sich zwar in gewisser Beziehung, 
den Befehlen der Bischöfe nachzukommen, aber gleichzeitig vermitteln sie ihren Gläu- 
bigen unangreifbar immer neue Beweise, die ihnen klarmachen sollen, daß Frankreich 
die Situation, in der es sich befindet, nicht länger dulden dürfe. Die Kardinäle und Bi- 
schöfe sind nicht in der Lage, diese Theologen mundtot zu machen oder ihren Einfluß 
zurückzudrängen." 

Wir wissen bereits, daß der Vatikan in Frankreich neben seinem innen- 
politischen auch ein bestimmtes außenpolitisches Ziel verfolgte. Beide Ziele 
waren Bestandteile eines weitgespannten Plans und hatten sich diesem 
unterzuordnen. 

Dieser umfassende Plan des Vatikans war eine Weiterentwicklung des 
Seipelschen Projektes zur Schaffung eines festen Blocks katholischer Staaten 



313 



in Europa. Während Seipel jedoch einen Staatenblock in Mitteleuropa 
bilden wollte, dessen Kernstück vor allem die früheren Provinzen Öster- 
reich-Ungarns sein sollten, sah der neue Plan einen Block vor, der die 
romanischen Länder Frankreich, Italien, Spanien, Portugal und Belgien 
und eigenartigerweise auch das katholische Süddeutschland vereinen sollte. 
Wie man Süddeutschland in diesen Block einbeziehen wollte, falls Hitler, 
was man ja hoffte, den Krieg gewann, bleibt ein Rätsel. 

Die Vereinigung dieser Staaten sollte auf der Grundlage des Stände- 
systems vor sich gehen. Dadurch wäre ein Gemisch der Regime Salazars in 
Portugal, Francos in Spanien, Mussolinis in Italien und Petains in Frank- 
reich zustande gekommen, das von der katholischen Kirche als Faßreifen 
hätte zusammengehalten werden müssen. Hitler wußte von diesen Plänen. 
Ein Beweis dafür ist, daß er Petain, als dieser noch Botschafter in Madrid 
war, das Versprechen gab, er werde die Bildung eines „festen Blocks katho- 
lischer Länder, die mit Großdeutschland beim Aufbau der Neuen Ordnung 
in Europa und der Welt zusammenarbeiten, gestatten" (Aus einem Brief des 
italienischen Botschafters in Madrid, August 1939). 

Viele Leute hielten diesen Plan für wert, ernsthaft erwogen zu werden. 
Er wurde vor allem von einflußreichen Persönlichkeiten der reaktionären 
katholischen Kreise in Frankreich, Portugal und Spanien unterstützt. Sie 
hatten dabei nicht die Sache des Katholizismus im Auge, sondern ihre 
eigenen, durchaus weltlichen Interessen. Manche französische Katholiken 
sagten sich, daß ein isoliertes Frankreich Gefahr laufe, zu einem Vasallen 
Großdeutschlands degradiert zu werden, während es innerhalb eines 
romanischen Blocks das Zentrum des neuen Systems darstellen könne. Die 
einzige Alternative zu diesem Projekt sei der Kampf gegen Hitler. Aber 
wenn Hitler und Nazideutschland geschlagen würden, gebe es nichts mehr, 
so fürchteten sie, was die Flut des Kommunismus hindern könne, Frank- 
reich zu überschwemmen; Hitler müsse mit seinen Eroberungen im Osten 
beschäftigt werden, inzwischen könne sich der neue Block der romanischen 
Länder konsolidieren. 

Wie weit Hitler diesen Plan unterstützte, ist nicht bekannt. Tat- 
sache ist aber, daß er Potain, Laval und Kardinal Suhard versprach, nach 
dem Kriege seine Beziehungen zur katholischen Kirche in ganz Europa 
erheblich zu verbessern. Dieses Versprechen deckte sich mit dem Ver- 
sprechen - das er dem Papst gegeben hatte -, nach dem Ende der Feind- 
seligkeiten mit dem Vatikan ein neues Konkordat abzuschließen. Kardinal 
Suhard, Salazar, Franco und der Sekretär der Faschistischen Partei Italiens 
nahmen bei zahlreichen Gelegenheiten auf diesen Plan Bezug. Der nazi- 
stische Rundfunk sprach über ihn in den höchsten Tönen, malte ein 
verlockendes Bild eines neuen, christlichen Europas, gebildet von den 



314 



katholischen Staaten und dem „siegreichen Deutschland", ohne die „tyran- 
nische Einmischung jüdischer Unruhestifter aus London und New York". 

Das war der auf lange Sicht berechnete Plan, den die katholischen und 
rechtsgerichteten Elemente in Frankreich im Sinn hatten, als sie mit Hitler 
und Petain zusammenarbeiteten. Im Lichte dieses Planes wird, wenn auch 
nur teilweise, die Haltung der französischen Hierarchie verständlich, die 
sich der Unpopularität ihrer Handlungen durchaus bewußt war. Kenntnis 
von diesem Plan hatte nur ein kleiner Kreis Eingeweihter, die große Mehr- 
heit der französischen Katholiken, einschließlich der Bischöfe und der 
niederen Geistlichkeit, wußte nichts von ihm. Damit können wir uns auch 
die gelegentlichen Proteste und Aktionen erklären, die diese Kreise in der 
Absicht, dem Wohl ihres Landes zu dienen, als notwendig und richtig er- 
achteten. 

Der große Plan des Vatikans und der französischen Hierarchie wurde, 
abgesehen von seinem ersten Stadium — der Gründung eines, wenn auch von 
einer fremden Macht besetzten, autoritären französischen Staates — , niemals 
Wirklichkeit. Wohl waren die romanischen Länder faschistisch und auf der 
Grundlage des von der Kirche propagierten Ständesystems aufgebaut, aber 
ihr Zusammenschluß hing nicht nur von der Gnade Hitlers, sondern vor 
allem davon ab, wie der Krieg end-ete. Der Sieg der Alliierten brachte das 
Projekt zum Scheitern. 

Der Vatikan hatte bei seinen Anstrengungen, ein autoritäres katholisches 
Europa zu schaffen, einen neuen Rückschlag erlitten. Es war ihm nicht ge- 
lungen, den Plan zu verwirklichen, den er seit dem Ende des ersten Welt- 
krieges verfolgte. Dieser Schlag traf ihn besonders schmerzlich, weil es noch 
wenige Jahre zuvor ausgesehen hatte, als stände er kurz vor seinem Ziel. 

Der Plan schlug fehl. Spricht das aber den Vatikan und alle anderen 
Kräfte, die ihn unterstützten, von der schweren Verantwortung frei, die sie 
vor den Völkern tragen? 

Als die Deutschen aus Frankreich hinausgeworfen wurden und das Land 
sich unter einer provisorischen Regierung mit General de Gaulle an der 
Spitze neu organisierte, befand sich die Kirche, genauer gesagt die fran- 
zösische Hierarchie, in einer nicht sehr beneidenswerten Lage. Der päpst- 
liche Nuntius wurde ziemlich unhöflich aufgefordert, Frankreich zu ver- 
lassen. Der Primas der französischen Kirche, Kardinal Suhard, wurde unter 
Hausarrest gestellt; ihm wurde verboten, an der ersten großen religiösen 
Zeremonie in Notre-Dame teilzunehmen. Dort versammelten sich die neue 
Regierung und ganz Paris, um Gott feierlich für die Befreiung der Stadt zu 
danken. Einige Bischöfe, unter ihnen der berüchtigte Bischof von Arras, 
wurden verhaftet. Es schien, als wollte das befreite Frankreich alle, die mit 
Petain und Hitler zusammengearbeitet hatten, ohne Unterschied der Person 



bestrafen. Besondere Gerichtshöfe wurden eingesetzt, die Internierungs- 
lager füllten sich, Gerichtsverhandlungen waren an der Tagesordnung, viele 
französische Kollaborateure wurden verurteilt; schwere Strafen, einschließ- 
lich der Todesstrafe, wurden über Journalisten, Rundfunkkommentatoren, 
Beamte des Petainregimes und Führer der französischen faschistischen 
Parteien und Gruppen verhängt.* 

Wohl wurden auch gegen die hohe katholische Hierarchie einige ein- 
schneidende Maßnahmen ergriffen, aber die Zeit verging, und nicht ein 
einziger Kardinal oder Bischof kam vor Gericht. Man ließ die Angelegenheit 
im Sande verlaufen. De Gaulle, obwohl selbst ein guter Katholik, hatte vom 
Vatikan die Genehmigung gefordert, Kardinal Suhard und andere Kirchen - 
führer der Gerechtigkeit zu übergeben. Aber die Zeit verstrich, und nichts 
geschah. Das heißt, es geschah doch etwas. Eben jene Kardinäle, die Petain 
von Anfang bis Ende unterstützt hatten, eben jene Kardinäle, die jahrelang 
das französische Volk aufgerufen hatten, sich um Petains Fahne zu scharen, 
begannen von neuem ihre Stimme zu erheben und die Franzosen aufzu- 
fordern, sich nun um die Fahne der neuen Macht zu scharen. 

Wenige Tage nach dem Eintreffen der neuen Behörden in Paris hielt 
Kardinal Gerlier, Erzbischof von Lyon, eine Rundfunkrede, in der er unter 
anderem sagte: 

„Wir werden der Regierung, die der Unterstützung aller Gutwilligen bedarf, ent- 
sprechend den traditionellen Lehren der Kirche die Loyalität freier Bürger erweisen . . . 
Dabei lassen wir uns von der unaufhörlich wachsenden Zustimmung des Landes zu der 
neuen Autorität leiten, der einzigen Autorität, die zur Zeit in der Lage ist, die Ordnimg 
aufrechtzuerhalten . . , M 

Auch Kardinal Suhard rühmte, als man ihm schließlich gestattete, wieder 
in der Öffentlichkeit aufzutreten und zu sprechen, die neue Macht und 
forderte die Bevölkerung auf, sie zu unterstützen. 

Der päpstliche Nuntius war aus Frankreich abgereist. Ein neuer päpst- 
licher Nuntius mit reiner Weste wurde bei der französischen Regierung 
akkreditiert. Petains Botschafter beim Vatikan wurde aufgefordert, zurück- 
zutreten. Dies geschah auch, nachdem der Marschall im Troß der Nazi- 
truppen Frankreich verlassen hatte. Ein Botschafter der „neuen Autorität" 
nahm seinen Platz ein. Zu derselben Zeit hatte Kardinal Tisserant nach 
einem Besuch bei General Catroux und den nordafrikanischen Bischöfen eine 
längere Unterredung mit General de Gaulle. 

Im ganzen Land begann bald darauf eine Kampagne mit dem Ziel, den 
Anteil der katholischen Kirche an der Widerstandsbewegung herauszu- 
streichen. Die einfachen Katholiken und Gemeindepfarrer, die noch kurz 

* DoriotundLaval wurden zum Tode verurteilt und im Herbst 1945 hingerichtet; Potain 
wurde ebenfalls zum Tode verurteilt, aber dann zu lebenslänglicher Festungshaft 
begnadigt. 



316 



zuvor von der Hierarchie und ihren Organen wegen ihrer Teilnahme am 
Widerstandskampf beschimpft und verfolgt worden waren, dienten jetzt der- 
selben Hierarchie dazu, sich mit einem Glorienschein zu umgeben. General 
de Gaulle und andere Mitglieder der Regierung besuchten wöchentlich die 
Messe. Gerichtsverfahren, wie das gegen die katholische Zeitung La Croiz, 
ließ man einschlafen. Zahlreiche Gesetze, die Potain erlassen hatte, wurden 
außer Kraft gesetzt; gültig aber blieben jene, mit denen Petain der Kirche 
die großen Privilegien zugeschanzt hatte. 

Was war geschehen? Die Kirche war, als sie eine Runde verloren hatte, 
in die nächste Runde eingetreten. Sie machte sich, obwohl selbst Mit- 
schuldiger und Mitverlierer des Krieges, zum Verbündeten der Sieger. Mit 
anderen Worten: Potain hatte keinerlei Wert mehr für sie, ihr Interesse 
forderte, die neue Regierung zu unterstützen. 

Die Kirche hatte für diesen Fall starke Trümpfe in der Hand. Der Chef 
der neuen Regierung war ein ergebener Katholik. Wohl hatte die Kirche 
ihn nicht anerkannt, solange er im Exil lebte, und ihn und seine Anhänger 
sogar bei vielen Anlässen zurückgestoßen; aber das war nun vorbei. Außerdem 
hatten viele Katholiken bei der Befreiung Frankreichs keine unwesentliche 
Rolle gespielt; deshalb sollte niemand die Kirche anklagen, bei der nationalen 
Wiedergeburt nicht mitgeholfen zu haben. 

Der Vatikan forderte de Gaulle als guten Katholiken auf, „die Kirche in 
dieser schweren Stunde der Verantwortung nicht zu verfolgen oder durch 
übereilte Anwürfe gegen ihre Würdenträger in irgendeiner Weise zu ent- 
mutigen" Und de Gaulle kam der Forderung nach, trotz zahlreicher Proteste 
und trotz des Druckes weiter französischer Kreise, vor allem der Wider- 
standsbewegung. 

Die am stärksten kompromittierten Kardinäle hüllten sich eine Zeitlang 
in Schweigen, um so mehr führten jene, die zuweilen gewagt hatten, ein 
wenig gegen Petain oder gegen die Deutschen zu opponieren, das große 
Wort. Die Regierung nahm schrittweise die gegen die Kirche erhobenen 
Vorwürfe der Kollaboration zurück. Nur die Sozialisten, die Kommunisten 
und einige Radikale hielten die Beschuldigungen aufrecht. Die Kirche, die 
unmittelbar nach dem Rückzug der Deutschen wegen ihrer Kollab orations- 
politik schweren Zeiten entgegenzugehen schien, stand bereits wenige 
Monate später mit der neuen Regierung auf ebenso gutem Fuße wie mit 
der Regierung Petain. Und sie erreichte in der Vierten Republik in wenigen 
Jahren das, was sie in den vergangenen Jahrzehnten der Dritten Republik 
niemals erreicht hatte: einen katholischen Ministerpräsidenten und einen 
katholischen Außenminister an der Spitze der französischen Regierung. Der 
Vatikan hatte ein neues Kapitel seiner Politik in Frankreich erfolgreich 
begonnen. 



317 



Kapitel xvii Die Sowjetunion, die orthodoxe Kirche 

und der Vatikan 



Die feindselige Haltung der katholischen Kirche gegen das zaristische Rußland - Der 
jahrhundertealte Gegensatz zwischen der katholischen und der orthodoxen Kirche - Der 
Vatikan und die Oktoberrevolution - Der Plan der katholischen Kirche, Rußland zum 
Katholizismus zu bekehren - Die diplomatischen und politischen Manöver des Vatikans 
gegen die Sowjetunion und das gleichzeitige Aufkommen des Faschismus - Die Hetz- 
kampagne des Vatikans gegen die Sowjetunion - Der erste sowjetische Gegenschlag 
gegen die Strategie des Vatikans - Die Haltung des Vatikans zu dem Bündnis der West- 
mächte mit der Sowjetunion - Bemühungen der Sowjetunion um ein Abkommen mit 
dem V atikan - Die wiederholten erfolglosen Versuche Präsident Roosevelts, den Papst zu 
V erhandlungen mit der Sowjetunion zu bewegen - Wiederaufleben der Feindschaft 
zwischen der katholischen und der orthodoxen Kirche - Die Religionsfreiheit in der 
Sowjetunion - Die Furcht des Vatikans vor der orthodoxen Kirche - Die Rolle der 
orthodoxen Kirche im Leben der Sowjetunion - Ihr Verhältnis zur Sowjetregierung - 
Der Plan der russisch-orthodoxen Kirche, die orthodoxen Kirchen der ganzen Welt in 
einer Union zusammenzuschließen - Erneute Versuche Roosevelts, eine Verständigung 
zwischen Moskau und dem Vatikan zustande zu bringen - Die römisch-katholische und 
die orthodoxe Kirche am Ende des zweiten Weltkrieges. 



Uie Feindschaft zwischen dem Vatikan und Rußland entstand nicht erst 
nach der Gründung des sozialistischen Sowjetstaates. Rom hielt Rußland 
schon zu einer Zeit für einen der größten Feinde der katholischen Kirche, 
als der Zar noch als Selbstherrscher ganz Rußland regierte. 

Während aber die Feindschaft des Vatikans gegen die Sowjetunion vor 
allem auf der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Ordnung des ersten 
sozialistischen Landes beruht, hatte seine Feindschaft gegen das zaristische 
Rußland ausschließlich religiöse, oder besser gesagt, kirchenpolitische 
Ursachen. 

Es war die Feindschaft eines kirchlichen Machtzentrums, des päpstlichen 
Hofes in Rom, gegen ein anderes Machtzentrum, das der orthodoxen Kirche 
in Moskau. 

Diese Feindschaft ist viele hundert Jahre alt; sie war jedoch lange Zeit 
nur latent vorhanden, da das orthodoxe Rußland bis ins 19. Jahrhundert 
hinein ein verhältnismäßig abgeschlossenes Dasein führte. Nur in den katho- 
lischen Ländern an der russischen Grenze und in solchen katholischen Ge- 
bieten, die vorübergehend unter die Gewalt des Zarismus gerieten, kam sie 
zuweilen offen zum Ausbruch. 

Ende des letzten Jahrhunderts verstärkte sich das Interesse des Vatikans 
an Rußland. Der Vatikan trug sich mit Plänen für eine „Bekehrung der 



318 



orthodoxen Kirche zum Katholizismus". Den Inhalt dieser Pläne darlegen 
hieße den Rahmen dieses Buches sprengen. 

Das Interesse des Vatikans für Rußland begann sich darin zu äußern, 
daß er auf einmal anfing, die Verfolgung der katholischen Kirche durch die 
orthodoxe Kirche in Rußland und in den von Rußland besetzten Gebieten 
zur Kenntnis zu nehmen und Protest schreiben an die zaristische Regierung 
zu richten. 

Es trifft zu, daß die orthodoxe Kirche die katholischen Enklaven in 
ihrem Bereich verfolgte. Andererseits ist es ebenso wahr, daß die katho- 
lische Kirche die orthodoxe Kirche verfolgte, wo immer sich ihr eine Mög- 
lichkeit dazu bot. 

Die orthodoxe Kirche wies zwei Unterschiede zur römisch-katholischen 
Kirche auf, die bei der dauernden Feindschaft zwischen ihnen eine wichtige 
Rolle spielten. Einmal war ihre Korruptheit primitiverer Art, ihre niedere 
Geistlichkeit war unwissend und abergläubisch. Zum andern, und das ist 
wesentlich, war die orthodoxe Kirche eine Nationalkirche und daher völlig 
abhängig vom Zaren und von der herrschenden Schicht der Gutsbesitzer. 
Im Dienste dieser Kräfte war sie bestrebt, die Völker Rußlands auf möglichst 
niedrigem kulturellem Niveau zu halten, um auf diese Weise die Fortdauer 
der Zarenherrschaft zu sichern. Die orthodoxe Kirche war ein macht- 
volles Instrument in den Händen des Zaren, und beide hingen vonein- 
ander ab. 

Bekanntlich trat die katholische Kirche immer und überall für eine zen- 
tralisierte, absolute Regierungsform ein, wie sie unter anderem der Zarismus 
darstellte. Trotzdem ersehnte sie den Zusammenbruch des Zarismus; er war 
das Haupthindernis für die Verwirklichung ihrer Pläne in Rußland, da der 
Zar zugleich Oberhaupt der orthodoxen Kirche war. 

Als der Zar durch die Revolution von 1905 gezwungen wurde, Zugeständ- 
nisse zu machen, die unter anderem die Religionsfreiheit vorsahen, wurde 
diese Freiheit den römisch-katholischen Christen von der Heiligen Synode der 
orthodoxen Kirche ausdrücklich verweigert. So kam es, daß der Vatikan nach 
dem Ausbruch des ersten Weltkrieges in jedem politischen Manöver Ruß- 
lands lediglich einen Schachzug der orthodoxen Kirche erblickte und immer 
wieder die Allianz zwischen dem zaristischen Rußland und den anderen 
Ententestaaten zu stören versuchte. Noch klarer trat diese Haltung zutage, 
als der Vatikan während des Krieges den Alliierten zu verstehen gab, daß 
der zaristische Plan, Konstantinopel zu annektieren, die päpstlichen Friedens- 
bemühungen zum Scheitern bringen könne; die Alliierten würden keine 
Basis für gerechte Friedensverhandlungen finden, solange das orthodoxe 
Rußland der Entente angehörte und seine „imperialistischen Ziele" weiter 
verfolge. Der Vatikan fürchtete, daß die orthodoxe Kirche im Fall der 



319 



Annexion Konstantinopels durch das zaristische Rußland dort als Gegen- 
gewicht gegen Rom ein Zentrum des orthodoxen Glaubens bilden werde. 

Die rußlandfeindliche Politik des Vatikans beruhte also zu dieser Zeit 
ausschließlich auf seiner Feindschaft gegen die orthodoxe Kirche. Der 
damalige Kardinalstaatssekretär Gasparri brachte das folgendermaßen 
zum Ausdruck: „Ein Sieg des zaristischen Rußlands, dem Frankreich und 
England so viele Versprechungen gemacht haben, wäre für den Vatikan ein 
größeres Unglück als seinerzeit die Reformation." Ein reichliches Viertel - 
jahrhundert später wurden diese Worte des Kardinals Gasparri durch einen 
anderen Kardinalstaatssekretär und seinen Papst unaufhörlich wiederholt, 
aber diesmal nicht gegen das zaristische, sondern gegen das kommunistische 
Rußland. 

Der Zusammenbruch des Zarismus und die Errichtung der Sowjetmacht 
wurden vom Vatikan mit großen Hoffnungen, ja sogar mit Freude begrüßt. 
Das mag angesichts der Dinge, die später geschahen, unwahrscheinlich 
klingen, war aber tatsächlich so. Der Vatikan freute sich, daß die orthodoxe 
Kirche durch den Sturz des Zaren ihrer stärksten Stütze beraubt worden war 
und daher über kurz oder lang selbst zusammenbrechen mußte. 

Der Vatikan hielt die Sowjetmacht damals für das kleinere Übel, um so 
mehr als sie die Trennung von Kirche und Staat vollzog. Die damit ver- 
bundene Einführung der Religionsfreiheit bedeutete für die katholische 
Kirche, daß sie sich künftig mit der orthodoxen auf gleicher Ebene messen 
konnte. Davon erhoffte sich der Vatikan im weiten Raum der Sowjetunion 
Wirkungsmöglichkeiten, die ihm unter dem Zarismus versagt geblieben 
waren. Der Vatikan hegte in diesen Jahren tatsächlich die Illusion, das riesige 
Land zum Katholizismus bekehren zu können. Graf Sforza, der enge Ver- 
bindungen mit dem Vatikan unterhielt, bemerkte hierzu : 

„. . . im Vatikan wurde der Kommunismus anfangs zwar als ein schreckliches Übel an- 
gesehen, aber ebenso als ein notwendiges Übel, das heilsame Folgen haben konnte. 
Die Struktur der russischen Kirche sei nicht zu überwinden gewesen, solange der Zaris- 
mus herrschte. Auf den von den Kommunisten geschaffenen Ruinen sei alles möglich, 
selbst eine religiöse Wiedergeburt, in deren Verlauf der Einfluß der römischen Kirche 
spürbar werden könne." 

Bald nach Kriegsende nahm der Vatikan mit der Sowjetregierung Kontakt 
auf, um ein Abkommen über die Wirkungsmöglichkeiten der katholischen 
Kirche im neuen Rußland zu erzielen. Das hinderte ihn aber nicht, gleich- 
zeitig in ganz Europa, einschließlich Sowjetrußlands, seine Bannflüche gegen 
die Ideologie und den „Terror der Kommunisten" zu schleudern. Die katho- 
lische Kirche verhandelte mit der kommunistischen Regierung, um ihren 
großen Gegenspieler, die orthodoxe Kirche, an die Wand zu drücken und sich 
möglichst für immer an ihre Stelle zu setzen. 



320 



Eines der ersten großen Manöver des Vatikans in dieser Richtung wurde 
durch den Bischof von Wilna, einen Emigranten aus dem zaristischen Ruß- 
land, in die Wege geleitet. Bischof Ropp schlug 1920 sein Quartier in Berlin 
auf und berief zahlreiche Treffen russischer Emigranten ein, darunter auch 
solche mit Angehörigen der orthodoxen Kirche, konvertierten Katholiken, 
Balten und Deutschen. Diese Anstrengungen hatten das Ziel, eine Ver- 
einigung der russisch -orthodoxen Kirche mit der römisch-katholischen Kirche 
anzubahnen. 

Ropp forderte die Sowjetregierung auf, ihm die Rückkehr zu gestatten, 
Gewissensfreiheit für die Religion und für die religiöse Erziehung zu ge- 
währen und die kirchlichen Stiftungen und anderes kirchliches Eigentum 
zurückzugeben. 

Der Vatikan drückte seine Meinung zu diesen Bestrebungen im Osservatore 
Romano mit den Worten aus: „Der Augenblick scheint für eine Annäherung 
günstig zu sein. Der eiserne Ring des Cäsaropapismus, der Rußlands religiö- 
ses Leben bisher hermetisch von jeglichem römischen Einfluß abriegelte, ist 
gesprengt worden." 

Der Vatikan rechnete damit, daß die Kommunisten nicht lange an der 
Macht bleiben würden. „Die gegenwärtigen politischen Bedingungen in 
Rußland bilden zwar ein ernsthaftes Hindernis, aber dieses Hindernis ist 
nur vorübergehender Art" (Osservatore Romano). Er sprach unumwunden 
von seiner Absicht, „ein Land von 90 Millionen Christen zur wahren Religion 
zu bekehren". 

Die sowjetischen Staatsmänner erlaubten sowohl den orthodoxen als auch 
den katholischen und protestantischen Gläubigen, ihren Kult ungehindert 
auszuüben. Sie duldeten das Weiterbestehen der orthodoxen Kirche und die 
Herausbildung von Gruppen der Katholiken und der verschiedenen prote- 
stantischen Konfessionen und sagten ihnen bestimmte Freiheiten und Privi- 
legien zu. Gleichzeitig förderte die Sowjetregierung die Entfaltung einer 
starken atheistischen Bewegung. 

Die orthodoxe Kirche wurde zur sogenannten lebendigen Kirche mit 
Bischof Wedenski als erstem Patriarchen. Auch einige protestantische 
Glaubensrichtungen entwickelten sich in dieser Richtung. Alle diese Kon- 
fessionen waren nun emsig dabei, sich gegenseitig das Wasser abzugraben, 
um die Seelen der christlichen Sowjetbürger vor der ewigen Verdammnis 
zu retten. 

Die diplomatischen Höflichkeitsbezeigungen der katholischen Kirche 
gegenüber dem kommunistischen Rußland erreichten 1922 auf der Kon- 
ferenz von Genua ihren Höhepunkt. Bei einem Diner toasteten der so- 
wjetische Außenminister Tschitscherin und der Erzbischof von Genua ein- 
ander zu. Zuvor hatten sie über die künftigen Beziehungen zwischen dem 



21 M 359. 



321 



Vatikan und Sowjetrußland verhandelt. Tschitscherin hatte versichert, daß 
jede Religion in Rußland die gleichen Rechte genieße, da die Sowjetunion 
die Trennung von Kirche und Staat vollzogen habe. Als der Vatikan aber 
dann konkrete Pläne für die „Katholisierung Rußlands" vorlegte, stieß er 
auf große Schwierigkeiten. Die „todgeweihte" orthodoxe Kirche schien nur 
todgeweiht, sie war es nicht. 

Darauf wandte sich der Vatikan an die anderen in Genua vertretenen 
Nationen und ließ ihnen durch einen päpstlichen Legaten einen Brief des 
Kardinalstaatssekretärs zugehen. Der Vatikan forderte in diesem Schreiben 
die Mächte auf, keinerlei Vereinbarungen mit Sowjetrußland zu treffen, 
solange es nicht die „Freiheit der religiösen Betätigung und die Rückgabe 
des kirchlichen Eigentums" garantiere. Aber die Bemühungen des Vatikans 
in Genua blieben ergebnislos. 

Bald darauf wurden die Verhandlungen in Rom wiederaufgenommen. 
Der päpstliche Vertreter Pizzardo verhandelte erfolgreich mit dem so- 
wjetischen Minister Worowski. Dem Vatikan wurde gestattet, Missionare nach 
Sowjetrußland zu entsenden, um eine Hilfsaktion für die Bevölkerung in 
die Wege zu leiten. 

Die erste Gruppe setzte sich aus elf Priestern zusammen, die etwa 
100 000 Pakete mit sich führten. Die Pakete enthielten die Widmung: „An 
die Kinder Rußlands vom Papst in Rom." Der Vatikan hatte Worowski ver- 
sprochen, sich jeder „Propaganda" zu enthalten. Er ernannte dann Reverend 
Walsh zum Vorsitzenden der päpstlichen „Hilfskommission für Rußland" 
und zu seinem Vertreter in Moskau. Zur gleichen Zeit traf eine amerika- 
nische Wohltätigkeitsexpedition in Moskau ein. Reverend Walsh verbün- 
dete sich mit Colonel Haskell, dem Chef der Hooverschen Wohltätigkeils - 
Organisation. Es kam zu Auseinandersetzungen zwischen der Sowjetregie- 
rung und den Vertretern des Vatikans, der diese Gelegenheit propagandi- 
stisch ausnützte. 

Reverend Walsh und der Vatikan unternahmen alles, was in ihren Kräften 
stand, um die Welt gegen Sowjetrußland aufzubringen. Die anglikanische 
Kirche schloß sich der Kampagne an. Sie wurde eine konkrete Bedrohung 
für die Sowjetunion, als der polnische katholische Ministerpräsident General 
Sikorski mit einer neuen militärischen Invasion drohte. Die Beziehungen 
zwischen dem Vatikan und Moskau wurden abgebrochen. Aber beide Seiten 
waren bemüht, ihr Verhältnis wieder zu normalisieren. In Rom kam es 
zu Besprechungen zwischen dem sowjetischen Vertreter Jordanski und 
MonsignoreTacchiVenturi, dem Assistenten des Jesuitengenerals Ledochov- 
ski. Aber die Verhandlungen endeten ergebnislos. 

In der internationalen Politik tauchten indessen für den Vatikan neue 
Möglichkeiten auf. In Italien war eine starke Regierung mit einer neuen 



322 



politisch -sozialen Ideologie, die die Bekämpfung des Kommunismus auf ihr 
Banner geschrieben hatte, an die Macht gekommen. Die Bewegung gab sich 
den Namen Faschismus. Wir stellten bereits in früheren Kapiteln fest, wie 
rasch die katholische Kirche die Nützlichkeit dieser Bewegung erkannte und 
ihr daher von Anfang an jede Unterstützung gewährte. Dem politischen 
Scharfblick des Vatikans entging es nicht, daß der Faschismus sowohl 
politisch als auch ideologisch über die Grenzen Italiens hinaus wirken 
würde. Die wirtschaftliche und soziale Ideologie des Faschismus würde als 
ein nützliches Gegengewicht gegen die Ideologie des Kommunismus zu ge- 
brauchen sein. Alles dies war um so wichtiger, als sich herausstellte, daß 
die antisowjetischen Kräfte in der ganzen Welt von Jahr zu Jahr aggressiver 
wurden. 

Der Vatikan ging daher nicht weiter auf die zahlreichen Angebote der 
Sowjetregierung ein, sondern machte sich daran, die russischen Emigranten 
für sich zu gewinnen, um sie nach ihrer Rückkehr, mit der er in naher 
Zukunft rechnete, für seine Interessen auszunutzen. Er leitete zu diesem 
Zweck unter ihnen eine große Missionskampagne ein und hatte 1924 in 
Berlin, Paris, Brüssel und anderswo bereits eine große Zahl Konvertiten 
aufzuweisen. 

Im Jahre 1925 nahm der sowjetische Außenminister Tschitscherin mit 
Nuntius Pacelli in Berlin Verbindung auf und versicherte ihm, daß die 
katholische Kirche ebenso wie alle anderen Kirchen in der Sowjetunion volle 
religiöse Freiheit genieße. Tschitscherin ließ Pacelli sogar ein Memorandum 
überreichen, in dem der Standpunkt der Sowjetregierung zu allen kirch- 
lichen Fragen, selbst zur Ernennung der Bischöfe und zur Jugenderziehung, 
dargelegt war. Die einzige Bedingung, die die Sowjetregierung stellte, war, 
keine polnischen Priester in die Sowjetunion zu schicken. Aber der Vatikan 
ignorierte die sowjetischen Vorschläge und brach die Verbindung mit der 
Sowjetregierung abrupt ab. 

Es ist deutlich festzustellen, daß sich die Haltung des Vatikans zu Vor- 
schlägen der Sowjetunion um so mehr verhärtete, je stärker der Faschismus 
in Italien wurde und je mehr sich ähnliche Bewegungen in anderen Ländern 
ausbreiteten. Im Jahre 1927, als sich der Faschismus in Italien konsolidiert 
hatte, als alle Voraussetzungen gegeben schienen, den Kommunismus und den 
Sozialismus in Italien endgültig zu vernichten, als das Bündnis zwischen der 
Kirche und dem faschistischen Staat durch das in demselben Jahr abgeschlos- 
sene Konkordat enger und fester geworden war, wies der Vatikan zum 
letztenmal ein sowjetisches Angebot zurück. Von diesem Jahr an gab es keine 
unmittelbaren Verhandlungen mehr zwischen Moskau und dem Vatikan. 

Drei Jahre später verdammte der Papst die Sowjetunion und verurteilte 
sie in aller Öffentlichkeit. Er erklärte in einer Rede, die Welt wäre 



323 



glücklicher dran, hätte die Konferenz von Genua seinen Rat befolgt und 
die Sowjetunion erst anerkannt, wenn die Religionsfreiheit in diesem 
Lande gesichert gewesen wäre. 

Der Papst beschuldigte die Sowjetunion angeblicher Religionsverfolgun- 
gen, obwohl sich zu dieser Zeit unter Leitung des Vatikans in den Ost- 
gebieten des katholischen Polens eine der wildesten Religionsverfolgungen 
der neueren Geschichte abspielte (siehe Kapitel „Polen und der Vatikan"). 
Der Papst setzte eine „Sonderkommission für Rußland" ein und ließ in 
London, Paris, Genf, Prag und anderen Städten antisowjetische Kund- 
gebungen durchführen. Der Erzbischof von Canterbury, der Großrabbiner 
von Frankreich und andere religiöse Führer und Körperschaften schlössen 
sich dieser Hetzkampagne des Papstes an. 

In den folgenden zehn Jahren bis zum Ausbruch des zweiten Weltkrieges 
beschäftigte sich der Vatikan vor allem damit, mächtige politische und mili- 
tärische Blocks zu schmieden, um der sozialistischen und kommunistischen 
Bewegung entgegenzuwirken und sie möglichst zu vernichten. Diesem Ziel 
strebte der Vatikan in zwei deutlich voneinander abgegrenzten Etappen zu. 
Die erste Etappe bestand jeweils darin, bestimmte politische Bewegungen 
des betreffenden Landes so weit zu ermutigen und zu unterstützen, daß sie 
in der Lage waren, den Sozialismus und den Kommunismus in ihrem Lande 
zu unterdrücken. In der zweiten Etappe galt es, die diplomatische und poli- 
tische und später auch die militärische Macht dieser Bewegungen zu vereinen 
und sie in den Krieg gegen die Sowjetunion zu treiben. 

Mächtige wirtschaftliche, soziale, nationale und moralische Kräfte stan- 
den in der ganzen Welt dem Vatikan bei der Verwirklichung dieses Zieles 
zur Seite. Diese Kräftekombination war in der Lage, den Faschismus in 
verhältnismäßig kurzer Zeit in einem großen Teil Europas an die Macht zu 
bringen und auf diese Weise den Weg zum Ausbruch des zweiten Welt- 
krieges zu ebnen. 

In Italien war der Faschismus 1930 bereits acht Jahre an der Macht, in 
Deutschland erlebte er um diese Zeit seinen stärksten Aufschwung. Ende 
1933 waren bereits zwei große europäische Nationen, deren Innen- und 
Außenpolitik auf der Feindschaft gegen die Sowjetunion beruhte, in einem 
mächtigen bewaffneten Block vereint. 

Während auf der einen Seite in der ganzen Welt die Feindschaft gegen 
die Sowjetunion andauerte und sich sogar verstärkte, fanden auf der anderen 
Seite die ernstgemeinten Bemühungen der Sowjetregierung um den Frieden 
und ihre Anstrengungen, ein effektives internationales Organ zur Erhaltung 
des Friedens zu schaffen, zunehmende Anerkennung. Im Völkerbund wurde 
daher vorgeschlagen, die Sowjetunion in diese internationale Organisation 
aufzunehmen. Von allen Seiten hagelte es Proteste gegen diesen Vorschlag. 



324 



Sie wurden vor allem von katholischen Politikern, katholischen Regierungen 
oder katholischen Körperschaften und nicht zuletzt vom Vatikan erhohen. 
Die lautesten Schreier im Völkerbund waren der Vertreter des katholischen 
Irlands und der Vertreter des katholischen Österreichs, das eben (1934) die 
Wiener Sozialisten mit Maschinengewehren und Kanonen zusammen- 
geschossen hatte. Der katholische Vertreter der Schweiz äußerte sich ähn- 
lich; seine streitbare Rede gegen die Aufnahme der Sowjetunion in den 
Völkerbund wurde von der gesamten katholischen Presse im Wortlaut ver- 
breitet. Der Osservatore Romano rühmte „seine hochherzigen Gefühle und 
sein entschiedenes christliches und staatsbürgerliches Gewissen". 

Der Boykott der Sowjetunion durch die Katholiken war ein Teil des vati- 
kanischen Plans, einen eisernen Kordon um die Sowjetunion zu legen. Dieser 
Plan nahm konkrete Gestalt an, als sich das nazistische Deutschland von 
Westen und das aggressive Japan von Osten her zur Vernichtung des „roten 
Kolosses" zusammenschlössen. Die Catholic Times schrieben am 23. Novem- 
ber 1934 über die Haltung der katholischen Kirche in dieser Frage: 

„Im Falle eines Krieges zwischen Japan und Rußland würden die Katholiken mit Japan 
sympathisieren, zumindest soweit es sich um die religiöse Seite der Angelegenheit han- 
delt. Hüten wir uns also vor einem anglo-amerikanischen Block gegen Japan, er würde 
uns an die Seite Rußlands führen." 

Dies wurde zu einer Zeit geschrieben, da Hitler in aller Öffentlichkeit 
seine Ansprüche auf die Ukraine anmeldete. Die katholische Kirche unter- 
stützte indirekt diese Ansprüche Hitlers, indem sie vernehmbar erklärte, daß 
keine christliche Nation jemals auch nur daran denken dürfe, Rußland Bei- 
stand zu leisten, falls es von Deutschland oder von Japan angegriffen werde. 
Die Forderung: „Rußland soll allein kämpfen", war damals ein Schlagwort 
der katholischen Welt; denn „die Unterwerfung des gottlosen Sowjetismus" 
sei „keineswegs von Übel". 

Der Vatikan führte die antisowjetische Kampagne an mehreren Fronten 
gleichzeitig. Während der Papst gegen den „gottlosen" Bolschewismus wet- 
terte und die katholische Presse das „Schreckensregiment" der Bolschewisten 
in Mexiko und in Spanien beschrieb, war die vatikanische Diplomatie emsig 
beschäftigt, die Bande der Freundschaft und des gegenseitigen Beistandes 
zwischen Frankreich und der Sowjetunion zu lockern. Dieser Versuch schlug 
jedoch vorerst fehl, da sich in Frankreich alle linken Kräfte angesichts der 
wachsenden faschistischen Gefahr zusammenschlössen und eine Volksfront 
bildeten. 

Wenn man die Kette der Ereignisse noch einmal überblickt, die das Ge- 
sicht des letzten Jahrzehnts vor dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs 
bestimmten, so erkennt man klar, daß der Vatikan bei jedem von ihnen seine 



325 



Hand im Spiele hatte und daß sie alle, so oder so, dem einen Ziel dienten: 
Krieg gegen die Sowjetunion. 

Auf Hitlers Machtantritt im Jahre 1935 folgte 1934 die Errichtung der 
katholischen Diktatur in Österreich. Im Jahre 1935 überfiel das faschi- 
stische Italien Abessinien, nachdem Hitler wenige Monate zuvor das 
Rheinland militärisch besetzt hatte. Im Jahre 1956 putschten katholisch- 
faschistische Gruppen in Frankreich, im Sommer desselben Jahres begann 
Franco in Spanien den Bürgerkrieg; 1938 annektierte Hitler Österreich, 
1939 die Tschechoslowakei. Hitlers Überfall auf Polen hatte den Ausbruch 
des zweiten Weltkrieges zur Folge. Bis zu diesem Zeitpunkt war fast das 
gesamte nichtsowjetische Europa in einen faschistischen Block verwandelt 
worden, dessen wichtigstes politisches Ziel die Ausrottung des Kommunismus 
und die Vernichtung der Sowjetunion war. 

Darüber hinaus verbanden sich Deutschland und Italien mit Japan, das 
im Fernen Osten von einer Aggression zur anderen schritt, in dem sogenann- 
ten Antikominternpakt, um ihre Kräfte zum Kampf gegen die Sowjetunion 
zu vereinen. 

Groß war das Entsetzen des Vatikans, als im Spätsommer 1939 der Krieg 
nicht, wie er gehofft und erstrebt hatte, an der sowjetischen Grenze begann, 
sondern zwischen zwei christlichen Ländern, zwischen dem nazistischen 
Deutschland und dem katholischen Polen. 

Wir kennen bereits die Verhandlungen, die Hitler damals mit dem Papst 
führte und in denen er wiederholt versicherte, daß sein Hauptziel nach wie 
vor die Vernichtung der Sowjetunion sei. In diesem Zusammenhang ist es 
zweckmäßig, den Blick noch einmal auf diesen Abschnitt dieser Entwicklung 
zu richten. 

Daß sowjetische Truppen einmal Gebiete des katholischen Polens be- 
setzen würden, hatte sich der Vatikan nie träumen lassen. Teile Polens 
mit Millionen Katholiken gehörten nun zu dem „atheistischen Rußland". 
Das war ein schwerer Schlag für den Vatikan. Er hatte zur Folge, daß der 
Vatikan in ganz Europa seine Aktivität zur Vernichtung der UdSSR 
verstärkte. 

Wir kennen bereits die Rolle, die der Vatikan bei der Kapitulation Bel- 
giens und Frankreichs im Jahre 1940 spielte. Auch diese Aktionen hatten 
vor allem das Ziel, Nazideutschland den Weg für seinen Angriff auf die 
Sowjetunion zu ebnen. Im Juni 1941 war es dann soweit. 

Obwohl die Dinge anfangs für Nazideutschland sehr günstig standen, 
machte sich der Vatikan doch ernstliche Sorgen über einen möglichen Sieg 
der Alliierten. Es paßte ihm gar nicht, daß es zu der großen Anti-Hitler- 
Koalition zwischen den westlichen Alliierten und der Sowjetunion gekom- 
men war. Der Papst wurde deswegen häufig in London und Washington 



326 



vorstellig. Er forderte „Zusicherungen, daß die Westmächte niemals die 
Ausbreitung des Bolschewismus und die Eroberung Europas durch den Bol- 
schewismus" zuließen. 

Auch das katholische Polen kämpfte entgegen den Absichten des Vati- 
kans Seite an Seite mit der Sowjetunion gegen den nazistischen Feind. 
Die polnische katholische Reaktion unterhielt ständig enge Verbindung 
mit dem Vatikan, der den Alliierten immer wieder zu verstehen gab, daß 
Polen nur dann mit der erforderlichen Standhaftigkeit kämpfen werde, 
wenn es sich darauf verlassen könne, „niemals eine Beute des Bolsche- 
wismus zu werden". 

Stalin unternahm im Jahre 1942 eine Reihe von Versuchen, eine Ver- 
ständigung mit dem Vatikan zu erreichen. Er versicherte dem Vatikan, daß 
die Sowjetunion die Religion und die Freiheit der katholischen Kirche in 
Polen respektieren werde, und bot hierfür Garantien an. Er erklärte dem 
Papst ausdrücklich, daß „der gegenwärtige Krieg nicht geführt" werde, 
„um den Kommunismus zu verbreiten oder das sowjetische Territorium zu 
vergrößern". 

Der Vatikan wies jedoch alle sowjetischen Angebote zurück und fuhr fort, 
Großbritannien und die Vereinigten Staaten aufmerksam zu machen, 
„welche Gefahr Sowjetrußland im Falle einer Niederlage Deutschlands" 
darstellen werde. 

Den Vatikan beunruhigte außerdem immer mehr die Tatsache, daß die 
Alliierten die kommunistische Propaganda duldeten und ihrer Presse ge- 
statteten, den Heldenmut des „atheistischen Rußlands" zu rühmen. „Die 
Komintern schätzt die Möglichkeit einer Weltrevolution günstiger denn je 
ein . . . Die westlichen Alliierten müssen sich vor einem so gefährlichen 
Verbündeten vorsehen; Sowjetrußland ist in der Lage, die Struktur der 
westlichen Nationen zu zerstören. Die westlichen Nationen sollen für den 
Kommunismus reif gemacht werden." (Osservatore Romano) 

Am 2. Februar 1942 äußerte der Kardinalstaatssekretär: „Die Angel- 
sachsen sind in diesem Krieg so weit gegangen, daß sie heute bereits an der 
kommunistischen Propaganda interessiert sind. Sie fördern sie, weil sie 
glauben, Deutschland dadurch schwächen zu können, wie es bereits im 
letzten Krieg geschah." 

Im Jahre 1942 schlössen Großbritannien und die Sowjetunion einen vor- 
erst auf zwanzig Jahre befristeten Beistandspakt. Der Vatikan protestierte 
in Washington und in London und beschuldigte Großbritannien, „das christ- 
liche Europa dem atheistischen Moskau ausgeliefert zu haben". Dem Vati- 
kan nahestehende Kreise behaupteten, daß die Sowjetunion auf Grund der 
Geheimklauseln des Vertrages „im Falle eines alliierten Sieges die militä- 
rische und politische Kontrolle über Europa" erhalten werde. 



327 



Als sich die Alliierten über diese Störmanöver beschwerten, antwortete 
der Vatikan, niemand sei berechtigt, dem Papst vorzuwerfen, daß er Unruhe 
stifte; es sei allgemein bekannt, daß „die Bolschewisten ideologisch die Reli- 
gion nicht anerkennen und sie daher überall verfolgen, wo sie ihren Fuß 
hinsetzen". 

Der Vatikan verlangte von den westlichen Alliierten, ihn über die Geheim- 
klauseln des anglo- sowjetischen Paktes, „soweit sie die religiöse Freiheit 
betreffen", zu unterrichten. Die Alliierten antworteten, mit der Sowjetunion 
sei ein politischer und militärischer Pakt geschlossen worden; bezüglich der 
Religion müsse der Vatikan schon selbst mit der sowjetischen Regierung 
verhandeln. 

Der Vatikan beschuldigte die Alliierten, die katholische Kirche von der 
Ausarbeitung der Pläne für das Schicksal Nachkriegseuropas ausgeschlossen 
und keine Maßnahmen ergriffen zu haben, „das christlich -katholische 
Europa vor den Bolschewisten zu schützen". 

Präsident Roosevelt riet dem Papst, sich unmittelbar an Stalin zu wen- 
den. Aber der Papst weigerte sich. Roosevelt bat daraufhin Stalin, dein 
Papst entgegenzukommen, „angesichts des großen geistigen Einflusses, den 
der Vatikan in zahlreichen Gebieten ausübt, die von den sowjetischen 
Armeen befreit wurden". 

Stalin machte neue Vorschläge und erklärte sich bereit, eine Einigung 
mit dem Vatikan herbeizuführen. Der Vatikan beantwortete dieses Ent- 
gegenkommen mit boshaften und sarkastischen Bemerkungen. Er warnte 
die Alliierten, den „Russen zu trauen"; es handele sich lediglich um einen 
Schachzug, um „die Westmächte besser betrügen zu können". 

Im Frühjahr 1943 machte Stalin einen erneuten Versuch, mit dem Vati- 
kan ins Gespräch zu kommen. Roosevelt drängte den Papst, endlich mit Mos- 
kau zu einer Übereinkunft zu gelangen. Aber der Papst gab seine starre 
Haltung nicht auf. 

Die Sowjetregierung ließ indessen nicht locker und unternahm im Mai, 
im Juni und im Juli 1943 abermals Vorstöße in dieser Richtung. Sie teilte 
dem Vatikan mit, es sei ihr Wunsch, „Verhandlungen mit dem Ziel der 
Wiederherstellung normaler Kontakte und eventuell der Aufnahme diplo- 
matischer Beziehungen zu führen". 

London und Washington unterstützten offiziell das Angebot Moskaus. 
Sie gaben dabei dem Vatikan zu verstehen, es sei ihr ernstgemeinter Wunsch, 
durch die „Schaffung eines starken Blocks katholischer Länder innerhalb der 
anglo -amerikanischen Interessensphäre" dem Einfluß der Sowjetunion ent- 
gegenzuwirken. 

Trotz aller Bemühungen Moskaus, Londons und Washingtons und trotz 
eines persönlichen Briefes, den Stalin noch vor diesen Verhandlungen an 



328 



den Papst richtete, weigerte sich der Vatikan, mit der Sowjetregierung so- 
wohl über strittige Fragen zu verhandeln als auch diplomatische Vertreter 
auszutauschen. 

Unterdessen näherten sich die sowjetischen Armeen großen Gebieten, 
deren Bevölkerung überwiegend katholisch war. Das größte dieser Gebiete 
war Polen. Die polnischen Katholiken gerieten in ein Dilemma: Sie würden 
durch die sowjetischen Armeen von den Nazis befreit werden; sollten sie 
die Sowjetarmee als ihren Befreier begrüßen? Die Situation wurde für alle 
Beteiligten komplizierter. 

Abermals war es Stalin, der in dieser Situation die Initiative ergriff und 
sich, wiederum von Roosevelt unterstützt, an den Vatikan wandte, um endlich 
ein Übereinkommen mit diesem und der katholischen Kirche herbeizu- 
führen. 

Die Sowjetregierung ließ dem Papst ein Memorandum zugehen, „in dem 
sie dem Vatikan für die Zeit nach dem Krieg vorschlug, bestimmte soziale 
und ethische Fragen vor ihrer Lösung untereinander zu koordinieren." 
(Osservatore Romano vom 14. August 1944) 

Stalin wiederholte gegenüber dem Papst seine Zusicherungen, daß er 
bereit sei, seine Ansichten mit ihm auszutauschen, um „das Werk des Frie- 
dens zu erleichtern". Er erklärte, „die Sowjetunion wünscht keinesfalls eine 
bestimmte soziale Ordnung mit Gewalt aufzurichten, sie wendet sich im 
Gegenteil gegen solche Methoden" 

In dem Memorandum äußerte die Sowjetregierung, sie hoffe, „ihre Ziele 
auf friedlichem Weg und mit demokratischen und friedlichen Mitteln zu 
erreichen." 

Der Vatikan wies jedoch alle sowjetischen Angebote mit Verachtung 
zurück. Er ging von neuem zum Angriff über und beschuldigte die Sowjet- 
union, das polnische Volk beim Warschauer Aufstand (August 1944) im 
Stich gelassen zu haben. Er verschwieg dabei, daß der Papst, im Gegensatz 
zur Sowjetregierung, durch die polnische Exilregierung in London vorher 
über den Aufstand unterrichtet worden war. 

In einer Privataudienz, die der Papst dem polnischen General Sosnokowski 
gewährte, brachte er seine Besorgnis über die „Bedrohung der europäischen 
Zivilisation durch den Bolschewismus" und seine „Verwunderung über die 
bedauerliche Freundschaft zwischen den angelsächsischen Mächten und 
Rußland" zum Ausdruck. 

Im weiteren Verlauf ihrer Bemühungen versicherte die Sowjetregierung 
wiederholt, daß die katholische Kirche in der Sowjetunion großes Entgegen- 
kommen finden werde, und schlug dem Vatikan sogar ein enges Zusammen- 
gehen zur besseren Lösung der gemeinsamen Probleme vor, die aus der Tat- 
sache erwüchsen, daß viele Millionen Katholiken in Gebieten lebten, die 



329 



von der sowjetischen Armee besetzt seien oder in Kürze von ihr besetzt 
würden. 

Einige Kardinäle im Vatikan, die sich erinnerten, daß es seit mehr als 
zwanzig Jahren unter dem Namen „Pro -Rußland" eine Organisation gab, 
die ausdrücklich zu dem Zweck gegründet worden war, dieses Land zum 
Katholizismus zu bekehren, sprachen sich für die Aufnahme von Verhand- 
lungen aus. Dasselbe taten die Leiter dieser Organisation in der Hoffnung, 
schließlich doch noch zum Zuge zu kommen. Aber der Papst lehnte dieses 
Angebot unter dem Vorwand ab, die Verfolgungen der Polen durch Rußland 
zwängen ihn dazu. 

Was für „Verfolgungen" waren das? Die Sowjetunion hatte eine An- 
zahl Polen hinter Gitter gesetzt, die nach der Befreiung ihre Waffen 
gegen die Sowjetregierung gerichtet hatten. In dem von der Sowjetarmee 
besetzten Polen war sogar eine illegale polnische Armee gebildet worden, die 
gegen die Sowjetarmee kämpfte. Ihre weiter gehenden Pläne sahen die 
Schaffung eines „antisowjetischen Blocks" vor, dem Großbritannien und 
selbst Deutschland angehören sollten. Diese Tatsache wurde durch eine 
Gerichtsverhandlung bestätigt, die im Juni 1945 in Moskau stattfand. 
Angeklagt waren sechszehn Polen, angeführt von dem General Okulicki, 
dem früheren Chef der von der polnischen Exilregierung während der Nazi- 
besetzung in Polen gebildeten sogenannten Nationalarmee. Die Angeklagten 
gestanden, daß sie „vom Zeitpunkt des Warschauer Aufstandes an die Bil- 
dung eines antisowjetischen Blocks" geplant hätten. 

„Unsere Meinung war", erklärte Okulicki, „daß ein sowjetischer Sieg 
über Deutschland nicht nur die Interessen Großbritanniens in Europa be- 
drohen, sondern ganz Europa in Furcht versetzen würde. Großbritannien 
würde in Anbetracht seiner kontinentalen Interessen gezwungen sein, die 
europäischen Mächte gegen die Sowjetunion zu mobilisieren. Uns war klar, 
daß wir in der vordersten Front dieses antisowjetischen Blocks zu finden sein 
müßten und daß es unmöglich sei, diesen von Großbritannien zu kontrol- 
lierenden Block ohne die Teilnahme Deutschlands zu bilden." Wieweit der 
Vatikan über dieses Komplott unterrichtet war, das zu einem Zeitpunkt aus- 
geheckt wurde, als die sowjetischen Armeen, die polnischen Katholiken von 
der Schreckensherrschaft des Faschismus befreiten, ist schwer festzustellen. 
Aber die Tatsache dieses Komplotts war so oder so von großer Wichtigkeit. 
Sie warf Licht auf eine Politik, die große Ähnlichkeit mit der Politik der 
katholischen polnischen Reaktion zwischen den beiden Weltkriegen hatte: 
Feindschaft gegen den großen östlichen Nachbarn um jeden Preis. 

In den Jahren nach dem ersten Weltkrieg hatte sich der Vatikan nicht 
geweigert, mit Moskau zu verhandeln, ja er war sogar in einigen Punkten zu 
einem effektiven Übereinkommen mit der Sowjetregierung gelangt. Warum 



330 



weigerte er sich jetzt so hartnäckig, die sowjetischen Verhandlungsangebote 
anzunehmen? Gab es andere Faktoren, die vielleicht schwerer wiegende 
Hinderungsgründe waren als die kommunistische Ideologie und Praxis und 
den Vatikan bisher abgehalten hatten, mit Stalin eine zufriedenstellende 
Übereinkunft zu treffen? 

Ja, es gab einen solchen Faktor: die wiederstandene, kämpferische ortho- 
doxe Kirche. 

Der Vatikan hatte die Wiedergeburt der orthodoxen Kirche in Rußland 
aufmerksam verfolgt. Von den ersten Tagen der russischen Revolution an 
hatte er gefürchtet, daß eine Wiedergeburt der orthodoxen Kirche seine 
Rußlandpläne zunichte machen könnte. Deshalb registrierte er auch voll 
Besorgnis die Tatsache, daß die Sowjetregierung im ganzen Lande die Frei- 
heit des Gottesdienstes gewährte. Er erkannte, daß diese Freiheit die Wieder- 
geburt seines alten Gegners, der orthodoxen Kirche, zur Folge haben 
würde. 

Ein Dekret der Sowjetregierung vom 25. Januar 1918 gewährte allen 
Bürgern Sowjetrußlands die Freiheit des Gewissens, des Gottesdienstes und 
der antireligiösen Propaganda. Durch das gleiche Dekret wurde die Tren- 
nung von Kirche und Staat vollzogen. Alle religiösen Organisationen wur- 
den privaten Vereinigungen gleichgestellt. Dem einzelnen Bürger war es 
überlassen, sich zu einer Religion zu bekennen oder nicht. Das wurde so 
gründlich praktiziert, daß in allen Personalunterlagen die Fragen nach der 
Religionszugehörigkeit gestrichen wurden. 

Der Artikel 124 der sowjetischen Verfassung lautet: „Zum Zwecke der 
Gewährleistung der Gewissensfreiheit für die Bürger sind in der UdSSR die 
Kirche vom Staat und die Schule von der Kirche getrennt. Die Freiheit der 
Ausübung religiöser Kulthandlungen und die Freiheit antireligiöser Pro- 
paganda wird allen Bürgern zuerkannt." 

Jedem Bürger der Sowjetunion war also freigestellt, seine Religion zu 
wählen, sich zu der Religion zu bekennen, die ihm zusagte, und sich oben- 
drein seiner Rechte als Staatsbürger völlig unabhängig von seinem religiösen 
Bekenntnis zu erfreuen. 

In der Sowjetunion brauchte niemand, wenn er sich um eine Arbeitsstelle 
oder um die Mitgliedschaft in einer öffentlichen Organisation oder Ver- 
einigung bewarb, sein Glaubensbekenntnis anzugeben. Zwischen Gläubigen 
und Ungläubigen wurde kein Unterschied gemacht. Die Toleranz ging so 
weit, daß die Regierungsstellen Papier für den Druck religiöser Literatur 
freigaben. 

In den ersten Jahren nach der Revolution wirkte die Mehrheit der ortho- 
doxen Geistlichen im Sinne der Restauration des zaristischen Regimes. In- 
folgedessen kam es zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen ihnen und 



331 



den atheistischen Kräften, die in der orthodoxen Kirche ein Instrument des 
Obskurantismus sahen. Aber nach einer gewissen Zeit stellten sich immer 
mehr Geistliche und Gläubige hinter die Sowjetmacht, und so kehrte die 
orthodoxe Kirche auf neuer Grundlage Schritt für Schritt in das Leben der 
Sowjetunion zurück. 

Dem Vatikan sagte dies gar nicht zu, da er trotz aller Enttäuschungen 
noch immer hoffte, eines Tages „Rußland zum Katholizismus zu be- 
kehren". Er spürte bald, daß mit dieser Wandlung seines alten Rivalen, 
der orthodoxen Kirche, die Verwirklichung seiner Pläne immer aussichts- 
loser wurde. 

Als der Vatikan in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg alle seine 
Hoffnungen auf ein Abkommen mit dem Kreml fahrenlassen mußte, begann 
er in Europa die antikommunistischen Bewegungen, wie zum Beispiel den 
italienischen Faschismus, zu unterstützen. Die weltweite Kampagne, die er 
in dieser Politik entfesselte, richtete sich nach außen zwar lediglich gegen 
das kommunistische Rußland, in Wahrheit jedoch ebenso gegen die Wieder- 
geburt der orthodoxen Kirche, seinen jahrhundertealten Feind. 

Der Vatikan mobilisierte die katholischen Kräfte in der ganzen Welt 
gegen Sowjetrußland zu einer Zeit, als dieses Land seinen Bürgern die 
religiöse Freiheit und Gleichheit gewährte. Während in der Sowjetunion 
religiöse Freiheit und Gleichheit Einzug hielten, predigte der Vatikan der 
ganzen Welt, die Sowjetunion müsse vernichtet werden, weil dort „die 
Religion verfolgt wird". 

Im Jahre 1936 verkündete die Sowjetunion ihre neue Verfassung, in der 
wieder die religiöse Freiheit zugesichert war. Das hinderte den Vatikan 
nicht, die Welt unter dem Vorwand, die Sowjetunion verfolge die Religion, 
zu einem Kreuzzug gegen den Kommunismus und gegen die Sowjetunion 
aufzurufen. 

Dies geschah, obwohl Artikel 130 der neuen sowjetischen Verfassung alle 
Staatsbürger verpflichtete, die Gesetze zu beachten und die Regeln des 
sozialistischen Zusammenlebens zu respektieren. Diese Regeln aber unter- 
sagten jede Einschränkung der staatsbürgerlichen Rechte, jede Form der 
Verfolgung aus religiösen Gründen und jede Beleidigung religiöser Ge- 
fühle. 

Im sowjetischen Alltag spiegelte sich die religiöse Freiheit in zahl- 
reichen Gottesdiensten, in der Veröffentlichung religiöser Zeitschriften und 
anderer religiöser Literatur, in der Arbeit der Priesterseminare und in 
anderen Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens wider. 

Als der Vatikan Europa in einen großen faschistischen Block verwandelte 
und die Hoffnung hegte, mit Hilfe des Faschismus den ganzen Kontinent 
zu regieren und sein Gesicht zu bestimmen, gab er vor, seine Feindschaft 



332 



gegen die Sowjetunion beruhe allein auf ihren politischen Lehren. Aber das 
war nur die halbe Wahrheit. Der Vatikan wußte, daß gerade infolge der 
von der Sowjetregierung gewährten Glaubensfreiheit die orthodoxe Kirche 
zu neuem Leben erwacht war. Er beschuldigte sogar die orthodoxe Kirche, 
sie habe sich mit der weltlichen Macht der Sowjets verbunden, um ihren 
religiösen Einfluß auszuweiten. Gleichzeitig beschuldigte er die Sowjet- 
regierung, sie habe die orthodoxe Kirche wiedererstehen lassen, um sie als 
Instrument für die Erreichung ihrer politischen Ziele zu mißbrauchen. 

Dem Vatikan kam es also nicht nur auf die Vernichtung des Bolschewis- 
mus an, für ihn war die Zerschlagung der wiedererstandenen orthodoxen 
Kirche ebenso wichtig. Deshalb sah der Handel zwischen Hitler und dem 
Vatikan, von dem wir bereits sprachen, unter anderem vor, in den von 
den Nazis besetzten sowjetischen Gebieten die orthodoxe Kirche durch die 
römisch-katholische Kirche zu ersetzen. Hitler hatte lediglich den Vor- 
behalt gemacht, daß die Bekehrung nur durch deutsche katholische Geistliche 
geschehen dürfe. 

Während die Verhandlungen mit Hitler liefen, verstärkte der Vatikan 
seine antisowjetische Propaganda und reorganisierte die „Pro -Rußland" - 
Organisation. Sie erhielt große Geldmittel, zahlreiche Missionspriester und 
Propagandaeinrichtungen. Alle Angehörigen der Organisation wurden auf- 
gefordert, „sich für das große Missionswerk der Erlösung Rußlands bereit 
zu halten". 

Der Vatikan wartete fieberhaft auf den Tag, an dem die Tore der Sowjet- 
union sich ihm öffnen sollten. Um den Sieg der Naziarmeen zu sichern, 
instruierte er alle katholisch -faschistischen Regierungen - die hierzu aller- 
dings keiner Ermunterung bedurften Nazideutschland bei der Nieder- 
werfung des „bolschewistischen Ungeheuers" aktiv zu unterstützen. Der 
Vatikan vermied zwar, offiziell eine Kampagne gegen die Sowjetunion zu 
führen, da er die Reaktion der Katholiken in den Ländern der Alliierten 
fürchtete; aber inoffiziell setzte er alles daran, Hitler jede nur denkbare 
Hilfe zu gewähren. 

Auf Veranlassung des Vatikans bildeten zahlreiche katholisch -faschi- 
stische Länder oder Parteien antikommunistische Legionen für den Kampf 
an der Ostfront. An erster Stelle wäre hier die sogenannte Blaue Division 
Francospaniens zu nennen. Aber auch das katholische Portugal, die katho- 
lischen belgischen Rexisten, die katholischen französischen Faschisten, die 
niederländischen Quislinge usw. entsandten Kontingente oder Gruppen von 
Freiwilligen. 

In dieser Zeit versuchte die Sowjetregierung wiederholt, mit dem Vatikan 
über die Katholiken zu verhandeln, die 1939 infolge der Rückkehr eines 
Teiles der Ukraine und Weißrußlands zur Sowjetunion sowjetische Bürger 



333 



geworden waren. Aber die abweisende Haltung des Vatikans ließ alle 
Bemühungen der Sowjetunion scheitern. 

Als Begründung seiner Weigerung erklärte der Vatikan, daß „der 
erneute Einfluß der orthodoxen Kirche neue Hindernisse in Polen auf- 
türmt, da die orthodoxe Kirche die katholische Kirche in diesem Land ver- 
folgt" (Kardinal Hlond im März 1941). Der Kardinalstaatssekretär erklärte 
zur gleichen Zeit: „Obwohl sich der Heilige Stuhl um das geistige und 
materielle Wohl der Katholiken in Polen große Sorgen macht, sieht er sich 
doch nicht imstande, mit Sowjetrußland zu einem Übereinkommen zu ge- 
langen; schuld daran ist die Wiedergeburt der orthodoxen Kirche. Diese 
Kirche hat nie aufgehört, sich gegen die katholische Kirche feindlich zu 
verhalten." 

Was veranlaß te den Vatikan, so plump über die orthodoxe Kirche herzu- 
ziehen? Er war vor allem darüber erbost, daß die orthodoxe Kirche ihre 
Gläubigen zum Kampf gegen alle Formen des Faschismus aufrief. Vor dem 
Krieg hielt sich die orthodoxe Kirche, obwohl sie völlige religiöse Freiheit 
genoß, im Hintergrund. Erst mit dem Herannahen der Kriegsgefahr trat sie 
stärker hervor. Nach dem Überfall Hitlers spielte sie eine aktive Rolle bei der 
Formierung einer einheitlichen Front gegen die deutschen faschistischen 
Eindringlinge. 

So gelangte die orthodoxe Kirche wieder zu größerem Ansehen in der 
Sowjetunion und entwickelte sich rasch zu einer positiven Kraft in religiöser 
und mittelbar auch in politischer Hinsicht. Als die orthodoxe Kirche das 
sowjetische Volk zum Kampf gegen die faschistischen Feinde aufrief - 
zu denen nicht nur Hitler, sondern auch seine Verbündeten, die anti- 
kommunistischen Legionen Spaniens, Portugals, Italiens, Frankreichs und 
anderer Länder gehörten betonte sie nachdrücklich, daß es sich bei 
den Legionen um katholische Legionen handele, die sich der Unterstützung 
des Vatikans erfreuten. Ihr Anliegen war also nicht nur patriotischer, son- 
dern auch kirchlicher Art; sie rief ihre Gläubigen nicht nur auf, das sowje- 
tische Vaterland zu verteidigen, sondern auch ihre religiösen Feinde, d. h. 
diejenigen Katholiken, die sich gegen die Sowjetunion verschworen hatten, 
zu vernichten. Die Stimme der orthodoxen Kirche wurde nicht nur in der 
Sowjetunion gehört, sondern auch im Ausland. Niemand hörte sie lauter als 
der Vatikan. 

Die orthodoxe Kirche entwickelte sich unter der Sowjetmacht zu einer 
mächtigen religiösen Institution, die eng mit der Regierung zusammen- 
arbeitete. Sie fand noch höhere offizielle Anerkennung, als eine Versamm- 
lung der Bischöfe der orthodoxen Kirche im September 1 943 einen Patriarchen 
von Moskau und der Sowjetunion wählte und eine Heilige Synode berief. 
Die Sowjetregierung setzte daraufhin im Oktober 1943 einen „Rat für 



334 



Angelegenheiten der russisch -orthodoxen Kirche" mit der Aufgabe ein, in 
Kirchenfragen als Verbindungsglied zwischen der Regierung und dem 
Patriarchen von Moskau und ganz Rußland tätig zu sein. Den Mitgliedern 
und Beauftragten dieses Rates oblag es, in allen Republiken, autonomen 
Gebieten und Bezirken als Verbindungsstellen zwischen den Örtlichen Be- 
hörden und den religiösen Körperschaften zu wirken. 

Die religiöse und die politische Bedeutung dieser Maßnahmen entging 
dem Vatikan nicht. Auch Hitler nahm von ihr Notiz und forderte alle hohen 
Prälaten, die dem Sowjetregime feindlich gesinnt waren, auf, die Moskauer 
Patriarchen wähl für ungültig zu erklären. 

Dreißig bis fünfzig Prälaten — die meisten aus den von den Nazis be- 
setzten Gebieten Europas — versammelten sich, angeführt von dem Metro- 
politen von Großdeutschland, Dr. Serafin Lade, der von Anfang an Hitler 
gedient hatte, in Wien, um über die Patriarchenwahl in Moskau zu dis- 
kutieren. Sie erklärten die Wahl und die von der Moskauer Synode ausge- 
sprochene Exkommunikation aller orthodoxen Priester, die sich feindlich 
gegen das Sowjetland verhielten, für ungültig. Gleichzeitig verkündeten sie, 
daß der Bolschewismus mit dem Christentum nicht zu vereinen sei. 

Im Jahre 1944 berief die Sowjetregierung einen weiteren Rat, dessen 
Aufgabe es war, sich mit den Angelegenheiten der anderen Religionsgemein- 
schaften in der Sowjetunion - den griechisch-katholischen Christen, den 
Mohammedanern, den Juden, den evangelischen und auch den römisch- 
katholischen Christen — zu befassen. 

Die neue russisch- orthodoxe Kirche errang unter den anderen religiösen 
Vereinigungen allmählich eine Vorrangstellung in allen Fragen von natio- 
naler Bedeutung. Viele orthodoxe Geistliche erhielten staatliche Aus- 
zeichnungen. Die Kirche veranstaltete große politisch -religiöse Zeremonien, 
öffentliche Gebete für den Schutz der Sowjetunion und für die Vernichtung 
der Feinde Rußlands. „Die russische Geistlichkeit wird nicht aufhören, für 
den Sieg der russischen Waffen zu beten", hieß es. Die Kirche versprach dem 
„sowjetischen Vaterland" die Unterstützung der Geistlichkeit. „Die russische 
Kirche wird mit all ihrer Kraft ihrem geliebten Vaterland in den schweren 
Tagen des Krieges ebenso dienen wie in den künftigen Tagen des Wohl- 
standes." 

Um die Zusammenarbeit mit der orthodoxen Kirche noch enger zu 
gestalten, berief die Sowjetregierung 1944 den Vorsitzenden des Rates 
für die Angelegenheiten der orthodoxen Kirche in den Rat der Volks- 
kommissare. 

Nach dem Kriege versicherte der Vorsitzende des Rates für die Angelegen- 
heiten der orthodoxen Kirche wiederholt, daß jeder, der den Wunsch habe, 
eine Kirche zu gründen oder in eine Kongregation einzutreten, die Erlaubnis 



335 



hierzu erhalten werde. Neue Kirchen dürften eröffnet werden, sobald eine 
Gemeinde von mindestens 20 Gläubigen vorhanden sei. (1946 lebten in 
Moskau 20 000 und in Leningrad 30 000 russische Katholiken.) 

Der orthodoxe Erzbischof Sergei erklärte im August 1946 in einer Rede 
unter anderem: 

„Jeder, der in Rußland Priester werden möchte, kann es werden. Niemand mischt 
sich da hinein . . . die Kommunistische Partei ist uns gegenüber sehr hilfsbereit/* 

Obwohl oder vielleicht weil das Prinzip der völligen Trennung von Staat 
und Kirche konsequent verwirklicht und eingehalten wurde, konnte sich die 
orthodoxe Kirche als wahrhaft religiöse Institution entwickeln. Der Metro- 
polit von Leningrad erklärte 1944 in einer Botschaft an die Gläubigen: 
„Unsere orthodoxe Kirche hat immer das Schicksal des Volkes geteilt. Sie 
hat mit ihm alle Prüfungen getragen und sich seiner Erfolge gefreut. Auch 
heute wird sie ihr Volk nicht im Stich lassen." Als Nazideutschland schließ- 
lich besiegt war, erklärte derselbe geistliche Würdenträger: „Die orthodoxe 
Kirche hat nicht vergebens gebetet; Gottes Segen verlieh den russischen 
Waffen siegreiche Kraft." 

Die immer engere Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat erreichte 
einen Höhepunkt in dem großen Kongreß der russisch -orthodoxen Kirche, 
der Ende 1944 in Moskau stattfand. 

Der Kongreß war deshalb von größter Bedeutung, weil sich die ortho- 
doxe Kirche zu dem Zweck versammelt hatte, eine Einladung an alle an- 
deren Ostkirchen christlichen Ursprungs zu richten, mit ihr eine Union zu 
bilden. 

Ein solcher religiöser Bund konnte sich weit über die Sowjetunion hinaus 
erstrecken und die orthodoxen Kirchen in Griechenland, im Nahen Osten, 
in Afrika und anderswo einschließen. 

An dem Kongreß nahmen 39 Bischöfe teil. Sie schickten Einladungen zur 
Bildung einer großen religiösen Union an den Ökumenischen Patriarchen 
und Erzbischof von Konstantinopel, an Alexander III., den Patriarchen von 
Antiochien und dem ganzen Osten, an Ghristophoros, den Patriarchen von 
Alexandria, an Timotheus, den Patriarchen von Jerusalem, und an Kalli- 
stratus, den Katholikos von Georgien. 

Hinter der erneuerten Kraft der wiedererstandenen Moskauer Synode 
wurde das Bestreben sichtbar, ihre traditionelle Rolle als Beschützerin 
der orthodoxen Christenheit im Nahen Osten und in Osteuropa wieder- 
herzustellen. 

Bereits im darauffolgenden Jahre (1945) wies diese Politik die ersten 
Erfolge auf. Eine Delegation des ruthenischen Klerus übergab in Moskau 



336 



einen Brief des Erzbischofs von Chust, in dem dieser bat, sich der Obhut des 
Moskauer Patriarchen anvertrauen zu dürfen. Die ruthenische Kirche hatte 
bisher dem serbischen Patriarchat unterstanden. Dieses erklärte sich mit 
dem Übergang der ruthenischen Kirche zum Moskauer Patriarchat einver- 
standen und unterstellte sich selbst ebenfalls dem Moskauer Patriarchen. 
Die polnisch -orthodoxe Kirche äußerte denselben Wunsch und entsandte den 
polnisch -orthodoxen Metropoliten von Lwow nach Moskau. Dies war durch- 
aus nicht selbstverständlich, denn die polnisch -orthodoxe Kirche war bislang 
eine selbständige Körperschaft mit einem eigenen Patriarchen gewesen. 
Auch das ökumenische Patriarchat von Konstantinopel entsandte eine Dele- 
gation nach Moskau. Man einigte sich, den Moskauer Patriarchen als Ober- 
haupt der religiösen Union anzuerkennen. 

Nach dem Kriege unterstellten sich weitere bis dahin autonome Kirchen 
der russisch -orthodoxen Kirche. Das Konzil der Unierten Kirche mit ruthe- 
nischem Ritus erklärte in einer Botschaft an Stalin seine Entschlossenheit, 
mit dem Heiligen Stuhl zu brechen (Meldung von Radio Moskau am 8. März 
1946). Der Vatikan beschuldigte daraufhin Moskau in einer Stellungnahme 
der Heiligen Kongregation der Ostkirchen vom 18. März 1946, daß es die 
Kirchen zwinge, sich mit der orthodoxen Kirche zu vereinen. (Die Ver- 
bindung zwischen der ruthenischen Kirche und Rom bestand seit dem Jahre 
1596.) Die Moskauer Heilige Synode entsandte als Antwort auf diese Be- 
schuldigung im Juni 1946 zwei orthodoxe Bischöfe, Makarius und Nikolas, 
in die westliche Ukraine. 

Später beschäftigte sich die orthodoxe Kirche vor allem damit, Verbindung 
mit anderen religiösen Körperschaften, namentlich mit den großen pro- 
testantischen Kirchen, aufzunehmen. So wurden zum Beispiel zahlreiche eng- 
lische protestantische Geistliche nach Moskau eingeladen, und die Führer 
der orthodoxen Kirche statteten 1 945 der protestantischen Kirche Englands 
einen Besuch ab. Der Patriarch von Moskau unternahm eine ausgedehnte 
Reise durch den Nahen und Mittleren Osten, um die christlichen Gemeinden 
kennenzulernen. Im Juni 1945 erklärte er in Kairo: 

„Mein Besuch dient dem Zweck, die religiösen Bindungen zu erneuern, die seit je 
unter den orthodoxen Kirchen bestanden." 

Wenige Monate zuvor, im Februar 1945, hatte in Moskau die russisch - 
orthodoxe Kirchenversammlung unter der Leitung des Metropoliten von 
Leningrad und Nowgorod getagt, um einen neuen Patriarchen zu wählen. 
45 Delegierte aus allen Gebieten der Sowjetunion waren anwesend. Zu 
ihnen gesellten sich Vertreter der orthodoxen Kirche aus der ganzen Welt, 
zum Beispiel Metropolit Benjamin von New York, Alexander III., Patriarch 



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337 



von Antiochien, Erzbischof Benjamin, Patriarch von Konstantinopel, 
Christ ophoros, Patriarch von Alexandria, und Timotheus, Patriarch von 
Jerusalem. Der Vatikan beobachtete den immer stärkeren Einfluß der 
wiedererstandenen orthodoxen Kirche mit großem Mißfallen. Die Ver- 
einigten Staaten und Großbritannien teilten mehr oder minder die Befürch- 
tungen des Vatikans. Sie sahen in der Aktivität der orthodoxen Kirche nicht 
nur ein Zeichen der religiösen Wiederbelebung, sondern befürchteten, daß 
sie den politischen Zielen der Sowjetunion in Osteuropa und in anderen 
Teilen der Welt, namentlich im Nahen Osten, dienlich sein könnte. So liefen 
wieder einmal die Interessen des Vatikans, der Vereinigten Staaten und 
Großbritanniens parallel, wenn sie auch, geleitet von der gleichen Furcht, 
die Angelegenheit von verschiedenen Standpunkten aus betrachteten. 

Die Vereinigten Staaten und Großbritannien teilten ihre Besorgnisse der 
sowjetischen Regierung mit. Sie erklärten, die wachsende Aktivität der 
orthodoxen Kirche stelle für sie ein Ärgernis dar, das die harmonischen Be- 
ziehungen der Alliierten untereinander trübe und ihre für die bevorstehende 
Nachkriegszeit so notwendige Zusammenarbeit gefährde. Roosevelt versuchte 
von neuem, zwischen der sowjetischen Regierung und dem Vatikan zu ver- 
mitteln, um zumindest einen Modus vivendi zwischen ihnen zu erreichen. 
Die Sowjetregierung nahm die Vermittlung an. Als sich der Vatikan aber- 
mals weigerte, mit der Sowjetunion zu verhandeln, setzte die Sowjet- 
regierung, unterstützt von den USA, einen „inoffiziellen Beauftragten" ein, 
der die Annäherung erleichtern sollte. Sie lud hierzu einen amerikanischen 
Geistlichen polnischer Herkunft, Reverend Orlemansky, nach Moskau 
ein. 

Nach langen Besprechungen mit Stalin wurde Orlemansky - von der 
Sowjetregierung gebeten, liberale Grundlagen für Verhandlungen mit der 
katholischen Kirche auszuarbeiten. Er erhielt die Zusicherung, daß die 
Sowjetunion bereit sei, mit dem Vatikan über die Beilegung der religiösen 
Streitigkeiten, über die Frage der religiösen Freiheit und über den Status der 
katholischen Kirche in den von den sowjetischen Truppen besetzten Terri- 
torien zu verhandeln. 

Orlemansky kehrte mit diesen Vorschlägen nach Amerika zurück und 
übermittelte sie dem State Department. Präsident Roosevelt bat den Papst, 
diesem Angebot zuzustimmen. In katholischen Kreisen wurden Hoffnungen 
laut, daß es vielleicht doch noch zu einer Einigung komme. Einige katho- 
lische Zeitungen schrieben trotz ihrer notorischen antisowjetischen Ein- 
stellung, daß es für den Vatikan und die Sowjetregierung, ungeachtet aller 
Gegensätze, Möglichkeiten der Zusammenarbeit gebe, ohne daß einer der 
beiden Partner dadurch seine eigenen Interessen gefährde. So schrieb 
Universe am 18. August 1944: 



338 



„Man kann als sicher annehmen, daß der Heilige Stuhl, wo immer eine katholische 
Gemeinde in einem beliebigen Land existiert, die Herstellung entsprechender Bezie- 
hungen anstrebt und sich bemüht, Vereinbarungen zu treffen, die die Wahrung der 
religiösen und materiellen Interessen der Gläubigen garantieren. Dies geschieht gewöhn- 
lich unabhängig von dem Charakter des dort herrschenden Regimes und verpflichtet den 
Heiligen Vater nicht, das betreffende Regime anzuerkennen." Und an anderer Stelle: 
„Wir haben deshalb immer betont, daß die unabänderliche Verurteilung des atheistischen 
Kommunismus Rom keineswegs zwingt, katholische Gläubige im Stich zu lassen, die 
schutzlos der Sowjetunion einverleibt wurden." 

Aber der Papst weigerte sich von neuem. Er wies alle Angebote zurück 
und enthob Reverend Orlemansky aller priesterlichen Ämter — eine Maß- 
nahme, die sowohl von der katholischen Welt als auch von Washington nur 
als ein „Schlag gegen Stalins Friedensangebote" ausgelegt werden konnte. 

Mit dem weiteren Vormarsch der sowjetischen Armeen wurde das Problem 
einer Einigung zwischen Moskau und dem Vatikan immer aktueller. 
Präsident Roosevelt unternahm daher einen neuen Versuch, den Vatikan zu 
einer Änderung seiner Haltung zu bewegen. Im März 1945, knapp zwei 
Monate vor dem endgültigen Zusammenbruch Hitlerdeutschlands, entsandte 
er seinen persönlichen Botschafter Flynn über Moskau nach Rom. Mr. Flynn 
brachte aus Moskau ein erneutes Friedensangebot Stalins mit, stieß aber 
beim Vatikan wieder auf Ablehnung 

Für die Sowjetregierung gab es jetzt keinen Zweifel mehr, daß der Vatikan 
von grenzenloser Feindschaft gegen die Sowjetunion erfüllt war. Da die 
katholische Kirche zur gleichen Zeit das Wiedererstehen halbfaschistischer 
Bewegungen, zum Beispiel in Italien, förderte, um sich für die Kämpfe der 
Nachkriegszeit zu wappnen, gab ihr die Sowjetregierung deutlich zu ver- 
stehen, daß sie die antirömischen Pläne der orthodoxen Kirche billige. Kirche 
und Staat nahmen gemeinsam den Kampf gegen die reaktionären Machen- 
schaften ihrer politischen, religiösen und geistlichen Feinde auf. 

Diese Politik trat noch deutlicher in Erscheinung, als die orthodoxe Kirche 
in der Zeit nach 1944 begann, dem Vatikan seine Feindschaft gegen die 
Sowjetunion und gegen die orthodoxe Kirche vorzuhalten. Diese Angriffe 
zeigten, daß sich die orthodoxe Kirche stark und innerlich gefestigt fühlte. 
Sie fielen auch zeitlich oft mit den Vorwürfen zusammen, die Partei und 
Regierung der Sowjetunion in ihren offiziellen Organen Prawda und 
Iswestija gegen den Vatikan wegen seiner faschistischen und antisowjetischen 
Politik erhoben. 

So veröffentlichte der Patriarch der russisch -orthodoxen Kirche im Januar 
und Februar 1944 anläßlich eines Besuches hoher geistlicher Würdenträger 
eine Erklärung, in der er den Vatikan beschuldigte, Nazideutschland fort- 
während unterstützt zu haben. In der Erklärung, die sich nicht nur an die 



339 



Völker der Sowjetunion, sondern an „alle Menschen der Welt" richtete, 
hieß es: 

„Angesichts der gegenwärtigen internationalen Situation erheben wir unsere Stimme 
gegen alle, namentlich gegen den Vatikan, die sich bemühen, Hitlerdeutschland von der 
Verantwortung für seine Verbrechen freizusprechen und für die Hitlerleute um Gnade 
tu flehen . . . Die Betreffenden möchten dadurch die faschistische, menschenverachtende, 
antichristliche Lehre und ihre Propagandisten in die Nachkriegszeit hinüberretten" 
(veröffentlicht in sowjetischen Zeitungen in der ersten Februarwoche 1944). 

Diese Vorwürfe der orthodoxen Kirche wurden kurz darauf auch von den 
Iswestija erhoben: 

„Der Vatikan war stets ein verläßlicher Helfer des Faschismus. Die unrühmliche Rolle, 
die er bei Hitlers und Mussolinis spanischem Abenteuer spielte, ist hinlänglich bekannt. 
Die Welt hat auch noch nicht vergessen, daß er sich still verhielt, als Italien im Juni 
1940 Frankreich angriff. Franco ist der Liebling des Vatikans, und der Vatikan träumt 
von einem Nachkriegseuropa, das nach dem Vorbild des klerikalen Francoregimes ein- 
gerichtet ist." 

Wenige Monate später fuhr die orthodoxe Kirche schweres Geschütz gegen 
den Vatikan auf. 

Das Oberhaupt der orthodoxen Kirche, Patriarch Sergei, bestritt in einer 
im Moscow Bulletin vom April 1944 veröffentlichten Erklärung die Autori- 
tät des Papstes in religiösen Fragen und behauptete, der Papst habe kein 
Recht, sich als Nachfolger Christi auszugeben. Diese Erklärung bewies 
politischen Instinkt und zeigte, daß die orthodoxe Kirche unter Führung 
ihrer wiedererstandenen Heiligen Synode sowohl den Traditionen der 
Orthodoxie die Treue hielt als auch eng mit der Sowjetregierung zu- 
sammenarbeitete. Dem Angriff gegen eines der fundamentalen Dogmen der 
katholischen Kirche folgte ein politischer Angriff gegen den Vatikan. Der 
Patriarch schrieb in den Iswestija unter der Überschrift: „Gibt es in der 
Kirche einen Stellvertreter Christi?": 

„In patriarchalischer Sicht bedeutet das Mysterium der Einheit zwischen Christus und 
seiner Kirche, daß die Existenz eines diese beiden Teile verbindenden Stellvertreters 
Christi auf Erden nicht angenommen werden kann . . . Das Evangelium lehrt uns, daß 
unser Herr Jesus, als sein Körper die Welt verließ, nich' daran dachte, die Sorge für 
seine Kirche irgendeinem anderen zu übertragen , Er beauftragte die AposteJ und 
ihre Nachfolger, die rechtgläubigen Bischöfe, das Evangelium zu predigen und die 
Gläubigen zu leiten . . 

Dieser Angriff wurde im Vatikan mit Besorgnis zur Kenntnis genommen. 
Ähnliches geschah in London und in Washington, wo man sich der poli- 
tischen Bedeutung dieser Aktion sehr wohl bewußt war. Die katholische 
Presse in der ganzen Welt, auch die britische und die amerikanische, erhob 
Protest. Sie sah hinter der Erklärung lediglich das „bolschewistische Schreck- 
gespenst". Noch alarmierender wurde die Angelegenheit in den Augen des 



340 



Vatikans, als sich die anglikanische Kirche der Erklärung der orthodoxen 
Heiligen Synode anschloß. Ein prominenter Würdenträger der angli- 
kanischen Kirche, der Erzbischof von York, brachte „seine Bewunderung für 
die Stellungnahme des Moskauer Patriarchen gegen den angeblichen Stell- 
vertreter Christi auf Erden zum Ausdruck" und fügte hinzu: „Die russische 
Kirche hat ebenso wie die anglikanische Kirche die Auf f assung der römischen 
Kirche über die Stellung des Papstes zurückgewiesen." Die anglikanische 
Zustimmung wurde auch in den Vereinigten Staaten nicht überhört. 

In einer Antwort auf die bereits erwähnten Vorwürfe des Patriarchen, 
daß der Vatikan die faschistische Lehre und ihre Propagandisten in die 
Nachkriegszeit hinüberretten wolle, erklärte der Osservatore Romano: 

„Der Papst ist der universelle Vater. Er verkündete am 12. Juni 1939: Wir haben da9 
Kußland von gestern, von heute und von morgen vor Augen, jenes Rußland, für das wir 
niemals aufhören werden zu beten, das wir in unsere Gebete einschließen und an das 
wir unbeirrbar glauben." 

Gelegentlich einer Privataudienz nahm der Papst auf die Angriffe der 
Sowjetunion und der orthodoxen Kirche gegen den Vatikan Bezug und 
sagte: 

„Es gibt niemanden, der in dieser Angelegenheit nicht einen der unheilvollsten 
Schatten sieht, der in dein gegenwärtigen Konflikt um das künftige Schicksal der Zivili- 
sation heraufbeschworen wurde." 

Der amtierende Kardinalstaatssekretär erklärte am 28. April 1945 zu den 
Beziehungen zwischen dem Vatikan und der orthodoxen Kirche: 

„Wir müssen um Gottes Hilfe bitten in dieser sich überstürzenden Zeit. Ein Ereignis 
vor allem würde gesunde Hoffnungen für die Erzielung einer dauerhaften Losung der 
Schwierigkeiten, in denen sich die heutige Welt befindet, wecken: die Rückkehr Ruß- 
lands zum Glauben."* 

Wenige Wochen zuvor war Präsident Roosevelt gestorben. Eine der Folgen 
seines Todes war, daß auch die letzten noch bestehenden Verbindungen 
zwischen dem Papst und Stalin rasch zerrissen. 

Das polnische Problem wurde immer komplizierter. Die Sowjetregierung 
unterstützte die provisorische polnische Regierung in Lublin und nicht die 

* In den ersten Jahren nach dem zweiten Weltkrieg äußerte die Kirche offen, daß es 
ihr Ziel sei, Rußland zum Katholizismus zu bekehren. Die katholische Hierarchie ver- 
suchte der aufgeklarten Welt einzureden, daß die Gefahr eines neuen Krieges nur durch 
eine Bekehrung Rußlands gebannt werden könne: „Ein Mittel allein, so scheint es, kann 
uns vor dem Untergang bewahren und den Nationen einen dauerhaften Frieden schen- 
ken - die Bekehrung Rußlands zum Glauben" (Fastenbrief des Erzbischofs McDonald 
von Saint Andrew und Edinburgh, März 1946). 



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reaktionäre katholische Regierung in London, deren Tätigkeit — das stellte 
sich einige Monate nach Kriegsende heraus - vor allem darauf gerichtet war, 
alle politischen Kräfte in Polen zu bekämpfen, die sich für ein gutes Ein- 
vernehmen und die Herstellung freundschaftlicher Beziehungen mit der 
Sowjetunion einsetzten. 

Großbritannien und die Vereinigten Staaten erkannten nach einigem 
Zögern trotz der Proteste des Vatikans die neue polnische Regierung an und 
gaben damit das Exilkabinett in London preis. Dieses wandte sich darauf in 
aller Öffentlichkeit an den Papst und bat ihn um ein neues Asyl im fran- 
zösisch-katholischen Teil Kanadas oder im katholischen Irland, von wo aus 
die Wühlarbeit gegen Polen fortgesetzt werden sollte. 

Der Papst, seine Kardinäle und Bischöfe lamentierten laut über den neuen 
„Willkürakt" Moskaus und über die „neuerliche Ungerechtigkeit", mit der 
man nach ihrer Ansicht das „katholische Polen" behandelte. Die katholische 
Presse häufte monatelang Schmähungen auf Schmähungen gegen das Land, 
das so großen Anteil an der Niederwerfung des Nazismus und des Faschismus 
hatte. 

Nach dem Zusammenbruch Japans, als die erschöpften Völker begannen, 
sich ein neues, friedliches Leben einzurichten, wandten der Vatikan und seine 
Hierarchie ihre Aufmerksamkeit auf das politische Leben der Siegernationen 
und der besiegten Länder. Katholische Parteien stürmten in Italien, Frank- 
reich, Belgien, Österreich und in den westlichen Besatzungszonen Deutsch- 
lands von neuem in die politische Arena. Sie gebrauchten wieder dieselben 
abgenutzten antikommunistischen und antisowjetischen Schlagworte, mit 
denen Hitler und der Vatikan die Welt in den eben erst beendeten Krieg 
gestürzt hatte. Damit begann der Vatikan ein neues Kapitel jener alten 
Politik der Todfeindschaft gegen den Kommunismus und seine staatliche 
Verkörperung, die UdSSR. 

Wenn sich die Sowjetunion in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen 
schon den erbitterten Haß des Vatikans zuzog, weil sie die sozialistischen 
Lehren in die Tat umsetzte, wie groß muß dann erst der Haß des Vatikans 
in unseren Tagen sein, nachdem sich sein alter Rivale, die orthodoxe Kirche, 
zum Kampf an der Seite der Sowjetmacht entschlossen hat? Und wenn die 
katholische Kirche durch ihre unablässigen Anstrengungen in der Lage war, 
einen mächtigen sozialen und politischen Strom gegen das „rote" Rußland 
zu lenken, als es noch verhältnismäßig schwach und von der kapitalistischen 
Welt verachtet war und für sie lediglich die Verkörperung eines feindlichen 
Wirtschaftssystems darstellte, was wird sie dann erst gegen ein „rotes" Ruß- 
land in den Kampf zu werfen versuchen, das aus dem zweiten Weltkrieg als 
Sieger und als entschei